Geschichte Gotlands
 
Von Roger Öhrman, Visby.

Übersetzung von Daniel Höffker.
Der Übersetzer bedankt sich bei Karin Schaer, Kiel und Michael Engelbrecht,
Flensburg für Rat und Beistand.

 
 
Vorzeit
 
 
Gotland in vorgeschichtlicher Zeit
 
Das Inlandeis formt die Landschaft

Von einer sturmgepeitschten Klippe zu einer fruchtbaren Insel

Laßt uns diese Geschichte vor 10 000 Jahren beginnen. Niemand hatte je etwas von Gotland gehört, noch hatte es bisher jemand gesehen. Um die Wahrheit zu sagen, gab es auch nicht viel zu sehen. Einige kahle und sturmgepeitschte Inseln und Klippen, offensichtlich planlos im eiskalten Wasser der Ostsee verteilt, das war alles.
Zweihundert Kilometer nördlich von dieser kleinen Inselgruppe lag die Kante des schmelzenden Inlandeises. Im Laufe von über 100 000 Jahren hatte es große Teile der nördlichen Halbkugel mit seinen enormen Eismassen bedeckt, an einigen Stellen war es bis zu 3000 Meter dick. Es hatte die Erdoberfläche heruntergedrückt, große Stücke aus dem Berggestein gerissen und Steine zu Kies und Geröll gemahlen. Es hatte Berge und Hügel dem Erdboden gleich gemacht.
Seit einigen tausend Jahren war das Eis am Abschmelzen. Auch dieser Prozeß hatte Auswirkungen auf die Landschaft. Als die Erdoberfläche von dem Gewicht des Eises befreit wurde, hob sich das Land - anfangs sehr schnell. Im Lauf der Zeit bekamen die kleinen Inseln eine feste Verbindung miteinander, und eine Landmasse entstand, die immer mehr dem heutigen Gotland ähnelte. Tatsächlich hebt sich die Insel immer noch um einige Millimeter pro Jahr, also ist dieser Teil der Geschichte noch nicht abgeschlossen.
Als sich Gotland nun immer mehr über der Wasseroberfläche zeigte, waren auch andere Spuren von der Bewegung des Eises zu sehen. Weit im Norden wurden vor Zehntausenden von Jahren Kies, Steine und Steinblöcke vom Eis gepackt und nach Süden bewegt. Das war Granit aus Svealand, Porphyr aus Dalarna und Rapakivigranit aus Finnland. Als das Eis schmolz, blieben sie dort zurück, wo sie sich gerade befanden, auch auf Gotland. Die größten Gesteinsblöcke bekamen viel später Namen wie Digarstainen, Bastustainen, Gullstainen und Rumsgalten. Die Bevölkerung der Gegend begann, Geschichten und Märchen über sie zu erzählen, und sie behaupteten, daß die Erdwesen und Kobolde (auf Gotland werden diese Wesen als "di små under jårdi" - die kleinen Leute unter der Erde - bezeichnet) sie als Dach für ihre unterirdischen Höhlen benutzten.
Von der zermahlenden Kraft des Eises geformt, wurden große Mengen Granit über die ganze Insel verteilt, als ob ein Riese mit einem kaputten Sack voller Steine auf dem Rücken umhergewandert wäre. Generationen von Gotländern sammelten sie später zu Mauern und Grabhügeln zusammen und schufen damit einen Teil des Charakters der Landschaft Gotlands. Die Gletscherflüsse des Inlandeises hatten Sand und Kies mit sich geführt und weitgestreckte Felder wie Stangmalmen oder mächtige Höhenzüge wie Tingstädeåsen geformt.
An vielen Stellen schossen die Gletscherflüsse mit solcher Kraft entlang, daß sie Spalten in das feste Gestein gruben. So entstanden S:t Olofshamn auf Hejnum hällar und Spökdalen bei der Kirche von Stenkumla. An anderen Stellen hatten sich die besten Bestandteile von Lehm und Kalkschlamm zu dicken Sedimenten abgelagert. Heute gehören diese Ablagerungen - die gotländischen "pinnlairu" - zu den ertragreichsten Böden der Insel.

Die ersten Einwanderer

Das Inlandeis hatte eine Landschaft geformt. Trotz seiner Fähigkeit, nahezu alles Leben zu zerdrücken, hatte es auch dazu beigetragen, die Voraussetzungen für neues Leben zu schaffen. Nun mußte nur noch auf die ersten Gewächse, Tiere und Menschen gewartet werden.
Den Anfang machten Arten, die an arktische Verhältnisse angepaßt waren: Bergwindröschen, Berganemonen, Zwergweiden und Zwergbirken. Mit dem immer wärmer werdenden Klima nahmen allmählich auch Kräuter, Büsche und Bäume, die mehr Wärme benötigten, das noch unberührte Land in Besitz. Gleichzeitig mit den Pflanzen kamen die Tiere, die schwimmen oder fliegen konnten.
Der Mensch ließ sich Zeit, und es dauerte noch länger, bis die Wogen des Meeres, das wir als Ostsee kennen, an Gotlands Strände spülten. Da die Eiskante am Auslauf des Mälarsees lag, sammelte sich das Wasser des schmelzenden Eises zunächst in einem großen Binnensee, dem Baltischen Eissee. Südschweden hatte damals eine Landverbindung mit Dänemark, und vereinzelt traten einige mutige Rentierjäger in Schonen auf.
Vor etwa 10 000 Jahren brachen die Wassermassen des Eissees in das westliche Meer durch, Salzwasser strömte herein und verwandelte den Binnensee in einen Arm des Meeres, des Yoldiameeres. Etwa 1000 Jahre später trennte die kräftige Landerhöhung im Süden alle Verbindungen mit dem Meer. Das Wasser um Gotland wurde wieder süß und ein neuer Binnensee entstand, der Ancylussee.
Etwa 6000 v. Chr. hatte sich die Oberfläche des Weltmeeres auf Grund des Abschmelzens des Inlandeises so weit gehoben, daß der Abfluß des Ancylussees auf die gleiche Höhe wie die Meeresoberfläche kam. Durch den Öresund und die dänischen Meerengen strömte wieder Salzwasser in ein Binnenmeer, das Littorinameer. Das Klima wurde wärmer und jetzt, während des Übergangs von der Ancyluszeit in die Littorinazeit, kamen die ersten Menschen an die Strände Gotlands. Zu diesen mutigen Pionieren werden wir gleich zurückkommen.
Das sehr salzige Wasser des Littorinameeres wurde im Laufe der Zeit immer mehr zu Brackwasser und etwa während des Übergangs von der Steinzeit in die Bronzezeit wurde das letzte Kapitel in der Geschichte der Ostsee eingeleitet, das Zeitalter des Limneameers. Im Laufe einiger Jahrtausende verwandelte sich das Limneameer langsam zu dem Meer aus Brackwasser, das heute Gotland umgibt. In Schweden wird es Östersjön genannt, die Ostsee, die Esten sagen Läänemeri, Westliches Meer, die Engländer The Baltic und Mare Balticum ist der lateinische Ausdruck für dasselbe Wasser.
Alle Meere und Seen, die Gotland nach der Eiszeit umgaben, hinterließen tiefe Spuren in der Landschaft. Ihre Wellen warfen Sand und Kies zu mächtigen Strandwällen auf und formten die eigentümlichen Raukar, die der phantasievolle schwedische Naturkundler Carl von Linné mit Verwunderung betrachtete und mit "Statuen, Pferden und allerlei Geistern und Teufeln" verglich. In Klippen und Bergswänden gruben die Meereswellen Höhlen, die dann für Tausende von Jahren von den Menschen als Wohnstätten, Verstecke und Vorratskammern genutzt wurden.

Der Mann aus Stora Bjers

Unruhestifter oder Vorkämpfer?

Der Mann aus Stora Bjers bei Stenkyrka liegt in einer Vitrine in Gotlands Fornsal. Obwohl von ihm nur das Skelett erhalten ist, ist er eine interessante Figur. Er liegt auf der Seite mit den Beinen in Richtung Brust angewinkelt, genauso wie er vor etwa 8 000 Jahren begraben wurde. Zum Zeitpunkt seines Todes war er etwa 40 Jahre alt und die Todesursache war vielleicht ein Pfeilschuß im Bauchraum. Ein Teil der Pfeilspitze klemmt immer noch in Hüftknochen.
Zu Lebzeiten wurde er mehrmals mißhandelt. Ob er selbst die Schuld für die ihm angetane Gewalt trägt, oder ob er sich nur gegen feindlich gesinnte Nachbarn verteidigte, können wir natürlich nicht wissen. Einmal bekam er einen solchen Schlag gegen den Kopf, daß der Stirnknochen beschädigt wurde. Merkwürdigerweise muß er diesen Schlag überlebt haben, da die Verletzung schon zu heilen begonnen hatte. Einige Jahre später, wahrscheinlich kurz vor dem Pfeilschuß in den Bauch, wurde ihm der Kiefer von einem unbekannten Gegner gebrochen.
Als er begraben wurde, legte ihm jemand zwei Hirschgeweihe an seine Seite. Vielleicht war er zu seinen Lebzeiten der geschickteste Jäger des kleinen Stammes, vielleicht hatte er mit Hilfe der beiden Geweihe verschiedene Werkzeuge herstellen können. Oder gab es damals bereits Vorstellungen über ein Leben nach dem Tode, wo die Geweihe aufs Neue verwendet werden konnten?

Die ersten Gräber

Der Mann aus Bjers wurde vor etwa 8 000 Jahren in sein Grab gelegt. Die Forscher konnten keine Proben gewinnen, um das Alter seiner Knochen zu bestimmen, aber bei Kambs in Lummelunda haben die Archäologen ähnliche Skelette gefunden. An Hand moderner Methoden haben sie diese Funde auf ungefähr 6 000 v. Chr. datieren können, und sie sind der Ansicht, daß der Mann aus Stora Bjers genauso alt ist. Damit wären diese Gräber nicht nur die ältesten bekannten Gräber auf Gotland, sondern auch einige der ältesten in ganz Schweden. Nur einige vereinzelte Funde in Schonen können mit ihnen konkurrieren.
Ob diese Skelette auch noch die Überreste der ersten Menschen auf Gotland sind, sei dahingestellt. Sicherlich war keiner von ihnen Tjelvar, der erste Mensch auf der Insel laut der gotländischen Nationalsaga, der Gutasaga, auch wenn vielleicht einer von ihnen das Feuer auf die Insel gebracht hat. Aber was wollten sie hier? Woher kamen sie und wie gelangten sie hierher? Bis jetzt sind diese interessanten und wichtigen Fragen nicht beantwortet worden. Dies ist eine Aufgabe für die Archäologen des 21. Jahrhunderts. Mit der DNA-Analyse und anderen modernen Methoden wird es vielleicht möglich sein, die Vorväter dieser frühen Gotländer auf dem Festland zu finden.
Und würde es uns hinsichtlich dieser Fragestellung weiterbringen, wenn wir eins ihrer Boote fänden? Denn schon damals hatten die Menschen auf Gotland Kontakt zu ihren Nachbarn im ganzen Ostseeraum. Diese Kontakte konnten sie nicht ohne Boote aufrechterhalten. Vor kurzem wurden einige Versuche durchgeführt, die zeigten, daß Einbäume mit Auslegern das schwedische Festland problemlos in zehn Stunden erreichen können. Wir dürfen uns die frühesten Gotländer wohl als recht unerschrockene Seeleute vorstellen.

Die Gutasaga - Sage oder Wirklichkeit

Als Anhang an das Landschaftsgesetz Gotlands, Gutalag, ist eine Erzählung überliefert, die unter der Bezeichnung Gutasaga bekannt ist. Sie wurde von einem gelehrtem Mann, möglicherweise einem Priester, in der altgutnischen Sprache geschrieben und wird gewöhnlich als der erste Versuch bezeichnet, die gotländische Geschichte zusammenzufassen. Wann sie geschrieben wurde, ist nicht bekannt, aber es ist wahrscheinlich, daß es irgendwann während des 14. Jahrhunderts war.
Die Schilderung ist wahrscheinlich eine Mischung aus Fakten und mythologischen Motiven. Sie umfaßt den Zeitraum von der ersten Besiedlung bis zum endgültigen Sieg des Christentums auf Gotland. Der Verfasser dürfte eine bestimmte Absicht mit seiner Schrift gehabt haben. Er schien es für notwendig zu erachten, die freie und unabhängige Stellung Gotlands gegenüber den Machtansprüchen von Königtum und Kirche zu markieren. Diese offensichtliche Intention ist zusammen mit der unsicheren Datierung ein Grund dafür, die Gutasaga nur mit Vorsicht als historische Quelle verwenden zu können.
So lautet die Einleitung der Gutasaga:
"Ein Mann, der Tjelvar hieß, fand Gotland zuerst. Damals war Gotland so verzaubert, daß es am Tage versank und bei Nacht wieder auftauchte. Aber dieser Mann brachte das Feuer auf die Insel, und danach versank sie nie wieder. Dieser Tjelvar hatte einen Sohn, der Havde hieß. Und Havdes Ehefrau hieß Vitstjärna (Weißer Stern). Diese beiden waren die Ersten, die auf Gotland wohnten. In der ersten Nacht, die sie gemeinsam verbrachten, träumte sie einen Traum. Es war als ob drei ineinander verschlungene Schlangen in ihrem Busen wohnten und es schien ihr, als krochen diese aus ihrem Busen heraus. Sie erzählte ihrem Mann Havde von diesem Traum. Er deutete ihn so:
"Alles ist in Ringen verbunden.
Dies soll bebautes Land werden,
und wir werden drei Söhne bekommen."
Er gab allen einen Namen, noch bevor sie geboren waren:
"Gute soll Gotland besitzen,
Graip soll der Zweite heißen
und Gunnfjaun der Dritte."
Sie teilten danach Gotland in drei Drittel, so daß Graip, der Älteste das nördlichste Drittel erhielt, Gute das mittlere und Gunnfjaun, der Jüngste, das südlichste. Von diesen Dreien ausgehend, vermehrte sich das gotländische Volk sehr stark während einer sehr langen Zeit, ..."

Es war ein gutes Land

Die ersten Menschen, die an den gotländischen Stränden landeten, kamen zu einer Insel, die viel kleiner war als heute. Buchten und Landzungen waren viel markanter. Ganz im Norden gab es zumindest andeutungsweise einen Schärengarten und im Süden lag eine große Insel, die wir Sundreinsel nennen können. Die Meeresoberfläche lag im nördlichen Gotland 25 Meter und im südlichen Gotland 10 Meter höher als heute. Moore, Binnenseen, Flüsse und Bäche belebten das Landesinnere.
Die Vegetation variierte zwischen offenen Heideflächen und grünen Wäldern aus Nadel- und Laubgehölzen. Die Ressourcen des Meeres und der Seen waren nahezu unbegrenzt. Seehunde, Tümmler, Dorsch, Hering, Lachs, Barsche, Maränen, Quappen und Schleien gab es in viel größeren Mengen als heute. Die Vögel in den Wäldern und an den Stränden waren leichte Beute für einen geschickten Jäger. Allmählich kamen auch andere Tiere, mit den Menschen in ihren Booten auf die Insel.
Da das Klima warm und feucht und die Winter mild waren, lebten die ersten Gotländer wohl unter recht günstigen Bedingungen. Sie fingen Fische mit Angelhaken, dem ältesten noch gebräuchlichen Werkzeug, Fischspeeren, Netzen und Reusen. Sie jagten mit Harpunen, Keulen und Pfeil und Bogen. Sie sammelten Nüsse, Eicheln, Beeren, Früchte, Wurzeln, Kräuter und Vogeleier. Dies alles war eine aus ernährungswissenschaftlicher Sicht nahezu vollkommene Ernährung.
Vor etwa 7000 Jahren hatten sich Menschen endgültig auf Gotland niedergelassen. Bei Strå im Kirchspiel Bunge, Gisslause im Kirchspiel Lärbro und Svalings im Kirchspiel Gothem haben Archäologen Überreste von einfachen Siedlungen gefunden. Die großen Mengen an Knochen von Seehunden, Fischen und Seevögeln in den dünnen schwarzen Ablagerungsschichten zeigen, wie sich diese Siedler versorgten.

Ein Leben nahe der Natur

Dank des nahezu unerschöpflichen natürlichen Bestandes an Seehunden, Fischen und anderem jagdbarem Wild, konnten die Menschen langsam aber sicher ganz Gotland in Besitz nehmen. Vorzugsweise ließen sie sich an einem Strand nieder, der in der Nähe von sowohl Süß- als auch Salzwasser lag und gute Möglichkeiten zu Jagd und Fischfang im Meer, in Seen und in Flüssen bot. Große und kleine Landzungen sowie Buchten waren besonders beliebt. Da die Menschen im Einklang mit der Natur lebten, war es wichtig, daß die Siedlungen nicht zu dicht beieinander lagen. Sie bildeten einzelne Reviere, deren Ressourcen nur von den Bewohnern des Reviers genutzt wurden. Es gab mindestens vierzehn solcher Gebiete auf der Insel, die sich bis auf eines alle an der Küste befanden. Wenn wir davon ausgehen, daß in jedem Siedlungsgebiet mindestens 35 Individuen erforderlich waren, um das Überleben der Siedlung zu garantieren, können wir die Anzahl von Menschen im steinzeitlichen Gotland auf etwa 500-1000 schätzen.
Allmählich begannen die Gutar, Steinäxte in großen Mengen herzustellen. Bei einigen Siedlungen in den Kirchspielen Hall und Tofta haben Archäologen große Mengen an Steinäxten gefunden. Sie zeugen von ersten Rodungen in den gotländischen Urwäldern und leiten damit die erste Landwirtschaftsphase ein, die als der Beginn der jüngeren Steinzeit betrachtet wird.
Etwa 4000 v. Chr. scheint sich das Klima verändert zu haben, was sich auch auf Gotland bemerkbar machte. Das hatte zur Folge, daß der Bestand an Seehunden und Fischen kleiner wurde. Um zu überleben, waren die Menschen der Steinzeit gezwungen, ihr Auskommen auf andere Weise zu sichern. Wahrscheinlich verließen nun viele von ihnen die Küsten und siedelten sich weiter landeinwärts an, wo es geeignete Böden für den Ackerbau gab. Entweder machten sie diese wichtige Entdeckung selbst, oder es waren die üblichen Kontakte mit dem Kontinent, die sie mit der Landwirtschaft vertraut machten. Natürlich war es bis jetzt nur Ackerbau mit Hacken und Grabstöcken, aber es war doch der Beginn von etwas Wichtigem. Im Laufe der Zeit sollte dieser neue Erwerbszweig enorme Konsequenzen für die Menschen und ihre Lebensweise haben.
Mit dieser noch primitiven Landwirtschaft kam auch die Fähigkeit, irdene Töpfe herzustellen, eine wichtige Voraussetzung für die Lagerung von Saatgetreide und anderen Vorräten, vielleicht auch um Milchsuppe zu kochen. Bei einer Siedlung bei Mölner im Kirchspiel Väte haben Archäologen Keramikgegenstände gefunden, deren Form als Trichterbecher bezeichnet wird. Auf einigen Tonscherben fanden sie Abdrücke von Saatgut, die allerersten Spuren der gotländischen Bauern.

Reiche Siedlungsplätze

Veränderungen des Klimas haben immer die Natur und damit auch den Menschen beeinflußt. Eine anscheinend unbedeutende Erhöhung oder Senkung der Tagesdurchschnittstemperatur kann große Konsequenzen haben. Für die Menschen in vorgeschichtlicher Zeit bedeutete ein Wechsel zu kälterem Klima oft den Unterschied zwischen Leben und Tod. Irgendwann um das Jahr 3000 v. Chr. geschah erneut eine Veränderung zum Besseren. Sie war nicht besonders dramatisch, aber dennoch ausreichend, um den Bestand an Seehunden und Fischen wieder zu erhöhen. Die Menschen haben wahrscheinlich die arbeitsintensivere Landwirtschaft nicht ganz aufgegeben, aber Jagd und Fischfang wurden wieder wichtige Teile der Nahrungsversorgung. Sicher siedelten sich einige ehemalige Bauern wieder an den Stränden an.

