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Das
Inlandeis formt die Landschaft
Von
einer sturmgepeitschten Klippe zu einer fruchtbaren Insel
Laßt
uns diese Geschichte vor 10 000 Jahren beginnen. Niemand hatte je etwas
von Gotland gehört, noch hatte es bisher jemand gesehen. Um die Wahrheit
zu sagen, gab es auch nicht viel zu sehen. Einige kahle und sturmgepeitschte
Inseln und Klippen, offensichtlich planlos im eiskalten Wasser der Ostsee
verteilt, das war alles.
Zweihundert Kilometer nördlich von dieser kleinen Inselgruppe lag
die Kante des schmelzenden Inlandeises. Im Laufe von über 100 000
Jahren hatte es große Teile der nördlichen Halbkugel mit seinen
enormen Eismassen bedeckt, an einigen Stellen war es bis zu 3000 Meter
dick. Es hatte die Erdoberfläche heruntergedrückt, große
Stücke aus dem Berggestein gerissen und Steine zu Kies und Geröll
gemahlen. Es hatte Berge und Hügel dem Erdboden gleich gemacht.
Seit einigen tausend Jahren war das Eis am Abschmelzen. Auch dieser Prozeß
hatte Auswirkungen auf die Landschaft. Als die Erdoberfläche von
dem Gewicht des Eises befreit wurde, hob sich das Land - anfangs sehr
schnell. Im Lauf der Zeit bekamen die kleinen Inseln eine feste Verbindung
miteinander, und eine Landmasse entstand, die immer mehr dem heutigen
Gotland ähnelte. Tatsächlich hebt sich die Insel immer noch
um einige Millimeter pro Jahr, also ist dieser Teil der Geschichte noch
nicht abgeschlossen.
Als sich Gotland nun immer mehr über der Wasseroberfläche zeigte,
waren auch andere Spuren von der Bewegung des Eises zu sehen. Weit im
Norden wurden vor Zehntausenden von Jahren Kies, Steine und Steinblöcke
vom Eis gepackt und nach Süden bewegt. Das war Granit aus Svealand,
Porphyr aus Dalarna und Rapakivigranit aus Finnland. Als das Eis schmolz,
blieben sie dort zurück, wo sie sich gerade befanden, auch auf Gotland.
Die größten Gesteinsblöcke bekamen viel später Namen
wie Digarstainen, Bastustainen, Gullstainen und Rumsgalten. Die Bevölkerung
der Gegend begann, Geschichten und Märchen über sie zu erzählen,
und sie behaupteten, daß die Erdwesen und Kobolde (auf Gotland werden
diese Wesen als "di små under jårdi" - die kleinen
Leute unter der Erde - bezeichnet) sie als Dach für ihre unterirdischen
Höhlen benutzten.
Von der zermahlenden Kraft des Eises geformt, wurden große Mengen
Granit über die ganze Insel verteilt, als ob ein Riese mit einem
kaputten Sack voller Steine auf dem Rücken umhergewandert wäre.
Generationen von Gotländern sammelten sie später zu Mauern und
Grabhügeln zusammen und schufen damit einen Teil des Charakters der
Landschaft Gotlands. Die Gletscherflüsse des Inlandeises hatten Sand
und Kies mit sich geführt und weitgestreckte Felder wie Stangmalmen
oder mächtige Höhenzüge wie Tingstädeåsen geformt.
An vielen Stellen schossen die Gletscherflüsse mit solcher Kraft
entlang, daß sie Spalten in das feste Gestein gruben. So entstanden
S:t Olofshamn auf Hejnum hällar und Spökdalen bei der Kirche
von Stenkumla. An anderen Stellen hatten sich die besten Bestandteile
von Lehm und Kalkschlamm zu dicken Sedimenten abgelagert. Heute gehören
diese Ablagerungen - die gotländischen "pinnlairu" - zu
den ertragreichsten Böden der Insel.
Die ersten
Einwanderer
Das Inlandeis
hatte eine Landschaft geformt. Trotz seiner Fähigkeit, nahezu alles
Leben zu zerdrücken, hatte es auch dazu beigetragen, die Voraussetzungen
für neues Leben zu schaffen. Nun mußte nur noch auf die ersten
Gewächse, Tiere und Menschen gewartet werden.
Den Anfang machten Arten, die an arktische Verhältnisse angepaßt
waren: Bergwindröschen, Berganemonen, Zwergweiden und Zwergbirken.
Mit dem immer wärmer werdenden Klima nahmen allmählich auch
Kräuter, Büsche und Bäume, die mehr Wärme benötigten,
das noch unberührte Land in Besitz. Gleichzeitig mit den Pflanzen
kamen die Tiere, die schwimmen oder fliegen konnten.
Der Mensch ließ sich Zeit, und es dauerte noch länger, bis
die Wogen des Meeres, das wir als Ostsee kennen, an Gotlands Strände
spülten. Da die Eiskante am Auslauf des Mälarsees lag, sammelte
sich das Wasser des schmelzenden Eises zunächst in einem großen
Binnensee, dem Baltischen Eissee. Südschweden hatte damals eine Landverbindung
mit Dänemark, und vereinzelt traten einige mutige Rentierjäger
in Schonen auf.
Vor etwa 10 000 Jahren brachen die Wassermassen des Eissees in das westliche
Meer durch, Salzwasser strömte herein und verwandelte den Binnensee
in einen Arm des Meeres, des Yoldiameeres. Etwa 1000 Jahre später
trennte die kräftige Landerhöhung im Süden alle Verbindungen
mit dem Meer. Das Wasser um Gotland wurde wieder süß und ein
neuer Binnensee entstand, der Ancylussee.
Etwa 6000 v. Chr. hatte sich die Oberfläche des Weltmeeres auf Grund
des Abschmelzens des Inlandeises so weit gehoben, daß der Abfluß
des Ancylussees auf die gleiche Höhe wie die Meeresoberfläche
kam. Durch den Öresund und die dänischen Meerengen strömte
wieder Salzwasser in ein Binnenmeer, das Littorinameer. Das Klima wurde
wärmer und jetzt, während des Übergangs von der Ancyluszeit
in die Littorinazeit, kamen die ersten Menschen an die Strände Gotlands.
Zu diesen mutigen Pionieren werden wir gleich zurückkommen.
Das sehr salzige Wasser des Littorinameeres wurde im Laufe der Zeit immer
mehr zu Brackwasser und etwa während des Übergangs von der Steinzeit
in die Bronzezeit wurde das letzte Kapitel in der Geschichte der Ostsee
eingeleitet, das Zeitalter des Limneameers. Im Laufe einiger Jahrtausende
verwandelte sich das Limneameer langsam zu dem Meer aus Brackwasser, das
heute Gotland umgibt. In Schweden wird es Östersjön genannt,
die Ostsee, die Esten sagen Läänemeri, Westliches Meer, die
Engländer The Baltic und Mare Balticum ist der lateinische Ausdruck
für dasselbe Wasser.
Alle Meere und Seen, die Gotland nach der Eiszeit umgaben, hinterließen
tiefe Spuren in der Landschaft. Ihre Wellen warfen Sand und Kies zu mächtigen
Strandwällen auf und formten die eigentümlichen Raukar, die
der phantasievolle schwedische Naturkundler Carl von Linné mit
Verwunderung betrachtete und mit "Statuen, Pferden und allerlei Geistern
und Teufeln" verglich. In Klippen und Bergswänden gruben die
Meereswellen Höhlen, die dann für Tausende von Jahren von den
Menschen als Wohnstätten, Verstecke und Vorratskammern genutzt wurden.
Der Mann
aus Stora Bjers
Unruhestifter
oder Vorkämpfer?
Der Mann
aus Stora Bjers bei Stenkyrka liegt in einer Vitrine in Gotlands Fornsal.
Obwohl von ihm nur das Skelett erhalten ist, ist er eine interessante
Figur. Er liegt auf der Seite mit den Beinen in Richtung Brust angewinkelt,
genauso wie er vor etwa 8 000 Jahren begraben wurde. Zum Zeitpunkt seines
Todes war er etwa 40 Jahre alt und die Todesursache war vielleicht ein
Pfeilschuß im Bauchraum. Ein Teil der Pfeilspitze klemmt immer noch
in Hüftknochen.
Zu Lebzeiten wurde er mehrmals mißhandelt. Ob er selbst die Schuld
für die ihm angetane Gewalt trägt, oder ob er sich nur gegen
feindlich gesinnte Nachbarn verteidigte, können wir natürlich
nicht wissen. Einmal bekam er einen solchen Schlag gegen den Kopf, daß
der Stirnknochen beschädigt wurde. Merkwürdigerweise muß
er diesen Schlag überlebt haben, da die Verletzung schon zu heilen
begonnen hatte. Einige Jahre später, wahrscheinlich kurz vor dem
Pfeilschuß in den Bauch, wurde ihm der Kiefer von einem unbekannten
Gegner gebrochen.
Als er begraben wurde, legte ihm jemand zwei Hirschgeweihe an seine Seite.
Vielleicht war er zu seinen Lebzeiten der geschickteste Jäger des
kleinen Stammes, vielleicht hatte er mit Hilfe der beiden Geweihe verschiedene
Werkzeuge herstellen können. Oder gab es damals bereits Vorstellungen
über ein Leben nach dem Tode, wo die Geweihe aufs Neue verwendet
werden konnten?
Die ersten
Gräber
Der Mann aus Bjers wurde vor etwa 8 000 Jahren in sein Grab gelegt. Die
Forscher konnten keine Proben gewinnen, um das Alter seiner Knochen zu
bestimmen, aber bei Kambs in Lummelunda haben die Archäologen ähnliche
Skelette gefunden. An Hand moderner Methoden haben sie diese Funde auf
ungefähr 6 000 v. Chr. datieren können, und sie sind der Ansicht,
daß der Mann aus Stora Bjers genauso alt ist. Damit wären diese
Gräber nicht nur die ältesten bekannten Gräber auf Gotland,
sondern auch einige der ältesten in ganz Schweden. Nur einige vereinzelte
Funde in Schonen können mit ihnen konkurrieren.
Ob diese Skelette auch noch die Überreste der ersten Menschen auf
Gotland sind, sei dahingestellt. Sicherlich war keiner von ihnen Tjelvar,
der erste Mensch auf der Insel laut der gotländischen Nationalsaga,
der Gutasaga, auch wenn vielleicht einer von ihnen das Feuer auf die Insel
gebracht hat. Aber was wollten sie hier? Woher kamen sie und wie gelangten
sie hierher? Bis jetzt sind diese interessanten und wichtigen Fragen nicht
beantwortet worden. Dies ist eine Aufgabe für die Archäologen
des 21. Jahrhunderts. Mit der DNA-Analyse und anderen modernen Methoden
wird es vielleicht möglich sein, die Vorväter dieser frühen
Gotländer auf dem Festland zu finden.
Und würde es uns hinsichtlich dieser Fragestellung weiterbringen,
wenn wir eins ihrer Boote fänden? Denn schon damals hatten die Menschen
auf Gotland Kontakt zu ihren Nachbarn im ganzen Ostseeraum. Diese Kontakte
konnten sie nicht ohne Boote aufrechterhalten. Vor kurzem wurden einige
Versuche durchgeführt, die zeigten, daß Einbäume mit Auslegern
das schwedische Festland problemlos in zehn Stunden erreichen können.
Wir dürfen uns die frühesten Gotländer wohl als recht unerschrockene
Seeleute vorstellen.
Die Gutasaga
- Sage oder Wirklichkeit
Als Anhang
an das Landschaftsgesetz Gotlands, Gutalag, ist eine Erzählung überliefert,
die unter der Bezeichnung Gutasaga bekannt ist. Sie wurde von einem gelehrtem
Mann, möglicherweise einem Priester, in der altgutnischen Sprache
geschrieben und wird gewöhnlich als der erste Versuch bezeichnet,
die gotländische Geschichte zusammenzufassen. Wann sie geschrieben
wurde, ist nicht bekannt, aber es ist wahrscheinlich, daß es irgendwann
während des 14. Jahrhunderts war.
Die Schilderung ist wahrscheinlich eine Mischung aus Fakten und mythologischen
Motiven. Sie umfaßt den Zeitraum von der ersten Besiedlung bis zum
endgültigen Sieg des Christentums auf Gotland. Der Verfasser dürfte
eine bestimmte Absicht mit seiner Schrift gehabt haben. Er schien es für
notwendig zu erachten, die freie und unabhängige Stellung Gotlands
gegenüber den Machtansprüchen von Königtum und Kirche zu
markieren. Diese offensichtliche Intention ist zusammen mit der unsicheren
Datierung ein Grund dafür, die Gutasaga nur mit Vorsicht als historische
Quelle verwenden zu können.
So lautet die Einleitung der Gutasaga:
"Ein Mann, der Tjelvar hieß, fand Gotland zuerst. Damals war
Gotland so verzaubert, daß es am Tage versank und bei Nacht wieder
auftauchte. Aber dieser Mann brachte das Feuer auf die Insel, und danach
versank sie nie wieder. Dieser Tjelvar hatte einen Sohn, der Havde hieß.
Und Havdes Ehefrau hieß Vitstjärna (Weißer Stern). Diese
beiden waren die Ersten, die auf Gotland wohnten. In der ersten Nacht,
die sie gemeinsam verbrachten, träumte sie einen Traum. Es war als
ob drei ineinander verschlungene Schlangen in ihrem Busen wohnten und
es schien ihr, als krochen diese aus ihrem Busen heraus. Sie erzählte
ihrem Mann Havde von diesem Traum. Er deutete ihn so:
"Alles ist in Ringen verbunden.
Dies soll bebautes Land werden,
und wir werden drei Söhne bekommen."
Er gab allen einen Namen, noch bevor sie geboren waren:
"Gute soll Gotland besitzen,
Graip soll der Zweite heißen
und Gunnfjaun der Dritte."
Sie teilten danach Gotland in drei Drittel, so daß Graip, der Älteste
das nördlichste Drittel erhielt, Gute das mittlere und Gunnfjaun,
der Jüngste, das südlichste. Von diesen Dreien ausgehend, vermehrte
sich das gotländische Volk sehr stark während einer sehr langen
Zeit, ..."
Es war ein
gutes Land
Die ersten
Menschen, die an den gotländischen Stränden landeten, kamen
zu einer Insel, die viel kleiner war als heute. Buchten und Landzungen
waren viel markanter. Ganz im Norden gab es zumindest andeutungsweise
einen Schärengarten und im Süden lag eine große Insel,
die wir Sundreinsel nennen können. Die Meeresoberfläche lag
im nördlichen Gotland 25 Meter und im südlichen Gotland 10 Meter
höher als heute. Moore, Binnenseen, Flüsse und Bäche belebten
das Landesinnere.
Die Vegetation variierte zwischen offenen Heideflächen und grünen
Wäldern aus Nadel- und Laubgehölzen. Die Ressourcen des Meeres
und der Seen waren nahezu unbegrenzt. Seehunde, Tümmler, Dorsch,
Hering, Lachs, Barsche, Maränen, Quappen und Schleien gab es in viel
größeren Mengen als heute. Die Vögel in den Wäldern
und an den Stränden waren leichte Beute für einen geschickten
Jäger. Allmählich kamen auch andere Tiere, mit den Menschen
in ihren Booten auf die Insel.
Da das Klima warm und feucht und die Winter mild waren, lebten die ersten
Gotländer wohl unter recht günstigen Bedingungen. Sie fingen
Fische mit Angelhaken, dem ältesten noch gebräuchlichen Werkzeug,
Fischspeeren, Netzen und Reusen. Sie jagten mit Harpunen, Keulen und Pfeil
und Bogen. Sie sammelten Nüsse, Eicheln, Beeren, Früchte, Wurzeln,
Kräuter und Vogeleier. Dies alles war eine aus ernährungswissenschaftlicher
Sicht nahezu vollkommene Ernährung.
Vor etwa 7000 Jahren hatten sich Menschen endgültig auf Gotland niedergelassen.
Bei Strå im Kirchspiel Bunge, Gisslause im Kirchspiel Lärbro
und Svalings im Kirchspiel Gothem haben Archäologen Überreste
von einfachen Siedlungen gefunden. Die großen Mengen an Knochen
von Seehunden, Fischen und Seevögeln in den dünnen schwarzen
Ablagerungsschichten zeigen, wie sich diese Siedler versorgten.
Ein Leben
nahe der Natur
Dank des
nahezu unerschöpflichen natürlichen Bestandes an Seehunden,
Fischen und anderem jagdbarem Wild, konnten die Menschen langsam aber
sicher ganz Gotland in Besitz nehmen. Vorzugsweise ließen sie sich
an einem Strand nieder, der in der Nähe von sowohl Süß-
als auch Salzwasser lag und gute Möglichkeiten zu Jagd und Fischfang
im Meer, in Seen und in Flüssen bot. Große und kleine Landzungen
sowie Buchten waren besonders beliebt. Da die Menschen im Einklang mit
der Natur lebten, war es wichtig, daß die Siedlungen nicht zu dicht
beieinander lagen. Sie bildeten einzelne Reviere, deren Ressourcen nur
von den Bewohnern des Reviers genutzt wurden. Es gab mindestens vierzehn
solcher Gebiete auf der Insel, die sich bis auf eines alle an der Küste
befanden. Wenn wir davon ausgehen, daß in jedem Siedlungsgebiet
mindestens 35 Individuen erforderlich waren, um das Überleben der
Siedlung zu garantieren, können wir die Anzahl von Menschen im steinzeitlichen
Gotland auf etwa 500-1000 schätzen.
Allmählich begannen die Gutar, Steinäxte in großen Mengen
herzustellen. Bei einigen Siedlungen in den Kirchspielen Hall und Tofta
haben Archäologen große Mengen an Steinäxten gefunden.
Sie zeugen von ersten Rodungen in den gotländischen Urwäldern
und leiten damit die erste Landwirtschaftsphase ein, die als der Beginn
der jüngeren Steinzeit betrachtet wird.
Etwa 4000 v. Chr. scheint sich das Klima verändert zu haben, was
sich auch auf Gotland bemerkbar machte. Das hatte zur Folge, daß
der Bestand an Seehunden und Fischen kleiner wurde. Um zu überleben,
waren die Menschen der Steinzeit gezwungen, ihr Auskommen auf andere Weise
zu sichern. Wahrscheinlich verließen nun viele von ihnen die Küsten
und siedelten sich weiter landeinwärts an, wo es geeignete Böden
für den Ackerbau gab. Entweder machten sie diese wichtige Entdeckung
selbst, oder es waren die üblichen Kontakte mit dem Kontinent, die
sie mit der Landwirtschaft vertraut machten. Natürlich war es bis
jetzt nur Ackerbau mit Hacken und Grabstöcken, aber es war doch der
Beginn von etwas Wichtigem. Im Laufe der Zeit sollte dieser neue Erwerbszweig
enorme Konsequenzen für die Menschen und ihre Lebensweise haben.
Mit dieser noch primitiven Landwirtschaft kam auch die Fähigkeit,
irdene Töpfe herzustellen, eine wichtige Voraussetzung für die
Lagerung von Saatgetreide und anderen Vorräten, vielleicht auch um
Milchsuppe zu kochen. Bei einer Siedlung bei Mölner im Kirchspiel
Väte haben Archäologen Keramikgegenstände gefunden, deren
Form als Trichterbecher bezeichnet wird. Auf einigen Tonscherben fanden
sie Abdrücke von Saatgut, die allerersten Spuren der gotländischen
Bauern.
Reiche Siedlungsplätze
Veränderungen
des Klimas haben immer die Natur und damit auch den Menschen beeinflußt.
Eine anscheinend unbedeutende Erhöhung oder Senkung der Tagesdurchschnittstemperatur
kann große Konsequenzen haben. Für die Menschen in vorgeschichtlicher
Zeit bedeutete ein Wechsel zu kälterem Klima oft den Unterschied
zwischen Leben und Tod. Irgendwann um das Jahr 3000 v. Chr. geschah erneut
eine Veränderung zum Besseren. Sie war nicht besonders dramatisch,
aber dennoch ausreichend, um den Bestand an Seehunden und Fischen wieder
zu erhöhen. Die Menschen haben wahrscheinlich die arbeitsintensivere
Landwirtschaft nicht ganz aufgegeben, aber Jagd und Fischfang wurden wieder
wichtige Teile der Nahrungsversorgung. Sicher siedelten sich einige ehemalige
Bauern wieder an den Stränden an.
Ein Leben
nach dem Tod
Bei Västerbjers
im Kirchspiel Gothem, bei Ire im Kirchspiel Hangvar, bei Gullrum im Kirchspiel
Närs, bei Hemmor im Kirchspiel När, bei Ajvide im Kirchspiel
Eksta und unter Stora Torget in Visby haben Archäologen steinzeitliche
Siedlungen untersucht. Ihre Ausgrabungen haben alle Mühen belohnt.
