Geschichte Gotlands
 
Von Roger Öhrman, Visby.

Übersetzung von Daniel Höffker.
Der Übersetzer bedankt sich bei Karin Schaer, Kiel und Michael Engelbrecht,
Flensburg für Rat und Beistand.

 
 
Neuzeit
 
 
Gotland in der Neuzeit
 
Der Norden

Die "Neuzeit" beginnt im Norden um 1525. Das führende Land war Dänemark-Norwegen. Es war eine Herzensangelegenheit der dänischen Könige, die Kalmarer Union wieder zu errichten und ihre Machtstellung in der Ostsee behaupten zu können. Die beiden Kriege mit Schweden - der Nordische Siebenjährige Krieg 1563-1570 und der Kalmarkrieg von 1611-13 - veränderten die Machtstellung der beiden Ländern nicht entscheidend. Das geschah durch die schwedischen Erfolge im Dreißigjährigen Krieg und dem folgenden schwedisch-dänischen Krieg. Durch die Frieden von Brömsebro 1645 und Roskilde 1658 verlor Dänemark Härjedalen, Jämtland, Gotland, Ösel, Skåne, Blekinge, Halland, Trøndelag und Bornholm. Die letzten beiden Gebiete gab Schweden schon 1660 wieder zurück.
Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war eine wirtschaftlich erfolgreiche Periode für Dänemark. Der Handel blühte, die Landwirtschaft prosperierte bei hohen Preisen für Nahrungsmittel. Die Bauern verdienten daran aber wenig, da der Gewinn fast ausschließlich den Adeligen zukam, die die größten Landbesitzer waren. Die bäuerliche Bevölkerung litt auch unter hohen Steuern und der Verpflichtung zu umfangreichen Tagewerken, den sogenannten "hoverier".
Die dänischen Staatsoberhäupter bauten ihre Macht zum Ende dieser Epoche hin immer weiter aus. In den 1530er Jahren führte Christian III. die Reformation durch und sanierte die staatlichen Finanzen durch die Konfiszierung von kirchlichem Eigentum. Die Verwaltung des Reiches wurde immer effektiver und der politische Einfluß des Hochadels ständig geringer, auch wenn seine soziale und wirtschaftliche Bedeutung noch immer groß war. Um 1600 kamen merkantilistische Ideen auf. Handelskompanien bekamen das Monopol auf den Handel mit dem Ausland, und die ersten Vorformen von Industrie wurden gegründet.
In Schweden regierte Gustav Vasa während des größten Teils des 16. Jahrhunderts. Er unterstützte die Reformation, zentralisierte die Verwaltung und vereinte praktisch alle Macht in seiner Hand. Seine Söhne setzten die Entwicklung des Landes fort. Die Gruben und Eisenhütten wurden von der Krone gefördert, der Handel expandierte und das Land blühte wirtschaftlich auf. Gleichzeitig verringerte sich der Einfluß der Hanse im Ostseeraum immer mehr.
Im frühen 17. Jahrhundert wuchs die politische Macht Schwedens. Das Eingreifen Gustav II. Adolfs in den Dreißigjährigen Krieg machte aus Schweden eine Großmacht.

Gotland - eine dänische Kolonie?

Nach dem Rückzug Sören Norbys von Visborgs slott und der Erstürmung Visbys durch die Lübecker endeten die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Dänemark und Schweden um Gotland. Aber die Insel war noch bis zum Frieden von Stettin 1570 ein diplomatischer Stein des Anstoßes zwischen beiden Ländern. Mehr als hundert Jahre lang regierten dänische Adelige die Insel. Die meisten Lehnsherren nutzten ihre Stellung, in erster Linie um ihre eigenen Finanzen zu stärken. Gotland wurde eine dänische Kolonie, weitab des Mutterlandes.
Es dauerte lange bis die kirchlichen Verhältnisse nach der Reformation wieder einer gewissen Ordnung gehorchten. Das Rechtswesen und der für die Insel so wichtige Handel funktionierten schlecht. Bauern und Bürger beschwerten sich unablässig, aber die Beschwerden, die den König in Kopenhagen erreichten, verklangen meistens ungehört.

Die Reformation

Die Lehren der Reformation wurden schon früh auf Gotland bekannt, sicherlich zuerst bei der deutschsprachigen Bevölkerung Visbys. Bischof Brask vertrieb zwar im Jahr 1527 einige Lutheraner aus der S:t Hans Kirche, wo sie einen Gottesdienst feierten, aber zu diesem Zeitpunkt waren schon viele führende Persönlichkeiten in Visby Anhänger der neuen Lehre.
Viele unehrliche Personen ergriffen die Möglichkeit und stahlen die Schätze der Kirchen und Klöster. Einige Bürger schafften es immerhin, einige Schalen, Kelche und Kerzenständer aus Gold und Silber zu retten, aber sie wurden später gezwungen, das meiste davon an den dänischen Gouverneur abzugeben, der alles nach Kopenhagen weitersandte. Dabei verschwand sicherlich auch ein Teil in seinen eigenen Kassen.
Mehrere Kirchen Visbys lagen schon in Ruinen, andere verfielen und die Bürger Visbys begannen, sie als Steinbrüche zu benutzen. Die einzige, die bis zum Schluß erhalten blieb, war S:ta Maria, die nun als Stadtkirche fungierte.
Die Bindung der gotländischen Kirchen an das Stift von Linköping wurde gelöst und die Insel wurde in religiösen Angelegenheiten führerlos. Eine Zeit großen Durcheinanders folgte. Es war vor allem sehr schwer, fähige Priester zu bekommen. Viele von ihnen führten ein wenig gottgefälliges Leben. Laut eines Chronisten waren "Unzucht, Trunksucht und Fluchen" nicht ungewöhnlich.
Aus wirtschaftlichen Gründen faßte man mehrere Kirchspiele zu größeren Pastoraten zusammen. Die Kirchen in Elinghem, Gann und Bara verfielen. Erst als Gotland 1572 einen neuen Oberhirten, einen Superintendenten, bekam, besserten sich die Verhältnisse.
Infolge der Reformation gingen große Kulturschätze verloren. Bücher, Handschriften und religiöse Gegenstände wurden weggeworfen, verbrannt oder in alle Richtungen verteilt. Auch wenn die breite Masse des Volkes noch lange an der katholischen Lehre festhielt, waren die Veränderungen in Visby sehr schnell zu spüren. Das Glockengeläut, das die Stadt von morgens bis abends durchklungen hatte, verstummte. Die religiösen Prozessionen auf den Straßen verschwanden und die verfallenden Klöster und Kirchen gaben Visby ein neues, von Armut geprägtes, Stadtbild.

Unklare Gesetze und hohe Steuern

Der Lehnsherr auf Visborgs slott regierte Gotland. Er wurde vom dänischen König eingesetzt, der ihn jederzeit wieder ablösen konnte. Oft blieben die Lehnsherren nur ein paar Jahre auf ihrem Posten. So konnten sie sich nie richtig in die Probleme der Insel hineinversetzen. Statt dessen nutzten sie ihre Stellung aus, um sich selbst so viele persönliche Vorteile wie möglich zu verschaffen. Ihre Bediensteten taten das gleiche: Landsvögte, Schloßvögte, Reitvögte, Hafenvögte und alle anderen Vögte.
Offiziell galt zwar immer noch Gutalagen auf der Insel, aber die Detailvorschriften ließen sich nicht mehr anwenden. Die verschiedenen Richter auf der Insel gab es immer noch: die sechs Settingsrichter und die zwanzig Thingsrichter. Lange Zeit hatte der Lehnsherr die höchste richterliche Gewalt auf der Insel inne.
Es ist unklar, wie die Richter das Gesetz anwandten. Oft scheinen sie ihre Urteile mehr nach gesundem Menschenverstand und ihrem eigenen Urteil als strikt nach dem Gesetz gefällt zu haben. Die Bauern baten schließlich darum, ein schriftliches Gesetzbuch für Gotland zu bekommen, da es ihrer Meinung nach kein solches mehr gäbe. Die Behörden in Kopenhagen bestimmten deshalb 1595, daß die Gotländer in Zukunft nach den Gesetzen von Skåne Recht sprechen sollten. Es dauerte aber noch lange, bis sich die neuen Bestimmungen durchsetzen konnten.
Der Lehnsherr und seine Leute trieben auch die Steuern ein, die die Gotländer bezahlten. Und wenn diese nicht für den Bedarf des Schlosses ausreichten, war es durchaus möglich, neue Steuern zu erfinden. Beim Eintreiben ergriffen die Vögte und Schloßschreiber außerdem die Gelegenheit, einige zusätzliche Prozente für eigene Zwecke aufzuschlagen.
Die Bauern bezahlten ihre Steuern nicht nur in Geld, sondern auch in Naturalien: Getreide, Fleisch, Teer, Vieh, Butter, Holz, Fisch und andere Erzeugnisse der eigenen Landwirtschaft. Der sogenannte "Königskauf" war eine große Belastung. Die bäuerliche Bevölkerung war gezwungen, ihre Produkte an das Schloß zu viel niedrigeren Preisen als auf dem freien Markt zu verkaufen. Der Schloßherr bezahlte zum Beispiel nur zwei Mark für einen Ochsen, der 24 Mark wert war.
Manchmal verkaufte er die Waren mit gutem Verdienst weiter. Er importierte außerdem wichtige Versorgungsgüter wie Salz, Eisen und Kleider, die er dann zu sehr hohen Preisen verkaufte. Zeitweise war es auch verboten, Produkte wie Fleisch und lebende Tiere zu exportieren, um unter anderen die dänische Flotte mit Proviant versehen zu können.
Die Bauern mußten auch Tagewerke leisten. Das bedeutete, daß sie mehrmals im Jahr im Schloß oder auf den königlichen Höfen in Roma und Visby arbeiten mußten. Im Winter mußten sie oft ohne Entschädigung das Vieh des Schlosses in ihre Ställe nehmen und füttern.
Wenn der Lehnsherr und die Vögte mit ihrem Gefolge über die Insel ritten, Steuern eintrieben oder Recht sprachen, hatten sie das Recht, bei den Bauern einzukehren und bei ihnen Kost, Logis und Pferdefutter zu bekommen. Während eines Winters in den 1590er Jahren suchte der Landsvogt Herman Jensen mit einem Gefolge von fünfzehn Personen die gotländischen Dörfer heim. Der Vogt hatte eigenes Küchenpersonal mit und die Bauern mußten alle Lebensmittel und Kräuter bezahlen, die zum Kochen erforderlich waren, auch wenn die Köche die Häute der Tieren beschlagnahmten, die auf dem Hof geschlachtet wurden. Auch die Pferde - allein der Vogt hatte sechs bei sich - brauchten Futter. Natürlich mußten die Bauern den Hafer aufbringen.

Beschwerden und Konflikte

Wüstungen

Es ist nicht verwunderlich, daß sich die Landbevölkerung beklagte. Die Sorgen waren ja mit dem Bezahlen der Steuern noch nicht zu Ende. Danach galt es, dafür zu sorgen, daß Ressourcen für die nächste Abgaben vorhanden waren. In guten Zeiten konnten die gotländischen Bauern Fleisch von Schafen und Rindern, Butter, Talg, Wolle und Häute exportieren. Auch die Waldwirtschaft hatte große Bedeutung und so wurden große Mengen an Holz in das waldlose Dänemark transportiert. Teer, der auf fast jedem Hof gekocht wurde, machte in manchen Jahren fast ein Drittel aller gotländischen Ausfuhren aus. An der Küste brachen die Bauern Kalkstein, den dänische und deutsche Schiffer dann nach Norddeutschland brachten, wo er zu Kalk gebrannt wurde. An manchen Stellen sorgte das Meer für gute Einkünfte, und es gab Bauern, die nur auf Grund des Fischfangs ihre Steuern bezahlen konnten.
Der Getreideanbau deckte nämlich noch nicht einmal den einheimischen Bedarf. Oft waren die Bauern der Insel gezwungen, Saatgut und Getreide zum Brot backen zu überhöhten Preisen vom Lehnsherren und seinen Dienern zu kaufen. Hinzu kamen andere Sorgen wie Dürre, Frost, Ungezieferplagen und Mißernten. Daß die Bauern Probleme hatten, zeigen die vielen Wüstungen sehr deutlich. Um 1580 waren von den 1500 gotländischen Höfen etwa 200 von ihren Besitzern aufgegeben worden. Die Behörden versuchten, diesem komplizierten Problem zu begegnen, indem Bauern, die einen verlassenen Hof wieder bewirtschafteten, von Steuern befreit wurden.

Dem Bürgerkrieg nahe

Eine Möglichkeit, diese beschwerliche Situation zu lösen, wäre es gewesen, den Bauern größere Freiheiten im Handel einzuräumen. Statt dessen gab es Einschränkungen. Der Lehnsherr war daran interessiert, große Teile des gewinnbringenden Handels für sich zu beanspruchen. Er gestand den Bauern nur eine geringe Zahl an eigenen Schiffen zu und verbot zeitweise fast allen Handel in den Landhäfen. Darüber hinaus begünstigte er die Kaufleute aus Visby auf Kosten der Bauern, so daß es häufig Konflikte zwischen Stadt und Land gab.
Im Jahre 1532 war ein Bürgerkrieg bedrohlich nahe. Ein großer Teil der Landbevölkerung kam bei der Kirche von Roma zusammen, um gegen Visby zu ziehen. In letzter Sekunde griff der Lehnsherr Henrik Rosencrantz ein und beruhigte die aufgebrachten Bauern. Es schaffte es auch, ein Treffen mit den Stadtbewohnern zustande zu bringen. Dort einigten sich die beiden Seiten darauf, die alten Bestimmungen hinsichtlich des gotländischen Handels auch weiterhin gelten zu lassen.
Aber die Rückschläge waren damit noch nicht zu Ende. 1621 befahl Christian IV., daß eine gotländische Handelskompanie für den ganzen Handel der Insel gegründet werden solle. Sie bekam den Namen Gullandske Kompagni und war ein Ausdruck der merkantilistischen Handelspolitik. Einige Kaufleute in Helsingborg und Helsingör übernahmen den gesamten Handel mit Gotland. Der Gedanke dahinter war, daß alle ausländischen Kaufleute aus dem Handel gedrängt werden sollten, so daß ein möglichst großer Teil des Gewinns im Lande bleibe. Für die Gotländer war das wie ein Dolchstoß in den Rücken.
Die Kompanie hatte das Monopol auf allen gotländischen Import und Export. Nur die Beschäftigten der Kompanie durften in den Landhäfen Handel treiben und die Produkte der Bauern kaufen. Sie mischten sich in alles ein, durften sich in den Landhäfen niederlassen und verboten den Bauern sogar, einander Saatgut zu leihen. Das Resultat waren überhöhte Preise auf Importwaren und niedrige Preise für gotländische Landwirtschaftsprodukte. Durch den direkten Handel zwischen Bauern und der Kompanie hörten auch fast alle lokalen Märkte auf zu existieren, die es in fast jedem Kirchspiel gegeben hatte.

Das Ende der "Bauernrepublik"

Noch einmal verloren die Gotländer die Geduld. Die Notjahre, Mißernten, Ausfuhrverbote, Steuern, die Herrschaft der Vögte und nun das eigenmächtige Handeln der Kompanie verlangten nach einer Lösung. Die Bürger Visbys schafften es, einen Konflikt mit Kopenhagen zu vermeiden, indem sie dem König versprachen, sich eigene Schiffe zu beschaffen und mit dem Ausland Handel zu treiben. Aber die Bauern waren nicht so leicht zufrieden zu stellen.
In ihrem Auftrag reiste der Landesrichter Thöger Kärne zum König, um diesem die Beschwerden der Bauern vorzutragen. Als er nach Kopenhagen kam, wurde er gefangengenommen und in eines der gefürchteten Verliese im Blauen Turm geworfen. Vermutlich war Christian erbost, weil Kärne die Partei des Volkes ergriffen hatte, anstatt seinem König zu dienen.
Als die Nachricht von diesem Ereignis nach Gotland kam, versammelten sich die Bauern auf den Richterhöfen in den einzelnen Things. Zumindest anfangs hatten sie nicht die Absicht, Gewalt zu gebrauchen. Sie begnügten sich zunächst damit, Klageschriften an den König zu verfassen. Aber offener Aufruhr lag in der Luft.
Die Lage wurde nur noch schlimmer, als Kärnes Bruder, der Pastor von Vamlingbo, Niels Söfrensen, abgesetzt wurde, weil er die Bauern zu Protesten aufgerufen hatte. Gleichzeitig wurden viele Gotländer gefangengenommen und auf Visborgs slott inhaftiert. Der König verlegte in diesem Zusammenhang auch das Landesrichteramt nach Visby. Ein Bürger übernahm nun dieses viele hundert Jahre alte Amt, das immer ein Symbol für die Selbstverwaltung der Bauern gewesen war. Damit war die gotländische "Bauernrepublik" definitiv zu Ende.
Um das Übel im Keim zu ersticken, sandte König Christian 1624 eine Kompanie Soldaten nach Gotland, und weil er sich der Loyalität der Gotländer nicht sicher war, reiste er selbst auf die Insel. Er ritt über das Land, verhandelte mit den Bürgern und Bauern, hielt Gerichtsverhandlungen mit den dänischen Beamten ab und konnte zu guter Letzt zwischen den Konfliktparteien vermitteln. Im Jahr darauf widerrief er alle Vorrechte der Gullandske Kompagni, die damit erlosch.

Der Sandstein auf Sudret

Laut merkantilistischer Ideologie war es wichtig, die einheimischen Industrien zu unterstützen. Auf Gotland war es aber nicht so leicht, regelrechte Fabriken zu gründen, aber die Dänen unternahmen dennoch einige Versuche, die wichtigsten Rohstoffe der Insel zu nutzen. Die Gullandske Kompagni durfte eine wasserbetriebene Säge und einen Kalkofen bei S:t Olofsholm bauen. Das war der erste Ofen auf Gotland, der für den Export produzierte, auch wenn die Produktion nach einigen Jahren schon wieder eingestellt wurde. Bis zum Durchbruch der Kalkbrennerei sollte es noch einige Jahrzehnte dauern.
Auf Suder (dem südlichen Teil Gotlands) gab es einen anderen wichtigen Rohstoff - Sandstein. Die Gotländer benutzten diese weiche Gesteinsart früh für Schleifsteine, aber erst im frühen Mittelalter wurde er wirklich wichtig. Damals bauten die Bauern im südlichen Gotland einige Kirchen aus Sandstein und geschickte Steinmetze formten aus dem Sandstein Taufbecken und Skulpturen für die Portale der Kirchen. Mittelalterliche Taufbecken aus gotländischem Steinen findet man im ganzen Ostseeraum in großer Zahl.
Die wirklich gute Zeit für die Sandsteinbrüche begann im späten 16. Jahrhundert. In der nordischen Großmacht Dänemark begannen Könige und Hochadlige, Schlösser zu bauen. Für ihre Baustellen in Kopenhagen, Malmö, Helsingör, Haderslev und Nyköbing brauchten sie große Mengen Sandstein. Während einiger Jahre ging eine Sandsteinladung nach der anderen vom Verladehafen Burgsvik in die dänischen Häfen ab.
Für die dänische Krone bekam der Sandsteinbruch auf Suder eine so große Bedeutung, daß er vollständig unter staatliche Kontrolle gestellt wurde. Damit das Monopol auch funktionieren konnte, sandten die Könige dänische Steinmetze als Experten nach Gotland. Sie bekamen ihren Lohn von der Krone und waren dafür verantwortlich, daß die Bestellungen ausgeliefert wurden. Zu ihren Aufgaben gehörte auch, die künstlerischen Aufforderungen zu erfüllen. Als die Gullandske Kompagni allmählich auf der Bildfläche auftauchte, übernahm sie auch den Sandsteinbruch - doch erst nachdem der dänische Staat seine Bedürfnisse befriedigt hatte.
Der größte Teil des Exportes ging nach Dänemark, aber auch im Baltikum, Polen, Norddeutschland und Schweden gab es Absatzmärkte. Als Gotland 1645 schwedisch wurde, veränderte sich die Marktsituation vollkommen. Das galt auch für die Tätigkeit des Steinbruchs als solche.

Schweden übernimmt

Als Schweden Dänemark in der Mitte des 17. Jahrhunderts als nordische Großmacht ablöste, wurde Stockholm schnell der wichtigste Absatzmarkt für den gotländischen Sandstein. In der schwedischen Hauptstadt herrschte unter einigen Jahrzehnten eine intensive Bautätigkeit, nicht zuletzt auf Grund der neureichen Adeligen und Kaufleute. Sie wollten vor allem Steine zum Häuserbau und für offene Herde kaufen. Der Sandstein von Sudret hatte seine letzte Hochkonjunktur in den 1690er Jahren, als in Stockholm das neue Schloß gebaut wurde.
Der schwedische Staat nahm niemals irgendwelche Sonderrechte hinsichtlich des Sandsteins auf dem südlichen Gotland für sich in Anspruch. Die Steinmetze, die auch nach dem Regimewechsel 1645 auf der Insel blieben, konnten ihre Tätigkeit privat fortführen. Sie kauften sich eigenes Land in der Gegend von Burgsvik, wo sie Steine brechen und sich durch ihren Beruf versorgen konnten. Oft erwarben sie auch einen Hof in derselben Gegend, so daß sie gleichzeitig Bauern wurden. Um die künstlerische Geschicklichkeit und den Stolz über den eigenen Beruf lebendig zu halten, war man nun gezwungen, einen Unterschied zwischen professionellen Steinmetzen und steinhauenden Bauern zu machen. In einer Zunftordnung bestimmten die Behörden, daß nur zum Meister ausgebildete Steinmetze Bildhauerei betreiben durften. Die Bauern mußten sich mit der Herstellung von Schleifsteinen begnügen.
Auf Grund der schwächer werdenden Konjunktur siedelten sich aber keine neuen Steinmetze mehr in Burgsvik an. Neue Impulse blieben aus und als die alten Meister starben und ihr Können mit ins Grab nahmen, wurde die Landwirtschaft in der Region der wichtigste Wirtschaftszweig, das Steinhauen war nur noch ein Nebenerwerb.
Seit dem 18. Jahrhundert und bis heute dominieren zwei Produkte die Sandsteinindustrie: Bausteine und Schleifsteine. Besonders in der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert wurden viele Schleifsteine exportiert. Sie gingen auf das schwedische Festland, nach Norwegen, Dänemark, Finnland, Estland, aber auch in so abgelegene Teile der Welt wie Westindien, Südamerika, Indien und Japan.
Die traditionelle Herstellung von Schleifsteinen erfolgte normalerweise gleich im Steinbruch, den sogenannten "kulorna" (Kuhlen), oder zu Hause auf dem Hof. Wenn der Hersteller eine gewisse Anzahl Steine auf Lager hatte, kam ein Aufkäufer und kaufte die fertige Ware. Oft war es ein Kaufmann von Sudret, der diese Rolle innehatte, was sowohl gut, als auch schlecht sein konnte. Es war ein Vorteil, die Gegend und die dort lebenden Menschen zu kennen, aber es war so auch leicht für den Produzenten, sich beim "Patron", wie der Händler gewöhnlicherweise genannt wurde, zu verschulden. Die Händler waren ja auch Lieferanten von Lebensmitteln, Werkzeugen, Getreide und Düngemitteln, alles Dinge, die wichtig waren für die bäuerlichen Steinmetze.
1873 wurde Gotlands slipstensbolag gegründet, das lange Zeit lang der größte Exporteur von gotländischem Sandstein war, vor allem von Schleifsteinen, Wetzsteinen und sogenannten "Bylten", die von Marmorschleifereien und als Gartensteine benutzt wurden.

Unglückliche Jahre für Dänemark

Die Jahre zwischen 1525 und 1645 verliefen auf Gotland im Großen und Ganzen friedlich. Auch wenn die nordischen Könige nicht besonders gut miteinander befreundet waren, so war die Insel kein Zankapfel mehr. Trotzdem wurde in dieser Zeit die "Gotlandfrage" aus dem vorherigen Jahrhundert entschieden. Sogar zweimal!
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts herum entstand Unruhe an der östlichen Küste der Ostsee. Im Baltikum löste sich der alte Ordensstaat des Deutschen Ordens auf, und der russische Zar Ivan IV., genannt der Schreckliche, war auf dem Marsch nach Westen. Auch für die nordischen Länder war diese Gegend interessant. 1559 besetzte Dänemark Ösel, und Schweden eroberte zwei Jahre später den größten Teil Estlands. Ein Konflikt auf der politischen Bühne stand bevor. 1563 brach zwischen den beiden nordischen Ländern ein Krieg aus, der eine Reihe anderer Ursachen hatte. Der Krieg dauerte sieben Jahre und ist als der Nordische Siebenjährige Krieg in die Geschichte eingegangen. Gotland wurde bei zwei Gelegenheiten davon betroffen. Einmal landeten schwedische Truppen bei Östergarn und brannten dort die Kirche und mehrere Bauernhöfe nieder. Das andere Mal geschah etwas viel Dramatischeres.


"Hier ist ja wohl nicht jede Nacht Sturm"

Im Juli 1566 wurde eine große Seeschlacht vor der Nordspitze Ölands zwischen der schwedischen und der vereinigten dänischen und lübeckischen Flotte ausgefochten. Der Kampf war hart, und er endete mit einem knappen Sieg für die Schweden unter Admiral Klas Horn. Während der Schlachte fiel ein dänischer Adliger, Christoffer Mogensen, und die ganze Flotte segelte nach Visby, um ihn dort in geweihter Erde begraben zu können.
In der Nacht zwischen dem 28. und 29. Juli lagen die Schiffe vor Visby auf Reede und warteten dort. Der Platz war schlecht gewählt, da die Anker den Boden nicht erreichten. Die Warnungen, die erfahrene Seeleute bald aussprachen, schlug der Admiral Hans Lauridsen mit den Worten "Hier ist ja wohl nicht jede Nacht Sturm!" in den Wind.
Aber der Sturm kam, ein nordwestlicher Orkan, schnell und unnachgiebig. Und mit ihm kam die Katastrophe. Zwölf dänische und drei deutsche Schiffe wurden auf den Strand geworfen, viele andere wurden stark beschädigt. Drei Admiräle ertranken zusammen mit mehreren tausend Seeleuten und Soldaten. Es gibt Berichte von 7000 oder 8000 Toten, die wahrscheinliche Ziffer dürfte aber die Hälfte davon sein.

Die Gedenktafel

Unter den Ertrunkenen befand sich ein Bartholomäus Tinnapfel. Er war Admiral und Bürgermeister Lübecks, und wie es sich für einen so großen Mann gehörte, wurde er im Chor von S:ta Maria begraben. An der nördlichen Chormauer hängt noch immer eine Gedenktafel, ein Epitaph, für ihn. Die Tafel ist fast genauso dramatisch wie das Ereignis, das zu seinem Tod führte.
Das Hauptmotiv ist der gekreuzigte Christus, vor dem der Admiral kniet und betet. Im Hintergrund hat der Maler seine Sicht der großen Katastrophe auf der Reede von Visby gehalten. In einem gewaltsam aufgepeitschten Meer schwimmen fürchterliche Seeungeheuer, ertrinken Menschen, schleudern den Wellen preisgegebene Schiffe herum und zerschellen an den Felsen. Der Himmel ist voll von unruhigen Wolken, die einander jagen und auf einem hohen Strand erhebt sich eine fast geisterhafte Stadt - ein Visby ohne Verbindung zur Wirklichkeit.
1570 wurde der Krieg mit dem Frieden von Stettin beendet. Schweden gab darin alle Ansprüche auf Gotland auf und erkannte definitiv die Insel als dänische Provinz an. Die wichtigste Folge des Krieges war ansonsten die Beendigung aller Versuche, die nordische Union wieder herzustellen.

Dänische Fehler

Der nächste Krieg zwischen Dänemark und Schweden - der sogenannte Kalmarkrieg von 1611-13 - hinterließ wenige Spuren auf Gotland. Dann und wann suchte die dänische Flotte im Hafen von Slite Schutz oder verproviantierte sich dort neu. Das war aber auch schon alles. Trotzdem zeigte der Kalmarkrieg, daß ein Umschwung in der nordischen Mächtekonstellation zugunsten Schwedens bevorstand. Dieser Umschwung ließ nicht lange auf sich warten.
1618 begann in Deutschland der Dreißigjährige Krieg. 1625 mischte sich der dänische König Christian IV. in die Kämpfe ein, um seine und Dänemarks Macht zu vergrößern. Der Versuch mißglückte vollständig und führte große wirtschaftliche Probleme mit sich. Einige Jahre später trat auch der schwedische König Gustav II. Adolf in den Krieg ein. Für ihn und seine Armeen lief es besser.
Christian IV. verfolgte trotzdem eine herausfordernde Politik gegenüber Schweden, die 1643 zu einem schwedischen Angriff auf Dänemark führte. Die Schweden eroberten schnell große Gebiete und viele Städte und Festungen. Nach zwei Jahren Krieg gaben die Dänen auf, und die beiden Länder schlossen 1645 bei Brömsebro Frieden.

Brömsebro 1645

An einem Januartag 1645 stand eine Kompanie schwedischer Reiter im Hafen von Helsingborg. Von ihrem Standort aus konnten sie den Stolz der dänischen Könige, Schloß Kronborg, auf der gegenüberliegenden Seite des Sundes sehen. Die frierenden Reiter warteten auf fünf dänische Adlige, die sie durch Skåne bis zur schwedischen Grenze eskortieren sollten.
Es waren keine munteren Herren, die schließlich an Land stiegen. Ihnen war bewußt, welcher schwer und beschwerliche Auftrag vor ihnen lag. In Kopenhagen hatten sie genaue Instruktionen und Vorschriften bekommen, von denen sie wußten, daß der Gegner sie kaum akzeptieren konnte.
Also hatten sie sich vorbereitet. In ihrem Gefolge waren etwa siebzig Diener, Sekretäre und Hofjunker. Auch das Gepäck war umfangreich. Die Bauern mußten einhundert Transportfahrten über die 200 kalten Kilometer bis zur Grenze zwischen dem dänischen Blekinge und dem schwedischen Småland unternehmen. Das Ziel war Brömsebro.
Von Norden kamen gleichzeitig einige schwedische Aristokraten mit dem Reichskanzler Axel Oxenstierna persönlich an der Spitze. Auch diese Gesellschaft war gut vorbereitet. Aus Stockholm hatten sie sich unter anderem 400 Fässer Getreide, 3700 Liter Rheinwein, 1400 Liter spanischen Wein, große Mengen Konfekt und anderes mitgebracht, das notwendig war, um die Lebensgeister lebendig zu halten. Unter dem Gepäck des Reichskanzlers befanden sich mehrere Stühle, ein großer Tisch und sein eigenes, enorm großes Bett.
Die dänische Delegation lagerte in Christianopel. Die Schweden richteten sich im Pfarrhof von Söderåkra ein, ein paar Dutzend Kilometer nördlich der Grenze. Auch die französischen und holländischen Gesandten wurden in der Nähe einquartiert, genau wie die anderen Repräsentanten aus ganz Europa. Zusammen waren es einige Hundert.
Die Aufgabe, die vor beiden Gesandtschaften lag, war, Frieden zwischen Dänemark und Schweden zu schließen. Der von ihnen dafür gewählte Platz lag an der Grenze zwischen Dänemark und Schweden. Hier hatten sich schon die Könige des 16. Jahrhunderts, Gustav Vasa und Christian III., getroffen und verhandelt.
Beide Gesandtschaften kamen mit deutlichen Befehlen nach Brömsebro. Die wichtigste Forderung der Dänen war die Rückgabe aller von Schweden eroberten Gebiete und dazu umfangreiche Reparationen. Die Schweden wollten in erster Linie vollständige Zollfreiheit im Öresund haben und einige Gebiete, vor allem Skåne, Blekinge und Halland, erhalten.
Die Verhandlungen begannen am 8. Februar. Der französische Vermittler de la Thuillerie hatte sich bei einem Grenzstein auf einer kleinen Insel im kleinen Brömsebach postiert. Als er das Zeichen gab, gingen die beiden Delegationen aufeinander zu, langsam und würdig, wie es dem Ernst der Stunde angemessen war. Trompeten erklangen und alles war so feierlich, wie es sein sollte. Axel Oxenstierna und der Chef der dänischen Gesandtschaft, Corfitz Uhlfeldt, hielten ihre Reden, schüttelten sich formell die Hände und kehrten danach zu ihren jeweiligen Gesellschaften zurück.

Der Zoll im Öresund, die Schlüsselfrage

Die folgenden Gespräche verliefen wie erwartet zäh und dauerten sehr lange. Die Schweden erhoben die Forderung nach Zollfreiheit im Öresund, auf die sich Christian IV. erst nach langem Zögern einließ. Es ist verständlich, daß er zögerte. Der Zoll im Öresund war nämlich die mit Abstand größte Einnahmequelle in ganz Dänemark - und nach alter Sitte hatte der König das Recht, allein über diese Summe zu disponieren. Es waren auch keine Pfennigbeträge, um die es ging - 1623 beliefen sich die Einkünfte aus dem Zoll auf etwa 1,5 Millionen Reichstaler. Es ist schwer, diese Summe in heutige Maße zu übersetzen. Sie war, einfach ausgedrückt, enorm hoch.
Nach dem Erfolg mit dem Öresundszoll legten die Schweden mit den Forderungen nach Skåne, Halland und Blekinge nach. In den Direktiven aus Stockholm gab es einen Verhandlungsspielraum : im schlimmsten Fall konnte man sich mit Halland und Bohuslän, eventuell sogar nur mit Bohuslän begnügen. Aber frisch gewagt ist halb gewonnen.
Eine Reihe glücklicher Umstände führte dazu, daß die Schweden jetzt die Oberhand behielten. Schwedens Armeen erzielten große Erfolge auf dem Kontinent, während sich in Dänemark innere Unruhe ausbreitete. Zudem standen die mächtigen Niederlande auf Schwedens Seite. Dies alles trug dazu bei, daß in Kopenhagen die Kompromißbereitschaft wuchs. König Christian begann zunächst vorsichtig damit, den Schweden Jämtland anzubieten. Aber auf eine solche Landschaft verzichtete Axel Oxenstierna gerne, da sie seiner Meinung nach nur aus Felsen und Mooren bestand. Christian erhöhte das Angebot mit Halland und Ösel. Oxenstierna antwortete, daß er lieber Bohuslän haben wollte. Darauf schlugen die Dänen Gotland an Stelle von Halland vor.
Nun war die Zeit für eine endgültige Einigung gekommen. Die Dänen waren nicht besonders glücklich darüber, die strategisch günstig gelegene Insel inmitten der Ostsee, die wie eine Harpune gegen den weichen Unterleib Schwedens gerichtet war, abzutreten. Die Schweden hingegen waren zufrieden. Außer der Zollfreiheit im Öresund vergrößerten sie ihr Territorium mit Gotland, Ösel, Jämtland und Härjedalen. Dazu erhielt Schweden Halland auf 30 Jahre als Pfand.

Endlich Frieden

Am 13. August 1645 wurde der Friedensvertrag im Rahmen einer feierlichen Zeremonie unterzeichnet. Der Vermittler de la Thuillerie besuchte zuerst die beiden Delegationen mit zwei Exemplaren der Übereinkunft, die die Schweden und Dänen jeweils unterschrieben. Danach setzte er sich auf die kleine Insel im Brömsebach und nahm dort die beiden unterschriebenen Verträge entgegen. Das schwedische Exemplar nahm er mit der rechten Hand entgegen und ergriff es dann mit der linken. Dann ergriff er das dänische Exemplar mit der Rechten, kreuzte die Arme und übergab so den Gesandten die Dokumente. Fanfaren ertönten und der Frieden war damit geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt war seit sechs Monaten und fünf Tagen verhandelt worden.
Aus Gotländern werden Schweden

"Viele Füchse, die großen Schaden verursachen"

"Am vierten Tage im Monat September / im eintausendsechshundertvierzigsten und fünftem Jahr nach der Geburt Christi" legte ein Funktionär des Hofes auf dem Schloß von Stockholm das Friedensabkommen Königin Christina vor. Es sei dahingestellt, ob sie das umfangreiche Dokument auch gelesen hat, auf jeden Fall hat sie es unterzeichnet. Gotland wurde zusammen mit Stadt und Schloß Visby und allen dazugehörenden Inseln und Schären schwedisches Reichsgebiet. Spätestens Ende Oktober sollte die Insel mit allen Aktivposten übergeben worden sein, aber da es sich um eine Insel handelte, die in der "großen See" gelegen war, ließ der Vertrag eine gewisse Verzögerung zu.
Mitte Oktober landete der neue Landshövding Åke Hansson Ulfsparre mit einigen Soldaten in Slite und ein paar Wochen später ankerte der Admiral Erik Ryning mit einer Flotte in Kappelshamnvik. Ryning übermittelte kurz darauf seine ersten Eindrücke von Gotland an Stockholm. Er lobte einige der Häfen, aber der Rest der Insel bestünde meist aus "Steinen, Felsen und Wäldern, wenig Acker, wenigen Wiesen und vielen Füchsen, die großen Schaden verursachen...".
In Visby herrschte der Verfall. Die vielen Kirchenruinen und niedrigen Holzhütten, die Kohlgärten, die Kühe, Ziegen, Hühner und Schweine innerhalb der Mauern gaben ein trauriges Bild ab. Die große Zeit der Stadt war schon lange vorbei.
Eifrig, aber bedachtsam, nahmen sich die neuen Amtsträger der gotländischen Angelegenheiten an. Sie begannen, auf der Insel umherzureisen, um Land und Leute kennenzulernen. Der nächste Schritt war, sich den großen und wesentlichen Fragen nach Verwaltung, Rechtssprechung, kirchlichen Angelegenheiten, Verteidigung und Wirtschaft zu widmen.
Die Gotländer nahmen die politischen Veränderungen wohl mit Gleichmut hin. Wie so viele andere, die an den Grenzen eines Reiches lebten, war ihr Dorf viel wichtiger als irgendein Staat. Ihrer Ansicht nach war es ziemlich gleichgültig, zu welchem König sie gehörten, sie fühlten sich ja ohnehin als Gotländer. Außerdem hatten die Dänen sie nicht besonders gut behandelt. Die in Dänemark geborenen Priester waren die einzigen, die Grund zur Sorge hatten.

Ein wiedererobertes Gotland

Die übergreifende Aufgabe der neuen Beamten war es, das eroberte - oder wiedereroberte - Gotland zu einer schwedischen "Landskap", einem Teil des schwedischen Reiches, zu machen. Dabei sollten sie sehr vorsichtig vorgehen. Es war wichtiger, das Vertrauen der Gotländer zu wecken, als sie herauszufordern.
In Stockholm betrachteten die Behörden Gotland bereits als vollwertigen Bestandteil Schwedens. Sie sahen die Insel als einen wiedergewonnenen Landesteil an und als Beweis dafür bekamen die Gotländer das Recht, umgehend eigene Reichstagsmänner in die Hauptstadt zu schicken. Unter den ersten, die 1647 ihren Platz in der schwedischen Volksvertretung einnahmen, war der Superintendent Hans Nielssøn Strelow und der Propst von Garda, Niels Gardaeus, etwas später auch der Bürgermeister Visbys, Magnus Palumbus, und der Ratsherr Marcus Schröder.
Wie sollte man nun konkret vorgehen, um aus den Gotländern Schweden zu machen? Ein wichtiger Aspekt war die Sprache. Selbstverständlich sollte Schwedisch das Dänische als Landessprache ablösen. Das war ja eine deutliche Markierung der nationalen Zugehörigkeit. Aber gleichzeitig waren die Behörden auch in diesem Fall darauf bedacht, keinen Zwang auszuüben. Die Gotländer sollten genug Zeit bekommen, sich das Dänische abzugewöhnen.

Die Priester

Sicherlich dauerte es auch eine Zeit, bis die Landbevölkerung die schwedischen Predigten der Priester akzeptieren konnte - sie wurden ja vor allem in der Kirche mit der Landessprache konfrontiert. Schlimmer war es, als die Schulmeister begannen, den Kindern den Katechismus in der neuen Sprache beizubringen, was eine der wichtigsten Maßnahmen zur "Schwedisierung" war.
Hinsichtlich der Regierung und Verwaltung Gotlands besetzte die Stockholmer Regierung alle höheren Posten mit Schweden. Niedrigere Amtsträger durften bis auf weiteres bleiben. Eine etwas zurückhaltendere Position nahm man gegenüber den kirchlichen Angestellten ein. In Zukunft sollte es nur noch nach Studien in Uppsala möglich sein, Priester auf Gotland zu werden. Viele der in Dänemark ausgebildeten Priester durften bleiben, aber wenn sie starben oder aus Altersgründen aufgaben, wurden sie durch schwedische Seelsorger ersetzt.
Die neuen Gesetze und Vorschriften in religiösen Fragen, die die Schweden einführten, hatten zunächst keine größere Bedeutung für die kirchlichen Zeremonien, aber im Laufe der Zeit wurden auch in diesem Bereich die Veränderungen spürbar.

Gesetze und Steuern

Gotland sollte in Zukunft schwedischen Gesetzen und schwedischem Recht unterworfen sein. Der gotländische Landesthing wurde nun von einem Thing der Gesetzessprecher ersetzt, die Settingar verschwanden und an deren Stelle wurden die Tredingar zur Rechtsinstanz. Die höchsten Gerichte waren im folgenden das Hofgericht und ganz oben stand das Staatsoberhaupt (König oder Königin).
Eine andere wichtige Frage waren die Steuern. Das gotländische Steuersystem baute auf alten Bestimmungen auf, die den schwedischen in keiner Weise glichen. Auf Gotland waren die Richter für die Steuern verantwortlich, die für jeden Thing oder Setting einen bestimmten Betrag ausmachten. Die Belastungen waren nach einem System verteilt, das dazu führte, daß die Bauern in verschiedenen Jahren verschieden hohe Steuern zu zahlen hatten. In der dänischen Zeit waren der Bevölkerung darüber hinaus eine große Menge an Freistellungen unterschiedlichster Art gewährt worden.
Auf dem schwedischen Festland war jeder Hof steuerpflichtig und die Abgaben waren für jeden Haushalt genau festgelegt. Diese Vorgehensweise wurde nun auch auf Gotland eingeführt, aber bevor das neue System vollständig durchgeführt werden konnte, war Landshövding Sparre gezwungen, alle 1500 Höfe der Insel genau zu vermessen und zu beschreiben. Im Dezember 1652 bekam er den Auftrag, zusammen mit einigen anderen Personen ganz Gotland "von Thing zu Thing" zu durchreisen und die Beschaffenheit der verschiedenen Höfe zu untersuchen,
Das Ergebnis war das Revisionsbuch von 1653. Darin wird jeder Hof mit Angaben zu Äcker, Wiesen, Koppeln, Waldbesitz und Gärten beschrieben. Dort gibt es Notizen über Moore, Fischgewässer, Algen und Tang, Sägen und Walzen, darüber, wer gerade den Hof besaß, und ob er ihn geerbt oder gekauft hatte. Also ein extrem gutes Quellenmaterial über das bäuerliche Gotland zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Von alters her wurden die Höfe auf Gotland von mehreren Familien gemeinsam bewirtschaftet. An der Spitze stand ein einzelner Hofherr, der auch die Steuern zu bezahlen hatte. Jetzt wurde es immer üblicher, die Steuerhöfe in mehrere Teile, "parter", aufzuteilen. Die Steuerreform beschleunigte diese Entwicklung.
Auf den neuen Höfen erbauten die Bauern ihre Wirtschaftsgebäude oft Seite an Seite an einem Weg, das Wohnhaus lag weiter innen auf dem Grundstück. So entstand eine Bebauung, die noch heute für Gotland typisch ist.