Ein Leben nach dem Tod

Bei Västerbjers im Kirchspiel Gothem, bei Ire im Kirchspiel Hangvar, bei Gullrum im Kirchspiel Närs, bei Hemmor im Kirchspiel När, bei Ajvide im Kirchspiel Eksta und unter Stora Torget in Visby haben Archäologen steinzeitliche Siedlungen untersucht. Ihre Ausgrabungen haben alle Mühen belohnt. In Siedlungen und Gräbern haben sie große Mengen an Keramikgegenständen, die mit einem Muster aus kleinen Löchern geschmückt waren und daher auch als Lochkeramik bezeichnet werden, Knochen, Feuerstein- und andere Steinäxte, Dolche, Angelhaken, Harpunen und Schmuckstücke gefunden. Auch einige Speiseopfer kommen in den Gräbern vor. Da Knochen und Horn in der kalkhaltigen gotländischen Erde besser als anderswo bewahrt werden, ist die große Menge an Funden der Grund dafür, daß diese Gräber zu den reichsten aus dieser Zeit in ganz Europa gerechnet werden können.
Ein besonders beliebtes Tier bei den gotländischen Lochtöpfern war das Schwein. Die Toten wurden oft mit prachtvollen Kragen aus Schweinehauern in ihre Gräber gelegt, vielleicht waren sie wichtige Statussymbole. Viele sind auch mit großen Schweineunterkiefern zusammen begraben worden. Einige Kiefer sind so groß, daß sie einmal sehr beeindruckenden Tieren gehört haben müssen, großen Ebern, die wohl nie als menschliche Nahrung gedacht waren. Vielleicht nutzten die Steinzeitmenschen sie in verschiedenen religiösen Zusammenhängen, bei Prozessionen oder als Tieropfer beim Tod des Eigentümers. In einem Grab bei Lickershamn lagen nicht weniger als 23 Schweinekiefer, wovon einige mit einer roten Farbe, die Rödockra (Rotocker) genannt wird, gefüllt waren. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Farbe das Blut und dessen lebensspendende Kraft symbolisierte.
Wenn die Vorzeitmenschen reichlich mit Nahrung versorgt waren, begannen sie auch an Anderes zu denken. Wenn man die Grabbeigaben betrachtet, wird deutlich, daß sie sich Gedanken über den Tod und das Leben danach gemacht haben. Sie glaubten an eine Art Leben nach dem Tod, und wir können erahnen, daß Zeremonien und Rituale bei der Bestattung vorkamen. Sie hatten auch Zeit und Möglichkeit, Kontakte zu anderen Siedlungen zu suchen und aufrechtzuerhalten und das nicht nur auf Gotland, sondern auch über die Grenzen der Insel hinaus. Funde von Feuerstein, Schiefer, Bernstein und Biberzähnen zeigen Verbindungen mit den Küstenvölkern im Norden, Osten, Süden und Westen. Ein erster, noch einfacher Tauschhandel nahm seinen Anfang.

Das "Igelmädchen" aus Ajvide

Bei Ajvide im Kirchspiel Eksta gibt es eine der größten steinzeitlichen Siedlungen Gotlands, die erst vor kurzem mit modernen Methoden untersucht wurde. Einige tausend Jahre lang - in der Endphase der Steinzeit und dann in der Bronzezeit - wohnten hier Menschen, die sich von Fischfang, Jagd und dem Sammeln von Pflanzen ernährten. Später hielten sie auch Haustiere: Schweine, Schafe, Ziegen und Rinder. Im Sommer paddelten sie die fünf Kilometer zu den Karlsinseln, wo sie die Stora Förvar-Grotte zum Übernachten und zum Schlachten von Seehunden benutzten.
Die Siedlung bei Ajvide lag strategisch günstig auf einer Landzunge im Meer. Es gab mehr als genug Süßwasser und gute Möglichkeiten zu Jagd und Fischfang in den umliegenden Seen und Mooren. Vielleicht nutzten diese frühen Einwohner von Eksta schon die günstige Lage ihrer Siedlung zu Kontakten mit dem Festland im Westen aus. Der Seeweg nach Öland ist nicht viel länger als 50 Kilometer, wenn man über die beiden Karlsinseln fährt. Es konnte aber nicht nachgewiesen werden, daß es eine derartige Verbindung gab.
In Ajvide bekamen die Toten viele Geschenke mit in ihre Gräber. Am gewöhnlichsten waren Angelhaken, knöcherne Harpunen, Äxte verschiedenster Art und Keramikgefäße, die Lebensmittel und Seehundstran enthielten. Größere Unterschiede zwischen Funden aus Gräbern von Männern und Frauen gibt es nicht. Wahrscheinlich waren beide Geschlechter weitestgehend gleichberechtigt. Alle waren wichtig für das Überleben des Stammes - egal ob Mann oder Frau.
Unter den vielen Gräbern in Ajvide erregte eines besondere Aufmerksamkeit. In ihm lag das Skelett eines zwanzigjährigen, zartgebauten Mädchens. Als Grabbeigaben hatte sie Angelhaken, eine knöcherne Nadel, eine Miniaturaxt, eine Bernsteinperle, einen Wetzstein und einen Feuerstein bekommen. Als sie in das Grab gelegt wurde, war sie in einen kurzen Lederrock gekleidet, der vielleicht aus Seehundhaut gemacht und dessen Unterkante mit einer Reihe von Seehundzähnen verziert war. Bei der Leiche hatten ihre Verwandten mehrere Keramikgefäße plaziert, die sicherlich mit Lebensmitteln und Seehundstran für das kommende Leben gefüllt waren.
Um ihren Hals trug sie einen Lederbeutel. Er war gefüllt mit einer Perle aus Vogelknochen, einigen Knochenresten und fünf Kieferknochen von Igeln. Für das Mädchen müssen diese Tierknochen große Bedeutung gehabt haben. Vielleicht glaubte sie, daß die Knochen magische oder gar heilige Kraft besäßen. Vielleicht waren sie eine Art Amulett, um ihr Glück zu bringen. Konnte sie am Ende damit sogar zaubern? Oder hat sie die Tiere für etwas verwendet, von dem wir heute nichts mehr wissen?
Die Bedeutung, die Igel für sie hatten, wird zudem noch in einer Anzahl Igelkrallen deutlich, die auf ihrer Stirn lagen. Die Krallen können die Reste einer Art Mütze sein, die sie auf dem Kopf trug.
Das Grab des Igel-Mädchens ist heute in Gotlands Fornsal zu besichtigen.

Die Gotländer werden Bauern

Um etwa 2000 v.Chr. haben sich die Lebensgrundlagen der Steinzeitmenschen auf Gotland erneut verändert. Der Reichtum des Meeres an leichtzufangenden Fischen und Seehunden nahm wieder ab und das kann die Menschen dazu gezwungen haben, sich wieder der Landwirtschaft zuzuwenden. Diesmal geschah es aber mit größerer Entschlossenheit - aus Fischern und Jägern wurden endgültig Bauern.
Das von den wechselhaften Ressourcen des Meeres verursachte, unsichere Leben wurde von größerer Sicherheit abgelöst. Anstatt direkt von der Natur zu leben, lernten die Gotländer nun, die Natur zu beherrschen, und auch wenn Fischfang und Jagd noch weiterhin große Bedeutung für die Inselbewohner hatten, veränderte sich ihre Lebensweise grundlegend.
Sie begannen nun mit einer langsamen Erschließung des Inneren der Insel. Ihre Rodungen vergrößerten die Weideflächen und immer besser werdende Steinäxte erleichterten ihnen dabei die Arbeit. Die Schaffung guter Voraussetzungen für die Viehzucht war am wichtigsten für sie, aber sie suchten nun auch nach Land, das für den Getreideanbau geeignet war. Dies schuf einen größeren Bedarf an guten und leicht zu bearbeitenden Böden.
Weil es sehr viel Arbeit erforderte, gute Flächen für den Getreideanbau zu schaffen, sahen sich die Menschen gezwungen, diese Flächen gegen konkurrierende Nachbarn zu verteidigen. Das führte nicht nur zu Kämpfen, sondern auch zu dem Bedürfnis nach einer effektiveren Organisation. Vielleicht wurden zu diesem Zeitpunkt fähige Männer zu Anführern, die gewisse Macht und damit auch die Möglichkeit zur Ansammlung von Reichtümern hatten. Die Gesellschaft wurde differenzierter.
Diese Entwicklung, die zum Einen darin bestand, daß die Gotländer Land urbar machten und so zu Bauern wurden und zum Anderen darin, daß die Gesellschaft immer stabiler wurde, war ein langer, ausgedehnter Prozeß. Sie war ein großer und wichtiger Umbruch. Der Entschluß, Bauer zu werden, war entscheidend und endgültig.
Äcker und Wiesen breiteten sich nach und nach dort aus, wo vorher dunkle Urwälder vorgeherrscht hatten. Die gotländische Kulturlandschaft begann langsam, Form anzunehmen. Bald tauchten auch zum ersten Mal Gegenstände aus Metall auf Gotland auf, die von einer neuen Periode in der Geschichte kündeten.
Zu dieser Zeit hatten geschickte Handwerker im Rest Europas schon seit langem Gegenstände aus Bronze hergestellt. Seit Jahrhunderten gab es die Stadt Troja, und auf den griechischen Inseln blühte eine reiche Kultur, die sich auf Seefahrt, Handel, Handwerk und auf den Anbau von Weintrauben und Oliven gründete. Auf Kreta entstand eine Hochkultur, der Palast in Knossos wurde gebaut, eine Schriftsprache wurde entwickelt und der Handel wurde immer lebhafter.
Im Kaukasus und den Karpaten bauten erfahrene Bergleute Kupfer und Zinn ab, die sie dann zu Bronze vermischten. Im Westen waren es die Engländer, die diese Kunst beherrschten. Sie stellten Äxte, Dolche und Schwerter her, um sie mit gutem Gewinn zu exportieren.

Das Metall, das wie die Sonne glänzt

Sollen wir uns vorstellen, daß die Gotländer ziemlich verwundert rund um das prasselnde Feuer saßen? Spät am Nachmittag hatten einige Männer mit einem Boot am Strand angelegt. In einem Lederbeutel hatten sie einige Gegenstände bei sich, die sie nun an der Feuerstatt ausgebreiteten. Daß es Äxte, Dolche und irgendwelche Gefäße waren, konnte man ja sehen. Aber trotzdem unterschieden sich diese Gegenstände von denen, die die Gotländer von alters her kannten. Diese Gegenstände waren unerhört elegant, einige waren sogar mit schwachen Mustern verziert und wenn man die Waffen ausprobierte, lagen diese hervorragend in der Hand.
Aber das Schönste von allem war der Glanz. Sie blitzten im Schein des Feuers wie die Sonne selbst. Und wenn man sie mit einem Lederfetzen rieb, wurden sie noch glänzender. Es ist wohl nicht verwunderlich, daß die spätsteinzeitlichen Gotländer von ihrem ersten Kontakt mit Bronze sehr beeindruckt waren. Ihre Nachkommen sollten noch lange von diesem ersten Kontakt erzählen.
Die Bronze blieb für immer auf der Insel. Für mindestens 3000 Jahre sollte sie neben Gegenständen aus Holz und Knochen eine wichtige Rolle bei der Herstellung von Waffen, Werkzeugen und Schmuckstücken spielen. Sie sollte bestaunt, verehrt und von den Reichen hergezeigt werden. Allmählich mußte sie aber einem noch besserem Metall weichen - dem Eisen.

Auf der Laikarheide

Auf den Hügeln östlich der Kirche von Lärbro kann man unschwer die Nähe der gotländischen Bronzezeit spüren. Dort gibt es im Umkreis einiger Kilometer mehrere große Steinhaufen und Schiffssetzungen, eine größere Felszeichnung und den sagenumwobenen Sangelstein. Hier dürfte einer der wichtigsten bronzezeitlichen Orte auf Gotland gelegen haben. Damals war das Meer nicht weit entfernt. Im Norden und im Süden schnitten Buchten tief in das Land ein. Von den Stränden aus hatten sowohl die Lebenden als auch die Toten in ihren umsichtig plazierten Gräbern weite Sicht über Land und Meer.
Vielleicht haben sich die bronzezeitlichen Gotländer hier auf der Laikarheide versammelt, um die damals wichtigste Gottheit, die Sonne, anzubeten. Die Sonne gab den Menschen Licht und Wärme und sie erweckte in jedem Frühjahr die Natur wieder zum Leben. Sie war die Quelle des Lebens. Hier haben sich in jedem Frühjahr verschiedene Stämme, Clans und Familien versammelt, um Saatgut, Milch und Blut in den schalenförmigen Vertiefungen des Sangelsteins zu opfern. Mit komplizierten Zeremonien huldigten sie der Wiederkehr der Sonne und dem Erwachen der Natur. Bei langen, feierlichen Prozessionen zeigten sie ihre heiligen Gegenstände, wie Sonnenräder, Äxte und Schilde. Die blankpolierte Bronze reflektierte die Sonnenstrahlen und verstärkte das Gefühl göttlicher Nähe. Mit einem Häufelpflug riß der kultische Führer die ersten Furchen in die Erde. Das war ein wichtiges Ritual für gute Ernten. Priesterinnen führten lebendige Fruchtbarkeitstänze auf, während die Männer mit Schwertern, Speeren und Schilden bewaffnet in kultischen Kämpfen aufeinandertrafen. Als die Sonne dann langsam im Westen unterging, wurden große Feuer angezündet, denn die Gottheit war nirgends so nahe wie im Feuer...
Opfer und andere heilige Rituale für gute Ernten, gesunde Kälber und Lämmer, fette Schweine und ausreichend Milch waren wichtig für die bronzezeitlichen Gotländer. Denn ihr Überleben hing von der Landwirtschaft und der Viehzucht ab. Auf der Suche nach guten Böden und Weideflächen, begannen sie nun immer weiter ins Landesinnere vorzustoßen. Daraus folgte eine verstärkte Kolonisation bisher unbewohnter Teile Gotlands, dessen Landschaft durch die Rodungen immer offener wurde. Die weit verteilten Siedlungen und das möglicherweise nomadische Dasein der Gotländer haben jedoch nur wenige Spuren in der Erde der Insel hinterlassen.

Die Bronze wird zum Statussymbol

Die frühe Bronzezeit war unter anderem das Zeitalter des Feuersteins. Die Gotländer hatten niemals vor, die althergebrachten Werkzeuge völlig gegen metallene einzutauschen. Stein, Holz, Knochen und Horn spielten immer noch eine wichtige Rolle. Sie stellten elegante Dolche und Sicheln aus Feuerstein her, die nicht nur im Alltagsleben, sondern auch bei Ritualen Verwendung fanden. Ihre Formen richteten sich nach den Bronzegegenständen, die nun von weither in den Norden kamen.
Als die Bronze immer leichter erhältlich wurde, entwickelte sie sich zu einer wichtigen Handelsware. Von den britischen Inseln und von Süd- und Mitteleuropa aus, wurde sie mit Schiffen übers Meer und auf Flüssen in den Norden gebracht. Die Bronze erreichte Dänemark und Skåne und allmählich auch Gotland. Aus dem anfangs ziemlich unkomplizierten Tauschhandel von Hand zu Hand, entwickelten die nordischen Völker nun den eigentlichen Handel. Gebrauchswaren wie Häute, Leder, Wolle, Nahrungsmittel, Bienenwachs und Honig, vielleicht sogar Bernstein, wurden gegen Luxuswaren aus Bronze, gegen Äxte, Dolche und Armbänder getauscht. Spezialisten für Handel und Handwerk traten auf. Diese Kaufleute und Handwerker sorgten für Import und Bearbeitung des Metalls. Bronze erfüllte zwei gesellschaftliche Funktionen. Die Bauern verwendeten sie für landwirtschaftliche Geräte, aber sie war auch ein Machtsymbol. Es war fein, Gegenstände aus Bronze zu besitzen. Männer und Frauen schmückten sich mit dem glänzenden Metall. Auch bei kultischen Handlungen mußten es Bronzegegenstände sein. Erst gegen Ende der Bronzezeit begann man, auch Alltagsgegenstände aus Bronze herzustellen. Aber etwa gleichzeitig begann man, Eisen zu verwenden, das härter, billiger und damit besser als Bronze für Werkzeuge geeignet war.

Gotländische Funde aus der Bronzezeit

Auf Gotland hat man etwa 500 bronzezeitliche Funde gemacht. Nach Schonen ist Gotland damit die schwedische Region mit der zweithöchsten Zahl an Funden aus der Bronzezeit. Auch wenn man in diesem Zusammenhang die Bedeutung Gotlands nicht überschätzen sollte - vielleicht sah man auf dem Festland das Metall nicht im gleichen Maße als Ausdruck von Reichtum und sozialen Status an - so müssen die Gotländer doch eine wichtige Rolle im Bronzehandel gespielt haben. Es ist nicht bekannt, ob die Exportwaren der Insel ausreichten, um Bronze importieren zu können. Jedoch kann Gotlands Lage in der Ostsee große Bedeutung für die Spezialisierung der Gotländer auf den Handel gehabt haben.
Die Funde in der gotländischen Erde bestehen zum Teil aus Einzelfunden, die in der Hauptsache Grabbeigaben wie Nadeln, Pinzetten und Rasiermesser waren und zum Teil aus größeren Funden, die aus anderen, uns nicht bekannten Gründen in der Erde vergraben wurden. Der bis jetzt merkwürdigste Fund wurde 1886 in Eskelhem gemacht. Zum überwiegenden Teil bestand dieser Fund aus Gegenständen für die Pferdehaltung, wie Trensen und Verzierungen für Zügel.
Fast hundert Jahre später fand ein Landwirt bei Gardarve im Kirchspiel Fardhem die Reste der Werkstatt eines Bronzegießers. Außer Broschen und Halsringen gab es dort ein Lager von noch unbearbeiteten Bronzestangen, die wahrscheinlich das Rohmaterial für den Bronzeguß waren.

Importwaren

Alle Menschen des Nordens importierten Bronze. Aber die Gotländer lernten schon in der älteren Bronzezeit, verschiedene Metallgegenstände zu gießen und zu verzieren, auch wenn sie in der Regel nur ausländische Vorbilder kopierten. Es dauerte eine Zeit, bis sie eine eigene Formensprache entwickelten, aber als sie so weit waren, wurden sie umso geschickter. Trotz allem scheint es, als hätten sie nie alle Techniken der Bronzebearbeitung gelernt. Die Kunst, das Metall mit einem Hammer dünn zu treiben, dürfte ihnen unbekannt geblieben sein.
Dank ihrer Kontakte mit den Völkern an den Küsten der Ostsee, wurden die Gotländer schnell von allen Neuerungen berührt, die in die Region gelangten. Das traf nicht nur auf praktische Dinge wie die Herstellung von Gegenständen aus Bronze zu, sondern auch auf religiöse Vorstellungen. Das beste Beispiel hierfür ist die Art und Weise, wie man die Toten bestattete. Zuerst tat man dies in den beeindruckenden Steinhaufen, später in der jüngeren Bronzezeit setzten sich die stattlichen Schiffssetzungen durch.

Storrösen - keine gewöhnlichen Steinhaufen

Namen wie Ullviar, Majsterråir und Digerråir klingen zumindest für Festlandsschweden urzeitlich und altertümlich.
Seit mehr als dreitausend Jahren liegen diese Grabhügel in Wäldern und an den Stränden Gotlands. Oft sind sie weit in der gotländischen Landschaft zu sehen und ständig entführen sie die Menschen in die Welt der Märchen und der Phantasie. Wer hatte die Macht, die Befugnis oder überhaupt die Möglichkeit, solche mächtigen Bauwerke zu errichten?
Wurde wirklich ein König im Königshaufen in Boge begraben? Wurde der altnordische Sagenkönig Angantyr, von dem berichtet wird, daß er sehr stark und tüchtig im Kampf gewesen sei, in dem großen Hügel bei Grötlingbo zur letzten Ruhe gebettet? Dann müßte es ja auch sein Schwert Tirfing gewesen sein, das ein Amateurarchäologe zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand, als er das Grab "untersuchte". Es soll ein von Zwergen geschmiedetes Zauberschwert gewesen sein, das seinem Träger immer zum Sieg verhalf, das aber nie aus der Scheide gezogen werden konnte, ohne daß jemand erschlagen wurde. In dem Steinhaufen im Kirchspiel Bro soll laut der Sage der mächtige Baldur begraben sein. Dort soll noch ein riesiger Schatz liegen, "so lang wie Zügel vom Kutscher zu den Pferden und so breit wie das Joch über den Pferden" obwohl sich ein Priester vor langer Zeit die größte Kostbarkeit aneignete: ein Abendmahlskelch aus Gold. Ein anderer Schatz soll in einem Haufen in Röse liegen, der von einem Hahn bewacht wird. Zumindest in alten Zeiten konnten Reisende Drachenfeuer über den Steinen brennen sehen.