In Siedlungen und Gräbern haben sie große Mengen an Keramikgegenständen,
die mit einem Muster aus kleinen Löchern geschmückt waren und
daher auch als Lochkeramik bezeichnet werden, Knochen, Feuerstein- und
andere Steinäxte, Dolche, Angelhaken, Harpunen und Schmuckstücke
gefunden. Auch einige Speiseopfer kommen in den Gräbern vor. Da Knochen
und Horn in der kalkhaltigen gotländischen Erde besser als anderswo
bewahrt werden, ist die große Menge an Funden der Grund dafür,
daß diese Gräber zu den reichsten aus dieser Zeit in ganz Europa
gerechnet werden können.
Ein besonders beliebtes Tier bei den gotländischen Lochtöpfern
war das Schwein. Die Toten wurden oft mit prachtvollen Kragen aus Schweinehauern
in ihre Gräber gelegt, vielleicht waren sie wichtige Statussymbole.
Viele sind auch mit großen Schweineunterkiefern zusammen begraben
worden. Einige Kiefer sind so groß, daß sie einmal sehr beeindruckenden
Tieren gehört haben müssen, großen Ebern, die wohl nie
als menschliche Nahrung gedacht waren. Vielleicht nutzten die Steinzeitmenschen
sie in verschiedenen religiösen Zusammenhängen, bei Prozessionen
oder als Tieropfer beim Tod des Eigentümers. In einem Grab bei Lickershamn
lagen nicht weniger als 23 Schweinekiefer, wovon einige mit einer roten
Farbe, die Rödockra (Rotocker) genannt wird, gefüllt waren.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Farbe das Blut und dessen lebensspendende
Kraft symbolisierte.
Wenn die Vorzeitmenschen reichlich mit Nahrung versorgt waren, begannen
sie auch an Anderes zu denken. Wenn man die Grabbeigaben betrachtet, wird
deutlich, daß sie sich Gedanken über den Tod und das Leben
danach gemacht haben. Sie glaubten an eine Art Leben nach dem Tod, und
wir können erahnen, daß Zeremonien und Rituale bei der Bestattung
vorkamen. Sie hatten auch Zeit und Möglichkeit, Kontakte zu anderen
Siedlungen zu suchen und aufrechtzuerhalten und das nicht nur auf Gotland,
sondern auch über die Grenzen der Insel hinaus. Funde von Feuerstein,
Schiefer, Bernstein und Biberzähnen zeigen Verbindungen mit den Küstenvölkern
im Norden, Osten, Süden und Westen. Ein erster, noch einfacher Tauschhandel
nahm seinen Anfang.
Das "Igelmädchen"
aus Ajvide
Bei Ajvide
im Kirchspiel Eksta gibt es eine der größten steinzeitlichen
Siedlungen Gotlands, die erst vor kurzem mit modernen Methoden untersucht
wurde. Einige tausend Jahre lang - in der Endphase der Steinzeit und dann
in der Bronzezeit - wohnten hier Menschen, die sich von Fischfang, Jagd
und dem Sammeln von Pflanzen ernährten. Später hielten sie auch
Haustiere: Schweine, Schafe, Ziegen und Rinder. Im Sommer paddelten sie
die fünf Kilometer zu den Karlsinseln, wo sie die Stora Förvar-Grotte
zum Übernachten und zum Schlachten von Seehunden benutzten.
Die Siedlung bei Ajvide lag strategisch günstig auf einer Landzunge
im Meer. Es gab mehr als genug Süßwasser und gute Möglichkeiten
zu Jagd und Fischfang in den umliegenden Seen und Mooren. Vielleicht nutzten
diese frühen Einwohner von Eksta schon die günstige Lage ihrer
Siedlung zu Kontakten mit dem Festland im Westen aus. Der Seeweg nach
Öland ist nicht viel länger als 50 Kilometer, wenn man über
die beiden Karlsinseln fährt. Es konnte aber nicht nachgewiesen werden,
daß es eine derartige Verbindung gab.
In Ajvide bekamen die Toten viele Geschenke mit in ihre Gräber. Am
gewöhnlichsten waren Angelhaken, knöcherne Harpunen, Äxte
verschiedenster Art und Keramikgefäße, die Lebensmittel und
Seehundstran enthielten. Größere Unterschiede zwischen Funden
aus Gräbern von Männern und Frauen gibt es nicht. Wahrscheinlich
waren beide Geschlechter weitestgehend gleichberechtigt. Alle waren wichtig
für das Überleben des Stammes - egal ob Mann oder Frau.
Unter den vielen Gräbern in Ajvide erregte eines besondere Aufmerksamkeit.
In ihm lag das Skelett eines zwanzigjährigen, zartgebauten Mädchens.
Als Grabbeigaben hatte sie Angelhaken, eine knöcherne Nadel, eine
Miniaturaxt, eine Bernsteinperle, einen Wetzstein und einen Feuerstein
bekommen. Als sie in das Grab gelegt wurde, war sie in einen kurzen Lederrock
gekleidet, der vielleicht aus Seehundhaut gemacht und dessen Unterkante
mit einer Reihe von Seehundzähnen verziert war. Bei der Leiche hatten
ihre Verwandten mehrere Keramikgefäße plaziert, die sicherlich
mit Lebensmitteln und Seehundstran für das kommende Leben gefüllt
waren.
Um ihren Hals trug sie einen Lederbeutel. Er war gefüllt mit einer
Perle aus Vogelknochen, einigen Knochenresten und fünf Kieferknochen
von Igeln. Für das Mädchen müssen diese Tierknochen große
Bedeutung gehabt haben. Vielleicht glaubte sie, daß die Knochen
magische oder gar heilige Kraft besäßen. Vielleicht waren sie
eine Art Amulett, um ihr Glück zu bringen. Konnte sie am Ende damit
sogar zaubern? Oder hat sie die Tiere für etwas verwendet, von dem
wir heute nichts mehr wissen?
Die Bedeutung, die Igel für sie hatten, wird zudem noch in einer
Anzahl Igelkrallen deutlich, die auf ihrer Stirn lagen. Die Krallen können
die Reste einer Art Mütze sein, die sie auf dem Kopf trug.
Das Grab des Igel-Mädchens ist heute in Gotlands Fornsal zu besichtigen.
Die Gotländer
werden Bauern
Um etwa 2000
v.Chr. haben sich die Lebensgrundlagen der Steinzeitmenschen auf Gotland
erneut verändert. Der Reichtum des Meeres an leichtzufangenden Fischen
und Seehunden nahm wieder ab und das kann die Menschen dazu gezwungen
haben, sich wieder der Landwirtschaft zuzuwenden. Diesmal geschah es aber
mit größerer Entschlossenheit - aus Fischern und Jägern
wurden endgültig Bauern.
Das von den wechselhaften Ressourcen des Meeres verursachte, unsichere
Leben wurde von größerer Sicherheit abgelöst. Anstatt
direkt von der Natur zu leben, lernten die Gotländer nun, die Natur
zu beherrschen, und auch wenn Fischfang und Jagd noch weiterhin große
Bedeutung für die Inselbewohner hatten, veränderte sich ihre
Lebensweise grundlegend.
Sie begannen nun mit einer langsamen Erschließung des Inneren der
Insel. Ihre Rodungen vergrößerten die Weideflächen und
immer besser werdende Steinäxte erleichterten ihnen dabei die Arbeit.
Die Schaffung guter Voraussetzungen für die Viehzucht war am wichtigsten
für sie, aber sie suchten nun auch nach Land, das für den Getreideanbau
geeignet war. Dies schuf einen größeren Bedarf an guten und
leicht zu bearbeitenden Böden.
Weil es sehr viel Arbeit erforderte, gute Flächen für den Getreideanbau
zu schaffen, sahen sich die Menschen gezwungen, diese Flächen gegen
konkurrierende Nachbarn zu verteidigen. Das führte nicht nur zu Kämpfen,
sondern auch zu dem Bedürfnis nach einer effektiveren Organisation.
Vielleicht wurden zu diesem Zeitpunkt fähige Männer zu Anführern,
die gewisse Macht und damit auch die Möglichkeit zur Ansammlung von
Reichtümern hatten. Die Gesellschaft wurde differenzierter.
Diese Entwicklung, die zum Einen darin bestand, daß die Gotländer
Land urbar machten und so zu Bauern wurden und zum Anderen darin, daß
die Gesellschaft immer stabiler wurde, war ein langer, ausgedehnter Prozeß.
Sie war ein großer und wichtiger Umbruch. Der Entschluß, Bauer
zu werden, war entscheidend und endgültig.
Äcker und Wiesen breiteten sich nach und nach dort aus, wo vorher
dunkle Urwälder vorgeherrscht hatten. Die gotländische Kulturlandschaft
begann langsam, Form anzunehmen. Bald tauchten auch zum ersten Mal Gegenstände
aus Metall auf Gotland auf, die von einer neuen Periode in der Geschichte
kündeten.
Zu dieser Zeit hatten geschickte Handwerker im Rest Europas schon seit
langem Gegenstände aus Bronze hergestellt. Seit Jahrhunderten gab
es die Stadt Troja, und auf den griechischen Inseln blühte eine reiche
Kultur, die sich auf Seefahrt, Handel, Handwerk und auf den Anbau von
Weintrauben und Oliven gründete. Auf Kreta entstand eine Hochkultur,
der Palast in Knossos wurde gebaut, eine Schriftsprache wurde entwickelt
und der Handel wurde immer lebhafter.
Im Kaukasus und den Karpaten bauten erfahrene Bergleute Kupfer und Zinn
ab, die sie dann zu Bronze vermischten. Im Westen waren es die Engländer,
die diese Kunst beherrschten. Sie stellten Äxte, Dolche und Schwerter
her, um sie mit gutem Gewinn zu exportieren.
Das Metall,
das wie die Sonne glänzt
Sollen wir
uns vorstellen, daß die Gotländer ziemlich verwundert rund
um das prasselnde Feuer saßen? Spät am Nachmittag hatten einige
Männer mit einem Boot am Strand angelegt. In einem Lederbeutel hatten
sie einige Gegenstände bei sich, die sie nun an der Feuerstatt ausgebreiteten.
Daß es Äxte, Dolche und irgendwelche Gefäße waren,
konnte man ja sehen. Aber trotzdem unterschieden sich diese Gegenstände
von denen, die die Gotländer von alters her kannten. Diese Gegenstände
waren unerhört elegant, einige waren sogar mit schwachen Mustern
verziert und wenn man die Waffen ausprobierte, lagen diese hervorragend
in der Hand.
Aber das Schönste von allem war der Glanz. Sie blitzten im Schein
des Feuers wie die Sonne selbst. Und wenn man sie mit einem Lederfetzen
rieb, wurden sie noch glänzender. Es ist wohl nicht verwunderlich,
daß die spätsteinzeitlichen Gotländer von ihrem ersten
Kontakt mit Bronze sehr beeindruckt waren. Ihre Nachkommen sollten noch
lange von diesem ersten Kontakt erzählen.
Die Bronze blieb für immer auf der Insel. Für mindestens 3000
Jahre sollte sie neben Gegenständen aus Holz und Knochen eine wichtige
Rolle bei der Herstellung von Waffen, Werkzeugen und Schmuckstücken
spielen. Sie sollte bestaunt, verehrt und von den Reichen hergezeigt werden.
Allmählich mußte sie aber einem noch besserem Metall weichen
- dem Eisen.
Auf der Laikarheide
Auf den Hügeln
östlich der Kirche von Lärbro kann man unschwer die Nähe
der gotländischen Bronzezeit spüren. Dort gibt es im Umkreis
einiger Kilometer mehrere große Steinhaufen und Schiffssetzungen,
eine größere Felszeichnung und den sagenumwobenen Sangelstein.
Hier dürfte einer der wichtigsten bronzezeitlichen Orte auf Gotland
gelegen haben. Damals war das Meer nicht weit entfernt. Im Norden und
im Süden schnitten Buchten tief in das Land ein. Von den Stränden
aus hatten sowohl die Lebenden als auch die Toten in ihren umsichtig plazierten
Gräbern weite Sicht über Land und Meer.
Vielleicht haben sich die bronzezeitlichen Gotländer hier auf der
Laikarheide versammelt, um die damals wichtigste Gottheit, die Sonne,
anzubeten. Die Sonne gab den Menschen Licht und Wärme und sie erweckte
in jedem Frühjahr die Natur wieder zum Leben. Sie war die Quelle
des Lebens. Hier haben sich in jedem Frühjahr verschiedene Stämme,
Clans und Familien versammelt, um Saatgut, Milch und Blut in den schalenförmigen
Vertiefungen des Sangelsteins zu opfern. Mit komplizierten Zeremonien
huldigten sie der Wiederkehr der Sonne und dem Erwachen der Natur. Bei
langen, feierlichen Prozessionen zeigten sie ihre heiligen Gegenstände,
wie Sonnenräder, Äxte und Schilde. Die blankpolierte Bronze
reflektierte die Sonnenstrahlen und verstärkte das Gefühl göttlicher
Nähe. Mit einem Häufelpflug riß der kultische Führer
die ersten Furchen in die Erde. Das war ein wichtiges Ritual für
gute Ernten. Priesterinnen führten lebendige Fruchtbarkeitstänze
auf, während die Männer mit Schwertern, Speeren und Schilden
bewaffnet in kultischen Kämpfen aufeinandertrafen. Als die Sonne
dann langsam im Westen unterging, wurden große Feuer angezündet,
denn die Gottheit war nirgends so nahe wie im Feuer...
Opfer und andere heilige Rituale für gute Ernten, gesunde Kälber
und Lämmer, fette Schweine und ausreichend Milch waren wichtig für
die bronzezeitlichen Gotländer. Denn ihr Überleben hing von
der Landwirtschaft und der Viehzucht ab. Auf der Suche nach guten Böden
und Weideflächen, begannen sie nun immer weiter ins Landesinnere
vorzustoßen. Daraus folgte eine verstärkte Kolonisation bisher
unbewohnter Teile Gotlands, dessen Landschaft durch die Rodungen immer
offener wurde. Die weit verteilten Siedlungen und das möglicherweise
nomadische Dasein der Gotländer haben jedoch nur wenige Spuren in
der Erde der Insel hinterlassen.
Die Bronze
wird zum Statussymbol
Die frühe
Bronzezeit war unter anderem das Zeitalter des Feuersteins. Die Gotländer
hatten niemals vor, die althergebrachten Werkzeuge völlig gegen metallene
einzutauschen. Stein, Holz, Knochen und Horn spielten immer noch eine
wichtige Rolle. Sie stellten elegante Dolche und Sicheln aus Feuerstein
her, die nicht nur im Alltagsleben, sondern auch bei Ritualen Verwendung
fanden. Ihre Formen richteten sich nach den Bronzegegenständen, die
nun von weither in den Norden kamen.
Als die Bronze immer leichter erhältlich wurde, entwickelte sie sich
zu einer wichtigen Handelsware. Von den britischen Inseln und von Süd-
und Mitteleuropa aus, wurde sie mit Schiffen übers Meer und auf Flüssen
in den Norden gebracht. Die Bronze erreichte Dänemark und Skåne
und allmählich auch Gotland. Aus dem anfangs ziemlich unkomplizierten
Tauschhandel von Hand zu Hand, entwickelten die nordischen Völker
nun den eigentlichen Handel. Gebrauchswaren wie Häute, Leder, Wolle,
Nahrungsmittel, Bienenwachs und Honig, vielleicht sogar Bernstein, wurden
gegen Luxuswaren aus Bronze, gegen Äxte, Dolche und Armbänder
getauscht. Spezialisten für Handel und Handwerk traten auf. Diese
Kaufleute und Handwerker sorgten für Import und Bearbeitung des Metalls.
Bronze erfüllte zwei gesellschaftliche Funktionen. Die Bauern verwendeten
sie für landwirtschaftliche Geräte, aber sie war auch ein Machtsymbol.
Es war fein, Gegenstände aus Bronze zu besitzen. Männer und
Frauen schmückten sich mit dem glänzenden Metall. Auch bei kultischen
Handlungen mußten es Bronzegegenstände sein. Erst gegen Ende
der Bronzezeit begann man, auch Alltagsgegenstände aus Bronze herzustellen.
Aber etwa gleichzeitig begann man, Eisen zu verwenden, das härter,
billiger und damit besser als Bronze für Werkzeuge geeignet war.
Gotländische
Funde aus der Bronzezeit
Auf Gotland
hat man etwa 500 bronzezeitliche Funde gemacht. Nach Schonen ist Gotland
damit die schwedische Region mit der zweithöchsten Zahl an Funden
aus der Bronzezeit. Auch wenn man in diesem Zusammenhang die Bedeutung
Gotlands nicht überschätzen sollte - vielleicht sah man auf
dem Festland das Metall nicht im gleichen Maße als Ausdruck von
Reichtum und sozialen Status an - so müssen die Gotländer doch
eine wichtige Rolle im Bronzehandel gespielt haben. Es ist nicht bekannt,
ob die Exportwaren der Insel ausreichten, um Bronze importieren zu können.
Jedoch kann Gotlands Lage in der Ostsee große Bedeutung für
die Spezialisierung der Gotländer auf den Handel gehabt haben.
Die Funde in der gotländischen Erde bestehen zum Teil aus Einzelfunden,
die in der Hauptsache Grabbeigaben wie Nadeln, Pinzetten und Rasiermesser
waren und zum Teil aus größeren Funden, die aus anderen, uns
nicht bekannten Gründen in der Erde vergraben wurden. Der bis jetzt
merkwürdigste Fund wurde 1886 in Eskelhem gemacht. Zum überwiegenden
Teil bestand dieser Fund aus Gegenständen für die Pferdehaltung,
wie Trensen und Verzierungen für Zügel.
Fast hundert Jahre später fand ein Landwirt bei Gardarve im Kirchspiel
Fardhem die Reste der Werkstatt eines Bronzegießers. Außer
Broschen und Halsringen gab es dort ein Lager von noch unbearbeiteten
Bronzestangen, die wahrscheinlich das Rohmaterial für den Bronzeguß
waren.
Importwaren
Alle Menschen
des Nordens importierten Bronze. Aber die Gotländer lernten schon
in der älteren Bronzezeit, verschiedene Metallgegenstände zu
gießen und zu verzieren, auch wenn sie in der Regel nur ausländische
Vorbilder kopierten. Es dauerte eine Zeit, bis sie eine eigene Formensprache
entwickelten, aber als sie so weit waren, wurden sie umso geschickter.
Trotz allem scheint es, als hätten sie nie alle Techniken der Bronzebearbeitung
gelernt. Die Kunst, das Metall mit einem Hammer dünn zu treiben,
dürfte ihnen unbekannt geblieben sein.
Dank ihrer Kontakte mit den Völkern an den Küsten der Ostsee,
wurden die Gotländer schnell von allen Neuerungen berührt, die
in die Region gelangten. Das traf nicht nur auf praktische Dinge wie die
Herstellung von Gegenständen aus Bronze zu, sondern auch auf religiöse
Vorstellungen. Das beste Beispiel hierfür ist die Art und Weise,
wie man die Toten bestattete. Zuerst tat man dies in den beeindruckenden
Steinhaufen, später in der jüngeren Bronzezeit setzten sich
die stattlichen Schiffssetzungen durch.
Storrösen
- keine gewöhnlichen Steinhaufen
Namen wie
Ullviar, Majsterråir und Digerråir klingen zumindest für
Festlandsschweden urzeitlich und altertümlich.
Seit mehr als dreitausend Jahren liegen diese Grabhügel in Wäldern
und an den Stränden Gotlands. Oft sind sie weit in der gotländischen
Landschaft zu sehen und ständig entführen sie die Menschen in
die Welt der Märchen und der Phantasie. Wer hatte die Macht, die
Befugnis oder überhaupt die Möglichkeit, solche mächtigen
Bauwerke zu errichten?
Wurde wirklich ein König im Königshaufen in Boge begraben? Wurde
der altnordische Sagenkönig Angantyr, von dem berichtet wird, daß
er sehr stark und tüchtig im Kampf gewesen sei, in dem großen
Hügel bei Grötlingbo zur letzten Ruhe gebettet? Dann müßte
es ja auch sein Schwert Tirfing gewesen sein, das ein Amateurarchäologe
zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand, als er das Grab "untersuchte".
Es soll ein von Zwergen geschmiedetes Zauberschwert gewesen sein, das
seinem Träger immer zum Sieg verhalf, das aber nie aus der Scheide
gezogen werden konnte, ohne daß jemand erschlagen wurde. In dem
Steinhaufen im Kirchspiel Bro soll laut der Sage der mächtige Baldur
begraben sein. Dort soll noch ein riesiger Schatz liegen, "so lang
wie Zügel vom Kutscher zu den Pferden und so breit wie das Joch über
den Pferden" obwohl sich ein Priester vor langer Zeit die größte
Kostbarkeit aneignete: ein Abendmahlskelch aus Gold. Ein anderer Schatz
soll in einem Haufen in Röse liegen, der von einem Hahn bewacht wird.
Zumindest in alten Zeiten konnten Reisende Drachenfeuer über den
Steinen brennen sehen.
Bauwerke
Leider sieht
die Wirklichkeit anders aus. Die gotländischen Steinhaufen sind Gräber
aus der Bronzezeit, aufgeschichtet aus Feldsteinen und Kalksteinsbrocken.