Schafe und Teer

Teil des Programms der schwedischen Regierung für Gotland war der Versuch, die Wirtschaft der Insel zu stärken. Wenn sie die Wirtschaft in Gang kriegen konnte, würde die Insel auch ökonomisch wertvoll werden und nicht nur als Flottenbasis.
Auf dem Land lebten fast alle von dem, was die Landwirtschaft erbrachte. Seit dem Mittelalter wurden keine Neuerungen mehr eingeführt, und doch konnten sich die meisten Bauern mit dem, was ihr Hof hergab, ihren Lebensunterhalt sichern. Aber natürlich konnte es noch besser werden, die Voraussetzungen dafür waren vorhanden. Die Regierung versuchte es zunächst durch Subventionen wie Steuererleichterungen und Zollfreiheit für landwirtschaftliche Produkte in schlechten Jahren. Aber es ging nur langsam voran, zum großen Teil dank einer natürlichen Trägheit im bäuerlichen Gotland. Es sollte noch ein paar Jahrhunderte dauern, bis die Entwicklung richtig in Gang kam.
Die Ackerflächen waren immer noch klein. Zwar war die Dreifelderwirtschaft üblich, aber es gab immer noch Gebiete auf der Insel, wo die Bauern ihre Felder das ganze Jahr über bestellten. Oft reichten die Getreideernten nicht für den Eigenbedarf der Insel, ein Teil des Saatgutes mußte importiert werden.
Vieh und vor allem Schafe waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zu Tausenden wurden sie jedes Jahr in großen Herden nach Visby getrieben, wo sie geschlachtet, eingesalzen und exportiert wurden.
Die Bauern, die in der Nähe eines Strandes, eines Flusses oder eines Sees wohnten, nutzten die Möglichkeit zu fischen. Im Meer wurde fast nur Hering gefangen, im Süßwasser meist Hecht und Barsch. Für einige Bauern war die Fischerei eine Einkommensquelle, die es leichter machte, die Steuern zu bewältigen.
Der Wald bot eine wichtige Ressource für die Hofwirtschaft. Im 17. Jahrhundert war besonders Teer ein wichtiger Exportartikel. Er war von hervorragender Qualität und auf den Schiffswerften an den Küsten der Ostsee, in den Niederlanden und in England sehr begehrt. Manchmal bestand ein Drittel des gesamten Exports der Insel aus Teer. Um 1650 produzierten die Bauern Gotlands 5000 Fässer Teer für die Verschiffung - neben dem, was sie dem Staat als Steuern abführten.
Dem Geist der Zeit folgend wurde auch eine Teerhandelskompanie gegründet. Sie bekam das Monopol auf das Kaufen und Verkaufen des gotländischen Teers. Es zeigt sich bald, daß dies System nicht besonders gut war und daß es zudem leicht zu umgehen war. Nach einer Zeit innerer Zersplitterung und Uneinigkeit wurde die Kompanie zu Grabe getragen.

Förderung von "Industrie"

Die merkantilistische Politik des 17. Jahrhunderts betonte unter anderem die Bedeutung des Gründens von Industrien. Diese Unternehmen sind noch am ehesten Weiterentwicklungen von verschiedenen Handwerken und Tätigkeiten und können nicht mit der Industrie verglichen werden, die im 19. Jahrhundert entstand. Es wurde als wichtig erachtet, die vorhandenen Rohstoffe eines Landes oder einer Region zu nutzen, sie zu bearbeiten und dann das fertige Produkt zu verkaufen. Solche Versuche wurden auch auf Gotland unternommen, einige waren erfolgreich, andere mißglückten total.
Die vielen kleinen Wasserläufe Gotlands wurden nun immer stärker genutzt. Auch wenn sie nur wenig Wasser führten, konnten man vielen Stellen Sägen, Mühlen und Walzen bauen. Nur selten konnten die Eigentümer solche Anlagen das ganze Jahr über betreiben, oft mußten sie ihre Tätigkeit auf Frühling und Herbst, zur Zeit der Schneeschmelze und ergiebigerer Regenfälle, beschränken.
Vor allem entlang der gotländischen Küste im Norden und im Osten begannen weitsichtige Bürger und einzelne Großbauern, Kalk zu brennen, den sie dann ins Ausland verkauften. Die Kalkindustrie hatte nun ihren definitiven Durchbruch. In den folgenden Jahrhunderten sollte sie eine große Rolle für die gotländische Wirtschaft spielen.
Jemand, der es verstand, die Möglichkeiten des neuen schwedischen Gebietes weit in der Ostsee zu nutzen, war der Stockholmer Kaufmann Christoffer Neuman. Auf Gotland gab es Ressourcen in Form von Rohstoffvorkommen, aber darüber hinaus gab es beim schwedischen Staat ein starkes Interesse, die Insel zu entwickeln und sie zu einem lohnendem Geschäft zu machen. Er konnte mit anderen Worten mit staatlicher Hilfe in Form von wirtschaftlichen Beiträgen rechnen.
1649 bekam Neuman das Recht, bei Kopparsvik südlich von Visby eine Kleidungsfabrik zu eröffnen. Der Gedanke dahinter war, vor allem die große schwedische Armee mit Stoff für Uniformen zu versorgen. Um die Rohstoffe - Wolle - zu bekommen, bekam er die Genehmigung, Höfe zur Schafzucht, sogenannte Schäfereien, bei Kungsladugård und auf Skenholmen vor der nordöstlichen Küste einzurichten. Er kümmerte sich auch um die gesamten Steuereinnahmen des nördlichen Gotlands. Er brauchte weder Zölle für den Import von wichtigen Rohstoffen, noch Steuern für seine Angestellten zu zahlen.
Direkt nördlich von Visby errichtete der unternehmenslustige Neuman eine Eisenhütte. Zwar gab es auf Gotland keine natürlichen Eisenerzvorkommen, aber bei Lummelunda gab zwei andere Ressourcen, die zur Eisenherstellung wichtig waren: Holz und Wasser. Und da ein Unternehmer eher Eisenerz an Orte brachte, an denen es Brennstoff gab, als umgekehrt - Erz ist ja im Verhältnis zum Gewicht viel weniger voluminös als Holz - war es durchaus vernünftig das Erz von den Fundstätten auf Utö im Schärengarten von Stockholm nach Gotland zu transportieren.
An dem Fluß, der durch die heute so bekannte Höhle von Lummelunda fließt, errichtete Neuman nicht nur einen Hochofen und ein Hammerwerk, um das Eisen zu schmelzen und zu formen, sondern auch eine Säge, eine Mühle und eine Walze. Die Anlagen bei Lummelunda wurden später durch einen weiteren Hochofen bei Vasta am Strand von Kappelshamnviken komplettiert.
Um erfahrene Arbeiter für sein Unternehmen zu bekommen, brachte Neuman Arbeiter vom Festland mit, und um sie bei Laune zu halten, baute er Kneipen und Gasthöfe, sowohl außerhalb von Visby als auch in Kappelshamn und Hall.
Es dauerte nicht lange, bis Neumans Industrieimperium wieder zusammenfiel. Die Kleiderfabrik bei Kopparsvik produzierte alles in allem nicht mehr als 800 Ellen Tuch. Die Eisenhütte bei Lummelunda lief etwas besser und dort wurden noch bis 1712 Stangeneisen, Töpfe, Schmiedehämmer und diverse andere Produkte hergestellt. Die Ursachen für den Niedergang waren vielfältig. Die Besitzer machten unzureichende Versorgung mit Holz und Wasserkraft dafür verantwortlich. Aber sicherlich war es auch so, daß diese ersten industriellen Experimente zu wenig Rücksicht auf die Unterschiede zwischen Gotland und dem schwedischen Festland genommen haben und daß der ständige Bedarf an neuem Kapital unterschätzt wurde.

Der Handel - immer noch die gotländische Nabelschnur

Die schwedische Regierung versuchte auch, den gotländischen Handel zu beleben, vor allem natürlich den Handel über Visby. Die Hilfe, die sie der Insel zukommen ließ, wäre sonst größtenteils verfehlt gewesen. Die unternommenen Anstrengungen lieferten jedoch keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Das kann daran gelegen haben, daß die Maßnahmen nicht vollständig durchgeführt wurden, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, daß die Schweden auch hier mit großer Vorsicht zu Werke gingen. Sie wollten - oder konnten - an den etablierten Strukturen nichts ändern.
Eine der Ursachen dafür, daß es nicht mehr so gut ging, war der alte Gegensatz zwischen Stadt und Land, der durch die merkantilistischen Ideen noch verstärkt wurde. Die Bürger Visbys wollten den gesamten Handel in der Stadt konzentrieren. Die ländliche Bevölkerung wollte, daß alle Häfen für den Handel geöffnet blieben.
Es kam zu einem Kompromiß. Alle ankommenden Fahrzeuge sollten in Visby entladen werden. Auch der größte Teil des Exports sollte in Visby verschifft werden. Gewisse Waren, wie Kalkstein, Kalk und Holz, die schwer über Land zu transportieren waren - und vielleicht auch, um den Bauern die Möglichkeit zu einem gewissen Barhandel zu geben -, sollten auch über die Häfen von Burgsvik, Klinte, Kappelshamn, Slite, S:t Olofsholm und Östergarn ausgeführt werden dürfen. Vor der Abreise sollte sich der Schiffer aber auf dem Landweg nach Visby begeben, dort seine Ladung registrieren lassen und den Zoll dafür zu bezahlen. Die Anzahl der Exporthäfen wurde später vergrößert.
Gotland bekam damit innerhalb Schwedens eine vorteilhafte handelspolitische Stellung. In Schweden war der gesamte Handel in den Städten konzentriert. Der Binnenhandel Gotlands durfte aber nur innerhalb der Stadtmauern stattfinden. Der Handel auf dem Land war verboten. Die Bauern, die von alters her völlig von den Händlern aus der Stadt abhängig waren, konnten auch jetzt nicht aus dieser Unfreiheit ausbrechen. Sie kauften weiter auf Kredit ein. Von diesem System konnten sie sich erst 200 Jahre später lösen.
Der gotländische Export folgte neuen Wegen. Früher war er vor allem nach Deutschland und Dänemark gegangen, nun wurde der schwedische Markt immer wichtiger. Anfangs war dafür die schwedische Großmachtszeit verantwortlich. Es kann jedoch nicht von einem definitiven Durchbruch die Rede sein. Erst als die gotländischen Bauern einen Überschuß auf ihren Höfen erzeugten und Getreide exportieren konnten, wurde das alte Muster durchbrochen. Und das sollte noch lange dauern.

Das Kalkbrennen - ein wichtiger Wirtschaftszweig auf Gotland

Den Gotländern war die Kunst des Kalkbrennens seit dem Mittelalter bekannt. Mörtel, der zu einem großen Teil aus Kalk besteht, wurde in den ersten Steinkirchen, den ältesten Steinhäusern und der Stadtmauer verwendet. Die Gotländer exportierten schon im 13. Jahrhundert Kalkstein, und in deutschen Rechnungsbüchern kommt gebrannter Kalk aus Gotland spätestens seit Ende des 14. Jahrhunderts vor.
Aber erst die Dänen zeigten, welche Möglichkeiten es gab. 1621 errichtete Det Gullandske Kompagni bei S:t Olofsholm einen Kalkofen, der Kalk ausschließlich für den Export brennen sollte. Das Unternehmen hatte keinen unmittelbaren Erfolg, es sollte noch ein paar Jahrzehnte bis zum Durchbruch dauern.
Der Durchbruch erfolgte nach dem Übergang 1645, und es gab dafür mehrere Ursachen. Durch die veränderte politische Situation fielen zwar Teile des dänischen Kundenkreises fort, aber die neue schwedische Großmacht bot einen neuen Markt. Die reich gewordenen schwedischen Adligen und Kaufleute brauchten Kalk für ihre Schlösser und Häuser. Carl X. Gustaf, der sich gut auf Gotland auskannte, benutzte ausschließlich gotländischen Kalk für seine umfangreichen Schloßbauten in Kalmar und Borgholm.
Durch einen Befehl aus Stockholm wurde gleichzeitig der Zoll auf Kalkstein, der aus Gotland ausgeführt wurde, kräftig erhöht. Das Brechen und der Verkauf lag bis dahin allein in den Händen der Bauern. Die Einkünfte aus dem Kalksteinverkauf allein reichten nun nicht mehr für den Lebensunterhalt. Gleichzeitig fehlte es ihnen an Kapital, um große Kalköfen mit allem, was dazu gehörte, errichten zu können. Wie auf so vielen anderen Gebieten war es für das Land wichtig, ein fertiges Produkt an Stelle des Rohstoffes auszuführen. Auf diese Weise konnte man mehr Geld verdienen. Nun konnte dieser neue, blühende Wirtschaftszweig von städtischen Händlern und nicht mehr von den Bauern betrieben werden. Handel und "Industrie" gehörten nämlich in die Stadt. Die Bauern hatten die Aufgabe, ihr Land zu bestellen und den Kalkproduzenten die Rohstoffe zu liefern.
Es gab mehrere Bürger, die bereit waren, das Kalkbrennen zu übernehmen. Sie verstanden, daß die Zukunft für das Kalkbrennen günstig aussah, sie waren unternehmerisch veranlagt und hatten das notwendige Kapital. Man brauchte große Mengen an Geld und Arbeitskräften, um einen Kalkofen zu errichten und zu betreiben. Es mußte ja nicht nur der Ofen gebaut werden, sondern auch Lagerräume für den Kalk, Hafenanlagen und Schiffe. Der eingewanderte Däne Marcus Schröder war einer dieser Unternehmer, und er wurde Gotlands erster großer Kalkpatron. Ein anderer war der Zollverwalter Gunnar Galbergh.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Konjunktur günstig für die Kalkwirtschaft. Um 1700 gab es etwas 30 Öfen auf Gotland. 1733 führten die Behörden eine Inventur durch, die zeigte, daß 36 größere Kalköfen und fast 40 kleinere, sogenannte Kalkmeiler betrieben wurden.
Die Inventur, oder die Untersuchung (wie sie eigentlich genannt wurde), resultierte in einer übersichtlichen Zusammenstellung, nicht nur der Anzahl der betriebenen Öfen und Meiler, sondern auch des Waldbestandes in der Nähe der Öfen. An mehreren Orten hatte man nämlich entdeckt, daß große Waldgebiete abgeholzt worden waren, um Brennholz für die Öfen zu liefern. Durch die Untersuchung bekamen die Behörden auch die Möglichkeit, eine effektivere Besteuerung durchzuführen, während die bereits etablierten Betreiber von Kalköfen faktisch ein Monopol auf ihre Tätigkeit erhielten.
Nicht jeder konnte einen Kalkofen bauen und betreiben. Dazu war eine königliche Genehmigung erforderlich. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts hob die Regierung dieses Privileg auf. Erst dann durfte jeder, auf dessen Land Kalkstein vorhanden war, einen Kalkofen anlegen, um für den Verkauf zu produzieren. Viele Landwirte widmeten sich von da an auch dem Kalkbrennen. Gleichzeitig verlagerte sich das Kalkbrennen mehr ins Landesinnere, in Kirchspiele wie Buttle, Etelhem, Guldrupe und Ala.
Im späten 19. Jahrhundert führten die Kalkunternehmer mehrere technische Neuerungen ein. Sie begannen, mit Kohle zu feuern und bauten die Öfen um, so daß sie effektiver wurden und das ganze Jahr über betrieben werden konnten. 1885 gab es etwa 200 Kalköfen, aber der Gipfel war damit erreicht. Die moderne Zementherstellung setzte sich durch und sollte im folgenden Jahrhundert noch weiter entwickelt werden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es noch eine kleine Renaissance in der Kalkwirtschaft, als bei Storugns eine moderne Anlage errichtet wurde. Die Nachfrage nach Kalk hat heute aber andere Gründe als früher.

Die Kalkpatrone

Die Kalkwirtschaft führte auch neue soziale Elemente in die gotländische Gesellschaft ein, vor allem im nördlichen Gotland. Es entstanden zwei neue Gesellschaftsklassen, die Kalkpatrone und die Kalkarbeiter. Die Unterschiede zwischen ihnen waren viel größer, als es jemals zwischen den Bauern und deren Bediensteten der Fall gewesen war.
Viele Kalkunternehmer hatten ihre Wurzeln in Visby, aber als es im Laufe der Zeit erlaubt wurde, sich in der Nähe ihres Kalkofens anzusiedeln, bauten sie sich oft dort auch ihre Häuser. Sie kauften Höfe und wurden somit auch zu Bauern, sie handelten mit Holzwaren und Getreide, sie bauten in eigenen Werften kleine Schiffe und wurden somit auch Reeder. Sie waren vom späten 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert Teil der gotländischen Gesellschaft : Mårten und Paul Fries, Niclas Enequist und Ferdinand Nyström in Slite, Georg Matthias und Jacob Niclas Donner in Klintehamn, Jacob Dubbe in Visby, Hans und C.P. Westöö bei Storugns, E.I. Grubb in Fårösund und F.A. Nyberg bei Pavalds in Lärbro.
Die Kalkpatrone führten ein herrschaftliches Leben. Sie wohnten in großen, aufwendig gebauten Steinhäusern, die man im Winter durch prasselnde Feuer und warme Kachelöfen erwärmte. Um Brennholz mußten sie sich nie Sorgen machen. Das gab es reichlich in den eigenen Wäldern und wurde von Knechten und Mägden im Wald eingebracht und dann zum Hof transportiert. Sie hatten immer genug zu Essen. Getreide, Fleisch und anderes zum Leben Wichtige produzierten sie auf ihren eigenen Höfen. Sie aßen von Tellern aus Porzellan mit Messer und Gabel, sie tranken rheinischen Wein aus grünschimmernden Pokalen und wurden von Mägden und einer Kaltmamsell bedient. Sie tranken Tee aus extra dafür hergestellten Service an mit Leinentüchern bedeckten Tischen aus edlem Holz.
Die Herren und ihre Ehefrauen saßen in Salons mit schweren Gardinen vor den Fenstern in Lehnstühlen und konversierten miteinander und mit Gästen von nah und fern. Eine übliche Freizeitbeschäftigung waren Kartenspiele. Ihre Häuser waren meist für ihre Gastfreundschaft bekannt, was manchmal von weniger guten Freunden ausgenutzt wurde. Sie betrachteten sich selbst in Spiegeln mit goldenen Rahmen. Und wenn sie nach einem langen Tag voller Planungen für die Zukunft und Korrespondenz mit Kunden und Geschäftsfreunden in fremden Ländern zu Bett gingen, krochen sie in Betten mit Matratzen, Kopfkissen und Daunendecken.
Aber sie interessierten sich dafür, was um sie herum vorging. Sie lasen Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften und lehrten sich das, was man von einer sozial hochstehenden Person erwarten durfte. Sie standen neuen Getreidesorten, neuen Werkzeugen und neuen landwirtschaftlichen Methoden offen gegenüber. Wenn sich neue Techniken in der Kalkwirtschaft ankündigten, dauerte es nie lange, bis sie auch nach Gotland kamen.
Natürlich nutzten sie ihre Angestellten auf eine heute kaum noch verständliche Weise aus, aber oft kümmerten sie sich auch um ihre Arbeiter. Die Kalkarbeiter, die Löscherinnen, die Knechte und Mägde konnten deshalb manchmal eine gewisse Sicherheit in ihrem Leben verspüren.

Die Kalkarbeiter

Die Angestellten der Kalkpatrone hatten eine harte, anstrengende und schlecht bezahlte Arbeit. Außerdem war es oft Saisonarbeit, so daß sie im Winter arbeitslos sein konnten. Trotzdem wurden von ihnen große berufliche Fertigkeiten erwartet.
Sie brachen die Steine von Hand an Klippen und Kalksteinfelsen mit Hilfe von Hacken, Brecheisen, Vorschlaghämmern, Bohrern, Keilen und Brechstangen. Als sie nach und nach begannen, Sprengstoff zu verwenden, wurden Sprengstoffunfälle immer gewöhnlicher. Die ganze Arbeit wurde mit der Hand erledigt.
Man brauchte ausführliche Kenntnisse, um einen Kalkofen zu bauen, zu warten und zu unterhalten. Das Aussehen des Ofens war wichtig, die Steine, die gebrannt werden sollten, mußten auf eine bestimmte Weise im Ofen aufgeschichtet werden und das Brennen mußte die ganze Zeit überwacht werden. Wenn die Aufmerksamkeit nachließ, konnte der ganze Prozeß schiefgehen und man mußte wieder von vorne anfangen.
Wenn die Steine fertiggebrannt waren, trugen die Arbeiter sie einen nach dem anderen heraus, während der Kalkstaub umherwirbelte, in die Nase und den Hals drang und die Schleimhäute verätzte. Das Löschen des Kalks mit Wasser war oft Frauenarbeit. Davon berichtet Carl von Linné:
"Der gebrannte Kalk wird dann in ein Gebäude am Strand gebracht, wo er gelöscht und umgerührt wird, wovon die Luft in dem Gebäude stärker als eine Mühle mit Mehlduft von umherfliegenden Kalkpartikeln gefüllt ist. Das legt sich auf die Lippen der Arbeiter, die davon Ausschlag bekommen und die Haut schädigen..."
Das Leben der Kalkarbeiter war weit von einem herrschaftlichen Leben entfernt. Es wurde vom Kampf ums Überleben geprägt und es bot sicherlich nicht viel Grund zur Freude. Es war schwer, genug Essen zu bekommen, besonders ein Mangel an Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln und Mehl machte sich oft bemerkbar.
Auch hinsichtlich ihrer Unterkünfte hatten die Kalkarbeiter kein glückliches Los gezogen. Manchmal wohnten sie bei ihren Arbeitgebern, aber im Laufe der Zeit wohnten die meisten in "eigenen Gebäuden", wie in alten Dokumenten zu lesen ist. Im 18. und 19. Jahrhundert entstand so vor allem im nördlichen Gotland ein neuer Gebäudetyp.
Die Hütten waren einfache Häuser aus Holz oder Stein, klein, eng und ungesund. Oft bestanden sie nur aus einem einzigen Raum, manchmal hatten sie vielleicht auch eine Küche dazu. Kleine Fenster ließen nur wenig Licht herein. Nur selten hatte man Gardinen vor den Fenstern. Das Zimmer war mit einem Tisch, einigen Hockern oder Stühlen, ein oder zwei an der Wand befestigten Betten, mit Strohsäcken, groben Laken, einem Kissen und einer Decke eingerichtet.
Die Küchenausstattung war genauso einfach. Dort gab es einen Topf und vielleicht eine Bratpfanne, einige Teller, Messer und Trinkgefäße. Es sollte lange dauern, bis alle Familienmitglieder einen eigenen Stuhl, einen eigenen Porzellanteller und ein eigenes Glas hatten. Manchmal gab es aber in einigen Häusern eine Bibel oder ein Psalmbuch - der Glaube war trotz aller Probleme stark.

Visbys Stadtmauer nach Slite

Früher war es üblich, daß Könige ihren Söhnen und anderen nahen Verwandten die Einnahmen einer Landschaft oder eines anderen Gebietes zuteilten. Diese Sitte berührte im 17. Jahrhundert auch Gotland.
In den Jahren von 1652-1654 sollte sich der Cousin Königin Christinas, der designierte Thronfolger Carl Gustav, um die Steuern, die Zölle und die anderen Abgaben der Gotländer kümmern. Er regierte und verwaltete die Insel nach eigenem Gutdünken, der Landshövding und die anderen Beamten waren ihm direkt unterstellt und mußten seinen Anordnungen Folge leisten.
Carl Gustav zeigte Interesse für Gotland. Er ritt auf der Insel umher, sprach mit den Bewohnern, er dachte zusammen mit dem Landshövding über verschiedene Verbesserungen nach und hielt in der Zwischenzeit die Behörden der Insel mit schriftlichen Instruktionen und Bekanntmachungen in Gang. Carl Gustav reformierte das Steuersystem der Insel und sorgte dafür, daß eine Inventur aller Einwohner und aller Höfe durchgeführt wurde. Dank Bestellungen großer Mengen Kalkstein für die Schlösser in Kalmar und Borgholm, trug er seinen Teil zum Durchbruch der Kalkwirtschaft auf Gotland bei. Dies führte zu einer Stärkung der gesamten Inselwirtschaft.
Der unternehmungslustige Thronfolger wollte Gotland noch einmal zum Mittelpunkt in der Ostsee machen und der Insel wieder die Stellung verschaffen, die sie im Mittelalter gehabt hatte. Er wollte dabei aber nicht auf das alte und verfallene Visby und dessen versandeten und ungeeigneten Hafen setzen. Zum Nachfolger Visbys wurde Slite bestimmt. Dort gab es einen ausgezeichneten Hafen und gute Möglichkeiten, eine Stadt mit modernen Verteidigungsanlagen zu errichten. Carl Gustav hatte sogar vor, die Stadtmauer, das "kostbare Mauerwerk", und die Einwohner Visbys dorthin überzusiedeln.
Ein erster Schritt dieses eher fantastischen Plans war es, eine Befestigung zum Schutz des Hafens von Slite zu errichten. Auf der Insel Enholmen im vorgelagerten kleinen Schärengarten konnte eine solche Befestigung mit ihren Kanonen beide Einfahrten beschützen. Die Arbeiten dafür begannen auch, aber nachdem die Regierung in Stockholm die Entscheidung getroffen hatte, daß die Befestigung vielleicht nicht so dringend benötigt wurde, wurden sie wieder eingestellt. Der Krieg auf dem Kontinent lief gut für Schweden und anderswo wurden Festungen dringender benötigt. Außerdem besaß das Land eine recht ansehnliche Hochseeflotte und der Bau einer Befestigung kostete viel Geld.
Nach einiger Zeit wurden alle Arbeiten an der "Carl Gustav Schanze" auf Enholmen abgebrochen. Die Militärs mußten sich bis auf weiteres mit einer kleinen Verschanzung auf einer Anhöhe über dem Hafen von Slite begnügen.
1654 hatte Königin Christina genug vom kalten, rauhen und beschränkten Schweden und wanderte nach Rom aus. Sie überließ Carl Gustav den Thron. Aber nur weil sie dem Thron entsagt hatte, wollte sie nicht auch das Leben einer Königin aufgeben. Um auch in Zukunft ein standesgemäßes Leben führen zu können, brauchte sie Geld.
Christina bekam die Genehmigung der Regierung, die Erträge von gewissen Teilen des schwedischen Reiches für sich in Anspruch zu nehmen. Gotland war eins dieser Gebiete.
Aber es dauerte nicht lange, bis die ersten Probleme entstanden. Zuletzt war die Königin alle Sorgen und Meinungsverschiedenheiten, wie sie rechtzeitig das dringend benötigte Geld bekommen konnte, müde. Um alle Probleme zu umgehen und trotzdem ihr Geld zu bekommen, verpachtete sie Gotland.

Jacob Mommas Gotlandgeschäft

Der erste Pächter war Jacob Momma. Er kam aus Holland und wurde wie so viele andere Einwanderer von der Entwicklung des schwedischen Reiches und dessen Engagement auf dem Kontinent nach Schweden gelockt. Das wachsende Interesse der schwedischen Regenten für Kultur, Politik, Wirtschaft, und Technik war ein weiterer Grund. Schweden war immer noch ein wenig entwickeltes Land, aber es bot große Möglichkeit, zumindest für die, die den richtigen Beruf beherrschten oder das notwendige Kapital hatten.
Im Laufe weniger Jahre baute Momma ein kleines Industrieimperium mit der Hütte von Färna im Västmanland als Zentrum auf. Zusammen mit seinem Bruder Abraham begann er, im lappländischen Svappavaara Erz abzubauen, er betätigte sich in der Reedereibranche, erwarb mehrere Güter und baute eine Handelsorganisation auf, um seine Erzeugnisse exportieren zu können.
Jacob Momma war erfolgreich und wurde schnell ein wohlhabender Mann. 1669 wurde er mit dem Namen Reenstierna geadelt.

Gotland wird verpachtet

1667 trat Momma seine Pacht auf Gotland an. Es ist nicht klar, welche Absichten er mit seinem "Gotlandgeschäft" hatte. Sah er es nur als einen Teil seiner gesamten unternehmerischen Tätigkeit an und wollte möglichst viel aus der Insel herauspressen? Oder hatte er größere Pläne - etwa Gotland wieder zu einem Zentrum der Ostsee zu machen?
Wie es sich nun damit auch verhielt, Momma kümmerte sich mit deutlichem Enthusiasmus um Gotland. Er interessierte sich für alles. Er engagierte sich in der Schafzucht, baute Mühlen, Sägewerke, förderte den Fischfang und die Kalkwirtschaft; er betrieb einen umfassenden Handel mit Fleisch, Wolle, Kalk und Holzprodukten; er importierte Salz, Eisen, Werkzeuge, Wein und Tabak.
Seine wichtigsten Tätigkeiten hatte er nach Slite verlegt, dem damals zukunftsträchtigsten Ort auf Gotland. Dort errichtete er ein Haus, eine Werft und große Lagerhäuser. Auf der Werft, die bei Länna nördlich des Hafens von Slite lag, baute Momma etwa ein Dutzend Fahrzeuge, von großen Schiffen bis zu kleinen Jachten. Einige Jahre lang brodelte der Ort vor Aktivität. Dort gab es Vorratshäuser, Schmieden, Baracken für die Arbeiter, Holzlager, Kräne und Winden. In den Hauptzeiten waren dort 70-75 Mann beschäftigt, sowohl Einheimische als auch holländische Experten.
Die ersten beiden Schiffe, die dort vom Stapel liefen, bekamen die Namen Gotlandia und Wisby. Die Gotlandia war eins der größten Schiffe in der gesamten schwedischen Handelsflotte und ersegelte viele Jahre lang gute Gewinne für ihre Besitzer. Das letzte große Schiff der Werft wurde 1674, nach großen personellen und wirtschaftlichen Problemen, zu Wasser gelassen.
Auch mit den Geschäftsleuten in Visby hatte Momma Probleme. Sie mochten es nicht, daß der Pächter der Insel Handel außerhalb der Stadt betrieb. Dieser Konflikt war ein Teil des Kampfes zwischen dem Wunsch nach wirtschaftlicher Freiheit des ländlichen Gotlands und den alten Privilegien Visbys, zwischen privatem Unternehmertum und der merkantilistischen Monopolpolitik. Zuletzt wurden die Beschwerden zu zahlreich, so daß die Regierung eine Untersuchungskommission einsetzen mußte. Nachdem sie sich einige Zeit lang mit den Problemen beschäftigt hatte, entschied sie, daß Momma keine Fehler begangen habe - und empfahl sogar, daß bei Slite eine Stadt angelegt werden sollte!
In der Mitte der 1670er Jahre krachte das Industrie- und Handelsimperium Momma Reenstiernas in den Fugen. Momma mußte auf Gotland sein gesamtes Eigentum zu verpfänden, und die dänische Eroberung 1676 besiegelte den Untergang. Zwei Jahre später starb Jacob Momma Reenstierna in bitterer Armut.

Dänisches Intermezzo

1675 griff Dänemark Schweden an, und in dem folgenden Krieg, dem Schonischen Krieg, ergriffen die Dänen die Gelegenheit und eroberten Gotland zurück. Im April 1676 landeten sie in Klintehamn, schlugen die Verteidiger und zogen nach Visby.
Die Bewohner der Stadt öffneten die Stadttore und nach kurzer Zeit gaben auch die Verteidiger auf Visborgs slott auf. In den drei folgenden Jahren versuchten die Dänen, die Ordnung, die vor 1645 gegolten hatte, wieder einzuführen. Sie führten das dänische Recht wieder ein und setzten wieder dänische Beamte zur Leitung und Verwaltung der Insel ein.
Von den Gotländern kamen keine lautstarken Proteste. Die Bürger Visby hingen wie üblich ihr Mäntelchen nach dem Wind und sorgten dafür, daß der dänische König Christian V. schnellstmöglich ihre traditionellen Privilegien bestätigte. Auch die Priester hatten keinen Grund zur Klage. Viele von ihnen waren in Dänemark ausgebildet worden und empfanden immer noch Sympathie für Dänemark. Unter den Bauern waren zwar viele den Schweden freundlich gesinnt, aber auch sie verhielten sich passiv.
1679 endete der Krieg. Laut dem Friedensvertrag waren die Dänen gezwungen, Gotland zu verlassen, was sie auch taten. Vor der Abfahrt im Oktober schafften sie es aber noch, ordentlich Rache zu nehmen. Sie sprengten Visborgs slott, eine der stärksten Festungen des Nordens, in die Luft.
"Im Jahre 1679, am 10. Juli, begann der Verfall von Visborgs slott. Und zwar zuerst bei der Schanze südlich des Schlosses, die der "Garten" genannt wurde",
berichtet ein Augenzeuge. Er fährt fort :
"Danach begannen sie, den oberen Teil des wertvollen Turms Blacken und einen Teil der Mauer einzureißen ... am 21. Juli barst Mynttornet ... am 10. September fiel der wertvolle Turm Blacken, gehoben von 22 Fässern Pulver ... am 17. September barst ein Stück des Saales und der Glockenturm..."
Das alte Symbol für unbeugsamen Widerstand, aber auch für politische und wirtschaftliche Unterdrückung, verschwand damit für immer. Niemand sollte das Schloß noch einmal aufbauen. Die Steine aus den mächtigen Mauern wurden zum Hausbau in Visby und Stockholm verwendet, ein Großteil wurde zu Kalk gebrannt.

Steuerkarten und Notjahre

Unter dem Eindruck der Ereignisse während der dänischen Okkupation beschlossen die schwedischen Behörden, die "Schwedisierung" Gotlands von nun an mit größerem Nachdruck zu betreiben. Das galt vor allem für die Priester und das Verwaltungspersonal.
1693 leiteten sie zudem eine neue Festlegung der Steuern auf der Insel ein. Die alte von 1650 reichte nicht mehr aus. Landvermesser zogen nun über die Insel und vermaßen jeden Hof. Sie zeichneten Karten über die Bebauung, die Äcker, die Wiesen, Koppeln, Moore, Wasserläufe, Mühlen, Sägen, Kalköfen und Wege jedes einzelnen Hofes. In den Beschreibungen der Karten notierten sie detailliert Größe und Ertrag der Äcker, Wiesen und Koppeln. Sogar die Namen der einzelnen Besitzer sind aufgeführt. Es finden sich Angaben zum Fischfang, der Nutzungsart der Äcker, wo die Höfe Algen und Tang zum Düngen bekamen und wem die einzelnen Teile gehörten. Alles mit dem Ziel, eine gerechte Besteuerung zu ermöglichen.
Die Steuerkarten mit ihren Beschreibungen geben ein außerordentlich wertvolles Bild Gotlands und der gotländischen Landschaft um das Jahr 1700 ab.
Ansonsten schloß das 17. Jahrhundert in Moll. In dessen letzten Jahrzehnt wurde Gotland von einer Reihe von schlechten Jahren mit kalten Wintern, Mißernten, Hungersnöten und Krankheiten heimgesucht. Viele starben an Hunger, der "Blutkrankheit", an den Pocken oder erfroren in den Schneeverwehungen.
Die Kirchenbücher sind voll von dramatischen Mitteilungen: "Die Ehefrau des Glöckners, Katrina Båtels Tochter, 30 Jahre alt, starb am Hunger und der Ruhr" kann man an einer Stelle lesen. In einem anderen Eintrag wird von drei Auswärtigen berichtet, "die krank und elend in der Gemeinde ankamen ... alle drei starben an der Hungersnot", in einem dritten wird kurz mitgeteilt: "Ein Bettlerjunge wurde unter dem Schnee gefunden, Alter etwa 10".
Als sich die Gotländer endlich langsam von diesen Mühen und Katastrophen erholt hatten, ließ neues Unglück nicht lange auf sich warten. Der Beginn der nächsten Jahrhunderts wurde genauso dramatisch.

Eine neue politische Situation

In den Jahren um 1700 befand sich Schweden mit mehreren seiner Nachbarn im Krieg. Die Siege Carls XII. weckten den Respekt ganz Europas. Aber die Erfolge des schwedischen Königs wurden bald von der Niederlage bei Poltava und der Kapitulation von Perevolotjna gefolgt, Ereignisse, die schnell die gesamte politische Lage im Norden veränderten. Der Frieden von Nystad 1721 beendete die Großmachtszeit Schwedens, und gleichzeitig entstand eine neue Großmacht an der Ostsee - Rußland.
Gotland wurde von einem Mittelpunkt des schwedischen Reiches zu einem Außenposten. Nach den mehr oder weniger halbherzigen Versuchen des 17. Jahrhunderts, die gotländische Verteidigung zu stärken, sahen sie schwedischen Behörden jetzt ein, daß kraftvolle Maßnahmen ergriffen werden mußten.
Landshövding Sparrfeld bekam 1710 den Auftrag, Gotland zu befestigen. In Visby machten Soldaten die Stadtmauer "verteidigungsklar", indem sie Öffnungen für die Kanonen in einige Türme brachen. Bei Vivesholm nördlich von Klintehamn ließ Sparrfeld eine Schanze errichten, die den Namen "Stahlhut" bekam. Am dringendsten war jedoch die Befestigung des besten Hafens auf Gotland - Slite, besonders jetzt, wo der Feind im Osten ungehindert die Ostsee befahren konnte. Der Landshövding nahm die alten Pläne einer Befestigung auf Enholmen wieder auf. Sie bekam den Namen "Carlsvärd".
Gleichzeitig aktualisierten Sparrfeld und sein Nachfolger Niels Posse die Idee, Slite zu einer Stadt auszubauen. Carl XII., der damals gerade in Bender festsaß, stand dem Vorschlag positiv gegenüber. In einem Brief, datiert vom 18. August 1712, antwortete er :
"... daß bei Slite alle Voraussetzungen sowohl vom Lande her als auch vom Hafen her vorhanden sind, um eine Stadt anzulegen... Darum haben Wir angesichts des daraus entstehenden Nutzens für das Land gnädig bewilligt, daß eine Stadt an diesem Ort anlegt werden dürfe. Unserer gnädiger Befehl geht an das Commerce Collegium, daß es alle erforderlichen Privilegien aufsetzen solle... Aber Wir halten für vollkommen unnötig, dies auf Kosten Visbys durchzuführen..."