Bauwerke

Leider sieht die Wirklichkeit anders aus. Die gotländischen Steinhaufen sind Gräber aus der Bronzezeit, aufgeschichtet aus Feldsteinen und Kalksteinsbrocken. Nur wenige wurden bis jetzt untersucht, aber ein Schatz wurde in keinem gefunden, sondern nur einige kleinere Funde wie kleine Nadeln und Bronzespangen. Bei Kauparve im Kirchspiel Lärbro haben die Archäologen jedoch eine andere wichtige Entdeckung gemacht. Sie fanden heraus, daß dieser ursprünglich gewölbte Haufen im Zentrum aus einer Kalksteinmauer bestand, die einen drei Meter hohen Turm bildete. Der Turm war von niedrigeren Mauern umgeben, die später gebaut wurden. Hier kann man tatsächlich von einem Bauwerk sprechen! Im Innersten des Turmes befand sich die Grabkiste mit unverbrannten menschlichen Knochen und einer prachtvollen Spiralnadel aus Bronze. Der Haufen wurde in drei Etappen erbaut. Außerdem fand man in den Steinmassen außerhalb des Turmes noch mehrere Gräber.
Der größte von Gotlands etwa 400 Grabhaufen ist Uggarde råir in Rone. Das beeindruckende und noch unberührte Grab hat einen Durchmesser von 45 Meter, ist sieben Meter hoch und besteht aus schätzungsweise 15 000 Tonnen Gestein. Uggarde råir dominiert die offene Heidelandschaft und ist von sieben weiteren Grabhaufen umgeben. Die Plazierung des Grabes ist typisch. Die meisten Grabhaufen sind auf einem Hügel oder an der Küstenlinie der Bronzezeit errichtet wurden. Da sie von weitem gut sichtbar waren, kennzeichneten sie den Grenzverlauf des Gebietes eines Familienclans.
Oder baute man sie dort, damit die Toten auch im kommenden Leben Aussicht über das Meer haben sollten, das so viel für sie bedeutet hat? Es war immerhin das Meer, über das sie die Waren transportierten, die ihren Wohlstand begründeten.

Schatzsucher und andere Missetäter

Die gotländischen Grabhaufen nehmen einen wichtigen Platz unter den bronzezeitlichen Hinterlassenschaften in Schweden ein. Die meisten haben eine kraterähnliche Vertiefung in ihrer Spitze. Warum dies so ist, weiß man nicht. Natürlich kann es von Anfang die Absicht gewesen sein, den Grabhaufen so zu bauen, um Steine zu sparen. Es gibt aber auch andere, wahrscheinlichere Erklärungen. Früher glaubten einige Forscher, daß die Krater durch einstürzende Dächer der Grabkammern entstanden sind. Aber wie soll man dann die mächtigen Vertiefungen im Ullviar-Grabhaufen in Eskelhem und in dem großen Grabhaufen bei Båticke in Naga erklären? Scheinen sie nicht für Zeremonien und Kulthandlungen als eine Art Amphitheater für religiöse Schauspiele gedacht zu sein?
Wahrscheinlich haben die vielen Geschichten über verborgene Kostbarkeiten in den Grabhaufen zu allen Zeiten Schatzsucher angespornt, eigene "Untersuchungen" durchzuführen. Diese Schatzsucher hatten seit ihrer Kindheit Erzählungen über die Trolle und ihre unermeßlichen Schätze in den Grabhaufen gehört. In der Mittsommernacht oder am Heiligen Abend konnten sie nächtliche Wanderer sehen, wie sich die Grabhaufen auf goldenen Pfeilern über den Boden erhoben, die Trolle dazu wunderschöne Musik spielten und wie die Kostbarkeiten glitzerten. Aber dazu mußte man natürlich genau zur richtigen Zeit draußen sein, genau am richtigen Platz stehen und dazu noch eine gehörige Portion Glück haben.
Die Schatzsucher wußten sehr genau, daß der Boden Gotlands reich an Edelmetallen war. Sie träumten bestimmt wie die heutigen Menschen davon, über Nacht wirtschaftlich unabhängig zu werden. Noch im 19. Jahrhundert gab es viele, die sich auf die Suche nach "Gütern" machten. Sie hatten einen "Schatzriecher" und wurden "Schatzgreise" genannt. Es stimmt, daß sie eine ganze Menge fanden, aber sie wußten nie, wie es um die Schätze stand. Sie waren ja verzaubert!
So konnte es dabei zugehen:
"Der Bauer von Bolarve ritt am Digarråir vorbei, und dort waren viele Trolle, die ihm etwas zu trinken anboten. Sie hatten einen großen, silbernen Becher. Aber als er trinken sollte, kippte er alles über die Schulter und traf damit das Pferd an der Lende, und an dieser Stelle verbrannten alle Haare. Der Bauer ritt fort und die Trolle verfolgten ihn, aber er ritt über einen frisch gepflügten Acker und galoppierte quer über die Furchen. Die Trolle konnten aber nicht quer über die Furchen laufen, da sonst ja ein Kreuz entstehen würde, sondern mußten die Furchen hoch und runter laufen und so schaffte es der Bauer von Bolarve unbeschadet mit dem Becher bis nach Hause." [Laut volkstümlicher Überlieferung vermeiden Trolle das christliche Symbol des Kreuzes, so oft sie nur können.]
Weniger empfindliche Personen werden auch in anderen Zusammenhängen erwähnt. Die Erbauer der eisenzeitlichen Gräber haben die Grabhaufen genauso gerne als Steinbruch benutzt wie die Eisenbahnarbeiter späterer Zeiten.
Es ist hoffentlich unnötig, darauf hinzuweisen, daß heute alle Überreste gesetzlich geschützt sind. Der Verstoß gegen diese Gesetze zieht Geldstrafen oder gar Gefängnis nach sich.
Die Grabhaufen auf Gotland und dem Festland deuten daraufhin, daß es in den Gesellschaften der Bronzezeit unterschiedliche soziale Schichten gab. Einigen scheint es besser als anderen gegangen zu sein. Sie waren reicher und mächtiger geworden und konnten immer umfassender über andere bestimmen. Auch wenn nur bedeutende Männer oder Familien solche Haufen errichten konnten, so dürfen wir sie aber nicht als die letzte Ruhestätte eines Häuptlings verstehen. Bei den wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen wurde nämlich bewiesen, daß die Grabhaufen fast immer mehrere Gräber enthalten, die meist jünger als das Grab in der Mitte sind.
Neue Generationen haben die Grabhaufen erweitert, indem sie neue Steine dazugelegten und neue Kanteneinfassungen bauten. Mitunter konnten die Forscher in untersten Schichten der Grabhaufen noch Gräber aus der Steinzeit finden.
In Skåne, Halland und an vielen anderen Stellen auf dem Festland gibt es Gräber aus der Bronzezeit, die den gotländischen Grabhaufen gleichen. Auf dem Festland sind sie jedoch gewöhnlich aus Erde errichtet, so daß folgerichtig auch Erdhaufengräber genannt werden. Beispiele dafür gibt es auch auf Gotland. Das größte bronzezeitliche Grab in Schweden, Bredarör in Kivik, ist aber aus Stein. In Dänemark, dem eigentlichen Zentrum des bronzezeitlichen Nordeuropas, gehen Archäologen davon aus, daß es einmal um die 60 000 Erdhaufengräber gegeben hat.

Mit Schiffen aus Stein über das Todesmeer

Über 500 Jahre lang fanden die führenden Männer und Frauen der gotländischen Gesellschaft ihre letzte Ruhe in Grabhügeln. Etwa tausend Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung kam etwas Neues auf. Die Gotländer fingen damals an, ihre verstorbenen Angehörigen zu verbrennen. Vielleicht hing dies mit einer Veränderung der Religion zusammen. Die verbrannten Überreste legten sie in Gräber, die sie mit hochkant gestellten Steinen schmückten, so daß sie Schiffen glichen. Diese Gräber nennen wir Schiffssetzungen.
Dieselben Vorstellungen hatten auch auf Öland und Bornholm, in Skåne, Halland, dem Baltikum und entlang der nordschwedischen Küste Fuß gefaßt. Dort wurden die Steinschiffe aber oft mit Erde überdeckt.
Dieser Grabtyp ist also nirgendwo so deutlich wie auf Gotland zu sehen. Mit Relingen aus Stein und deutlich markierten Vorder- und Achtersteven treiben etwa 350 Steinschiffe überall in der gotländischen Landschaft. Bei Gnisvärd im Kirchspiel Tofta befindet sich eins, das 45 Meter lang ist, und bei Gannarve im Kirchspiel Fröjel ein 29 Meter langes, das sehr schön gelegen ist, mit herrlicher Aussicht über das Meer und die Karlsinseln.
Bei Rannarve im Kirchspiel Klinte, Gålrum im Kirchspiel Alskog und Domarlunden im Kirchspiel Lärbro richten kleine Flotten von Steinschiffen ihren Kurs auf unbekannte Welten. Im Kirchspiel Boge hat Tjelvar selbst den Namen für die bekannteste Schiffssetzung der Insel gegeben.
Da sie ästhetisch ansprechend sind und oft in einer sehr schönen Umgebung liegen, haben die Steinschiffe der Bronzezeit oft die Bewunderung der Nachwelt hervorgerufen. Der gotländische Dichter Gustaf Larsson hat die Stimmung von Urzeit, Stille und Würde, die für viele kennzeichnend ist, so beschrieben:
"Das Schiff, das Totenschiff
schimmert durch das Meer der Heideblumen
- stampft durch die Zeitalter
unvergänglich.
Das Rauschen des Waldes singt
und der Regen auf den Kiefernadeln
tropft über Deiner Fahrt
gen Ewigkeit."

Boote und Schiffe hatten für die Menschen der Bronzezeit große Bedeutung, als Fortbewegungsmittel und als religiöses Objekt. Aus den Schiffsdarstellungen der Felszeichnungen geht hervor, daß es sich dabei nicht um kleine Schiffe handelte. Leider gibt es im ganzen Norden nur vereinzelte Funde, die uns einen Eindruck von der Konstruktion dieser Schiffe geben können. Über ihre Seetauglichkeit wissen wir nichts.
Für die bronzezeitlichen Gotländer war es wichtig, sich auf dem Meer bewegen zu können. Mit Booten hielten sie Kontakt zu ihren Nachbarn rund um die Ostsee. Aber Boote waren auch notwendig, um nach dem Tod über unbekannte Gewässer ins Reich der Toten fahren zu können. Im Statusdenken der Zeit war es sicher auch wichtig, die eigene Bedeutung zu Lebzeiten zu betonen und zu zeigen, daß man zu einem Geschlecht von Seefahrern, Händlern oder Schiffsbauern gehörte.

Kultbilder im festen Gestein

Das Aussehen und der Inhalt der Gräber, Opfergaben und Kultplätze erzählt uns von der Wirtschaft, den sozialen Verhältnissen und dem religiösen Leben auf Gotland in der Bronzezeit. Das Bild wird durch die Felszeichnungen, die eine der wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen der Zeit waren, noch deutlicher. Ihre Bilderwelt, die aus Menschen, Tieren, Waffen, Schiffen, Wagen und religiösen Symbolen besteht, ist in vielerlei Hinsicht rätselhaft und schwer zu deuten.
Noch wissen die Forscher nicht, welchen Zweck die in das Gestein gemeißelten Bilder hatten. Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte sein, daß die dargestellten Gegenstände und die unterschiedlichen Kampf-, Tanz-, Jagd- und Pflügszenen in Zusammenhang mit dem Kult und den damaligen religiösen Vorstellungen stehen.
Felszeichnungen gibt es überall in Schweden, die bekanntesten in Bohuslän. Vielleicht stehen sie in Verbindung zu Plätzen, wo die Sonne, der Mond, die Fruchtbarkeit oder der Tod verehrt wurden. Auf Gotland ist nur eine größere Felszeichnung bekannt. Sie liegt bei Hägvide im Kirchspiel Lärbro, nicht weit von der Laikarheide und den dort befindlichen Überresten der Bronzezeit entfernt. Die Zeichnungen von Hägvide enthalten große Mengen an schalenförmigen Vertiefungen und Bilder von Schiffen, Fußsohlen und Äxten. Weil die Felszeichnungen in sehr schlechtem Zustand sind, wurden sie vor kurzem überdeckt, um sie vor weiteren Witterungseinflüssen zu schützen. Eine Nachbildung befindet sich im Hof von Gotlands Fornsal in Visby.

Häufelpflüge, Pferde, Hosen und Popcorn

Gegen Ende der Bronzezeit und zu Beginn des neuen Zeitalters, der Eisenzeit, erweiterten die Gotländer ihren Lebensraum zusehends. Sie nutzten die Böden intensiv, weil sie gezwungen waren, für den Winter Vorräte anzulegen. Die zunehmende Klimaverschlechterung trug dazu bei, daß es immer mehr seßhafte Gotländer gab, die nun begannen, bessere Häuser gegen Regen, Kälte und Sturm zu bauen.
Wenn sich die Gotländer nach der dänischen Mode richteten, trugen auch sie warme Kleider aus Wolle. Die Männer trugen lange Kittel und Mäntel, die Frauen bevorzugten Pullover und lange Röcke, die manchmal mit feinen Broderien verziert waren. Sowohl Männer als auch Frauen schmückten sich mit schönen Dingen, um ihren Reichtum und damit ihre Stellung in der Gesellschaft zu demonstrieren.
Die Viehzucht war noch immer der wichtigste Zweig der Landwirtschaft. Gewöhnlicherweise handelte es sich um Schweine, Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde. Pferde wurden zunächst als Fleischlieferanten gehalten, aber die Gotländer begannen nach und nach, sie auch als Reit- und Zugtiere einzusetzen. Um sicher und bequem auf einem Pferd sitzen zu können, kleideten sie sich außerdem mit einem neuen Kleidungsstück aus dem Osten, der Hose.
Auf den Äckern bauten sie Gerste, Weizen und vielleicht auch Hirse an. An und für sich waren die Äcker klein, aber sie waren Teil eines größeren Systems von Äckern, die nur teilweise eingesät wurden. Die wichtigsten Hilfsmittel in der Landwirtschaft waren der Häufelpflug, mit dessen Prinzip noch vor hundert Jahren einige gotländische Bauern arbeiteten, und die Sichel aus Bronze. Jagd und Fischfang waren wichtige Nebenerwerbszweige.
Man würde nicht vermuten, daß die bronzezeitlichen Gotländer "Popcorn" aßen! Bei Ausgrabungen der Siedlung bei Ajvide fanden Archäologen einige verbrannte Knollen. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, daß es Wurzelteile des Frühlingsscharbockskrauts waren. Ein einsichtiger Forscher schloß daraus, daß sie jemand über offenem Feuer geröstet hatte. Die Knollen lagen in einer bronzezeitlichen Ablagerungsschicht und als er Wurzeln des Frühlingsscharbockskrauts röstete, sahen diese genau wie ihre vieltausendjährigen Vorgänger aus. Zu allem Überfluß "platzten" sie wie heutiges Popcorn als sie erhitzt wurden!

Kontinuität und Veränderung

Von einem abrupten Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit kann keine Rede sein. Deshalb ist diese Zeit auch so interessant. Es gibt Anzeichen dafür, daß der Einzug des Eisens in die Gesellschaft fast eine Revolution war. Metall war nicht länger nur den Reichen vorbehalten. Das Eisen wies den Weg in eine ausgeglichenere Gesellschaft. Vielleicht kam es zu umfassenden sozialen Veränderungen oder zu einem Wechsel der Religion. Diese Entwicklung können wir in den Grabfeldern erahnen, die nun immer größer wurden, auch wenn die Größe und Ausstattung der Gräber abnahm. Jedes Individuum bekam ein eigenes Grab.
Genauso wie Stein, Horn und Knochen auch noch in der Bronzezeit verwendet wurden, so behielt auch die Bronze in der Eisenzeit eine wichtige Rolle. Geschickte Handwerker fertigten auch weiterhin Schmuck und Verzierungen für Kleidung aus dem glänzenden Material. Sie entwickelten eine Kunstform, die auf Gotland im Frauenschmuck der Wikingerzeit ihre Vollendung fand. Nach und nach setzte sich aber Eisen als wichtiges Gebrauchsmetall durch.
Zur gleichen Zeit mit dieser Übergangsperiode im Norden, saß im fernen Indien ein Mann namens Siddharta Gautama unter einem Feigenbaum und meditierte, während er versuchte, das Problem des Leidens zu lösen. In China predigte Konfuzius über Menschlichkeit und einen frommen Humanismus. In Südeuropa brach die große Zeit des antiken Athens an und Homer hatte die Ilias schon geschrieben. Die ersten Olympischen Spiele waren schon vor langer Zeit zum ersten Mal arrangiert worden, bei Marathon fand die berühmte Schlacht zwischen Persern und Griechen statt und wenig später wurde der Parthenon auf der Akropolis eingeweiht.

Der Kampf um das tägliche Brot

Dank ihrer Handelsverbindungen mit dem Kontinent dürften die Gotländer zu den ersten Menschen im Norden gehört haben, die mit Eisen in Kontakt gekommen sind. Als sie gelernt hatten, Eisen aus importierten Erz herzustellen und es zu zweckmäßigen und schönen Waffen und Werkzeugen zu formen, wurde es eines der profitabelsten Handelsgüter. Die Entwicklung hätte noch rascher fortschreiten können, wenn es nicht gleichzeitig mit dem Einzug des Eisens zu Ereignissen gekommen wäre, über die die Gotländer keine Kontrolle hatten.
Auf dem europäischen Kontinent herrschte der Volksstamm der Kelten. Obwohl die Gotländer anscheinend Kontakt zu ihnen hatten, waren die Gotländer gezwungen, ihre Handelskontakte für einige Zeit auf ihre traditionellen Handelspartner im Süden zu begrenzen. Der schwächere Handel ist vielleicht die Erklärung dafür, daß es nur wenige archäologische Funde aus dieser Zeit gibt. Diese Verhältnisse sind aber auf Gotland weniger deutlich als auf dem Festland.
Wie die meisten Bewohner des Nordens hatten die Gotländer andere Probleme als lange Reisen und Handel. Eine Klimaverschlechterung mit sinkenden Temperaturen und steigendem Niederschlag zwang die Gotländer, mehr über die Sicherung ihres Überlebens nachzudenken. Sie mußten um ihr tägliches Brot kämpfen. Sie entwickelten die Landwirtschaft weiter und verbesserten ihre Häuser, um der Kälte und der Feuchtigkeit widerstehen zu können. Sie blieben länger an der gleichen Stelle wohnen, während das Weiden der Tiere und der intensive Anbau den Boden immer mehr auslaugte. Der bisher stets erzielte landwirtschaftliche Überschuß, der wahrscheinlich für den Bronzeimport verwendet wurde, nahm ab, und die Gotländer waren wie alle anderen Einwohner Skandinaviens gezwungen, sich zunehmend selbst zu versorgen.
Zumindest zu Beginn der Eisenzeit war die Viehzucht noch ein wichtiger Teil der Landwirtschaft. Die Wirtschaft basierte auf Fleisch, Wolle, Häuten, Leder, Milch, Knochen und Horn. Sogar Käse wurde hergestellt. Die Bedeutung des Getreides stieg erst in den Jahrhunderten nach Christi Geburt. Auf ihren Äckern bauten die Bauern Gerste, Roggen und Weizen an. Allmählich kamen auch Hafer, Bohnen, Hanf und Flachs dazu.