Nur wenige wurden bis jetzt untersucht, aber ein Schatz wurde in keinem
gefunden, sondern nur einige kleinere Funde wie kleine Nadeln und Bronzespangen.
Bei Kauparve im Kirchspiel Lärbro haben die Archäologen jedoch
eine andere wichtige Entdeckung gemacht. Sie fanden heraus, daß
dieser ursprünglich gewölbte Haufen im Zentrum aus einer Kalksteinmauer
bestand, die einen drei Meter hohen Turm bildete. Der Turm war von niedrigeren
Mauern umgeben, die später gebaut wurden. Hier kann man tatsächlich
von einem Bauwerk sprechen! Im Innersten des Turmes befand sich die Grabkiste
mit unverbrannten menschlichen Knochen und einer prachtvollen Spiralnadel
aus Bronze. Der Haufen wurde in drei Etappen erbaut. Außerdem fand
man in den Steinmassen außerhalb des Turmes noch mehrere Gräber.
Der größte von Gotlands etwa 400 Grabhaufen ist Uggarde råir
in Rone. Das beeindruckende und noch unberührte Grab hat einen Durchmesser
von 45 Meter, ist sieben Meter hoch und besteht aus schätzungsweise
15 000 Tonnen Gestein. Uggarde råir dominiert die offene Heidelandschaft
und ist von sieben weiteren Grabhaufen umgeben. Die Plazierung des Grabes
ist typisch. Die meisten Grabhaufen sind auf einem Hügel oder an
der Küstenlinie der Bronzezeit errichtet wurden. Da sie von weitem
gut sichtbar waren, kennzeichneten sie den Grenzverlauf des Gebietes eines
Familienclans.
Oder baute man sie dort, damit die Toten auch im kommenden Leben Aussicht
über das Meer haben sollten, das so viel für sie bedeutet hat?
Es war immerhin das Meer, über das sie die Waren transportierten,
die ihren Wohlstand begründeten.
Schatzsucher
und andere Missetäter
Die gotländischen
Grabhaufen nehmen einen wichtigen Platz unter den bronzezeitlichen Hinterlassenschaften
in Schweden ein. Die meisten haben eine kraterähnliche Vertiefung
in ihrer Spitze. Warum dies so ist, weiß man nicht. Natürlich
kann es von Anfang die Absicht gewesen sein, den Grabhaufen so zu bauen,
um Steine zu sparen. Es gibt aber auch andere, wahrscheinlichere Erklärungen.
Früher glaubten einige Forscher, daß die Krater durch einstürzende
Dächer der Grabkammern entstanden sind. Aber wie soll man dann die
mächtigen Vertiefungen im Ullviar-Grabhaufen in Eskelhem und in dem
großen Grabhaufen bei Båticke in Naga erklären? Scheinen
sie nicht für Zeremonien und Kulthandlungen als eine Art Amphitheater
für religiöse Schauspiele gedacht zu sein?
Wahrscheinlich haben die vielen Geschichten über verborgene Kostbarkeiten
in den Grabhaufen zu allen Zeiten Schatzsucher angespornt, eigene "Untersuchungen"
durchzuführen. Diese Schatzsucher hatten seit ihrer Kindheit Erzählungen
über die Trolle und ihre unermeßlichen Schätze in den
Grabhaufen gehört. In der Mittsommernacht oder am Heiligen Abend
konnten sie nächtliche Wanderer sehen, wie sich die Grabhaufen auf
goldenen Pfeilern über den Boden erhoben, die Trolle dazu wunderschöne
Musik spielten und wie die Kostbarkeiten glitzerten. Aber dazu mußte
man natürlich genau zur richtigen Zeit draußen sein, genau
am richtigen Platz stehen und dazu noch eine gehörige Portion Glück
haben.
Die Schatzsucher wußten sehr genau, daß der Boden Gotlands
reich an Edelmetallen war. Sie träumten bestimmt wie die heutigen
Menschen davon, über Nacht wirtschaftlich unabhängig zu werden.
Noch im 19. Jahrhundert gab es viele, die sich auf die Suche nach "Gütern"
machten. Sie hatten einen "Schatzriecher" und wurden "Schatzgreise"
genannt. Es stimmt, daß sie eine ganze Menge fanden, aber sie wußten
nie, wie es um die Schätze stand. Sie waren ja verzaubert!
So konnte es dabei zugehen:
"Der Bauer von Bolarve ritt am Digarråir vorbei, und dort waren
viele Trolle, die ihm etwas zu trinken anboten. Sie hatten einen großen,
silbernen Becher. Aber als er trinken sollte, kippte er alles über
die Schulter und traf damit das Pferd an der Lende, und an dieser Stelle
verbrannten alle Haare. Der Bauer ritt fort und die Trolle verfolgten
ihn, aber er ritt über einen frisch gepflügten Acker und galoppierte
quer über die Furchen. Die Trolle konnten aber nicht quer über
die Furchen laufen, da sonst ja ein Kreuz entstehen würde, sondern
mußten die Furchen hoch und runter laufen und so schaffte es der
Bauer von Bolarve unbeschadet mit dem Becher bis nach Hause." [Laut
volkstümlicher Überlieferung vermeiden Trolle das christliche
Symbol des Kreuzes, so oft sie nur können.]
Weniger empfindliche Personen werden auch in anderen Zusammenhängen
erwähnt. Die Erbauer der eisenzeitlichen Gräber haben die Grabhaufen
genauso gerne als Steinbruch benutzt wie die Eisenbahnarbeiter späterer
Zeiten.
Es ist hoffentlich unnötig, darauf hinzuweisen, daß heute alle
Überreste gesetzlich geschützt sind. Der Verstoß gegen
diese Gesetze zieht Geldstrafen oder gar Gefängnis nach sich.
Die Grabhaufen auf Gotland und dem Festland deuten daraufhin, daß
es in den Gesellschaften der Bronzezeit unterschiedliche soziale Schichten
gab. Einigen scheint es besser als anderen gegangen zu sein. Sie waren
reicher und mächtiger geworden und konnten immer umfassender über
andere bestimmen. Auch wenn nur bedeutende Männer oder Familien solche
Haufen errichten konnten, so dürfen wir sie aber nicht als die letzte
Ruhestätte eines Häuptlings verstehen. Bei den wenigen wissenschaftlichen
Untersuchungen wurde nämlich bewiesen, daß die Grabhaufen fast
immer mehrere Gräber enthalten, die meist jünger als das Grab
in der Mitte sind.
Neue Generationen haben die Grabhaufen erweitert, indem sie neue Steine
dazugelegten und neue Kanteneinfassungen bauten. Mitunter konnten die
Forscher in untersten Schichten der Grabhaufen noch Gräber aus der
Steinzeit finden.
In Skåne, Halland und an vielen anderen Stellen auf dem Festland
gibt es Gräber aus der Bronzezeit, die den gotländischen Grabhaufen
gleichen. Auf dem Festland sind sie jedoch gewöhnlich aus Erde errichtet,
so daß folgerichtig auch Erdhaufengräber genannt werden. Beispiele
dafür gibt es auch auf Gotland. Das größte bronzezeitliche
Grab in Schweden, Bredarör in Kivik, ist aber aus Stein. In Dänemark,
dem eigentlichen Zentrum des bronzezeitlichen Nordeuropas, gehen Archäologen
davon aus, daß es einmal um die 60 000 Erdhaufengräber gegeben
hat.
Mit Schiffen
aus Stein über das Todesmeer
Über
500 Jahre lang fanden die führenden Männer und Frauen der gotländischen
Gesellschaft ihre letzte Ruhe in Grabhügeln. Etwa tausend Jahre vor
dem Beginn unserer Zeitrechnung kam etwas Neues auf. Die Gotländer
fingen damals an, ihre verstorbenen Angehörigen zu verbrennen. Vielleicht
hing dies mit einer Veränderung der Religion zusammen. Die verbrannten
Überreste legten sie in Gräber, die sie mit hochkant gestellten
Steinen schmückten, so daß sie Schiffen glichen. Diese Gräber
nennen wir Schiffssetzungen.
Dieselben Vorstellungen hatten auch auf Öland und Bornholm, in Skåne,
Halland, dem Baltikum und entlang der nordschwedischen Küste Fuß
gefaßt. Dort wurden die Steinschiffe aber oft mit Erde überdeckt.
Dieser Grabtyp ist also nirgendwo so deutlich wie auf Gotland zu sehen.
Mit Relingen aus Stein und deutlich markierten Vorder- und Achtersteven
treiben etwa 350 Steinschiffe überall in der gotländischen Landschaft.
Bei Gnisvärd im Kirchspiel Tofta befindet sich eins, das 45 Meter
lang ist, und bei Gannarve im Kirchspiel Fröjel ein 29 Meter langes,
das sehr schön gelegen ist, mit herrlicher Aussicht über das
Meer und die Karlsinseln.
Bei Rannarve im Kirchspiel Klinte, Gålrum im Kirchspiel Alskog und
Domarlunden im Kirchspiel Lärbro richten kleine Flotten von Steinschiffen
ihren Kurs auf unbekannte Welten. Im Kirchspiel Boge hat Tjelvar selbst
den Namen für die bekannteste Schiffssetzung der Insel gegeben.
Da sie ästhetisch ansprechend sind und oft in einer sehr schönen
Umgebung liegen, haben die Steinschiffe der Bronzezeit oft die Bewunderung
der Nachwelt hervorgerufen. Der gotländische Dichter Gustaf Larsson
hat die Stimmung von Urzeit, Stille und Würde, die für viele
kennzeichnend ist, so beschrieben:
"Das Schiff, das Totenschiff
schimmert durch das Meer der Heideblumen
- stampft durch die Zeitalter
unvergänglich.
Das Rauschen des Waldes singt
und der Regen auf den Kiefernadeln
tropft über Deiner Fahrt
gen Ewigkeit."
Boote und
Schiffe hatten für die Menschen der Bronzezeit große Bedeutung,
als Fortbewegungsmittel und als religiöses Objekt. Aus den Schiffsdarstellungen
der Felszeichnungen geht hervor, daß es sich dabei nicht um kleine
Schiffe handelte. Leider gibt es im ganzen Norden nur vereinzelte Funde,
die uns einen Eindruck von der Konstruktion dieser Schiffe geben können.
Über ihre Seetauglichkeit wissen wir nichts.
Für die bronzezeitlichen Gotländer war es wichtig, sich auf
dem Meer bewegen zu können. Mit Booten hielten sie Kontakt zu ihren
Nachbarn rund um die Ostsee. Aber Boote waren auch notwendig, um nach
dem Tod über unbekannte Gewässer ins Reich der Toten fahren
zu können. Im Statusdenken der Zeit war es sicher auch wichtig, die
eigene Bedeutung zu Lebzeiten zu betonen und zu zeigen, daß man
zu einem Geschlecht von Seefahrern, Händlern oder Schiffsbauern gehörte.
Kultbilder
im festen Gestein
Das Aussehen
und der Inhalt der Gräber, Opfergaben und Kultplätze erzählt
uns von der Wirtschaft, den sozialen Verhältnissen und dem religiösen
Leben auf Gotland in der Bronzezeit. Das Bild wird durch die Felszeichnungen,
die eine der wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen der Zeit
waren, noch deutlicher. Ihre Bilderwelt, die aus Menschen, Tieren, Waffen,
Schiffen, Wagen und religiösen Symbolen besteht, ist in vielerlei
Hinsicht rätselhaft und schwer zu deuten.
Noch wissen die Forscher nicht, welchen Zweck die in das Gestein gemeißelten
Bilder hatten. Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte sein,
daß die dargestellten Gegenstände und die unterschiedlichen
Kampf-, Tanz-, Jagd- und Pflügszenen in Zusammenhang mit dem Kult
und den damaligen religiösen Vorstellungen stehen.
Felszeichnungen gibt es überall in Schweden, die bekanntesten in
Bohuslän. Vielleicht stehen sie in Verbindung zu Plätzen, wo
die Sonne, der Mond, die Fruchtbarkeit oder der Tod verehrt wurden. Auf
Gotland ist nur eine größere Felszeichnung bekannt. Sie liegt
bei Hägvide im Kirchspiel Lärbro, nicht weit von der Laikarheide
und den dort befindlichen Überresten der Bronzezeit entfernt. Die
Zeichnungen von Hägvide enthalten große Mengen an schalenförmigen
Vertiefungen und Bilder von Schiffen, Fußsohlen und Äxten.
Weil die Felszeichnungen in sehr schlechtem Zustand sind, wurden sie vor
kurzem überdeckt, um sie vor weiteren Witterungseinflüssen zu
schützen. Eine Nachbildung befindet sich im Hof von Gotlands Fornsal
in Visby.
Häufelpflüge,
Pferde, Hosen und Popcorn
Gegen Ende
der Bronzezeit und zu Beginn des neuen Zeitalters, der Eisenzeit, erweiterten
die Gotländer ihren Lebensraum zusehends. Sie nutzten die Böden
intensiv, weil sie gezwungen waren, für den Winter Vorräte anzulegen.
Die zunehmende Klimaverschlechterung trug dazu bei, daß es immer
mehr seßhafte Gotländer gab, die nun begannen, bessere Häuser
gegen Regen, Kälte und Sturm zu bauen.
Wenn sich die Gotländer nach der dänischen Mode richteten, trugen
auch sie warme Kleider aus Wolle. Die Männer trugen lange Kittel
und Mäntel, die Frauen bevorzugten Pullover und lange Röcke,
die manchmal mit feinen Broderien verziert waren. Sowohl Männer als
auch Frauen schmückten sich mit schönen Dingen, um ihren Reichtum
und damit ihre Stellung in der Gesellschaft zu demonstrieren.
Die Viehzucht war noch immer der wichtigste Zweig der Landwirtschaft.
Gewöhnlicherweise handelte es sich um Schweine, Schafe, Ziegen, Rinder
und Pferde. Pferde wurden zunächst als Fleischlieferanten gehalten,
aber die Gotländer begannen nach und nach, sie auch als Reit- und
Zugtiere einzusetzen. Um sicher und bequem auf einem Pferd sitzen zu können,
kleideten sie sich außerdem mit einem neuen Kleidungsstück
aus dem Osten, der Hose.
Auf den Äckern bauten sie Gerste, Weizen und vielleicht auch Hirse
an. An und für sich waren die Äcker klein, aber sie waren Teil
eines größeren Systems von Äckern, die nur teilweise eingesät
wurden. Die wichtigsten Hilfsmittel in der Landwirtschaft waren der Häufelpflug,
mit dessen Prinzip noch vor hundert Jahren einige gotländische Bauern
arbeiteten, und die Sichel aus Bronze. Jagd und Fischfang waren wichtige
Nebenerwerbszweige.
Man würde nicht vermuten, daß die bronzezeitlichen Gotländer
"Popcorn" aßen! Bei Ausgrabungen der Siedlung bei Ajvide
fanden Archäologen einige verbrannte Knollen. Bei näherer Untersuchung
stellte sich heraus, daß es Wurzelteile des Frühlingsscharbockskrauts
waren. Ein einsichtiger Forscher schloß daraus, daß sie jemand
über offenem Feuer geröstet hatte. Die Knollen lagen in einer
bronzezeitlichen Ablagerungsschicht und als er Wurzeln des Frühlingsscharbockskrauts
röstete, sahen diese genau wie ihre vieltausendjährigen Vorgänger
aus. Zu allem Überfluß "platzten" sie wie heutiges
Popcorn als sie erhitzt wurden!
Kontinuität
und Veränderung
Von einem
abrupten Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit kann keine Rede
sein. Deshalb ist diese Zeit auch so interessant. Es gibt Anzeichen dafür,
daß der Einzug des Eisens in die Gesellschaft fast eine Revolution
war. Metall war nicht länger nur den Reichen vorbehalten. Das Eisen
wies den Weg in eine ausgeglichenere Gesellschaft. Vielleicht kam es zu
umfassenden sozialen Veränderungen oder zu einem Wechsel der Religion.
Diese Entwicklung können wir in den Grabfeldern erahnen, die nun
immer größer wurden, auch wenn die Größe und Ausstattung
der Gräber abnahm. Jedes Individuum bekam ein eigenes Grab.
Genauso wie Stein, Horn und Knochen auch noch in der Bronzezeit verwendet
wurden, so behielt auch die Bronze in der Eisenzeit eine wichtige Rolle.
Geschickte Handwerker fertigten auch weiterhin Schmuck und Verzierungen
für Kleidung aus dem glänzenden Material. Sie entwickelten eine
Kunstform, die auf Gotland im Frauenschmuck der Wikingerzeit ihre Vollendung
fand. Nach und nach setzte sich aber Eisen als wichtiges Gebrauchsmetall
durch.
Zur gleichen Zeit mit dieser Übergangsperiode im Norden, saß
im fernen Indien ein Mann namens Siddharta Gautama unter einem Feigenbaum
und meditierte, während er versuchte, das Problem des Leidens zu
lösen. In China predigte Konfuzius über Menschlichkeit und einen
frommen Humanismus. In Südeuropa brach die große Zeit des antiken
Athens an und Homer hatte die Ilias schon geschrieben. Die ersten Olympischen
Spiele waren schon vor langer Zeit zum ersten Mal arrangiert worden, bei
Marathon fand die berühmte Schlacht zwischen Persern und Griechen
statt und wenig später wurde der Parthenon auf der Akropolis eingeweiht.
Der Kampf
um das tägliche Brot
Dank ihrer
Handelsverbindungen mit dem Kontinent dürften die Gotländer
zu den ersten Menschen im Norden gehört haben, die mit Eisen in Kontakt
gekommen sind. Als sie gelernt hatten, Eisen aus importierten Erz herzustellen
und es zu zweckmäßigen und schönen Waffen und Werkzeugen
zu formen, wurde es eines der profitabelsten Handelsgüter. Die Entwicklung
hätte noch rascher fortschreiten können, wenn es nicht gleichzeitig
mit dem Einzug des Eisens zu Ereignissen gekommen wäre, über
die die Gotländer keine Kontrolle hatten.
Auf dem europäischen Kontinent herrschte der Volksstamm der Kelten.
Obwohl die Gotländer anscheinend Kontakt zu ihnen hatten, waren die
Gotländer gezwungen, ihre Handelskontakte für einige Zeit auf
ihre traditionellen Handelspartner im Süden zu begrenzen. Der schwächere
Handel ist vielleicht die Erklärung dafür, daß es nur
wenige archäologische Funde aus dieser Zeit gibt. Diese Verhältnisse
sind aber auf Gotland weniger deutlich als auf dem Festland.
Wie die meisten Bewohner des Nordens hatten die Gotländer andere
Probleme als lange Reisen und Handel. Eine Klimaverschlechterung mit sinkenden
Temperaturen und steigendem Niederschlag zwang die Gotländer, mehr
über die Sicherung ihres Überlebens nachzudenken. Sie mußten
um ihr tägliches Brot kämpfen. Sie entwickelten die Landwirtschaft
weiter und verbesserten ihre Häuser, um der Kälte und der Feuchtigkeit
widerstehen zu können. Sie blieben länger an der gleichen Stelle
wohnen, während das Weiden der Tiere und der intensive Anbau den
Boden immer mehr auslaugte. Der bisher stets erzielte landwirtschaftliche
Überschuß, der wahrscheinlich für den Bronzeimport verwendet
wurde, nahm ab, und die Gotländer waren wie alle anderen Einwohner
Skandinaviens gezwungen, sich zunehmend selbst zu versorgen.
Zumindest zu Beginn der Eisenzeit war die Viehzucht noch ein wichtiger
Teil der Landwirtschaft. Die Wirtschaft basierte auf Fleisch, Wolle, Häuten,
Leder, Milch, Knochen und Horn. Sogar Käse wurde hergestellt. Die
Bedeutung des Getreides stieg erst in den Jahrhunderten nach Christi Geburt.
Auf ihren Äckern bauten die Bauern Gerste, Roggen und Weizen an.
Allmählich kamen auch Hafer, Bohnen, Hanf und Flachs dazu.
Vinarve im
Kirchspiel Rone
Unter der
gotländischen Grasnarbe verbergen sich immer noch große Teile
der Landschaft, die Bauern der Eisenzeit bewirtschafteten. Wenn man einen
Spaten an der richtigen Stelle in die Erde stößt, kann man
eine vorgeschichtliche Siedlung mit allen Elementen einer Kulturlandschaft
finden: Hausfundamente, Äcker mit Wällen und Gräben, Weiden,
Viehgassen, Brunnen und Gräbern.
Ein solches Gebiet gibt es bei Vinarve im Kirchspiel Rone. Dort konnten
Archäologen und Kulturgeographen in enger Zusammenarbeit ein kleines
Stück Gotlands aus der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit
offenlegen. Selbstverständlich ist es nur ein kleines Fragment einer
Siedlung, in der seit mehr als 1500 Jahren Menschen leben, aber die Untersuchungen
zeigen, wie Generationen von Gotländern wohnten und wie sie sich
ernährten. Sie enthüllen, wo es Äcker, Heuwiesen, Weiden
und Brachland gab, wie groß sie waren und wie die Bauern diese Flächen
nutzten. Die Forscher können sogar berechnen, wie viele Menschen
zu jedem Zeitpunkt durch den Hof versorgt werden konnten.