Russische Plünderungen

Daß Gotland nun wirklich in Gefahr war, zeigte sich bald. 1715 landeten etwa hundert russische Soldaten bei Östergarn, plünderten mehrere Höfe und nahmen die Probst Nils Larsson Neogard und vier weitere Gotländer gefangen. "Als er sein Haus verließ, wurde Neogard zwischen den mordgierigen Russen hindurch geführt; und damit der alte Mann seine schlimme Lage auch deutlich sehe, mußte vor ihm ein Bauer gehen, dem man einen Spiegel auf den Rücken gebunden hatte...", berichtet ein Chronist. Nach fast zwei Jahren Gefangenschaft konnten Neogard und seine Mitgefangenen wieder nach Gotland zurückkehren.
1717 kam erneut eine russische Flotte nach Gotland. Sie steuerte zunächst den nördlichen Teil der Insel an, aber als die Kanonen von Carlsvärd zwei Schüsse abgefeuert hatten, segelten sie nach Östergarn weiter. Auf einem Hügel bei Östergarn entzündete die Strandwache ein Warnfeuer, das die Bevölkerung zur Verteidigung rief. Trotz dessen stiegen etwa tausend russische Soldaten an Land und brandschatzten in Östergarn, Gammelgarn, Kräklingbo, Anga und Norrlanda. Sie konfiszierten Vieh, Hausrat und eiserne Töpfe, zerschlugen Fenster und Türen und plünderten die Kirchen.
Die Situation war ernst. Der Landshövding konnte zuletzt eine Bauernschar sammeln, aber sobald die russischen Soldaten in Sichtweite kamen, ergriffen die Bauern die Flucht. Glücklicherweise zogen sich die Russen bald darauf zurück und verließen die Insel. Sie kamen noch ein paar Mal für weitere Verwüstungen wieder.
Ein Ergebnis dieser Ereignisse war, daß die Festung von Enholmen fertiggestellt wurde. Um 1750 war sie mit Wällen und Bastionen versehen, aber sie hatte von Anfang an viele Mängel. Weil die Festung viel Geld kostete und außerdem viel zu leicht in die Hände eines Gegners fallen konnte - sie war für die Schweden gefährlicher als für einen Feind -, gab Gustav III. schließlich den Befehl, sie dem Erdboden gleichzumachen. 1788 wurde dieser königliche Befehl ausgeführt und das mühevoll erbaute aber wenig stolze Carlsvärd demoliert - von schwedischen Soldaten.
Eine andere dramatische Folge der Kriege zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Pestepidemie, die zwischen 1710 und 1712 auf Gotland wütete. Die Pest kam wahrscheinlich mit Flüchtlingen aus den schwedischen Gebieten im Baltikum, die die Russen erobert hatten, auf die Insel.
Die Krankheit breitete sich schnell aus. Visby und einige ländliche Gegenden waren stark betroffen, andere Gegenden hatten gar keine Erkrankungen zu verzeichnen. Zu den am schlimmsten betroffenen gehörten Anga, Gothem, Slite, Stånga und Fröjel. Die Anzahl der Pesttoten war wahrscheinlich auf ganz Gotland etwa 1800, oder etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Rückständige Landwirtschaft

In dem Jahr, als der Krieg für Carl XII. endete (1718), wohnten etwa 18 000 Menschen auf Gotland. In den vergangenen zwanzig Jahren hatten sie mehr unter schlechten Ernten und Krankheiten gelitten als unter direkten Kriegshandlungen. Nur wenige Gotländer hatten an den Feldzügen in Rußland teilgenommen, und auch wenn die russischen Plünderungen um Östergarn den Betroffenen viel Leid verursachten, gab es dabei nur vereinzelt Tote oder Vermißte. Aber von den Seeleuten, die auf Gotland rekrutiert wurden, sind Unzählige an Krankheiten und im Kampf gestorben.
Etwa 90 Prozent der gotländischen Bevölkerung wohnte auf dem Land. Fast alle waren Bauern und lebten von dem, was die Landwirtschaft erbrachte. Darüber hinaus gab es nur wenige andere Berufsgruppen außerhalb der Stadtmauern: ein paar Kalkarbeiter, einige wenige Handwerker und die Priester in den unterschiedlichen Gemeinden, um die Wichtigsten zu nennen.
Die meisten Bauern bewirtschafteten ihre Höfe nur mit Hilfe ihrer Söhne und Töchter, aber um 1700 gab es auch 700 Knechte und 1000 Mägde auf Gotland. Allein der Probst Trogillides in Havdhem hatte zehn Bedienstete, die Brüder Fries in Othem hatten 13 Knechte und 21 Mägde auf ihren Höfen angestellt. Ansonsten waren zwei oder drei Dienstboten auf den größeren Höfen üblich.
In Visby waren Handel und Handwerk immer noch die wichtigsten Wirtschaftszweige, aber viele Städter versuchten, nach Möglichkeit Landwirtschaft zu betreiben oder wenigstens ein paar Schweine und eine Kuh zu haben. Von der Bevölkerungszahl her waren die Bürger der Stadt der Landwirtschaft betreibenden Bevölkerung klar unterlegen. Sie waren sicherlich auch stärker von den Bauern abhängig, als diese es von ihnen waren. Ohne Zufuhr von Lebensmitteln aus der näheren Umgebung, hätten die Bürger nur schwer ihren Lebensunterhalt sichern können. Die Versuche, die in dieser Zeit unternommen wurden, um "Industrie" auf Gotland anzusiedeln, wurden zudem immer außerhalb der Stadtmauern durchgeführt.
Die gotländischen Bauern betrieben noch im 18. Jahrhundert eine Landwirtschaft, die sich nicht sehr von der mittelalterlichen unterschied. Das galt aber nicht nur für Gotland, sondern für ganz Schweden. Die Dreifelderwirtschaft war üblich, Aussaaten im Frühjahr und Herbst und Brache wechselten sich ab. Linné fand zwar auf Fårö noch altertümliche Zweifelderwirtschaft, aber er beurteilte die gesamte Region (landskap) als ziemlich wohlhabend.
Die häufigsten Getreidesorten waren Roggen und Gerste, aber die Bauern bauten auch Weizen, Hafer, Erbsen, Linsen und Rüben an. Die Erträge waren gering, noch im Jahre 1800 war es üblich, daß ein Faß Saatgut nur drei Fässer Ernte erbrachte.
Die Äcker wurden mit altertümlichen Werkzeugen bestellt. Häufelpflüge, Eggen, Spaten und Dreschflegel waren aus Holz, aber im frühen 18. Jahrhundert begann man, sie mit Eisen zu beschlagen. Düngung wurde kam durchgeführt. Naturdünger wurde selten angewendet, aber wenigstens die Strandbauern fuhren Tang und Algen auf ihre Felder. Drainagen wurden nicht angelegt - ein übliches Argument gegen das Anlegen von Gräben war, daß die Äcker dann vertrocknen und unanwendbar werden.
Im Jahr 1700 gab es auf Gotland Ackerflächen von etwa 15 000 Hektar. Davon lag ein Drittel brach. Heute beträgt die gesamte Ackerfläche der Insel etwa 80000 Hektar. Eine gewisse Neuerschließung von Ackerland fand im 18. Jahrhundert statt, aber der Durchbruch erfolgte erst im späten 19. Jahrhundert.
Noch im 18. Jahrhundert waren die Äcker klein und unregelmäßig geformt. Oft lagen sie in unmittelbarer Nähe des Hofes auf leicht zu bestellenden Sand- und Kiesböden. Die unmodernen Werkzeuge und die fehlende Drainage machten es unmöglich, schwere Lehmböden zu bestellen.
Jeder Acker hatte einen Namen, der Andeutungen zu Lage und Qualität enthielt: Hemåker (Heimacker), Broåker (Brückenacker), Leråker (Lehmacker), Träskåker (Mooracker). Da das Vieh frei umher ging, waren die Äcker, Wiesen und Koppeln oft von Zäunen umgeben, die mehrere Dutzend Kilometer lang sein konnten.
Das Vieh war wichtig für die Selbstversorgung. Noch gab es keine Spezialisierung in der Landwirtschaft, sondern jeder Hof hatte "alles": Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Gänse und Enten. Kühe und Pferde waren klein und wenig leistungsfähig. Das Lebendgewicht einer Kuh lag bei 150 kg und der Milchertrag lag bei 500-700 kg im Jahr. Wie Schafe und Ziegen wurden sie oft in den Wald getrieben. Die Schafe mußten auch im Winter draußen bleiben.
"In nassen Jahren sind sie großen Gefahren ausgesetzt, und auch in harten Wintern nehmen sie großen Schaden, so daß sie zu Tausenden sterben",
berichtete ein Geschichtsschreiber im 18. Jahrhundert. Der gleiche Chronist schreibt auch, daß es auf Gotland zahme und wilde Pferde gäbe. Die zahmen Pferde wurden als Zug- und Reittiere verwendet. Und es gäbe eine Sorte, die folgende Eigenschaften hatte:
"süß, sehr klein und zwergenhaft, doch auf ihre Art sehr stark... Solche habe ich auf Gotland für vier Silbertaler gekauft, um Kinder ans Reiten zu gewöhnen. Allerdings frißt ein solches Pferd fast genausoviel wie ein normales..."
Die gotländische Landwirtschaft wurde auch durch mehrere Nebenerwerbszweige geprägt. Am wichtigsten waren der Fischfang und die Waldwirtschaft. Die Bauern waren mit vielen Dingen beschäftigt. Dagegen und gegen vieles andere in der gotländischen Landwirtschaft - Besitzaufsplitterung, unmoderne Werkzeuge, altertümliche Methoden und ein allgemeiner Konservatismus unter den Bauern - kam gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich scharfe Kritik auf. Die Kritik sollte im folgenden Jahrhundert Wirkung zeigen.

Kraftvolle Landshövdinge treiben an

Die gotländische Landwirtschaft hatte gute Voraussetzungen, mehr zu produzieren und dadurch ihre Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Die Bauern hatten kein großes Verständnis für die Notwendigkeit von Reformen. "... die Bauern hier machen, was sie wollen, schätzen weder Fjärdingsmänner noch andere Verwaltungsbeamte, denn sie sind nicht wie in Schweden an Leute gewöhnt...", schreibt Linné in seiner Reiseschilderung von Gotland.
Trotzdem gab es einige, die die Möglichkeiten erkannten und den Versuch unternahmen, den gotländischen Hauptwirtschaftszweig zu verbessern. Kraft ihres hohen Amtes waren die Landshövdinge am besten dafür geeignet. Und von ihnen gab es mehrere, die bedeutende Maßnahmen ergriffen oder es zumindest versuchten.
Einer von ihnen war Johan Didrik Grönhagen. Er wollte auf Gotland bessere Wege anlegen, um den Verkehr auf dem Land und die Verteidigung der Insel gegen eventuelle Feinde zu verbessern. Grönhagen wollte auch den gotländischen Wald schützen, denn er befürchtete, daß dieser komplett für die Kalkwirtschaft gerodet werden würde. Der Wald stellte ja einige der wichtigsten wirtschaftlichen Ressourcen für die Bauern zur Verfügung: Bauholz und Teer. Dorther bekam er auch das Holz, daß ihn im Winter wärmen sollte.
Für Grönhagen, der von 1728-1738 Landshövding war, war es nicht leicht, seine Ideen durchzusetzen. Sie scheiterten oft am Widerstand der Bauern. Und es wurde nicht besser dadurch, daß er nach Roma zog, wo er ein älteres Holzhaus einreißen ließ und dann am selben Platz ein stattliches Steinhaus errichten ließ. Die Steine dafür nahm er von den naheliegenden Klostergebäuden, und als er neue Wege zu seiner Residenz anlegte, benutzte er Schachtmasse voller Skeletteile aus dem alten Kloster. Die Bauern, die zum Bau der Wege verpflichtet wurden, protestierten lautstark.
Grönhagen ließ auch die Klosterkirche zu einem Stall umbauen -"der prächtigste Schafstall, den man in Schweden sehen kann", wie es Linné ausdrückte. Auch in Visby bewies Grönhagen sein völlig fehlendes Verständnis für kulturhistorische Schätze, als er die Bürger ermunterte, sich bessere und schönere Häuser zu bauen. Das Baumaterial sollten sie der Einfachheit halber aus der nächsten Kirchenruine holen, eine Mahnung, die nur zu gern befolgt wurde.
Auch Carl Otto von Segebaden, Landshövding zwischen 1765 und 1787, war ein eifriger Reformer. Er stand unter dem Eindruck von neuen Ideen, die vom Kontinent nach Schweden gekommen waren. Ein wichtiger Aspekt dieser Ideen war die Betonung der Landwirtschaft. Es waren die Bauern, die die Wirtschaft eines Landes produktiv hielt. Die Landwirtschaft war der einzige wertschöpfende Wirtschaftszweig, Handel und Industrie, die im Merkantilismus so einseitig betont wurden, waren nur Ergänzungen zur Landwirtschaft. Diejenigen, die diese Ideen vertraten, wurden Physiokraten genannt. Sie wollten größere Freiheit im Wirtschaftsleben erreichen, indem sie alle Reglementierungen abschaffen wollten und danach trachteten, die Landwirtschaft produktiver zu machen.
Genau wie der König, Gustav III., und viele andere führende Männer in Schweden war von Segebaden Physiokrat. Er propagierte die Trockenlegung von Mooren, den Anbau von neuen Feldfrüchten, wie der Kartoffel, das Benutzen von Ochsen als Zugtiere und das Verwenden von neuen Pflügen. Er versuchte, eine Landreform durchzuführen, indem er den Bauern nahelegte, ihre Besitzungen in größeren, zusammenhängenden Stücken zu sammeln. Der Landshövding ermahnte die Bauern auch, Getreidemagazine (Sockenmagasin) anzulegen, in denen Getreide für Notjahre gelagert werden konnte. Genau wie sein Vorgänger Grönhagen verbesserte er das Wegenetz, und in Visby ließ er ein Lazarett erbauen, das die Krankenversorgung auf der Insel erheblich verbesserte.
Es sollte noch bis zum nächsten Jahrhundert dauern, bis die gotländischen Bauern den Wert dieser Vorschläge einsahen. Dann kamen die Veränderungen fast wie eine Revolution. An der Spitze stand ein Zusammenschluß von sozial hochstehenden Mitgliedern der gotländischen Gesellschaft. Diese Vereinigung wurde 1791 gegründet und bekam den Namen Gotlands Ekonomiska Sällskap (Wirtschaftsverband Gotland). Kurz nach der Jahrhundertwende 1800 änderte sie ihren Namen in Gotlands Läns Hushållningssällskap (etwa: Landwirtschaftskammer für Gotlands län).

Mit "God Avance" Handel treiben

Wegen seiner Insellage hat sich Gotland niemals wirtschaftlich isolieren können. Der Handel mit den Ostseeländern ist immer ein wichtiger Teil des Lebens der Inselbewohner gewesen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der gotländische Handel aber nur noch ein Bruchteil dessen, was er früher einmal gewesen war.
Die Waren, die Gotland früher verkaufen konnte, kamen fast alle aus der Landwirtschaft und einigen Nebenerwerbszweigen: Holzwaren, Teer, Kalk, Kalkstein, Sandstein, Wolle, Friesen, Leder, Häuten, Tran, Fleisch und das eine oder andere lebende Tier, vor allem Pferde. Das wichtigste Importgut war Salz, andere wichtige Einfuhrgüter waren Eisenwaren, Früchte, Gewürze, Tabak, Tabakspfeifen, Baumwolle, Dachziegel, Fensterglas, gesalzener bzw. getrockneter Fisch, Bier und Wein.
Die Frachten für die Insel kamen überwiegend auf dänischen oder deutschen Schiffen - zu oder von dänischen und deutschen Häfen. Im Laufe des Jahrhunderts änderte sich dieses Verhältnis. Die Zeiten wurden besser, und immer mehr gotländische Kaufleute konnten sich eigene Schiffe kaufen, um ihre Waren zu transportieren. Die Reederei wurde immer wichtiger, und einige Reeder und Unternehmer konnten große Unternehmen aufbauen. Der Staat half zudem durch Gesetze und Verordnungen, unter anderem durch das sogenannte Produktplakat, das es ausländischen Fahrzeugen untersagte, bestimmte Warentransporte nach Schweden und von Schweden aus zu unternehmen.
Einer der Ersten, der die wachsende Konjunktur auszunutzen wußte, war der deutsche Händler Jürgen Hindrich Donner. Durch seine Kontakte nach Visby hatte er Anna Margareta Lythberg, die Tochter des Kaufmanns Matias Lythberg, kennengelernt. Sie heirateten, zogen nach Visby und kauften ein Haus nahe des Hafens. Dort eröffnete Jürgen Hindrich eine Kaufhalle mit einigen Manufakturen, aber recht schnell handelte er auch mit Getreide, Holzwaren, Teer und Kalk. Er gründete eine eigene Schiffswerft und kaufte Anteile an einer Tabaksfabrik.
Donner konnte seine Tätigkeit nicht fortsetzen. Er starb im Alter von nur 33 Jahren und hinterließ seine 25 Jahre alte Ehefrau und zwei Söhne, Georg Matias und Jacob Niclas.
Margareta Donner kam ganz nach ihrem Mann. Sie zeigte sich bald als sehr fähige Geschäftsfrau und es gelang ihr, das Unternehmen schnell zu entwickeln. Sie wurde auf Gotland und in fremden Ländern von ihren Handelspartnern und von ihren Konkurrenten respektiert. Die Korrespondenz und Buchführung des Unternehmens führte sie eigenhändig. In Follingbo startete sie eine Tabakplantage, sie gründete eine Tabakfabrik, eine Seifensiederei und bekam allmählich den Ehrennamen "Madame Herr Donner".
Nach Margaretas Tod übernahmen die Söhne das Unternehmen, das sie weiter vergrößerten. Sie bauten stattliche Häuser bei Hallfreda im Kirchspiel Follingbo und in Klintebys im Kirchspiel Klinte und eröffneten Handelsfilialen in Ljugarn, Burgsvik, Klintehamn, und Ronehamn. Zu seinen besten Zeiten umfaßte das "Handelshaus Donner" Landwirtschaft, Kalköfen, Werften, Segelfabriken, Tabaksfabriken, Kattundruckereien für Textildruck, Seifensiedereien und Mühlen.
Am wichtigsten war vielleicht der Einfluß der Gebrüder Donner auf die gotländische Reedereiwirtschaft. Durch Aufkäufe und Neubauten bestand ihre Flotte aus bis zu 59 Fahrzeugen. Das Unternehmen war zu diesem Zeitpunkt das drittgrößte Handelshaus Schwedens.
Die Gebrüder Donner starben 1808 bzw. 1809. Damals wurden die Zeiten wieder schlechter. Schweden befand sich wieder mit Rußland im Krieg, und auf dem Kontinent beherrschte Napoleon nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung. Das Handelshaus Donner führte seine Tätigkeit noch fort, aber in immer geringerem Umfang. 1845 ging das Unternehmen in Konkurs.

Ein technisches Genie?

Auch wenn es in der Landwirtschaft nur langsam vorwärts ging, konnten auf Gotland im 18. Jahrhundert in anderen Wirtschaftszweigen Erfolge erzielt werden. Dazu gehörten die Seefahrt und die Kalkwirtschaft. Im 17. Jahrhundert hatte der Händler Neuman einige industrielle Versuche unternommen. Nun tauchte ein neuer vielseitiger Mann auf Gotland auf.
Er hieß Tobias Lang, war in Ungarn von deutschen Eltern geboren worden, und war ausgebildeter Kattundrucker. In diesem Beruf beschäftigte man sich mit dem Bedrucken von Stoffen mit Hilfe eines Musters, das man in eine Holzplatte geschnitzt hatte.
Lang kam durch einen Zufall nach Gotland, und nachdem er einige Zeit bei einer Firma in Visby angestellt war, ließ er sich südlich von Visby in Kopparsvik nieder. Unter seiner Leitung entstand dort ein kleines Industriegebiet mit Mühlen, die Lampenöl aus Leinen- und Hanfsamen preßten, Tierknochen zu Dünger und Getreide zu Mehl mahlten. Dort gab es auch eine Walze, die Wollstoffe zu kräftigem Fries stampfte.
Der Techniker Lang soll auch der erste gewesen sein, der auf Gotland ein Dreschwerk baute. Eine andere seiner Erfindungen war ein Apparat zum Töten von Seehunden. In einem Schreiben an die Landwirtschaftskammer von 1820 berichtet Lang über den Hintergrund seiner Erfindung:
"Der Schaden, den der Seehund unseren Fischern zufügt, ist unbeschreiblich; er verzehrt mehr Fisch als alle Bewohner der Insel zusammen. Ein einziger führt sich als 80 Heringe pro Mahlzeit zu Gemüte und jeden dritten Tage fordert er eine gleiche Portion auf's Neue. Unsere Seehunde vor Visby sind so geübt, daß sie den Fischerbooten zu den Fanggründen folgen und den Herings- und Dorschfang abwarten, wovon sie alles verzehren und den Fischern nur die Köpfe überlassen..."

Carl von Linné auf Gotland

Im Frühsommer 1741 kam der knapp 30jährige Naturforscher und frisch ernannte Professor Carl Linnaeus nach Gotland. In seiner Begleitung waren sechs andere junge Wissenschaftler. Linnaeus hatte vom schwedischen Reichstag den Auftrag bekommen, nach Gotland zu reisen und dort zu untersuchen, ob es in der gotländischen Natur etwas gab, aus dem man Nutzen ziehen konnte - Pflanzen zum Färben, Heilpflanzen, Ton oder andere Pflanzen und Mineralien. Teil des Auftrages war auch ein genaues Studium der Natur auf der Insel - sowohl der Flora als auch der Fauna.
Darüber hinaus interessierte sich Linnaeus - er wurde später mit dem Namen von Linné geadelt - für vieles Andere. In seinem Reisebericht, der einige Jahre nach der Reise unter dem Namen "Öländische und Gotländische Reise" herauskam, beschreibt er die gotländische Landwirtschaft, den Fischfang, die Kalkwirtschaft und die Seehundjagd. Er berichtet von Algen, Grassamen, Gotlandsrüben, Eiderdaunen, Orchideen, Fossilien, Raukar, Höfen, Wiesen, Wegen und dem gotländischen Dialekt. Er erstattet Bericht über traditionelle Medizin, Aberglauben, Bauernfeste, über die Menschen, die er getroffen hat und nicht zuletzt über die Priester, bei denen er auf seinem knapp einen Monat langem Ritt über die Insel gewohnt hat.
Linnaeus war von Visby beeindruckt. "Die Stadt scheint uns ein Modell Roms zu sein", schreibt er. Er schildert die Kirchenruinen, die engen Gassen, die Stadtmauer und die "deutschen" Häuser, all das, was hundert Jahre später die ersten Touristen nach Gotland lockte.
Auch über die Bewohner der Stadt legte er ein wohlwollendes Zeugnis ab: "Die Einwohner waren freundlich, lebendig und menschlich. Ihre Sprache wich etwas vom gewöhnlichen Schwedisch ab, denn sie hatten einen fast norwegischen Akzent".
Auch wenn der neugierige Naturforscher nicht besonders viele nützliche Dinge auf Gotland fand - der ausgezeichnete Grassamen, der Strandhafer, der den Flugsand binden konnte und die Gotlandsrübe, die das Liebesleben stimulierte, waren unter den Dingen, die er hervorhob - war der Besuch auf Gotland für Linnaeus und seine Begleitung wertvoll und interessant.
Das dem Anschein nach einzige negative Erlebnis hatten sie auf der Rückfahrt zum Festland. Sein Tagebuch berichtet:
"25. Juli. Morgens um halb sechs gingen wir an Bord. Unter Lebensgefahr kamen wir aus dem Hafen in die aufgewühlte See. Die Freunde und Visby verschwanden. Die Karlsinseln tauchten auf. Der Nordwind begann zu pfeifen. Die Wellen rasten. Das Schiff wurde zwischen den brausenden Wogen umhergeworfen. Gotland verschwand. Die Kameraden wurden seekrank. Die Takelage begann zu reißen. Verzweiflung erfüllte unsere Herzen und wir befahlen unser Schicksal in Gottes Hände..."

Bodisco, Betty Pettersson und Per Arvid Säve

Für Gotland begann das 19. Jahrhundert dramatisch. Die Konflikte auf dem europäischen Kontinent erreichten Gotland, als russisches Militär unter Admiral Bodisco Gotland einnahm, eine Operation, die in den Augen der Nachwelt eher einer Operette glich. Eine Serie mehr oder weniger zufälliger Ereignisse führte dazu, daß sich die Russen schon nach drei Wochen unblutiger - und für die Gotländer wenig ehrenvoller - Okkupation wieder zurückzogen.
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege begann in Schweden eine vollkommen neue Zeit, eine Zeit des Friedens und der Entwicklung. Auch wenn Gotland zur Jahrhundertmitte im Zentrum neuer politischer Verwicklungen stand, wurde die Insel keinen ernsthaften Bedrohungen mehr ausgesetzt.

Bevölkerungsanstieg

Ganz Gotland veränderte sich. Sogar die Landschaft veränderte ihr Aussehen. Die gotländischen Bauern legten Moore trocken, legten neue Äcker an und rodeten Wald. Die Äcker wurden größer, neue Feldfrüchte und neue Werkzeuge wurden verwendet. Die Flurbereinigung erleichterte die Reformen, brach aber gleichzeitig die alte Gemeinschaft auf, indem sie Höfe auseinanderriß und neue, geradlinige Grenzen in der Natur der Insel schuf. Der Anteil der Bauern an der Bevölkerung Gotlands sank von etwa 80 Prozent im Jahre 1800 auf etwa 65 Prozent hundert Jahre später. Aus den vielseitig beschäftigen gotländischen Bauern wurden nun rationelle Landwirte.
Der größte Teil der gotländischen Bevölkerung führte nun ein besseres Leben. Die Bevölkerung wuchs in diesem Jahrhundert von etwa 31 000 im Jahre 1800 auf knapp 53 000 Hundert Jahre später. Visby verdoppelte in diesem Zeitraum fast seine Einwohnerschaft, von 4 500 auf 8 400. Eine freiwillige Geburtenkontrolle unter den Hofbesitzern trug dazu bei, die Bevölkerungszunahme in vernünftigen Grenzen zu halten. Um eine weitere Aufsplitterung der Höfe zu vermeiden, waren ein Sohn und eine Tochter das Ideal vieler Bauernfamilien. Der Sohn übernahm den Hof und die Tochter wurde auf einem anderen Hof verheiratet. Gab es zwei Söhne, wurde der andere "Student" und zog fort.
Das Bevölkerungswachstum geschah trotz umfangreicher Emigration in den letzten Jahrzehnten - zwischen 1860 und 1900 wanderten etwa 10 000 Gotländer in fremde Länder aus. Zu den am härtesten betroffenen Kirchspielen gehörten: När, Burs, Gerum und Träkumla, wo zwischen 25 und 28 Prozent der Bevölkerung in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auswanderten. Aus Ekeby, Lokrume, Björke und Gothem verschwanden nur vier bis fünf Prozent der Bevölkerung.
Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Fortschritts, aber es kam auch zu Rückschlägen. Für Gotland kam ein solcher in den 1880er Jahren. Mehrere etablierte Firmen gingen zu Grunde, auf dem Land gingen zwischen 1881 und 1885 91 Landwirte und 11 Händler in Konkurs. Und in Visby war es nicht viel besser:
"Zerlumpte Kinder liefen vor den Türen im Kreis, um ein paar Essensreste für ihre Körbe zu bekommen. Die Wohnverhältnisse der Arbeiter waren elend, u.a. lebten einige Familien zusammengedrängt in dem Turm "Kajsarn" an der östlichen Stadtmauer. Ein Spaziergang auf der zentralen S:t Hansgatan mit Artilleriekasernen, dem Armenhaus, dem Gefängnis und den ständig überfüllten Bierstuben und Gastwirtschaften, war nach Einbruch der Dunkelheit nicht ratsam..."

Gesundheitswesen und soziale Fürsorge

Das Gesundheitswesen wurde ausgebaut. Hebammen, Provinzialärzte, Apotheken und die immer besseren Pflegemöglichkeiten des Lazaretts von Visby trugen dazu bei, daß die durchschnittliche Lebenserwartung der Gotländer stieg - 1875 waren es 45 Jahre - und die Kindersterblichkeit sank.
Das Lazarett lag an Norra Kyrkogatan in Visby und war zumindest zu Beginn keine Einrichtung, die dazu beitrug, die Menschen gesünder zu machen. Tatsache ist, daß im frühen 19. Jahrhundert mehr Menschen im Lazarett als außerhalb an der gleichen Krankheit starben. Krankheiten, die heute nicht mehr besonders ernst wirken, verliefen damals oft tödlich. So starben etwa 1883 elf Gotländer an Diphtherie, einer an der "Drosselkrankheit" (Stimmbänderdiphtherie), sechzehn an "Nervenfieber" (Typhus), zwölf an Diarrhöe und anderen Darmkrankheiten, zwanzig an Scharlach und zehn an Masern. Erst gegen Ende des Jahrhunderts, als die Ärzte gelernt hatten, sich zwischen den Operationen die Hände zu waschen, sank die Zahl der Toten.
Das Lazarett hatte in den 1870er Jahren mit 27 viel zu wenig Betten. Es hatte Probleme mit Frisch- und Abwasser. Erst 1903 wurde die Gebäudefrage gelöst, als direkt nördlich der Stadt ein neues Lazarett für das gesamte Län für genau 441 356 Kronen und 44 Öre gebaut wurde.
Auch die soziale Fürsorge wurde besser, genauso wie die Behandlung von Verbrechern. Traditionell hatten sich die Kirche und das Kirchspiel um Alte und Arme, die sich nicht selbst versorgen konnten, gekümmert. Die Armen durften üblicherweise in einer bestimmten Reihenfolge von Hof zu Hof gehen, um dort etwas zu Essen zu bekommen.
Die im 19. Jahrhundert stark wachsende Bevölkerung stellte neue Anforderungen an die Gesellschaft. Die "kleinen Leute" ohne eigenen Hof und eigenes Land wurden immer zahlreicher und sie hatten es immer schwerer, genug Nahrung zu bekommen. In vielen Kirchspielen gab es Armenhäuser. Darin wurden Menschen unterschiedlicher Kategorien unter oftmals miserablen Bedingungen untergebracht. Dort wohnten Alte, Kranke, Invaliden und Geisteskranke in einer sehr unglücklichen Mischung. Durch eine Verordnung von 1847 versuchte die Regierung, die Zustände zu verbessern, aber es dauerte noch lange, bis die Armenpflege menschlicher wurde. Die meisten Sachverständigen waren sich darüber einig, daß der Gotländer freundlich und friedlich war. Zwar war er bekannt dafür, gerne vor Gericht zu ziehen, aber schwere Verbrechen waren selten. Diebstähle waren am häufigsten, aber manchmal kam es auch zu Mord und Totschlag. Zwischen 1871 und 1875 wurden drei Personen auf Grund solcher Verbrechen festgenommen. Gleichzeitig wurden 12 Frauen wegen Kindsmordes festgenommen.
Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts brachten die gotländischen Behörden Gefangene in einem Turm in der Stadtmauer unter, und zwar in "Kajsarn". 1859 wurde ein neues Gefängnis direkt am Hafen gebaut. Im Geist der Zeit bekam es ein mittelalterliches Aussehen, aber innen war es nach modernen Prinzipien gebaut. Die Gefangenen sollten nun voneinander isoliert in eigenen, geräumigen Zellen untergebracht werden. Dort sollten sie in Einsamkeit sitzen und über ihre Sünden nachdenken.
Noch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurden Verbrecher für einige Taten zum Tode verurteilt. Die Hinrichtungen waren fast immer öffentlich, damit alle sahen, was passieren konnte, wenn man etwas Verbotenes tat - "anderen zur Warnung". Oft handelte es sich dabei um blutige Schauspiele.
In ausführlichen Referaten schilderten die Zeitungen die Hinrichtung des Mörders K.P.L. Tektor auf dem Anhöhe von Stenkumla am 18. Mai 1876:
"...der Scharfrichter Steinick ergriff dann das Beil, und nachdem Tektors Stellung etwas verändert wurde, erhob er das Beil... Das Beil fiel, der Tod scheint sofort eingetreten zu sein, aber der Hieb war - schief. Noch einer mußte ausgeführt werden; dieser traf besser, aber bis der Kopf endgültig vom Rumpf getrennt war, mußte noch ein dritter Schlag ausgeführt werden..."

Gotland wird kleiner

Neue und bessere Verbindungen sowohl mit dem Festland als auch auf der Insel verkürzten die Abstände und erleichterten die Verbreitung von Neuigkeiten. 1842 wurde die Schulpflicht im ganzen Land eingeführt. Die Lesefertigkeit nahm zu, 1811 kam die erste Lokalzeitung auf Gotland heraus - Wisby Tidning. Im Laufe des Jahrhunderts sollten Wisby Weckoblad, Gotlands Läns Tidning und Gotlands-Posten folgen. 1872 kam die erste Auflage von Gotlands Allehanda heraus und zwölf Jahre später auch von Gotlänningen. Die dritte der heute noch existierenden Zeitungen, Gotlands Folkblad, kam 1928 das erste Mal heraus.
Dampfschiffe machten Festlandsreisen für immer mehr Menschen möglich, im Sommer 1897 verkehrten zum Beispiel elf Dampfschiffe pro Woche zwischen Stockholm und Visby, zwei zwischen Kalmar und Visby, eins zwischen Norrköping und Visby und eins zwischen Visby und Stettin. Auch die Sicherheit auf See wurde besser. Es gab mehr Lotsen in den Häfen, und Leuchttürme leiteten die Seefahrer an der gefährlichen gotländischen Küste vorbei. 1817-18 wurde auf Östergarn ein erstes Leuchtfeuer mit einem Steinkohlefeuer errichtet, in den 1840er Jahren kamen Leuchttürme auf Hoburgen und Fårö hinzu, 1859 war Sandön dran. 1860 wurden Seenotrettungsstationen bei Ekeviken auf Fårö und auf Faludden, später auch in Visby eingerichtet. Die Anzahl der Schiffsunglücke zeigte ihre Notwendigkeit. Allein von 1870-75 strandeten 126 Schiffe an Gotlands Küste.
Der Telegraph schuf direkten Kontakt mit dem Rest des Landes, und unter großem Lärm begannen Lokomotiven, Züge durch die gotländische Landschaft zu ziehen. In den 1890er Jahren wurden die Velozipedfahrer ein Problem für die Behörden Visbys. Der Stadtrat sah sich gezwungen, strenge Regeln für das Rad fahren innerhalb der Stadt zu erlassen. Alle "gumphjuliga trilljaner" (etwa: steißrädrige Verrückte) die die Straßen der Stadt lebensgefährlich machten, mußten mit hohen Bußgeldern rechnen. Gleichzeitig machten viele Zeitungen auf dem Festland Werbung für Gotland als ein Paradies für Radfahrer. Im Sommer 1895 konnte Gotlänningen nicht ohne Stolz melden, daß zwei junge Damen aus Stockholm nach Gotland gekommen waren, um die Insel mit dem Rad zu umrunden:
"Vorgestern radelten sie durch Badhusparken und pfiffen dabei, um die Wahrheit zu sagen, richtig schön. Die munteren Mädchen sind Lehrerinnen aus Stockholm. Sie reisen ohne Schürze, was uns Gotländern schmeicheln sollte. Denn das beweist, daß sie großes Vertrauen in die Ritterlichkeit der Gotländer haben..."
In Visby und Roma erhoben sich neue Symbole der Entwicklung - Fabrikschornsteine. Neue Arbeitsplätze wurden durch den Ausbau der Steinbrüche im nördlichen Gotland, neue Urbarmachungen und größere Wirtschaftsfreiheit geschaffen.

Die Stellung der Frauen wird stärker

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft wurde immer wichtiger. Sie bekam das Recht, sich mit Handel und Handwerk zu beschäftigen - in den 1870er Jahren gab es zum Beispiel zwei Bäcker, zwei Zuckerbäcker, einen Brauer und sieben Händler "weiblichen Geschlechts" in Visby - sie bekamen das gleiche Erbrecht wie Männer und wurde zu mehr Ausbildungsgängen und Berufen zugelassen.
Eine der Pioniere war eine Frau aus Visby, Betty Pettersson, die erste Studentin Schwedens. Laut einer Zeitung eröffnete diese Jungfrau von der Perle der Ostsee eine neue Ära für die schwedische Frau. Gleichzeitig drückte der Reporter auch einige Befürchtungen aus:
"Sollen wir, oder vielmehr unsere Nachkommen in hundert Jahren, Frauen auf akademischen Lehrstühlen sehen, die das Gesetz oder die Propheten interpretieren ... oder die im Anatomiesaal an einem prächtigen, "frischen" Subjekt demonstrieren? Auf der Post, im Telegraphenamt, in der Bank wimmelt es von beschürzten Angestellten und die Frau tritt als Bewerber für die Arbeit eines "Nachtwächters" dem Himmel und als Totengräber der kalten Erde nahe..." Und schlimmer noch: "Gott weiß, daß es heute nicht mehr ruhig in der Kammer ist, vor allem der Zweiten, aber es wird noch schlimmer, wenn wir weibliche Reichstagsabgeordnete bekommen, alte Vetteln, nicht nur in körperlicher, sondern auch in wirklicher Bedeutung..."

Per Arvid Säve - Sammler und Erzähler

Viele Gotländer begannen, dem Geist der Zeit folgend, sich für die Geschichte und Kultur der Insel zu interessieren. Unter ihnen hinterließ nicht zuletzt Per Arvid Säve einen bleibenden Eindruck durch seine umfassende schriftliche Produktion und das Gründen eines Museums - Gotlands Fornsal.
Säve war eine der führenden Kulturpersönlichkeiten auf Gotland im 19. Jahrhundert und zugleich der große Bewahrer der gotländischen Volkskultur. Er sammelte nicht nur Gegenstände, "Alte Sachen", und Altertümer, sondern auch Erzählungen, Märchen, Volkslieder, Spiele, Musik, Geschichte, Ortsnamen und vieles Andere, das für das Verständnis des alten Gotlands wichtig ist.

Kommunalreform, Touristen und Nachtleben

In den 1860er Jahren verschwand nicht nur der Ständereichstag zu Gunsten eines moderneren Zweikammerreichstages, sondern auch die uralte Versammlung des Kirchspiels ("sockenstämma") mit dem obligatorischen und dominanten Vorsitzenden, dem Pfarrer. Alle 92 Kirchspiele Gotlands wurden Gemeinden, und die gemeinsamen Angelegenheiten wurden im folgenden von einer Kommunalversammlung geregelt, die wiederum einen Kommunalausschuß als ausführendes Organ wählte. In Visby wurde ein Stadtrat gewählt, der die notwendigen Beschlüsse faßte. Eine Finanzkammer und verschiedene Ausschüsse sorgten dafür, daß die Beschlüsse auch durchgeführt wurden. Für die ganze Provinz (Län) Gotland wurde ein Landesthing eingerichtet, der vor allem für das gemeinsame Gesundheitswesen zuständig war. Das kommunale Wahlrecht war auf dem Land in verschiedenen Klassen organisiert, die nach der sogenannten Fyrkzahl eingeteilt wurden. Sie basierte wiederum auf Einkommen und Vermögen. Je reicher man war, desto mehr Stimmen hatte man. In den 1890er Jahren durfte Gotland zwei vom Landesthing gewählte Vertreter in die erste Kammer des Reichstages und drei - zwei vom Land und einer aus der Stadt - in die Zweite Kammer senden.
Wie andere Schweden auch, schlossen sich die Gotländer in Volksbewegungen zusammen. Ihre unterschiedlichen Versammlungsräume wurden zu Übungsräumen der schwedischen Demokratie. Die Bewohner Visbys lernten immer mehr Festländer kennen - Verfasser, Künstler und "Badegäste".
Die Schiffe von Gotlandsbolaget machten es einfacher, nach Visby zu kommen, und die Bewohner der Stadt bekamen eine neue Einnahmequelle. Reisende Festländer hatten oft darüber geklagt, daß es hier schwer gewesen wäre, ein Zimmer für die Nacht zu bekommen, besonders da Visby gästgiverigård nach der Auffassung Vieler der schlechteste Gasthof im christlichen Abendland war. Andere waren der Ansicht, daß man etwas für die vernachlässigten Ruinen voller Müll tun müßte. Und mit der Sauberkeit war es auch nicht weit her:
"Ochsen, Kühe, Schafe, Truthähne, Hühner, Gänse u.v.m. wandern ohne Aufsicht fast das ganze Jahr auf den Straßen und Plätzen frei herum..."
Und doch kamen die ersten Touristen, angelockt von den guten Bademöglichkeiten und den trotz allem romantischen Ruinen. 1856 wurde das erste Hotel in Visby, Hotell Gotland, eingeweiht, und etwa zur gleichen Zeit errichtete Konsul Enequist ein sehr beliebtes Badehaus am Hafen. In der Nähe gab es auch ein Restaurant und einen schönen Park. Laut Reklame hatte diese Einrichtung viele Vorteile:
"die freie, gesunde Lage der Stadt Wisby, die reine Seeluft, das am wenigsten aufgewühlte Meerwasser in der nördlichen Ostsee, die leichten und billigen Verbindungen mit Stockholm und Calmar, sollten dem Interessierten die Sicherheit geben, einen angenehmen und gesunden Ferienort gewählt zu haben..."
1896 wurde der Tourismus mit der Gründung von Gotlands Turistförening besser organisiert.
Veränderte Lebensbedingungen für die Gotländer bildeten die Grundlage für eine Art Nachtleben. Auf dem Land versammelten sich die Jugendlichen in sogenannten "Spielstuben", die zur Verzweiflung vieler Priester oft richtige Sündennester mit Kartenspiel, Tanz und Alkohol wurden. Weniger wild waren die häufigen Ausfahrten mit laubgeschmückten Leiterwagen an einen schönen Strand, oder als die Zeit dafür gekommen war mit Vergnügungszügen nach Etelhem oder Hemse.
In Visby ging die feine Gesellschaft auf Bälle, Feste im Park des Badehauses oder zur Unterhaltung in den Oscars-Saal auf Mellangatan. Manchmal gab es Amateure aus dem Kreis der Bürger, die dort mit Singspielen, Deklamationen und Schauspielen auftraten, manchmal auswärtige Theatergruppen, Zauberkünstler, Zirkusse, Musiker und Sänger.

Gotland in der Gefahrenzone

Als Napoleon in Europa am mächtigsten war, war Gustav IV. Adolf schwedischer König. Er verabscheute das revolutionäre Frankreich und den Emporkömmling, der sich selbst auf den französischen Thron gesetzt hatte. Für den schwedischen Regenten personifizierte Napoleon das Chaos und die Gottlosigkeit seiner Zeit.
Vielleicht war es der Haß auf Napoleon, der den König dazu bewegte, im Jahre 1806 der ältesten christlichen Wohltätigkeitsorganisation, dem Johanniterorden, Gotland als Lehen anzubieten. 1530 hatte der Orden die Insel Malta von Kaiser Karl V. erhalten und war viele Jahre lang ein wichtiger Machtfaktor im Mittelmeer gewesen. 1798 verjagte Napoleon sie aber von der Insel und machte sie obdachlos. Zwei Jahre später eroberten die Engländer Malta.
In einem Brief mit dem gleichen Wortlaut wie der Karls V. bot Gustav IV. Adolf nun den Johannitern ein anderes Gebiet als Lehen an. Diesmal war es keine Insel im Mittelmeer, sondern in der Ostsee - Gotland. Der Vorschlag wurde niemals Wirklichkeit. Er kann natürlich nur ein spontaner Einfall des Königs gewesen sein, mehr vom Gefühl als vom Realitätssinn geprägt. Aber es kann auch andere Ursachen für das großzügige Angebot gegeben haben.
Ein denkbarer Grund ist, daß Gustav IV. Adolf den streitbaren Johanniterorden als eine wichtige Verbesserung der Verteidigung Gotlands ansah - wenn die Russen nun dorthin wollten. Wahrscheinlicher ist aber, daß England der Drahtzieher war und daß die Idee daher kam. Bei einem Friedensschluß 1802 hatte der Orden nämlich das Eigentumsrecht an Malta wiederbekommen. Darauf wollten sich die Engländer aber nicht einlassen. Aus englischer Sicht wäre es eine gute Lösung gewesen, wenn die vertriebenen und verstreuten Ordensmitglieder Gotland als Freistatt bekommen hätten. Dann könnte der Orden nicht mehr verlangen, nach Malta zurückzukehren.
Nach langen Verhandlungen, bei denen Schweden durch Baron Gustav Armfeldt vertreten wurde, lehnten die Johanniter doch dankend ab. Gotland wäre zwar eine gute Kompensation für den Verlust von Malta gewesen, aber die verlangte jährliche Pacht von 15 000 französischen Louisdor, die geringe Einwohnerzahl der Insel, der Mangel an größeren öffentlichen Gebäuden, in denen die Ordensmitglieder untergebracht werden konnten, und das Fehlen von Befestigungen bedeuteten zu hohe Kosten. Außerdem war die Ostsee ein politisch unsicheres Gebiet.
Gustav IV. Adolfs feste Überzeugung, daß Napoleon "das große Untier" war, wurde zuletzt schicksalhaft. Außenpolitische Engagements kosteten Schweden fast die Hälfte der Fläche des Landes und dem König selbst die Krone. Schweden ergriff für England gegen Frankreich die Partei. Die Situation wurde sehr gefährlich, als Napoleon einen Bund mit Zar Alexander von Rußland schloß. Da Dänemark schon auf Frankreichs Seite stand, war Schweden plötzlich von Feinden umgeben.
Der russische Zar versuchte, Gustav IV. Adolf dazu zu bewegen, England zu verlassen und statt dessen am russisch-französischen Bund teilzunehmen. Der König weigerte sich und im Februar 1808 fielen russische Truppen in Finnland ein. Kurz darauf erklärte auch Dänemark den Krieg.
Nun sah es schlecht für Gotland aus.

Die Russen kommen!