Vinarve im Kirchspiel Rone

Unter der gotländischen Grasnarbe verbergen sich immer noch große Teile der Landschaft, die Bauern der Eisenzeit bewirtschafteten. Wenn man einen Spaten an der richtigen Stelle in die Erde stößt, kann man eine vorgeschichtliche Siedlung mit allen Elementen einer Kulturlandschaft finden: Hausfundamente, Äcker mit Wällen und Gräben, Weiden, Viehgassen, Brunnen und Gräbern.
Ein solches Gebiet gibt es bei Vinarve im Kirchspiel Rone. Dort konnten Archäologen und Kulturgeographen in enger Zusammenarbeit ein kleines Stück Gotlands aus der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit offenlegen. Selbstverständlich ist es nur ein kleines Fragment einer Siedlung, in der seit mehr als 1500 Jahren Menschen leben, aber die Untersuchungen zeigen, wie Generationen von Gotländern wohnten und wie sie sich ernährten. Sie enthüllen, wo es Äcker, Heuwiesen, Weiden und Brachland gab, wie groß sie waren und wie die Bauern diese Flächen nutzten. Die Forscher können sogar berechnen, wie viele Menschen zu jedem Zeitpunkt durch den Hof versorgt werden konnten.
Während des Übergangs von der Bronzezeit zur Eisenzeit änderten die Gotländer auch die Art, ihre Toten zu begraben. Sie bauten nicht länger monumentale und ein wenig prahlerische Grabhaufen und Schiffssetzungen. Statt dessen legten sie nun kleinere Gräber in großen Gruppen an. Solche Ansammlungen von Gräbern gibt es bei Barshalder im Kirchspiel Grötlingbo, in Annelund außerhalb von Visby und in Lilla Bjers im Kirchspiel Stenkyrka. Die Grabfelder wuchsen dann lange Zeit immer weiter, so daß sie viele verschiedene Grabtypen aufweisen. Auch in diesem Bereich wechselte die Mode von kleinen einfachen, kaum sichtbaren Steinhaufen zu weitgestreckten Anlagen mit Mustern aus Steinen, die Sternen oder Speichenrädern gleichen.

Kontakt mit Rom

Etwa zur Zeit von Christi Geburt verbesserte sich das Klima wieder, wodurch die Landwirtschaft neu in Gang kam. Dies führte wiederum dazu, daß die gotländischen Bauern begannen, neues Land urbar zu machen, und daß die Siedlungen immer größer wurden. Die Herrschaft der Kelten auf dem Kontinent war gebrochen. Nun herrschten im Süden die Römer und im Norden die Germanen. An der südöstlichen Küste der Ostsee siedelten die Goten, die laut einiger unsicherer Quellen eigentlich aus Skandinavien stammen sollten. Vielleicht kamen einige von ihnen sogar aus Gotland.
Die vorteilhafte Lage Gotlands für den Handel und die nautischen Kenntnisse der Inselbewohner kamen nun wieder zur vollen Anwendung. Römische Kaufleute drangen über Dänemark und auch über die Flüsse Weichsel und Oder bis zur Ostsee vor. An den Flußmündungen trafen sich die Kaufleute aus dem Norden und dem Süden und tauschten ihre Waren. Vielleicht konnten die Gotländer hier eine Mittlerrolle im römisch-germanischen Handel einnehmen. Für diese Mittlerrolle gibt es mehrere Beispiele aus Mitteleuropa.
Das größte Handelsinteresse der Römer galt Sklaven, da die großen römischen Güter nur mit billiger Arbeitskraft wirtschaftlich geführt werden konnten. Andere begehrte Waren aus dem Norden waren vor allem Häute, die die römischen Legionäre in großen Mengen für Kleider, Schuhe, Zelte und andere Ausrüstung brauchten. Dazu kamen Pelze, Wolle und vielleicht auch Gegenstände aus Eisen, Pferde und Bernstein. Die Römer tauschten dafür Luxuswaren wie zum Beispiel Bronzeschalen, Weinkellen, Glas und manchmal auch Silbermünzen, sogenannte Denare. Die gotländischen Handwerker profitierten von den Kontakten mit dem Kontinent. Geschickte Fachleute ließen sich von der Formenwelt des Südens inspirieren und schufen herrliche Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände aus Gold, Silber und Bronze.

Runen und die Kunst des Schreibens

Durch die Verbindungen mit den Völkern des Mittelmeeres kamen die Gotländer nun mit etwas völlig Neuem in Kontakt, das sie zuerst nur als Zauberei und Magie betrachteten. Diese Neuerung waren die Runen, eine Art Buchstabenschrift, die ihre Wurzeln höchstwahrscheinlich im Mittelmeer hat.
Eine der ältesten Runeninschriften Schwedens steht auf einer Speerspitze, die bei Moos im Kirchspiel Stenkyrka gefunden wurde. Sie wurde auf das 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus datiert. Etwa hundert Jahre später ritzte eine kundige Person das gesamte Runenalphabet, das sogenannte Futhark, in einen Stein, der später bei Kylver im Kirchspiel Stånga gefunden wurde. Diese Einritzung ist eine der ältesten in ganz Schweden, die alle Runen wiedergibt. Da sie auf einen Grabstein eingeritzt war, wurde ihr wahrscheinlich magische Kraft zugeschrieben. Vielleicht banden die Zeichen den Toten an das Grab. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis die Runen auch zur Vermittlung von schriftlichen Informationen verwendet wurden.
In den südlichen Teilen Europas konnten gelehrte Männer schon seit langem schreiben. Einige von ihnen entwickelten nun aus unterschiedlichen Gründen ein starkes Interesse für die Völker des Nordens. Heute müssen wir für dieses Interesse sehr dankbar sein. Reisende und Historiographen wie Pytheas von Massilia, Tacitus, Jordanes und Prokopios hinterließen Erzählungen, in denen sich Fakten und Sagen vermischen. Richtig interpretiert können sie uns doch viele wertvolle Informationen über das eisenzeitliche Skandinavien liefern.

Die Steingründe - Gräber für Kämpfer

Irgendwann im 1. Jahrhundert nach Christus schrieb der römische Historiker Tacitus folgendes in seiner Germania:
"Es ist wohlbekannt, daß die germanischen Völker nicht in Städten leben, ja daß sie es noch nicht einmal zusammenhängenden Siedlungen aushalten. An abgeschiedenen und unzugänglichen Plätzen legen sie ihre Wohnstätten an, dort wo ihnen eine Quelle, ein Feld oder eine Lichtung gefiel. Ihre Siedlungen legen sie nicht in zusammenhängenden Reihen an, so wie wir es tun, sondern ein jeder umgibt seinen Hof mit einer großen freien Fläche, sei es zum Schutz gegen Feuer oder auf Grund fehlender architektonischer Kenntnisse..."
Diese Beschreibung der germanischen Wohnverhältnisse zeigt einige Verhältnisse auf, die auch für das damalige Gotland zutreffen dürften.
Die Jahrhunderte um Christi Geburt sind eine sehr wichtige Periode in der Geschichte der gotländischen Bauern. Nun kolonisierten sie die ganze Insel. Die Kulturlandschaft der Insel nahm langsam ihre heutige Form an, mit einsam gelegenen Höfen, die von Äckern, Wiesen und Brachland umgeben sind. Noch waren die Äcker klein. Eine Familie konnte sich von einem bestellten Areal von etwa 1,5 Hektar ernähren. Üblicherweise wurden die Äcker ständig bestellt, ohne sie zwischendurch brachliegen zu lassen. Dies machte Düngung mit Hausabfällen und Gülle notwendig. Die Bauern benutzten gewisse Flächen nur als Heuwiesen, um so das Winterfutter der Tiere zu bekommen. Daraus entstanden die gotländischen Laubwiesen. Es war wichtig, das Vieh von Äckern und Wiesen fern zu halten. Deshalb baute man Einhegungen aus Stein und Holz um sie herum. Die Zäune fungierten wahrscheinlich auch als Grenzmarkierungen zwischen den verschiedenen Höfen.

Wertvolle Altertümer

Die gotländischen Bauern bauten ihre Häuser und Wirtschaftsgebäude auf kräftigen Grundmauern aus Stein, die oft mehr als einen Meter breit waren und oft auch ebenso hoch. Vielleicht hatten die Häuser ja sogar Innenwände aus Holz. Das Dach ruhte direkt auf dem Boden und wurde von zwei oder drei Holzpfeilern getragen. Die Dächer wurden mit Gras oder Schilf gedeckt. Jeder Hof bestand aus zwei oder drei derartigen Häusern.
In Sjonhem, Lojsta und Burs können auch wir modernen Menschen noch eisenzeitliche gotländische Höfe besichtigen. An diesen drei Orten wurden verschiedene Methoden der Rekonstruktion ausprobiert. Die Lojstahalle wird jedoch mittlerweile als eine wenig gelungene Rekonstruktion angesehen.
Alles in allem gab es in der römischen Eisenzeit und den darauf folgenden Jahrhunderten etwa 2500 Steingrundhäuser auf Gotland, eventuell sogar doppelt so viele. Auch wenn die intensive Landwirtschaft viele Fundamente verschwinden ließ, gibt es heute noch die Reste von ungefähr 1800 Steingrundhäusern. Besonders unter vielen Laubwiesen lassen sich heute noch oft die Umrisse erahnen, kleine rechteckige Wälle mit abgerundeten Ecken. Fast immer sind sie von - heute kaum noch sichtbaren - Steinwällen umgeben. Von alters her werden die Fundamente auf Gotland "kämpegravar" - Riesen-/Kämpfergräber - genannt, da die alten Gotländer glaubten, in ihnen seien Riesen (schwedisch jättar, gutnisch kämpar) zur Ruhe gebettet. Auf Öland findet man den gleichen Typ von Überresten aus der Vorzeit und dort werden die Fundamente ganz einfach als "Riesengräber" (jättegravar) bezeichnet.
Wenn wir davon ausgehen, daß es auf jedem Hof zwei oder drei solcher Häuser gab, dann ist es möglich, die Anzahl der Höfe der Zeit auf der Insel zu errechnen. Die ungefähre Anzahl liegt bei etwa 1500 Höfen, im Mittelalter waren es ungefähr genauso viele und im frühen 18. Jahrhundert gab es 1325 Höfe.
Die bewahrten Fundamente haben großen wissenschaftlichen Wert. Es ist mehr oder weniger möglich, Karten von Gotland vor 2000 Jahren mit sehr detaillierten Angaben zu Landschaft und Bebauung zu zeichnen. Bei Höglundar in Stenkyrka, Rings in Hejnum, Gervide in Sjonhem, Visne ängar in Alskog, Vallhagar in Fröjel und vielen anderen Stellen kann man die "kämpegravsbygder" bestens untersuchen. Die Fundamente, Einhegungen, Wege, Wasserstellen und Brücken sind immer noch deutlich im Gelände zu erkennen.

Vallhagar

Archäologen aus den nordischen Ländern und England untersuchten direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ein über 10 000 qm großes Gebiet bei Vallhagar im Kirchspiel Fröjel, auf dem sie Überreste aus der Eisenzeit fanden. Dort sind 24 Hausfundamente erhalten, die einmal fünf oder sechs Höfe bildeten. Vallhagar scheint eins der wenigen gotländischen Dörfer gewesen zu sein. Normalerweise waren die damaligen Höfe einsam gelegen.
Die Länge der Häuser variierte von zehn bis dreißig Metern. Alle hatten solide Steinfundamente, einen Eingang in der einen Giebelseite und eine Herdstelle in der Mitte. Löcher im Erdboden zeigen, daß das Dach von Holzpfeilern gehalten wurde. Um die Häuser herum gibt es ein ausgedehntes System von Steinwällen.
Innerhalb und außerhalb der Häuser machten die Archäologen viele Funde. Die große Menge an Tierknochen zeigt, daß die Einwohner von Vallhagar hauptsächlich von Viehzucht lebten. Schafe waren die wichtigsten Nutztiere, auch wenn Rinder vorkamen. Ein ponyähnliches Pferd konnte auf vielerlei Art genutzt werden: als Reittier, als Arbeitstier auf dem Acker und vielleicht sogar als Opfer- oder Schlachttier. Die Archäologen fanden auch Knochen von Hühnern und Katzen, die ältesten Funde dieser zahmen Tiere in Schweden.
Die Dorfbewohner pflügten ihre Äcker mit Häufelpflügen und säten dann Gerste, Weizen und Roggen ein. Zur Ernte des Korns benutzten sie Sicheln und zum Heumachen eine kleine Sense. Sie backten Brot in Öfen aus Kalksteinblöcken und das Mehl verlängerten sie mit den Samen wildwachsender Kräuter, wie zum Beispiel Weißer Gänsefuß und andere. Durch Jagen und Sammeln in der Umgebung des Dorfes vervollständigten sie ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Gejagt wurden vor allem Seehunde, Krähen, Dohlen, Stare, Gänse, Stockenten und Rebhühner. Die Dorfbewohner haben sicherlich auch gefischt, aber merkwürdigerweise wurden keine Fischgräten gefunden.
Wahrscheinlich sind die Bewohner von Vallhagar mit ihren vielen Erwerbszweigen recht gut über die Runden gekommen. Unsicher ist jedoch, ob sie einen Überschuß erwirtschaften konnten. Wir wissen auch nicht, ob sie am gotländischen Festlandshandel teilnahmen, auch wenn offensichtlich importierte Glasbecher gefunden wurden. Vielleicht stellten die Frauen an ihren Webstühlen und Spindeln die wichtigsten Exportwaren her. Die Siedlung bei Vallhagar konnte mehrere Jahrhunderte lang bestehen und sich immer weiter entwickeln. Genauso plötzlich wie unerklärlich verließen die Einwohner ihre großen Langhäuser während einer relativ kurzen Zeitperiode und kehrten nie wieder zurück. Es war ein endgültiger Abschied. Er steht historisch im Zusammenhang mit der sogenannten Völkerwanderungszeit, eine unruhige Zeit für ganz Europa.

Sie verließen ihre Häuser - was geschah?

Was passierte nun in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts? Was konnte so weitgehende Folgen für eine viele hundert Jahre alte Siedlungsstruktur haben - nicht nur für Vallhagar, sondern für alle eisenzeitlichen Höfe? So viele Jahrzehnte, wie sich Forscher schon darüber den Kopf zerbrechen, so viele Theorien scheint es dazu zu geben.
Anfangs war man davon überzeugt, daß Krieg, Plünderungen und allgemeine Unruhe in der Ostseeregion die wichtigsten Ursachen waren. Fraglos sind einige der Häuser abgebrannt. Heute weiß man allerdings, daß nur ein kleiner Teil aller Höfe gebrannt hat. Dies haben die Archäologen mit der Tatsache in Beziehung gesetzt, daß viele Goldschätze zu dieser Zeit vergraben wurden. Andere Forscher wiesen auf die zahlreichen Fluchtburgen hin, die in dieser Zeit angelegt wurden. Und der Zweck von Fluchtburgen war es ja, der Bevölkerung in unruhigen und kriegerischen Zeiten Schutz und Zuflucht zu bieten. Und spricht nicht auch die Gutasaga - eine literarische Quelle - von einer erzwungenen Auswanderung vieler Gotländer? Ist es nicht natürlich, daß sich die so Bedrohten wehrten und daraus weitere Gewalt entstand. Bevor sie schließlich doch die Insel verlassen mußten, brannten sie vielleicht ihre Häuser nieder, damit sie niemand übernehmen konnte.
Oder wurden die Brände fahrlässig verursacht? Tacitus deutet ja in seiner Germania an, daß so etwas durchaus üblich war. Vielleicht war die Konstruktion der Häuser so gefährlich, daß die Bewohner nicht länger wagten, weiter in diesen Häusern zu leben. Aber dann muß man sich fragen, warum sie diese Gefahr erst um das Jahr 550 herum entdeckt haben sollen.
Wenn wir eine Abnahme der Siedlungsanzahl und der Bevölkerung voraussetzen, könnten Krankheiten, wie die Pest, eine mögliche Erklärung sein. Oder warum nicht sogar Veränderungen des Klimas? So etwas hatte ja schon oft die Lebensbedingungen der Menschen grundlegend verändert. Auf der anderen Seite kann vielleicht auch eine Bevölkerungszunahme die Ursache für das Verlassen einiger Höfe gewesen sein. Im Laufe einiger hundert Jahre waren neue Höfe außerhalb der größeren Siedlungen entstanden und der ganze nutzbare Boden war urbar gemacht worden. Einige aufeinanderfolgende Mißernten konnten dann eine schwer zu meisternde Krise hervorrufen. Wahrscheinlich waren es dann die neuen, abgelegenen Höfe, die zuerst verlassen wurden.
Das eigentliche Problem liegt aber gar nicht in dem Verlassen der Häuser, sondern in den daraus entstandenen Folgen. Warum kehrten die Menschen nicht zu ihren Häusern zurück, als die Krise überstanden war? Ein Teil der besonders abgelegenen Höfe wurde völlig aufgegeben, aber ansonsten verließen sie nur ihre Häuser und nicht ihre Äcker und Wiesen. Sie verlegten die Hofstellen.
Vielleicht lernten sie zu dieser Zeit auch - oder sie begannen erneut damit -, Häuser aus Holz zu bauen. Die stetige Expansion der Landwirtschaft während der römischen Eisenzeit durch Brandrodung, Urbarmachung und intensiver Weidewirtschaft hatte vielleicht dem Wald so stark zugesetzt, daß es zu einem Mangel an Bauholz kam. Es dauerte mehrere Jahrhunderte bis die Folgen dieser Entwicklung wieder ausgeglichen waren. Zu allem Überfluß kam es in dieser Zeit zu einer wichtigen Veränderung im bedeutendsten Wirtschaftszweig - der Landwirtschaft. Man ging zur Zweifelderwirtschaft über und ließ die Äcker jedes zweite Jahr brach liegen. Dies erforderte die Urbarmachung von neuen, noch nicht bewirtschafteten Böden.
Sollen wir das Problem damit als gelöst betrachten? Oder gibt es hier noch Raum für zukünftige Forscher, die mit diesem klassischen Problem der gotländischen Archäologie ringen wollen?

Die Zeit der Völkerwanderung - Gold und Wirbelräder

Die Völkerwanderungszeit war eine unruhige Zeit in ganz Europa. Germanische, keltische und slawische Volksstämme verteilten sich über große Flächen neu und sorgten für Unruhe auf dem gesamten Kontinent. Das weströmische Reich ging unter, Königreiche entstanden und Könige, Adel und die Kirche schufen die Grundlagen für das mittelalterliche Europa.
Auch in Skandinavien waren es schwere Zeiten. Veränderungen geschahen in der Bebauung und in der Landwirtschaftstechnik, die vielleicht durch Hunger und Krankheiten hervorgerufen wurden. Aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus bauten und verbesserten die Menschen ihre Fluchtburgen und versteckten viel Gold an geschützten Stellen. Aber die großen und reichen Gräber, die Bildsteine, die vielen importierten Gegenstände und die hochentwickelte Metallschmiedekunst sprechen für eine im Großen und Ganzen friedliche Entwicklung und für einen ungestörten Handel.

Das begehrenswerte Gold

Das Ende der Völkerwanderungszeit brachte auch für Gotland einige Veränderungen mit sich. Um wie viele Menschen es sich handelte, wissen wir nicht, aber in dieser Zeit wurden die "Riesengräberhäuser" verlassen. Diese Periode war das Zeitalter des Goldes für Skandinavien und Gotland. Die immer mächtigeren Germanen verschafften sich große Mengen des begehrenswerten Metalls aus dem auseinanderbrechenden Römischen Reich.
Einen Teil bekamen sie sicher ganz legal durch Handel oder als Lohn für Söldnerdienste, aber sie verschafften sich auch große Mengen durch Plünderung. Das Gold bestand aus Schmuckstücken, unbearbeiteten Barren und aus Goldmünzen, sogenannten Solidi. Davon wurden etwa 250 in der Erde Gotlands gefunden.
In Europa zirkulierten große Mengen Gold. In der Mitte des fünften Jahrhunderts mußte zum Beispiel der römische Kaiser Theodosius ein Lösegeld an den Hunnenkönig Attila bezahlen, um Rom vor der Plünderung zu bewahren. Der Kaiser mußte 430 000 Solidi aufbringen. Das entspricht einem Gewicht von etwa 2 Tonnen Gold!
Ein steter Strom von Edelmetallen floß nach Norden zu den Ostseeinseln Bornholm, Öland und Gotland. Aber nicht alles kam bis dort, sondern vieles blieb statt dessen an der südlichen Küste der Ostsee. Die Kaufleute verwendeten Gold wahrscheinlich für den Fernhandel und für sehr spezielle Geschäfte, aber wohl kaum für den lokalen Handel. Vielleicht haben sie deshalb einen Teil des Goldes versteckt. Bestimmt haben die Menschen das Gold auch in religiösen Zeremonien als Opfergabe benutzt.
Ein Teil des importierten Goldes wurde für die Herstellung von Schmuck verwendet. Nicht zuletzt auf Gotland gab es zu dieser Zeit viele geschickte Goldschmiede. Sie entwickelten verfeinerte handwerkliche Techniken mit einer eigenen Formenwelt. Nach römischem Vorbild lernten sie, dünnes Goldblech zu rundem Hängeschmuck, sogenannten Brakteaten, zu pressen und zu prägen. Eine Art Wahrzeichen für Gotland wurden die protzigen Prachtfibeln mit wunderbarer Tierornamentik.