Während des Übergangs von der Bronzezeit zur Eisenzeit änderten
die Gotländer auch die Art, ihre Toten zu begraben. Sie bauten nicht
länger monumentale und ein wenig prahlerische Grabhaufen und Schiffssetzungen.
Statt dessen legten sie nun kleinere Gräber in großen Gruppen
an. Solche Ansammlungen von Gräbern gibt es bei Barshalder im Kirchspiel
Grötlingbo, in Annelund außerhalb von Visby und in Lilla Bjers
im Kirchspiel Stenkyrka. Die Grabfelder wuchsen dann lange Zeit immer
weiter, so daß sie viele verschiedene Grabtypen aufweisen. Auch
in diesem Bereich wechselte die Mode von kleinen einfachen, kaum sichtbaren
Steinhaufen zu weitgestreckten Anlagen mit Mustern aus Steinen, die Sternen
oder Speichenrädern gleichen.
Kontakt mit
Rom
Etwa zur
Zeit von Christi Geburt verbesserte sich das Klima wieder, wodurch die
Landwirtschaft neu in Gang kam. Dies führte wiederum dazu, daß
die gotländischen Bauern begannen, neues Land urbar zu machen, und
daß die Siedlungen immer größer wurden. Die Herrschaft
der Kelten auf dem Kontinent war gebrochen. Nun herrschten im Süden
die Römer und im Norden die Germanen. An der südöstlichen
Küste der Ostsee siedelten die Goten, die laut einiger unsicherer
Quellen eigentlich aus Skandinavien stammen sollten. Vielleicht kamen
einige von ihnen sogar aus Gotland.
Die vorteilhafte Lage Gotlands für den Handel und die nautischen
Kenntnisse der Inselbewohner kamen nun wieder zur vollen Anwendung. Römische
Kaufleute drangen über Dänemark und auch über die Flüsse
Weichsel und Oder bis zur Ostsee vor. An den Flußmündungen
trafen sich die Kaufleute aus dem Norden und dem Süden und tauschten
ihre Waren. Vielleicht konnten die Gotländer hier eine Mittlerrolle
im römisch-germanischen Handel einnehmen. Für diese Mittlerrolle
gibt es mehrere Beispiele aus Mitteleuropa.
Das größte Handelsinteresse der Römer galt Sklaven, da
die großen römischen Güter nur mit billiger Arbeitskraft
wirtschaftlich geführt werden konnten. Andere begehrte Waren aus
dem Norden waren vor allem Häute, die die römischen Legionäre
in großen Mengen für Kleider, Schuhe, Zelte und andere Ausrüstung
brauchten. Dazu kamen Pelze, Wolle und vielleicht auch Gegenstände
aus Eisen, Pferde und Bernstein. Die Römer tauschten dafür Luxuswaren
wie zum Beispiel Bronzeschalen, Weinkellen, Glas und manchmal auch Silbermünzen,
sogenannte Denare. Die gotländischen Handwerker profitierten von
den Kontakten mit dem Kontinent. Geschickte Fachleute ließen sich
von der Formenwelt des Südens inspirieren und schufen herrliche Schmuckstücke
und Gebrauchsgegenstände aus Gold, Silber und Bronze.
Runen und
die Kunst des Schreibens
Durch die
Verbindungen mit den Völkern des Mittelmeeres kamen die Gotländer
nun mit etwas völlig Neuem in Kontakt, das sie zuerst nur als Zauberei
und Magie betrachteten. Diese Neuerung waren die Runen, eine Art Buchstabenschrift,
die ihre Wurzeln höchstwahrscheinlich im Mittelmeer hat.
Eine der ältesten Runeninschriften Schwedens steht auf einer Speerspitze,
die bei Moos im Kirchspiel Stenkyrka gefunden wurde. Sie wurde auf das
3. oder 4. Jahrhundert nach Christus datiert. Etwa hundert Jahre später
ritzte eine kundige Person das gesamte Runenalphabet, das sogenannte Futhark,
in einen Stein, der später bei Kylver im Kirchspiel Stånga
gefunden wurde. Diese Einritzung ist eine der ältesten in ganz Schweden,
die alle Runen wiedergibt. Da sie auf einen Grabstein eingeritzt war,
wurde ihr wahrscheinlich magische Kraft zugeschrieben. Vielleicht banden
die Zeichen den Toten an das Grab. Es sollte noch Jahrhunderte dauern,
bis die Runen auch zur Vermittlung von schriftlichen Informationen verwendet
wurden.
In den südlichen Teilen Europas konnten gelehrte Männer schon
seit langem schreiben. Einige von ihnen entwickelten nun aus unterschiedlichen
Gründen ein starkes Interesse für die Völker des Nordens.
Heute müssen wir für dieses Interesse sehr dankbar sein. Reisende
und Historiographen wie Pytheas von Massilia, Tacitus, Jordanes und Prokopios
hinterließen Erzählungen, in denen sich Fakten und Sagen vermischen.
Richtig interpretiert können sie uns doch viele wertvolle Informationen
über das eisenzeitliche Skandinavien liefern.
Die Steingründe
- Gräber für Kämpfer
Irgendwann
im 1. Jahrhundert nach Christus schrieb der römische Historiker Tacitus
folgendes in seiner Germania:
"Es ist wohlbekannt, daß die germanischen Völker nicht
in Städten leben, ja daß sie es noch nicht einmal zusammenhängenden
Siedlungen aushalten. An abgeschiedenen und unzugänglichen Plätzen
legen sie ihre Wohnstätten an, dort wo ihnen eine Quelle, ein Feld
oder eine Lichtung gefiel. Ihre Siedlungen legen sie nicht in zusammenhängenden
Reihen an, so wie wir es tun, sondern ein jeder umgibt seinen Hof mit
einer großen freien Fläche, sei es zum Schutz gegen Feuer oder
auf Grund fehlender architektonischer Kenntnisse..."
Diese Beschreibung der germanischen Wohnverhältnisse zeigt einige
Verhältnisse auf, die auch für das damalige Gotland zutreffen
dürften.
Die Jahrhunderte um Christi Geburt sind eine sehr wichtige Periode in
der Geschichte der gotländischen Bauern. Nun kolonisierten sie die
ganze Insel. Die Kulturlandschaft der Insel nahm langsam ihre heutige
Form an, mit einsam gelegenen Höfen, die von Äckern, Wiesen
und Brachland umgeben sind. Noch waren die Äcker klein. Eine Familie
konnte sich von einem bestellten Areal von etwa 1,5 Hektar ernähren.
Üblicherweise wurden die Äcker ständig bestellt, ohne sie
zwischendurch brachliegen zu lassen. Dies machte Düngung mit Hausabfällen
und Gülle notwendig. Die Bauern benutzten gewisse Flächen nur
als Heuwiesen, um so das Winterfutter der Tiere zu bekommen. Daraus entstanden
die gotländischen Laubwiesen. Es war wichtig, das Vieh von Äckern
und Wiesen fern zu halten. Deshalb baute man Einhegungen aus Stein und
Holz um sie herum. Die Zäune fungierten wahrscheinlich auch als Grenzmarkierungen
zwischen den verschiedenen Höfen.
Wertvolle
Altertümer
Die gotländischen
Bauern bauten ihre Häuser und Wirtschaftsgebäude auf kräftigen
Grundmauern aus Stein, die oft mehr als einen Meter breit waren und oft
auch ebenso hoch. Vielleicht hatten die Häuser ja sogar Innenwände
aus Holz. Das Dach ruhte direkt auf dem Boden und wurde von zwei oder
drei Holzpfeilern getragen. Die Dächer wurden mit Gras oder Schilf
gedeckt. Jeder Hof bestand aus zwei oder drei derartigen Häusern.
In Sjonhem, Lojsta und Burs können auch wir modernen Menschen noch
eisenzeitliche gotländische Höfe besichtigen. An diesen drei
Orten wurden verschiedene Methoden der Rekonstruktion ausprobiert. Die
Lojstahalle wird jedoch mittlerweile als eine wenig gelungene Rekonstruktion
angesehen.
Alles in allem gab es in der römischen Eisenzeit und den darauf folgenden
Jahrhunderten etwa 2500 Steingrundhäuser auf Gotland, eventuell sogar
doppelt so viele. Auch wenn die intensive Landwirtschaft viele Fundamente
verschwinden ließ, gibt es heute noch die Reste von ungefähr
1800 Steingrundhäusern. Besonders unter vielen Laubwiesen lassen
sich heute noch oft die Umrisse erahnen, kleine rechteckige Wälle
mit abgerundeten Ecken. Fast immer sind sie von - heute kaum noch sichtbaren
- Steinwällen umgeben. Von alters her werden die Fundamente auf Gotland
"kämpegravar" - Riesen-/Kämpfergräber - genannt,
da die alten Gotländer glaubten, in ihnen seien Riesen (schwedisch
jättar, gutnisch kämpar) zur Ruhe gebettet. Auf Öland findet
man den gleichen Typ von Überresten aus der Vorzeit und dort werden
die Fundamente ganz einfach als "Riesengräber" (jättegravar)
bezeichnet.
Wenn wir davon ausgehen, daß es auf jedem Hof zwei oder drei solcher
Häuser gab, dann ist es möglich, die Anzahl der Höfe der
Zeit auf der Insel zu errechnen. Die ungefähre Anzahl liegt bei etwa
1500 Höfen, im Mittelalter waren es ungefähr genauso viele und
im frühen 18. Jahrhundert gab es 1325 Höfe.
Die bewahrten Fundamente haben großen wissenschaftlichen Wert. Es
ist mehr oder weniger möglich, Karten von Gotland vor 2000 Jahren
mit sehr detaillierten Angaben zu Landschaft und Bebauung zu zeichnen.
Bei Höglundar in Stenkyrka, Rings in Hejnum, Gervide in Sjonhem,
Visne ängar in Alskog, Vallhagar in Fröjel und vielen anderen
Stellen kann man die "kämpegravsbygder" bestens untersuchen.
Die Fundamente, Einhegungen, Wege, Wasserstellen und Brücken sind
immer noch deutlich im Gelände zu erkennen.
Vallhagar
Archäologen
aus den nordischen Ländern und England untersuchten direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg ein über 10 000 qm großes Gebiet bei Vallhagar
im Kirchspiel Fröjel, auf dem sie Überreste aus der Eisenzeit
fanden. Dort sind 24 Hausfundamente erhalten, die einmal fünf oder
sechs Höfe bildeten. Vallhagar scheint eins der wenigen gotländischen
Dörfer gewesen zu sein. Normalerweise waren die damaligen Höfe
einsam gelegen.
Die Länge der Häuser variierte von zehn bis dreißig Metern.
Alle hatten solide Steinfundamente, einen Eingang in der einen Giebelseite
und eine Herdstelle in der Mitte. Löcher im Erdboden zeigen, daß
das Dach von Holzpfeilern gehalten wurde. Um die Häuser herum gibt
es ein ausgedehntes System von Steinwällen.
Innerhalb und außerhalb der Häuser machten die Archäologen
viele Funde. Die große Menge an Tierknochen zeigt, daß die
Einwohner von Vallhagar hauptsächlich von Viehzucht lebten. Schafe
waren die wichtigsten Nutztiere, auch wenn Rinder vorkamen. Ein ponyähnliches
Pferd konnte auf vielerlei Art genutzt werden: als Reittier, als Arbeitstier
auf dem Acker und vielleicht sogar als Opfer- oder Schlachttier. Die Archäologen
fanden auch Knochen von Hühnern und Katzen, die ältesten Funde
dieser zahmen Tiere in Schweden.
Die Dorfbewohner pflügten ihre Äcker mit Häufelpflügen
und säten dann Gerste, Weizen und Roggen ein. Zur Ernte des Korns
benutzten sie Sicheln und zum Heumachen eine kleine Sense. Sie backten
Brot in Öfen aus Kalksteinblöcken und das Mehl verlängerten
sie mit den Samen wildwachsender Kräuter, wie zum Beispiel Weißer
Gänsefuß und andere. Durch Jagen und Sammeln in der Umgebung
des Dorfes vervollständigten sie ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse.
Gejagt wurden vor allem Seehunde, Krähen, Dohlen, Stare, Gänse,
Stockenten und Rebhühner. Die Dorfbewohner haben sicherlich auch
gefischt, aber merkwürdigerweise wurden keine Fischgräten gefunden.
Wahrscheinlich sind die Bewohner von Vallhagar mit ihren vielen Erwerbszweigen
recht gut über die Runden gekommen. Unsicher ist jedoch, ob sie einen
Überschuß erwirtschaften konnten. Wir wissen auch nicht, ob
sie am gotländischen Festlandshandel teilnahmen, auch wenn offensichtlich
importierte Glasbecher gefunden wurden. Vielleicht stellten die Frauen
an ihren Webstühlen und Spindeln die wichtigsten Exportwaren her.
Die Siedlung bei Vallhagar konnte mehrere Jahrhunderte lang bestehen und
sich immer weiter entwickeln. Genauso plötzlich wie unerklärlich
verließen die Einwohner ihre großen Langhäuser während
einer relativ kurzen Zeitperiode und kehrten nie wieder zurück. Es
war ein endgültiger Abschied. Er steht historisch im Zusammenhang
mit der sogenannten Völkerwanderungszeit, eine unruhige Zeit für
ganz Europa.
Sie verließen
ihre Häuser - was geschah?
Was passierte
nun in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts? Was konnte so weitgehende
Folgen für eine viele hundert Jahre alte Siedlungsstruktur haben
- nicht nur für Vallhagar, sondern für alle eisenzeitlichen
Höfe? So viele Jahrzehnte, wie sich Forscher schon darüber den
Kopf zerbrechen, so viele Theorien scheint es dazu zu geben.
Anfangs war man davon überzeugt, daß Krieg, Plünderungen
und allgemeine Unruhe in der Ostseeregion die wichtigsten Ursachen waren.
Fraglos sind einige der Häuser abgebrannt. Heute weiß man allerdings,
daß nur ein kleiner Teil aller Höfe gebrannt hat. Dies haben
die Archäologen mit der Tatsache in Beziehung gesetzt, daß
viele Goldschätze zu dieser Zeit vergraben wurden. Andere Forscher
wiesen auf die zahlreichen Fluchtburgen hin, die in dieser Zeit angelegt
wurden. Und der Zweck von Fluchtburgen war es ja, der Bevölkerung
in unruhigen und kriegerischen Zeiten Schutz und Zuflucht zu bieten. Und
spricht nicht auch die Gutasaga - eine literarische Quelle - von einer
erzwungenen Auswanderung vieler Gotländer? Ist es nicht natürlich,
daß sich die so Bedrohten wehrten und daraus weitere Gewalt entstand.
Bevor sie schließlich doch die Insel verlassen mußten, brannten
sie vielleicht ihre Häuser nieder, damit sie niemand übernehmen
konnte.
Oder wurden die Brände fahrlässig verursacht? Tacitus deutet
ja in seiner Germania an, daß so etwas durchaus üblich war.
Vielleicht war die Konstruktion der Häuser so gefährlich, daß
die Bewohner nicht länger wagten, weiter in diesen Häusern zu
leben. Aber dann muß man sich fragen, warum sie diese Gefahr erst
um das Jahr 550 herum entdeckt haben sollen.
Wenn wir eine Abnahme der Siedlungsanzahl und der Bevölkerung voraussetzen,
könnten Krankheiten, wie die Pest, eine mögliche Erklärung
sein. Oder warum nicht sogar Veränderungen des Klimas? So etwas hatte
ja schon oft die Lebensbedingungen der Menschen grundlegend verändert.
Auf der anderen Seite kann vielleicht auch eine Bevölkerungszunahme
die Ursache für das Verlassen einiger Höfe gewesen sein. Im
Laufe einiger hundert Jahre waren neue Höfe außerhalb der größeren
Siedlungen entstanden und der ganze nutzbare Boden war urbar gemacht worden.
Einige aufeinanderfolgende Mißernten konnten dann eine schwer zu
meisternde Krise hervorrufen. Wahrscheinlich waren es dann die neuen,
abgelegenen Höfe, die zuerst verlassen wurden.
Das eigentliche Problem liegt aber gar nicht in dem Verlassen der Häuser,
sondern in den daraus entstandenen Folgen. Warum kehrten die Menschen
nicht zu ihren Häusern zurück, als die Krise überstanden
war? Ein Teil der besonders abgelegenen Höfe wurde völlig aufgegeben,
aber ansonsten verließen sie nur ihre Häuser und nicht ihre
Äcker und Wiesen. Sie verlegten die Hofstellen.
Vielleicht lernten sie zu dieser Zeit auch - oder sie begannen erneut
damit -, Häuser aus Holz zu bauen. Die stetige Expansion der Landwirtschaft
während der römischen Eisenzeit durch Brandrodung, Urbarmachung
und intensiver Weidewirtschaft hatte vielleicht dem Wald so stark zugesetzt,
daß es zu einem Mangel an Bauholz kam. Es dauerte mehrere Jahrhunderte
bis die Folgen dieser Entwicklung wieder ausgeglichen waren. Zu allem
Überfluß kam es in dieser Zeit zu einer wichtigen Veränderung
im bedeutendsten Wirtschaftszweig - der Landwirtschaft. Man ging zur Zweifelderwirtschaft
über und ließ die Äcker jedes zweite Jahr brach liegen.
Dies erforderte die Urbarmachung von neuen, noch nicht bewirtschafteten
Böden.
Sollen wir das Problem damit als gelöst betrachten? Oder gibt es
hier noch Raum für zukünftige Forscher, die mit diesem klassischen
Problem der gotländischen Archäologie ringen wollen?
Die Zeit
der Völkerwanderung - Gold und Wirbelräder
Die Völkerwanderungszeit
war eine unruhige Zeit in ganz Europa. Germanische, keltische und slawische
Volksstämme verteilten sich über große Flächen neu
und sorgten für Unruhe auf dem gesamten Kontinent. Das weströmische
Reich ging unter, Königreiche entstanden und Könige, Adel und
die Kirche schufen die Grundlagen für das mittelalterliche Europa.
Auch in Skandinavien waren es schwere Zeiten. Veränderungen geschahen
in der Bebauung und in der Landwirtschaftstechnik, die vielleicht durch
Hunger und Krankheiten hervorgerufen wurden. Aus einem Gefühl der
Unsicherheit heraus bauten und verbesserten die Menschen ihre Fluchtburgen
und versteckten viel Gold an geschützten Stellen. Aber die großen
und reichen Gräber, die Bildsteine, die vielen importierten Gegenstände
und die hochentwickelte Metallschmiedekunst sprechen für eine im
Großen und Ganzen friedliche Entwicklung und für einen ungestörten
Handel.
Das begehrenswerte
Gold
Das Ende
der Völkerwanderungszeit brachte auch für Gotland einige Veränderungen
mit sich. Um wie viele Menschen es sich handelte, wissen wir nicht, aber
in dieser Zeit wurden die "Riesengräberhäuser" verlassen.
Diese Periode war das Zeitalter des Goldes für Skandinavien und Gotland.
Die immer mächtigeren Germanen verschafften sich große Mengen
des begehrenswerten Metalls aus dem auseinanderbrechenden Römischen
Reich.
Einen Teil bekamen sie sicher ganz legal durch Handel oder als Lohn für
Söldnerdienste, aber sie verschafften sich auch große Mengen
durch Plünderung. Das Gold bestand aus Schmuckstücken, unbearbeiteten
Barren und aus Goldmünzen, sogenannten Solidi. Davon wurden etwa
250 in der Erde Gotlands gefunden.
In Europa zirkulierten große Mengen Gold. In der Mitte des fünften
Jahrhunderts mußte zum Beispiel der römische Kaiser Theodosius
ein Lösegeld an den Hunnenkönig Attila bezahlen, um Rom vor
der Plünderung zu bewahren. Der Kaiser mußte 430 000 Solidi
aufbringen. Das entspricht einem Gewicht von etwa 2 Tonnen Gold!
Ein steter Strom von Edelmetallen floß nach Norden zu den Ostseeinseln
Bornholm, Öland und Gotland. Aber nicht alles kam bis dort, sondern
vieles blieb statt dessen an der südlichen Küste der Ostsee.
Die Kaufleute verwendeten Gold wahrscheinlich für den Fernhandel
und für sehr spezielle Geschäfte, aber wohl kaum für den
lokalen Handel. Vielleicht haben sie deshalb einen Teil des Goldes versteckt.
Bestimmt haben die Menschen das Gold auch in religiösen Zeremonien
als Opfergabe benutzt.
Ein Teil des importierten Goldes wurde für die Herstellung von Schmuck
verwendet. Nicht zuletzt auf Gotland gab es zu dieser Zeit viele geschickte
Goldschmiede. Sie entwickelten verfeinerte handwerkliche Techniken mit
einer eigenen Formenwelt. Nach römischem Vorbild lernten sie, dünnes
Goldblech zu rundem Hängeschmuck, sogenannten Brakteaten, zu pressen
und zu prägen. Eine Art Wahrzeichen für Gotland wurden die protzigen
Prachtfibeln mit wunderbarer Tierornamentik.