Es dauerte, bis die Gotländer die Nachricht erhielten, daß Schweden sich wieder einmal im Krieg mit Rußland befand. Der Winter war hart und die Verbindungen mit dem Festland schlecht. Zwar hatte es seit langem Gerüchte darüber gegeben, daß "die Russen bald kommen sollten und niemand den ersten Schuß abgeben solle.", aber das war wohl kein Grund zu größerer Unruhe.
Vor der Insel kreuzte bestimmt schon die schwedische Flotte und es war nicht wahrscheinlich, daß die Russen sich schon so früh im Jahr für eine umfassende Invasion rüsten konnten. Und in Visby war gerade ein erfahrener Militär Landshövding, Admiraloberst Erik af Klint. Er war zwar schon 76 Jahre alt, aber bekannt als ein gottesfürchtiger und ehrenhafter Mann. Darüber hinaus hatte er siebzehn Kinder, von denen zwei auch Admiräle waren. Die nötigen Kapazitäten sollten also vorhanden sein!
Die Gotländer wußten nicht, daß die eigene Flotte damit beschäftigt war, die Seegrenzen im Süden gegen Dänemark zu bewachen. Sie wußten auch nicht, daß die Russen den ganzen Winter über Vorbereitungen für die Eroberung Gotlands getroffen hatten. Mehrere Schiffe mit dem großen Linienschiff Groza an der Spitze lagen schon Anfang April im Hafen von Libau. Wahrscheinlich überschätzten die Gotländer auch die Verteidigung der Insel. Sie war nämlich praktisch nicht vorhanden. Es gab keine Soldaten, keine Offiziere und keine Kanonen, nur 600 alte Zündnadelgewehre, für die es Kugeln aber kein Pulver gab. Und sie hatten nichts davon gehört, daß viele af Klint für einen verlebten Greis hielten.

Von Slesviken nach Visby

Die Überraschung war also total, als am 22. April 1808 eine russische Flotte in der Bucht von Slesviken bei Grötlingbo ankerte. An Bord waren mehr als 1 200 Soldaten. Der Befehlshaber, Admiral Nikolai Andrejewitsch Bodisco, hatte von Zar Alexander den Befehl erhalten, Gotland zu erobern. Als Grund dafür nannte der Zar die strategische Lage der Insel. Wenn die Schweden das zuließen, konnte die Insel sowohl von der englischen Flotte als auch von englischen Truppen für einen Angriff gegen Rußland ausgenutzt werden. Es war besser, dem zuvorzukommen.
Nun lag die russische Flotte bei Slesviken vor Anker, nicht in Östergarn, wie sie eigentlich beabsichtigt hatten, mit schwedischen Flaggen an den Masten und mit einem dänischen "Lotsen" an Bord, der seinen Auftrag offensichtlich total verfehlt hatte. Die Überfahrt von Libau war auf Grund des harten Wetter sehr mühsam gewesen und viele Soldaten waren immer noch seekrank. Und zu guter Letzt hatte sich das ganze Geschwader im dichten Nebel aus den Augen verloren. Mit anderen Worten: eine sehr ungünstige Ausgangssituation, aber nun hatten alle Fahrzeuge ihr Ziel erreicht und die Landung konnte beginnen.
Die Gotländer, die das merkwürdige Schauspiel beobachteten, nahmen es zunächst als selbstverständlich an, daß es schwedische Truppen waren, die da gerade landeten. Es zeigt sich jedoch schnell, daß diese Auffassung falsch war. Es war keine schwedischen Soldaten, die in grünen Uniformen an Land stiegen. Nun verbreitete sich die Nachricht. Das Warnfeuer auf der Landspitze von Grötlingbo wurde entzündet, die Glocken in den Kirchen von Rone und Grötlingbo läuteten und bald wußten alle Kirchspiele in der Nähe, daß die Russen gelandet waren.
Die Einwohner flohen von Haus und Hof. Die, die noch Zeit dazu hatten, vergruben ihre Wertsachen in der Erde und versteckten sich im Wald. Vereinzelt sammelten sich die Männer mit Piken, Heugabeln, spitzen Bohnenstangen und altertümlichen Büchsen für die Jagd auf Seehunde zum Widerstand.
Der Hilfspriester Lars Åkerman aus Grötlingbo war der erste Inselbewohner, der dem russischen Admiral Auge in Auge gegenüberstand. Bodisco riet Åkerman, die Gotländer von Widerstand abzuhalten. Wenn sie nicht zu den Waffen griffen, sollte er als guter Russe sie gut behandeln, aber Schüsse würden mit Schüssen, Blut mit Blut beantwortet werden. Durch Bodiscos Rede sah Åkerman ein, daß die Russen keine Ahnung hatten, wie schlecht es wirklich um die Verteidigung Gotlands bestellt war.
Die russische Landung verlief trotz schlechter Voraussetzungen planmäßig. Die Soldaten hatten noch genug Zeit, die Höfe in der Nähe zu plündern und die Schafe, die sich gerade auf der Weide befanden, zu schlachten, bevor sie den Marsch nach Visby antraten. Per Arvid Säve erzählt, wie die gotländischen Bauern gezwungen wurden,
"die russische Artillerie, die russischen Vorräte und die Verletzten kostenlos nach Visby zu transportieren; im Allgemeinen geschah auf der Fahrt aber nichts Schlimmeres, als daß ein Russe flink einen kleinen Leckerbissen aus den wohlgefüllten Essenssäcken der Bauern stahl und daß ihre Pferde partout das russisch riechende Brot nicht essen wollten, das die Russen ihnen immer wieder zum Fressen gaben..."
Der Landshövding af Klint erfuhr von der Landung, als er sich gerade auf Sudret befand. Er begab sich sofort nach Visby und versuchte, den Widerstand zu organisieren. Der Großteil des Bauernaufgebots sollte sich bei der Brücke von Ajmunds postieren, wo der Feind am leichtesten aufzuhalten war, da der Fluß vom Frühjahrshochwasser angeschwollen sei.
In der Stadt stellte sich schnell heraus, "daß der stattliche aber wenig heldenmütige Bürgermeister P.H. Grewesmühlen und der Rat auf keinen Fall wollten, daß es zum Kampf komme". Und dabei blieb es auch, af Klint wurde überredet und in Sandäske gästgivargård bei Sanda trafen er und einige andere hohe Herren aus der Stadt Bodisco und dessen Begleitung. Eine wirkliche Kapitulation wurde nie vollzogen, statt dessen "empfahlen sich Oberst Klint und die anderen Vertreter sich und das Land menschlicher Behandlung...". Nun war der Weg nach Visby frei für die russischen Truppen.
Dort kamen sie am 24. April an, marschierten durch Söderport und Adelsgatan entlang bis zum "Alten Platz, dem heutigen Stora Torget. Dort hatten sich die Honoratioren der Stadt postiert, um den Feind demütig zu empfangen. Bürgermeister Grewesmühlen überreichte die Schlüssel der Stadt" und damit war Gotland im Handumdrehen eingenommen, und das so schnell und sicher, wie ein Adler ein Lamm ergreift!"

Russischer Einschlag im Gesellschaftsleben Visbys

Die russischen Soldaten wurden bei den Bewohnern der Stadt einquartiert. Bodisco selbst zog in das Haus des Bürgermeisters ein, in anderen Häusern konnten bis zu 30 Mann untergebracht sein. Sogar die kleinen Hütten auf der Klippe wurden "von schnarchenden Soldaten eingenommen, mit beißendem Russen-Duft zur Folge".
Die schlimmsten Ängste der Bewohner Visbys gingen bald vorüber und wurden von einer merkwürdigen Mischung aus Sorgen und Liebenswürdigkeit ersetzt. Die Einwohnerzahl der Stadt stieg auf einen Schlag von 3 700 auf 5 000, und eins der größten Probleme war es, die Russen mit Essen und anderen Notwendigkeiten zu versehen. Die Bewohner mußten jede Woche 4 600 skålpund (etwa 2 Tonnen) Fleisch, 1 150 skålpund Salz, 384 Kannen Branntwein (etwa 1000 Liter) und Futter für 100 Pferde zur Verfügung stellen.
Ansonsten waren viele Einwohner de Stadt darauf bedacht, ihre Gastfreundschaft zu beweisen, da sie sonst selten Besuch bekamen. Viele rümpften zwar die Nase über "die Unreinheit der Moskowiter, das viele Ungeziefer, die furchtbare Angewohnheit, Pilze und überhaupt alles Unreine zu essen", aber "die andere Seite schimmerte desto stärker". Die andere Seite waren die Offiziere. Höflich, lebhaft und mit stilvollen Uniformen wurden sie schnell gern gesehene Gäste in den großbürgerlichen Haushalten Visbys. Sie aßen mit ihren Gastgebern, "machten der Hausmutter mit kleinen Gesten der Wertschätzung ihre Aufwartung, klopften der alten Köchin gutmütig auf die Schulter, tranken und rauchten mit dem Hausherrn höchstpersönlich."

Heimlicher Auftrag für Jacob Dubbe

Als die Russen nach Gotland kamen, trafen sie auf keinerlei Widerstand. Obwohl die Offiziere versuchten, strenge Disziplin zu wahren, kamen Plünderungen und mutwillige Zerstörungen vor. Sowohl das Krongut in Roma als auch der Länna-Hof in Slite waren davon betroffen. Die Behörden der Insel konnten aber durch umsichtiges Handeln manches retten. Dazu gehörten die Steuergelder, die sich in Visby befanden. In Kisten verpackt wurden sie auf ein Schiff verfrachtet, das unbemerkt den Hafen von Visby verlassen und zum Festland segeln konnte. Das Schiff gehörte Jacob Dubbe.
Damit betritt ein bemerkenswerter Mann die Bühne der gotländischen Geschichte. Als die Russen nach Gotland kamen, war er etwa vierzig Jahre alt. Er hatte seine Laufbahn als einfacher Lagergehilfe begonnen. Aber durch seinen Riecher für gute Geschäfte, Glück und Geschick war Dubbe nun einer der reichsten Männer Visbys geworden. Er war für die Abwicklung aller gestrandeten Schiffe an Gotlands Küste zuständig - eine sehr einträgliche Einkommensquelle. Er war Schiffsreeder, besaß einen Kalkofen und verlieh Geld mit hohen Zinsen. Ihm gehörte der Hof Katthamra auf Östergarn, und nicht weit davon entfernt baute er für seine Frau Anna ein Sommerhaus, "Annas nöje" (Annas Freude). Dubbe gehörte auch der Hof von Rosendahl in Follingbo. Auf dem Berg oberhalb des Hofes ließ er einen Aussichtsturm, Jakobsberg, und eine Grabkapelle für seine drei jung gestorbenen Töchter errichten.
Als die Russen kamen, hielt sich Dubbe gerade in Stockholm auf. Er hatte viel Besitz auf Gotland, den es zu retten galt, und so akzeptierte er den Auftrag, heimlich auf die Insel zu fahren. Mitte Mai segelte er mit der Postyacht von Böda auf Öland ab. Auf dem halben Weg nach Gotland stieg er in ein Ruderboot um und erreichte nach einiger Zeit an die gotländische Küste bei Eksta.
Der Geheimagent ging zu den nächsten Höfen und rief das Volk zum Widerstand auf, Hilfe sei schon auf dem Weg und es würde nicht mehr lange dauern, bis Gotland wieder schwedisch wäre. Danach begab er sich nach Visby, stellte sich bei Bodisco vor und wurde umgehend verhaftet.
Aber da war Hilfe schon unterwegs. Eine schwedische Flotte mit 2000 Soldaten an Bord kam am 16. Mai nach Sysne auf Östergarn. Mit einem småländischen Regiment, Jönköpings jägare, an der Spitze marschierte ein Teil der Armee nach Visby, der Rest zog nach Slite. Dorthin fuhren auch die Kriegsschiffe, um den Hafen zu blockieren.
Die Russen waren nun von ihrem Heimatland abgeschnitten und es war auch keine unmittelbare Hilfe von dort zu erwarten. Vermutlich überschätzte Bodisco sowohl die Stärke der schwedischen Truppen als auch die Möglichkeit eines umfassenden Bauernaufstands. Er entschloß sich zur Kapitulation.
Die schwedischen Truppen übernahmen Visby wieder, und die Feinde machten sich auf den Marsch nach Slite, von wo sie nach Rußland eingeschifft werden sollten. Sie mußten ihre Kanonen und Feldzeichen zurücklassen, aber merkwürdigerweise durften sie ihre Gewehre und Munition behalten. Mit schwedischen Soldaten als Nachhut begann darauf der gut 30 Kilometer lange Marsch quer über die Insel. Bei dem Steinkreuz von Boge passierten sie drei schwedische Bataillone, die mit geladenen Kanonen auf einer offenen Fläche aufgestellt waren. Aber erst in Slite sahen die Russen ein, daß sie endgültig verloren hatten.
"Unter großen Lärm wurden sie aus ihrer Hauptwache gedrängt, die dann sogleich von den Schweden eingenommen wurde. Die Russen warfen unseren Truppen fluchend und bleich vor Wut ihre Gewehre, Säbel und Patronen vor die Füße, so daß der Staub um sie herum aufspritzte... Aber Oberst Gifkowitsch sandte kurz bevor er Slite verließ, ein höfliches Dankschreiben an seinen Gastgeber in Visby. Entwaffnet eilten die Russen nun an Bord ihrer Transportschiffe..."

Nachspiel

Nachdem die feindlichen Besatzungstruppen die Insel verlassen hatten, übernahmen wieder die schwedischen Behörden das Ruder. Ihre wichtigste Aufgabe war es zunächst, die mitunter recht bemerkenswerten Ereignisse aufzuklären, zu denen es während der drei Wochen, in denen die Insel in der Gewalt der Russen gekommen war, geschahen. Es waren viele Gerüchte im Umlauf, einige Personen schienen Bodisco und seinen Soldaten gegenüber sehr offen gewesen zu sein. Beschuldigungen und Denunziationen häuften sich. Nun gab es ja die Möglichkeit, Rache an alten persönlichen Feinden oder Konkurrenten zu üben.
Unter denen, gegen die Ermittlungen betrieben wurden und die sogar vor Gericht gestellt wurden, befanden sich Charles Chasseur, ein Händler aus Burgsvik, der in dem schlechten Ruf stand, sehr opportunistisch zu sein, der Landssekreterare J.F. Sturzenbecker, der Buchhalter und Marionette der Russen, Johan Wilhelm Hirsch, und der Händler C.P. Norrby.
Ein entlassener Leutnant, Mattias Lundgren, war der Einzige, der von einem Thing verurteilt wurde. Er hatte ein Rekrutierungsbüro für Gotländer eröffnet, die russische Soldaten werden wollten, und hatte sogar einige Knechte zur Unterschrift bewegen können. Er wurde zunächst zum Tode verurteilt, aber später begnadigte man ihn. Auch Bodisco wurde nach seiner Rückkehr zum Tode verurteilt. Der Zar hob aber das Todesurteil wieder auf.
Eine wichtige und permanente Folge der russischen Okkupation war, daß Gotlands Verteidigung endlich ernsthaft organisiert wurde. Eine Bürgerwehr wurde geschaffen, die erneute feindliche Unternehmen gegen die Insel verhindern sollte. Mehr als 7000 Mann wurden auf diese Weise umgehend militärisch organisiert.
Und es sollte auch nicht besonders lange dauern, bis Gotland wieder im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit stand. Und genauso, wie es Zar Alexander 1808 befürchtet hatte, interessierten sich diesmal die Engländer für die Insel.

"Der Engel des Todes ist unterwegs"

Dank seiner Lage wurde Gotland gleich zu Beginn von einer Seuche betroffen, die in Schweden noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unbekannt war, - der Cholera. Bis dahin gab es die Cholera nur in Ostasien. Um 1820 breitete sich die Seuche aus, und 1831 wurde der Ostseeraum als "verseucht" erklärt. Die Cholera sollte während dieses Jahrhunderts noch mehrmals wiederkommen. Auf Gotland ist wohl der Ausbruch in den 1850er Jahren am bekanntesten.
Der Erreger der Cholera ist ein Bakterium, das sich über verunreinigtes Wasser und Lebensmittel verbreitet und das vor allem den Darm angreift. Anfangs wußte niemand, woher die Krankheit kam und wie die Übertragung des Erregers vor sich ging. Und keiner wußte, wie man sich davor schützen konnte. Viele tranken Teerwasser auf nüchternen Magen, andere banden sich Knoblauchstücke um die Handgelenke, kippten sich mit Branntwein voll oder suchten Hilfe bei heilkundigen Greisen. In einigen Städten wurde Teer in großen Fässern verbrannt, und die Einwohner reinigten ihre Häuser mit Chlor und Schwefelsäure.

Der erste Todesfall

Als die Nachricht nach Schweden kam, daß der "Engel des Todes", wie der Dichter J.O. Wallin die Cholera nannte, herannahte, reagierten die Behörden sehr schnell. Schon im Sommer 1831 wurde auf Enholmen vor Slite eine Quarantänestation eingerichtet, eine von drei ähnlichen Einrichtungen an der schwedischen Küste. Alle Schiffe, die aus Häfen an der Ostsee kamen und auf dem Weg zum schwedischen Festland waren, mußten erst auf Enholmen in Quarantäne gehen und dort 48 Stunden liegen bleiben. Wenn alle an Bord gesund waren, bekam der Kapitän einen Gesundheitspass und durfte weitersegeln. Im Herbst wurden 62 Schiffe dieser Quarantäne unterzogen. Dazu kommen noch etwa 30 andere, die an der gotländischen Küste gestrandet waren. Anfang September lief zum Beispiel ein englisches Schiff mit einer Ladung Leinsamen auf das Riff "Roter Hund" vor Sundre. Bis auf einen Mann wurde die Besatzung gerettet, in ein einsam gelegenes Haus bei Austre im Kirchspiel Vamlingbo gebracht und mit Proviant versehen. Soldaten bewachten das Haus und den Strand, an den große Mengen an Strandgut angeschwemmt wurden. Bei Hamra strandete eine Brigg, deren Besatzung in zwei Durchgängen gerettet wurde. Das Wrack wurde vom Meer überspült, aber nach einem mutigen Einsatz der Dorfbewohner konnten doch alle gerettet werden. Die gesamte Besatzung wurde zunächst in einem einsam gelegenen Haus bei Hamra isoliert und später zusammen mit anderen Unglücksgefährten nach Enholmen in die Quarantänestation gebracht.
Am 24. August 1832 kam in Slite ein Fahrzeug aus Lübeck an, das einen kranken Matrosen namens Romin an Bord hatte. Er hatte heftigen Brechdurchfall, schwachen Puls, kalten Atem und bläuliche Arme und Beine. Der Arzt in der Quarantänestation begann sofort mit der Behandlung mit dem Verdacht auf Cholera. Romin bekam Tee aus Zitronenmelisse und ein warmes Bad, nach dem er mit Flanellhandtüchern abfrottiert wurde.
Diese Kur dauerte die ganze Nacht mit erneuten Frottierungen, Bädern und "keinem Schlaf", wie der Arzt im Krankenblatt notierte. Der Kranke konnte kein Essen bei sich behalten, nur etwas Tee, Wismut und wässrige Graupensuppe. Romin ging es trotz mehrerer Aderlässe und einer Behandlung mit Blutegeln, die an seine Ohren und Stirn gesetzt wurden, immer schlechter. Diese Behandlung wurde mehrere Tage fortgesetzt, aber es war alles vergebens. Am 28. August starb der Matrose Romin. Wahrscheinlich war er das erste Opfer der Cholera in Schweden.

Gründliche Vorbereitungen

Auf Gotland bereiteten sich die Bewohner auf die drohende Seuche vor. Sowohl in Visby als auch auf dem Land begann man eifrig zu arbeiten. Jedes Kirchspiel sollte laut offiziellem Befehl einen Gesundheitsausschuß zu bilden, der über die allgemeine Gesundheitssituation zu wachen hatte. Die Kirchspiele mußten darüber hinaus Krankenhäuser einrichten, in denen Arme gratis und Bessergestellte gegen gewisse Gebühr gepflegt werden konnten. Die Krankenhäuser sollten mit Betten, Matratzen, Kissen, Laken, Tellern, Nachttöpfen, Rauchapparaten, Waschschüsseln, Klistierspritzen (mit zwei Röhren!), Krankentragen und Bahren ausgestattet sein. Von den Bewohnern des Kirchspiels sollten Krankenschwestern und Pfleger, die sich um die Kranken kümmern sollten, und Leichenträger, die sich um die Toten kümmern sollten, ausersehen werden.
Für die Begräbnisse gab es spezielle Vorschriften. Jederzeit mußten Särge zur Verfügung stehen, deren Innenseite mit Pech und Teer bestrichen worden war. Das eigentliche Begräbnis durfte nur abends oder frühmorgens und mit so wenigen Besuchern wie möglich stattfinden. Niemand durfte in Kirchen oder Grüften begraben werden. Einmal in der Erde, mußten die Särge mit ungelöschtem Kalk oder Kohlenstaub bedeckt werden.
Die Bestimmungen stießen auf Protest. Die Finanzierung war das größte Problem, da der Staat nur die Hälfte der entstehenden Kosten trug. Den Rest mußten die Bewohner des Kirchspiels bezahlen. Aus diesem Grund dürften wohl nicht alle Kirchspiele die behördlichen Auflagen minutiös erfüllt haben, aber es war trotz allem ein imponierender Organisationsapparat, der sich nun in Bewegung setzte.
Obwohl die Choleraepidemie in Schweden über 25 000 Opfer forderte, wurde Gotland kaum betroffen.

Gotland zwischen Ost und West

Der Krimkrieg

Auch wenn Schweden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Kriegen verschont wurde, ließen die internationalen Verwicklungen in dieser Periode Gotland nicht ganz unberührt. In der Region am Schwarzen Meer gab es von alters her viele Gegensätze, die in den 1850er Jahren schnell eskalierten. Rußland und die Türkei, aber auch England und Frankreich, waren der Ansicht, ihre Interessen in diesem Teil der Welt bewachen zu müssen.
Ende November 1853 kam es zum Krieg zwischen Rußland und der Türkei. Einige Monate später erklärten England und Frankreich Rußland den Krieg. Die Kämpfe wurden vor allem auf der Krim geführt, aber zum Teil auch in der Ostsee.
Oskar I. war seit 1844 schwedischer König. Er interessierte sich für Außenpolitik und hatte das Ziel, die Bedeutung Schwedens und Nordeuropas zu stärken. Mit großen Bedenken sah er den steigenden russischen Einfluß in der Ostsee. Im Falle von Problemen rechnete der König aber damit, Unterstützung von den Engländern zu bekommen, die mittlerweile starke Handelsinteressen in der Ostsee hatten.
Von russischer Seite aus wollte man die Engländer am liebsten aus der Ostsee fernhalten. Die schwedische Regierung versuchte sich in diesem Konflikt so weit wie möglich unparteiisch zu verhalten. Diese Einstellung ist auch die Erklärung, warum auf Gotland kein Freihafen eingerichtet wurde. Der Vorschlag, Slite zum Freihafen zu machen, wurde mehrmals in höchsten Regierungskreisen diskutiert. Aber dieser Vorschlag wurde nie in die Tat umgesetzt, da die Regierung der Ansicht war, daß ein Freihafen vor allem den Engländern nützte und die Russen irritierte.
Als der Krimkrieg ausbrach und auch die Westmächte in den Krieg eintraten, sahen Oskar I. und sein Regierung die Gefahr, daß Schweden von den Kämpfen berührt werden könnte. Zusammen mit Dänemark erklärte sich Schweden als neutral. Die beiden Länder vereinbarten, ihre Häfen für alle Schiffe offenzuhalten, also auch für Schiffe aus den kriegführenden Ländern. Einige Häfen wurden aber zu "Kriegshäfen" erklärt und für Schiffe aus den kriegführenden Ländern gesperrt. Slite war einer dieser Häfen.

Neue Befestigungen auf Enholmen

Wenn der Hafen von Slite von den Kriegführenden als verboten akzeptiert werden sollte, mußte er verteidigt sein. Eine der ersten konkreten Maßnahmen von schwedischer Seite war, neue Befestigungen auf Enholmen in der Einfahrt zum Hafen von Slite zu bauen.
Schon im Sommer 1853 wurden Vorbereitungen durchgeführt, und im Herbst wurden die Anstrengungen noch mal verstärkt. Der König und die Regierung sahen also offensichtlich die Befestigung als sehr wichtig an. Beim Bau gab es eine Menge Probleme. Geld und Proviant waren knapp, Transporte auf die kleine Insel waren aufwendig und die Arbeiter machten die Sache auch nicht leichter. Es waren vor allem sogenannte Kronarbeiter, Herumtreiber und andere Zwangsverpflichtete, und für die meisten war es schwer, sich in die beschwerlichen Arbeitsbedingungen zu fügen.
Erst nach vier Jahren war die Verteidigungsanlage fertig. Sie deckte die beiden Einfahrten in den Hafen von Slite mit großen aber unmodernen Kanonen.

Russische Spionage

Die schwedischen Zeitungen zeigten vom Beginn des Konfliktes an großes Interesse an allem, was in Schweden und der Umgebung geschah. Gotland, das "jüngst inspiziert" wurde, rückte immer mehr ins Zentrum der Ereignisse. Die "Inspektion", auf die dabei angespielt wurde, war der Besuch eines russischen Schiffes in Slite am 20. Oktober 1853.
Es war zur Proviantaufnahme nach Slite gekommen. Der Kapitän bestellte an Land Fleisch, Brot und Kohle, was auch bereitgestellt wurde. Während das Schiff im Hafen lag und wartete, nahmen die Offiziere an Bord die Gelegenheit wahr und führten Tiefenlotungen in "Kanonenschußweite" von Enholmen durch. Nachdem es einige Zeit so gelegen hatte, fuhr das Schiff wieder auf die See hinaus - ohne Proviant oder Kohle aufzunehmen.
Ein Zeitungskorrespondent vom Festland, der die Ereignisse schilderte, glaubte den Grund des Besuches zu kennen, nämlich daß
"die russische Regierung Nachricht davon erhalten habe, daß Maßnahmen ergriffen wurden, die Einfahrten nach Slite zu befestigen, und nun wissen sollte, wie weit die Arbeiten voran geschritten sind... um so den Widerstand beurteilen zu können, auf den russische Truppen stößen, die den Hafen besetzen wollten... Deswegen sollte der verfluchte Russe auch sofort mit blauen Bohnen bedient werden und nicht wie jetzt mit Schlachtochsen und Steinkohle..."
Im Juni 1854 besuchte König Oskar Gotland, um die militärischen Vorbereitungen auf der Insel zu inspizieren. Er stieg in Slite an Land
"unter dem Salut des ganzen Geschwaders, der Festung und der Kanonenboote, alle Rahen und Relingen bemannt und unter lauten "Hurra!" - Rufen."
Im Hafen wurde er von den Händlern und Honoratioren des Ortes empfangen, die zu Erfrischungen in den Enequistska Park luden.
Nach dem Besuch in Slite fuhren der König und seine Begleiter weiter nach Visby. Dort waren die Truppen zur Inspektion auf Visborgs slätt aufgestellt. Nach der Parade teilte der König Fahnen aus und sprach in feierlichen Worten von der ehrenvollen Vergangenheit und den zukünftigen Taten Schwedens. Als Gotlands Nationalbeväring (etwa: Gotlands Nationalgarde) ihre Fahne erhielt, unterstrich der König die Bedeutung Gotlands:
"...es gibt keine schönere Pflicht, als für die Verteidigung der Muttererde und der Heimat alles zu opfern - sogar sich selbst - ... Wenn der Feind diese herrliche Insel, diese Perle in Schwedens Krone, vom Mutterland reißen will, dann sollt Ihr Euch willig unter dieser Fahne sammeln..."
Sieben Jahre später ließen die Offiziere zu Erinnerung an die Fahnenverleihung den "Oskarsstein" auf Visborgs slätt errichten.

Die Verteidigung wird verstärkt

Für die Verteidigung Gotlands reichte die Festung auf Enholmen nicht aus. Die gotländische Miliz, Nationalbeväring, konnte etwa 8000 Mann mobilisieren. Auch das war nicht ausreichend. Deshalb verlegte die schwedische Regierung 2800 Soldaten, vor allem aus Småland, als Verstärkung nach Gotland. Die Soldaten wurden auf Bauernhöfen einquartiert, von Atlingbo im Süden bis Rute im Norden. Es war ein großes Problem, Lebensmittel für die Einquartierten aufzutreiben. Da es im vorhergehenden Jahr eine Mißernte gegeben hatte, stiegen die Preise für Brot, Mehl, Erbsen und Fleisch sowie für Heu und Hafer für die Pferde weit über das normale Niveau. Die Bauern, die Soldaten beherbergten, halfen aber, wo sie konnten. Die Mannschaften durften ihr Essen in den Küchen der Höfe zubereiten, üblicherweise aßen sie auch zusammen mit ihren Gastgebern.
Eine Zeitung vom schwedischen Festland schilderte das kameradschaftliche Miteinander:
"Das Wohlwollen der Wirte gegenüber den Mannschaften läßt nichts zu wünschen übrig. In vielen Quartieren ist der Soldat oft zum Essen eingeladen, und von vielen bekommt er regelmäßig Lebensmittel oder Dünnbier, worauf der Soldat wie bekannt besonders viel Wert legt, geschenkt. Für die unerwartete Gastfreiheit der Gastgeber bedanken sich die Soldaten durch Mithilfe bei der Landwirtschaft, Schnitzereien und andere kleine Dienste..."

Die Interessen richten sich auf den Norden

Durch die Neutralitätserklärung von 1853 hielt sich Schweden aus dem Krieg heraus. Es ist aber unzweifelhaft, bei wem die Sympathien Oskars I. und seiner Minister lagen. Der König hatte von alters her gute Verbindungen zum englischen Königshof, und die Engländer bekamen sogar vertrauliche Hinweise, welche schwedischen Häfen für die alliierte Flotte als Ankerplätze geeignet wären.
Die Westmächte wollten Zugang zu einem zentral gelegenen, geschützten Hafen mit ausreichender Tiefe haben. Er sollte auch gute Möglichkeiten zur Verproviantierung haben, in der Nähe von Frischwasser liegen und ausreichende Lagerungsmöglichkeiten für Steinkohle bieten. Die meisten Kriegsschiffe waren nämlich Dampfschiffe.
Einen solchen Hafen gab es in Fårösund,
"einem Dorf auf der gotländischen Seite des Sundes. Es besteht aus einem Magazin mit einem hübschen dazugehörenden Wohnhaus, einer Sägemühle und einem Kalkofen... sowie einem Dutzend kleiner Hütten",
soweit ein englischer Kapitän. Im Frühjahr 1854 kam ein englisches Schiff zur Erkundung nach Fårösund. Ein paar Wochen später kam die englisch-französische Flotte mit etwa 30 Schiffen an. Im Laufe weniger Tage veränderte sich der Charakter des Ortes vollständig. Große Mengen an Steinkohle wurden an Land gelagert, das einzige Wirtshaus des Ortes hatte goldene Zeiten, und die Besatzungen der Schiffe gruben Brunnen, die umgehend wieder versiegten. Statt dessen mußte Wasser aus dem Hyli träsk auf Fårö entnommen werden.
Große Mengen Proviant wurden verbraucht. Das meiste kam vom Kalkpatron Grubb und den Bauern der Umgebung, die dabei gute Verdienste erzielen konnten. Schlachtvieh weidete auf Skenholmen und auf der Pfarrweide in Bunge, zum Teil wurde es aber auch im südlichen Gotland aufgekauft. Zeitweise war es sogar notwendig, Schlachtvieh aus Dänemark zu importieren. Bei einer einzigen Gelegenheit nahm zum Beispiel die englische Dampfkorvette "Basilisk" 30 Ochsen, über hundert Kilo frisches Fleisch und 24 Tonnen Kartoffeln an Bord. Die Ochsen wurden mit einem Seil um die Hörner lebend an Deck gezogen und dort geschlachtet. Der ganze Abfall, Häute und Eingeweide, wurde von der Besatzung über Bord geworfen.
All dies ging in einem Land vor sich, das sich als neutral erklärt hatte. Aber es war den kriegführenden Mächten tatsächlich erlaubt, schwedische Häfen anzulaufen, um Versorgungsgüter aufzunehmen. Das sagte die schwedische Neutralitätserklärung aus. Die einzige Ausnahme waren Güter, die für die Kriegführung wichtig sein konnten. Merkwürdigerweise war Steinkohle keines dieser Güter.

Damals war Leben in Fårösund

Für Fårösund und Gotland wurde dies eine hektische Zeit. Sowohl gotländische als auch festländische Zeitungen hatten Korrespondenten vor Ort, um die ungewöhnlichen und zweifelsohne sehr farbigen Szenen zu schildern:
"Das Schauspiel hier war ungewöhnlich, lebendig, kriegerisch und schön! Der Strand wimmelte von Menschen: Uniformen, Bauerntrachten, Frauen, Kinder, Soldaten, Matrosen und junge Männer, Wagen vielerlei Art - bei der Infanterie waren Trommeln zu vernehmen; Jagdhörner und Kanonenschüsse auf den Kanonenbooten. Die Offiziere, allesamt treffliche Männer, waren gestern bei dem Händler E.J. Grubb eingeladen. Alles war von Vertraulichkeit und Lebendigkeit geprägt. - Die Besatzungen der Boote sind junge und patente Männer, die auch hinsichtlich ihrer Bekleidung gut ausgerüstet sind."
Eine Woche später berichtete der Reporter wieder :
"Hier ist ein Leben, ein Durcheinander wie seit Menschengedenken nicht. Schiffe, große, bewaffnete und dampfende Fahrzeuge, kommen und gehen, und die Engländer laufen in großen Mengen durch den Ort. Proviant und andere Versorgungsgüter werden besorgt, Wäsche gewaschen, "Monny" (Geld) ist in großer Menge vorhanden. Man spekuliert, liefert, verdient und hat es eilig; alte Freunde und Nachbarn haben kaum noch die Zeit, einander zu begrüßen... wahrscheinlich gehen auch bald die Bestände an Heringen und Kartoffeln zur Neige. Aber seid unbesorgt! Kommt Zeit, kommt Rat..."
Die Kontakte zwischen der seßhaften Bevölkerung und den vielen Ausländern lagen nur auf der geschäftlichen Ebene. Zwar war der Patron Grubb, der ein bißchen Englisch konnte, bei verschiedenen Festlichkeiten ein großzügiger Gastgeber für die alliierten Offiziere, aber zwischen den Bewohnern von Fårösund und den Mannschaften der Schiffe gab es keine Kontakte. Wenn man den Gewährsleuten glauben darf, gibt es keinen Nordgotländer, der Abkömmling eines ausländischen Besuchers ist.
Die einzigen Klagen, die auf Seiten der Gastgeber laut wurden, waren angebliche Diebstähle von Brennholz, Kartoffeln, Rüben und Lämmern. Die Schlägereien betrunkener Seeleute waren oft die Folge interner Streitigkeiten.
Die alliierte Flotte brachte Leben, Geld und Wirtschaftskraft nach Fårösund. Während des Krieges liefen mehr als 200 Dampfschiffe, 168 Kohlenfrachter und etwa 70 andere Schiffe den Hafen an. Aber dorthin kamen auch Krankheiten und Trunksucht. In einem Leserbrief an eine gotländische Zeitung beklagte sich "ein im nördlichen Teil der Insel wohnhafter Mann" über das wilde Leben im "Wirtshaus", ein "Treibhaus der Liederlichkeit, des Lasters und des Elends":
"Eines Sonntags ging ein Teil der Besatzung - etwa 25 bis 30 Mann an der Zahl - des englischen Dampfschiffs "Porcupine" an Land, und nach reichlichem Verzehr im hiesigen Wirtshaus, endete ihr Ausflug mit einer Schlägerei, wie sie der Ort noch nicht gesehen hat. Matrosen der Kriegsmarine und Marinesoldaten schlugen einander mit Fausthieben auf die gräßlichste Art nieder: es war schrecklich, die blutigen, zerschlagenen Gestalten mit ihren zerrissenen Kleidern, und die rot-bejackten Marinesoldaten mit abgerissenen Schulterepauletten und anderem Uniformschmuck hier und dort auf dem Boden verstreut zu sehen. Dieses Schauspiel endete nicht, bevor nicht einige der Teilnehmer bewußtlos am Boden lagen und daß die meisten Kämpfer fast nackt und nur noch in Lumpen dastanden. Wenn ein solcher Tumult eintrifft, wenn nur ein kleines Schiff im Hafen liegt, was sollen wir dann erwarten, wenn hier ein Dutzend englische Kriegsschiffe liegen, deren Besatzungen aufeinandertreffen, um miteinander zu saufen und zu trinken..."

Cholera

Ende August 1854 kam auch die Cholera nach Fårösund. Die großen Menschenmassen - viele Schiffe hatten mehr als 1000 Mann an Bord - , die unzureichende Hygiene und Unwissenheit trugen dazu bei, daß sich die Seuche schnell verbreitete. Es ist unbekannt, wie viele Matrosen starben. Viele Tote fanden ihre letzte Ruhestätte im Meer, andere auf eigens dafür angelegten Friedhöfen. Der schönste von ihnen liegt bei Ryssnäs auf Fårö.
Auf Ryssnäs wurden auch zwei Cholerakrankenhäuser angelegt, in Fårösund errichtete Grubb ein Lazarett, die "französische Kaserne". Die alliierte Flotte hatte ein Lazarettschiff, die Belle Isle, die vor der kleinen Insel Bungeör vor Anker lag. Die Rekonvaleszenten durften auf der Insel umherspazieren, um frische Luft und Sonne zu bekommen.
Der erste erkrankte Bewohne von Fårösund war eine Frau, Frau Lerbom, die für die Besatzung eines englischen Schiffes Kleidung gewaschen hatte. Sie verstarb nach kurzer Krankheit. Nach weiteren Infektionen, wurden die Häuser der Infizierten abgesperrt und der Hafen wurde durch einen von Soldaten von Gotlands nationalbeväring bewachten Zaun isoliert. Zwei Ärzte, ein Schwede und ein Engländer, arbeiteten zusammen, um den Kranken zu helfen.
Dank der strengen Vorschriften schafften es die Behörden, die Epidemie einzugrenzen. Offiziell erkrankten 35 Einwohner von Bunge, aber wahrscheinlich wiesen mehr Menschen leichte Symptome der Krankheit auf. Etwa 20 Menschen starben an der Cholera, abgesehen von den Todesfällen unter den englischen und französischen Soldaten und Seeleuten.
1856 schlossen die kriegführenden Parteien Frieden, ohne daß es eigentlich zu einer Entscheidung gekommen war. Der Krimkrieg war vorbei und Fårösund konnte wieder zum Alltag zurückkehren.

Neue Äcker, neue Werkzeuge, neue Pflanzen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirtschafteten die gotländischen Bauern immer noch nach dem Selbstversorgungsprinzip. Zusammen mit ihren Familien erzeugten sie fast alles, was sie zum Leben brauchten, auf dem eigenen Hof. Einige Waren wie Salz, Eisenwaren, Kleider, Kaffee und Kräuter mußten sie aber trotz allem in Visby einkaufen. Üblicherweise tauschten sie diese Waren aber gegen Getreide, Fleisch, Eier, Wolle und andere Erzeugnisse des eigenen Hofes ein, Bargeschäfte waren selten. Die Bauern waren deshalb im Rahmen eines umfassenden Kreditsystems von einem oder mehreren Händlern abhängig. Dies System hatte mehrere hundert Jahre lang funktioniert, erst im 19. Jahrhundert wurde diese traditionelle Ordnung durchbrochen.
Auf den Höfen lebten viele Menschen. Außer dem Bauern und seiner Frau lebten und arbeiteten oft ein oder mehrere Söhne, Töchter, die Großeltern und auch Geschwister des Bauern auf dem Hof. Auch Knechte und Mägde wurden zur Familie gerechnet, und es war nicht ungewöhnlich, daß ein Haushalt aus 15 oder 20 Personen bestand.
Männer, Frauen und Kinder nahmen alle an der Arbeit auf dem Hof teil. In jeder Jahreszeit gab es eine bestimmte Aufgabe - Aussaat, Heuernte, Ernte, Arbeit im Wald und Fischfang. Eine Bauersfrau hatte während der schnellen landwirtschaftlichen Entwicklung im 19. Jahrhundert bestimmt keine leichte Aufgabe. Sie mußte sich um viele verschiedene Aufgaben kümmern - Kochen, Arbeit auf Wiesen und Äckern, Melken, das Einbringen der Ernte und das Herstellen von Gebrauchsgegenständen und Kleidern.
Im Winter kämmten die Frauen Wolle, sponnen und nähten, und die Webstühle krachten unter dem Weben von kräftigem Fries für die Kleider der Männer und von Wolle für die Frauen. Um den Monatswechsel Juli-August gab es bei der Roggenernte viel zu tun:
"Der Roggen wird hell und nun kann er geerntet werden. Die Männer mit ihren Sensen und die Frauen mit ihren Haken für den Roggen sammeln sich auf dem großen Feld. Nun folgen ein paar harte Tage, vor allem für die Frauen, die der Sense nachgehen - eine Frau hinter jedem Mann - und die den Roggen in Bündeln zusammenbinden. Frauen zwischen 16 und 70 Jahren sind dabei, Garbe nach Garbe wird aufgestellt und am Ende des Feldes sieht man den Schweiß fließen, die Brust hebt und senkt sich und das Herz ringt nach Luft. Die armen Frauen! Sie erleben alles andere als faule Tage unter der heißen Augustsonne. Am Ende des Feldes wird nicht lange ausgeruht, das große Feld liegt noch vor uns, erneute Arbeit ist die Parole. Niemand will langsam arbeiten, das wird als peinlich empfunden. Ihr heutigen Bauernmädchen und Ihr, die ihr in den Städten flaniert, denkt mal an die harte Arbeit, die die Frauen damals hatten. Eins kann ich Euch versichern: Ihr bräuchtet nicht nach Schweißbädern - die ja als gesund angesehen werden - in Saunas, bei Radtouren und auf der Tanzfläche suchen, sondern bekämt das umsonst auf dem Acker."
Im 19. Jahrhundert lebte die Landbevölkerung ein stilles Leben. Noch gab es keine brummenden Traktoren und Mähdrescher, und keine Busse und Autos donnerten die Straßen entlang. Die Kraftquellen, die es gab - Muskeln, Wind und Wasser - verursachten keinen Lärm.
Ein Bauer berichtet:
"Zwölf Uhr mittags ist das Läuten der Mittagsglocke zu hören und dann ist es Zeit für die Mittagspause. Im Kirchspiel gab es auf dem ein oder anderen Hof Mittagsglocken, oder besser gesagt Suppenglocken. Unsere Äcker lagen so, daß man an einem stillen Sommertag bis zu sieben Suppenglocken gleichzeitig hören konnte - jede in ihrer eigenen Tonart."