Axtförmige Bildsteine

Die Verbindung zwischen der gotländischen Kreativität und den neuen Eindrücken vom Kontinent, manifestierte sich auch in einer anderen Kunstform - den Bildsteinen. Gotländische Handwerker hatten schon die Fähigkeit, mit dem geschichteten Kalkstein umzugehen und ihn mit einfachen Werkzeugen zu formen. Nun im fünften Jahrhundert geschah etwas Neues. Die Gotländer begannen auf ihren Grabfeldern bis zu drei Meter hohe, geschickt behauene Steine zu errichten, die wie Axtschneiden geformt waren. Sie waren sparsam mit Wirbelrädern, Ruderschiffen, Spiralen und einfachen Tierbildnissen ausgeschmückt. Diese Motive waren wichtige Teile der damaligen religiösen Zeremonien. Wahrscheinlich wurden die Muster mit klaren Farben ausgemalt. Es muß ein phantastisches Erlebnis gewesen sein, ein Grabfeld wie das bei Lilla Bjers im Kirchspiel Stenkyrka mit seinen vielen großen Bildsteinen zu sehen.
Die Figurenwelt der Bildsteine stammt ursprünglich nicht von Gotland. Die Bilder und Symbole holten sich die Gotländer vom Kontinent, wahrscheinlich sogar aus dem Römischen Reich, wo ähnliche Formen auf Grabmälern und Mosaikböden vorkamen. Der oder die Künstler, die die Bildsteine des fünften Jahrhunderts schufen, kamen wohl auch noch nicht von Gotland. Ein fähiger Handwerker aus dem Mittelmeergebiet könnte mit einem gotländischen Kaufmann auf die Insel gekommen sein - vielleicht sogar ein Sklave, der sich nun in seinem neuen Heimatland beweisen mußte. Aber wir können auch nicht ausschließen, daß Gotländer die neuen Techniken im Ausland lernten.
Die ästhetisch ansprechenden Bildsteine des fünften Jahrhunderts sollten einige Jahrhunderte später Nachfolger bekommen. Dann bekamen die Steine ein anderes Aussehen und eine ganz andere Bildwelt.

Torsburgen - Heim der Asen und Wehr der Menschen

Hoch über das sie umgebende Waldgebiet im Osten Gotlands erhebt sich die Torsburg, ein Bergplateau, das an drei Seiten von bis zu 30 Meter hohen Klippen begrenzt wird. Im Süden und Südwesten, wo der Berg nur sehr flach abfällt, wurde eine zwei Kilometer lange Mauer aus Kalkstein gebaut. Die Mauer war einmal bis zu sieben Meter hoch und hatte lotrechte Außenseiten. Heute sind aber große Teile davon eingestürzt. Die unzugänglichen Felswände und der beeindruckende Schutzwall machten aus der Torsburg eine außerordentlich effektive Verteidigungsanlage. Aber unter dem Vorbehalt, daß man etwa tausend Mann benötigte, um die ganze Fläche zu verteidigen. Die Befestigungsanlage ist nämlich doppelt so groß wie die Innenstadt Visbys.

In der Welt der Sagen

Die Torsburg wird in der sogenannten Auswanderungserzählung der Gutasaga genannt. In der Volkstradition wohnte der Donnergott Thor auf Torsburgen. Von hier aus brach er zu Kämpfen gegen übelgesinnte Riesen und Trolle auf. Von den Trollen behandelte er Torspjäsku besonders hart. Sie war eine Frau, deren Vorderseite schön und anziehend war, aber deren Hinterseite wie ein hohler Baumstamm ausgehöhlt war.
Thor wohnte in einer tiefen Schlucht namens Svartstugan (die schwarze Hütte). Sie hatte zwei Fenster und eine Türöffnung, die zu einem Klippenabsatz führte. Dort befanden sich seine Küche und sein Esszimmer. Ein glatter Gesteinsbrocken war der Esstisch und in seinem Ofen aus Steinen konnte er herrliche Wildschweinsteaks zubereiten. Zufrieden saß er in Svartstugan und dachte an seine Taten. Besonders freute er sich, wenn er an das Geschenk dachte, daß er den Menschen gemacht hatte - die Blitze. Denn daraus entsteht ja das Feuer.
Wenn Thor Essen besorgen mußte, nahm er oft den Weg durch Västre skipsgangen. Auf dem Rückweg versteckte er dann seine Vorräte in einer der vielen Grotten in der Torsburg. Der beste Weg zurück nach Svartstugan war durch Rindarhulet, eine kreisrunde Öffnung im Berg. Wenn er die Riesen richtig überraschen wollte, benutzte er einen unterirdischen Gang, der zu einer Anhöhe bei Endre führte.
Als die Gotländer sich nach und nach neuen Ideen und Lehren zuwandten, hielt es Thor für angebracht, sich zum Sterben hinzulegen. Er fand seine letzte Ruhe irgendwo auf Torsburgen, aber niemand weiß genau wo. Er soll jedoch manchmal in die Heimat zurückkehren, und dann macht er sich meistens nach Östergarnsholm auf, wo er seine alten Feinde, die Trolle, zu treffen hofft.
Es ist nicht ratsam, sich auf die Suche nach Thors Ruhestätte zu begeben. Vor hundert Jahren kam einmal ein Altertumsforscher vom Festland, um nach dem Grab zu suchen. Er wohnte auf dem Hof in Hajdeby. Eines Tages kam er freudestrahlend heim und berichtete den Bewohnern des Hofes, daß er nun wüßte, wo Thor begraben ist, und daß er am folgenden Tag mit den Ausgrabungen beginnen würde.
In der Nacht wachte die Bäuerin auf, als ein großer geschlossener Wagen von schwarzen Pferden gezogen auf den Hof fuhr. Es war, als ob Funken und Feuerbälle um ihn herum tanzten. Ein dunkel gekleideter Mann ging in das Haus und weiter in das Zimmer des Forschers. Niemand weiß, was nun passierte, aber der Forscher reiste am nächsten Tag ab. Eine solche Nacht wollte er nicht noch einmal erleben. Er war gepeinigt und geplagt worden, bis er fast wahnsinnig geworden war. Seitdem hat niemand mehr nach Thors Grab gesucht.

Die Wirklichkeit

Die Torsburg hat noch einen ganz anderen Zweck erfüllt. Die Befestigungsanlagen zeigen, daß sich die Gotländer bedroht gefühlt haben müssen. Und das nicht nur ab und zu, sondern ziemlich oft. Das gilt nicht nur für die Leute, die auf Östergarn wohnen, sondern für alle Gotländer. Die Burg dürfte eine Angelegenheit der ganzen Insel gewesen sein. Der Beschluß, die Burg zu bauen, und die tatsächliche Durchführung des Bauvorhabens deuten daraufhin, daß es eine gewisse Organisation gab, die hinter all dem Steinbrechen, dem Holzschlagen, dem Mauern und der ganzen anderen Arbeit stand. Wer hatte die Macht, die Berechtigung oder die Fähigkeit, diese Anlage zu erbauen? Eine politische Zentralmacht, eine geeinte Region oder eine einflußreiche Familie? Ob es jemand derartigen gab und wer es in so einem Fall war, wissen wir nicht.
Vermutlich war die Torsburg Teil eines Systems von Fluchtburgen, die an der gefährdeten gotländischen Ostküste verteilt waren. Sie bilden eine Kette von Verteidigungsanlagen, die untereinander durch ein Signalsystem von Wachfeuern verbunden waren.
Früher war man davon überzeugt, daß die Fluchtburgen in der Völkerwanderungszeit entstanden waren. Heute weiß man es besser. Viele Burgen haben ihren Ursprung schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt und sind danach im Laufe von etwa tausend Jahren immer weiter ausgebaut und verbessert worden. Bei archäologischen Untersuchungen der Mauern der Torsburg fand man heraus, daß sie schon in der römischen Eisenzeit erbaut wurde. Die Burg wurde dann in der Völkerwanderungs- und der Wikingerzeit ausgebaut.
Wozu wurden die Torsburg und die anderen Fluchtburgen erbaut, die auf leicht zu verteidigenden Klippen oder auf dem flachen Land lagen? Waren sie nur zur Verteidigung oder Zuflucht in Unruhezeiten gedacht? Das werden sicherlich ihre wichtigsten Aufgaben gewesen sein. Vielleicht wurden sie auch als Pferche, als Marktplätze oder als Zentren für kultische und religiöse Zeremonien benutzt. Einige waren vielleicht sogar nur befestigte Höfe. Die Ausweitung der Landwirtschaft und die Jagd der Bauern nach bestellbarem Land machte es nötig, sich gegen seine nächsten Nachbarn zu verteidigen.
Auf Gotland gibt es etwa hundert Fluchtburgen. Im östlichen Svealand gibt es weit mehr, allein in Södermanland etwa 300. Darüber hinaus finden wir welche in Bohuslän, Halland und anderswo. Einige der Bekanntesten liegen auf Öland. Die Burg von Eketorp, von der einige Teile der Mauer und der alten Bebauung rekonstruiert wurden, hat eine ähnliche Baugeschichte wie die Torsburg.

Die Vendelszeit - ein Vorspiel der Wikingerzeit

In Snorri Sturlusons Saga von den Ynglingern wird unter anderem von drei Königen berichtet, die Aun, Egil und Adils hießen. Sie sollen irgendwann im sechsten Jahrhundert über Gamla Uppsala geherrscht haben und dort in den drei großen Hügeln begraben worden sein, die noch heute den Ort dominieren. Wenn die Erzählung stimmt, dürften sie damit unter den ersten Königen gewesen sein, die über das Reich der Svear herrschten. Dieses Reich sollte mit der Zeit ein bedeutender wirtschaftlicher und politischer Machtfaktor werden und auch in der gotländischen Geschichte eine große Rolle spielen.
Ungefähr zur gleichen Zeit geschahen große Dinge auf dem europäischen Kontinent. Schon 395 wurde das Römische Reich in ein west- und ein oströmisches Reich geteilt. Während der folgenden Jahrhunderten war vor allem das weströmische Reich ständigen Attacken germanischer Volksstämme ausgesetzt. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts begannen die Araber einen gewaltsamen Vorstoß entlang der Küste Nordafrikas und etwas später kamen sie auch nach Europa. Lange, religiös motivierte Kriege unterbrachen den bisher so einträglichen Handel im Mittelmeergebiet.
Im heutigen Frankreich entstand das fränkische Reich. Um 730 hatte es schon genug Macht, um dem Vordringen der Araber in der blutigen Schlacht von Poitiers ein Ende zu setzen. Zur gleichen Zeit schrieb der angelsächsische Mönch Beda venerabilis eine Geschichte seines Volkes. Er verwendete das erste Mal Christi Geburt als Ausgangspunkt für die Zeitrechnung. Noch heute ist dies die Grundlage der geschichtlichen Zeitrechnung, die kein Jahr Null kennt. Im östlichen Europa begann eine Volksgruppe, die Slawen, nach Westen vorzudringen. Sie wurden die nächsten Nachbarn der Gotländer an der südlichen Ostseeküste.

Svear und Gotländer

In der schwedischen Geschichte wird die Zeit von etwa 550 bis 800 als Vendelzeit bezeichnet. Die Vendelszeit hat ihren Namen nach den außerordentlich reichen und prachtvollen Bootsgräbern, die bei Vendel und Valsgärde in Uppland gefunden wurden. Mächtige Männer wurden hier begraben, mit kostbaren Grabbeigaben, wie Waffen, Helmen, Schilden und importierten Luxusgegenständen. Die Ausstattung des Grabes war ein Ausdruck für den sozialen Status. Aber die Svear hatten bestimmt keine Hemmungen, ihre Waffen auch zu gebrauchen, sei es zur Verteidigung oder zur gewaltsamen Ausweitung ihrer Macht.
Sie betrieben auch umfangreichen Handel, der vor allem auf der Eisenherstellung basierte. Ein Teil des Handels konzentrierte sich mit der Zeit in Birka im Mälarsee. Bestimmt sind auch einige Gotländer dorthin gefahren. Die Svear begannen nun auch, sich nach neuen Märkten umzusehen. Große neue Märkte lagen im Osten, vor allem im Baltikum. Dort gab es aber schon Andere mit den gleichen Interessen, die zudem dieses Gebiet als ihren angestammten Markt betrachteten - die Gotländer.
An der baltischen Küste, im heutigen Lettland und Litauen, die damals nur eine Tagesreise von Gotland entfernt war, hatten gotländische Handelsleute von alters her enge Kontakte zu den Menschen der Gegend. Bei den Städten Grobin und Apuole gab es Häfen, die denen auf Gotland glichen. Dorthin fuhren sie, um Handel zu treiben und wahrscheinlich ließen sich dort auch einige für immer nieder. An beiden Orten gibt es Grabfelder, in denen Archäologen große Mengen an Funden aus Skandinavien gemacht haben. Ein Teil der Gräber enthielt typisch gotländische Gegenstände. Es ist aber schwer zu sagen, wie groß der Einfluß der Gotländer in Wirklichkeit war. Dazu sind noch weitere Untersuchungen nötig. Auch bei Truso und Wiskiauten in Nordpolen gibt es Grabfelder mit gotländischen Funden.

Prachtvolle Gräber

Auf Gotland wuchs die Bevölkerung und damit wuchsen auch die Grabfelder. Bei Trullhalsar im Kirchspiel Anga und an anderen Orten bekamen die Steinhaufengräber jetzt oft tortenähnliche Formen mit einer Kante aus Kalksteinsplittern. Viele Gräber wurden mit kunstvoll gehauenen Grabkugeln geschmückt.
An anderen Stellen wurden die toten Gotländer mit ihren Schwertern, Speeren und anderen Ausrüstungsgegenständen in die Gräber gelegt. Pferde und Hunde mußten manchmal ihren Herren in den Tod folgen. Unter anderem wurden bei Broa und Högbro im Kirchspiel Halla mehrere wohlgefüllte Gräber gefunden. Dies hat Verwunderung unter einigen Archäologen hervorgerufen. Wer bekam solche reichen Gräber? Waren es die damaligen Großbauern, die reichsten Kaufleute oder die erfolgreichsten Handwerker? Oder waren es gewöhnliche gotländische Bauern?
Auf Gotland arbeiteten zu dieser Zeit viele geschickte Feinschmiede mit der Herstellung schöner Schmuckstücke und Fibeln. Ihre stilistische Ausformung kam aus dem Süden, aber sie bekamen auch eine spezifisch gotländische Prägung. Paviken bei Västergarn war einer der vielen Häfen und Handelsplätze, der von den gotländischen Kaufleuten anlegt wurde. Paviken sollte in den folgenden Jahrhunderten große Bedeutung erlangen. Es war ein wichtiger Treffpunkt für gotländische Händler und viele ausländische Besucher.
Damit war eine neue Periode in der eigentümlichen gotländischen Bildsteinkunst angebrochen.

Die sagenhafte Welt der Bildsteine

Die stilvollen und sparsam dekorierten Gedenksteine des fünften Jahrhunderts wurden mehrere hundert Jahre lang von deutlich kleineren und längst nicht so elegant behauenen Steinen abgelöst. Die Steinmetze schmückten sie mit einfachen Darstellungen von Segelschiffen mit hohen Steven, von Pferden, Hirschen, Entenvögeln und Schlangen. Auf einigen Steinen ist eine Frau mit Schlangen in den Händen zu sehen. Eine Schlangenhexe?
Nach dieser Übergangsphase tauchte im ausgehenden 8. und im frühen 9. Jahrhundert eine neue Generation Bildhauer auf. Sie errichteten wieder über drei Meter hohe Steine, die aber mit vollkommen neuen Bildern und Figuren dekoriert waren. Ihre Bilderwelt hat ihren Ursprung womöglich in der ausdrucksstarken Bildkunst und der lebendigen Figurendarstellungen im Frankenreich des 8. Jahrhunderts.
Auch die Form der Steine änderte sich. Für die Meister, die diese Steine schufen, hatte sicherlich die Silhouette eines Stammes mit einem halbrunden Oberteil eine symbolische Bedeutung. Natürlich kann man auch die Steine aus dem 8. Jahrhundert mit einer Axt vergleichen, immerhin waren Äxte ja wichtige Gegenstände bei kultischen Handlungen. Aber die Steine können auch für einen Fruchtbarkeitskult stehen und Phalli symbolisieren. Vielleicht sollen sie auch die Weltenesche Yggdrasil darstellen, die mit ihren gewaltigen Ästen der Erde Schatten spendete und das Leben ermöglichte. Oder ähneln die Steine einer Tür, einer Passage zwischen dem Bekannten, und dem Unbekannten, dem Übergang zwischen Leben und Tod?
Jemand hat die Bildsteine als die Comics der Vorzeit bezeichnet. Die Bildsteine mit ihrer lebendigen Bilderwelt voll von dramatischen Ereignissen, Schiffen und Symbolen in klaren Farben, müssen einem Comic sehr ähnlich gewesen sein. Und sie waren genauso leicht zugänglich für die Menschen der Eisenzeit wie für uns heute Comics. Sie waren ein stattlicher Blickfang an Wegen und Opferplätzen.

Gedenksteine

Die großen Bildsteine sind vermutlich Gedenksteine für Männer, die etwas Bedeutendes im Leben erreicht hatten. Natürlich ist es sinnvoll anzunehmen, daß die Bilder als Ereignisse aus dem Leben dieses Mannes gedeutet werden können, aber bei einer näheren Untersuchung zeigt sich, daß viele Motive auf den meisten Bildsteinen vorkommen.
Es gibt Schiffe, die zum Teil realistisch dargestellte Wikingerschiffe sind. Es gibt aber auch Schiffe, die das Totenschiff symbolisieren könnten, das notwendig war, um nach Walhalla zu kommen. Vielleicht sahen die Gotländer die Schiffe auf den Bildsteinen als Ersatz für die Bootgräber. In der Bildwelt der Steine finden sich auch immer wieder eine Frau, die ein Trinkhorn darreicht, Pferde und eine liegende Person. Diese üblichen Darstellungen werden mit Szenen aus den nordischen Götter- und Heldenepen vermischt.
Die Hinterbliebenen ehrten den Toten, indem sie einen Bildstein für ihn aufstellten. Die Mythen und religiösen Erzählungen hatten große Bedeutung für die letzte Reise des Toten, genauso wie die Opfermahlzeiten und andere rituelle Handlungen während der Beerdigung. Ehre und Tod waren wichtige Konzepte in der Welt der Eisenzeit. Die Dreiecke auf den Bildsteinen könnten das Symbol für das Herz gewesen sein, während die Ringe für Treue oder Ehre standen. Jemand, der etwas im irdischen Leben geleistet hatte, konnte sich auf das Leben in Walhalla, den schäumenden Met, die lustigen Jagden und die wilden Kampfspiele freuen.
Die gotländischen Bildsteine sind nicht nur eine wichtige Quelle für die damaligen Mythen und Sagen. Sie geben uns auch wichtige Informationen über das Alltagsleben. Die Bilder auf den Steinen zeigen, wie die Menschen wohnten, wie sie gekleidet waren, welche Waffen sie benutzten und wie ihre Schiffe segelten. Aus ihnen geht sogar hervor, daß die Männer einen gepflegten Bart und die Frauen langes, eventuell geflochtenes Haar hatten. Es gab mit einiger Sicherheit befahrbare Wege, da mehrere Darstellungen Wagen zeigen, die von Pferden gezogen werden. Kampf- und Opferszenen zeigen mit aller Deutlichkeit, daß Gewalt nicht ungewöhnlich war.