Axtförmige
Bildsteine
Die Verbindung
zwischen der gotländischen Kreativität und den neuen Eindrücken
vom Kontinent, manifestierte sich auch in einer anderen Kunstform - den
Bildsteinen. Gotländische Handwerker hatten schon die Fähigkeit,
mit dem geschichteten Kalkstein umzugehen und ihn mit einfachen Werkzeugen
zu formen. Nun im fünften Jahrhundert geschah etwas Neues. Die Gotländer
begannen auf ihren Grabfeldern bis zu drei Meter hohe, geschickt behauene
Steine zu errichten, die wie Axtschneiden geformt waren. Sie waren sparsam
mit Wirbelrädern, Ruderschiffen, Spiralen und einfachen Tierbildnissen
ausgeschmückt. Diese Motive waren wichtige Teile der damaligen religiösen
Zeremonien. Wahrscheinlich wurden die Muster mit klaren Farben ausgemalt.
Es muß ein phantastisches Erlebnis gewesen sein, ein Grabfeld wie
das bei Lilla Bjers im Kirchspiel Stenkyrka mit seinen vielen großen
Bildsteinen zu sehen.
Die Figurenwelt der Bildsteine stammt ursprünglich nicht von Gotland.
Die Bilder und Symbole holten sich die Gotländer vom Kontinent, wahrscheinlich
sogar aus dem Römischen Reich, wo ähnliche Formen auf Grabmälern
und Mosaikböden vorkamen. Der oder die Künstler, die die Bildsteine
des fünften Jahrhunderts schufen, kamen wohl auch noch nicht von
Gotland. Ein fähiger Handwerker aus dem Mittelmeergebiet könnte
mit einem gotländischen Kaufmann auf die Insel gekommen sein - vielleicht
sogar ein Sklave, der sich nun in seinem neuen Heimatland beweisen mußte.
Aber wir können auch nicht ausschließen, daß Gotländer
die neuen Techniken im Ausland lernten.
Die ästhetisch ansprechenden Bildsteine des fünften Jahrhunderts
sollten einige Jahrhunderte später Nachfolger bekommen. Dann bekamen
die Steine ein anderes Aussehen und eine ganz andere Bildwelt.
Torsburgen
- Heim der Asen und Wehr der Menschen
Hoch über
das sie umgebende Waldgebiet im Osten Gotlands erhebt sich die Torsburg,
ein Bergplateau, das an drei Seiten von bis zu 30 Meter hohen Klippen
begrenzt wird. Im Süden und Südwesten, wo der Berg nur sehr
flach abfällt, wurde eine zwei Kilometer lange Mauer aus Kalkstein
gebaut. Die Mauer war einmal bis zu sieben Meter hoch und hatte lotrechte
Außenseiten. Heute sind aber große Teile davon eingestürzt.
Die unzugänglichen Felswände und der beeindruckende Schutzwall
machten aus der Torsburg eine außerordentlich effektive Verteidigungsanlage.
Aber unter dem Vorbehalt, daß man etwa tausend Mann benötigte,
um die ganze Fläche zu verteidigen. Die Befestigungsanlage ist nämlich
doppelt so groß wie die Innenstadt Visbys.
In der Welt
der Sagen
Die Torsburg
wird in der sogenannten Auswanderungserzählung der Gutasaga genannt.
In der Volkstradition wohnte der Donnergott Thor auf Torsburgen. Von hier
aus brach er zu Kämpfen gegen übelgesinnte Riesen und Trolle
auf. Von den Trollen behandelte er Torspjäsku besonders hart. Sie
war eine Frau, deren Vorderseite schön und anziehend war, aber deren
Hinterseite wie ein hohler Baumstamm ausgehöhlt war.
Thor wohnte in einer tiefen Schlucht namens Svartstugan (die schwarze
Hütte). Sie hatte zwei Fenster und eine Türöffnung, die
zu einem Klippenabsatz führte. Dort befanden sich seine Küche
und sein Esszimmer. Ein glatter Gesteinsbrocken war der Esstisch und in
seinem Ofen aus Steinen konnte er herrliche Wildschweinsteaks zubereiten.
Zufrieden saß er in Svartstugan und dachte an seine Taten. Besonders
freute er sich, wenn er an das Geschenk dachte, daß er den Menschen
gemacht hatte - die Blitze. Denn daraus entsteht ja das Feuer.
Wenn Thor Essen besorgen mußte, nahm er oft den Weg durch Västre
skipsgangen. Auf dem Rückweg versteckte er dann seine Vorräte
in einer der vielen Grotten in der Torsburg. Der beste Weg zurück
nach Svartstugan war durch Rindarhulet, eine kreisrunde Öffnung im
Berg. Wenn er die Riesen richtig überraschen wollte, benutzte er
einen unterirdischen Gang, der zu einer Anhöhe bei Endre führte.
Als die Gotländer sich nach und nach neuen Ideen und Lehren zuwandten,
hielt es Thor für angebracht, sich zum Sterben hinzulegen. Er fand
seine letzte Ruhe irgendwo auf Torsburgen, aber niemand weiß genau
wo. Er soll jedoch manchmal in die Heimat zurückkehren, und dann
macht er sich meistens nach Östergarnsholm auf, wo er seine alten
Feinde, die Trolle, zu treffen hofft.
Es ist nicht ratsam, sich auf die Suche nach Thors Ruhestätte zu
begeben. Vor hundert Jahren kam einmal ein Altertumsforscher vom Festland,
um nach dem Grab zu suchen. Er wohnte auf dem Hof in Hajdeby. Eines Tages
kam er freudestrahlend heim und berichtete den Bewohnern des Hofes, daß
er nun wüßte, wo Thor begraben ist, und daß er am folgenden
Tag mit den Ausgrabungen beginnen würde.
In der Nacht wachte die Bäuerin auf, als ein großer geschlossener
Wagen von schwarzen Pferden gezogen auf den Hof fuhr. Es war, als ob Funken
und Feuerbälle um ihn herum tanzten. Ein dunkel gekleideter Mann
ging in das Haus und weiter in das Zimmer des Forschers. Niemand weiß,
was nun passierte, aber der Forscher reiste am nächsten Tag ab. Eine
solche Nacht wollte er nicht noch einmal erleben. Er war gepeinigt und
geplagt worden, bis er fast wahnsinnig geworden war. Seitdem hat niemand
mehr nach Thors Grab gesucht.
Die Wirklichkeit
Die Torsburg
hat noch einen ganz anderen Zweck erfüllt. Die Befestigungsanlagen
zeigen, daß sich die Gotländer bedroht gefühlt haben müssen.
Und das nicht nur ab und zu, sondern ziemlich oft. Das gilt nicht nur
für die Leute, die auf Östergarn wohnen, sondern für alle
Gotländer. Die Burg dürfte eine Angelegenheit der ganzen Insel
gewesen sein. Der Beschluß, die Burg zu bauen, und die tatsächliche
Durchführung des Bauvorhabens deuten daraufhin, daß es eine
gewisse Organisation gab, die hinter all dem Steinbrechen, dem Holzschlagen,
dem Mauern und der ganzen anderen Arbeit stand. Wer hatte die Macht, die
Berechtigung oder die Fähigkeit, diese Anlage zu erbauen? Eine politische
Zentralmacht, eine geeinte Region oder eine einflußreiche Familie?
Ob es jemand derartigen gab und wer es in so einem Fall war, wissen wir
nicht.
Vermutlich war die Torsburg Teil eines Systems von Fluchtburgen, die an
der gefährdeten gotländischen Ostküste verteilt waren.
Sie bilden eine Kette von Verteidigungsanlagen, die untereinander durch
ein Signalsystem von Wachfeuern verbunden waren.
Früher war man davon überzeugt, daß die Fluchtburgen in
der Völkerwanderungszeit entstanden waren. Heute weiß man es
besser. Viele Burgen haben ihren Ursprung schon in den ersten Jahrhunderten
nach Christi Geburt und sind danach im Laufe von etwa tausend Jahren immer
weiter ausgebaut und verbessert worden. Bei archäologischen Untersuchungen
der Mauern der Torsburg fand man heraus, daß sie schon in der römischen
Eisenzeit erbaut wurde. Die Burg wurde dann in der Völkerwanderungs-
und der Wikingerzeit ausgebaut.
Wozu wurden die Torsburg und die anderen Fluchtburgen erbaut, die auf
leicht zu verteidigenden Klippen oder auf dem flachen Land lagen? Waren
sie nur zur Verteidigung oder Zuflucht in Unruhezeiten gedacht? Das werden
sicherlich ihre wichtigsten Aufgaben gewesen sein. Vielleicht wurden sie
auch als Pferche, als Marktplätze oder als Zentren für kultische
und religiöse Zeremonien benutzt. Einige waren vielleicht sogar nur
befestigte Höfe. Die Ausweitung der Landwirtschaft und die Jagd der
Bauern nach bestellbarem Land machte es nötig, sich gegen seine nächsten
Nachbarn zu verteidigen.
Auf Gotland gibt es etwa hundert Fluchtburgen. Im östlichen Svealand
gibt es weit mehr, allein in Södermanland etwa 300. Darüber
hinaus finden wir welche in Bohuslän, Halland und anderswo. Einige
der Bekanntesten liegen auf Öland. Die Burg von Eketorp, von der
einige Teile der Mauer und der alten Bebauung rekonstruiert wurden, hat
eine ähnliche Baugeschichte wie die Torsburg.
Die Vendelszeit
- ein Vorspiel der Wikingerzeit
In Snorri
Sturlusons Saga von den Ynglingern wird unter anderem von drei Königen
berichtet, die Aun, Egil und Adils hießen. Sie sollen irgendwann
im sechsten Jahrhundert über Gamla Uppsala geherrscht haben und dort
in den drei großen Hügeln begraben worden sein, die noch heute
den Ort dominieren. Wenn die Erzählung stimmt, dürften sie damit
unter den ersten Königen gewesen sein, die über das Reich der
Svear herrschten. Dieses Reich sollte mit der Zeit ein bedeutender wirtschaftlicher
und politischer Machtfaktor werden und auch in der gotländischen
Geschichte eine große Rolle spielen.
Ungefähr zur gleichen Zeit geschahen große Dinge auf dem europäischen
Kontinent. Schon 395 wurde das Römische Reich in ein west- und ein
oströmisches Reich geteilt. Während der folgenden Jahrhunderten
war vor allem das weströmische Reich ständigen Attacken germanischer
Volksstämme ausgesetzt. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts
begannen die Araber einen gewaltsamen Vorstoß entlang der Küste
Nordafrikas und etwas später kamen sie auch nach Europa. Lange, religiös
motivierte Kriege unterbrachen den bisher so einträglichen Handel
im Mittelmeergebiet.
Im heutigen Frankreich entstand das fränkische Reich. Um 730 hatte
es schon genug Macht, um dem Vordringen der Araber in der blutigen Schlacht
von Poitiers ein Ende zu setzen. Zur gleichen Zeit schrieb der angelsächsische
Mönch Beda venerabilis eine Geschichte seines Volkes. Er verwendete
das erste Mal Christi Geburt als Ausgangspunkt für die Zeitrechnung.
Noch heute ist dies die Grundlage der geschichtlichen Zeitrechnung, die
kein Jahr Null kennt. Im östlichen Europa begann eine Volksgruppe,
die Slawen, nach Westen vorzudringen. Sie wurden die nächsten Nachbarn
der Gotländer an der südlichen Ostseeküste.
Svear und
Gotländer
In der schwedischen
Geschichte wird die Zeit von etwa 550 bis 800 als Vendelzeit bezeichnet.
Die Vendelszeit hat ihren Namen nach den außerordentlich reichen
und prachtvollen Bootsgräbern, die bei Vendel und Valsgärde
in Uppland gefunden wurden. Mächtige Männer wurden hier begraben,
mit kostbaren Grabbeigaben, wie Waffen, Helmen, Schilden und importierten
Luxusgegenständen. Die Ausstattung des Grabes war ein Ausdruck für
den sozialen Status. Aber die Svear hatten bestimmt keine Hemmungen, ihre
Waffen auch zu gebrauchen, sei es zur Verteidigung oder zur gewaltsamen
Ausweitung ihrer Macht.
Sie betrieben auch umfangreichen Handel, der vor allem auf der Eisenherstellung
basierte. Ein Teil des Handels konzentrierte sich mit der Zeit in Birka
im Mälarsee. Bestimmt sind auch einige Gotländer dorthin gefahren.
Die Svear begannen nun auch, sich nach neuen Märkten umzusehen. Große
neue Märkte lagen im Osten, vor allem im Baltikum. Dort gab es aber
schon Andere mit den gleichen Interessen, die zudem dieses Gebiet als
ihren angestammten Markt betrachteten - die Gotländer.
An der baltischen Küste, im heutigen Lettland und Litauen, die damals
nur eine Tagesreise von Gotland entfernt war, hatten gotländische
Handelsleute von alters her enge Kontakte zu den Menschen der Gegend.
Bei den Städten Grobin und Apuole gab es Häfen, die denen auf
Gotland glichen. Dorthin fuhren sie, um Handel zu treiben und wahrscheinlich
ließen sich dort auch einige für immer nieder. An beiden Orten
gibt es Grabfelder, in denen Archäologen große Mengen an Funden
aus Skandinavien gemacht haben. Ein Teil der Gräber enthielt typisch
gotländische Gegenstände. Es ist aber schwer zu sagen, wie groß
der Einfluß der Gotländer in Wirklichkeit war. Dazu sind noch
weitere Untersuchungen nötig. Auch bei Truso und Wiskiauten in Nordpolen
gibt es Grabfelder mit gotländischen Funden.
Prachtvolle
Gräber
Auf Gotland
wuchs die Bevölkerung und damit wuchsen auch die Grabfelder. Bei
Trullhalsar im Kirchspiel Anga und an anderen Orten bekamen die Steinhaufengräber
jetzt oft tortenähnliche Formen mit einer Kante aus Kalksteinsplittern.
Viele Gräber wurden mit kunstvoll gehauenen Grabkugeln geschmückt.
An anderen Stellen wurden die toten Gotländer mit ihren Schwertern,
Speeren und anderen Ausrüstungsgegenständen in die Gräber
gelegt. Pferde und Hunde mußten manchmal ihren Herren in den Tod
folgen. Unter anderem wurden bei Broa und Högbro im Kirchspiel Halla
mehrere wohlgefüllte Gräber gefunden. Dies hat Verwunderung
unter einigen Archäologen hervorgerufen. Wer bekam solche reichen
Gräber? Waren es die damaligen Großbauern, die reichsten Kaufleute
oder die erfolgreichsten Handwerker? Oder waren es gewöhnliche gotländische
Bauern?
Auf Gotland arbeiteten zu dieser Zeit viele geschickte Feinschmiede mit
der Herstellung schöner Schmuckstücke und Fibeln. Ihre stilistische
Ausformung kam aus dem Süden, aber sie bekamen auch eine spezifisch
gotländische Prägung. Paviken bei Västergarn war einer
der vielen Häfen und Handelsplätze, der von den gotländischen
Kaufleuten anlegt wurde. Paviken sollte in den folgenden Jahrhunderten
große Bedeutung erlangen. Es war ein wichtiger Treffpunkt für
gotländische Händler und viele ausländische Besucher.
Damit war eine neue Periode in der eigentümlichen gotländischen
Bildsteinkunst angebrochen.
Die sagenhafte
Welt der Bildsteine
Die stilvollen
und sparsam dekorierten Gedenksteine des fünften Jahrhunderts wurden
mehrere hundert Jahre lang von deutlich kleineren und längst nicht
so elegant behauenen Steinen abgelöst. Die Steinmetze schmückten
sie mit einfachen Darstellungen von Segelschiffen mit hohen Steven, von
Pferden, Hirschen, Entenvögeln und Schlangen. Auf einigen Steinen
ist eine Frau mit Schlangen in den Händen zu sehen. Eine Schlangenhexe?
Nach dieser Übergangsphase tauchte im ausgehenden 8. und im frühen
9. Jahrhundert eine neue Generation Bildhauer auf. Sie errichteten wieder
über drei Meter hohe Steine, die aber mit vollkommen neuen Bildern
und Figuren dekoriert waren. Ihre Bilderwelt hat ihren Ursprung womöglich
in der ausdrucksstarken Bildkunst und der lebendigen Figurendarstellungen
im Frankenreich des 8. Jahrhunderts.
Auch die Form der Steine änderte sich. Für die Meister, die
diese Steine schufen, hatte sicherlich die Silhouette eines Stammes mit
einem halbrunden Oberteil eine symbolische Bedeutung. Natürlich kann
man auch die Steine aus dem 8. Jahrhundert mit einer Axt vergleichen,
immerhin waren Äxte ja wichtige Gegenstände bei kultischen Handlungen.
Aber die Steine können auch für einen Fruchtbarkeitskult stehen
und Phalli symbolisieren. Vielleicht sollen sie auch die Weltenesche Yggdrasil
darstellen, die mit ihren gewaltigen Ästen der Erde Schatten spendete
und das Leben ermöglichte. Oder ähneln die Steine einer Tür,
einer Passage zwischen dem Bekannten, und dem Unbekannten, dem Übergang
zwischen Leben und Tod?
Jemand hat die Bildsteine als die Comics der Vorzeit bezeichnet. Die Bildsteine
mit ihrer lebendigen Bilderwelt voll von dramatischen Ereignissen, Schiffen
und Symbolen in klaren Farben, müssen einem Comic sehr ähnlich
gewesen sein. Und sie waren genauso leicht zugänglich für die
Menschen der Eisenzeit wie für uns heute Comics. Sie waren ein stattlicher
Blickfang an Wegen und Opferplätzen.
Gedenksteine
Die großen
Bildsteine sind vermutlich Gedenksteine für Männer, die etwas
Bedeutendes im Leben erreicht hatten. Natürlich ist es sinnvoll anzunehmen,
daß die Bilder als Ereignisse aus dem Leben dieses Mannes gedeutet
werden können, aber bei einer näheren Untersuchung zeigt sich,
daß viele Motive auf den meisten Bildsteinen vorkommen.
Es gibt Schiffe, die zum Teil realistisch dargestellte Wikingerschiffe
sind. Es gibt aber auch Schiffe, die das Totenschiff symbolisieren könnten,
das notwendig war, um nach Walhalla zu kommen. Vielleicht sahen die Gotländer
die Schiffe auf den Bildsteinen als Ersatz für die Bootgräber.
In der Bildwelt der Steine finden sich auch immer wieder eine Frau, die
ein Trinkhorn darreicht, Pferde und eine liegende Person. Diese üblichen
Darstellungen werden mit Szenen aus den nordischen Götter- und Heldenepen
vermischt.
Die Hinterbliebenen ehrten den Toten, indem sie einen Bildstein für
ihn aufstellten. Die Mythen und religiösen Erzählungen hatten
große Bedeutung für die letzte Reise des Toten, genauso wie
die Opfermahlzeiten und andere rituelle Handlungen während der Beerdigung.
Ehre und Tod waren wichtige Konzepte in der Welt der Eisenzeit. Die Dreiecke
auf den Bildsteinen könnten das Symbol für das Herz gewesen
sein, während die Ringe für Treue oder Ehre standen. Jemand,
der etwas im irdischen Leben geleistet hatte, konnte sich auf das Leben
in Walhalla, den schäumenden Met, die lustigen Jagden und die wilden
Kampfspiele freuen.
Die gotländischen Bildsteine sind nicht nur eine wichtige Quelle
für die damaligen Mythen und Sagen. Sie geben uns auch wichtige Informationen
über das Alltagsleben. Die Bilder auf den Steinen zeigen, wie die
Menschen wohnten, wie sie gekleidet waren, welche Waffen sie benutzten
und wie ihre Schiffe segelten. Aus ihnen geht sogar hervor, daß
die Männer einen gepflegten Bart und die Frauen langes, eventuell
geflochtenes Haar hatten. Es gab mit einiger Sicherheit befahrbare Wege,
da mehrere Darstellungen Wagen zeigen, die von Pferden gezogen werden.
Kampf- und Opferszenen zeigen mit aller Deutlichkeit, daß Gewalt
nicht ungewöhnlich war.
Die Wikingerzeit
- die Menschen des Nordens kommen nach Europa
Kaufleute,
Staatengründer und Räuber
Das erste
Mal, daß die Wikinger in der Geschichte erscheinen, dürfte
das Jahr 793 gewesen sein. Vollkommen unerwartet segelte eine Gruppe heidnischer
Skandinavier über das Meer zum englischen Kloster Lindisfarne. Zum
Entsetzen der Mönche kamen sie nicht in friedlicher Absicht, sondern
um zu plündern und zu rauben. Vielleicht wurden die Bewohner des
Nordens schon seit langem von den Reichtümern gelockt, die sie auf
ihren Handelsreisen in den Westen gesehen hatten. Sie wußten bestimmt
von all den Kostbarkeiten, die dort so leicht zugänglich waren und
zudem kaum verteidigt wurden. Sie brauchten sich weder vor den wehrlosen
Mönchen noch vor dem, was die Christen Gott nannten, zu fürchten.