Urbarmachungen

Nach langem Zögern nahmen die gotländischen Bauern nun etwas von der Kritik an, die von verschiedenen Seiten gegen ihre unmodernen landwirtschaftlichen Methoden vorgebracht wurden. Ihr Mißtrauen gegen alles Neue ließ langsam nach. Sie kämpften zwar noch lange für ihre traditionellen Methoden, aber viele sahen ein, daß man die Neuigkeiten und Reformen akzeptieren mußte, die nun geschahen. An der Spitze standen einzelne Unternehmer, Bürger Visbys, Kalkpatrone, Priester und Gotlands läns hushållningssällskap.
Die Folge war eine umfassende Änderung der gotländischen Landwirtschaft, die sich auf vielerlei Weise zeigte. Einige Bauern konnten es sich leisten, ihre Häuser um ein Stockwerk aufzustocken und ihre Zimmer mit Tapeten und Spiegeln in goldenen Rahmen zu schmücken. Sie fuhren in die Stadt und kauften festliche Kleider; sie fingen an, Kaffee, Tee, Wein und Punsch zu trinken. Aber durch harte Arbeit veränderten sie auch die gotländische Landschaft.
Zwischen 1805 und 1860 wuchs die Ackerfläche auf Gotland von etwa 15000 ha auf das Doppelte. Bis 1900 hatte sie sich noch einmal verdoppelt, auf fast 64500 ha. Heute ist sie 83000 ha groß. Den Boden für die neuen Ackerflächen gewannen die Bauern aus Wiesen, Koppeln und Mooren.
Die gotländischen Wiesen waren sehr weitläufig, aber oft recht vernachlässigt. Im Verhältnis zu ihrer Größe lieferten sie wenig nahrhaftes Futter. Die Wiesen wuchsen oft auf schweren Böden, deren Bearbeitung vielen Bauern zu mühsam und teuer war. Von 1850 bis 1900 sank die Wiesenfläche von 35000 auf 31000 ha.
Aus den Mooren konnten die gotländischen Bauern viel Ackerboden gewinnen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ihr Anteil an der Gesamtfläche doppelt so groß wie das bestellbare Ackerland. Das Trockenlegen von Mooren war nichts Neues. Schon Karl X. Gustav hatte dafür geworben, und im 18. Jahrhundert hatten mehrere Landshövdinge eifrig für die gleiche Sache propagiert. In kleinerem Umfang wurde auch der ein oder andere Versuch durchgeführt, aber sie mißlangen alle mehr oder weniger.
Jetzt gab es neue Erkenntnisse über das Trockenlegen von Mooren, und eine umfassende Kampagne wurde gestartet, die das Augenmerk auf die Ressourcen lenken sollte, die in den gotländischen Feuchtgebieten verborgen waren. Der Händler E.I. Grubb führte die ersten großen Drainagearbeiten im Moor von Kajlung im Kirchspiel Lärbro durch. Nach dem Trockenlegen konnte er Gerste und Timotheusgras (Timotej) mit ordentlichen Erträgen anbauen, aber die Ernten wurden nach einigen Jahren immer schlechter, und am Ende wurde der Boden wieder der Natur überlassen.
1845 gründeten einige Unternehmer Gotländska Myrodlingsbolaget (etwa: Gotländisches Moorkultivierungsunternehmen). Das Unternehmen kaufte einige Moore, und zwischen 1846 und 1854 wurden große Teile der Moore bei Elinghem, Rone und Martebo entwässert. Später wurden hier Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Raps, Timotheusgras, Kohl und Rüben angebaut. Bei Rone versuchte das Unternehmen auch, Futterpflanzen, Tabak und Zichorie anzubauen. Nach einigen Jahren wurden aber auch diese Böden unbrauchbar, und sie wurden nicht mehr landwirtschaftlich genutzt.
Die ersten Versuche, die gotländischen Moore zu nutzen, schlugen also fehl. Die Kosten waren hoch, die Experten waren sich über die Methoden nicht einig und vor allem fehlte es an Kunstdünger. Erst als dieser in den 1880er Jahren üblich wurde, konnten die Moorböden bessere Erträge liefern. Deshalb dauerte es noch bis ins nächste Jahrzehnt, bevor wieder in größerem Maßstab Drainagen in Angriff genommen wurden. Neue Interessenten fuhren dort fort, wo die Alten aufgehört hatten, es wurde leichter, Geld vom Staat oder Landsthing zu leihen und man wußte mehr über das Trockenlegen von Mooren. Eine große Feuchtfläche wie das Moor von Martebo wurde wieder interessant, und 1901 begann man, das Mästermoor im südlichen Gotland zu entwässern.

Kartoffeln, Zuckerrüben, Dreschmaschinen und Wendepflüge

Die gotländischen Bauern bekamen im 19. Jahrhundert nicht nur mehr Ackerland. Sie bestellten die neuen Böden auch mit neuen Werkzeugen und säten neue Nutzpflanzen aus. Der Getreideanbau wuchs kräftig, und endlich blieb auch etwas für den Export über. Kartoffeln, Futterrüben, Raps und Zuckerrüben waren wichtige Elemente in der variablen Nutzung der Ackerflächen, die sich jetzt durchsetzte. Vor allem die Zuckerrüben brachten Geld ein, aber das erforderte einige gemeinsame Investitionen. Diese wiederum führten zu weiterer Mechanisierung und zum Ausbau der Veredlungsindustrie und der Infrastruktur.
Es wurde immer üblicher, Werkzeuge aus Eisen zu verwenden. Die Bauern ersetzten den uralten Häufelpflug - "Spitzpflug"- durch moderne Wendepflüge, die im Gegensatz zum Häufelpflug die oberste Bodenschicht wendeten. Pflügewettbewerbe, die von der Landwirtschaftskammer organisiert worden waren, demonstrierten die Überlegenheit des Wendepfluges, und um 1900 wurde der Häufelpflug nur noch für den Kartoffelanbau verwendet. 1855 waren auf den gotländischen Äckern die ersten Sämaschinen zu sehen, etwas später kamen Mähmaschinen dazu. 1880 entwickelte ein Gotländer einen sogenannten "Turbolator", der Drainierungsarbeiten erleichterte.
Mit dem Humusförderer (von den Gotländern "fåisu" genannt) konnten die Bauern endlich die bei den Drainagen anfallende Erde fortschaffen. Das Klappern der Dreschflegel auf dem Boden wurde vom Knirschen der Dreschmaschinen abgelöst. Die Dreschmaschinen waren ein wichtiges Element in der Rationalisierung der Landwirtschaft, und sie leisten die Arbeit von 1000 Manntagen. Viele Gotländer gelangten zu großem Geschick beim Bau von Dreschmaschinen. Einige konnten ihr Wissen nicht nur in andere Teile Schwedens, sondern auch ins Ausland exportieren.
Auch die traditionell wichtige Viehwirtschaft ging besseren Zeiten entgegen. Im 18. Jahrhundert hatte sie einige herbe Rückschläge erlitten, als es sich mehr lohnte, Getreide für Branntwein anzubauen. Mit der Landwirtschaftskammer als treibende Kraft kam es nun zu einer Renaissance der gotländischen Viehwirtschaft. Intensive Züchtungen wurden durchgeführt, und das Interesse wurde durch Auszeichnungen, Wettbewerbe und Vereine gefördert. Größere Wirtschaftsfreiheit und eine bessere Infrastruktur verbesserten die Absatzmöglichkeiten, die Preise stiegen und neue Erkenntnisse in Tierhaltung und -medizin erhöhten die Qualität des Viehs.
Gleichzeitig taten die gotländischen Landwirte einen vorsichtigen Schritt in die Epoche der Industrialisierung. 1868 wurde die erste Molkerei auf der Insel errichtet, 1885 stellte die Brennerei in Klintehamn mehr als 420000 Liter Branntwein her, 1891 wurde eine Malzfabrik in Visby gegründet, um die hervorragende Gerste der Insel nutzen zu können. Drei Jahre nahm die Zuckerfabrik in Roma ihre Arbeit auf, und kurz vor der Jahrhundertwende 1900 begann die Konservenfabrik in Ekeby, Erbsen, Bohnen und Spinat zu konservieren. Etwas später wurde Klintebys AB in Klintehamn etabliert. 1901 nahm das neu gegründete Schlachthaus in Visby zum ersten Mal Rinder, Schweine und Schafe an.

Die Flurbereinigung

Die Fortschritte in der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert hatten viele Gründe. Die Aufklärung, bessere Lesefertigkeiten, Propaganda, Landwirtschaftsschulen, neue landwirtschaftliche Methoden, neue Werkzeuge und Nutzpflanzen, Kunstdünger und eine verbesserte Infrastruktur trugen zu der positiven Entwicklung bei. Von besonderer Bedeutung war, das die gotländische Landwirtschaft endlich der Aufsplitterung des Eigentums Herr wurde.
Der Grundbesitz vieler Haushalte war durch Erbschaften, Käufe, Schenkungen oder Heirat weit verstreut. Es gab Höfe, die Grundbesitz an zwanzig bis dreißig verschiedenen Orten hatten, oft in mehreren Kirchspielen. Viele Bauern hatten unnötig lange Wege zu ihren Äckern, manche bis zu 15 Kilometern.
Unter solchen Verhältnissen war es schwer, rationelle Landwirtschaft zu betreiben. Eigeninitiative war schwer, denn der faulste Bauer bestimmte den Takt. Es war ebenso schwer, neue Methoden einzuführen und neue Äcker anzulegen. Zwar hatte Landshövding von Segebaden schon im 18. Jahrhundert versucht, die Bauern zu einer Zusammenlegung ihres Eigentums zu größeren Einheiten zu bewegen, aber seine Anstrengungen führten zu keinen nennenswerten Resultaten.
1827 wurde eine Verordnung erlassen, nach der eine Flurbereinigung durchgeführt werden solle. Die Behörden waren bestrebt, die Anzahl der kleinen Äcker zu begrenzen. Ein Hof, ein Stück Land - so hieß das Ziel. Die gotländischen Bauern protestierten wie gewöhnlich. Es würde zu teuer, viele müßten ihre Höfe verlegen und im schlimmsten Fall würde man viel schlechteren Boden als jetzt bekommen.
Trotz aller Proteste und Sonderbestimmungen war 1885 die Flurbereinigung auf Gotland zur Hälfte durchgeführt. Etwa 15 Landvermesser waren mit dieser wichtigen Aufgabe beschäftigt. Fast alle betroffenen Bauern fühlten sich ungerecht behandelt. Viele Landvermesser wurden bedroht und der Korruption beschuldigt. Die gotländischen Volksmärchen bekamen einen neuen Geist - den unseligen Landvermesser, der einen Bauern betrogen hatte und nun keine Ruhe fand. Wenn der Nebel die gotländische Landschaft in seinen weißen Schleier hüllte, konnte man ihn herumstreifen und mit seiner Vermessungskette rasseln sehen.
Die Flurbereinigung führte zu neuem Schwung in der Landwirtschaft, und die Urbarmachung neuer Böden nahm zu. Der Grundbesitz wurde konzentriert und die Äcker größer. Viele Bauern mußten ihre Höfe aus den alten Siedlungen in die Nähe ihrer neuen Felder verlegen und dazu neue Gebäude und Wege bauen. Die gotländische Landschaft und ihre Bebauung bekam einen neuen Charakter.

Im Wald arbeiten und das Leben für ein wenig Fisch auf's Spiel setzen

Ein wichtiger Kritikpunkt an der gotländischen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert war die sogenannte "Vielbeschäftigung". Die gotländischen Bauern arbeiteten im Wald, brannten Teer und Kalk, fischten und jagten. Natürlich waren sie "viel beschäftigt", aber für die meisten ging es dabei tatsächlich um einen lebensnotwendigen Nebenverdienst. Holz, Teer, Kalk und Fisch brachten den Bauern oft mehr ein als reine Landwirtschaftsprodukte wie Getreide, Fleisch und Wolle. Gerade der Wald war auf mehrere Weise wichtig. P.A. Säve schreibt:
"Diejenigen mit Waldbesitz beschäftigten sich kaum mit etwas anderem... Es ging nur darum, Bäume zu fällen und zu behauen, und dazu kam das Vergnügen, bei der Säge oder am Weg auf seinen Stämmen zu ruhen, Abenteuer mit Gleichen zu erleben und als Kutscher "Hurra" rufend umherzufahren..."
Aus Säves Blickwinkel war die Arbeit im Wald eine Belastung für die Landwirtschaft, aber aus dem Wald bekamen die Bauern Bauholz für ihre Häuser und für den Verkauf. Aus dem Wald kam das Brennholz für das Teer- und Kalkbrennen und für den eigenen Herd. Dort gab es auch Weideflächen für Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde.
Das meiste Bauholz sägten die Bauern selbst mit ihren eigenen Sägen - um 1850 gab es davon etwa 200. Normalerweise handelte es sich um Rahmensägen, die von Wasserkraft oder von Pferden angetrieben wurden, aber 1855 führte der Schotte Alexander Graham die dampfbetriebene Kreissäge auf Gotland ein. Graham kaufte Wald und ganze Höfe, um so viel Bauholz wie möglich zu bekommen. Seine Tätigkeit hatte am Ende industriellen Charakter, es galt, so viel wie möglich aus dem Wald herauszuholen, ohne an die Folgen zu denken.
Viele waren auch darüber beunruhigt, wie schlecht die Wälder gepflegt wurden. Die Behörden versuchten ohne größeren Erfolg, dieses Problem mit Gesetzen und Verordnungen zu lösen. Der immer schlechtere Zustand der Wälder führte dazu, daß man nach anderen Brennstoffen suchte, nicht zuletzt für den eigenen Herd - auf Gotland wurden um 1850 allein für den häuslichen Bedarf 22000 Kubikmeter Brennholz benötigt.
Torf war die naheliegendste Alternative. Er war in großen Mengen in den gotländischen Mooren vorhanden. In den 1860er Jahren stellte der Landsthing Mittel zur Torfgewinnung zur Verfügung, Maschinen wurden angeschafft, die aber schnell zu teuer wurden. 1874 kamen einige Torfstecher aus Schonen auf die Insel, um die "schonische Torfbehandlungsmethode" zu demonstrieren. Ein Unternehmen wurde gegründet und mehrere Gotländer wurden angestellt. Anfangs war Torf als Brennstoff sehr beliebt, aber viele hörten schnell auf, Torf zu verwenden, da er nicht sehr effektiv war. Mit verbesserten Methoden kam Torf aber im folgenden Jahrhundert noch einmal als Brennstoff auf.
Fischfang war ein weiterer wichtiger Nebenerwerb für die gotländischen Bauern. Die Meeresfischerei dominierte, die die Bauern von mehr als 100 kleinen Fischersiedlungen entlang der gotländischen Küste aus betrieben. Nur in Visby und einigen Landhäfen gab es Berufsfischer.
Die Fischersiedlungen mit ihren kleinen, niedrigen Hütten aus Stein oder Holz und Stegen wurden fast nur von den Männern benutzt. Die Frauen konnten natürlich bei der Verarbeitung der gefangenen Fische helfen, aber an vielen Stellen waren sie nur willkommen, wenn sie den Männern Essen brachten. Der Fischfang hatte auch eine soziale Funktion, in den Fischersiedlungen trafen die Männer andere Männer, tauschten Neuigkeiten und Erfahrungen aus, diskutierten und klatschten. In den Pausen kümmerten sie sich zudem oft um einige magere Strandäcker oder sie amüsierten bei verschiedenen Spielen.
Der Fischfang im Meer war kein Vergnügen. sondern eine bittere Notwendigkeit. Die gotländischen Bauern verwendeten selbstgebaute, offene Boote mit zwei bis vier Mann Besatzung, sogenannte Zwei-, Drei- oder Viermänner. Der Fischfang war oft eine gefährliche Tätigkeit in Sturm und Kälte, und die Boote waren manchmal mit Werkzeugen und gefangenen Fischen bis an die Grenze beladen. Viele kamen nie von ihren Fahrten zurück, sie blieben auf dem Meer.
Der wichtigste Fisch war Hering. Die Heringsfischerei hatte auf Gotland eine lange Tradition und wurde in verschiedenen Perioden von April bis Dezember betrieben. Oft gab große Fänge, manchmal so groß, daß man den Fang abbrechen mußte, weil man so viele Fische nicht verarbeiten konnte. Dieses Problem wurde 1866 teilweise gelöst, als die Herta Einsalzungsfabrik gegründet wurde. Dank dieser Fabrik wurde nun auch gesalzener Hering exportiert, und schon zwei Jahre später konnten 2500 Fässer Fisch ausgeführt werden. Die Einsalzungsfabrik war etwa 20 Jahre in Betrieb. Mit besseren Methoden und Werkzeugen wuchs der Dorschfang. In den 1860er Jahren kam ein Fischer aus Bohuslän auf die Insel, um den Gotländern beizubringen, wie man mit diesem nützlichen Fisch umzugehen hatte. Zu dieser Zeit wurde auch Lachs interessant. Ein Unternehmen zum Lachsfang wurde gegründet, und einige erfahrene Fischer aus Öland und Blekinge halfen bei den ersten Schritten. Die Festländer zeigten ihren gotländischen Kollegen, wie man mit größeren, gedeckten Booten und speziellen Lachsnetzen fischte, und schon nach kurzer Zeit war ein lohnender Lachsfang in Gang gekommen. Der größte Teil des Fangs wurde nach Stockholm exportiert.
Die Fischerei wurde allmählich zu einem Beruf. Die Bauern hatten auf lange Sicht nicht genug Zeit, um sich in größerem Ausmaß der Hochseefischerei zu widmen, sie wurden auf den Äckern gebraucht. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts konnte Gotland zudem immer mehr Fisch exportieren, nachdem es früher norwegischen Hering importiert hatte.
In moderner Zeit hat die Jagd auf Gotland keine wichtige Rolle gespielt. Eine Ausnahme war vielleicht die Seehundjagd bei Näs und auf Fårö. Noch um 1850 resultierte sie in einem wirtschaftlichen Zuschuß von jährlich einigen tausend Reichstalern.
Hasen, Rebhühner, Waldschnepfen, Sumpfschnepfen und Seevögel waren ansonsten die häufigste Beute. Unter den Waldvögeln verschwand das Birkhuhn im 19. Jahrhundert fast ganz, und die vielen trockengelegten Seen und Moore bedrohten andere Arten. Versuche, Rehwild oder Auerhähne anzusiedeln, schlugen fehl.
Um das jagdbare Wild zu schützen, versuchten Behörden und Grundbesitzer gemeinsam, alle "Raubtiere" auszurotten. Zwischen 1860 und 1900 wurden jährlich etwa 10 Adler getötet. Allein im Jahre 1891 bezahlten die Behörden Abschußprämien für 95 Seehunde, 170 Füchse, 25 Adler, 171 Hühnerhabichte, 266 Sperber und 1083 Krähen.

Märkte, Kaufläden und Banken

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde ein weiteres Problem der gotländischen Bauern gelöst - die Abhängigkeit von den Kaufleuten aus Visby. Das viele hundert Jahre alte System des Tauschhandels und des Kredits in den staatlichen Kaufläden wurde gelockert. Ein Versuch in diese Richtung war die Einrichtung von Märkten auf dem Land. So etwas hatte es früher auch schon gegeben, aber sie hatten nie größere Bedeutung erlangt.
Nun bekamen die Menschen auf dem Land erneut die Möglichkeit, direkt miteinander zu handeln, zuerst auf Södra Byrummet außerhalb Visbys und Sandesrum in Grötlingbo 1834, später auch in Slite (1837), Östergarn (1857) und Klintehamn (1862). Die Behörden genehmigten auch sogenannte Großmärkte in Hemse und Stånga 1880, Kräklingbo 1882 und Burgsvik 1884.
Die Märkte erleichterten vor allem den Viehhandel, aber sie bekamen auch große Bedeutung für den Verkauf anderer Produkte. Darüber hinaus hatten sie eine soziale Funktion als Treffpunkte für Nachbarn und Auswärtige, sie trugen zur Verbreitung von Neuigkeiten bei und waren oft auch der Rahmen für verschiedene Vergnügungen.
Auch auf andere Weise sank die Bedeutung der Stadt. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekamen Privatpersonen die Möglichkeit, Kaufläden in den Landhäfen von Kappelshamn, Fårösund, Kyllej, Slite, Katthammarsvik, Ljugarn, Ronehamn, Burgsvik und Klintehamn zu eröffnen. Von alters her gab es an diesen Plätzen gewisse Industrie, vor allem Kalköfen. Nun konnten die Kalkunternehmer ihr Geschäft ausweiten, indem sie auch andere Waren kauften und verkauften. Mehrere Kaufleute aus Visby verlegten, von guten Gewinnaussichten gelockt, ihr Geschäft auf das Land. 1875 gab es 88 etablierte Landhändler auf Gotland, darunter drei Frauen.
Die Landhäfen entwickelten sich immer mehr zu richtigen Ortschaften. Die verbesserte Infrastruktur trug in der letzten Hälfte des Jahrhunderts dazu bei. Die Eisenbahn schuf die Voraussetzungen für das Wachstum von neuen Siedlungen wie Roma und Hemse. Der zukünftige Zentralort des südlichen Gotlands konnte Besuchern noch nicht viel zeigen, aber mehrere wichtige Einrichtungen für einen Ort verhießen eine glänzende Zukunft.
"Der Platz besteht wie auf dem Land üblich aus einigen verstreuten Häusern und Höfen, die Hemse ein unregelmäßiges und nicht besonders schönes Aussehen geben... in Hemse gibt es die Volkshochschule des Läns... eine recht große Apotheke, eine Post und zwei Kaufläden... es gibt zwei Wirtshäuser", teilte 1886 ein Zeitungsreporter mit.
In dem gleichen Artikel über Hemse konnten die Leser auch erfahren, daß "der Handel im Winter ziemlich flau ist, da die Bauern und Landwirte im Allgemeinen kein Geld haben. Der Handel wird hauptsächlich auf Kredit betrieben." Das ewige Dilemma der gotländischen Bauern gab es also immer noch, aber es war weniger schlimm und hatte sich von Stadt auf die Landhändler verlagert.
Die Märkte waren einer von mehreren Versuchen, dieses Problem zu lösen, ein anderer sollte das Sockenmagasin (etwa: Gemeindespeicher) werden. Eigentlich waren die Gemeindespeicher für die Lagerung von Saatgut für Notzeiten gedacht. Die Bauern, die sich an dem Speicher beteiligten, konnten Getreide für die Aussaat und manchmal auch zum Brotbacken leihen. Durch den Verkauf von überschüssigem Saatgut entstand zuletzt auch eine Barkasse, die mitunter hohe Beträge enthalten konnte. Die Bauern konnten aus dieser Kasse Kredite erhalten, unter anderem für neues Ackerland.
Gleichzeitig konnten die Teilhaber oft ihre Steuerlast senken, denn aus der Kasse des Speichers wurden auch Mittel für die Armenpflege oder die Schule des Kirchspiels bereitgestellt. Um 1850 hatten alle Kirchspiele auf Gotland ein Sockenmagasin. Auf Gotland hatte diese genossenschaftliche Organisationsform die größte Bedeutung, und hier konnte sie sich am längsten halten.
Langfristig sollten Banken die Barkassen der Gemeindespeicher ersetzen. Die Ressourcen wurden auch deutlich größer. 1830 richtete die DBW-Gesellschaft eine Bank ein, die folgende Reklame für die Segnungen des Sparens machte:
"Wenn man täglich 3 Öre beiseite legt und diesen Betrag einzahlt, in der Woche sind das 21 Öre, ist man am Jahresende der Besitzer von fast 11 Kronen, wozu noch der Zinsgewinn kommt. Und wenn man nun 10 Jahre so weiter macht, hat man 110 Kronen erspart, oder bei Berücksichtigung des Zinsgewinns, etwa 150 Kronen..."
1851 eröffnete die Reichsbank ein Büro ein Visby, etwas später bekam die Stadt auch eine Hypothekenbank und 1868 nahm Gotlands Enskilda Bank ihre Tätigkeit auf. Einige Jahre früher war der Vorschlag aufgekommen, eine Läns-Sparkasse einzurichten, und in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts entstand in den gotländischen Kirchspielen eine Sparkasse nach der anderen. Auch die Entstehung eines immer umfassenderen Versicherungswesens, nicht zuletzt der Brandkassen, trug zur Schaffung einer stabileren Gesellschaft bei.

Industrialisierung - Mißerfolge und Erfolge

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Schweden eine Industrienation. Zur Jahrhundertwende 1900 war fast ein Drittel der Bevölkerung des Landes in der Industrie beschäftigt, 50 Jahre früher waren es nur 9% gewesen. Die Entwicklung auf Gotland war ähnlich: von 5% 1850 auf etwa 17% zur Jahrhundertwende.
Die Industrie, die in dieser Zeit auf Gotland entstand, basierte fast ausschließlich auf den natürlichen Rohstoffen der Insel. Das galt vor allem für landwirtschaftliche Produkte wie Milch, Gemüse und Zuckerrüben, aber auch für Kalkstein und Holz. Ein Teil der Neugründungen war erfolgreich, andere waren ziemlich kurzlebig.
Auf Suder brach man weiterhin Sandstein als Rohstoff für Schleifsteine und für die Bauindustrie. Im Norden war die Kalk- und Kalksteinindustrie das wichtigste Element im Wirtschaftsleben. 1847 gaben die Behörden das Kalkbrennen frei. Das hatte viele Neugründungen vor allem in Mittelgotland, unter anderem in Buttle, Guldrupe und Etelhem, zur Folge. 1860 wurden 65 Kalköfen auf der Insel betrieben, bei denen etwa 90 Menschen angestellt waren.
1883 begann ein Unternehmen bei Visby eine Zementfabrik zu bauen, die zweite dieser Art in ganz Schweden. Zwei Jahre später wurde das erste Mal gotländischer Zement exportiert. Um 1900 hatte die Fabrik etwa 200 Angestellte.
Gegen Ende des Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach rohem Kalkstein. Viele neue Industrien, auf dem schwedischen Festland und in Deutschland, benötigten die Steine für ihre Produktionsprozesse, unter anderem für die Herstellung von Eisen, Papier, sowie Zucker und anderen Lebensmitteln. Auf Nordgotland eröffneten Privatpersonen und Unternehmen mehrere neue Steinbrüche, oft in der Nähe der alten Kalköfen und den dortigen Hafenanlagen.

Marmor, Ziegel, Streichhölzer und Papier

Kalkstein war auch der Rohstoff für die Marmorfabrik in Visby. Sie wurde um 1870 von einem unternehmungslustigen Mann namens Wilhelm Klintberg gegründet. Nachdem er als "mittelloser Jüngling" in seiner Freizeit begonnen hatte, in kleinem Maßstab Gegenstände aus gotländischem Marmor herzustellen, konnte er nach und nach auf dem Festland mehr lernen. Er kehrte nach Visby zurück und begann mit der industriellen Fertigung von Grabsteinen, Schmuckgegenständen, Möbeln und Fassadenschmuck. Sein Unternehmen wuchs schnell und bekam schnell viele Kunden, auch auf dem Festland.
Einer der ehrenvollsten Aufträge der Fabrik war eine große Lieferung von Baudetails für die Restaurierung der Uppsalienser Doms. In den 1890er Jahren waren in der Marmorfabrik etwa 100 Arbeiter beschäftigt, und es wurden Waren im Wert von 70 000 Kronen hergestellt.
Ziegelsteine waren ein anderes stark nachgefragtes Produkt im 19. Jahrhundert. Sie wurden vor allem in der Bauindustrie und der Landwirtschaft benötigt. Früher hatte man auf Gotland nie Ziegel hergestellt, aber nach langem Suchen fand man bei Väskinde ausreichende Mengen geeigneten Lehms, später auch bei Fröjel und Barlingbo. 1885 stellten 7 Arbeiter in Barlingbo 90 000 Ziegelsteine und 20 000 Drainagerohre her. Kurz nach der Jahrhundertwende gab es auch in Havdhem und Martebo Ziegeleien.
Um 1850 kam eine revolutionäre schwedische Erfindung auf den Markt - das Sicherheitszündholz. Sie legte den Grundstein für eine Industrie von internationalen Maßstäben. 1873 begann man auch in Visby mit der Herstellung der begehrten Ware. Nach einigen anfänglichen Problemen konnten etwa 80 Arbeiter jährlich fast 80 Millionen Streichholzschachteln mit einem Wert von etwa 100000 Kronen herstellen. Außer den Angestellten der Fabrik wurden auch viele Kinder, Alte und Gefangene mit der Herstellung der Schachteln beschäftigt.
Die Streichholzfabrik bot in der Stadt willkommene Arbeitsplätze, wofür die Leserbriefschreiber in Gotlands Allehanda natürlich dankbar waren. Gleichzeitig konnte es aber einer nicht unterlassen, etwas gegen eine andere Neuerung des 19. Jahrhunderts zu sagen - die obligatorische Schule:
"Dazu führt diese weitere Arbeitsgelegenheit gerade in unseren heutigen Tagen einen ziemlich großen Nutzen mit sich, oder den, daß möglichst viele Hände und Köpfe vom allzu übertriebenem Lesen, das der am weitesten verbreitete und gefährlichste Drache unserer Zeit ist, zur Arbeit gelockt werden können. Denn durch dieses ewige Lesen der Kinder der Masse, vom sechsten bis zum fünfzehnten Lebensjahr, nicht immer zu wirklichem Nutzen, werden viele in jungen Jahren der Arbeit entwöhnt, besonders der groben, aber wichtigen Arbeit... So verliert die Jugend zuerst die Lust und dann auch die Fähigkeit zu arbeiten, die jungen Gedanken eilen oft in gefährliche Richtungen, in ihrer gefährlichen Beschäftigungslosigkeit werden sie oft hochmütig, faul durch Kleider, Vergnügungen und Wohlleben, schädlichen Romanen und Tagedieberei, was immer zu so schlechten Sitten führt..."
In Lummelunda lebten die industriellen Traditionen besonderer Art fort. Der gleiche Wasserlauf, der im 17. Jahrhundert eine der Voraussetzungen für die Eisenverhüttung gewesen war, verlockte 1805 einige Händler aus Visby dazu, hier eine Papierfabrik anzulegen. Es wurden vor allem Dachpappe und grobes Papier hergestellt. Als Rohstoff wurden Lumpen verwendet.
Nach der Drainage des Martebomoores in den 1850er Jahren, bekam die Fabrik Probleme mit der Wasserversorgung und wurde um 1885 endgültig geschlossen.

Mechanische Werkstätten

Die Zeit und die Entwicklung verlangte auch nach anderen Industrieformen. Nicht zuletzt galt es, den immer größeren Bedarf der Landwirtschaft an Werkzeugen und Maschinen zu decken. 1875 gründete ein Unternehmen namens Graham Brothers eine mechanische Werkstatt in Visby. Fünf Jahre später beschäftigte sie etwa 50 Arbeiter.
Die Maschinenfabrik war nur etwa ein Dutzend Jahre in Betrieb, aber dann wurde sie durch die Maschinenfabrik in Fole ersetzt. Während einiger Jahre wurden erst in Fole und später auch in Visby Sämaschinen, Häckselmaschinen, Pumpen, Dampfmaschinen, Lokomobile und andere Produkte hergestellt, die in der gotländischen Landwirtschaft benötigt wurden.
Nach dem Bau der Eisenbahn, wurden auch Waggons produziert. Die Kundschaft bestand sowohl aus gotländischen als auch aus festländischen Eisenbahnunternehmen. 1890 hatte die Fabrik 21 Angestellte und produzierte Waren im Wert von fast 30000 Kronen. Bis zur Jahrhundertwende expandierte das Unternehmen kräftig.

Neue Verbindungen verringern die Abstände

Eine wichtige Voraussetzung für die schnelle Entwicklung auf allen Gebieten in den 1880er Jahren waren bessere Möglichkeiten Informationen zu übermitteln und Kontakte zwischen Menschen herzustellen. Möglichkeiten der Informationsübermittlung und des Kontakts zwischen Menschen. Neue Berufe wie Briefträger, Dampfschiffkapitän, Lokomotivführer, Telefonist und Telegraphenbeamter trugen auf ihre Weise zu besseren Verbindungen und größerer Gemeinschaft bei. Menschen kamen einander näher und neue Gesellschaften entstanden. Sie halfen bei der Entwicklung der Wirtschaft, der Verbreitung von Nachrichten, freudiger und beunruhigender. Für eine Insel wie Gotland bedeutete die Entwicklung auf dem Gebiet der Kommunikation vielleicht mehr als für viele andere Teile des Landes.
Früher waren Reisen sehr beschwerlich. Es gab keine Vergnügungsreisen, und noch bis ins späte 19. Jahrhundert bewegten sich die Leute wie im Mittelalter fort, zu Fuß oder mit Pferden. Am besten kam auf Flüßen, Seen und dem Meer voran.
Auf Gotland waren die Wege von ordentlicher Qualität, laut zeitgenössischen Stimmen gehörten sie zu den besten des Landes. Wie auch anderswo waren die Bauern dazu verpflichtet, sie im Sommer und im Winter in gutem Zustand zu halten.
Ein Reisender, der vor dem Bau der Eisenbahn auf dem Landweg von Visby nach Hemse wollte, konnte das Mitnahmewesen ausnutzen. Entlang des Weges gab es Rasthäuser im Abstand einiger Dutzend Kilometer. Dort konnte man Kost, Logis und eine Fahrgelegenheit bekommen. 1870 gab es 56 dieser Rasthäuser auf Gotland, eigentlich mehr als notwendig. Im Zuge des Ausbaus der Eisenbahn, verschwanden die meisten von ihnen, aber viele existierten auch noch bis ins nächste Jahrhundert hinein weiter.

Seefahrt und Verbindungen mit dem Festland

Etwa bis 1880 wuchs die gotländische Handelsflotte ständig an. Sie bestand da aus etwa 94 Schiffen, darunter vier Dampfschiffe. Etwa ein Drittel gehörte Einwohnern Visbys, der Rest Händlern, Kalkpatronen und Bauern vom ländlichen Gotland. Viele Schiffer hielten Anteile an den Schiffen, mit denen sie fuhren. Es gab einige sogenannte Teilreedereien, aber auch einige regelrechte Reedereien.
In Visby, Slite und Klintehamn gab es Werften. Sie wurden normalerweise nur zum Umbau und zur Reparatur von Schiffen verwendet, komplette Neubauten waren selten.
Die Seefahrt war wichtig für Gotland. Nicht nur die Besucher, die auf die Insel kamen, sondern auch der gesamte Im- und Export hing von guten Verbindungen über das Meer ab. Und Gotland wurde immer mehr davon abhängig, da sowohl der Handel als der Besucherstrom wuchsen. Das romantische Visby lockte Künstler und Schriftsteller und allmählich auch "Badegäste". Ihre Anforderungen zusammen mit den immer höheren Ansprüchen der ständigen Bewohner der Insel vergrößerten den Bedarf an einem umfangreicheren Warenangebots in den Kaufläden. Diese Entwicklung läßt sich an den Importwaren in den 1870er Jahrennachvollziehen, die meist aus Kolonialwaren wie Zucker, Kaffee und Tabak, Wein, Salz, Maschinen, Metallen, Tuch, Papier und Ziegelsteinen bestanden. Der Export von der Insel bestand zu dieser Zeit aus den traditionellen Waren wie Getreide, Holz, Kalk und Sandstein, in immer größerem Maße aber auch aus lebendem Vieh, Fisch, Wolle, Eier, Schaffleisch, Häuten, grobem Fries, Milchprodukten, Streichhölzern und Früchten.
Um 1850 waren zwischen 500 und 600 Gotländern in der Seefahrt beschäftigt. Die See lockte die Jugend, und es ging so weit, daß sich die Bauern über fehlende Arbeitskräfte beklagten.
Es dauerte bis spät ins 19. Jahrhundert, bis es feste und regelmäßige Verbindungen zwischen Gotland und dem Festland gab. Neben den Fahrzeugen, die in den gotländischen Häfen verkehrten, gab es die Möglichkeiten mit den kleinen und unbequemen Postjachten zwischen Böda auf Öland und Visby oder Klintehamn zur Insel oder von ihr weg zu kommen. In Klinte war das große Geschäftshaus der Familie Donner eine Zeit lang ein Zentrum für Seeleute und Reisende. Dort gab es Essen und Unterkünfte für Reisende "besserer Klasse".
In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurde eine größere Postjacht im Verkehr nach Gotland eingesetzt. Sie war mit solchen Bequemlichkeiten wie Kajüten und einem Salon ausgestattet und bot insgesamt 17 Schlafplätze. Im Salon gab es einen Herd, an dem die Gäste selbst von Mahlzeiten zubereiten konnten und außerdem vor dem Mast zwei Toiletten. Zudem gab es Platz für acht Pferde und einige Wagen.
Für den, der einen Grund hatte zwischen Gotland und dem Festland oder umgekehrt zu reisen, war der Preis sicher erschwinglich. Ein "Herr, Frau, Fräulein oder Demoiselle" bezahlten drei, ein "Kind aus besseren Kreisen" einen Reichstaler für einen Kajütenplatz. "Juden und ihre Ehefrauen" kostete die gleiche Reise vier Reichstaler. Es war aber kein Vergnügen, mit der Postjacht zu fahren. Besonders im Winter waren die Verhältnisse beschwerlich, und Passagiere und Besatzung mußten viele Strapazen ertragen.
Im Sommer 1829 begann das Dampfschiff "Ellida" mit einem sporadischen Winterverkehr zwischen Visby und dem Festland. Zwei Jahre später setzte der bekannte Schiffsbauer Samuel Owen den Raddampfer "Stockholm" im Verkehr mit Gotland ein. Das Schiff war gut ausgestattet, mit einem Salon für Herren, einem für Damen, Kajüten und einem Restaurant. "Ellida", "Stockholm" und ein drittes Schiff, die "Daniel Thunberg", waren während eines kurzen Zeitraums gleichzeitig unterwegs, vor allem um Stockholmer nach Visby zu bringen. Der erste Touristenverkehr hatte begonnen.
1836 machte ein neuer Raddampfer, die Gottland, seine Jungfernfahrt. Auf der Gottland gab es unter Deck Platz für 29 Passagiere, und die erreichte fast acht Knoten. Das Schiff war jedoch vom ersten Augenblick an vom Pech verfolgt. Schon auf der ersten Fahrt zwischen Stockholm und Visby lief es in den Schären auf Grund, und in Västervik, wohin die Reise zunächst führte, nahm die Besatzung so feuchtes Holz an Bord, daß es mehrere Stunden dauerte, bis der Dampfkessel kochte. Nach großen Problemen mit Treibeis kam das Schiff langsam in die Nähe Gotlands, aber auf der Höhe von Stora Karlsö ging der Besatzung das Brennholz aus. Eine Fischerhütte auf der Insel mußte als Brennstoff für das letzte Stück nach Visby dienen - wo der Lotse und der Kapitän sich nicht auf einen Kurs einigen konnten und deshalb noch einmal auf Grund liefen.
Nach einem mißglückten Versuch der Postbehörden, die Verbindungen mit dem Dampfer "Activ" zu verbessern, wurden es die Gotländer müde. Die Forderungen nach besseren und sichereren Verbindungen mit dem Festland wurden immer lauter. Nun stieg die gotländische Wirtschaft in Person des Großhändlers L.N. Enequist aus Visby mit ein, der sich anbot, den Verkehr mit Festland mit einem neuen Schiff zu gewährleisten. 1851 lief es in Visby vom Stapel und bekam den Namen "Kronprinsessan Louise". Einige Jahre später sorgten drei Schiffe für den Verkehr zwischen Visby und dem Festland. Die Folge war, daß ein Preiskrieg ausbrach, aber auch daß neue Routen ausprobiert wurden.
Rechtzeitig vor dem Ende von Enequists Pacht bestellte die Generalpostverwaltung ein neues Schiff. Es bekam den Namen "Polhem" und wurde 1858 in Dienst gestellt. Der neue Dampfer war ein Meilenstein im Gotlandverkehr. Mit der "Polhem" war es endlich möglich, auch im Winter regelmäßigen Verkehr zum Festland aufrechtzuerhalten. Kurz darauf begann noch eine neue Epoche der Festlandsverbindungen, als 1865 das Dampfschiffunternehmen Gotlandsbolaget gegründet wurde. Im Jahr darauf machte das erste Schiff des Unternehmens, die "Wisby", ihre Jungfernfahrt, und mit ihr wurde die Tür nach Gotland endgültig aufgestoßen.

Die Post

Schon im 17. Jahrhundert organisierte der tatkräftige Reichskanzler Axel Oxenstierna das schwedische Postwesen. Auf dem Land mußten Bauern Briefe zwischen verschiedenen Behörden befördern. Dies wurde Kronbriefbeförderung genannt. Dafür wurden ihnen einige staatliche Steuern erlassen. Sie wurden Postbauern genannt und wohnten auf den Posthöfen. In einigen Städten wurden Poststellen eingerichtet, in Visby schon 1689.
Auf Gotland kam die Festlandspost von Böda auf Öland erst nach Fröjel, dann nach Klintehamn. Lange waren es die Postbauern, die in eigenen Schiffen einmal in der Woche über die See segelten oder ruderten und dabei mußten sie oft ihr Leben auf's Spiel setzen. Angesichts der Wichtigkeit der Verbindungen, wünschten vor allem die Behörden größere und bessere Boote.
1718 ließ der Landshövding Psilander eine Postjacht bauen, und damit endeten die gefährlichen Segelfahrten der Postbauern. Im Winter, wenn das Eis die Ostsee bedeckte, mußten sie aber auch weiterhin mit ihren kleinen Booten einspringen. In den 1740er Jahren betrieb die Post eine eigene Jacht zwischen Böda und Klintehamn, danach überließ sie die Beförderung Privatpersonen. Etwa hundert Jahre später konnte die Post mit Dampfschiffen verschifft werden, aber erst nach Indienstnahme des Schraubendampfers "Polhem" konnten die Postjachten endgültig stillgelegt werden.
Gotland gehört zu den schwedischen Regionen, die zuerst einen regelmäßigen Postgang bekamen. Einen ersten Versuch machte der dynamische und erfinderische Probst Olof Fåhraeus in Hablingbo. Durch seine Initiative wurde 1813 eine Postlinie zwischen Burgsvik und Visby mit "Poststationen" in Öja, Havdhem, 211Alva, Hemse, Levide und Klinte eingerichtet. In Visby war der Kaufladen Kahl an Söderport die Endstation. Das Unternehmen lief von Anfang an mit Verlust, und schon 1815 waren die Verantwortlichen gezwungen, das Projekt wieder aufzugeben.
Ein Dutzend Jahre später nahm der Landshövding Cederström Fåhraeus' Ideen wieder auf. 1820-25 eröffnete er Postlinien, die Visby mit dem Rest der Insel verbanden. Einige Bauern erklärten sich bereit, neben offiziellen Briefen auch private Briefe und Sendungen zu befördern. Die Post ging von Visby einmal in der Woche nach Fårö im Norden, Östergarn im Osten und Vamlingbo im Süden. Als Poststationen dienten üblicherweise die Pfarrhöfe. Die Briefträger, die gegen ein kleines Entgelt laufend oder gehend für das Verteilen der Post verantwortlich waren, wurden in den Kirchspielen bestimmt.
Es handelte sich nicht um besonders schnelle Beförderung. Zum Beispiel verließ die Post nach Fårö Visby am Freitag nachmittag, passierte Väskinde, Fole, Hejnum und Othem, das der Briefträger nach einem Tag erreichte. Am Samstag abend war die Post in Bunge und nach Fårö kam sie am Sonntag vormittag.
1873 wurde die Kronbriefbeförderung eingestellt, und die Postbauern wurden von ihrer Pflicht, die Briefe der Behörden zu befördern, freigestellt. Jetzt entstanden in fast jedem Pastorat auf Gotland Poststellen, seit zwanzig Jahren gab es Briefmarken. Briefkästen wurden ein normaler Anblick längs der Straßen und Wege. Ungefähr zur gleichen Zeit wurden neue und schnellere Arten der Postbeförderung etabliert, erst mit Postkutschen zwischen Visby und Klintehamn, Slite, Fårösund, Roma, Katthammarsvik und Ljugarn, später dann mit der Eisenbahn.