Die Wikingerzeit - die Menschen des Nordens kommen nach Europa

Kaufleute, Staatengründer und Räuber

Das erste Mal, daß die Wikinger in der Geschichte erscheinen, dürfte das Jahr 793 gewesen sein. Vollkommen unerwartet segelte eine Gruppe heidnischer Skandinavier über das Meer zum englischen Kloster Lindisfarne. Zum Entsetzen der Mönche kamen sie nicht in friedlicher Absicht, sondern um zu plündern und zu rauben. Vielleicht wurden die Bewohner des Nordens schon seit langem von den Reichtümern gelockt, die sie auf ihren Handelsreisen in den Westen gesehen hatten. Sie wußten bestimmt von all den Kostbarkeiten, die dort so leicht zugänglich waren und zudem kaum verteidigt wurden. Sie brauchten sich weder vor den wehrlosen Mönchen noch vor dem, was die Christen Gott nannten, zu fürchten. Das Zeitalter der Wikinger hatte begonnen.
Begierig nach Macht, Ehre und edlen Metallen belagerten und verwüsteten die Wikinger Paris, London, Lissabon, Sevilla und Hamburg. Sie suchten neues Ackerland in England, Irland, Nordfrankreich, Island, Grönland und Nordamerika. Sie bauten Handelsstädte wie Birka im Mälarsee, Haithabu in Norddeutschland, Kaupang am Oslofjord, York in England und Dublin in Irland. Sie trieben Handel an den russischen Flüssen, segelten über das Schwarze Meer bis nach Konstantinopel und besuchten Jerusalem und Bagdad. An mehreren Orten hinterließen sie neue Reiche und Staatsgebilde.
Die nordischen Wikinger wurden in ganz Europa bekannt als Piraten, Räuber und Krieger, aber auch als geschickte Seefahrer, Händler und Staatengründer. Sie brachten die Zivilisation des Kontinents in den Norden und integrierten so den Norden in die europäische Kulturgemeinschaft.
De Einfluß der Wikinger ist immer noch zu spüren. Engländer, Franzosen und Russen übernahmen nordische Wörter in ihre Sprachen und nannten Städte und Dörfer nach Orten in der Heimat der Wikinger. Noch heute taufen viele junge Eltern ihre Kinder als Björn, Torsten, Gunnar und Sigrid. Aber es waren keine großen Scharen, die sich auf den Weg nach Europa machten. Die allermeisten Skandinavier blieben auf ihren Höfen. Außerdem sollte es noch ziemlich lange dauern, bis ein König oder ein anderer mächtiger Mann solche Heere wie gegen Ende der Wikingerzeit aufbieten und ausrüsten konnte.

Sie nutzten die Möglichkeiten

Die politische Situation in England trug dazu bei, daß die Wikinger einen so großen Teil Europas in den Griff bekommen konnten. Um 800 kamen sie mit drei Großreichen in Kontakt: das immer stärker zersplitterte Reich der Franken, das oströmische Reich mit dem Zentrum in Konstantinopel und das arabische Kalifat. England war in viele kleine Reiche ohne einheitliche Führung aufgeteilt. In Rußland gab es noch keinen Staat, nur an der Wolga beherrschten die Wolgabulgaren und die Kazaren zwei kleinere Reiche. Der wirtschaftliche Schwerpunkt des islamischen Reiches lag in Bagdad oder gar noch weiter östlich in Samarkand. Dort hatten die Araber begonnen, reiche Silberminen auszubeuten.
Gleichzeitig entwickelte sich der Norden recht stark. Die Bevölkerung wuchs und die Häuptlinge konnten die Menschen immer besser kontrollieren, was bei diesen eine starke Sehnsucht nach Freiheit hervorrief. Der Handel konzentrierte sich in größeren Zentren. Im Westen gab es Land, das man erobern konnte, leicht zu erlangende Kostbarkeiten, Macht, Ehre und Abenteuer. Im Osten lag ein phantastischer Markt mit stark gefragten Handelswaren wie Sklaven, Pelze und Silber. Der Osten war leicht zu erreichen, da die großen Flüsse für geeignete Boote gut befahrbar waren.
Und geeignete Boote hatten die Wikinger. Mit ihren sorgfältig gebauten, schnellen Schiffen konnten sie nicht nur auf hoher See, sondern auch auf Flüssen segeln oder rudern. Obwohl sie mit Männern, Ausrüstung und Handelswaren, zum Teil sogar mit Pferden, belastet waren, lagen sie hoch im Wasser. Sie waren so leicht, daß die Besatzung sie längere Strecken über Land ziehen konnte. Die Schiffe waren die Nabelschnur der Wikinger. Ohne diese Schiffe und ihre außerordentlichen Eigenschaften, hätten die Wikinger sich niemals auf ihre weiten Fahrten begeben können. Sie wären niemals berüchtigt, gefürchtet, berühmt oder bewundert worden.

Die Landwirtschaft war die Grundlage

Die Gotländer der Wikingerzeit lebten wohl wie die meisten anderen Skandinavier. Die Meisten betrieben Landwirtschaft, Andere wurden Händler oder Krieger, die mit Silber im Geldbeutel von ihren Reisen zurückkamen. Einige bildeten sich zu geschickten Kunst- oder Waffenschmieden, zu Schiffsbauern, Bronzegießern, Kammachern, Hornschnitzern oder Tischlern weiter. Andere konnten Runen und Drachenschlingen in Steine meißeln, und einige wurden beliebte Dichter und Sagenerzähler. Viele blieben unter Grasnarben und Grabhaufen in fremden Ländern.
Sie saßen stolz und mächtig auf ihren Höfen, die die Basis der gotländischen Gesellschaft bildeten. Um sich herum hatten sie die Familie, vielleicht ein Dutzend Personen, Bedienstete und Sklaven. Die totale Bevölkerung der Insel zur Wikingerzeit kann zwischen 15000 und 20000 Personen gelegen haben.
Die Landwirtschaft war wichtig und erbrachte sogar einen kleinen Überschuß. Die Bauern der Wikingerzeit erweiterten die Anbauflächen, auf denen sie Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Hanf und Flachs anbauten. Das wichtigste Nutztier war das Schaf, aber sie hielten auch Schweine und Rinder. Pferde wurden als Zieh- und Reittiere genutzt, außerdem war das Pferd ein wichtiges Statussymbol und ein zentraler Bestandteil des Kultes. Hunde waren geschätzte Mitglieder der Familie und es kam vor, daß sowohl Hund als auch Pferd ihrem Herrn ins Grab folgen mußten.
Auf den wikingerzeitlichen Höfen gab es viele Gebäude für verschiedene Tätigkeiten: Wohnhaus, Stall, Scheune und Schmiede. Gewöhnlicherweise waren die Häuser aus Holz in Fachwerkbauweise gebaut, sogenannte Pfahlhäuser. Die Wikinger kochten in Töpfen aus Eisen über dem offenen Feuer. Mit Messern aus Eisen und Löffeln aus Holz, Knochen oder Horn aßen die Bewohner des Hofes Schaffleisch, Fisch, Vögel, Grütze und Brot von Tellern aus Holz. Sie konnten Fleisch und Fisch konservieren, indem sie es trockneten, räucherten, marinierten oder säuerten, um es länger haltbar zu machen. Dazu tranken sie große Mengen an Bier und Met. Wenn ein Wikinger zeigen wollte, daß er im Ausland gewesen war, trank er vielleicht sogar Wein.
Zumindest zu festlichen Anlässen trugen die Männer lange, gerade Hosen oder eine Art Hose, die man unter den Knien zusammenband. Am Oberkörper trugen sie ein Hemd und darüber eine Tunika oder einen Rock. Dieser wurde von einem Mantel bedeckt, der über den Schultern von einer prachtvollen Ringfibel aus Silber gehalten wurde. Ihre Macht und ihr soziales Prestige machten sie durch prächtige Schwerter, Äxte, Speere oder Dolche deutlich.
Die Frauen trugen direkt am Körper ein Hemd aus Leinen und darüber ein langes Trägerkleid, das bis unter die Arme reichte und von zwei Fibeln gehalten wurde, die wie Tierköpfe geformt waren. Um den Kopf oder den Hals wickelten sie ein Kopftuch oder einen Schal, der unter dem Kinn von einer dosenförmigen Fibel gehalten wurde. In einer Werkzeugfibel, die auf der Brust befestigt wurde, hatte sie die Schlüssel des Hauses, ein kleines Messer und einen Behälter für Nadeln. Ein Mantel oder ein Umhang war die normale Überbekleidung.

Sagenerzähler

An den Abenden saßen wohl auch die wikingerzeitlichen Gotländer am wärmenden Herdfeuer und tranken vergorene Getränke, die man mit Wasser und Honig herstellte. Die Frauen kämmten Wolle, sponnen, webten oder nähten, und die Männer spielten Brettspiele oder putzten ihre Waffen. Sie erzählten von spannenden Ereignissen auf See oder von den unendlichen russischen Flüssen, von Begegnungen mit fremden Völkern und guten Geschäften.
Wenn die Wirklichkeit nicht mehr ausreichte, konnte man etwas aus der reichen Sagenwelt erzählen. War der große Kämpfer aus der Wölsungensage, Sigurd Fafnesbane, einer ihrer großen Helden? Sigurd tötete den schrecklichen Drachen Fafner, aß sein Herz und konnte daraufhin die Sprache der Vögel verstehen. Als Belohnung für seine Tat beschlagnahmte Sigurd den enormen Goldschatz des Drachen, den er auf dem Rücken seines vortrefflichen Pferdes Grane transportierte.
Und die Sage vom Meisterschmied Wieland kannten sie wohl auch, dem der König Nidud die Achillessehnen durchschnitt und ihn dann allein auf einer Insel gefangenhielt, damit er nur noch für ihn seine Schmuckstücke schmieden konnte. Als die Söhne des Königs die Schmiede besuchten, rächte sich der Schmied furchtbar. Er schlug beiden die Köpfe ab und verarbeitete ihre Schädel zu versilberten Trinkschalen, ihre Zähne zu Halsketten und ihre Augen zu Edelsteinen. Unergründlicherweise schaffte er es sogar, die Tochter König Niduds auf die Insel zu locken, die er zunächst vergewaltigte, um dann mit heimlich gebauten Flügeln zu fliehen. Seine grausame Rache vollendete er, als er auf seiner Flucht kurz innehielt, um dem König von seiner Tat zu berichten...

Götter und Opfer

Die Gotländer verehrten die gleichen Götter, wie die anderen Skandinavier: den weisen Odin, den Gott des Krieges und des Todes, Thor, der über den Donner, den Wind und den Regen gebot, und den in der Wikingerzeit so wichtigen Fruchtbarkeitsgott Frej. Laut der Gutasaga glaubten sie an "Hügel und Haufen, Heiligtümer und Haine und heidnische Götter". In den Dickichten des Hains riefen sie Naturwesen an, vielleicht sogar "di sma undar jårdi"; bei den Haufen der Grabfelder und Haine beteten sie zu ihren Vorvätern, in den Heiligtümern opferten sie ihren Göttern.
Als Opfer brachten die Gotländer Lebensmittel, Tiere und Menschen. "Sie opferten ihre Söhne und Töchter", berichtet die Gutasaga. Die Opfer waren wichtig, damit das Getreide auf den Äckern gedieh, für gute Ernten und für Kriegsglück. Bei Gudingsåkrarna im Kirchspiel Vallstena und Lillåkra im Kirchspiel Barlingbo haben Grundeigentümer und Archäologen große Mengen an Waffen, Schwertern, Pfeilspitzen, Speeren und Äxten gefunden, die einmal als Gaben an den Kriegsgott vergraben worden.
Als sie nach und nach starben - Rodvisl, Edmund, Torstein, Dan, Botbjärn, Gunnvar, Uddgair, Sigrid, Gunvor, Ragnhild und wie sie alle hießen - wurden sie auf gemeinsamen Grabfeldern begraben, bei Ire im Kirchspiel Hellvi, Kopparsvik in Visby, Barshalder im Kirchspiel Grötlingbo oder an anderen Orten. Viele von ihnen bekamen Kleider, Schmuck, Waffen, Luxusgegenstände, Pferde, Hunde und Lebensmittel als Grabbeigaben.

Woher wissen wir etwas von den wikingerzeitlichen Gotländern?

Der größte Teil der vorgeschichtlichen Gotländer bleibt für uns vollkommen anonym. Wir kennen keine Individuen, wir wissen nicht, wie sie hießen oder was sie in ihrem Leben erreichten. Doch da wir uns nun dem Ende der vorgeschichtlichen Zeit nähern, treten einige von ihnen aus dem Dunkel. Manchmal mit ihren Namen, manchmal auch mit ihren Taten.
Einige geben sich in den Texten der Runensteine zu erkennen: Rodvisl, Oystain und Edmund, die weit nach Osten fuhren, Rodfos, der vorsätzlich von den Walachen in Rumänien erschlagen wurde, Dan und Botbjärn, die Runen zu ritzen wußten, und Botmund, Botraiv und Gunnvar, die im Süden mit Leder handelten.
Andere werden in der Gutasaga genannt. Als es den Gotländern schlecht ging, sandten sie den "langbeinigen, klugen und mit vielen Fertigkeiten ausgestatteten Avair Strabain" aus Alva zum König der Svear, um Hilfe zu erbitten. Ormika aus Hejnum ritt zum norwegischen König Olaf in Akergarn, um diesen mit 12 Widdern und anderen Kostbarkeiten zu besänftigen. Als er heimkam, war er zum christlichen Glauben konvertiert. Botair aus Akebäck baute die erste Kirche auf Gotland, und als er Probleme hatte, half ihm Likair der Weise aus Stenkyrka, der "damals am meisten zu sagen hatte".
Natürlich gibt eine Anzahl von Personen, die eindeutig der Sagenwelt zugeordnet werden können. Von dem meisten weiß man weder, wann sie gelebt haben, noch ob sie überhaupt existiert haben. Mal treten sie als Hauptleute der Wikinger auf, mal werden sie einer ganz anderen historischen Periode zugeordnet. Im 19. Jahrhundert hatte man - beseelt von nationalromantischen Ideen - einen großen Bedarf an hervorragenden vorzeitlichen Helden und fand seine Ideale gerade in der Wikingerzeit. Warum sollte man nicht auch aus
"Graipur in Garda
und Bildur in Bro
Taksteinar in Lärbro
Und Knåbbur auf Hau"
Wikinger machen?
Auch die Bildsteine berichten von der gotländischen Wikingerzeit. Sie geben uns wertvolle Informationen über Höfe, Häuser, Kleidung, Haar- und Bartmode, Waffen, Wagen, Schlitten und Haustiere. Ihre Bilder illustrieren den Glauben und die Sagenlehre der Wikinger. Sie ermöglichen es uns zu verstehen, wie die Männer aus dem Norden ihre Schiffe - ihre wichtigsten Werkzeuge - segelten und bemannten. Gräber und Grabausstattungen geben Auskunft darüber, wie sich die Gotländer kleideten, womit sie handelten, mit welchen Waffen sie sich verteidigten, welchen Schmuck sie trugen und welch hohen Grad an künstlerischer Fertigkeit sie erreicht hatten. Sie berichten von der Religion der Wikinger, über ihr Essen, ihre Krankheiten, ihr Alter und vieles andere.
Die Reste von Siedlungsplätzen geben uns Auskunft über das Aussehen der Höfe und Häuser, den Ablauf des Alltagslebens und die wichtigsten Waren des Alltags.

Endlich schriftliche Informationen!

Einige fortschrittliche Gotländer lernten ungefähr zu dieser Zeit das Lesen und Schreiben. Zwar schrieben sie mit Runen, aber den vorher nur in magischen Ritualen benutzten Zeichen wurden nun Laute und Bedeutungen zugeordnet. Diese ersten Feuilletonisten, Reporter, Verfasser - oder wie wir sie nun immer nennen wollen - schrieben eine derbe und kernige Sprache. In einen Stein, der bei Hogrän gegen Ende des 11. Jahrhunderts aufgestellt wurde, ritzten Rodbjärn und Gairlaiv folgende historische Notiz:

"Sigmund ließ diesen Stein für seine Brüder errichten und eine Brücke für Sigbjärn - Sankt Michael sei seiner Seele gnädig - und für Botraiv und für Sigraiv und für Aibjärn, Vater von allen, und er wohnte im südlichsten Hof. Gairvid zeichnete die Drachenschlingen... Sigmund hat auf diese Weise das Denkmal errichtet. Für die Männer ist es ein bekanntes Denkmal. Hier soll der Stein stehen als Gedenkstein, leuchtend auf dem Berg neben der Brücke. Rodbjärn ritzte diese Runen, einige Gairlaiv, der sie gut kennt."

Zeitgenössische ausländische Schreiber hatten leider nicht besonders viel für Gotland über. Irgendwann gegen Ende des 9. Jahrhunderts nennt der Reisende Wulfstan die Insel gleichsam im Vorübergehen: "hatten wir an Backbord die Länder, die zuerst Blekinge und Möre heißen und dann Öland und Gotland; und ihr Land gehört den Svear". Die Information, daß Gotland zum Reich der Svear gehörte, ist interessant. Wir wissen jedoch nicht, wie weit wir auf Wulfstan vertrauen können und wie gut er über die politischen Verhältnisse in der Ostsee unterrichtet war.
Ansonsten müssen wir bis ins Mittelalter gehen, um Angaben über Gotland zu finden. Die Insel und die Gotländer werden in einigen russischen Chroniken und in einem kirchlichen Dokument aus Italien aus dem 12. Jahrhundert erwähnt. Ein paar norwegische Geschichtswerke aus dem gleichen Jahrhundert und Snorri Sturlusons Heimskringla aus dem 13. Jahrhunderte geben sporadische Informationen über das wikingerzeitliche Gotland. Ob sie korrekte historische Fakten wiedergeben, ist jedoch unsicher.
Laut Heimskringla kämpfte der norwegische König Olaf Tryggvasson auf der Insel:

"Der kampfesmutige Herr der Herren
raubte den Gotländern das Leben...",

und Jarl Erik verwendete Gotland als Basis, um die Fahrwasser um die Insel zu terrorisieren:

"Der schildbedeckte Krieger
an Gotlands grünen Küsten
heerte lange weiter..."

Auch Olaf Haraldsson war auf Gotland und zwang die Gotländer, Steuern zu bezahlen, um Verheerungen zu entgehen:

"... das gotländische Volk
zwangst du, Steuern zu bezahlen;
die Männer erkühnten sich nicht
zu wehren ihr Land mit den Schilden..."

Und es gibt einige arabische Reisende, die die Wikinger im Osten trafen. Die "rus", von denen sie in ihren Erzählungen berichten, sind wahrscheinlich Svear, die sich in Rußland niedergelassen hatten. Oder sind es Gotländer, die Ibn Fadlan auf folgende Weise schildert?

"Jeden Tag waschen sie Gesicht und Hände in dem schmutzigsten und dreckigsten Wasser, das man sich vorstellen kann. Es geht so zu, daß jeden Morgen eine Sklavin mit einem Gefäß voll Wasser kommt. Sie reicht es ihrem Herrn, und er wäscht die Hände, das Gesicht und das Haar im Gefäß und richtet seine Haare mit einem Kamm. Dann schneuzt er sich und spuckt ins Wasser. Ja, es gibt keinen Dreck, den er nicht im gleichen Wasser tun würde. Wenn er das Seine erledigt hat, trägt die Sklavin das Gefäß weiter zum Nächsten und er tut dasselbe wie sein Kamerad. Und so trägt sie es weiter vom einen zum anderen, bis es seine Runde im Haus gemacht hat. Und alle schneuzen sich und spucken ins Gefäß und waschen darin Hände und Haare..."