Das Zeitalter der Wikinger hatte begonnen.
Begierig nach Macht, Ehre und edlen Metallen belagerten und verwüsteten
die Wikinger Paris, London, Lissabon, Sevilla und Hamburg. Sie suchten
neues Ackerland in England, Irland, Nordfrankreich, Island, Grönland
und Nordamerika. Sie bauten Handelsstädte wie Birka im Mälarsee,
Haithabu in Norddeutschland, Kaupang am Oslofjord, York in England und
Dublin in Irland. Sie trieben Handel an den russischen Flüssen, segelten
über das Schwarze Meer bis nach Konstantinopel und besuchten Jerusalem
und Bagdad. An mehreren Orten hinterließen sie neue Reiche und Staatsgebilde.
Die nordischen Wikinger wurden in ganz Europa bekannt als Piraten, Räuber
und Krieger, aber auch als geschickte Seefahrer, Händler und Staatengründer.
Sie brachten die Zivilisation des Kontinents in den Norden und integrierten
so den Norden in die europäische Kulturgemeinschaft.
De Einfluß der Wikinger ist immer noch zu spüren. Engländer,
Franzosen und Russen übernahmen nordische Wörter in ihre Sprachen
und nannten Städte und Dörfer nach Orten in der Heimat der Wikinger.
Noch heute taufen viele junge Eltern ihre Kinder als Björn, Torsten,
Gunnar und Sigrid. Aber es waren keine großen Scharen, die sich
auf den Weg nach Europa machten. Die allermeisten Skandinavier blieben
auf ihren Höfen. Außerdem sollte es noch ziemlich lange dauern,
bis ein König oder ein anderer mächtiger Mann solche Heere wie
gegen Ende der Wikingerzeit aufbieten und ausrüsten konnte.
Sie nutzten
die Möglichkeiten
Die politische
Situation in England trug dazu bei, daß die Wikinger einen so großen
Teil Europas in den Griff bekommen konnten. Um 800 kamen sie mit drei
Großreichen in Kontakt: das immer stärker zersplitterte Reich
der Franken, das oströmische Reich mit dem Zentrum in Konstantinopel
und das arabische Kalifat. England war in viele kleine Reiche ohne einheitliche
Führung aufgeteilt. In Rußland gab es noch keinen Staat, nur
an der Wolga beherrschten die Wolgabulgaren und die Kazaren zwei kleinere
Reiche. Der wirtschaftliche Schwerpunkt des islamischen Reiches lag in
Bagdad oder gar noch weiter östlich in Samarkand. Dort hatten die
Araber begonnen, reiche Silberminen auszubeuten.
Gleichzeitig entwickelte sich der Norden recht stark. Die Bevölkerung
wuchs und die Häuptlinge konnten die Menschen immer besser kontrollieren,
was bei diesen eine starke Sehnsucht nach Freiheit hervorrief. Der Handel
konzentrierte sich in größeren Zentren. Im Westen gab es Land,
das man erobern konnte, leicht zu erlangende Kostbarkeiten, Macht, Ehre
und Abenteuer. Im Osten lag ein phantastischer Markt mit stark gefragten
Handelswaren wie Sklaven, Pelze und Silber. Der Osten war leicht zu erreichen,
da die großen Flüsse für geeignete Boote gut befahrbar
waren.
Und geeignete Boote hatten die Wikinger. Mit ihren sorgfältig gebauten,
schnellen Schiffen konnten sie nicht nur auf hoher See, sondern auch auf
Flüssen segeln oder rudern. Obwohl sie mit Männern, Ausrüstung
und Handelswaren, zum Teil sogar mit Pferden, belastet waren, lagen sie
hoch im Wasser. Sie waren so leicht, daß die Besatzung sie längere
Strecken über Land ziehen konnte. Die Schiffe waren die Nabelschnur
der Wikinger. Ohne diese Schiffe und ihre außerordentlichen Eigenschaften,
hätten die Wikinger sich niemals auf ihre weiten Fahrten begeben
können. Sie wären niemals berüchtigt, gefürchtet,
berühmt oder bewundert worden.
Die Landwirtschaft
war die Grundlage
Die Gotländer
der Wikingerzeit lebten wohl wie die meisten anderen Skandinavier. Die
Meisten betrieben Landwirtschaft, Andere wurden Händler oder Krieger,
die mit Silber im Geldbeutel von ihren Reisen zurückkamen. Einige
bildeten sich zu geschickten Kunst- oder Waffenschmieden, zu Schiffsbauern,
Bronzegießern, Kammachern, Hornschnitzern oder Tischlern weiter.
Andere konnten Runen und Drachenschlingen in Steine meißeln, und
einige wurden beliebte Dichter und Sagenerzähler. Viele blieben unter
Grasnarben und Grabhaufen in fremden Ländern.
Sie saßen stolz und mächtig auf ihren Höfen, die die Basis
der gotländischen Gesellschaft bildeten. Um sich herum hatten sie
die Familie, vielleicht ein Dutzend Personen, Bedienstete und Sklaven.
Die totale Bevölkerung der Insel zur Wikingerzeit kann zwischen 15000
und 20000 Personen gelegen haben.
Die Landwirtschaft war wichtig und erbrachte sogar einen kleinen Überschuß.
Die Bauern der Wikingerzeit erweiterten die Anbauflächen, auf denen
sie Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Hanf und Flachs anbauten. Das wichtigste
Nutztier war das Schaf, aber sie hielten auch Schweine und Rinder. Pferde
wurden als Zieh- und Reittiere genutzt, außerdem war das Pferd ein
wichtiges Statussymbol und ein zentraler Bestandteil des Kultes. Hunde
waren geschätzte Mitglieder der Familie und es kam vor, daß
sowohl Hund als auch Pferd ihrem Herrn ins Grab folgen mußten.
Auf den wikingerzeitlichen Höfen gab es viele Gebäude für
verschiedene Tätigkeiten: Wohnhaus, Stall, Scheune und Schmiede.
Gewöhnlicherweise waren die Häuser aus Holz in Fachwerkbauweise
gebaut, sogenannte Pfahlhäuser. Die Wikinger kochten in Töpfen
aus Eisen über dem offenen Feuer. Mit Messern aus Eisen und Löffeln
aus Holz, Knochen oder Horn aßen die Bewohner des Hofes Schaffleisch,
Fisch, Vögel, Grütze und Brot von Tellern aus Holz. Sie konnten
Fleisch und Fisch konservieren, indem sie es trockneten, räucherten,
marinierten oder säuerten, um es länger haltbar zu machen. Dazu
tranken sie große Mengen an Bier und Met. Wenn ein Wikinger zeigen
wollte, daß er im Ausland gewesen war, trank er vielleicht sogar
Wein.
Zumindest zu festlichen Anlässen trugen die Männer lange, gerade
Hosen oder eine Art Hose, die man unter den Knien zusammenband. Am Oberkörper
trugen sie ein Hemd und darüber eine Tunika oder einen Rock. Dieser
wurde von einem Mantel bedeckt, der über den Schultern von einer
prachtvollen Ringfibel aus Silber gehalten wurde. Ihre Macht und ihr soziales
Prestige machten sie durch prächtige Schwerter, Äxte, Speere
oder Dolche deutlich.
Die Frauen trugen direkt am Körper ein Hemd aus Leinen und darüber
ein langes Trägerkleid, das bis unter die Arme reichte und von zwei
Fibeln gehalten wurde, die wie Tierköpfe geformt waren. Um den Kopf
oder den Hals wickelten sie ein Kopftuch oder einen Schal, der unter dem
Kinn von einer dosenförmigen Fibel gehalten wurde. In einer Werkzeugfibel,
die auf der Brust befestigt wurde, hatte sie die Schlüssel des Hauses,
ein kleines Messer und einen Behälter für Nadeln. Ein Mantel
oder ein Umhang war die normale Überbekleidung.
Sagenerzähler
An den Abenden
saßen wohl auch die wikingerzeitlichen Gotländer am wärmenden
Herdfeuer und tranken vergorene Getränke, die man mit Wasser und
Honig herstellte. Die Frauen kämmten Wolle, sponnen, webten oder
nähten, und die Männer spielten Brettspiele oder putzten ihre
Waffen. Sie erzählten von spannenden Ereignissen auf See oder von
den unendlichen russischen Flüssen, von Begegnungen mit fremden Völkern
und guten Geschäften.
Wenn die Wirklichkeit nicht mehr ausreichte, konnte man etwas aus der
reichen Sagenwelt erzählen. War der große Kämpfer aus
der Wölsungensage, Sigurd Fafnesbane, einer ihrer großen Helden?
Sigurd tötete den schrecklichen Drachen Fafner, aß sein Herz
und konnte daraufhin die Sprache der Vögel verstehen. Als Belohnung
für seine Tat beschlagnahmte Sigurd den enormen Goldschatz des Drachen,
den er auf dem Rücken seines vortrefflichen Pferdes Grane transportierte.
Und die Sage vom Meisterschmied Wieland kannten sie wohl auch, dem der
König Nidud die Achillessehnen durchschnitt und ihn dann allein auf
einer Insel gefangenhielt, damit er nur noch für ihn seine Schmuckstücke
schmieden konnte. Als die Söhne des Königs die Schmiede besuchten,
rächte sich der Schmied furchtbar. Er schlug beiden die Köpfe
ab und verarbeitete ihre Schädel zu versilberten Trinkschalen, ihre
Zähne zu Halsketten und ihre Augen zu Edelsteinen. Unergründlicherweise
schaffte er es sogar, die Tochter König Niduds auf die Insel zu locken,
die er zunächst vergewaltigte, um dann mit heimlich gebauten Flügeln
zu fliehen. Seine grausame Rache vollendete er, als er auf seiner Flucht
kurz innehielt, um dem König von seiner Tat zu berichten...
Götter
und Opfer
Die Gotländer
verehrten die gleichen Götter, wie die anderen Skandinavier: den
weisen Odin, den Gott des Krieges und des Todes, Thor, der über den
Donner, den Wind und den Regen gebot, und den in der Wikingerzeit so wichtigen
Fruchtbarkeitsgott Frej. Laut der Gutasaga glaubten sie an "Hügel
und Haufen, Heiligtümer und Haine und heidnische Götter".
In den Dickichten des Hains riefen sie Naturwesen an, vielleicht sogar
"di sma undar jårdi"; bei den Haufen der Grabfelder und
Haine beteten sie zu ihren Vorvätern, in den Heiligtümern opferten
sie ihren Göttern.
Als Opfer brachten die Gotländer Lebensmittel, Tiere und Menschen.
"Sie opferten ihre Söhne und Töchter", berichtet die
Gutasaga. Die Opfer waren wichtig, damit das Getreide auf den Äckern
gedieh, für gute Ernten und für Kriegsglück. Bei Gudingsåkrarna
im Kirchspiel Vallstena und Lillåkra im Kirchspiel Barlingbo haben
Grundeigentümer und Archäologen große Mengen an Waffen,
Schwertern, Pfeilspitzen, Speeren und Äxten gefunden, die einmal
als Gaben an den Kriegsgott vergraben worden.
Als sie nach und nach starben - Rodvisl, Edmund, Torstein, Dan, Botbjärn,
Gunnvar, Uddgair, Sigrid, Gunvor, Ragnhild und wie sie alle hießen
- wurden sie auf gemeinsamen Grabfeldern begraben, bei Ire im Kirchspiel
Hellvi, Kopparsvik in Visby, Barshalder im Kirchspiel Grötlingbo
oder an anderen Orten. Viele von ihnen bekamen Kleider, Schmuck, Waffen,
Luxusgegenstände, Pferde, Hunde und Lebensmittel als Grabbeigaben.
Woher wissen
wir etwas von den wikingerzeitlichen Gotländern?
Der größte
Teil der vorgeschichtlichen Gotländer bleibt für uns vollkommen
anonym. Wir kennen keine Individuen, wir wissen nicht, wie sie hießen
oder was sie in ihrem Leben erreichten. Doch da wir uns nun dem Ende der
vorgeschichtlichen Zeit nähern, treten einige von ihnen aus dem Dunkel.
Manchmal mit ihren Namen, manchmal auch mit ihren Taten.
Einige geben sich in den Texten der Runensteine zu erkennen: Rodvisl,
Oystain und Edmund, die weit nach Osten fuhren, Rodfos, der vorsätzlich
von den Walachen in Rumänien erschlagen wurde, Dan und Botbjärn,
die Runen zu ritzen wußten, und Botmund, Botraiv und Gunnvar, die
im Süden mit Leder handelten.
Andere werden in der Gutasaga genannt. Als es den Gotländern schlecht
ging, sandten sie den "langbeinigen, klugen und mit vielen Fertigkeiten
ausgestatteten Avair Strabain" aus Alva zum König der Svear,
um Hilfe zu erbitten. Ormika aus Hejnum ritt zum norwegischen König
Olaf in Akergarn, um diesen mit 12 Widdern und anderen Kostbarkeiten zu
besänftigen. Als er heimkam, war er zum christlichen Glauben konvertiert.
Botair aus Akebäck baute die erste Kirche auf Gotland, und als er
Probleme hatte, half ihm Likair der Weise aus Stenkyrka, der "damals
am meisten zu sagen hatte".
Natürlich gibt eine Anzahl von Personen, die eindeutig der Sagenwelt
zugeordnet werden können. Von dem meisten weiß man weder, wann
sie gelebt haben, noch ob sie überhaupt existiert haben. Mal treten
sie als Hauptleute der Wikinger auf, mal werden sie einer ganz anderen
historischen Periode zugeordnet. Im 19. Jahrhundert hatte man - beseelt
von nationalromantischen Ideen - einen großen Bedarf an hervorragenden
vorzeitlichen Helden und fand seine Ideale gerade in der Wikingerzeit.
Warum sollte man nicht auch aus
"Graipur in Garda
und Bildur in Bro
Taksteinar in Lärbro
Und Knåbbur auf Hau"
Wikinger machen?
Auch die Bildsteine berichten von der gotländischen Wikingerzeit.
Sie geben uns wertvolle Informationen über Höfe, Häuser,
Kleidung, Haar- und Bartmode, Waffen, Wagen, Schlitten und Haustiere.
Ihre Bilder illustrieren den Glauben und die Sagenlehre der Wikinger.
Sie ermöglichen es uns zu verstehen, wie die Männer aus dem
Norden ihre Schiffe - ihre wichtigsten Werkzeuge - segelten und bemannten.
Gräber und Grabausstattungen geben Auskunft darüber, wie sich
die Gotländer kleideten, womit sie handelten, mit welchen Waffen
sie sich verteidigten, welchen Schmuck sie trugen und welch hohen Grad
an künstlerischer Fertigkeit sie erreicht hatten. Sie berichten von
der Religion der Wikinger, über ihr Essen, ihre Krankheiten, ihr
Alter und vieles andere.
Die Reste von Siedlungsplätzen geben uns Auskunft über das Aussehen
der Höfe und Häuser, den Ablauf des Alltagslebens und die wichtigsten
Waren des Alltags.
Endlich schriftliche
Informationen!
Einige fortschrittliche
Gotländer lernten ungefähr zu dieser Zeit das Lesen und Schreiben.
Zwar schrieben sie mit Runen, aber den vorher nur in magischen Ritualen
benutzten Zeichen wurden nun Laute und Bedeutungen zugeordnet. Diese ersten
Feuilletonisten, Reporter, Verfasser - oder wie wir sie nun immer nennen
wollen - schrieben eine derbe und kernige Sprache. In einen Stein, der
bei Hogrän gegen Ende des 11. Jahrhunderts aufgestellt wurde, ritzten
Rodbjärn und Gairlaiv folgende historische Notiz:
"Sigmund
ließ diesen Stein für seine Brüder errichten und eine
Brücke für Sigbjärn - Sankt Michael sei seiner Seele gnädig
- und für Botraiv und für Sigraiv und für Aibjärn,
Vater von allen, und er wohnte im südlichsten Hof. Gairvid zeichnete
die Drachenschlingen... Sigmund hat auf diese Weise das Denkmal errichtet.
Für die Männer ist es ein bekanntes Denkmal. Hier soll der Stein
stehen als Gedenkstein, leuchtend auf dem Berg neben der Brücke.
Rodbjärn ritzte diese Runen, einige Gairlaiv, der sie gut kennt."
Zeitgenössische
ausländische Schreiber hatten leider nicht besonders viel für
Gotland über. Irgendwann gegen Ende des 9. Jahrhunderts nennt der
Reisende Wulfstan die Insel gleichsam im Vorübergehen: "hatten
wir an Backbord die Länder, die zuerst Blekinge und Möre heißen
und dann Öland und Gotland; und ihr Land gehört den Svear".
Die Information, daß Gotland zum Reich der Svear gehörte, ist
interessant. Wir wissen jedoch nicht, wie weit wir auf Wulfstan vertrauen
können und wie gut er über die politischen Verhältnisse
in der Ostsee unterrichtet war.
Ansonsten müssen wir bis ins Mittelalter gehen, um Angaben über
Gotland zu finden. Die Insel und die Gotländer werden in einigen
russischen Chroniken und in einem kirchlichen Dokument aus Italien aus
dem 12. Jahrhundert erwähnt. Ein paar norwegische Geschichtswerke
aus dem gleichen Jahrhundert und Snorri Sturlusons Heimskringla aus dem
13. Jahrhunderte geben sporadische Informationen über das wikingerzeitliche
Gotland. Ob sie korrekte historische Fakten wiedergeben, ist jedoch unsicher.
Laut Heimskringla kämpfte der norwegische König Olaf Tryggvasson
auf der Insel:
"Der
kampfesmutige Herr der Herren
raubte den Gotländern das Leben...",
und Jarl
Erik verwendete Gotland als Basis, um die Fahrwasser um die Insel zu terrorisieren:
"Der
schildbedeckte Krieger
an Gotlands grünen Küsten
heerte lange weiter..."
Auch Olaf
Haraldsson war auf Gotland und zwang die Gotländer, Steuern zu bezahlen,
um Verheerungen zu entgehen:
"...
das gotländische Volk
zwangst du, Steuern zu bezahlen;
die Männer erkühnten sich nicht
zu wehren ihr Land mit den Schilden..."
Und es gibt
einige arabische Reisende, die die Wikinger im Osten trafen. Die "rus",
von denen sie in ihren Erzählungen berichten, sind wahrscheinlich
Svear, die sich in Rußland niedergelassen hatten. Oder sind es Gotländer,
die Ibn Fadlan auf folgende Weise schildert?
"Jeden
Tag waschen sie Gesicht und Hände in dem schmutzigsten und dreckigsten
Wasser, das man sich vorstellen kann. Es geht so zu, daß jeden Morgen
eine Sklavin mit einem Gefäß voll Wasser kommt. Sie reicht
es ihrem Herrn, und er wäscht die Hände, das Gesicht und das
Haar im Gefäß und richtet seine Haare mit einem Kamm. Dann
schneuzt er sich und spuckt ins Wasser. Ja, es gibt keinen Dreck, den
er nicht im gleichen Wasser tun würde. Wenn er das Seine erledigt
hat, trägt die Sklavin das Gefäß weiter zum Nächsten
und er tut dasselbe wie sein Kamerad. Und so trägt sie es weiter
vom einen zum anderen, bis es seine Runde im Haus gemacht hat. Und alle
schneuzen sich und spucken ins Gefäß und waschen darin Hände
und Haare..."
Grell bemalt
wurde dieser Stein aufgestellt
Zehn junge
Männer aus Boge bauten das Schiff bei Snäckgärdet im nördlichen
Teil der Bucht. Dort gab es gutes Bauholz, und ein geschickter Zimmermann,
der schon größere Boote als das ihre gebaut hatte, half ihnen
mit der Kiellegung und der Errichtung der Spanten.
Lange verhandelten sie mit gotländischen Schmieden und fremden Händlern
und tauschten prächtige Schwerter und Speerspitzen aus Eisen, schöne
Schmuckstücke aus Bronze, ein paar Bärenfelle und anderes Pelzwerk
gegen Wolle, Häute, Getreide, Teer und getrocknetes Schaffleisch
von den Höfen ihrer Väter. Mehrere Tage lag das Boot voll beladen
auf dem flachen Strand im innersten Teil von Bogeviken während sie
auf guten, südwestlichen Wind warteten.
Früh eines Morgens kam der Wind und nach einer schnellen Auffrischung
der Vorräte mit Frischwaren, Getränken und Wasser konnten die
zehn wohl bewaffneten jungen Männer, Hegbjarn, Rodvisl, Oystain,
Edmund, Ravn und fünf weitere, endlich durch die schmale Mündung
der Bucht im Westen in See stechen. Gegen Abend sahen sie Kurlands Küstenlinie
im Osten und nachdem sie dort die Nacht verbracht hatten, segelten sie
gen Semgallen, um die Mündung der Daugava zu finden.
Viele Tage lang folgten sie dem Fluß und dem Nebenfluß Kasplya
stromaufwärts, bis zu dem kleinen Ort Gnezdovo bei Smolensk. Auf
dem großen Handelsplatz dort veräußerten sie einige ihrer
Waren, bevor sie sich auf die wirkliche Kraftprobe vorbereiteten: ihr
Boot über Land zur großen Pulsader nach Süden - dem Dnjepr
- zu ziehen.