Der Telegraph

Es gib viele "unvergeßliche Tage" in der gotländischen Geschichte. Laut eines zeitgenössischen Zeitungsberichts war der 16. Mai 1859 ein solcher. Genau an diesem Tag brachte ein Schiff bei Kopparsvik südlich Visbys ein Unterwasserkabel an Land, das telegraphischen Kontakt mit dem Festland ermöglichte. Elektrische Batterien wurden zum Einsatz gebracht, und die ersten Worte flogen schneller als der Blitz über die Ostsee. Oder genauer gesagt, unter ihr her, da das Kabel auf dem Grund des Meeres lag. Kanonen schossen einen mächtigen Salut, und die Zuschauer feierten mit lauten "Hurra!"-Rufen das glückliche Ergebnis.
Und natürlich hat der interessierte und überall anwesende Per Arvid Säve das spannende Ergebnis in einem "Telegraphengedicht" besungen:
"Das Band, von der Natur geschlossen,
Und geheiligt durch das Blut,
Hat die Kunst nun enger geschlossen
Als die Worte blitzschnell fuhren.
Ein Strahl aus Licht
Ist uns der Telegraph:
Unter dem Meer, im Kies
Leitet er die Fackel des Gedankens..."
Das neue Kommunikationsmittel, das dank Morses Erfindung von 1832 praktisch anwendbar wurde, bekam große Bedeutung für Gotland. Die Isolierung wurde teilweise überwunden, Neuigkeiten kamen schneller voran, und die wachsende gotländische Wirtschaft konnte Kunden und Lieferanten auf vorher nie gekannte Weise erreichen.
In den 1860er Jahren wurde eine Telegraphenlinie von Visby nach Klintehamn und dann weiter nach Ronehamn gebaut. Kurz danach kamen auch Slite, Burgsvik und Fårösund in den Genuß der neuen Erfindung. Die Telegraphenmasten wurden zu einem bestimmenden Teil der gotländischen Landschaft.
Eine weitere Verbesserung der Verbindungen mit dem Festland wurde durch ein Kabel nach Stockholm über Gotska Sandön und Huvudskär verwirklicht.

Die Stimme aus der Ferne

Der Telegraph wurde mit der Zeit von der "Stimme aus der Ferne", dem Telefon, ausgestochen. Nur einige Jahre nachdem Alexander Graham Bell 1876-77 seine Erfindung patentiert bekam, gab es Telefone für den internen Gebrauch bei Gotlands Allehanda. 1882 gründeten einige Enthusiasten einen Telefonverein in Visby, und im Jahr darauf errichtete Slites Telefonunternehmen die damals längste Telefonleitung Schwedens. Sie führte von Slite nach Visby und war ganze 40 Kilometer lang. Kurz darauf konnte eine Zeitung folgendes mitteilen:
"Ein mündliches Gespräch zwischen Visby und Hemse, 50 Kilometer von hier entfernt, wäre wohl in alten Zeiten als Zauberei bezeichnet worden. Und doch geschieht das in unseren Tagen mit allergrößter Leichtigkeit. Es war gestern vormittag, als unser Telefonapparat klingelte, und eine bekannte Stimme zu hören war, so deutlich und klar, als ob sie aus der direkten Nachbarschaft kam, die "Guten Morgen!" wünschte - aus Hemse..."
Erst 1920 bekam Gotland eine feste Telefonverbindung mit dem Festland.

Die Eisenbahn

Ermuntert und begeistert von den guten Erfahrungen mit Eisenbahnbauten auf dem Festland, begannen um 1870 einige Privatpersonen an Plänen zu arbeiten, auch auf Gotland Eisenbahnen anzulegen. Durch schnelle und bequeme Zugtransporte sollten die Verbindungen auf der Insel erheblich besser werden, nicht nur für die Einwohner der Insel, sondern auch für die Rohstoffe und Produkte der wachsenden Industrien. Vielleicht wollten auch einige der Initiatoren Eisenbahnaktien kaufen und einen guten Verdienst erzielen, wenn das Projekt planmäßig lief. Die treibende Kraft hinter dem Vorschlag war der Regimentsarzt Ernst Leijer.
Mehrere Jahre mit hitzigen Diskussionen in Stadtrat, Landsthing und dem Reichstag folgten. Viele bezweifelten die Wirtschaftlichkeit des Projektes. Schließlich wurde 1875 doch Gotlands Eisenbahnaktiengesellschaft gegründet. Im Jahr darauf stellte die Regierung die Genehmigung für die Tätigkeit des Unternehmens aus, und erlaubte den Bau einer Eisenbahn auf Gotland.
1877 wurde mit den Arbeiten begonnen, die nach ersten Berechnungen 330 000 Kronen kosten sollten. Alles ging schneller als erwartet und schon am 10. September des folgenden Jahres konnte Oskar II. die Linie Visby-Hemse mit großem Pomp einweihen.
Ein Zug mit zwei flaggengeschmückten Lokomotiven und vierzehn Waggons transportierte den König und einige hundert Gäste von Visby nach Hemse. Auf dem Weg hielt der Zug an mehreren Stationen, Repräsentanten der verschiedenen Gemeinden hielten Reden und viele Neugierige standen an der Bahnlinie, um den königlichen Glanz zu bestaunen. In Hemse stieg die ganze Gesellschaft aus und spazierte zur Kodings-Wiese, wo ein großes Zelt aufgestellt war, das mit Wimpeln, Kränzen und Wappen geschmückt war. Nach einem Essen mit mehreren Gängen und exzellenten Weinen, vielen Reden und "Hurra!"-Rufen kehrten alle wieder nach Visby zurück. Die erste Eisenbahn auf Gotland war damit eingeweiht. 1878 dauerte es drei Stunden, um die knapp 50 Kilometer zwischen Visby und Hemse zurückzulegen. Mit den Aufenthalten in Roma, Buttle, Etelhem und Stånga eingerechnet, erreichte die Eisenbahn eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 16,6 km/h. Allmählich konnte man die Geschwindigkeit auf das Doppelte steigern, und irgendwann um 1900 dürften die Gotländer entdeckt haben, was wirklich langsam war, nämlich mit Pferdekutschen zu reisen. Sogar wenn sowohl Kutscher als auch Pferd Heimweh hatten. Nun hielt die Eile, die bis jetzt den Beamten vorbehalten war, in das Leben der Landbevölkerung Einzug.
Trotz der Neugier lief die Eisenbahn in den ersten Jahren schlecht. Die Rettung kam mit dem Bau der Zuckerfabrik in Roma in den 1890er Jahren. Die Transporte mit der Eisenbahn waren eine Voraussetzung für den Rübenanbau, und der Rübenanbau wurde wiederum zur notwendigen Voraussetzung der Eisenbahn. Aus Verlusten wurden Gewinne, und die Eisenbahngesellschaft konnte ihre Finanzen schnell aufbessern.
Nun war es sogar möglich, das Streckennetz auszubauen, in erster Linie Richtung Norden und Süden. 1896 wurde die Strecke Visby-Väskinde gebaut, zwei Jahre später wurde sie bis Tingstäde verlängert. 1900 und 1908 wurde die Linie im Süden zunächst nach Havdhem und dann nach Burgsvik gebaut. Die letzte Etappe der gotländischen Eisenbahn wurde 1921 eingeweiht, als auch Lärbro eine Eisenbahnverbindung bekam.

Das Eisenbahnnetz wird ausgebaut

Die vorteilhafte Entwicklung der gotländischen Landwirtschaft und nicht zuletzt der Anbau von Zuckerrüben verlangten nach einem Ausbau des Streckennetzes. 1898 begann ein Unternehmen mit dem Verkehr zwischen Roma und Klinthamn, eine Linie, die 1924 bis nach Hablingbo verlängert wurde. Auch für den Verkehr nach Slite und Ronehamn wurden eigene Gesellschaften gebildet. 1902 und 1903 wurden die beiden Landhäfen, die beide als Standort eines neuen Zuckerwerks gedacht waren, an das restliche Netz der Insel angeschlossen.
Keine der neuen Strecken war besonders lohnend, aber dank der Hilfe durch die Zuckerfabrik und der Gemeinden entlang der Strecke konnten sie überleben. Doch schon 1918 wurde die erste Strecke auf Gotland wieder stillgelegt, nämlich Hemse-Ronehamn.
Eine Sonderstellung nahm die Strecke Visby - Visborgs slätt - Västerhejde ein. Als 1904 südlich der Stadt neue Kasernen gebaut wurden, war dem Militär daran gelegen, eine Personenverbindung mit der Stadt zu haben und baute aus eigenen Mitteln die kleine Eisenbahn. Sie wurde von einer Dampflokomotive mit einem Waggon befahren. Darin gab es zwei Abteile, eins für Offiziere und eins für Mannschaften und Zivilisten. 1912 wurde diese Bahn bis Hallvards im Kirchspiel Västerhejde ausgebaut. Die vor allem bei Touristen beliebte, idyllische Västerhejdebahn wurde während des Zweiten Weltkriegs stillgelegt.
Mitte der 20er Jahre begann die Eisenbahn Konkurrenz vom immer stärkeren Verkehr auf den Landstraßen zu bekommen. Um dieser Konkurrenz zu begegnen waren alle Eisenbahngesellschaften gezwungen, ihr Angebot mit Bussen und Lastwagen zu komplettieren. Während des Zweiten Weltkriegs war der Privatverkehr vielen Beschränkungen unterworfen, und die Eisenbahn hatte so etwas wie eine Renaissance. Es handelte sich aber nur um einen zeitweiligen Aufschwung, denn nach dem Krieg nahm der private Autoverkehr gewaltsam zu.
1947 übernahm die staatliche schwedische Eisenbahn, Statens Järnvägar, alle Strecken auf Gotland, aber der Verkehr war immer noch unwirtschaftlich. 1953 legten die neuen Eigentümer die Strecken Slite-Roma und Roma-Klintehamn-Hablingbo still, fünf Jahre später wurde auch der Güterverkehr auf der Strecke Lärbro-Visby-Roma-Burgsvik eingestellt. 1960 hörte der Eisenbahnverkehr auf Gotland ganz auf. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Personenverkehr durch Schienenbusse aufrechterhalten worden.

Eine Schule für das Volk

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wuchsen die Ansprüche auf eine bessere Ausbildung für die breite Masse des Volkes. Eine neue Regierungsform von 1809 setzte starkes Engagement der Einwohner des Landes in wichtigen politischen und sozialen Fragen voraus. Der Liberalismus wollte die Freiheit des Individuums gegenüber dem Staat verteidigen, die wachsende Mittelklasse verlangte größeren gesellschaftlichen Einfluß. Der Bedarf an der Fähigkeiten lesen, schreiben und rechnen zu können, wurde immer größer.
Nach langen Diskussionen konnte sich Schwedens Reichstag 1841-42 endlich darauf einigen, eine grundlegende Schulbildung für alle einzuführen. Laut der Volkschulverordnung von 1842 sollte jede Gemeinde innerhalb der nächsten fünf Jahre eine feste Schule mit einem qualifizierten Lehrer haben. Der Besuch der Schule war obligatorisch.
Trotzdem dauerte es lange, bis wirklich alle Kinder die Schule besuchten. Die Versorgung mit Lehrern und Gebäuden ließ zu wünschen übrig, der Unterricht kostete Geld, oft war der Schulweg lang und beschwerlich und viele waren immer noch nicht davon überzeugt, daß Schulbildung wirklich notwendig war. Gleichzeitig gab es andere, die die dominierende Rolle der Kirche im Bildungswesen kritisierten. Und die Konservativen sahen es als gefährlich an, daß die Arbeiterklasse lesen lernte.
Die Reform von 1842 war keine plötzliche Veränderung in der Geschichte der schwedischen Schule. Es hatte schon davor Schulen gegeben. Schon im 16. Jahrhundert gab es sogenannte Kinderschulen, aber erst in einem Kirchengesetz von 1686 gab es die Andeutung von Volksbildung. Das Gesetz betonte die Bedeutung des eigenständigen Lesens der Bibel und des lutherschen Katechismus'. In erster Linie war es die Aufgabe der Priester und Glöckner, "mit Fleiß und Glauben die Unterweisung der Kinder durchzuführen". Die Unterweisung war auch ein wichtiges Element in der "Schwedisierung" der Provinzen, die im 17. Jahrhundert erobert worden waren.
Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert warben Behörden und weitsichtige Männer für mehr Bildung. Ihnen war kein Erfolg beschieden. Deswegen war die Reform von 1842 bei allen Schwierigkeiten von großer Bedeutung. Nun sollte das schwedische Volk endlich eine grundlegende Ausbildung bekommen.

Fleißig die Schule besuchen

Gotland lag von Anfang an weit vorn. Schon um 1700 gab es in den meisten Pastoraten Schulmeister, üblicherweise war das der Glöckner, hundert Jahre später auch in fast allen Gemeinden. 1812 führten die staatlichen Behörden eine Untersuchung des Bildungswesens in unterschiedlichen Landesteilen durch. Im Stift von Visby gab es in allen Kirchspielen feste Schulen. Das war weitaus besser als in den meisten anderen Landesteilen. Der Unterricht bestand hauptsächlich aus Auswendiglernen und dem Katechismus, aber vielerorts wurden auch Schreiben und Rechnen unterrichtet.
In dem Jahr, in dem die Untersuchung durchgeführt wurde, schenkte der Landshövding von Rajalin der Gemeinde Roma 20 Fässer Getreide als Grundstock zu einem Sockenmagasin. Mit dem Zins, den die Bauern auf Kredite aus dem Sockenmagasin bezahlen mußten, sollte eine Schule eingerichtet und unterhalten werden.
Die "Rajalin-Schule" nahm erst 1819 ihre Arbeit auf. Sie war die erste Schule auf dem Land, die ihren Schülern eine etwas zeitgemäßere Ausbildung bot. Laut Schulprogramm sollte sie für die Erziehung und Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen sorgen. Die wichtigsten Fächer waren Lesen, Bibel- und Katechismuskunde, Naturkunde, schwedische Geschichte, Geographie und die Grundrechenarten.
Einige Jahre später wurden auch in anderen Kirchspielen ähnliche Schulen eingerichtet. In Tingstäde und auf Fårö entstand die "Gazelius Schule" durch Spenden des Händlers Christoffer Gazelius, und in Varlingbo und Ekeby stellte der Landwirt Lars Mellin Mittel für die "Mellin Schule" zur Verfügung.
In Slite wurde auf Initiative des Kalkpatrons Nils Enequist die "Fredriks Schule" gegründet. In der Gemeindeversammlung, die den Beschluß über eine neue Schule fassen sollte, wandte sich Enequist beredt an die wichtigste Gruppe, die Bauern, "den ehrwürdigen, edlen Stand, der die Erde bestellt und verteidigt, die wichtigste Kraft und Stütze des Landes." Wenn sie lesen könnten, könnten sie neue Anbaumethoden kennenlernen, um den Ertrag zu erhöhen und die Landwirtschaft effektiver zu machen. Die Bauern ließen sich gerne schmeicheln und faßten den fortschrittlichen Gedanken, die vorgeschlagene Schule einzurichten - auch wenn es etwas kosten sollte.
Enequist machte einen Entwurf zu den Zielen der Schule, die verwundernswert modern sind:
"Wenn wir uns eine gute Schule ausdenken, die das Ziel hat, den Kindern vollkommene Kenntnis des Christentums beizubringen, die Fähigkeit unsere schöne Sprache richtig und klar zu schreiben, sicher und gründlich zu rechnen, diese für uns alle wichtigen Fähigkeiten, und dazu eine allgemeine Auffassung unserer Erde, was es auf ihr gibt, was uns umgibt, über die Himmelskörper im unermeßlichen All, die Ursachen der Wechsel der Jahreszeiten, des Wechsel von Tag und Nacht, einige Kenntnisse über unser Vaterland, die früheren Schicksale seiner Bewohner, ihrer Bedürfnisse, ihres Fleißes und ihrer Rechtschaffenheit, ihrer Tapferkeit bei der Verteidigung des geliebten Muttererde, ihrer Gesetze, die bei kleinen Veränderungen immer noch die gleichen sind, so ist das alles, was heutzutage von einem achtbaren Mitglied der Gesellschaft erwartet werden muß..."
Heute würden die "Fächer", die Enequist aufzählt, wahrscheinlich Religion, Schwedisch, Mathematik, Physik, Geographie, Geschichte und Gesellschaftskunde heißen - aber alle unterschieden sich von den gleichnamigen Fächern in der heutigen Schule. So lernten zum Beispiel die Schüler in dem beliebten Lesebuch von Anders Jakob Danielsson Cnattingius aus dem Jahr 1832 folgendes:
"Ich bin ein Kind. Gott hat mich und alles, was ich sehen kann, erschaffen. Gott hat mehr erschaffen, als ich sehen kann. Er hat unsere Welt erschaffen. Er gibt mir alles Gute. Gott will, daß ich ein frommes und liebes Kind werde, so werde ich froh und glücklich...
Wenn ich freundlich und eifrig bin und alles mit Fleiß erledige, bin ich froh und lerne alles, was ich können muß. Ich weiß auch, daß das meinen Vater und meine Mutter freut...
Ich soll fleißig in die Schule gehen, genau auf das hören, was gelehrt wird und mit Freuden das lesen, was ich lesen soll.
Ich soll meine Pflichten sorgfältig erledigen und meine Zeit gut ausnutzen, denn meine Zeit ist ziemlich kurz.
Fleiß und Mühe tragen ihren Lohn in sich. Mein ganzes zukünftiges Glück gründet sich auf den Fleiß meiner Kindheit und meiner Jugend...
Wenn ich älter werde und mehr Verstand habe, werde ich erkennen, daß all dies die Wahrheit ist und dann werde ich Freude an meine Schulzeit zurückdenken, wenn ich fleißig war und sie wohl genutzt habe. Aber wenn ich faul und träge war, werde mit Reue der verschenkten Tage gedenken, die ich nicht zurückkaufen kann..."
Um 1840 gab es auf Gotland 15 Schulen mit ähnlichen Unterrichtsmethoden. Alle wandten die Wechselunterrichtsmethode nach Bell und Lancaster an, nach der ältere und tüchtige Schüler dem Lehrer beim Unterricht halfen.
In Visby kam die Gesellschaft DBW noch Rajalin in Roma zuvor. Schon 1815 startete "Die Wechselunterrichts-, Frei-, und Armenschule der Gesellschaft DBW", die in erster Linie für die Kinder von "bedürftigen Einwohnern der Stadt" gedacht war. Der Unterricht folgte im allgemeinen den gleichen Richtlinien wie in den Landschulen.
1900 gab es 94 Volksschulen und 61 kleinere Schulen auf Gotland. Es gab 7254 Schüler, aber von ihnen nahmen 773 nicht am Unterricht in der obligatorischen Schule teil.

Breitere Ausbildung

Der Bedarf an Bildung und Unterricht stieg während des ganzen 19. Jahrhunderts. Neben der stark expandierenden Tätigkeit der obligatorischen Volksschule, wurden immer mehr Schulen mit spezieller Ausrichtung gegründet.
1876 gab es in Visby eine Sonntagsschule für Berufstätige, eine Handarbeitsschule für Mädchen und eine für Jungen, eine Artillerieschule, eine Navigationsschule, ein Gymnasium, eine Mädchenschule und Königin Desiderias Arbeitsschule für Mädchen. Das Gymnasium, das 1859 neue Räumlichkeiten mitten in der Stadt bekommen hatte, wurde schon bald wieder zu klein. Außerdem war es mit dem bemerkenswerten Fehler behaftet,
"daß es nicht angemessen geheizt werden konnte, so daß in kalten Wintern die Raumtemperatur im allgemeinen nicht mehr als 10-12 Grad beträgt. Dies ist erwiesenermaßen schädlich für die Gesundheit von Lehrern und Schülern..."
Auf dem Land gab es gleichzeitig ein behelfsmäßiges Seminar für Grundschullehrerinnen, eine höhere Volksschule in Klintehamn, eine Volkshochschule in bei Isums im Kirchspiel Atlingbo und bei Varplösa im Kirchspiel Björke eine Landwirtschaftsschule. Mit anderen Worten war für schulische Bildung der gotländischen Jugend gut gesorgt.

Populäre Vorträge

In den 1890er Jahren bekamen auch Erwachsene eine Chance, mehr über die Welt zu erfahren. Damals begann der Arbeiterverein in Visby, Vortragsreihen zu veranstalten, die schnell sehr populär wurden und die mit der Zeit auch auf dem Land viele Nachahmer fanden. Die Vortragsvereine waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sehr wichtig für die Volksbildung auf Gotland.
Im ersten Halbjahr 1899 hörten über 4000 Menschen die 22 Vorträge. Die beliebtesten Themen waren Geschichte, Naturkunde und Geographie, aber auch Vorträge über Psychologie, Technik und Medizin waren gut besucht. Durchschnittlich wurde jede Veranstaltung von etwa 200 Zuhörern besucht. Anfangs waren die Vorträge kostenlos, aber nach einer Zeit mußten die Veranstalter einen Eintritt von fünf Ören verlangen. Man konnte auch Jahreskarten für eine Krone kaufen. Der Vortragende bekam 22 Kronen, wenn er seinen Vortrag durch Karten, Experimente oder Lichtbilder illustrierte.

Volksbewegungen

Die russische Besetzung im Jahre 1808 weckte unter den Gotländern einen neuen Bürgergeist. Ein Beispiel dafür war die Miliz, Nationalbeväringen, ein anderes die Gründung von Vereinen oder Gesellschaften, die sich der Förderung der Kultur oder sozialen Aufgaben verschrieben. Sällskapet DBW (De Badande Wännerna = Die badenden Freunde), Fruntimmersamfundet, Musikaliska sällskapet, Gotlands Fornvänner, Sällskapet UD (Utile Dulci) und Sällskapet GG (Gotlands Gille) sind Bespiele für Vereinigungen, die noch heute einen wichtigen Platz im Kultur- und Gesellschaftsleben Gotlands erfüllen.
Einige ähnliche Vereine wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Volksbewegungen abgelöst, die eine Reaktion auf die großen Veränderungen in der Gesellschaft waren. Die beginnende Industrialisierung, die Veränderung der Landwirtschaft und das Entstehen neuer sozialer Gruppen riefen Gefühle der Unsicherheit und Vereinsamung bei vielen Menschen hervor.
Eine Möglichkeit zu einer neuen Gemeinschaft boten die Volksbewegungen und deren Ortsvereine. Man sammelte sich um eine Idee oder Vorstellung, die von vielen geteilt wurde. Diese Gruppen waren demokratisch aufgebaut und in breiten Volksschichten verankert, oft protestierten sie gegen die Reichen und Mächtigen in der Gesellschaft, und sie wollten alle eine bessere Gesellschaft schaffen.
In der Bewegung empfanden die Menschen ein Gefühl der Gemeinschaft, sie engagierten sich in wichtigen Problemen und bekamen ein neues Selbstwertgefühl. Die Organisierung bedeutete Macht, nun war es möglich, sich gegen etwas zu wehren oder dafür zu kämpfen; daran hätte man früher überhaupt denken können. Die Mitglieder konnten endlich für ihre Rechte streiten, auch wenn sie noch oft verhöhnt oder verlacht wurden. In den Volksbewegungen wurden die Menschen auch zur Demokratie erzogen, sie lernten zu diskutieren, Beschlüsse zu fassen, Reden zu halten und den Willen der Mehrheit zu akzeptieren. Viele Politiker machten diese wertvollen Erfahrungen.

Proteste gegen die Kirche

Die erste Massenbewegung, die auf Gotland wichtig wurde, war die Erweckungsbewegung. Diese neue religiöse Bewegung erreichte zuerst den südlichen Teil der Insel, aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die "Leserei" schon über die ganze Insel verbreitet. Die Erweckungsbewegung entsprang anfangs der Kritik an der schwedischen Staatskirche. Es gab Einwände gegen die kirchlichen Gottesdienste und den undemokratischen Aufbau der Kirche, aber auch gegen die dominierende Position der Priester in der Gesellschaft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden nach und nach mehrere Gesetze abgeschafft, die die Staatskirche "geschützt" hatten. Eine der wichtigsten Maßnahmen war die Aufhebung des sogenannten "Konventikelplakates", das private religiöse Versammlungen verbot.
Die verhältnismäßig geringe Fläche der Insel und die immer besseren Kommunikationsmöglichkeiten waren die Voraussetzungen dafür, daß die Gotländer auch auf religiösem Gebiet schnell von neuen Moden ergriffen wurden. Die Insel wurde darüber hinaus kaum von der Erneuerungsbewegung innerhalb der Staatskirche erfasst, und viele Gemeindepriester engagierten sich kaum im Widerstand gegen die freien Gemeinden.
1858 wurden die ersten Baptistengemeinden auf Gotland in Visby, Havdhem und Hamra gegründet. Von 1858 bis 1890 wurden aus drei 24 Gemeinden, aus etwa 300 wurden tausende Mitglieder. Von 1860-65 wurde die gotländische Missionsbewegung gegründet, die ihren stärksten Rückhalt im mittleren und südlichen Gotland hatte. Das Zentrum der Methodisten, die ihre erste Gemeinde 1866 etablierten, waren Buttle und Östergarn. In den 1880er Jahren kam die Heilsarmee nach Gotland, mit dem ersten Korps in Visby. Die Insel konnte sogar mit einer eigenen Erweckungsbewegung aufwarten, den sogenannten Hjorterianern. Diese Bewegung wurde von Jöns Hjorter im Geiste pietistischer Frömmigkeit gegründet, aber die Hjorterianer traten nie aus der Staatskirche aus. Sie hatten ihren Mittelpunkt in Burs.

Der bedrohliche Branntweindrache

Vor 200 Jahrhundert durfte jeder Branntwein brennen. Das Brennen nahm in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kräftig zu, da die Rohstoffe für Schnaps, Getreide und Kartoffeln, billiger wurden. Im Jahr 1850 trank jeder Schwede etwa 23l alkoholhaltige Getränke jährlich (heute sind es ungefähr 5l). Im Jahr 1860, nachdem privates Brennen verboten worden war, produzierte die einzige Brennerei Gotlands etwa 51 000l Branntwein. Laut offizieller Statistik wurden im gleichen Jahr 205 000l Branntwein und ungefähr 30 000l anderer Alkoholika nach Gotland importiert. Damals gab es fast so viele Einwohner wie heute, und trotz des Verbotes gab es sicher noch manchen Bauern, der weiterhin seinen eigenen Schnaps brannte.
Das Angebot an billigen Schnaps führte zu großen sozialen Problemen, und immer mehr Leute erkannten, daß der Alkohol eine ernste Gefahr für die Volksgesundheit war. Auf dem Festland schlossen sich die Abstinenzler schon um 1830 zusammen, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Gotland bekam seine erste Vereinigung dieser Art 1838. Größeren Enthusiasmus bei der Allgemeinheit konnte diese Bewegung aber zunächst nicht wecken.
Aber die Abstinenzler kamen 50 Jahre später zurück nach Gotland. 1882 bekam die Insel ihre erste Guttempler-Loge, 185 St. Olof. Die Guttempler wirkten vor allem durch Studienkreise; sie kauften Bücher und richteten Bibliotheken ein und wurden auf diese Art und Weise zu Pionieren der freiwilligen Volkserziehung. Allmählich erreichten ihre Ideen auch ländliche Regionen. Andere Abstinenzbewegungen wie Blåbandsrörelsen und Verdandi folgten.
Gleichzeitig veränderte sich der Charakter der Abstinenzbewegungen. Die oft gewaltsame Schreckpropaganda der Anfangsjahre mit unüberschaubaren Trauerzügen aus unglücklichen, nackten und blutigen Trinkern, die durch die Kneipenviertel zogen, elende Säufer, die Kinder lebendig verbrannten und der Branntweindrache, der drohte, die Menschheit zu verschlucken, wurde von sachlicher Aufklärungsarbeit und medizinischer Information ersetzt.

Demonstrationen, Streiks und Gewerkschaften

Durch die wirtschaftliche Entwicklung nach 1850 stieg der Bedarf an Arbeitskraft. Die Industrie, der Handel, das Transportwesen und das Fürsorgewesen waren wichtige Sektoren der Gesellschaft, die immer größere Einsätze von den Menschen verlangten. Knechte, Mägde, Seeleute und Kalkarbeiter gab es schon lange in der gotländischen Gesellschaft. Nun traten auch Gruppen von Menschen auf, die im Steinbruch arbeiteten, Zement herstellten und Maschinen bauten. Dazu kamen Angestellte im Einzelhandel, Bauarbeiter, Hafenarbeiter, Eisenbahner und Krankenschwestern.
Sie hatten einiges gemeinsam: die Löhne waren schlecht, sie waren von den Arbeitgebern abhängig, wohnten schlecht und waren oft krank. Aber das wichtigste war, daß sie kein Stimmrecht und keinen Einfluß in der Gesellschaft besaßen.
Es dauerte, bis die Arbeiter es wagten, ihren Unmut zu zeigen. So lange sie nicht zusammen arbeiteten, hatten sie nicht genug Kraft zu handgreiflichen Protesten. Zwar gab es in Visby seit 1855 Anfänge, aber nichts glich einer organisierten Arbeiterbewegung.
Viele Arbeiter in der Stadt hatten ihre Arbeitsplätze verlassen, als Gerüchte aufkamen, die Bäcker würden bald kein Mehl mehr haben, um Brot zu backen. Es sollte für die Bauern lohnender sein, ihr Getreide zum Festland zu exportieren, als es auf Gotland zu verkaufen. Die Streikenden zogen unter großem Lärm durch die Straßen, gefolgt von einigen "gesetzlosen" Handlungen. Ein Polizist wurde bedroht, und auf dem Markt wurden einige Bauern mit Schimpfworten belegt. Als die Arbeiter bei Landshövding af Dahlström um Hilfe bitten wollten, wurde ihnen das Gesetz über Landfriedensbruch vorgelesen. Aber erst als sich das Militär auf einen Einsatz vorbereitete, konnte die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden.
1880 demonstrierten die Arbeiter Visbys erneut, diesmal war Arbeitslosigkeit der Grund. Nachdem den Arbeitslosen Arbeit beim Ausbau des Hafens versprochen worden war, gingen sie "ruhig und still" auseinander. Drei Jahre später bekamen die Gotländer einen kleinen Hinweis, auf das, was noch kommen sollte:
"Die merkwürdige Arbeiterbewegung hat sich bis zu unserem Ort ausgebreitet. In Visby ist ein Arbeiterring gegründet worden, dessen Tätigkeit bereits recht umfassend ist..."
1886 gründeten die Typographen die erste Gewerkschaft auf Gotland. Kurz darauf sollten auch die Steinarbeiter, Bäcker, Schneider und Schuhmacher das Gleiche tun. 1899 wurde die erste Demonstration am 1. Mai, dem Tag der internationalen Arbeiterbewegung in Visby mit den dazugehörigen "brandroten Sozialistenreden", wie es eine Zeitung ausdrückte, veranstaltet. Im gleichen Jahr streikten die Typographen für höhere Löhne. Dies war der erste organisierte Streik auf der Insel.
Kurz nach der Jahrhundertwende gründeten die Arbeiter in Visby und Hellvi die ersten Arbeiterkommunen Gotlands. Folkets-hus-Vereine wurden ins Leben gerufen, und einigen Orts sogar Abstinenzabteilungen. In einigen nördlichen Kirchspielen wurden die ersten kooperativen Geschäfte eingerichtet, "kopen" später "Konsum".
Der große Streik von 1909 wurde ein Rückschlag für die Arbeiterbewegung auf Gotland, und während einiger Jahre verlor sie immer mehr an Bedeutung. Während des Ersten Weltkrieges waren die Arbeiter aber erneut gezwungen, sich zusammenzuschließen, um Teuerung und Knappheit zu begegnen. Das war ein Durchbruch, und von nun an wurde die Arbeiterbewegung immer wichtiger. Besonders galt dies für Nordgotland, wo Steinbrüche und Zementfabriken die wichtigsten Arbeitsplätze waren.

Von Spielen zu Wettkämpfen

Der Sport als Volksbewegung ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Eine breite Allgemeinheit begann sich nach den schwedischen Erfolgen bei den Olympischen Spielen in Athen 1906 und Stockholm 1912 für Sport zu interessieren. An den Wettkämpfen in Stockholm nahm unter anderem der gotländische Diskuswerfer Gunnar Nilsson teil, und einige Gotländer zeigten gotländische Spiele. Die Grundlagen für den schwedischen und gotländischen Sport wurden aber schon im 19. Jahrhundert gelegt.
Sport ist auf Gotland schon lange üblich, schon in der Wikingerzeit gab es die gotländischen Sportarten bzw. Spiele "varpa" und "pärk", die beide Teil des gotländischen Fünfkampfes sind. Früher traten ganze Kirchspiele gegeneinander in Wettkämpfen an, was heute selten geworden ist. Seit 1912 kümmert sich Föreningen Gutnisk idrott um die Pflege der Traditionen, die zum Beispiel in den Stångaspielen immer noch weiter leben.
Im 19. Jahrhunderts munterten Landshövdinge und Offiziere die Inselbewohner dazu auf, ihre althergebrachten Sportarten weiter zu betreiben. So sollten Körper und Geist gestärkt werden, und die Gotländer blieben fit für die Verteidigung ihrer Insel. Viele Offiziere warben auch energisch für die modernen Sportarten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts populär wurden.
Im Jahr 1878 bildeten mehrere Bürger Visbys - die meisten waren auch Mitglieder von Sällskapet DBW, wo schon lange gotländischer Sport auf dem Programm stand - den ersten richtigen Sportverein auf der Insel, Visby bollklubb. Der Verein wollte sich hauptsächlich mit gotländischem Sport beschäftigen und gotländischen Spielen beschäftigen, aber auch mit dem "englischen Fußball".
1890 wurde der erste große Wettkampf auf Visborgs slätt in Visby ausgerichtet, an dem 500 Sportler teilnahmen. Gewinnen konnte man unter anderem einen von König Oskar II. gestifteten Pokal. Im Jahr darauf nahmen mehrere gotländische Sportler an verschiedenen Showveranstaltungen in Stockholm teil. Am 6. Juni 1895 begann man den sogenannten "Gustavstag" als nationalen Feiertag in Hemse zu feiern. Wettkämpfe in gotländischen Sportarten waren ein zentraler Bestandteil des Programms. Um die Jahrhundertwende wurden auch Wettkämpfe auf Östra Byrummet in Visby veranstaltet. 1904 organisierte man dort die ersten Pferderennen auf der Insel. Die Teilnehmer waren Kavalleristen, und die Bevölkerung zeigte starkes Interesse. Im folgenden Winter wurden die ersten Trabrennen auf dem Eis von Bogeviken bei Slite veranstaltet.
1908 wurde der gotländische Sportverband, Gotlands Idrottsförbund, gegründet, worauf es zu einer starken Entwicklung des gotländischen Sportwesens kam. Neue Sportarten und -vereine kamen am laufenden Band, immer bessere Sportplätze wurden gebaut - 1927 wurde Gutavallen eingeweiht. Der Austausch mit dem Festland wurde immer lebhafter, und viele gotländische Sportler erzielten nationale und internationale Erfolge.

Schweden

Vieles von dem, was das schwedische Volk im 19. Jahrhundert begonnen hatte, wurde von den folgenden Generationen vollendet. Die Industrialisierung des Landes wurde fortgesetzt, die politische Demokratie wurde durch die Stimmrechtsreformen von 1909 und 1918-21 Wirklichkeit, die Arbeiterbewegung hatte ihren Durchbruch, soziale und wirtschaftliche Reformen schufen eine homogenere Gesellschaft.
Aber die Entwicklung verlief nicht immer gradlinig - es gab Rückschläge und Enttäuschungen. Zwar löste sich die knifflige Unionsfrage zwischen Schweden und Norwegen, als sie sich 1905 friedlich trennten, aber schon zehn Jahre später gab es andere Probleme. Der Erste Weltkrieg traf Schweden nicht direkt, die Folgen waren aber deutlich zu spüren. Die meisten Waren wurden knapp: Lebensmittel, Brennholz, Treibstoff, Kleidung. Viele Waren wurden rationiert, andere wurden durch Surrogate ersetzt, im ganzen Land demonstrierten hungrige Menschen. In einigen Orten kam es zu Krawallen und Zusammenstößen mit der Polizei. Sogar Rufe nach einer Revolution wurden laut. 1918 schlug eine schlimme Grippeepidemie, die "Spanische Krankheit" zu. Etwa 10 Prozent der Bevölkerung erkrankten, 20 000 Menschen starben.
Während des Krieges kamen die ersten Sozialdemokraten in die Regierung, und in den folgenden zehn Jahren war die politische Unsicherheit groß. Verteidigungs- und Arbeitsmarktsfragen dominierten die politischen Debatten, und die Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wuchsen.
Der starke Konjunkturrückgang in den 1930er Jahren führte auch in Schweden zu großer Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Die Sozialdemokraten erzielten große Erfolge und konnten nun damit beginnen, Teile ihres Programmes umzusetzen.
Die Kriegsjahre 1939-1945 führten neue Probleme mit sich, aber nicht in dem Umfang wie im Ersten Weltkrieg. Schweden erklärte sich wieder als neutral, aber die Sammlungsregierung war gezwungen, Deutschland große Zugeständnisse zu machen. Rationierungen wurden wieder wichtig, viele Importwaren waren nicht mehr erhältlich, in den Restaurants mußten die Köche lernen, Gerichte mit Biber- und Krähenfleisch zuzubereiten. Alle wehrpflichtigen Männer standen irgendwo in Schweden auf Wache, und während des ganzen Krieges mußte das Land tausende Flüchtlinge aufnehmen.
Nach 1945 profitierten Schweden und die Schweden von der Neutralität während des Krieges. Produktion und Konsum stiegen, es gab Vollbeschäftigung und die sozialdemokratische Regierung fuhr fort mit der Verwirklichung des Sozialstaates durch soziale Sicherheit, Demokratisierung auf allen Gebieten und homogenere Einkommensverhältnisse.
Gleichzeitig ging eine Abrisswelle durch das Land - vieles von dem, was an das alte, ungerechte Schweden erinnerte, sollte weg. Die Freizeitprobleme wuchsen, Umweltfragen wurden immer wichtiger, Gefahren und Chancen von Kernwaffen wurden diskutiert. Die Studenten folgten dem Beispiel ihrer ausländischen Kommilitonen und begannen Krawalle, es wurde Mode zu demonstrieren. Trotzdem glaubten alle immer noch, daß alles besser werde.