Grell bemalt wurde dieser Stein aufgestellt

Zehn junge Männer aus Boge bauten das Schiff bei Snäckgärdet im nördlichen Teil der Bucht. Dort gab es gutes Bauholz, und ein geschickter Zimmermann, der schon größere Boote als das ihre gebaut hatte, half ihnen mit der Kiellegung und der Errichtung der Spanten.
Lange verhandelten sie mit gotländischen Schmieden und fremden Händlern und tauschten prächtige Schwerter und Speerspitzen aus Eisen, schöne Schmuckstücke aus Bronze, ein paar Bärenfelle und anderes Pelzwerk gegen Wolle, Häute, Getreide, Teer und getrocknetes Schaffleisch von den Höfen ihrer Väter. Mehrere Tage lag das Boot voll beladen auf dem flachen Strand im innersten Teil von Bogeviken während sie auf guten, südwestlichen Wind warteten.
Früh eines Morgens kam der Wind und nach einer schnellen Auffrischung der Vorräte mit Frischwaren, Getränken und Wasser konnten die zehn wohl bewaffneten jungen Männer, Hegbjarn, Rodvisl, Oystain, Edmund, Ravn und fünf weitere, endlich durch die schmale Mündung der Bucht im Westen in See stechen. Gegen Abend sahen sie Kurlands Küstenlinie im Osten und nachdem sie dort die Nacht verbracht hatten, segelten sie gen Semgallen, um die Mündung der Daugava zu finden.
Viele Tage lang folgten sie dem Fluß und dem Nebenfluß Kasplya stromaufwärts, bis zu dem kleinen Ort Gnezdovo bei Smolensk. Auf dem großen Handelsplatz dort veräußerten sie einige ihrer Waren, bevor sie sich auf die wirkliche Kraftprobe vorbereiteten: ihr Boot über Land zur großen Pulsader nach Süden - dem Dnjepr - zu ziehen.
Auf dem Dnjepr segelten sie stromabwärts und trotz einiger Probleme an einigen großen und kleinen Stromschnellen ging die Reise durch das Gårdareich sehr schnell. Nur einmal hatten sie Schwierigkeiten. Eine große Anzahl seßhafter Russen versuchte, sie an der Weiterfahrt zu hindern, aber sie konnten nach einigen Bestechungen weiterfahren. Zuletzt erreichten sie Könugård, ein wichtiges Zentrum für Handel und Kultur. Dort blieben sie eine Weile, handelten und bestaunten das wimmelnde Leben in der Stadt. Hier sahen und hörten sie das erste Mal einen Prediger, der die neue Lehre des Christentums verkündete.
Eigentlich wollten sie in Könugård umdrehen, aber neue Abenteuer und das Glück, das sie bis jetzt hatten, lockten. Also setzten sie ihre Reise auf dem Fluß weiter in Richtung Süden fort.
Alles lief gut bis sie zu den berüchtigten Stromschnellen kamen. Mit Mühe passierten sie Nessupi, Ulvorsi und den "lärmenden" Gelandri, aber als sie die Aifur-Schnellen, "die immer gewaltsamen", erreichten verließ sie ihr Glück. Ravn watete in die Schnellen, um das Boot in einigermaßen ruhige Fahrwasser zu dirigieren, während die anderen es von Land aus mit Seilen festhielten. In einem kräftigen Wirbel verlor Ravn den Griff um das Ruder, fiel ins Wasser und ertrank. Seine Kameraden fanden erst nach langen Suchen seinen Leichnam und zogen ihn an Land. Sie begruben ihn am Flußufer und errichteten Steine zu seinem Gedenken.
Entmutigt setzten sie ihre Reise in Schwarze Meer fort, drehten später jedoch um und begannen die lange Reise nach Hause. Im Boot hatten sie immerhin mehrere Kilo Silber, einige Tuchballen und einige andere, luxuriöse Waren.
Als sie nach ihrer 3000 Kilometer langen Reise wieder zu Hause waren, waren sie zufrieden und glücklich, aber auch betroffen über Ravns Tod. Einige Zeit nach ihrer Heimkehr errichteten sie einen kleinen Gedenkstein für ihn. Sie plazierten ihn auf dem Strand von Bogeviken, nachdem er mit Runen bedeckt worden war. Kurz und deutlich überließen sie der Nachwelt folgende Mitteilung:

"Grell bemalt stellten diesen Stein auf
Hegbjarn und seine Brüder
Rodvisl, Oystain und Emund,
die diesen Stein aufgestellt haben zum Gedächtnis von
Ravn
südlich von Rufstain. Sie kamen
weit in Aifur. Vivil
gab den Auftrag."

Wohin und womit?

Sicher sind einige gotländische Wikinger nach Osten gefahren. Aber normalerweise sind die Meisten wohl nur zur südlichen Ostseeküste gefahren. Dort gab es eine Anzahl bedeutender Handelsplätze: Truso, Wiskiauten und das Wolin der Jomswikinger im heutigen Polen, Ralswick auf Rügen und Haithabu im heutigen Deutschland.
Von den etwa 20 000 Einwohnern der Insel konnten vielleicht etwas mehr als 2000 Personen auf Wikingfahrt in fremde Länder gehen. Und einige von ihnen kamen sehr weit. Auf einem der Flüsse, die in die Ostsee münden, der Neva, der Daugava (Düna), dem Nemunas (Njemen) oder der Wisla (Weichsel) zogen sie bis ins ausgedehnte Gårdareich. Sie fuhren weiter auf der Wolga und trafen die Händler der Wolgabulgaren in Bulgar, die Kazaren in Atil und weiter im Süden die Araber. Gegen Ende der Wikingerzeit fuhren sie meist über den Dnjepr zum Schwarzen Meer und nach Miklagård (Konstantinopel).
Wir wissen nicht genau, welche Waren die Gotländer mitnahmen. Es können landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Wolle, Schafshäute, Leder, getrocknetes und geräuchertes Schaffleisch, Teer oder anderes gewesen sein. Wahrscheinlich haben die Gotländer eher Waren aus anderen Gebieten der Ostseeregion in verschiedene Richtungen vermittelt. Dieser Transithandel war sicherlich der wichtigste Aspekt ihres Handels. Eine Handelsware können Sklaven gewesen sein, eine sehr umständlich zu transportierende Last, auch wenn es sich nur um fünf oder sechs Stück in jedem Schiff handelte. Andererseits bezahlten die Käufer vielleicht besonders gut für sie.
Sklaven konnten auch auf Sklavenmärkten an vielen Orten in Osteuropa gekauft werden. Es war wohl nicht daran zu denken, Sklaven in Rußland zu fangen. Zumindest gilt das für das Ende der Wikingerzeit, als es die Völker entlang der Flüsse gelernt hatten, sich zu wehren und sich in den großen Wäldern zu verstecken.
Andere Handelswaren können Eisen für die baltischen und russischen Gebiete und Pelze für die Araber gewesen sein. Das Eisen exportierten die Gotländer wahrscheinlich als Schwerter, von gotländischen Schmieden gefertigt, oder als Roheisen, das sie in Småland oder auf dem Markt in Birka kauften.
Im Osten kauften sie arabische Luxuswaren, Tücher aus Seide, Schmuck und Silber. Zu Hause auf Gotland hatten sie wohl genug zum Leben, aber in der Ferne gab es Sachen mit denen man zu Hause angeben und seinen sozialen Status heben konnte. Da viele der Gegenstände, die man in Gräbern aus der Wikingerzeit gefunden hat, Schmuckgegenstände sind, nimmt der Handel mit Luxusgegenständen in unserer Vorstellung vielleicht größere Dimensionen als in Wirklichkeit an. Eine Vielzahl an möglichen Handelsgütern haben wahrscheinlich nicht einmal eine Spur hinterlassen.
Wer waren die gotländischen Wikinger? Es kann der Großbauer selbst gewesen sein, der die Handelsfahrten in fremde Länder leitete. Die Bewirtschaftung des Hofes während seiner Abwesenheit konnten seine Frau, seine Familie und seine Sklaven übernehmen. Trotzdem war es wohl eher so, daß er lieber zu Hause blieb und andere fahren ließ. Die Söhne mußten sich aufmachen, zuallererst die Söhne, die nicht den Hof übernehmen sollten. Es war zu gefährlich den Erben und ältesten Sohn zu riskieren. So war es für die jüngeren Brüder aber auch möglich, sich Reichtum und Ansehen zu verschaffen.

Handelshäfen

Es war kein Zufall, daß der Pilgårdsstein am Strand von Bogeviken errichtet wurde. Bogeviken war einer der etwa 50 Häfen aus der Wikingerzeit. Er hatte neben Bandelundaviken, Fröjel, Visby und Paviken große Bedeutung für den gotländischen Handel. Wie die Anderen auch, lag Bogeviken vor dem Wind geschützt und bot so auch Wikingern vom Festland gute Möglichkeiten, sich zu verproviantieren, bevor sie weiter über die Ostsee segelten.
Bogeviken scheint auf dem Festland bekannt gewesen zu sein. Ein Runenstein in Uppland berichtet von einem gewissen Vinaman, der "tot wurde in Buhi". Runenforscher haben das Wort "buhi" als Boge übersetzt. Im nördlichen und südlichen Teil der Bucht gibt es sogenannte "snäck"-Namen, Snäckgärdet und Snäckskog. Vielleicht wurden hier große Kriegsschiffe gebaut - die "snäckor" (Schnecken) der Wikingerzeit.
Paviken bei Västergarn hat den gleichen Charakter wie Bogeviken. Beide sind gut geschützte Lagunen, die durch einen Bachlauf mit dem Meer verbunden sind. Zur Zeit der Wikinger, als das Wasser etwa zwei Meter höher als heute stand, konnten sie ohne Einschränkungen besegelt werden.
Schon in der Vendelzeit wurde Paviken als Hafen genutzt, aber seine große Bedeutung erlangte es erst in den darauffolgenden Jahrhunderten bis etwa 1000. An diesem Platz trieben die Gotländer und sicher auch fremde Händler einen lebhaften Handel mit Eisen, Bronze, Schmuck, Perlen, Topfstein, Münzen und vielen anderen Waren. Dort bauten sie Boote und stellten Gegenstände aus Metall, Knochen, Horn und Glas her. Dort gab es Wohnhäuser und andere Gebäude. Vielleicht sah es an den anderen Hafenplätzen der Insel genauso aus.
Es wurden nur sehr wenige Spuren von weiblicher Tätigkeit gefunden. Auch Funde von Schweineknochen sind selten. Daraus läßt sich schließen, daß Paviken nur in der Sommersaison bewohnt wurde. Eine permanente Bebauung gab es wahrscheinlich nicht. Außerdem scheint es, als sei Paviken sehr hastig aufgegeben worden, fast scheint es, als ob der Platz von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Was in diesem Fall geschah, wissen wir nicht. Eine Verlegung des Handelsplatzes ins südlichere Västergarn könnte eine natürliche Erklärung sein. Vielleicht waren die Bucht und die Einfahrt zusehends versandet, so daß man gezwungen war, einen neuen Hafen zu suchen.
Leider gibt es keine Informationen über die Organisation des Handels. Wenn es überhaupt eine Organisation gab, und er nicht nur auf eigene Initiative betrieben wurde. Vielleicht hatten sich einige Großbauern zusammengeschlossen, um gemeinsam Handel zu treiben. Oder hatte man sich in größeren Teilen der Insel, zum Beispiel in den Things, zusammengetan, um gegen die Konkurrenz bestehen zu können? Denn irgendwann in dieser Zeit muß Gotland eine festere Organisation bekommen haben. Die Insel wurde in verschieden große Teile aufgeteilt, in Things, Settingar und Tredingar, die für die Rechtssprechung, die Steuern und die Kriegsschiffe zuständig waren.

Stavars Schatz

Das Märchen vom Treffen des Häffinde-Bauern mit Store Stavar ist eins der vielen, bei denen ein in der gotländischen Erde vergrabener Schatz eine Rolle spielt. Das Märchen hat in den Personen und Orten später einige Berührungspunkte mit der Wirklichkeit bekommen. Und es wird nicht weniger interessant durch die Tatsache, daß zumindest ein Teil von "Stavars Schatz" wieder aus seinem tausendjährigen Versteck aufgetaucht zu sein scheint!
1975 spielte eine Gruppe von Schulkindern Wikingerleben bei Bandelundaviken. Wie sich zeigen sollte, war dies ein außerordentlich gut gewählter Platz dafür. Der Boden ist dort sandig und voller Kaninchenbauten und als die Jugendlichen zufällig in einem dieser Bauten etwas blitzen sahen, handelten sie genau nach Vorschrift. Sie alarmierten die Archäologen in Visby, die dann bei den folgenden Untersuchungen fast 1500 arabische Silbermünzen, ein paar Spiralringe und ein Stück eines Silberrings fanden. All dies war irgendwann im 10. Jahrhundert vergraben worden.
Die Münzen im Schatz waren an so exotischen Plätzen wie Samarkand, Taschkent, und Bagdad geprägt worden, einige in der Zeit des Kalifen Harun al-Rashid, eine der Hauptpersonen in der arabischen Märchensammlung Tausend und Eine Nacht. Er trifft den gotländischen Store Stavar - welch ein merkwürdiges Zusammentreffen. Welche Assoziationen sich da ergeben können!
Obwohl es nicht einige "Pferdelasten" Silber waren, die die Archäologen und Schulkinder fanden, wurde der Fund schnell als "Stavars Schatz" bezeichnet. Das Märchen vom Häffinde-Bauern ist unter den Einwohnern von Burs besonders lebendig und der Zusammenhang zwischen ihm, dem Ort und dem Schatz schien ja offensichtlich zu sein. War es nur ein Zufall? Oder gibt es in diesem Märchen, wie in so vielen anderen, einen wahren Kern? Die Antworten auf diese Fragen werden wir wohl nie erfahren.

Silber für Gotland

Jedes Jahr wird ein Silberschatz aus der Wikingerzeit auf Gotland gefunden. Diese Behauptung ist vielleicht übertrieben, aber statistisch gesehen stimmt das fast. Gefunden wird das Silber bei der Arbeit auf den Äckern, bei Grabungen, in Kiesgruben und in Sturmbrüchen, manchmal taucht es auch auf so ungewöhnliche Weise wie "Stavars Schatz" auf. In Normalfall bestehen diese Silberfunde aus Münzen, Armreifen, Fibeln, Spangen, kleinen Barren, Stangen und Spiralen. Fast immer wurden sie einem Gefäß aus Kupfer, Holz, Birkenrinde oder Ton aufbewahrt, manchmal auch nur in Tücher oder Leder eingeschlagen. Da die ehemaligen Besitzer der Schätze sie in der Regel unter dem Haus vergruben, ermöglichen die Funde es auch, die Bebauung der Wikingerzeit nachzuvollziehen.
Auf Gotland wurden mehr als 700 Funde von Silbergegenständen aus der Wikingerzeit gemacht. Die etwa 400 Schatzfunde bestehen alles in allem aus bis zu 145 000 Münzen - vor allem arabische, englische und deutsche - vielen tausend Schmuckstücken und großen Mengen an unbearbeitetem Silber. Der Schatz von Stale im Kirchspiel Rone besteht aus der größten Menge Münzen, aber nach Gewicht, ist der über 10 Kilo schwere Schatz von Burge im Kirchspiel Lummelunda der schwerste.
Aus der Prägung der Münzen geht hervor, daß die Gotländer ihre Schätze in der Zeit von 800 bis 1150 vergruben. In den ersten zwei Jahrhunderten, bis ungefähr 970, dominieren die arabischen Münzen, danach die englischen und deutschen. Nach 1050 wird die Anzahl der Schätze weniger, ihr Umfang aber größer. Sie konzentrieren sich in dieser Zeit auch in erster Linie auf die Küstengebiete. Vielleicht kam es zu einer Art Zentralisierung des Handels bei einigen großen Händlern und Kauffahrern. Jeder spezialisierte sich auf das, was er am besten konnte, sei es das Land zu bestellen, Handel zu treiben oder ein Handwerk auszuüben. Es scheint, als würde die Bebauung an den Hafenplätzen jetzt permanent. Und die Leute, die sich dort niedergelassen haben, waren bestimmt keine Bauern.
Nicht nur auf Gotland haben Bauern, Wege- und Häuserbauer Silberschätze aus der Wikingerzeit gefunden. Es gibt sie im ganzen Norden, an der südlichen Ostseeküste, in Rußland und auf den britischen Inseln. Die schwedischen Funde bestehen aus etwas mehr als 200 000 wikingerzeitlichen Silbermünzen und in Rußland gibt es Beispiele von Schätzen, die über 40 Kilo Silber enthalten haben. Unter diesen Plätzen nimmt Gotland aber eine Sonderstellung ein, da mehr als zwei Drittel der schwedischen Münzfunde auf der Insel gemacht wurden.

Kriegsbeute oder Handelsware?

Wieso kam soviel Silber gerade nach Gotland? War es einfach so, daß es die Gotländer besonders gut verstanden, aus der veränderten handelspolitischen Situation in Europa Kapital zu schlagen? Der wichtige Warenaustausch im Süden zwischen dem Orient und Westeuropa wurde im 7. Und 8. Jahrhundert vom Vordringen der Araber im Mittelmeergebiet und den daraus entstehenden Konflikten erschwert. Die Kaufleute suchten neue Wege. Oder war es so, daß die Skandinavier über die russischen Flüsse einen schnelleren, kürzeren und billigeren Weg mit weniger Zwischenhändlern zwischen Verkäufern und Käufer gefunden hatten? In beiden Fällen konnten die Gotländer Gotlands zentrale Lage in der Ostsee ausnutzen.
Möglicherweise kann man den Reichtum an Silber auf Gotland auch mit Plünderung und Seeräuberei erklären. Aber ist es vorstellbar, daß die Gotländer mit ihren Schiffen auf der Lauer lagen, um vorbeisegelnde Handelsschiffe zu überfallen und zu plündern? In diesem Fall müßte sie diese Tätigkeit in größeren Teilen der Ostsee ausgeübt haben. Aber dann darf man wohl vermuten, daß die anderen Seefahrer schnell aus ihren Erfahrungen lernten und die Insel mieden. Oder waren die Gotländer so mächtig, daß sie die ganze Ostsee beherrschen konnten?
Natürlich ist es auch möglich, daß junge gotländische Männer auf fremden Schiffen angeheuert haben, bei russischen Fürsten oder sogar beim Kaiser von Miklagård (Konstantinopel). Die Silberschätze wären in diesem Fall ihr Sold gewesen. Vielleicht waren die gotländischen Männer auch gezwungen, sich mit Silber eine Braut kaufen zu müssen. Das Silber erhöhte das Prestige von Braut und Bräutigam, und auch der Hof, der das Silber bekam, erhielt einen höheren sozialen Status.
Nichtsdestotrotz spricht das meiste dafür, daß der Reichtum durch den Handel zustande kam. Wie soll man sonst die vielen Funde bei Paviken, in Fröjel, bei Bandelundaviken und allmählich auch in Visby erklären? Wie soll man die kleinen Waagen und Gewichte erklären, die an so vielen Stellen auf der Insel gefunden wurden? Und wie soll man die starke Stellung der Gotländer im Ostseeraum deuten, die durch viele schriftliche Beweise belegt ist? Auf jeden Fall muß es ein langer Prozeß gewesen sein, da die einflußreiche Stellung der Gotländer bestimmt nicht von einem Tag auf den anderen entstanden ist.
Wir müssen davon ausgehen, daß das Silber nur ein Teil des gesamten Warenaustausches war, nämlich der Teil, den die Gotländer versteckten. Wahrscheinlich war der Handel viel umfangreicher. Und bestimmt wurde auch viel Silber gefunden, eingeschmolzen und weiter verkauft, ohne daß die Archäologen und die zuständigen Stellen jemals davon erfahren haben. Wie viel mag zudem noch in der Erde verborgen liegen?
Etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts bekam Gotland eigene Münzen, die nun auch als Münzgeld benutzt wurden. Vorher war nur das Silbergewicht von Bedeutung, wenn man seine Waren bezahlen wollte.

Das versteckte Silber

Wieso verwahrten die Gotländer der Wikingerzeit ihr Silber in so umsichtig ausgewählten Verstecken auf? Waren die Verstecke so etwas wie vorzeitliche Schließfächer, die von ihren Besitzern bei akuter Geldnot "geöffnet" wurden? Es ist ja nun nicht verwunderlich, daß sie ihre Besitztümer bei Kriegen, Plünderungen und anderen Unruhen versteckten, aber wieso wählten sie keine Plätze weit draußen im Wald? Dort wären sie ja für einen Feind schwerer zu finden, als unter dem Fußboden im eigenen Haus.
Vielleicht waren die Schätze so etwas wie das Vermögen des Hofes, das im Laufe vieler Generationen angesammelt wurde und auch als Statussymbol diente. Da so viele Verstecke unter dem Fußboden leicht zu erreichen waren, ist die Vorstellung, daß der Hausherr dann und wann das Silber hervorholte und es durch die Finger rieseln ließ, gar nicht abwegig. Auch später noch ist es auf Gotland üblich gewesen, mit Silber ein bißchen anzugeben; Löffel und Pokale wurden deutlich sichtbar in großen Schränken oder auf den feinsten Möbeln plaziert.
Das Silber kann auch als Reserve für größere Geschäfte mit den ausländischen Geschäftspartnern, Vererbungen, Bußgelder und Landkäufe gedient haben. Oder glaubten die Gotländer, daß das Silber magische Eigenschaften hatte und den Hof vor Ungeziefer und arglistigen Nachbarn schützte? In diesem Fall war es natürlich, etwas davon zu verbergen und es dort liegen zu lassen.
Damit wären wir bei einem anderen Problem: Wieso blieben die Schätze in ihren Verstecken liegen? Wieso wurden sie nicht gehoben? Auch für diese Fragen gibt es viele mögliche Antworten. Wurde das Silber plötzlich wertlos?
Am Naheliegendsten ist vielleicht die Erklärung, daß das Silber von einem weit gereisten Wikinger hinterlassen wurde, der in der Ferne starb und nie zurückkam, um sein vergrabenes Kapital zu holen. Zuhause auf dem Hof wußten die Bewohner sehr wohl um den Schatz, aber vielleicht wurde er als persönliches Eigentum angesehen und durfte von niemandem berührt werden.
Das Silber kann auch ein Opfer für die Götter des Hauses gewesen sein. Sie waren für den Schutz des Hofes und seiner Bewohner verantwortlich und brachte allen, die den Schatz anrührten, Unglück. Und was bedeuteten die Gesetze Odins für die Gotländer? Darin heißt es ja, daß die Menschen alles, was sie zu Lebzeiten vergraben hatten, im Leben nach dem Tod benutzen konnten. Das galt natürlich auch für Silber und was wäre eine bessere "Altersvorsorge" als edles Metall? Aber wie lange wurden Odins Gesetze beachtet? Viele Schätze wurden ja erst nach der Christianisierung vergraben. Als die neue Religion sich allmählich ganz durchgesetzt hatte, gab es keinen Anlaß mehr, Silber anzuhäufen. Ein Christ konnte ja doch nichts mit in das Leben nach dem Tod nehmen.