Auf dem Dnjepr segelten sie stromabwärts und trotz einiger Probleme
an einigen großen und kleinen Stromschnellen ging die Reise durch
das Gårdareich sehr schnell. Nur einmal hatten sie Schwierigkeiten.
Eine große Anzahl seßhafter Russen versuchte, sie an der Weiterfahrt
zu hindern, aber sie konnten nach einigen Bestechungen weiterfahren. Zuletzt
erreichten sie Könugård, ein wichtiges Zentrum für Handel
und Kultur. Dort blieben sie eine Weile, handelten und bestaunten das
wimmelnde Leben in der Stadt. Hier sahen und hörten sie das erste
Mal einen Prediger, der die neue Lehre des Christentums verkündete.
Eigentlich wollten sie in Könugård umdrehen, aber neue Abenteuer
und das Glück, das sie bis jetzt hatten, lockten. Also setzten sie
ihre Reise auf dem Fluß weiter in Richtung Süden fort.
Alles lief gut bis sie zu den berüchtigten Stromschnellen kamen.
Mit Mühe passierten sie Nessupi, Ulvorsi und den "lärmenden"
Gelandri, aber als sie die Aifur-Schnellen, "die immer gewaltsamen",
erreichten verließ sie ihr Glück. Ravn watete in die Schnellen,
um das Boot in einigermaßen ruhige Fahrwasser zu dirigieren, während
die anderen es von Land aus mit Seilen festhielten. In einem kräftigen
Wirbel verlor Ravn den Griff um das Ruder, fiel ins Wasser und ertrank.
Seine Kameraden fanden erst nach langen Suchen seinen Leichnam und zogen
ihn an Land. Sie begruben ihn am Flußufer und errichteten Steine
zu seinem Gedenken.
Entmutigt setzten sie ihre Reise in Schwarze Meer fort, drehten später
jedoch um und begannen die lange Reise nach Hause. Im Boot hatten sie
immerhin mehrere Kilo Silber, einige Tuchballen und einige andere, luxuriöse
Waren.
Als sie nach ihrer 3000 Kilometer langen Reise wieder zu Hause waren,
waren sie zufrieden und glücklich, aber auch betroffen über
Ravns Tod. Einige Zeit nach ihrer Heimkehr errichteten sie einen kleinen
Gedenkstein für ihn. Sie plazierten ihn auf dem Strand von Bogeviken,
nachdem er mit Runen bedeckt worden war. Kurz und deutlich überließen
sie der Nachwelt folgende Mitteilung:
"Grell
bemalt stellten diesen Stein auf
Hegbjarn und seine Brüder
Rodvisl, Oystain und Emund,
die diesen Stein aufgestellt haben zum Gedächtnis von
Ravn
südlich von Rufstain. Sie kamen
weit in Aifur. Vivil
gab den Auftrag."
Wohin und
womit?
Sicher sind
einige gotländische Wikinger nach Osten gefahren. Aber normalerweise
sind die Meisten wohl nur zur südlichen Ostseeküste gefahren.
Dort gab es eine Anzahl bedeutender Handelsplätze: Truso, Wiskiauten
und das Wolin der Jomswikinger im heutigen Polen, Ralswick auf Rügen
und Haithabu im heutigen Deutschland.
Von den etwa 20 000 Einwohnern der Insel konnten vielleicht etwas mehr
als 2000 Personen auf Wikingfahrt in fremde Länder gehen. Und einige
von ihnen kamen sehr weit. Auf einem der Flüsse, die in die Ostsee
münden, der Neva, der Daugava (Düna), dem Nemunas (Njemen) oder
der Wisla (Weichsel) zogen sie bis ins ausgedehnte Gårdareich. Sie
fuhren weiter auf der Wolga und trafen die Händler der Wolgabulgaren
in Bulgar, die Kazaren in Atil und weiter im Süden die Araber. Gegen
Ende der Wikingerzeit fuhren sie meist über den Dnjepr zum Schwarzen
Meer und nach Miklagård (Konstantinopel).
Wir wissen nicht genau, welche Waren die Gotländer mitnahmen. Es
können landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Wolle, Schafshäute,
Leder, getrocknetes und geräuchertes Schaffleisch, Teer oder anderes
gewesen sein. Wahrscheinlich haben die Gotländer eher Waren aus anderen
Gebieten der Ostseeregion in verschiedene Richtungen vermittelt. Dieser
Transithandel war sicherlich der wichtigste Aspekt ihres Handels. Eine
Handelsware können Sklaven gewesen sein, eine sehr umständlich
zu transportierende Last, auch wenn es sich nur um fünf oder sechs
Stück in jedem Schiff handelte. Andererseits bezahlten die Käufer
vielleicht besonders gut für sie.
Sklaven konnten auch auf Sklavenmärkten an vielen Orten in Osteuropa
gekauft werden. Es war wohl nicht daran zu denken, Sklaven in Rußland
zu fangen. Zumindest gilt das für das Ende der Wikingerzeit, als
es die Völker entlang der Flüsse gelernt hatten, sich zu wehren
und sich in den großen Wäldern zu verstecken.
Andere Handelswaren können Eisen für die baltischen und russischen
Gebiete und Pelze für die Araber gewesen sein. Das Eisen exportierten
die Gotländer wahrscheinlich als Schwerter, von gotländischen
Schmieden gefertigt, oder als Roheisen, das sie in Småland oder
auf dem Markt in Birka kauften.
Im Osten kauften sie arabische Luxuswaren, Tücher aus Seide, Schmuck
und Silber. Zu Hause auf Gotland hatten sie wohl genug zum Leben, aber
in der Ferne gab es Sachen mit denen man zu Hause angeben und seinen sozialen
Status heben konnte. Da viele der Gegenstände, die man in Gräbern
aus der Wikingerzeit gefunden hat, Schmuckgegenstände sind, nimmt
der Handel mit Luxusgegenständen in unserer Vorstellung vielleicht
größere Dimensionen als in Wirklichkeit an. Eine Vielzahl an
möglichen Handelsgütern haben wahrscheinlich nicht einmal eine
Spur hinterlassen.
Wer waren die gotländischen Wikinger? Es kann der Großbauer
selbst gewesen sein, der die Handelsfahrten in fremde Länder leitete.
Die Bewirtschaftung des Hofes während seiner Abwesenheit konnten
seine Frau, seine Familie und seine Sklaven übernehmen. Trotzdem
war es wohl eher so, daß er lieber zu Hause blieb und andere fahren
ließ. Die Söhne mußten sich aufmachen, zuallererst die
Söhne, die nicht den Hof übernehmen sollten. Es war zu gefährlich
den Erben und ältesten Sohn zu riskieren. So war es für die
jüngeren Brüder aber auch möglich, sich Reichtum und Ansehen
zu verschaffen.
Handelshäfen
Es war kein
Zufall, daß der Pilgårdsstein am Strand von Bogeviken errichtet
wurde. Bogeviken war einer der etwa 50 Häfen aus der Wikingerzeit.
Er hatte neben Bandelundaviken, Fröjel, Visby und Paviken große
Bedeutung für den gotländischen Handel. Wie die Anderen auch,
lag Bogeviken vor dem Wind geschützt und bot so auch Wikingern vom
Festland gute Möglichkeiten, sich zu verproviantieren, bevor sie
weiter über die Ostsee segelten.
Bogeviken scheint auf dem Festland bekannt gewesen zu sein. Ein Runenstein
in Uppland berichtet von einem gewissen Vinaman, der "tot wurde in
Buhi". Runenforscher haben das Wort "buhi" als Boge übersetzt.
Im nördlichen und südlichen Teil der Bucht gibt es sogenannte
"snäck"-Namen, Snäckgärdet und Snäckskog.
Vielleicht wurden hier große Kriegsschiffe gebaut - die "snäckor"
(Schnecken) der Wikingerzeit.
Paviken bei Västergarn hat den gleichen Charakter wie Bogeviken.
Beide sind gut geschützte Lagunen, die durch einen Bachlauf mit dem
Meer verbunden sind. Zur Zeit der Wikinger, als das Wasser etwa zwei Meter
höher als heute stand, konnten sie ohne Einschränkungen besegelt
werden.
Schon in der Vendelzeit wurde Paviken als Hafen genutzt, aber seine große
Bedeutung erlangte es erst in den darauffolgenden Jahrhunderten bis etwa
1000. An diesem Platz trieben die Gotländer und sicher auch fremde
Händler einen lebhaften Handel mit Eisen, Bronze, Schmuck, Perlen,
Topfstein, Münzen und vielen anderen Waren. Dort bauten sie Boote
und stellten Gegenstände aus Metall, Knochen, Horn und Glas her.
Dort gab es Wohnhäuser und andere Gebäude. Vielleicht sah es
an den anderen Hafenplätzen der Insel genauso aus.
Es wurden nur sehr wenige Spuren von weiblicher Tätigkeit gefunden.
Auch Funde von Schweineknochen sind selten. Daraus läßt sich
schließen, daß Paviken nur in der Sommersaison bewohnt wurde.
Eine permanente Bebauung gab es wahrscheinlich nicht. Außerdem scheint
es, als sei Paviken sehr hastig aufgegeben worden, fast scheint es, als
ob der Platz von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Was in diesem Fall
geschah, wissen wir nicht. Eine Verlegung des Handelsplatzes ins südlichere
Västergarn könnte eine natürliche Erklärung sein.
Vielleicht waren die Bucht und die Einfahrt zusehends versandet, so daß
man gezwungen war, einen neuen Hafen zu suchen.
Leider gibt es keine Informationen über die Organisation des Handels.
Wenn es überhaupt eine Organisation gab, und er nicht nur auf eigene
Initiative betrieben wurde. Vielleicht hatten sich einige Großbauern
zusammengeschlossen, um gemeinsam Handel zu treiben. Oder hatte man sich
in größeren Teilen der Insel, zum Beispiel in den Things, zusammengetan,
um gegen die Konkurrenz bestehen zu können? Denn irgendwann in dieser
Zeit muß Gotland eine festere Organisation bekommen haben. Die Insel
wurde in verschieden große Teile aufgeteilt, in Things, Settingar
und Tredingar, die für die Rechtssprechung, die Steuern und die Kriegsschiffe
zuständig waren.
Stavars Schatz
Das Märchen
vom Treffen des Häffinde-Bauern mit Store Stavar ist eins der vielen,
bei denen ein in der gotländischen Erde vergrabener Schatz eine Rolle
spielt. Das Märchen hat in den Personen und Orten später einige
Berührungspunkte mit der Wirklichkeit bekommen. Und es wird nicht
weniger interessant durch die Tatsache, daß zumindest ein Teil von
"Stavars Schatz" wieder aus seinem tausendjährigen Versteck
aufgetaucht zu sein scheint!
1975 spielte eine Gruppe von Schulkindern Wikingerleben bei Bandelundaviken.
Wie sich zeigen sollte, war dies ein außerordentlich gut gewählter
Platz dafür. Der Boden ist dort sandig und voller Kaninchenbauten
und als die Jugendlichen zufällig in einem dieser Bauten etwas blitzen
sahen, handelten sie genau nach Vorschrift. Sie alarmierten die Archäologen
in Visby, die dann bei den folgenden Untersuchungen fast 1500 arabische
Silbermünzen, ein paar Spiralringe und ein Stück eines Silberrings
fanden. All dies war irgendwann im 10. Jahrhundert vergraben worden.
Die Münzen im Schatz waren an so exotischen Plätzen wie Samarkand,
Taschkent, und Bagdad geprägt worden, einige in der Zeit des Kalifen
Harun al-Rashid, eine der Hauptpersonen in der arabischen Märchensammlung
Tausend und Eine Nacht. Er trifft den gotländischen Store Stavar
- welch ein merkwürdiges Zusammentreffen. Welche Assoziationen sich
da ergeben können!
Obwohl es nicht einige "Pferdelasten" Silber waren, die die
Archäologen und Schulkinder fanden, wurde der Fund schnell als "Stavars
Schatz" bezeichnet. Das Märchen vom Häffinde-Bauern ist
unter den Einwohnern von Burs besonders lebendig und der Zusammenhang
zwischen ihm, dem Ort und dem Schatz schien ja offensichtlich zu sein.
War es nur ein Zufall? Oder gibt es in diesem Märchen, wie in so
vielen anderen, einen wahren Kern? Die Antworten auf diese Fragen werden
wir wohl nie erfahren.
Silber für
Gotland
Jedes Jahr
wird ein Silberschatz aus der Wikingerzeit auf Gotland gefunden. Diese
Behauptung ist vielleicht übertrieben, aber statistisch gesehen stimmt
das fast. Gefunden wird das Silber bei der Arbeit auf den Äckern,
bei Grabungen, in Kiesgruben und in Sturmbrüchen, manchmal taucht
es auch auf so ungewöhnliche Weise wie "Stavars Schatz"
auf. In Normalfall bestehen diese Silberfunde aus Münzen, Armreifen,
Fibeln, Spangen, kleinen Barren, Stangen und Spiralen. Fast immer wurden
sie einem Gefäß aus Kupfer, Holz, Birkenrinde oder Ton aufbewahrt,
manchmal auch nur in Tücher oder Leder eingeschlagen. Da die ehemaligen
Besitzer der Schätze sie in der Regel unter dem Haus vergruben, ermöglichen
die Funde es auch, die Bebauung der Wikingerzeit nachzuvollziehen.
Auf Gotland wurden mehr als 700 Funde von Silbergegenständen aus
der Wikingerzeit gemacht. Die etwa 400 Schatzfunde bestehen alles in allem
aus bis zu 145 000 Münzen - vor allem arabische, englische und deutsche
- vielen tausend Schmuckstücken und großen Mengen an unbearbeitetem
Silber. Der Schatz von Stale im Kirchspiel Rone besteht aus der größten
Menge Münzen, aber nach Gewicht, ist der über 10 Kilo schwere
Schatz von Burge im Kirchspiel Lummelunda der schwerste.
Aus der Prägung der Münzen geht hervor, daß die Gotländer
ihre Schätze in der Zeit von 800 bis 1150 vergruben. In den ersten
zwei Jahrhunderten, bis ungefähr 970, dominieren die arabischen Münzen,
danach die englischen und deutschen. Nach 1050 wird die Anzahl der Schätze
weniger, ihr Umfang aber größer. Sie konzentrieren sich in
dieser Zeit auch in erster Linie auf die Küstengebiete. Vielleicht
kam es zu einer Art Zentralisierung des Handels bei einigen großen
Händlern und Kauffahrern. Jeder spezialisierte sich auf das, was
er am besten konnte, sei es das Land zu bestellen, Handel zu treiben oder
ein Handwerk auszuüben. Es scheint, als würde die Bebauung an
den Hafenplätzen jetzt permanent. Und die Leute, die sich dort niedergelassen
haben, waren bestimmt keine Bauern.
Nicht nur auf Gotland haben Bauern, Wege- und Häuserbauer Silberschätze
aus der Wikingerzeit gefunden. Es gibt sie im ganzen Norden, an der südlichen
Ostseeküste, in Rußland und auf den britischen Inseln. Die
schwedischen Funde bestehen aus etwas mehr als 200 000 wikingerzeitlichen
Silbermünzen und in Rußland gibt es Beispiele von Schätzen,
die über 40 Kilo Silber enthalten haben. Unter diesen Plätzen
nimmt Gotland aber eine Sonderstellung ein, da mehr als zwei Drittel der
schwedischen Münzfunde auf der Insel gemacht wurden.
Kriegsbeute
oder Handelsware?
Wieso kam
soviel Silber gerade nach Gotland? War es einfach so, daß es die
Gotländer besonders gut verstanden, aus der veränderten handelspolitischen
Situation in Europa Kapital zu schlagen? Der wichtige Warenaustausch im
Süden zwischen dem Orient und Westeuropa wurde im 7. Und 8. Jahrhundert
vom Vordringen der Araber im Mittelmeergebiet und den daraus entstehenden
Konflikten erschwert. Die Kaufleute suchten neue Wege. Oder war es so,
daß die Skandinavier über die russischen Flüsse einen
schnelleren, kürzeren und billigeren Weg mit weniger Zwischenhändlern
zwischen Verkäufern und Käufer gefunden hatten? In beiden Fällen
konnten die Gotländer Gotlands zentrale Lage in der Ostsee ausnutzen.
Möglicherweise kann man den Reichtum an Silber auf Gotland auch mit
Plünderung und Seeräuberei erklären. Aber ist es vorstellbar,
daß die Gotländer mit ihren Schiffen auf der Lauer lagen, um
vorbeisegelnde Handelsschiffe zu überfallen und zu plündern?
In diesem Fall müßte sie diese Tätigkeit in größeren
Teilen der Ostsee ausgeübt haben. Aber dann darf man wohl vermuten,
daß die anderen Seefahrer schnell aus ihren Erfahrungen lernten
und die Insel mieden. Oder waren die Gotländer so mächtig, daß
sie die ganze Ostsee beherrschen konnten?
Natürlich ist es auch möglich, daß junge gotländische
Männer auf fremden Schiffen angeheuert haben, bei russischen Fürsten
oder sogar beim Kaiser von Miklagård (Konstantinopel). Die Silberschätze
wären in diesem Fall ihr Sold gewesen. Vielleicht waren die gotländischen
Männer auch gezwungen, sich mit Silber eine Braut kaufen zu müssen.
Das Silber erhöhte das Prestige von Braut und Bräutigam, und
auch der Hof, der das Silber bekam, erhielt einen höheren sozialen
Status.
Nichtsdestotrotz spricht das meiste dafür, daß der Reichtum
durch den Handel zustande kam. Wie soll man sonst die vielen Funde bei
Paviken, in Fröjel, bei Bandelundaviken und allmählich auch
in Visby erklären? Wie soll man die kleinen Waagen und Gewichte erklären,
die an so vielen Stellen auf der Insel gefunden wurden? Und wie soll man
die starke Stellung der Gotländer im Ostseeraum deuten, die durch
viele schriftliche Beweise belegt ist? Auf jeden Fall muß es ein
langer Prozeß gewesen sein, da die einflußreiche Stellung
der Gotländer bestimmt nicht von einem Tag auf den anderen entstanden
ist.
Wir müssen davon ausgehen, daß das Silber nur ein Teil des
gesamten Warenaustausches war, nämlich der Teil, den die Gotländer
versteckten. Wahrscheinlich war der Handel viel umfangreicher. Und bestimmt
wurde auch viel Silber gefunden, eingeschmolzen und weiter verkauft, ohne
daß die Archäologen und die zuständigen Stellen jemals
davon erfahren haben. Wie viel mag zudem noch in der Erde verborgen liegen?
Etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts bekam Gotland eigene Münzen,
die nun auch als Münzgeld benutzt wurden. Vorher war nur das Silbergewicht
von Bedeutung, wenn man seine Waren bezahlen wollte.
Das versteckte
Silber
Wieso verwahrten
die Gotländer der Wikingerzeit ihr Silber in so umsichtig ausgewählten
Verstecken auf? Waren die Verstecke so etwas wie vorzeitliche Schließfächer,
die von ihren Besitzern bei akuter Geldnot "geöffnet" wurden?
Es ist ja nun nicht verwunderlich, daß sie ihre Besitztümer
bei Kriegen, Plünderungen und anderen Unruhen versteckten, aber wieso
wählten sie keine Plätze weit draußen im Wald? Dort wären
sie ja für einen Feind schwerer zu finden, als unter dem Fußboden
im eigenen Haus.
Vielleicht waren die Schätze so etwas wie das Vermögen des Hofes,
das im Laufe vieler Generationen angesammelt wurde und auch als Statussymbol
diente. Da so viele Verstecke unter dem Fußboden leicht zu erreichen
waren, ist die Vorstellung, daß der Hausherr dann und wann das Silber
hervorholte und es durch die Finger rieseln ließ, gar nicht abwegig.
Auch später noch ist es auf Gotland üblich gewesen, mit Silber
ein bißchen anzugeben; Löffel und Pokale wurden deutlich sichtbar
in großen Schränken oder auf den feinsten Möbeln plaziert.
Das Silber kann auch als Reserve für größere Geschäfte
mit den ausländischen Geschäftspartnern, Vererbungen, Bußgelder
und Landkäufe gedient haben. Oder glaubten die Gotländer, daß
das Silber magische Eigenschaften hatte und den Hof vor Ungeziefer und
arglistigen Nachbarn schützte? In diesem Fall war es natürlich,
etwas davon zu verbergen und es dort liegen zu lassen.
Damit wären wir bei einem anderen Problem: Wieso blieben die Schätze
in ihren Verstecken liegen? Wieso wurden sie nicht gehoben? Auch für
diese Fragen gibt es viele mögliche Antworten. Wurde das Silber plötzlich
wertlos?
Am Naheliegendsten ist vielleicht die Erklärung, daß das Silber
von einem weit gereisten Wikinger hinterlassen wurde, der in der Ferne
starb und nie zurückkam, um sein vergrabenes Kapital zu holen. Zuhause
auf dem Hof wußten die Bewohner sehr wohl um den Schatz, aber vielleicht
wurde er als persönliches Eigentum angesehen und durfte von niemandem
berührt werden.