Gotland um die Jahrhundertwende

Bevölkerung und Beschäftigung

Im Jahr 1900 wohnten 52 779 Männer, Frauen und Kinder auf Gotland, 8 376 davon in Städten. 67 Prozent der Gotländer arbeiteten in der Landwirtschaft, 17 Prozent waren in der Industrie angestellt. Die Anzahl der Geburten auf 1000 Einwohner war 20,2 im Gegensatz zu 26,9 in ganz Schweden, die Sterberate lag in Gotland und Schweden bei 16,1.
Die bevölkerungsreichsten Kirchspiele waren Lärbro (1352 Einwohner), Klinte (1153) und Fårö (1112). Die wenigsten Einwohner hatte Akebäck mit 146. In diesem Jahr wanderten 224 Gotländer aus, die meisten in die USA, gleichzeitig nahm die Insel 109 Einwanderer auf. Darunter waren viele Småländer, die im Steinbruch, als Bauarbeiter oder bei der Eisenbahn Arbeit fanden.
Die Entwicklung der Landwirtschaft schritt weiter voran. In mehreren Moorflächen war gab es Drainagearbeiten, an einigen Stellen wurde die Flurbereinigung vollendet. Trotz schlechten Wetters war die Ernte gut, auch wenn die Preise für Getreide fielen, da es auf den neu erschlossenen Moorflächen schlechtere Qualität hatte.
Der treueste Mitarbeiter des gotländischen Bauern war immer noch das Pferd. Zusammen mit den Fohlen gab es im Jahr 1900 11 585 Pferde auf der Insel. In den vorhergehenden 20 Jahren sank die Zahl der Ochsen von fast 10 000 auf 6 939 - weitere zwanzig Jahre später gab es fast keine Ochsen mehr auf den gotländischen Bauernhöfen. Zu dieser Zeit hatten die Bauern in etwas ganz Neues investiert - den Traktor.
Die Konservenfabrik in Ekeby stellte in diesem Jahr 198 780 Dosen mit Erbsen, Bohnen und Spinat her. 12 Molkereien produzierten 4 041 129 Kilo Milch, und in Visby wurde ein Grundstück östlich der Stadt für eine Schlachterei gekauft. Auf dem Markt in Visby kostete ein Rindfleisch 50 Öre das Kilo und Milch 12 Öre der Liter. Die Zeitungsanzeigen für Drainagerohre, Albionpflüge, Motoren und "Lokomobile" bestätigen die Veränderungen, die in der gotländischen Landwirtschaft im Gang waren. Mehrere große Höfe suchten "nüchterne, starke und ordentliche Knechte", und schon im März versuchte der Hof von Skäggs "Rüben-Mädels" für die frühsommerliche Arbeit auf den Rübenäckern zu bekommen.
Viele Bauern hatten immer noch den Wald als wichtige Einkommensquelle, aber der Export von Holzwaren aus Gotland bestand nun aus schlechterem Holz, da der größte Teil der alten Wälder bereits abgeholzt war. Die Fischerei erwirtschaftete während des Jahres einen ungefähren Wert von etwa 162 540 Kronen, Heringe waren immer noch die wertvollsten Fische. Im nördlichen und mittleren Teil der Insel brannten sowohl Bauern als auch Unternehmen Kalk, und im Takt mit der steigenden Nachfrage nach Kalkstein entstanden immer mehr Steinbrüche. In Visby, Kappelshamn und Sundre gab es Steinmetzbetriebe, und in de Sandsteinregion in Sudret wurden in diesem Jahr 66 725 Schleifsteine hergestellt. Weitere Arbeitsplätze gab es in zwei Ziegeleien, zwei Gießereien, drei Werften, zwei größeren Brauereien und einer Malzfabrik, sowie in Tischlereien, Druckereien, Gerbereien und Färbereien. In Visby gab es 84 Handwerkesbetriebe unterschiedlichster Art mit 122 Angestellten, auf dem Land waren es 156 mit 61 Angestellten.
In der Stadt gab es etwa hundert kleine Handelshäuser, auf dem Land gab es etwa ebenso viele. In den Landhäfen waren aus kleinen Geschäften oft große Unternehmen geworden und in ihren Orten waren diese Handelspatrone genauso mächtig wie der Kaufmann, Direktor, Kommunalpolitiker und Konsul C.E. Ekman in Visby.
In Fårösund mit seinen einigen hundert Einwohnern gab es den Kaufmann K.F. Smitterberg, in Ljugarn J.G. Claudelin; in Ronehamn machten die Familien Broander und Cramér Geschäfte mit Spezailitäten, Kurzwaren, Manufakturen, Getreide, Holzwaren und Schleifsteinen. In Slite mit etwa 700 Einwohnern hatte Ferdinand Nyström in seinem großen Unternehmen, das mehrere Kalköfen, Werften, Sägewerke, Handelsbuden, ein Warmbadehaus und eine Baumschule umfasste, etwa 100 Angestellte. In Slite war auch J.N. Myrsten als Reeder tätig, zehn Jahre später hatte er sogar Dampfschiffe. Kaufmann, Exporteur und Patron in Burgsvik war Victor Hansén, und in Klintehamn, das ungefähr so groß wie Slite war, waren Reinhold Snöbohm und G.E. Smitterberg die führenden Kaufleute, deren Unternehmen aus Handelshäusern, Werften und eigenen Schiffen bestanden. In Klinte wirkte der fast legendarische Willy Wöhler, Besitzer von Klintebys, Jäger, Sänger, Pferdezüchter und "König von Karlsö".
Mehrere Eisenbahnen wurden im Jahr 1900 geplant, im Sommer wurde die Verbindung Hemse-Havdhem eröffnet. Die Gotländische Eisenbahngesellschaft transportiert in diesem Jahr 169 225 Personen und 38 989 097 Kilo Zuckerrüben. Straßen wurden gebaut, unter anderem bei Bönders backe in Klinte und auf Fårö, wo eine neue Straße zwischen Vinor und Holmudden angelegt wurde. Zwanzig Gasthöfe und zehn Stationen erleichterten die Reisen auf den Landstraßen. Für eine andere Art von Verbindung sorgten zwei zentrale und 39 kleinere Postämter mit regelmäßigen Postgang, zwei- bis sechsmal in der Woche, sowie zwei Telegraphenämter. Das Telefonnetz hatte 1 094 Kilometer Kabel und erreichte damit die meisten Kirchspiele der Insel. Aber es gab noch keine Verbindung zum Telefonnetz auf dem Festland.
Im Jahre 1900 gab es auf Gotland mehrere große Baustellen, andere waren in Planung. Unter anderem wurden ein neues Krankenhaus, ein Schlachthof in Visby, eine Kartoffelmehlfabrik bei Klintebys, ein Chemiezentrum und ein Elektrizitätswerk in Visby, eine Kaserne und andere militärische Gebäudekomplxe in Visby und Fårösund sowie viele Wohnhäuser im Södervärngebiet gebaut. Der Dom, die Stadtmauer und die Kirchen in Dalhem und Ardre wurden renoviert. In Havdhem war die Kirche so baufällig, daß man sogar darüber diskutierte, ob man eine neue bauen solle.
Im Jahr 1900 bestand die gotländische Handelsflotte aus 78 Schiffen mit zusammen 6 542 Tonnen, sieben davon waren Dampfschiffe. Die 772 im Visbyer Seemannshaus gemeldeten Seeleute zeigen, daß das Meer immer noch ein wichtiger Arbeitsplatz für die Gotländer war. Die größten Häfen außerhalb von Visby waren Kappelshamn und Burgsvik, dicht gefolgt von Klintehamn und Slite. Dreizehn Lotsenstationen, achtzehn Leuchttürme und drei Rettungsstationen sorgten für die Sicherheit der Seefahrer. Trotzdem kam es zu zwölf Havarien, eine war sogar ein Totalverlust.
Die Gotländer, die im Jahr 1900 an Diphterie und anderen schweren Krankheiten erkrankten, konnten in einem Krankenhaus versorgt werden, in dem insgesamt 615 Personen behandelt wurden. Es gab zehn Ärzte, drei davon als Provinzialärzte in Slite, Hemse und Klinte. Darüber hinaus gab es drei Apotheken und 46 Hebammen, die sich um die Neugeborenen kümmerten.

Messerschleifer und Badegäste

Das Jahr 1900 begann mit einem kalten Winter. Trotzdem funktionierte die Verbindung mit dem Festland ziemlich problemlos, aber im Februar bekamen die Dampfer Probleme mit den vereisten Häfen am Festland. Mindestens einmal wurde die "Polhem" bei Sandhamn vom Eis eingeschlossen, und die "Klintehamn" brauchte von Västervik nach Visby vier Tage.
Viele Landstraßen auf der Insel wurden von Schnee blockiert, oft blieben auch die Züge in Schneewehen stehen. Einige wurden komplett eingestellt. In Nordgotland verirrten sich zwei Mädchen in einem Schneesturm, sie wurden erst einen Monat später erfroren aufgefunden. Gleichzeitig wurde Gotland von einigen merkwürdigen Gestalten besucht, die als "einfache Messerschleifer" auf dem Lande umherzogen. Es gab das Gerücht, daß es russische Spione waren, aber nachdem der Polizist Remén sie überprüft hatte, zeigte sich, daß es "ehrliche finnische Arbeiter aus Viborg" waren, die zumindest laut eigener Ausage völlig ungefährlich waren. Sie durften weiterhin auf Gotland ihr tägliches Brot verdienen, etwa 2 bis drei Kronen am Tag. Im Frühjahr befanden sie sich in Südgotland,
"wo sie mit besonderem Interesse von den Töchtern der Bauern umschwärmt wurden, die in den finnischen Arbeitern mindestens verkleidete Offiziere sahen..."
Der Winter war in Visby aber auch eine Zeit des Vergnügens. Alle verschiedenen Gesellschaften und Freikirchen luden zu Festen, Treffen, gemütlichen Abenden mit Unterhaltung und Gesang, Musik, Reden, Schattenspielen und Theatervorstellungen ein. Die Vorträge über alles von Gemüse bis zu Altertümern wurden wie immer von vielen Zuhörern besucht. Die Heilsarmee veranstaltete ein "Orangenfest", bei dem man eine Orange geschenkt bekam, und Direktor F. von Eisfeldt unterhielt mit Kleinkunst- und Zaubereivorstellungen, die neben Bauchreden auch Kasperletheater umfasste.
Interessierte konnten auch die auch die Sitzungen des Gemeinderates besuchen und Debatten über Kuren und die Beleuchtung von Visby anhören. Versteigerungen waren eine andere Möglichkeit zu ein wenig Zerstreuung, genau wie die Fuchsjagden auf dem Lande.
Die Vergnügungssüchtigen wurden wohl kaum von Zahnarzt Nyqvists Angebot für "Gebisse an einem Tag" angesprochen. Es war vielleicht ein wenig sicherer, zu dessen Kollegen Nordeman zu gehen, der "Zähne unter Betäubung zog". Die langandauernde Kälte begünstigte sicherlich auch Hägg & Johanssons Verkauf an Schals und Muffs, und vielleicht war sie auch für Wallér und Karlqvist vorteilhaft, die Gamaschen verkauften, die billiger als die aus Rußland importierten waren. Das Rote Kreuz machte Geschäfte mit "Wasch-Seife", und A. Cedergren konnte Orgeln mit "weichem und fülligem Ton" anbieten. Gleichzeitig war so mancher beunruhigt über steigende Preise, in Stemkumla wütete die Diphterie und in den düsteren Mauern des Gefängnisses saßen ungewöhnlich viele Gefangene, 28 Stück.
Das Frühlingswetter war wechselhaft, aber in der ersten Aprilwoche konnte das Dampfschiff "Visby" mit seinen Touren entlang der Landhäfen, mit Stopps in Klintehamn, Burgsvik, Ronehamn, Ljugarn, Katthammarsvik, Slite und Fårösund - eine Reise die drei Tage dauerte. Der Schiffsverkehr Stockholm-Visby- Stettin, an dem sowohl Konsul Ekman wie auch Nordström & Thulin beteiligt waren, wurde wieder aufgenommen, und auf den Straßen Visbys begannen die Fahrradfahrer wieder ihre wilden Fahrten. Nach einer Reihe von Unfällen, schlug jemand vor, daß auch Fahrräder Nummernschilder haben sollten, damit man mit den Verkehrsrowdys zu Rande käme.
Im Juni kamen die ersten Badegäste. Das Baderestaurant (Bredablick) in der Tranhusgata öffnete wieder, die Vergnügungsreisen mit Schiffen und Zügen wurden wieder aufgenommen, und zu Mittsommer kamen 200 Festlandsschweden mit Dampfschiffen, in den Zeitungen wurde dies als "ein besonders reichlicher Strom an Reisenden" betrachtet. Mitte Juli kam die "bis dahin größte" Anzahl an Badegästen, als die 80 Kabinenplätze nicht ausreichten, und die Passagiere auch im Achtersalon schlafen mußten. Während de Saison besuchten 773 Personen die Wasserkuranstalt in Visby. Auf dem Lande gab es Badeleben in Ljugarn und in Klintehamn.
Im Spätsommer organisierten die Abstinenzler eine große Demonstration mit über 1500 Teilnehmern in Visby, und die Sportvereine zeigten ihre Bedeutung bei großen Wettkämpfen auf Visborgs slätt. Jedoch wurden alle "Lawn-tennis spielenden Damen" gebeten, sich vom Pavillionplatz fernzuhalten, damit sich die "kecken Sportsleute" dort auf ihre Wettkämpfe vorbereiten konnten.
In einem Steinbruch im nördlichen Gotland bekam der Sprengmeister A. Hellgren einen Ladestock durch seinen Körper geschossen und mußte schwerverletzt ins Krankenhaus in Visby eingeliefert werden.
Im Herbst erkrankten wieder viele Gotländer an Diphterie, im Rahmen der angedachten Elektrifizierung der Insel überlegte man, ob man auf den Torfmooren der Insel Kraftwerke bauen sollte, und einige Gotländer wurden sicherlich von den amerikanischen Plänen, den Golfstrom umzuleiten, beunruhigt. Eine neue Vergnügungssaison wurde eingeleitet, diesmal mit einigen neuen Veranstaltungen, unter anderem einer Paketauktion mit anschließender Schönheitskonkurrenz. "Aber nicht eine kleine Herzensbrecherin hatte sich für den Gewinn des Schönheitspreises angemeldet", was einen Zeitungsreporter dazu brachte zu fragen, " ob es keine schönen Frauen in Visby gäbe." Am 16. Dezember sollten alle Geschäfte weihnachtlich geschmückt werden, aber nur wenige Händler nahmen an dieser Aktion teil. Aber das vielleicht auch egal, da die Stadt keine elektrische Beleuchtung hatte. Zwei Wochen später endete das Jahr mit einem orkanartigen Schneesturm.

Ausstellung, Autos und Militär

Im 19. Jahrhundert wurde Gotland immer abhängiger von der restlichen Welt. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde dies in so vitalen Bereichen der Gesellschaft, wie der Wirtschaft, Verteidigung und der Energieversorgung. Da Gotland mitten in einem Meer lag, das aus wirtschaftlich und politisch interessant war, kamen die internationalen Krisen sehr nahe.
Gleichzeitig begannen die Inselbewohner neuen Entwicklungen immer aufgeschlossener gegenüber zu treten. Auch die gotländischen Betriebe wollten an dem allgemeinen Fortschrittsgeist teilhaben. Auf eine großen Landwirtschafts- und Industrieausstellung in Visby im Jahr 1904, zeigten die meisten Betriebe das erste Mal, was sie herstellten. Tausende Besucher bewunderten prächtige Zuchtschweine, die Hengste Adam von Rosendal und Frej von Busarve, den Gotlandsstier Tor aus Kräklingbo, farbenfrohe Gartenartikel, moderne Sämaschinen, Dreschwerke und Överumspflüge für 30 Kronen. Gleichzeitig waren sie ein wenig beunruhigt, denn es war kein Geheimnis, daß auch so bekannte Taschendiebe wie Gustaf Karlsson und Skånska Ingrid auf dem Gelände umher wanderten.
Zu dieser Zeit war Gotland ein etabliertes Reiseziel, und das Badeleben florierte an den schönen Badestränden der Insel. Nicht zuletzt die "lebhaften Stockholmer Mädchen" trugen zum allgemeinen Wohlbefinden mit munteren Spielchen und guter Laune bei. Die Zeitung Aftonbladet empfahl Visby als einen Badeort mit mit "unbeschwertem" Vergnügungen und vielen muntere Mädchen, die zumindest nach dem Schreiber des Artikels "alle an Melancholie leidenden Einzelgänger" verlocken sollten, sich auf der Insel zu erholen.
Mehrere neue touristische Anlagen wurden verwirklicht. Im Jahr 1910 wurde ein Hotel bei Snäckgärdet im Norden Visbys errichtet, einige Jahre später entstand Visbys havsbad. 1907 gründete Theodor Erlandsson das Museum in Bunge, das zu einem natürlichen Touristenmagnet auf Nordgotland wurde, und von 1911 bis 1914 betrieb eine finnische Reederei eine Dampfschifflinie zwischen Finnland und Slite, was zur Folge hatte, daß Slite mit Ljugarn als Badeort konkurrierte.
In den ersten Jahren des Jahrhunderts wurden mehrere technische Neuerungen auf der Insel eingeführt. Sie sollten im weiteren Verlauf des Jahrhunderts große Bedeutung bekommen. 1904-05 wurden einige Straßen und Häuser in Visby mit elektrischem Licht ausgestattet. Das veränderte natürlich allmählich den nächtlichen Charakter der Stadt. Anfangs zweifelten aber einige Bürger an der Platzierung der Straßenlaternen. Es schien, als platzierten die Verantwortlichen die Laternen nach dem gleichen Prinzip "nachdem die Mädge Kommata setzen - ein Pünktchen hier und da..."
Eine andere Neuerung, die sich während dieser Zeit immer mehr auf Visbys Straßen - und bald auch auf den schmalen und kurvigen Landstraßen - zeigte, war das Auto. Aber noch sollte mehrere Jahre lang der Pferdewagen das wichtigste Transportmittel sein, aber weitsichtige Menschen verstanden bald, was kommen würde. Deshalb mußten unbedingt Regeln für das Führen von Automobilen eingeführt werden. 1905 begrenzte die Provinzverwaltung die Höchstgeschwindigkeit bei Tagslicht auf 20 km/h, nachts sogar auf 10 km/h. Nachts mußten die Autos mit mindestens einer Lampe ausgerüstet werden, die wenigstens 10 Meter nach vorne leuchten mußte.
Einige Jahre später konnten die Zeitungen melden, daß der Händler Christersson mit seinem Ford die Strecke Visby-Fårösund-Visby in viereinhalb Stunden geschafft hatte. Ungefähr zu dieser Zeit begannen einige Bahnbrecher, Autos für den Transport von Menschen und Gütern einzusetzen.
"Für alle, die sich für die moderne Flugkunst interessierten" - und das waren zwischen 6000 und 7000 Menschen - gab es 1913 eine goldene Gelegenheit. Der bekannte Flieger Kapitän Sundstedt pflügte damals "die ersten gelungenen Furchen in die gotländische Luft" über Visborgs slätt zum Staunen und zur Freude des großen Publikums. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen neue und wagemutige Flieger nach Gotland, und da bekamen auch einige Gotländer eine Chance, ihre Insel auf kurzen Rundflügen von oben kennenzulernen.
Auch die Gotländer spürten die nationalen und internationalen Krisen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wenn auch in recht geringem Umfang. Während des russisch-japanischen Krieges 1904-05 wurde die Verteidigung der Insel verstärkt, einige Jahrgänge auf Gotland wurden mobilisiert, im Sund zwischen Fårö und Gotland wurden Minen gelegt und im östlichen Gotland bauten Soldaten Schützengräben. Die Zeitung Idun leistete sich eine fotographische Bildreportage auf einer ganzen Seite und konnte berichten, "daß die an Erinnerungen reiche Insel mit den vielen Ruinen und zahlreichen Tempeln dort draußen in der Ostsee in der letzten Zeit der Schauplatz von Truppenaufmärschen und Kanonentransporten auf verschneiten Wegen, denn die Luft ist gefüllt mit der Unruhe des Krieges..."
Die Auflösung der Union zwischen Norwegen und Schweden hatte fast keine Auswirkungen für die Insel. Das einzige Zeichen, daß etwas passiert war, waren die neuen Flaggen - "unser uraltes Freiheitssymbol, die reine Flagge", die auf den offiziellen Gebäuden in Visby gehisst wurden.
In Fårösund war gleichzeitig eine rege Bautätigkeit, wo das Militär eine Kaserne und Offizierswohnungen für die neu eingerichtete Küstenartillerie errichtete. In Tingstäde wuchs eine richtige kleine Stadt aus Schuppen heran, in denen Material für das Militär gelagert wurde - komplett durch Befestigungen geschützt. 1903 begann man, dort größere miltärische Anlagen zu bauen, aber die Festung Tingstäde war erst deutlich später fertig.

Der große Streik

Im Jahr 1909 war es unruhig auf dem Arbeitsmarkt. Nach einer Zeit des konjunkturellen Rückgangs, die die Arbeitgeber nutzten, um die Löhne zu drücken, wurden die Spannungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern so groß, daß es zum Konflikt kam. Im Monat August nahmen insgesamt 300 000 Arbeiter an einem Generalstreik teil, der kleine und große Unternehmen traf.
Auch auf Gotland streikten einige Arbeiter, aber ansonsten war auf der Insel nicht viel von diesem Streik zu spüren. Es gab nur etwa 400 Arbeiter, die Mitglied in einer Gewerkschaft - die meisten waren noch recht unorganisiert. Besonders einige Handwerker in der Stadt waren vom Streik betroffen: Maurer, Steinmetze, Bäcker, Schneider und Maler sowie einige Hafen- und Metallarbeiter. Auf dem Land waren es vor allem die Steinbrucharbeiter im Norden der Insel und Bauarbeiter bei den großen Drainageprojekten im Mästermoor, die am gewerkschaftlichen Kampf teilnahmen.
Die Streikenden begannen enthusiastisch mit einem geschlossenen Marsch zur Zementfabrik, in Visby, um die dortigen Arbeiter zu einem Anschluss an den Streik zu überzeugen - die meisten waren am dortigen größten Arbeitsplatz der Stadt nicht gewerkschaftlich organisiert und hatten deswegen nicht die Arbeit niedergelegt. Eine berittene Militärpatrouille stoppte aber die Streikenden, und die Arbeiter wurden auseinandergetrieben.
In den ersten Tagen des Streikes war die Lage etwas gespannt, die Polizei wurde mit Soldaten verstärkt, Demonstrationen waren verboten und das elektrische Licht auf Visbys Straßen brannte die ganze Nacht. Der Schiffsverkehr mit dem Festland wurde durch die Aktionen der Hafenarbeiter gestört, und es gab kleinere Konflikte zwischen Streikenden und Arbeitern, die ihre Arbeit nicht niedergelegt hatte. An einigen Arbeitsplätzen traten auch einzelne Streikbrecher auf.
Aber schon nach etwa einer Woche hatte sich der Enthusiasmus so weit abgekühlt, daß die meisten an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, wo sie aber oft von ihren standhafteren Kollegen "gemobbt" wurden. Einige, die es übertrieben hatten, wurden auf der Grundlage des sogenannten åkarpsgesetzes verhaftet, das erlassen wurde, um die bestrafen zu können, die andere daran hinderten, ihrer Arbeit nachzugehen. August Palm, ein schwedischer Sozialistenführer, selbst kam nach Gotland, um die weniger werdenden Scharen wieder anzufeuern, aber der Streik erstarb trotzdem von selbst.
Anfang September wurden alle Streikmaßnahmen beendet, und die meisten konnten nun an ihre Arbeitsplätze zurückkehren - doch mehrere waren nicht mehr willkommen.

Kanonendonner, Minen und merkwürdige Angebote

Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Rußland den Krieg, zwei Tage später auch Frankreich. Der Erste Weltkrieg war Wirklichkeit geworden. Die schwedische Regierung erklärte Schweden unmittelbar für neutral, mobilisierte aber im ganzen Land Truppen. Auch auf Gotland läuteten die Kirchenglocken zur Mobilisierung. Soldaten vom Festland verstärkten die einheimischen Truppen, Tingstäde wurde wie geplant der Mittelpunkt der Verteidigung Gotlands, und auf dem Meer nahmen schwedische Kriegsschiffe Patrouillen auf.
Wie wenige andere Teile Schwedens bekam Gotland die Nähe des Krieges zu spüren. Die deutsche Flotte benutzte die Fahrwasser in der Nähe der Insel als Treffpunkt für ihre Schiffe, und die Insel wurde als Barriere benutzt, von der aus die starke russiche Ostseeflotte angreifen konnte. Kriegsfahrzeuge nahmen im Schutz der gotländischen Küste Kohlen auf, und das Seegebiet zwischen dem Baltikum und Östergarn benutzten beide Seiten zur Aufklärung. Dementsprechend wurden in diesem Gebiet sehr viele Minen gelegt.
Zu Beginn des Krieges waren sogar russische Kriegsschiffe auf dem Weg nach Fårösund, um die schwedische Flotte unschädlich zu machen, da Schweden von den Russen als möglicher Verbündeter Deutschlands angesehen wurde. Bevor es aber so weit ging, bekamen die russischen Verbände aber den Befehl umzukehren und stattdessen St. Petersburg zu verteidigen. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt gar keine schwedischen Kriegsschiffe in den gotländischen Häfen. Bis zur russischen Revolution im Jahr 1917 waren Schiffe der kriegführenden Parteien in ständiger Bewegung um Gotland, und der Kanonendonner der Seeschlachten wurde eine gewohnte Geräuschkulisse für die Gotländer. Einmal wurde die "Hansa" der Reederei Gotlandsbolaget von einem deutschen Kriegsschiff beschädigt, ein russischer Kreuzer lief in Fårösund fast auf Grund und bewaffnete deutsche Trawler ankerten in schwedischen Hoheitsgewässern. 500 Minen strandeten an der gotländischen Küste, und der donnernde "Minensalut" gehörte bald zum Alltag. Viele Fahrzeuge liefen in gotländischen Fahrwassern auf Minen, und die Schiffe zum Festland fuhren nur noch am Tage und besonders langsam, um Minen entdecken zu können.
Trotz dieser offenkundigen Nähe zum Krieg, waren Verletzungen der schwedischen Neutralität selten. Aber es gab gewaltsame und bemerkenswerte Ausnahmen.

Albatross

Anfang Juli 1915 war das deutsche Kriegsschiff Albatross, nachdem es Minen nordöstlich von Gotland gelegt hatte, auf dem Weg nach Süden. Völlig überraschend tauchte eine russische Einheit am Horizont auf und beschoß die Albatross mit ihren gewaltigen Kanonen. Der deutsche Kapitän befahl, sofort Kurs auf die gotländische Küste zu nehmen, aber die Russen näherten sich schnell - die ganze Zeit heftig feuernd.
Auf Grund des großen Abstandes war die Treffsicherheit der Russen nicht allzu hoch, aber als die Fahrzeuge näher kamen, schlug ein ums andere Projektil in Rumpf und Aufbau der Albatross ein. Brände brachen an mehreren Stellen aus, viele Besatzungsmitglieder wurden getötet oder verwundet und der wachhabende Offizier lag mit durchschossenem Bein auf der Brücke. Eine russische Granate traf die Krankenstation der Albatross und richtete ein furchtbares Massaker an.
Mit Schlagseite und schwer beschädigt lief die Albatross in den Sund zwischen Östergarn holme und Gotland. Obwohl sie sich dort bereits in schwedischen Gewässern befand, setzten die Russen den gewaltsamen Beschuss fort, Projektile flogen über die kleine Insel, und das Leuchtturmpersonal suchte in einigen Höhlen am Strand Schutz. Schließlich wurde der Beschuß eingestellt, die Albatross lief - halb voller Wasser - auf Grund.
Viele Gotländer hatten den Kampf mitangehört und waren an den Strand geeilt, um das Drama anzusehen. Schnell kam schwedisches Militär nach Östergarn, die deutsche Flagge auf der Albatross wurde eingeholt und die Toten und Verwundeten wurden an Land gebracht.
Kurz darauf wurden die Opfer des Kampfes in einem Massengrab auf dem Friedhof von Östergarn begraben, und der überlebende Teil der Besatzung wurde zuerst in Roma und später in Blåhäll bei Tofta interniert. Das beschädigte Fahrzeug wurde nach Fårösund bugsiert und später nach Oskarshamn überführt. Die schwedische Regierung protestierte gegen die offensichtliche Kränkung der Neutralität und die Russen entschuldigten sich für den Vorfall.

"Themis"

Ein Jahr nach dem Drama mit der Albatross geschah ein anderer bemerkenswerter Vorfall, der zwar nicht zu ebenso großen Überschriften führte, aber der zu gewissen diplomatischen Haarspalterei und der zu ernsten Konsequenzen hätte führen können.
Ende Juli 1916 lag der Stockholmer Dampfer "Themis" in seinem Heimathafen und lud Maschinenteile, Kaffee, getrocknete Früchte, Parfüm und Kork für den Transport nach Raumo im russisch beherrschten Finnland. Am 1. August lief sie aus und erreicht gegen Abend die Ålandsee, wo sie von einem deutschen U-Boot geentert wurde. Ein Offizier des U-Bootes untersuchte die Schiffspapiere der "Themis" und kam zu dem Schluß, daß die Waren aus deutscher Sicht Schmuggelgüter waren. Der Kapitän des schwedischen Dampfschiff mußte zwischen einer Kursänderung nach Libau (Liepaja) in Lettland oder zu näherer Untersuchung und der Torpedierung seines Schiffes wählen. Er wählte Libau.
Die Deutschen brachten eine eigene Besatzung auf die "Themis" und befahlen volle Fahrt nach Süden. Der Kohlenvorrat des Schiffes nahm schnell ab, und die Deutschen beschlossen, den nächsten Hafen aufzusuchen, um Kohle zu bunkern. Zufällig war dieser Hafen Slite, wo die "Themis" auf Reede lag.
Die militärischen Behörden auf Gotland bekamen den Befehl, die "Themis" mit allen Mitteln am Auslaufen zu hindern, und eine Abteilung der Artillerie wurde an Land stationiert und richtete ihre Kanonen auf das Fahrzeug. Die Spannung unter den Artilleristen stieg, als ein deutsches Torpedoboot neben der "Themis" ankerte, aber sofort kam der Befehl "Feuer einstellen". Der gekaperte Dampfer sollte bis zu einer Untersuchung weiter in Slite auf Reede liegen.
Die Verhandlungen zwischen den Regierungen in Stockholm und Berlin wurden sehr langwierig. Die Affäre war auch deshalb so kompliziert, weil es keine internationalen Absprachen gab, wie man verfahren sollte, wenn ein neutrales Schiff von einer kriegführenden Macht gekapert wird und anschließend in einem Hafen des neutralen Landes lag. Darüberhinaus war das Schiff nicht in unmittelbarer Not und manöveruntauglich.
Erst am 21. August kam eine Mitteilung zur Provinzverwaltung in Visby, daß die "Themis" nicht länger als beschlagnahmt anzusehen sei. Die deutsche Entermannschaft sollte schnellstmöglich nach Deutschland reisen. Am Tag darauf wurden die deutsche Flagge auf der "Themis" und die schwedische wieder gehisst. Dann konnte der Dampfer in Slite anlegen.

Die Gotländer und der Krieg

Der Krieg betraf natürlich die meisten Gotländer auf verschiedene Weise - und mit jedem Jahr wurde es schlimmer. Besonders spürbar war die staatliche Kontrolle in fast allen Lebensbereichen. Es wurden viele neue Gesetze und Verordnungen über Höchst- und Niedrigstpreise, Mieten, Löhne und Steuern verabschiedet; verschiedene Kommissionen regulierten den Handel mit fast allen Gütern, den Bedarf an Brennstoff wie Brennholz, Kohle und Petroleum, die Lebensmittelversorgung und die industrielle Produktion sowie Import und Export. Fast alle wichtigen Güter wurden rationiert, gegen Ende des Krieges sogar Blech, Nägel und Hufeisen.
Die gotländischen Bauern bekamen natürlich bessere Preise für ihre Produkte, aber sie mußten auch höhere Preise für Futter und Düngemittel bezahlen. In den letzten Kriegsjahren wurde überhaupt kein Tierfutter mehr eingeführt und ein Teil der Viehbestände mußte geschlachtet werden. Besonders die Schweine waren davon betroffen, ihre Anzahl sank in den Jahren 1917-18 um ein Drittel. Zwar gab es während des ganzen Krieges die Möglichkeit, in Visby Fleisch zu kaufen, aber auf dem Markt in Visby kostete doppelt so viel wie Rindfleisch - 1918 2,5 Kronen das Kilo gegenüber 1,75 Kronen für Rindfleisch. Im gleichen Zeitraum verkauften die gotländischen Bauern fast 600 Pferde nach Deutschland.
Die Produktion von Butter und Milch sank. Zeitweise gab es Butter nur im Schwarzhandel, und die Milchproduktion sank in den Kriegsjahren um 60 Prozent. Es gab mehrere schlechte Ernten, und in den letzten Jahren des Krieges beschlagnahmte der Staat Saatgetreide, Mehl, Brot, Heu und anderes Futter. Besonders dafür bestimmte Beamte durchzogen das Land und suchten nach größeren Lagern an Saatgetreide, Mehl und Kartoffeln. Auf ihre "Brotkarten" konnten die gotländischen Konsumenten jeden Monat 250g Mehl, 325g Graubrot oder 200g Knäckebrot erhalten. Die Zuckerration war ein Kilo pro Monat und Person. Auf dem Eßtisch ersetzte nun oft Kohl die Kartoffeln.
Obwohl der Staat versuchte, die Preise niedrig zu halten, stiegen diese für die meisten Güter während des Krieges um mehr als das Doppelte. Wie in ganz Schweden gab es auch auf Gotland einen kleineren Schwarzmarkt, üblicherweise gefolgt von hohen Preisen. Stockholm war ein wichtiger Markt, so daß es für die Polizei fast zur Routine wurde, Personen festzunehmen, die Fleisch, Butter oder Wurstwaren schmuggelten.
Der Mangel an Gas führte dazu, daß überall die Lampen ausgingen - noch war die Elektrifizierung der Insel nicht durchgeführt. Stattdessen wurden rauchende und gefährliche Karbidlampen benutzt. Im Jahr 1918 mußte man sogar den Leuchtturm in Visby schließen. Der meiste Brennstoff kam aus dem Wald, und auch der Torf aus den gotländischen Mooren wurde wieder interessant.
Unmengen an Surrogaten sollten die Originalprodukte ersetzen. Besonders Kaffee war ein Problem. Der Handel mit dem begehrten Getränk wurde strikt reguliert, und die monatliche Ration war minimal. Geschäfte, die Kaffee verkauften waren gezwungen, in gleichmäßigen Abständen ihre Kaffeebestände behördlich zu melden, und es kam sogar vor, daß Kaffee beschlagnahmt wurde. Es war erlaubt, den Kaffee schon im Geschäft mit Wurzeln der Zichorie zu verlängern, aber die Händler durften weder Kartoffeln noch Rüben dafür benutzen.
Flechten, Löwenzahnwurzeln und Schilfrohr wurden als Surrogate verwendet, Kirschkerne ersetzten Bittermandeln, aus Lindenblüten wurde Tee gekocht und die Schulkinder bekam zum Teil schulfrei, um Wacholderbeeren und Vogelbeeren zu pflücken. Die Provinzverwaltung ermunterte die Gotländer, Küchenkräuter anzupflanzen, aber sie verbot, Preiselbeeren vorzeitig zu pflücken.
Schon zu Beginn des Krieges waren die meisten Gemeinden auf Gotland so weitsichtig und legten einen Vorräte von Kartoffeln und Saatgetreide an. Es sollte auch nicht lange dauern, bis es notwendig wurde, auf die Lager zurückzugreifen. Die Lebensmittelausschüsse, die nun in allen Gemeinden eingerichtet werden mußten, kauften Mehl, Fleisch, Korn und Fisch ein und verteilten sie an die ärmsten Einwohner, andere kommunale Ausschüsse kümmerten sich um Kleidung. Glücklicherweise gab es in den meisten Kommunen zusätzliche Haushaltsmittel hierfür, aber die verantwortlichen Kommunalpolitiker - meistens die Vorsitzenden der einzelnen Ausschüssen, angestellte Beamte gab es noch nicht - hatten enorme Anstrengungen zu leisten, damit alles funktionierte. Nicht zuletzt galt das für all die Rationierungskarten, die verteilt werden mußten, und die unzähligen staatlichen Instruktionen und Verordnungen, die täglich von verschiedenen Behörden erlassen wurden.
Trotz der schweren Zeiten blieb es ruhig auf Gotland. Es gab weder Demonstrationen noch Äußerungen von Unzufriedenheit. Aber es gab einige neue Elemente im Leben auf der Insel, wie zum Beispiel "Brennholzkonzerte" für die Armen Visbys, Lotterien für die Luftverteidigung der Insel und Schlägereien zwischen Soldaten. Die "Slumschwestern" halfen täglich den Bedürftigen und sorgten dafür, daß arme Kinder die Möglichkeit bekamen, im Sommer bei Bauern zu wohnen. Einige weitblickende Gemeinden führten die Schulspeisung für die Kinder, die zu Hause nicht genug zu essen bekamen, ein. Trotz allem, versuchten die meisten, so weit als möglich ein normales Leben zu führen.
Im Winter war der Schlittenhügel bei Kneippbyn ein populäres Ausflugsziel. Die meisten fuhren mit dem Zug dorthin. Dort gab es eine Gastwirtschaft, die Suppe, Pasteten und warme Milch anbot. Die drei Kinos in Visby zeigten Filme wie "I sjöröfvarens värld", "Den vandrande juden" och "På lif och död - ein Gesellschafts-, Liebes- und Detektivdrama". Das Victoriakino veranstaltete darüber hinaus "musikalische kinematographische Soiréen" mit Deklamationen. Auf dem Lande reiste ein engagierter Mann mit dem "Kino Gute" umher - leider funktionierte der Filmapparat zur Enttäuschung des Publikums fast nie.
Im Sommer war das Gartencafé Burmeisterska geöffnet, und schon 1917 kamen die Touristen in immer größeren Scharen zurück. An den Stränden und in den Restaurants waren immer mehr Menschen zu sehen, das Seebad Visbys und Snäckgärdsbaden öffneten, und vor allem das letztere wurde sehr populär. Die Kultur kam in der Ruine von St. Nicolai zu ihrem Recht. Dort lud eine Schauspielertruppe zu dem Ruinenspiel "Guds röst till enhvar", eine Vorstellung, die laut der Reklame "eine bescheidene Konkurrenz zu den Passionsspielen in Oberammergau" sein sollte.
Das wirtschaftliche Klima auf der Insel war widersprüchlich. Es gab zu wenig Arbeitskraft. Zwar gab es einen Überfluß an Büro- und Einzelhandelsangestellten, aber es mangelte an Knechten und Mägden für die Bauernhäuser auf dem Land. Im Sommer 1917 hatte das Arbeitsamt Visby in der "Männlichen Abteilung" 78 Suchende für 100 freie Plätze, auf der weiblichen Seite 117. Zwei große Zementfabriken wurden gleichzeitig projektiert. Die Aktien in Rute Cement AB sollten 1917 bezahlt werden - zum größten Teil mit gotländischem Kapital - und die Aktienzeichnung für Slite Cement AB lief auf vollen Touren.
Im letzten Kriegsjahr brach die spanische Krankheit auf Gotland aus. Das war eine schwere Grippe, die auf dem Kontinent mehr Opfer als der Krieg selbst kostete. Viele Menschen hatten kaum Widerstandskraft wegen des Mangels an Essen. Am 19. November 1918 konnten die Leser von Gotlands Allehanda folgende Schilderung finden:
"Geht man durch Slite trifft man auf bleiche, besorgte und weinende Gesichter. Kein frohes Gelächter ist mehr zu hören, sogar die unschuldigen Kinder haben einen schwermütigen Zug in ihren sorgenvollen Gesichtern. Es ist die schlimme Krankheit, die die Sinne so tief ergriffen und verdüstert hat. Mit bebenden Herzen sehen noch gesunde Menschen, wie kraftvolle Männer und Frauen auf das Krankenbett gelegt werden und in vielen Fällen in ein vorzeitiges Grab. Doktor Hamne ist unablässig unterwegs, um die Kranken zu besuchen..."

Volksabstimmung, Radio und Flugverkehr

Die Jahre zwischen 1920 und 1930 waren sowohl ein Jahrzehnt der Stabilisierung als auch der Veränderung. Nach Ende des Ersten Weltkriegs folgten einige optimistische Jahre, aber bald kam der Niedergang in der Konjunktur, gefolgt von umfassender Arbeitslosigkeit - 1922 war der Höchststand mit 163 000 Arbeitslosen in Schweden. Auf Gotland spürte man die Krise am stärksten in den stark industrialisierten Gebieten der Insel, außerhalb Visbys in den Steinbrüchen und in den Zementfabriken im Norden. In vielen Betrieben kam es zu Entlassungen, in manchen mußten die Arbeiter sich an niedrigere Löhne gewöhnen. Der gotländische Hauptwirtschaftszweig, die Landwirtschaft, litt auch unter den schweren Jahren, erholte sich aber schnell in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Der Wald und die Fischerei waren wie zuvor ein wichtiger Einkommenszweig. Natürlich war der Wald trotz vieler Gesetze sehr stark ausgebeutet worden, aber dank der vorher unbekannten Anwendung von Steinkohle und neumodischen Erfindungen wie dem Stacheldrahtzaun und der Zentralheizung erholten die Waldbestände sich im Laufe der 20er und 30er Jahre. Viele Bauern fischten immer noch, um ihren eigenen Bedarf zu decken, und zusammen mit knapp 300 Berufsfischern versorgten sie nicht nur die Gotländer sondern ebenso sowohl Stockholmer als auch Polen mit Hering, Flunder, Dorsch und Lachs. 1935 aß nach der Statistik jeder Gotländer 20 Kilo Fisch im Jahr.
1918-1921 wurde eine wichtige Reform im Land durchgesetzt, als das Wahlrecht gleich und allgemein wurde. Ein anderer Bestandteil das demokratischen Schwedens waren die Volkabstimmung, die 1922 durchgeführt wurde. Die Frage, zu der das schwedische Volk in diesem Jahr Stellung nehmen sollte, war heikel: es ging um das generelle Verbot des Alkoholverkaufs in ganz Schweden.
Unter den Abstinenzlern auf Gotland war der Monat vor der Abstimmung angefüllt mit gefühlsseligen Aktivitäten. Auf der ganzen Insel fanden Treffen und Veranstaltungen statt, Flugblätter wurden ausgeteilt, Freiluftfeste, Demonstrationen und Vorträge organisiert. Das Resultat von all diesen Aktivitäten wurde aber in der Zwischenzeit ein negatives für Abstinenzler. Zum ersten beteiligten sich gerade knapp die Hälfte der Wahlberechtigten an der Abstimmung, zum anderen sprach sich die Mehrheit gegen das Verbot aus. Im ganzen Land war der Unterschied zwar nicht sonderlich groß, 51 Prozent nein- gegen 49 Prozent ja-Stimmen, aber auf Gotland waren die Stimmen gegen das Verbot eindeutig in der Überzahl.
Aber wenn eine etablierte Bewegung wie die Nüchternheitsbewegung in einer wichtigen Frage eine Niederlage erlitt, so waren es andere Bewegungen, die Erfolge erzielten. Und zwar die Anonymen Alkoholiker. Die Erfahrungen des ersten Weltkriegs und die schweren Jahre zu Beginn der 20er Jahre brachte immer mehr gotländische Arbeiter dazu, sich in Gewerkschaften und Arbeiterverbindungen zu organisieren. Das Interesse für Sport nahm zu, und die Aktivitäten bekamen eine sehr viel gründlichere Organisation. Noch gab es keine eigentlichen Sportplätze, Fußball spielten die Enthusiasten auf einem besseren Acker, Wettläufe wurden auf den Straßen und Wegen abgehalten. Die Finanzierung regelten die Vereinigungen durch die Einnahmen von Basaren und Festen. In Visby wurden Stadtläufe sehr populär.
Die 1920er Jahre brachten mit sich, daß Autos und Busse zu immer bedeutungsvolleren Transportmitteln wurden. Es wäre vielleicht verfrüht, von einem Durchbruch zu sprechen, der sollte erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommen, aber die Anzahl der angemeldeten Fahrzeuge wuchs. Und damit verbunden erhöhte sich natürlich auch die Zahl der Verkehrsunfälle. Zwar war die Geschwindigkeit auf den gotländischen Straßen noch relativ niedrig, aber dennoch passierte es hier und da, daß Autos entweder zusammenstießen oder in den Graben fuhren. In den meisten Fällen kam es bei diesen Unglücken zu leichten Personenschäden.
1935 gab es 560 Motorfahrzeuge in Visby, davon waren 200 LKW. Im nächsten Jahr wurden die 1440 öffentlichen Straßenkilometer Gotlands zu 48% von PKW, zu 24% von LKW und zu 28% von Pferdekutschen befahren. Nur 7,2 Kilometer der Straßenwege waren befestigt, hauptsächlich mit Beton. Der Verkehr war in den Sommermonaten besonders dicht, in denen mitunter 16 Autos pro Tag mit der Fähre nach Fårö gebracht wurden. Einige der größten Ortschaften auf Gotland bekamen im Laufe der 20er Jahre Busverbindungen nach Visby. Normalerweise fuhr der Bus am Morgen nach Visby, wartete dann dort einige Stunden und fuhr am Nachmittag zurück. Auf diese Weise hatten die Fahrgäste die Gelegenheit, in der Stadt Besorgungen zu erledigen, die in ihren Heimatorten fehlte. Nicht zuletzt befand sich in Visby auch das einzige Geschäft, das legal Alkohol verkaufen durfte, nachdem das sogenannte Brattsystem definitiv eingeführt worden war. Mitte der 30er Jahre gab es 23 Buslinien auf der Insel.
In den 20ern wurde das Flugzeug als neuartiges Transportmittel für den Reiseverkehr zwischen Gotland und dem Festland in Betrieb genommen. Schon kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs war die Möglichkeit einer Flugverbindung mit dem Festland untersucht worden, aber erst nach vielen Jahren Planung wagte es eine Fluggesellschaft, Slite mit einem Wasserflugzeug anzufliegen. In den Jahren um 1925 konnten Touristen und andere für einen Preis von 55 Kronen mit der "Nordpolsmaskinen Dornier Wal" um 9.30 Uhr von Stockholm starten und eine knappe Stunde später in der Badebucht in Slite landen. Fluggäste, die noch weiter wollten, konnten für einen Aufpreis von 90 Kronen ihre Reise nach Danzig (Gdansk) fortsetzen. Nachdem der Flugverkehr dann eine Zeitlang brachgelegen hatte, wurde er 1933 wiederaufgenommen. Die AB Aerotransport startete in dem Jahr den Sommerverkehr mit einem Wasserflugzeug, das im See bei Tingstäde landete. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieg flog die ABA mit zwei Touren pro Tag fast 1000 Flüge nach Gotland und transportierte so um die 11 000 Passagiere - ca. 70 Prozent von ihnen waren Touristen. 1938 beschloß der Reichstag, einen zivilen Flugplatz in der Nähe von Visby zu bauen. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis die ABA einen regelmäßigen Flugverkehr mit Visby in Gang bekam. Ein neuer Krieg kam dazwischen.
Da eine Flugreise nach Stockholm aber kaum etwas war, mit dem der durchschnittliche Gotländer seine Freizeit verbrachte, wurde eine andere Erfindung, die den Kontakt mit dem Festland möglich machte, wesentlich wichtiger: das Radio. 1922 starteten der schwedische Rundfunk, und es dauerte nicht lange, bis eine Art Radio, der Kristallempfänger, auch in den gotländischen Häusern zur normalen Einrichtung gehörte. Zuhören konnte man allerdings nur mit Hörrohren, weil der Kristallempfänger keine Lautsprecher hatte. Die Geräte waren oft selbst hergestellt und wurden vor der Elektrisierung der Dörfer mit schwerfälligen Bleiakkus angetrieben. 1924 gab es 103 Gotländer, die angemeldete Radios besaßen. 1937 war die Anzahl auf 7 034 gestiegen. Auch die Anzahl der Telefone stieg in den 30er Jahren drastisch an, und in einigen Jahren war Visby die Stadt mit den meisten Telefonen im ganzen Land.
Ein anderes neuentdecktes Freizeitvergnügen in den 30er Jahren war, ins Kino zu gehen. Auch in den größeren Orten auf dem Land wurden Kinos eröffnet, und das stets große Publikum genoß Filme wie "Kung Dollar", "Hjärtats begär", "Ingmarssönerna", "Livet på landet", "Anderssonskans Kalle" und "Karl XII.". Trotz Zensur wurde der Film über den schwedischen Kriegerkönig sehr beliebt bei den Gotländern, die sich in den Szenen wiedererkennen konnten, die in Visby gedreht worden waren. Viele Anwohner aus Visby waren darüber hinaus auch als Statisten im Film mit dabei.
Zu den Freizeitbeschäftigungen im Visby der 30er Jahre gehörte auch, im Restaurant essen zu gehen. Im Winter gab es zwei zur Auswahl: das Stadthotel und das Restaurant des Systembolaget, das später in Gutekällaren umgetauft wurde. Das Hotel und das Pensionat Solhem organisierten außerdem an mehreren Abenden in der Woche Tanzabende. In den Sommermonaten vervielfältigte sich das Angebot. Die "Terrasse" des Stadshotellet, DBW's Pavillon, Snäckgärdsbaden und Burmeisterska waren die populärsten Lokale mit gutem Essen und Live-Musik. Eine andere entdeckte Möglichkeit, in den Abendstunden Zerstreuung zu finden, war "zum Boot gehen", um sowohl bekannten als auch unbekannten Reisenden zu winken.
Auch das Kulturleben blühte auf. In den 30er Jahren debütierten große gotländische Kulturpersönlichkeiten wie der Künstler und Verfasser David Ahlqvist, der Dichter Gustaf Larsson und der bildende Künstler Bertil Nyström. David Ahlqvist und Bertil Nyström gaben zusammen mit dem Journalisten Karl Eric Hallbom ein "periodisches Sprachrohr für gotländische Kultur, Kritik und Humor" heraus, - die Zeitschrift "Fyren". Leider existierte sie nur für einige wenige Ausgaben. Musik und Gesang fanden ihr Publikum in den Konzerten der Musikaliska Sällskapet, des Allmäna sångens, und des Hansekören. Im Rahmen der Arbeitervereinigungen spielten begabte Amateure Neujahrsrevuen mit Texten des Redakteurs Valton Johansson, der 1943 Verantwortlicher für die gotländische Lokalradiostation wurde. An den Sommerabenden war die Ruine der St. Nicolai Kirche bis auf den letzten Platz angefüllt, wenn Friedrich Mehlers' und Joseph Lundahls Ruinenspiel "Petrus de Dacia" vor einem oft internationalen Publikum aufgeführt wurde.