Avair Strabain - weise und mit vielen Fähigkeiten ausgestattet

Der lange und schmalbeinige Avair Strabain aus Alva ist einer der in der Gutasaga genannten Goden. Es ist nicht bekannt, wann er lebte, aber wenn er tatsächlich eine historische Person war, spricht vieles dafür, daß er irgendwann in der Wikingerzeit lebte. Er war, "wie die Sagen über ihn berichten, ein weiser Mann mit vielen Fähigkeiten". Mit anderen Worten ausgedrückt, war er sehr einflußreich und bedeutend.
Es war also eine natürliche Entscheidung, Avair zum König der Svear zu schicken, um mit ihm eine Übereinkunft auszuhandeln, die bis jetzt immer wieder gescheitert war. Laut Überlieferung fand Avair als er nach Uppsala kam - Oder war es vielleicht Birka? - den König beim Abendessen vor, vom Essen und Trinken ganz in Anspruch genommen. Avair sagte, wie er hieß und woher er kam. Aber "da der König den Gotländern und ihrem Stolz ablehnend gegenüber stand", tat dieser so, als sähe er Avair nicht. Avair mußte unverrichteter Dinge in der Tür stehen und warten.
Als der König fast zu Ende gegessen hatte, behagte es ihm, Avair zu fragen, was er für Merkwürdiges aus Gotland zu berichten habe. "Nichts besonderes, außer einer Stute, die dort drei Fohlen auf einmal geboren hatte", antwortete Avair. "Soso", rief der König, "und was macht das Dritte, wenn die anderen beiden zu Essen bekommen?" "Er macht es wie ich", sagte der große Gotländer, "er steht und sieht zu!"
Diese unerschrockene Antwort war ganz nach dem Geschmack des Königs, und er lud Avair zu viel und gutem Essen ein. Er bekam auch die Gelegenheit, sein dringendes Anliegen vorzutragen. Es ging um einen Verbund zwischen den Gotländern und den Svear, der laut Gutasaga von gotländischer Seite freiwillig und ohne Zwang eingegangen wurde. Die Übereinkunft bestimmte, daß die Gotländer jedes Jahr sechzig Mark Silber an den König der Svear als Steuer zahlen sollten und dafür in unruhigen Zeiten unter dem militärischen Schutz der Svear standen. Das reine Gewicht der Steuer dürfte etwa 15 Kilo betragen haben, so daß Gotländer wohl tatsächlich keine größeren Zugeständnisse machen mußten. Die Übereinkunft sicherte auch den Kaufleuten der Gotländer und Svear freien Handel in beiden Gegenden zu.
Ansonsten mußte Gotland seine Unabhängigkeit nicht aufgeben, die Inselbewohner bestimmten auch weiterhin ihre Anführer und Richter, ohne daß der König Einfluß darauf hatte.

War die Übereinkunft Avairs ein notwendiges Übel?

Irgendwie betont die Gutasaga verdächtig stark die Unabhängigkeit der Insel und die Tatsache, daß die Gotländer die Übereinkunft ohne Zwang eingegangen sind. Die Insel war wirtschaftlich gesehen unzweifelhaft stark. Aber ist es wahrscheinlich, daß sie politisch und militärisch so stark war, daß ihre Einwohner sich gegen Angriffe von außen wehren konnten? Das ist nicht wahrscheinlich.
Der Ostseeraum war in der Wikingerzeit sehr unruhig. Es gibt mehrere Quellen, die von "fremden Königen" berichten, die Gotland in ganz anderen als friedlichen Absichten besucht haben. Gotland bekam wohl auch die Entwicklung in der nächsten Umgebung zu spüren, die in der Zeit der Wikinger sehr stark war. Diese Entwicklung bestand nicht nur in den Handelsfahrten der Wikinger, vielmehr bildeten ihre Handelspartner immer mächtigere und politisch bedeutsamere Staaten. Im Osten stieg ein russisches Reich unter Rurik und Oleg auf, im Westen wurde Dänemark ein immer größerer Machtfaktor und im Norden herrschten die Svear.
Auf dem Festland gibt es Runensteine, die von Männern berichten, die auf Gotland Lösegelder erpreßt haben und die in Kämpfen auf der Insel getötet wurden. Vielleicht war die Übereinkunft Avairs mit den Svear insofern erzwungen, als daß die Gotländer genug von den Überfällen hatten und nun die um Frieden und Hilfe baten, die sie als einzige gewähren konnten. Von vielen schlechten Dingen wählten sie das, was ihnen als das geringste Übel erschien, den Schutz des Königs der Svear.
Wann genau die Übereinkunft geschlossen wurde, kann nicht festgestellt werden. Vielleicht war es in Wirklichkeit ein langwieriger Prozeß, der in der Gutasaga stark komprimiert dargestellt wurde.
Die Svear konnten wohl nie besonders viel auf Gotland bestimmen. Sie mußten sogar selbst zur Insel kommen, um ihre wenig imponierenden Steuern abzuholen. Manche Archäologen sind der Ansicht, daß die Svear versuchten, einen befestigten Handelsplatz in Västergarn, in der Nähe Pavikens, aufzubauen. Dort gibt es einen halbkreisförmigen Wall, der dem in Birka recht ähnlich ist. Aus irgendeinem Grund ist es den Archäologen bis heute nicht gelungen, den Wall genau zu datieren, aber er könnte im 10. Jahrhundert erbaut worden sein. Auf Grund der Funde kann man vermuten, daß die Handelstätigkeit innerhalb des Walls ziemlich kurzlebig und nicht besonders intensiv war. Vielleicht wurde die Konkurrenz durch Visby zu groß und auch die Natur könnte den Handel behindert haben, indem große Sandmassen den Hafeneinlauf blockierten.

Bulverket - die Festung im Moor

Ab und zu passiert es, daß sich Eis auf den Tingstäde träsk (mooriger See) legt, glatt, glänzend und durchsichtig. Bei diesen Gelegenheiten ist die Wahrscheinlichkeit am Größten, das Bulverket zu sehen. Auf Schlittschuhen kann man dann leicht über den ganzen Träsk gleiten. Hält der Schlittschuhläufer an der richtigen Stelle, etwa einen halben Kilometer vom Land entfernt an, kann er unter dem Eis nicht nur den einen oder anderen Hecht oder Barsch sehen, sondern auch etwas sehr Merkwürdiges.
Im Wasser liegt ein Bauwerk, dessen Ausführung genauso merkwürdig wie seine Lage ist. Es besteht aus einer mächtigen quadratischen Holzkonstruktion mit etwa 170 Meter Kantenlänge, die aus Stockpfählen gebaut wurde und von einer Palisade umgeben war. Irgendwann einmal ragte es gut einen Meter aus dem Wasser heraus und hatte da einen hölzernen Boden, der Hunderte kleine Häuser tragen konnte.
Wer hatte die Macht, eine Anlage wie das Bulverket errichten zu können? Und wieso an einem solch ungewöhnlichen Platz, mitten in einem See? Wozu wurde es verwendet? Rätsel gibt es viele um das Bulverket, und die Antworten können wir bis jetzt nur erraten.
Offenbar hielten die Erbauer der Befestigungsanlage es um das Jahr 1100 herum für nötig, sich zu schützen oder ihre Macht zu demonstrieren. Vielleicht war das Bulverket in einer politisch unruhigen Zeit als eine Art Zentralfestung für das ganze nördliche Gotland gedacht, in die sich alle Nordgotländer vor herannahenden Feinden zurückziehen konnten.
Das Bulverket kann gleichzeitig auch als ein kombinierter Thing- und Marktplatz gedient haben, dessen hölzerne Buden als Lager für wertvolle Handelsgüter dienten. Der Name Tingstäde (Thingstelle) legt dies ja nahe.
Ebenso kann man am Bulverket die viele Jahrhunderte dauernden und bedeutenden Kontakte mit dem Baltikum erkennen. Auf dem schwedischen Festland wurde kein Bauwerk gefunden, daß dem Bulverket gleicht. Im Baltikum gibt es dagegen mehrere Beispiele für Befestigungsanlagen, die wie die im Tingstäde träsk aussehen. Vielleicht finden die Verbindungen zwischen Gotländern, Esten und Kurländern ihren bildlichen Ausdruck im Bulverket. War es besonders wertvolles Handelsgut von hoher Bedeutung für die gotländische und baltische Wirtschaft, das diesen besonderen Schutz brauchte, das vielleicht sogar eingesperrt werden mußte? Vielleicht Sklaven?

Die Christianisierung: aufgezwungen...

Im Jahr 829 sandte der fränkische Kaiser Ludwig der Fromme einen Missionar namens Ansgar in das Reich der Svear, um die heidnischen Skandinavier zum Christentum zu bekehren. In Birka traf Ansgar König Björn und bekam von diesem die Erlaubnis, eine Kirche zu bauen und zu predigen. Auch wenn sein Erfolg am Anfang zu wünschen übrig ließ, begann mit Ansgar eine wichtige neue Phase in der schwedischen Geschichte. Allmählich sollte sich das Christentum gegen den heidnischen Glauben durchsetzen. Und als sich der neue Glauben etabliert hatte, beeinflußte er das Leben der Menschen und die Gesellschaft sehr stark.
In der gotländischen Geschichte gibt es keinen Ansgar. Statt dessen spielt in der Überlieferung der norwegische König Olav Haraldsson die Hauptrolle bei der Christianisierung Gotlands. Die Gutasaga berichtet von seinem Besuch auf der Insel und deutet an, daß es dabei sehr friedlich zuging. Als die Saga niedergeschrieben wurde, war Olav schon heiliggesprochen worden, und dann konnte man ihn natürlich nicht als bösen und kriegerischen Mann darstellen. In der Erzählung gibt es keine Hinweise darauf, daß der König den Gotländern das Christenrum aufzwang.
Hans Nielssøn Strelow beschreibt in seiner gotländischen Geschichte aus dem Jahr 1633, Chronica Guthilandorum, den Besuch Olavs auf der Insel ganz anders. Dort schleicht sich der König an Land, nachdem er sein Schiff in einer Felsspalte bei Hejnum hällar versteckt hatte, "wo heute trockenes Land ist", wie Strelow nüchtern feststellt. Verkleidet beobachtet Olav die Gotländer und merkt bald, daß er schon viele Gleichgesinnte auf der Insel hat. Das macht ihm Mut und er stellt sich mit seinen Leuten auf Laikarehajd bei Lärbro einem nordgotländischen Heer unter dem Häuptling Dacker zum Kampf.
Als Olav des ehrfurchtgebietende heidnische Heer sieht, kniet er auf einen Stein und bittet um Gottes Hilfe. Da passiert etwas Merkwürdiges: seine Knie und seine Ellenbogen sinken so tief in den Stein, daß man die Spuren davon noch heute sehen kann. Und siehe da, die Gebete halfen, und die Gotländer wurden in einer blutigen Schlacht besiegt. Danach zieht Olav plündernd über Gotland und hört nicht eher auf, bis sich alle Gotländer taufen lassen...
So weit Strelow, der in dieser Schilderung Phantasie und Fakten vermischte. Möglicherweise konnte Strelow auf einer damals noch lebendigen Überlieferung aufbauen, die wohlbekannte Wandersagen mit Sagen über Birger Magnussons und Waldemar Atterdags Besuche auf Gotland im 14. Jahrhundert vermischte. Es gibt nämlich keine anderen Quellen, die andeuten, daß das Christentum mit Gewalt eingeführt wurde.
Andererseits wäre es merkwürdig, wenn sich König Olav auf Gotland nicht bedient hätte. Das hatte er nämlich anderswo - in Holland, Dänemark, England, im Mälartal, Bohuslän und an allen Küsten der Ostsee - durchaus getan. Vor allem in seiner Jugend scheint er sich tatsächlich wie ein "jagender Falke" aufgeführt zu haben. Bei einem Besuch in London ging es so wild zu, daß eine Brücke über die Themse von den groben Wikingern eingerissen wurde. Dieses Ereignis lebt immer noch in einem englischen Lied weiter:

"London Bridge is falling down,
falling down, falling down ..."

Aber eins ist sicher, Olav ließ sich ja zuletzt taufen und da wurde er vielleicht etwas sympathischer...

... oder freiwillig?

Die Gutasaga kommt sicher der Wahrheit über die Christianisierung Gotlands näher: "Obwohl die Gotländer Heiden waren, segelten sie mit Handelswaren zu verschiedenen Ländern, christlichen und heidnischen. Die Kaufleute sahen christliche Sitten in christlichen Ländern. Da ließen sich einige taufen und brachten christliche Priester mit nach Gotland".
So dürfte es tatsächlich zugegangen sein. Auf ihren Fahrten gen Osten, Westen und Süden lernten die Gotländer das Christentum und vielleicht sogar den Islam kennen. Sie wurden von den Zeremonien und der Pracht in den Kirchen und Kathedralen beeindruckt. Sie entdeckten aber auch, daß es einfacher war, mit Christen Handel zu treiben, wenn sie selbst getauft waren. Und was taten sie nicht alles für ihren Verdienst! Sie brachten die neuen Lehren und vielleicht auch christliche Priester mit nach Hause. Sicherlich kamen auch viele gottesfürchtige Kaufleute nach Gotland, die die Gelegenheit ergriffen und für ihren Glauben warben.
Die neue Religion faßte langsam in der gotländischen Gesellschaft Fuß. Viele wußten zuerst nicht, wie sie sich gegenüber den Neuerungen verhalten sollten. Sie sahen die Vorteile der neuen Religion, wollten aber ihren alten heidnischen Glauben nicht richtig aufgeben. Oft ließen sie sich auf einem christlichen Friedhof begraben, aber nicht nach der einfachen christlichen Sitte, sondern nach alter Sitte mit ihren Kleidern, ihrem Schmuck und anderen Beigaben.

Botair baut eine Kirche

Gegen Mitte des 11. Jahrhunderts begannen die Gotländer, Kirchen zu bauen. Wenn wir der Gutasaga trauen dürfen, war es Botair aus Akebäck, der die erste Kirche baute. Damals war der heidnische Glauben noch so stark, daß die Kirche fast sofort wieder von Gegnern der Christen niedergebrannt wurde. Botair antwortete, indem er eine neue Kirche baute. Diesmal stand sie in Vi, "unter den Klippen". Als die Heiden auch diese Kirche niederbrennen wollten, setzte sich Botair auf das Dach der Kirche und sagte: "Wollt ihr sie niederbrennen, dann müßt ihr mich mit der Kirche verbrennen".
In diesem Moment griff sein Schwiegervater Likair der Weise aus Stenkyrka ein, "der zu dieser Zeit am meisten zu bestimmen hatte", und sprach zu dem aufgebrachten Volk. Seine Worte waren so wohlgesetzt, daß die Heiden nachgaben. Botairs Kirche in Visby war die erste Kirche auf Gotland, die stehen bleiben konnte und nicht niedergebrannt wurde. Sie war wahrscheinlich der Vorgänger von dem, was später S:t Per und S:t Hans wurden.
Nach diesen dramatischen Ereignissen hatten die Kirchenbauer freie Bahn auf der Insel. Gleichzeitig wurde begonnen, die Insel kirchlich einzuteilen, in socknar (Kirchspiele). Dieser Prozeß kann schon im Jahr 1100 abgeschlossen gewesen sein.

Im Vi der Gotländer

Er kam aus Kullabygden in Skåne und war wie alle Wikinger mutig und abenteuerlustig. Er war unter dem Namen Röde Orm bekannt. Bis zu seiner Heimat waren die Geschichten von den großen Schätzen im Gårdarike gedrungen. Als die Erzählungen immer häufiger und die Versuchung zu groß wurde, rüstete er zusammen mit einigen Freunden ein Schiff aus und fuhr nach Osten.
Gotland war eins ihrer ersten Ziele. Von diesem Platz hatten Orm und seine Leute schon viel gehört. Zögernd fuhren sie in den Hafen vom Vi der Gotländer. Aber als sie erste Unsicherheit verschwunden war, bereuten sie ihre Entscheidung nicht. Denn hier gab es viel zu bestaunen. Sie sahen aus Stein gebaute Häuser, Bierschänken, reiche Kaufleute, muntere Dirnen und Männer, die den Leuten die Bärte abnahmen, ein Gewerbe, das sie noch nie zuvor gesehen hatten. Ihrer Ansicht nach war das nichts, was man nachahmen sollte. Sicher wäre das alles staunenswert gewesen - wenn Visby zu Orms Zeiten so ausgesehen hätte. Es ist wohl eher das mittelalterliche Visby, das der Verfasser Frans G. Bengtsson seinen Helden Orm besuchen läßt.
Wenn die Wikinger aus Skåne zweihundert Jahre später gelebt hätten, in der Mitte des 13. Jahrhunderts, dann hätten sie Steinhäuser, reiche Kaufleute und Barbiere sehen können. Zu dieser Zeit bekam das Vi der Gotländer, den Charakter einer internationalen Großstadt.
Aber es ist durchaus vorstellbar, daß das gotländische Bier schon in der Wikingerzeit Kraft und Erfrischung bot. Dies berichtete ein fachkundiger Inselbewohner für Orm: "Das Zieh-Bier bringt uns dort weiter, wo andere umkehren müssen. Das Bier muß von der besten Sorte sein, so daß es Kraft und große Ermunterung schenkt, und von dem dürfen die Männer trinken, wenn sie das Schiff über Land ziehen müssen. Bei anderen Gelegenheiten dürfen sie es nicht trinken. Das haben wir Gotländer uns ausgedacht; und deshalb brauen wir auch das beste Bier, denn aus diesem Bier kommt unser Reichtum..."
Wenn Orm eine historische und keine literarische Person gewesen wäre, hätte er bestimmt ein anderes Bild vom Visby der Jahrtausendwende bekommen. Er wäre in einen lagunengleichen Hafen gesegelt, der von einigen langgestreckten Inseln geschützt war. Er hätte sein Schiff auf einen schmalen, bogenförmigen Strandstreifen gezogen, der den Hafen im Osten und Nordosten begrenzte. Dort hätten sicher schon andere Schiffe gelegen und viele Seeleute, Handwerker und Kaufleute hätten sich auf dem Gelände direkt am Hafen gedrängt. Waren hätten nach Verhandlungen in vielen Sprachen die Besitzer gewechselt, und Proviant und Frischwasser aus einer der vielen Quellen, die an der Kante der Klippen entsprangen, wären aufgenommen worden.
Die Bewohner der Stadt hätten einige Straßen mit Holzstöcken oder Reisig belegt und entlang der Straßen hätten sie mehrere Häuser gebaut, kleine Buden aus Holz in einer Art Fachwerktechnik gebaut. Die meisten Gebäude waren nicht zum Überwintern gedacht. Ihre Besitzer benutzten sie nur im Sommer zum Übernachten, als Lagerräume oder als Werkstätten. Vereinzelte gotländische Kauffahrer hatten doch begonnen, die Vorzüge des Platzes zu erkennen, und sie hatten permanente Wohnstätten gebaut.
Röde Orm hätte an den Opfern teilnehmen können, die die Gotländer an einem Platz direkt unter den Klippen durchführten. Vielleicht hätte Orm sogar Gerüchte gehört, daß etwas auf der Insel passiere. Der Besuch eines norwegischen christlichen Königs in Akergarn und die Berichte heimkommender Kaufleute von Begegnungen mit Christen waren sicherlich dazu geeignet, Unsicherheit unter den Gotländern zu säen.
Kaum hätten der Wikinger aus Skåne und seine Männer ahnen können, was einmal aus dem Vi der Gotländer werden sollte ...