Das Silber kann auch ein Opfer für die Götter des Hauses gewesen
sein. Sie waren für den Schutz des Hofes und seiner Bewohner verantwortlich
und brachte allen, die den Schatz anrührten, Unglück. Und was
bedeuteten die Gesetze Odins für die Gotländer? Darin heißt
es ja, daß die Menschen alles, was sie zu Lebzeiten vergraben hatten,
im Leben nach dem Tod benutzen konnten. Das galt natürlich auch für
Silber und was wäre eine bessere "Altersvorsorge" als edles
Metall? Aber wie lange wurden Odins Gesetze beachtet? Viele Schätze
wurden ja erst nach der Christianisierung vergraben. Als die neue Religion
sich allmählich ganz durchgesetzt hatte, gab es keinen Anlaß
mehr, Silber anzuhäufen. Ein Christ konnte ja doch nichts mit in
das Leben nach dem Tod nehmen.
Avair Strabain
- weise und mit vielen Fähigkeiten ausgestattet
Der lange
und schmalbeinige Avair Strabain aus Alva ist einer der in der Gutasaga
genannten Goden. Es ist nicht bekannt, wann er lebte, aber wenn er tatsächlich
eine historische Person war, spricht vieles dafür, daß er irgendwann
in der Wikingerzeit lebte. Er war, "wie die Sagen über ihn berichten,
ein weiser Mann mit vielen Fähigkeiten". Mit anderen Worten
ausgedrückt, war er sehr einflußreich und bedeutend.
Es war also eine natürliche Entscheidung, Avair zum König der
Svear zu schicken, um mit ihm eine Übereinkunft auszuhandeln, die
bis jetzt immer wieder gescheitert war. Laut Überlieferung fand Avair
als er nach Uppsala kam - Oder war es vielleicht Birka? - den König
beim Abendessen vor, vom Essen und Trinken ganz in Anspruch genommen.
Avair sagte, wie er hieß und woher er kam. Aber "da der König
den Gotländern und ihrem Stolz ablehnend gegenüber stand",
tat dieser so, als sähe er Avair nicht. Avair mußte unverrichteter
Dinge in der Tür stehen und warten.
Als der König fast zu Ende gegessen hatte, behagte es ihm, Avair
zu fragen, was er für Merkwürdiges aus Gotland zu berichten
habe. "Nichts besonderes, außer einer Stute, die dort drei
Fohlen auf einmal geboren hatte", antwortete Avair. "Soso",
rief der König, "und was macht das Dritte, wenn die anderen
beiden zu Essen bekommen?" "Er macht es wie ich", sagte
der große Gotländer, "er steht und sieht zu!"
Diese unerschrockene Antwort war ganz nach dem Geschmack des Königs,
und er lud Avair zu viel und gutem Essen ein. Er bekam auch die Gelegenheit,
sein dringendes Anliegen vorzutragen. Es ging um einen Verbund zwischen
den Gotländern und den Svear, der laut Gutasaga von gotländischer
Seite freiwillig und ohne Zwang eingegangen wurde. Die Übereinkunft
bestimmte, daß die Gotländer jedes Jahr sechzig Mark Silber
an den König der Svear als Steuer zahlen sollten und dafür in
unruhigen Zeiten unter dem militärischen Schutz der Svear standen.
Das reine Gewicht der Steuer dürfte etwa 15 Kilo betragen haben,
so daß Gotländer wohl tatsächlich keine größeren
Zugeständnisse machen mußten. Die Übereinkunft sicherte
auch den Kaufleuten der Gotländer und Svear freien Handel in beiden
Gegenden zu.
Ansonsten mußte Gotland seine Unabhängigkeit nicht aufgeben,
die Inselbewohner bestimmten auch weiterhin ihre Anführer und Richter,
ohne daß der König Einfluß darauf hatte.
War die Übereinkunft
Avairs ein notwendiges Übel?
Irgendwie
betont die Gutasaga verdächtig stark die Unabhängigkeit der
Insel und die Tatsache, daß die Gotländer die Übereinkunft
ohne Zwang eingegangen sind. Die Insel war wirtschaftlich gesehen unzweifelhaft
stark. Aber ist es wahrscheinlich, daß sie politisch und militärisch
so stark war, daß ihre Einwohner sich gegen Angriffe von außen
wehren konnten? Das ist nicht wahrscheinlich.
Der Ostseeraum war in der Wikingerzeit sehr unruhig. Es gibt mehrere Quellen,
die von "fremden Königen" berichten, die Gotland in ganz
anderen als friedlichen Absichten besucht haben. Gotland bekam wohl auch
die Entwicklung in der nächsten Umgebung zu spüren, die in der
Zeit der Wikinger sehr stark war. Diese Entwicklung bestand nicht nur
in den Handelsfahrten der Wikinger, vielmehr bildeten ihre Handelspartner
immer mächtigere und politisch bedeutsamere Staaten. Im Osten stieg
ein russisches Reich unter Rurik und Oleg auf, im Westen wurde Dänemark
ein immer größerer Machtfaktor und im Norden herrschten die
Svear.
Auf dem Festland gibt es Runensteine, die von Männern berichten,
die auf Gotland Lösegelder erpreßt haben und die in Kämpfen
auf der Insel getötet wurden. Vielleicht war die Übereinkunft
Avairs mit den Svear insofern erzwungen, als daß die Gotländer
genug von den Überfällen hatten und nun die um Frieden und Hilfe
baten, die sie als einzige gewähren konnten. Von vielen schlechten
Dingen wählten sie das, was ihnen als das geringste Übel erschien,
den Schutz des Königs der Svear.
Wann genau die Übereinkunft geschlossen wurde, kann nicht festgestellt
werden. Vielleicht war es in Wirklichkeit ein langwieriger Prozeß,
der in der Gutasaga stark komprimiert dargestellt wurde.
Die Svear konnten wohl nie besonders viel auf Gotland bestimmen. Sie mußten
sogar selbst zur Insel kommen, um ihre wenig imponierenden Steuern abzuholen.
Manche Archäologen sind der Ansicht, daß die Svear versuchten,
einen befestigten Handelsplatz in Västergarn, in der Nähe Pavikens,
aufzubauen. Dort gibt es einen halbkreisförmigen Wall, der dem in
Birka recht ähnlich ist. Aus irgendeinem Grund ist es den Archäologen
bis heute nicht gelungen, den Wall genau zu datieren, aber er könnte
im 10. Jahrhundert erbaut worden sein. Auf Grund der Funde kann man vermuten,
daß die Handelstätigkeit innerhalb des Walls ziemlich kurzlebig
und nicht besonders intensiv war. Vielleicht wurde die Konkurrenz durch
Visby zu groß und auch die Natur könnte den Handel behindert
haben, indem große Sandmassen den Hafeneinlauf blockierten.
Bulverket
- die Festung im Moor
Ab und zu
passiert es, daß sich Eis auf den Tingstäde träsk (mooriger
See) legt, glatt, glänzend und durchsichtig. Bei diesen Gelegenheiten
ist die Wahrscheinlichkeit am Größten, das Bulverket zu sehen.
Auf Schlittschuhen kann man dann leicht über den ganzen Träsk
gleiten. Hält der Schlittschuhläufer an der richtigen Stelle,
etwa einen halben Kilometer vom Land entfernt an, kann er unter dem Eis
nicht nur den einen oder anderen Hecht oder Barsch sehen, sondern auch
etwas sehr Merkwürdiges.
Im Wasser liegt ein Bauwerk, dessen Ausführung genauso merkwürdig
wie seine Lage ist. Es besteht aus einer mächtigen quadratischen
Holzkonstruktion mit etwa 170 Meter Kantenlänge, die aus Stockpfählen
gebaut wurde und von einer Palisade umgeben war. Irgendwann einmal ragte
es gut einen Meter aus dem Wasser heraus und hatte da einen hölzernen
Boden, der Hunderte kleine Häuser tragen konnte.
Wer hatte die Macht, eine Anlage wie das Bulverket errichten zu können?
Und wieso an einem solch ungewöhnlichen Platz, mitten in einem See?
Wozu wurde es verwendet? Rätsel gibt es viele um das Bulverket, und
die Antworten können wir bis jetzt nur erraten.
Offenbar hielten die Erbauer der Befestigungsanlage es um das Jahr 1100
herum für nötig, sich zu schützen oder ihre Macht zu demonstrieren.
Vielleicht war das Bulverket in einer politisch unruhigen Zeit als eine
Art Zentralfestung für das ganze nördliche Gotland gedacht,
in die sich alle Nordgotländer vor herannahenden Feinden zurückziehen
konnten.
Das Bulverket kann gleichzeitig auch als ein kombinierter Thing- und Marktplatz
gedient haben, dessen hölzerne Buden als Lager für wertvolle
Handelsgüter dienten. Der Name Tingstäde (Thingstelle) legt
dies ja nahe.
Ebenso kann man am Bulverket die viele Jahrhunderte dauernden und bedeutenden
Kontakte mit dem Baltikum erkennen. Auf dem schwedischen Festland wurde
kein Bauwerk gefunden, daß dem Bulverket gleicht. Im Baltikum gibt
es dagegen mehrere Beispiele für Befestigungsanlagen, die wie die
im Tingstäde träsk aussehen. Vielleicht finden die Verbindungen
zwischen Gotländern, Esten und Kurländern ihren bildlichen Ausdruck
im Bulverket. War es besonders wertvolles Handelsgut von hoher Bedeutung
für die gotländische und baltische Wirtschaft, das diesen besonderen
Schutz brauchte, das vielleicht sogar eingesperrt werden mußte?
Vielleicht Sklaven?
Die Christianisierung:
aufgezwungen...
Im Jahr 829
sandte der fränkische Kaiser Ludwig der Fromme einen Missionar namens
Ansgar in das Reich der Svear, um die heidnischen Skandinavier zum Christentum
zu bekehren. In Birka traf Ansgar König Björn und bekam von
diesem die Erlaubnis, eine Kirche zu bauen und zu predigen. Auch wenn
sein Erfolg am Anfang zu wünschen übrig ließ, begann mit
Ansgar eine wichtige neue Phase in der schwedischen Geschichte. Allmählich
sollte sich das Christentum gegen den heidnischen Glauben durchsetzen.
Und als sich der neue Glauben etabliert hatte, beeinflußte er das
Leben der Menschen und die Gesellschaft sehr stark.
In der gotländischen Geschichte gibt es keinen Ansgar. Statt dessen
spielt in der Überlieferung der norwegische König Olav Haraldsson
die Hauptrolle bei der Christianisierung Gotlands. Die Gutasaga berichtet
von seinem Besuch auf der Insel und deutet an, daß es dabei sehr
friedlich zuging. Als die Saga niedergeschrieben wurde, war Olav schon
heiliggesprochen worden, und dann konnte man ihn natürlich nicht
als bösen und kriegerischen Mann darstellen. In der Erzählung
gibt es keine Hinweise darauf, daß der König den Gotländern
das Christenrum aufzwang.
Hans Nielssøn Strelow beschreibt in seiner gotländischen Geschichte
aus dem Jahr 1633, Chronica Guthilandorum, den Besuch Olavs auf der Insel
ganz anders. Dort schleicht sich der König an Land, nachdem er sein
Schiff in einer Felsspalte bei Hejnum hällar versteckt hatte, "wo
heute trockenes Land ist", wie Strelow nüchtern feststellt.
Verkleidet beobachtet Olav die Gotländer und merkt bald, daß
er schon viele Gleichgesinnte auf der Insel hat. Das macht ihm Mut und
er stellt sich mit seinen Leuten auf Laikarehajd bei Lärbro einem
nordgotländischen Heer unter dem Häuptling Dacker zum Kampf.
Als Olav des ehrfurchtgebietende heidnische Heer sieht, kniet er auf einen
Stein und bittet um Gottes Hilfe. Da passiert etwas Merkwürdiges:
seine Knie und seine Ellenbogen sinken so tief in den Stein, daß
man die Spuren davon noch heute sehen kann. Und siehe da, die Gebete halfen,
und die Gotländer wurden in einer blutigen Schlacht besiegt. Danach
zieht Olav plündernd über Gotland und hört nicht eher auf,
bis sich alle Gotländer taufen lassen...
So weit Strelow, der in dieser Schilderung Phantasie und Fakten vermischte.
Möglicherweise konnte Strelow auf einer damals noch lebendigen Überlieferung
aufbauen, die wohlbekannte Wandersagen mit Sagen über Birger Magnussons
und Waldemar Atterdags Besuche auf Gotland im 14. Jahrhundert vermischte.
Es gibt nämlich keine anderen Quellen, die andeuten, daß das
Christentum mit Gewalt eingeführt wurde.
Andererseits wäre es merkwürdig, wenn sich König Olav auf
Gotland nicht bedient hätte. Das hatte er nämlich anderswo -
in Holland, Dänemark, England, im Mälartal, Bohuslän und
an allen Küsten der Ostsee - durchaus getan. Vor allem in seiner
Jugend scheint er sich tatsächlich wie ein "jagender Falke"
aufgeführt zu haben. Bei einem Besuch in London ging es so wild zu,
daß eine Brücke über die Themse von den groben Wikingern
eingerissen wurde. Dieses Ereignis lebt immer noch in einem englischen
Lied weiter:
"London
Bridge is falling down,
falling down, falling down ..."
Aber eins
ist sicher, Olav ließ sich ja zuletzt taufen und da wurde er vielleicht
etwas sympathischer...
... oder
freiwillig?
Die Gutasaga
kommt sicher der Wahrheit über die Christianisierung Gotlands näher:
"Obwohl die Gotländer Heiden waren, segelten sie mit Handelswaren
zu verschiedenen Ländern, christlichen und heidnischen. Die Kaufleute
sahen christliche Sitten in christlichen Ländern. Da ließen
sich einige taufen und brachten christliche Priester mit nach Gotland".
So dürfte es tatsächlich zugegangen sein. Auf ihren Fahrten
gen Osten, Westen und Süden lernten die Gotländer das Christentum
und vielleicht sogar den Islam kennen. Sie wurden von den Zeremonien und
der Pracht in den Kirchen und Kathedralen beeindruckt. Sie entdeckten
aber auch, daß es einfacher war, mit Christen Handel zu treiben,
wenn sie selbst getauft waren. Und was taten sie nicht alles für
ihren Verdienst! Sie brachten die neuen Lehren und vielleicht auch christliche
Priester mit nach Hause. Sicherlich kamen auch viele gottesfürchtige
Kaufleute nach Gotland, die die Gelegenheit ergriffen und für ihren
Glauben warben.
Die neue Religion faßte langsam in der gotländischen Gesellschaft
Fuß. Viele wußten zuerst nicht, wie sie sich gegenüber
den Neuerungen verhalten sollten. Sie sahen die Vorteile der neuen Religion,
wollten aber ihren alten heidnischen Glauben nicht richtig aufgeben. Oft
ließen sie sich auf einem christlichen Friedhof begraben, aber nicht
nach der einfachen christlichen Sitte, sondern nach alter Sitte mit ihren
Kleidern, ihrem Schmuck und anderen Beigaben.
Botair baut
eine Kirche
Gegen Mitte
des 11. Jahrhunderts begannen die Gotländer, Kirchen zu bauen. Wenn
wir der Gutasaga trauen dürfen, war es Botair aus Akebäck, der
die erste Kirche baute. Damals war der heidnische Glauben noch so stark,
daß die Kirche fast sofort wieder von Gegnern der Christen niedergebrannt
wurde. Botair antwortete, indem er eine neue Kirche baute. Diesmal stand
sie in Vi, "unter den Klippen". Als die Heiden auch diese Kirche
niederbrennen wollten, setzte sich Botair auf das Dach der Kirche und
sagte: "Wollt ihr sie niederbrennen, dann müßt ihr mich
mit der Kirche verbrennen".
In diesem Moment griff sein Schwiegervater Likair der Weise aus Stenkyrka
ein, "der zu dieser Zeit am meisten zu bestimmen hatte", und
sprach zu dem aufgebrachten Volk. Seine Worte waren so wohlgesetzt, daß
die Heiden nachgaben. Botairs Kirche in Visby war die erste Kirche auf
Gotland, die stehen bleiben konnte und nicht niedergebrannt wurde. Sie
war wahrscheinlich der Vorgänger von dem, was später S:t Per
und S:t Hans wurden.
Nach diesen dramatischen Ereignissen hatten die Kirchenbauer freie Bahn
auf der Insel. Gleichzeitig wurde begonnen, die Insel kirchlich einzuteilen,
in socknar (Kirchspiele). Dieser Prozeß kann schon im Jahr 1100
abgeschlossen gewesen sein.
Im Vi der
Gotländer
Er kam aus
Kullabygden in Skåne und war wie alle Wikinger mutig und abenteuerlustig.
Er war unter dem Namen Röde Orm bekannt. Bis zu seiner Heimat waren
die Geschichten von den großen Schätzen im Gårdarike
gedrungen. Als die Erzählungen immer häufiger und die Versuchung
zu groß wurde, rüstete er zusammen mit einigen Freunden ein
Schiff aus und fuhr nach Osten.
Gotland war eins ihrer ersten Ziele. Von diesem Platz hatten Orm und seine
Leute schon viel gehört. Zögernd fuhren sie in den Hafen vom
Vi der Gotländer. Aber als sie erste Unsicherheit verschwunden war,
bereuten sie ihre Entscheidung nicht. Denn hier gab es viel zu bestaunen.
Sie sahen aus Stein gebaute Häuser, Bierschänken, reiche Kaufleute,
muntere Dirnen und Männer, die den Leuten die Bärte abnahmen,
ein Gewerbe, das sie noch nie zuvor gesehen hatten. Ihrer Ansicht nach
war das nichts, was man nachahmen sollte. Sicher wäre das alles staunenswert
gewesen - wenn Visby zu Orms Zeiten so ausgesehen hätte. Es ist wohl
eher das mittelalterliche Visby, das der Verfasser Frans G. Bengtsson
seinen Helden Orm besuchen läßt.
Wenn die Wikinger aus Skåne zweihundert Jahre später gelebt
hätten, in der Mitte des 13. Jahrhunderts, dann hätten sie Steinhäuser,
reiche Kaufleute und Barbiere sehen können. Zu dieser Zeit bekam
das Vi der Gotländer, den Charakter einer internationalen Großstadt.
Aber es ist durchaus vorstellbar, daß das gotländische Bier
schon in der Wikingerzeit Kraft und Erfrischung bot. Dies berichtete ein
fachkundiger Inselbewohner für Orm: "Das Zieh-Bier bringt uns
dort weiter, wo andere umkehren müssen. Das Bier muß von der
besten Sorte sein, so daß es Kraft und große Ermunterung schenkt,
und von dem dürfen die Männer trinken, wenn sie das Schiff über
Land ziehen müssen. Bei anderen Gelegenheiten dürfen sie es
nicht trinken. Das haben wir Gotländer uns ausgedacht; und deshalb
brauen wir auch das beste Bier, denn aus diesem Bier kommt unser Reichtum..."
Wenn Orm eine historische und keine literarische Person gewesen wäre,
hätte er bestimmt ein anderes Bild vom Visby der Jahrtausendwende
bekommen. Er wäre in einen lagunengleichen Hafen gesegelt, der von
einigen langgestreckten Inseln geschützt war. Er hätte sein
Schiff auf einen schmalen, bogenförmigen Strandstreifen gezogen,
der den Hafen im Osten und Nordosten begrenzte. Dort hätten sicher
schon andere Schiffe gelegen und viele Seeleute, Handwerker und Kaufleute
hätten sich auf dem Gelände direkt am Hafen gedrängt. Waren
hätten nach Verhandlungen in vielen Sprachen die Besitzer gewechselt,
und Proviant und Frischwasser aus einer der vielen Quellen, die an der
Kante der Klippen entsprangen, wären aufgenommen worden.
Die Bewohner der Stadt hätten einige Straßen mit Holzstöcken
oder Reisig belegt und entlang der Straßen hätten sie mehrere
Häuser gebaut, kleine Buden aus Holz in einer Art Fachwerktechnik
gebaut. Die meisten Gebäude waren nicht zum Überwintern gedacht.
Ihre Besitzer benutzten sie nur im Sommer zum Übernachten, als Lagerräume
oder als Werkstätten. Vereinzelte gotländische Kauffahrer hatten
doch begonnen, die Vorzüge des Platzes zu erkennen, und sie hatten
permanente Wohnstätten gebaut.
Röde Orm hätte an den Opfern teilnehmen können, die die
Gotländer an einem Platz direkt unter den Klippen durchführten.
Vielleicht hätte Orm sogar Gerüchte gehört, daß etwas
auf der Insel passiere. Der Besuch eines norwegischen christlichen Königs
in Akergarn und die Berichte heimkommender Kaufleute von Begegnungen mit
Christen waren sicherlich dazu geeignet, Unsicherheit unter den Gotländern
zu säen.
Kaum hätten der Wikinger aus Skåne und seine Männer ahnen
können, was einmal aus dem Vi der Gotländer werden sollte ...
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