Die Gotländer bekommen Elektrizität

Heute ist der elektrische Strom und elektrisches Licht für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit, und wir fühlen uns sehr eingeschränkt, wenn Stromausfälle uns immer mal wieder unsere Abhängigkeit von der Elektrizität vor Augen führen. Spätere Generationen können auch nicht verstehen, was es früher bedeutete, im Stall, in der Küche, im Klassenzimmer oder am Weihnachtsbaum elektrisches Licht zu bekommen. Der ganze Tagesablauf änderte sich, da man sich nicht mehr nach dem Einbruch der Dunkelheit richten mußte.
Verschiedene Arten von Elektrizitätswerken, üblicherweise mit Dampfmmaschinen oder Dieselmotoren, wurden in den 1880er und 1890er Jahren in vielen schwedischen Städten eingerichtet. Auf Gotland fiel der bescheidene Startschuß im Dezember 1904, als die Stadtwerke von Visby den ersten Stromkonsumenten an ein Dieselmotorkraftwerk an Södervägen anschlossen. Im Laufe der Zeit wurden auch auf dem Lande Kraftwerke gebaut, unter anderem in Burgsvik, Havdhem, Hemse, Klintehamn, Ljugarn und Roma. Doch erst nach dem Bau der Zementfabrik in Slite 1917-19 kam die Elektrifizierung der Insel richtig in Gang.
Anfangs wurde der Energiebedarf beim Bau der Fabrik von einem Lokomobil befriedigt, das einen Generator antrieb. Aber das Lokomobil reichte bald nicht mehr aus und stattdessen baute man ein großes Kraftwerk, das soviel Strom produzierte, daß auch etwas für die Haushalte in Slite übrig blieb.
Gerade zu dieser Zeit gab es in Visby eine lebhafte Diskussion über die Elektrifizierung Gotlands. In Visby gab es ja schon ein Kraftwerk, aber wie sollte man das Land erreichen? Mehrere Vorschläge wurden gemacht. Ein Vorschlag, war ein Kraftwerk mit einer Leistung von sechs Megawatt, was für die gesamte Insel ausgereicht hätte, bei Tingstäde zu bauen. Brennstoff für den Betrieb des Kraftwerkes gab es in der Nähe in Hülle und Fülle - der Torf in den Mooren von Martebo und Elinghem.
Im südlichen Gotland diskutierte man in den ersten Jahren der 1920er die Möglichkeit, mehrere kleine Dieselkraftwerke zu errichten, die zunächst nur für einige Kirchspiele zuständig sein sollten. Mehrere Kommitees arrangierten Treffen mit der Allgemeinheit. Deren Interesse war aber nicht sehr groß, zu einigen Treffen kamen nur der Vertreter des Unternehmens, das sich am stärksten für die Stromfragen der Insel engagierte, Aktiebolaget Skandinaviska Elverk (SEV).
Allmählich sahen aber alle die Vorteile in einer Konzentration der Stromversorgung an Stelle von mehreren kleinen Kraftwerken ein. Nach Gesprächen mit dem Chef der Zementfabrik in Slite, Fredrik Nyström, übernahm SEV im Februar 1925 das Kraftwerk der Fabrik, und ein Versorgungsvertrag wurde unter anderem zwischen der Zementfabik in Slite und Valleviken und der Stadt Visby unterzeichnet.
Schon nach einem Jahr zeigte sich, daß die Kapazität des Kraftwerks zu niedrig war, mehrere Erweiterungen und Modernisierungen vergrößerten die Ressourcen und verbesserten damit die Möglichkeiten, das Stromnetz zu vergrößern. 1927 übernahm ein neugegründetes Unternehmen, AB Gotlands kraftverk (GK), die Anlagen in Slite. Das Leitungsnetz hatte zu damals eine Länge von 116 Kilometer und es gab 391 angeschlossene Konsumenten.
Man fing nun an, ein Netz von Stromleitungen über die Insel zu ziehen: von Slite nach Valleviken 1925, von Slite über Källunge nach Visby 1926, von Källunge nach Roma 1927, von Roma über Klintehamn nach Hemse 1931. Von diesen Hauptleitungen gingen kleinere Leitungen ab, unter anderem nach Lärbro, Storugns und Bläse 1927, till Bungenäs 1928 und nach Fårösund 1929. Gleichzeitig übernahm GK die kleinen Kraftwerke in mehreren Orten.
In den schweren Jahren der 1930er stoppte der weitere Ausbau, nur wenige Abonnenten kamen hinzu. Um 1935 gab es trotzdem etwa 1600 feste Kunden, darunter viele Bauernhöfe. Alle Zementfabriken und Steinbrüche im nördlichen Gotland waren angeschlossen, genau wie viele Mühlen und Molkereien sowie die Zuckerfabrik in Roma. Etwa 30 Kirchspiele waren an das Netz angeschlossen. Die natürliche Konzentration auf die wichtigsten Anbaugebiete sorgte dafür, daß diese zuerst angeschlossen wurden. So waren zum Beispiel im Jahr 1935 alle Haushalte in Barlingbo an das Netz angeschlossen.
1932-34 wurde vor allem in der Gegend um Hemse ausgebaut, und in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wuchs das Leitungsnetz weiter. 1935 wurden Stånga und Garda, Västergarn und Sanda angeschlossen, 1937 Tingstäde, 1938-40 unter anderem Hejdeby, Endre, Lokrume, Linde, Källunge, Lye, Kappelshamn, Hellvi, Buttle und Ronehamn. Aber die Strompreise waren im Vergleich zum Festland immer noch recht hoch, was die Entwicklung behinderte.
Der Zweite Weltkrieg führte mit sich, daß die Elektrifizierung des Restes der Insel warten mußte. Zwischen 1945 und 1950 wurde der Ausbau vorangetrieben und nun wurden auch Vamlingbo, Hamra, Sundre, Öja, Burs, Rone, Viklau, Vänge und Guldrupe angeschlossen. 1945 wurde ein Kabel nach Fårö verlegt und zu Beginn der 1950er Jahre wurden dort alle Haushalte angeschlossen.
Das letzte Kirchspiel, das elektrifiziert wurde, war Hall. Mehrere Ursachen waren dafür verantwortlich, daß es dort so lange dauerte. Hall war relativ weit entfernt von den Hauptleitungen und die sehr komplizierte dortige Fluraufteilung erschwerte die Arbeit sehr. Das Problem wurde dadurch gelöst, daß der Landwirtschaftsausschuß das gesamte Gebiet neu aufteilte, wodurch die Aufteilung homogener wurde. 1953 konnte Hall an das Netz angeschlossen werden.
Zu dieser Zeit wurde schon seit zehn Jahren über eine neue und radikale Lösung von Gotlands Energieproblem diskutiert - eine Gleichstromleitung via Kabel vom Festland. Am 7. Mai 1954 wurde es in Betrieb genommen; es war das erste dieser Art auf der ganzen Welt. Nach neuen Erweiterungen und Modernisierungen übernahm schließlich Statens Vattenfallsverk zusammen mit Gotlands kommun alle Produktions- und Distributionsanlagen auf der Insel, und Gotlands Kraftverk wurde Gotlands Energiverk AB (GEAB).


In den Steinbrüchen des Nordens

Schwedens Industrialisierung während des 19. Jahrhunderts brachte eine gesteigerte Nachfrage nach Kalkstein mit sich. Vor allem war es die Celluloseindustrie, die diesen Rohstoff benötigte, aber er war auch für Eisenwerke und Zuckerherstellung wichtig. Auch im Ausland, vor allem in Deutschland, wurde der Kalkstein zur Herstellung von Zucker und für den Straßenbau eingesetzt.
Das gestiegene Interesse an Kalkstein brachte viele neue Steinbrüche im Norden Gotlands mit sich. Nach einem kurzen Abfall des Interesses stieg die Nachfrage nach dem wichtigen Rohstoff nach Ende des Ersten Weltkrieges wieder an. Einen Höhepunkt in der Beschäftigung gab es Mitte der 30er Jahre, als über 6000 Mann fast 650 000 Tonnen Kalkstein in den gotländischen Steinbrüchen brachen. Der Zweite Weltkrieg brachte wieder einen leichten Abfall mit sich, der aber nach dem Krieg schnell ausgeglichen wurde.
Es dauerte jedoch nicht lange, bevor die Nachfrage langsam zu sinken begann. Der eine Steinbruch nach dem anderen wurde geschlossen und die Beschäftigung konzentrierte sich auf einige wenige Steinbrüche. Heute wird der Kalkstein im wesentlichen an der Zementfabrik in Slite, bei Storungs und in Norrvange in Lärbro gebrochen. Der Stein wird hauptsächlich zu Zement weiterverarbeitet, aber auch für unterschiedliche Prozesse in Stahl- und Eisenherstellung, in der Metall- und Papierindustrie, in der chemischen Industrie und für Bauarbeiten verwendet. Die Zuckerhersteller kaufen den Stein, um die Rübensäfte zu reinigen und im Umweltschutz wird Kalkstein unter anderem angewandt, um der Versauerung von Wäldern und Seen entgegenzuwirken.

Die Arbeit im Steinbruch

Der Abbau von Kalkstein zu anderen Zwecken als dem Brennen konzentrierte sich immer im Norden Gotlands. Orte wie Storugns, Ar, Strå, Bungenäs, Furillen, Lörje, Smöjen, Hide und St. Olofsholm haben alle eine wichtige Rolle in diesem für die Insel wichtigen Wirtschaftszweig gespielt. Fast ausnahmslos befinden sich die Steinbrüche in unmittelbarer Nähe zur Küste, wodurch die Transporte erleichtert und der Weg der Steine vom Steinbruch zu den Schiffen möglichst kurz wurden.
Noch heute liegen die Steinbrüche wie offene Wunden in der Landschaft, manchmal aber bei aller Ödnis mit einer gewissen Schönheit. Und vor allem erinnern sie an die Zeit, in der sie vor Leben brodelten, als die Arbeit im Steinbruch eine Lebensnotwendigkeit für viele Menschen war, Menschen, die für ihren Lebensunterhalt schufteten.
Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die meiste Arbeit in den Steinbrüchen von Hand erledigt. Jede Kolonne verfügte über einen Satz Werkzeuge, in dem Bohrer, Vorschlaghämmer - darunter ein "Großer Hammer" von 15 Kilo Gewicht - Spaten und Brechstangen. Zur Ausrüstung gehörten auch Lastwagen und Schienenfahrzeuge. Während des Ersten Weltkrieges kamen die ersten motorbetriebenen Druckluftbohrer auf, die lange Zeit die einzigen Maschinen im Steinbruch bleiben sollten.
In den 1920er und 1930er Jahren bekamen die meisten Steinbrüche elektrischen Strom, und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begann eine gewisse Mechanisierung. Es dauerte aber noch bis nach dem Krieg, bevor die Entwicklung schneller vonstatten ging. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Steinbrüche auf Gotland aber nur noch kurze Zeit zu existieren.
Die meisten Kalksteinbrüche waren sich recht ähnlich. Abhängig vom Stein und dessen Beschaffenheit bzw. Erreichbarkeit variierten sie doch in Umfang und Tiefe. Einige konnte bis zu 20 Meter tief sein. Die Arbeiter brachen dann den Stein auf drei unterschiedlichen Niveaus. Alle Arbeiten wurden auf allen Niveaus gleichzeitig ausgeführt. Vom Hafen führten Schienen direkt in den Steinbruch, die sogenannte Hauptlinie, für die die Eisenbahngesellschaft zuständig war. Die verschiedenen Kolonnen hatten eigene Seitenspuren zu ihren jeweiligen Arbeitsgebieten.
Hier arbeiteten zwei Männer, die für alle Arbeitsschritte von Bohren und Sprengen bis zu Verladung und Transport des gebrochenen Steines zum Hafen.
Überall begann man den Abbau mit dem Bohren kleiner Löcher. Lange wurde diese Löcher nur von Hand gebohrt. Ein Mann hielt den Bohrer fest, der die ganze Zeit rotierte, und ein anderer schlug mit einem Vorschlaghammer auf den Bohrer. Wenn das Loch ausreichend tief war, reinigten es die Arbeiter mit Wasser und langen Stöcken. Um Platz für eine richtig große Sprengung zu bekommen, waren sie gezwungen, den Boden des Loches mit einer kleinen Sprengung auszuweiten.
Dann wurden die Löcher mit Dynamit gefüllt, üblich waren 30 bis 40 Kilo pro Ladung. Noch in den 30er Jahren mußten die Arbeiter das Dynamit und die Zündschnüre selbst bezahlen, man mußte also genau wissen, wieviel man brauchte. Bei großen Sprengungen wurden große und kleine Steinbrocken abgesprengt, die sich am Boden des Steinbruches sammelten, etwa 300 bis 400 Tonnen. Wenn alles wie geplant funktionierte, was durchaus üblich war, begannen die Kolonnen, die Steine "aufzureißen". Alle Steine, oft eine halbe Tonne und schwerer, mußten zu kleineren Steinen zersprengt oder zerschlagen werden, so daß ein Mann die Reste tragen konnte. Es gab unterschiedliche Größen; von 2 bis 80 Kilo.
Wenn nötig, komplettierten die Kolonnen die Gleise mit neuen Spuren und begannen mit der Verladung der Steine, nach einer vorher festgelegten Reihenfolge. Die beiden Arbeiter auf jeder Seite der Lore mußten ein gleichmäßigen Arbeitstakt einhalten, so daß keiner ins Hintertreffen geriet. Handschuhe kamen überhaupt nicht in Frage, wer welche trug, wurde sofort als Weichei beschimpft. Jede Lore wurde mit ungefähr sechs Tonnen Stein beladen, normal waren fünf Loren am Tag, drei am Samstag, für eine Kolonne. Die Wagen wurden dann von Hand auf das Hauptgleis geschoben, wo sie eine Lokomotive abholte und in den Hafen und zu den dort wartenden Schiffen zog.

"Die Arbeit am Berg war schwer"

Die Arbeit im Steinbruch war oft risikoreich. Zwar waren Unfälle mit tödlichem Ausgang unüblich, aber ab und zu kamen solche doch vor, vor allem bei den Sprengungen. Bei den Bohrungen und dem "Auseinanderreißen" war die Gefahr eines Steinrutsches groß, und manchmal explodierte übrig gebliebenes Dynamit bei der harten Behandlung des Steines mit Hämmern und Brechstangen.
Andere Verletzungen waren gewöhnlicher. Das Rattern der Druckluftbohrer führte zu Gehörschädigungen - noch kannte man keinen Gehörschutz - und beim Verladen des Gesteins wurde der Rücken stark belastet. An einem normalen Arbeitstag hob ein Arbeiter 15 Tonnen Stein, was etwa 2500 Tonnen im Jahr ergibt, wenn man bedenkt, daß die Arbeit im Steinbruch Saisonarbeit war. Dazu kam üblicherweise noch die Verladung von Kies - und bis die 1940er Jahre wurde alle Arbeit per Hand erledigt.
Quetschungen, gebrochene Finger und kaputte Hände waren so häufig, daß sich die Arbeiter oft gar nicht darum kümmerten. Handschuhe zu benutzen war undenkbar. Gerissene Fingernägel, die "im Weg waren", rissen die meisten schnell und einfach mit einer Zange heraus.
Die gotländischen Steinbrucharbeiter konnten nur eine bestimmte Zeit des Jahres arbeiten. Im Winter wurde oft gar nicht gearbeitet, und es konnte vorkommen, daß es keine Boote zu beladen gab. Denn diese kamen oft nicht, so wie es geplant war. Bei all diesen Gelegenheiten gab es auch kein Einkommen Lohn - keine Arbeit, kein Lohn. Die konjunkturellen Schwankungen betrafen auch die Steinbrüche, zeitweilig sank die Nachfrage nach Stein spürbar.
Wenn es Arbeit gab, war die normale Arbeitszeit von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. 1920 wurde ein Gesetz über die 48 Stunden Woche verabschiedet, und daraufhin wurden die Arbeitszeiten etwas verändert. Es gab nur Akkordarbeit. Um 1925 konnte ein Arbeiter in der Stunde zwischen 50 und 75 Ören verdienen, und da es im Winter keine Arbeit gab, konnte ein Steinarbeiter etwa 1000 Kronen im Jahr verdienen. Damals kostete ein Herrenfahrrad 150 Kronen, also deutlich mehr als ein Monatslohn. Für einen guten Anzug mußte man etwa genausoviel bezahlen, während ein Kleid etwa 25 Kronen kostete.
Besonders im Winter war es schwer, die laufenden Kosten zu bewältigen. Manchmal konnte man bei den Bauern der Gegend Arbeit bekommen: Waldarbeit, Sägen, Dreschen und Kartoffellesen. Fisch, Beeren, Pilze und Obst wurde gefangen bzw. gesucht und trug zum Überleben der Familie bei. Diejenigen, die Gelegenheit dazu hatten, hielten sich ein Schwein, einige Hühner oder sogar eine Kuh, einige konnten für wenig Geld ein Stück wertloses Land vom Steinbruchbesitzer oder von Bauern kaufen, auf das sie eine kleine Hütte bauen und einige Kartoffeln anpflanzen konnten.
Auch die Frauen im gotländischen "Steinreich" hatten keine leichte Aufgabe. Es war ihre Aufgabe, sich um den Haushalt und die oft vielen Kinder zu kümmern, und sie mußten dafür sorgen, daß für alle Essen da war. Mit den knappen Mitteln war das oft nicht leicht, auch wenn sie manchmal durch kleinere Arbeiten bei einem Bauern, dem Lehrer oder dem Pfarrer etwas zur Haushaltskasse beitragen konnten. Ein Wunsch vieler Steinarbeiterfrauen war eine Nähmaschine, eine Investition, die viele Opfer verlangte, aber die einen Beitrag zur Versorgung der Familie leisten konnte. Mit ein wenig Fingerfertigkeit schafften es die Frauen, Kleider für ihre eigene Familie um im besten Fall auch für andere zu nähen. So konnte man sogar etwas verdienen. Selbst die wenigen Kronen, die man für ein Kleid bekam, waren ein wichtiger Beitrag zur Haushaltskasse.
Obwohl die Arbeit im Steinbruch anstrengend, risikoreich und schlecht bezahlt war, fanden viele Steinarbeiter, das es eine verhältnismäßig gute Arbeit sei:
"Im Steinbruch zu arbeiten war hart, aber es war auch frei und gut. Es war eine gewisse Anzahl Loren, und dafür legten wir uns richtig ins Zeug, weder mehr noch weniger..."
Viele zogen die Steinbrüche den Zementfabriken vor, wo man drinnen arbeiten mußte, obwohl es besser bezahlt war und es das ganze Jahr Arbeit gab. Als allmählich Maschinen auch im Steinbruch aufkamen, stieg auch dort der Druck. Alle waren gezwungen, aufeinander zu achten und einen gewissen Takt zu halten.

Die Arbeiter beginnen, Forderungen zu stellen

Als das Brechen und der Verkauf von Kalkstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Kalkbrennen als wichtigsten Wirtschaftszweig im Norden Gotlands ablöste, änderte sich auch das Verhältnis zu den Arbeitern in vielen Aspekten. Die meisten Steinbrüche wurden von Unternehmen betrieben, oft mit Sitz auf dem Festland, manchmal sogar im Ausland. Die Abstände zwischen Arbeitern und Arbeitgebern wurden größer, der direkte Kontakt, der einmal zwischen den Kalkpatronen und ihren Arbeitern üblich war, ging vorloren. Gleichzeitig verschwand auch die persönliche Bekanntschaft zwischen ihnen und damit auch die oft bezeugte Sorge bzw. der althergebrachte Respekt, die viele Kalkpatrone und ihre Arbeiter für einander hegten.
Nun gab es stattdessen einen Verwalter, über den alle Kontakte zwischen dem Eigentümer, dem Unternehmen und den Arbeitern verantwortlich war. Als örtlicher Chef hatte er eine schwere Aufgabe, er war Druck von beiden Seiten ausgesetzt. Aber nur sehr selten stand er auf der Seite der Arbeiter, wofür er meistens von ihnen gehaßt wurde. Für die Arbeitgeber galt es ja auch, jemanden anzustellen, der die Arbeiter "zu nehmen" verstand, d. h. der die Gewinne des Unternehmens maximieren konnte. Natürlich mußte das zu Konflikten führen.
Die wichtigste Entwicklung war aber, daß die Arbeiter erkannten, daß sie von den Unternehmen ausgenutzt wurden - und daß sie etwas dagegen tun konnten. Die entstehende Arbeiterbewegung und sozialistische Ideen machten die Arbeiter auf die Mißstände vor allem in den Steinbrüchen aufmerksam. Diese gehörten dann auch zu den ersten Arbeitsplätzen, an denen Arbeiterkommunen und Gewerkschaften gegründet wurden - und wo sie mitbestimmen konnten.
Vielleicht wagten es die Arbeiter noch nicht, die großen sozialdemokratischen Grundfragen zu stellen, wie das private Eigentumsrecht an Fabriken, Gruben und anderen Produktionsmitteln oder die Machtübernahme an den eigenen Arbeitsplätzen. Wenn die Arbeitgeber kritisiert wurden, dann wurde das in allgemeinen Formulierungen zu Arbeitslosigkeit, Löhnen, Betriebssicherheit und der Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes getan. Die Ursachen hierfür waren nicht Unsicherheit oder Gleichgültigkeit, sondern eher das fehlende Bewußtsein der eigenen Kraft und Bedeutung. Die Arbeiter in den Steinbrüchen, aber auch in den Zementfabriken, Molkereien, Handelshäusern und den mechanischen Werkstätten schoben die großen theoretischen Fragen noch vor sich her, um sich stattdessen auf die lokalen zu konzentrieren. Nur in diesem Bereich glaubte man, etwas ausrichten zu können, und nur in diesem Bereich konzentrierte man seine Kraft.
Der Versuch, die Steinarbeiter zu organisieren, wurde im Steinbruch Furillen in Hellvi gemacht, andere Steinbrüche folgten schnell. Auch die Drainagearbeiter im Mästermoor und die Arbeiter der Zuckerfabrik in Roma waren weit vorne dabei. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis die Arbeiter mit den ersten organisierten Streiks den Kampf mit ihren Arbeitgebern aufnahmen. 1908 wurde die Arbeit in St. Olofsholm und Furillen zeitweilig niedergelegt.
Im Steinbruch Furillen wurde der Streik im "Großen Streik" des folgenden Jahres fortgesetzt. Im Sommer 1909 brachte das deutsche Unternehmen, das den Steinbruch besaß, ausländische Arbeiter nach Gotland, um mit der Situation zurechtzukommen. Die Arbeiter kam aus Galizien, wo in dieser Zeit ein wichtiges Arbeitskräftereservoir für Europas Industrie und Landwirtschaft war.
Dies berichtete eine Steinarbeiter von der dieser merkwürdigen Situation:
"Man bekam 150 Kronen Strafe, wenn man während des Streiks zum Steinbruch ging. Die Wachen standen an der Küstenstraße, aber keine Arbeitswilligen dorthin kommen konnten. Aber das machte auch keiner, das Unternehmen holte an Stelle einige Galizier. Die armen Teufel. Ich glaube, sie hatten noch nie einen Kalksteinbruch vorher gesehen. Sie gingen dort barfuß umher, es war armselig. Sie waren die Arbeit überhaupt nicht gewohnt. Sie arbeiten dort den ganzen Sommer über. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt einige Steine brechen konnten. Aber die streikenden Arbeiter überlegten sich, daß sie zum Steinbruch gehen sollten. Etwa 30 Mann gingen los. Jeder bekam 150 Kronen Strafe aufgebrummt. Ein Polizist stand an der Straße, aber er alleine konnte sie ja nicht aufhalten. Keiner bezahlte die Strafe, sie saßen sie ab. Alle bekamen 18 Tage. Herman sagte, daß er es noch nie so gut gehabt hatte, wie im Gefängnis. Es war ein Verlustgeschäft für den Staat, der sie alle achtzehn Tage lang ernähren mußte..."
Während des Ersten Weltkrieges begannen viele Arbeiter, sich in den ersten syndikalistischen Organisationen zu sammeln. Solche wurden unter anderem in Hellvi und Storugns 1915, in Rute 1916, in Slite 1917 und bei Bungenäs und Klintsbrovik 1919 gegründet. Die Syndikalisten wollten unter anderem durch Streiks die Überführung der Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter erzwingen, die Streitlustigkeit der Arbeiter wuchs. Und Streit gab es, allein von 1916-1919 wurden in den Steinbrüchen wenigstens sechs Streiks organisiert. Die meisten galten reinen Lohnfragen, aber auch das Vereinsrecht und andere prinzipielle Fragen kamen auf's Tapet. Obwohl sie für die gleichen Ziele kämpften, kam es bald zu Unstimmigkeiten zwischen den Syndikalisten und dem sozialdemokratischen Gruben- und Fabriksarbeiterbund. Die letzteren sollte sich als die erfolgreicheren erweisen.

Die "Svenskbybor" kommen nach Gotland

Neben eher üblichen Namen wie Andersson, Johansson und Jakobsson gibt es im gotländischen Telefonbuch von 1993 14 Fernsprechteilnehmer mit dem Namen Annas, 43 haben den Nachnamen Buskas, 21 heißen Knutas, 10 Mutas und 18 Utas. Zum überwiegenden Teil sind dies Nachkommen der "Svenskbybor" (dt. Einwohner der Schwedendörfer), die 1929 nach Schweden kamen.
Der Ursprung der "Svenskbybor" ist unbekannt. Schon im 14. Jahrhundert wohnten sie auf der Insel Dagö vor der Küste Estlands. 1781 vertrieb sie die Zarin Katharina von dort. Sie wanderten zu Fuß in die neue Region, die ihnen zugewiesen wurde: das Gebiet in der Ukraine, das als "Gammalsvenskby" (dt. Alt-Schwedendorf) bekannt wurde. 1782 kamen sie dort an. Von den 1200 Menschen, die Dagö verließen, überlebten nur 135 die Zwangsumsiedlung.
1929 erlaubte die russische Regierung den "Svenskbybor", nach Schweden auszuwandern. Die sowjetische Landwirtschaft befand sich im Kollektivierungsprozeß, und die Zukunftsaussichten waren unsicher. 186 Familien mit zusammen 886 Personen kamen am 1. August 1929 in Trelleborg an. Knapp 500 von ihnen siedelten sich auf Gotland an, einige fuhren weiter nach Kanada. 1931 kehrten 237 nach Rußland zurück.
Schon bevor die "Svenskbybor" Rußland verließen, gab es in Schweden ein Komitee, das sich um die Einwanderer kümmern sollte. 1929 wurde das Komitee in eine Stiftung umgewandelt, und gleichzeitig wurde eine landesweite Spendenaktion ins Leben gerufen, die den Kauf von Höfen überall im Land finanzieren sollte. Die "Svenskbybor" wollten am liebsten ein neues Dorf gründen, in dem sie weiter in ihrer gewohnten Gemeinschaft zusammenwohnen konnten. Diese Idee mußte bald aufgegeben werden, da man keine ausreichend großen Gebiete fand, die zum Verkauf standen.
Schon früh richtete sich das Interesse auf Gotland, vor allem nachdem der Landshövding der Insel, A.E. Rodhe, vorgeschlagen hatte, die "Svenskbybor" in mehreren kleineren Gruppen auf Gotland anzusiedeln. Die Entfernungen waren so gering, daß ein gewisser Zusammenhalt doch möglich sein sollte. Außerdem brauchten die Bauern der Insel neue Arbeitskräfte. Es war jedoch ein großes Problem, ganze Familien anzusiedeln.
Mitte August 1929 kamen die ersten "Svenskbybor" nach Gotland. Gotlands Allehanda schilderte die Ankunft:
"Viele Leute hatten sich heute früh am Hafen eingefunden, um auf die "Svenskbybor" zu warten. Erst gegen acht Uhr kam die "Visby" aus Kalmar an.- Die "Svenskbybor" hielten sich unter Deck, und erst durch die Luke auf dem Vorderdeck konnte man nach dem Anlegen des Bootes einige von ihnen hervorgucken sehen. Und nachdem die anderen Passagiere an Land gegangen waren, versammelten sie sich auf dem Vorderdeck, wo sich die Damen der hiesigen Ortsgruppe des Roten Kreuzes um sie kümmerten. Völlig unerwartet erklang auf einmal "Du gamla, Du fria" (die schwedische Nationalhymne) auf dem Deck. Eine kleine Gruppe aus hauptsächlich Frauen und Kindern in weißen Kopftüchern hatte sich gebildet, offensichtlich ein Teil des Chores der "Svenskbybor". Eine zerbrechliche Frauenstimme stimmte das Lied an, die anderen Stimmen fielen ein und der Gesang erhob sich in den schönen Morgen. Die Häupter wurden entblößt, sogar die Jungen nahmen ihre Mützen ab, und die Menschen auf dem Kai taten es ihnen nach. Nach diesem Lied folgte "Så tag nu mina händer" (dt. So nimm jetzt meine Hände) und noch ein weiteres mehrstimmiges Lied. Danach sammelten die "Svenskbybor" ihre Reiseutensilien, ihre Säcke, Tüten, Bündel und Körbe und überquerten die Gangway... Dies ist eine Gruppe von heimatlosen Menschen, ohne Häuser und Wurzeln, die hier einem ungewissen Schicksal entgegen gehen, mit ihrem ganzen Besitz in einem Bündel über der Schulter. Es ist ein verwunderlicher Anblick, und man fragt sich mit Schaudern, was die Zukunft für sie birgt..."
Auf Gotland hatte die Svenskby-Stiftung einige Höfe für die "Bybor" gekauft. Einer davon war Snäckarve in Stenkumla, den man sich als eine Art Musterhof und als einen Sammelpunkt für die neuen Bewohner der Insel gedacht hatte. 1930 wurden weitere 21 gotländische Höfe gekauft, allmählich wurden es sogar 46.
Die Gotländer kümmerten sich gut um ihre neuen Mitbürger, auch wenn diese zunächst noch einen andersartigen Einschlag in der gotländischen Gesellschaft ausmachten. Nicht nur die etwas altmodische Kleidung fiel auf, sondern auch ihre landwirtschaftlichen Methoden und die tiefe Religiösität, die ihren Alltag prägte.
Die meisten "Svenskbybor" lebten sich auf Gotland gut ein, wenn es am Anfang auch ein paar Probleme gab. Sie erwiesen sich als tüchtige Bauern, und mit der Hilfe ihrer Nachbarn wurden sie schnell Teil der gotländischen Gesellschaft.

Arbeitslosigkeit und politische Demonstrationen

1929 entstand in den USA eine ernste Wirtschaftskrise. Sie schwappte nach Europa über und war auch in Schweden spürbar. Die Arbeitslosigkeit stieg, und da gleichzeitig in vielen Fällen die Löhne gesenkt wurden, entstand große Unruhe auf dem Arbeitsmarkt. Im Mai 1931 kam es zu den Krawallen in Ådalen, und im darauffolgenden Jahr wurde Schweden vom Zusammenbruch des Industrieimperiums Ivar Kreugers erschüttert. 1933 gab es in ganz Schweden 187 000 Arbeitslose, und die Regierung versuchte, die Arbeitslosigkeit mit unterschiedlichen Konzepten zu bekämpfen.
Durch die staatliche Arbeitslosigkeitskommission (AK) organisierte der Staat eine Art von Reservearbeitsplätzen (AK-Arbeit), die außerhalb der planmäßigen staatlichen und kommunalen Programme lag. Diese Arbeitsplätze wurden sehr schlecht bezahlt, und sie wurden besonders von den Sozialdemokraten scharf kritisiert, die "Bereitschaftsarbeitsplätze" bevorzugten, die Teil des normalen Produktionsablaufes waren und mit den gleichen Löhnen wie auf dem offenen Arbeitsmarkt entgolten wurden.
Auch auf Gotland erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen schnell. Vor allem waren Visby und die Orte mit Industrie in irgendeiner Form betroffen, aber auch die Landwirtschaft blieb nicht unberührt. In Slite lief es so schlecht für die Zementfabrik, daß ihre Schließung debattiert wurde. Weil es kein umfassendes soziales Schutznetz gab, bekamen viele Familien große wirtschaftliche Probleme. Das Geld reichte noch nicht mal für Lebensmittel kaum aus, in Visby war es nicht ungewöhnlich, daß Arbeitslose "mit dem Hut" herumgingen und die Bessergestellten um einen Groschen baten. Andere wanderten herum und spielten auf Höfen und Plätzen in der Hoffnung, von den Passanten eine kleine Anerkennung zu bekommen.
Die Arbeitslosigkeitskomitees in den Gemeinden der Insel arbeiteten frenetisch daran, die ernste Situation unter Kontrolle zu bringen. In den meisten Orten war man gezwungen, sich mit den unpopulären "AK-Arbeiten" zufrieden zu geben, und überall auf Gotland waren Arbeitslose damit beschäftigt, Wege zu bauen und Gräben zu ziehen. Weil die Arbeitslosigkeit zeitweise solche großen Ausmaße annahm, wurde es in einigen Orten notwendig, die Arbeit zu "rationieren" und die Unterstützung zu senken, die überhaupt keine Arbeit hatten. Der Jahreslohn derer am schlimmsten Betroffenen lag da zwischen 600 und 700 Kronen.
Ab 1934 ließen die Schwierigkeiten langsam nach. Der schwedische Export stieg, und gleichzeitig sank die Arbeitslosigkeit. Die Depression wurde von einer Hochkonjunktur abgelöst, und in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre konnten sich die Sozialdemokraten daran machen, ihren Traum vom schwedischen "Folkhem" (dt. Volksheim) zu verwirklichen.
Neben wirtschaftlichen und sozialen Fragen wurde in den 1920er und 1930er Jahren auch über die Landesverteidigung diskutiert. Nach dem 1. Weltkrieg verringerten viele Länder, darunter auch Schweden, ihre Militärhaushalte. Zu Beginn der 1930er Jahre war die schwedische Verteidigungsfähigkeit sehr gering, obwohl die Bedrohung aus dem Osten immer deutlicher spürbar wurde. Eine bemerkenswerte Erinnerung daran erhielten die Gotländer und die Regierung im September 1928, als ein russisches Kriegsschiff völlig überraschend und ohne Vorwarnung im Hafen von Visby anlegte. Die Besatzung war vollkommen hemmungslos durch die Straßen der Stadt spaziert, ohne daß sie jemand daran hinderte. Dieses Ereignis verursachte gewisse diplomatische Komplikationen und große Schlagzeilen in der schwedischen Presse.
Unter den Gotländern entstand zudem große Aufregung, als der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Arthur Engberg in einer pazifistischen Rede 1932 unter anderem folgendes sagte:
"Wenn eine andere Macht unbedingt verlangt, Gotland zu bekommen, dann sage ich: 'Sollen sie Gotland haben'. Eine Umsiedlung der Gotländer auf das Festland ist besser als ein Krieg..."
Diese Bemerkung sträubte den Gotländern die Nackenhaare, und in den Zeitungen kam es zu einer erhitzten Debatte. Es dauerte lange, bis man auf Gotland einsah, daß das Ganze ein Sturm im Wasserglas war, ein Einwurf in eine laufende Diskussion von einer sicherlich bedeutenden aber noch nicht offiziellen Person. Im folgenden Jahr bildeten die Sozialdemokraten die Regierung in Schweden und Arthur Engberg wurde Minister. Hätte er in dieser Position die berüchtigte Rede gehalten, hätten die Gotländer seinen skandalösen Ausspruch ernster nehmen müssen.
Auch andere Winde fegten über Gotland und zeigten, was auf der internationalen Bühne los war. Die politische Aktivität war groß, nicht zuletzt am linken Rand, wo sowohl Kommunisten als auch Sozialdemokraten immer stärker wurden, aber gleichzeitig wurde auch der Nationalsozialismus immer stärker. Die Demonstrationen der Arbeiter zum 1. Mai fanden gleichzeitig mit Kundgebungen der Nazis auf Stora Torget in Visby statt, manchmal waren die Proteste sehr lautstark, und es kam zu Krawallen. In vollbesetzten Sälen wurden Debatten organisiert. Einmal war der Andrang so stark, daß nicht alle Zuhörer Platz im Reginakino auf Mellangatan fanden und daß die Veranstaltung durch Lautsprecher nach draußen übertragen werden mußte.

Wieder Krieg

Die internationale Anspannung gegen Ende der 1930er Jahre entlud sich gewaltsam im deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. Ende November griff die Sowjetunion Finnland an, und der folgende sogenannte Winterkrieg und die deutsche Besetzung Norwegens und Dänemarks 1940 brachten den 2. Weltkrieg bis an die schwedischen Grenzen.

Bereitschaft, Eiswinter und Rationierung

"Ein Schuppen an einer Stichstraße. Eine lange Schlange von Reisenden, die nach und nach durch die offene Tür verschwinden, hinter der die Kontrolle mit voller Kraft arbeitet. Posten mit aufgepflanztem Bajonetten. Einige grelle elektrische Scheinwerfer zerschneiden unbarmherzig die schattenlose Dämmerung des Sommerabends. Ein höflicher Fähnrich, gepflegt und kriegerisch, lotst drei vorangemeldete Herren an der Schlange vorbei zur Gangway des Schiffes. Taschenlampen und weitere spähende Argusaugen an der Reling. Im Hafen graue Schiffsrümpfe, deren dornige Silhouetten allzu deutlich verraten, daß Kanonen an Bord sind. Gelöschte Leuchttürme, eingezogene Leuchtbojen. Was ist dies eigentlich für eine Grenzstation und an welche fremde Küste soll die Fahrt gehen?"
Diese dramatische Szene hätte sich in jedem französischen, englischen, deutschen oder russischen Hafen in den Jahren 1939-1945 abspielen können. Aber die "Grenzstation" war Nynäshamn im September 1940, die fremde Küste war die gotländische, und unter den Reisenden, die das Dampfschiff von Gotlandsbolaget bestiegen, befand sich Prinz Vilhelm, von dem diese Schilderung stammt. Alle spürten, daß etwas Ernstes in der Luft lag. Die Reise nach Visby war nicht länger eine fröhliche Urlaubsfahrt, und niemand wußte, was sich in der Ostsee verbarg. Einige Jahre später sollten dramatische Ereignisse zeigen, daß es diese Risiken real waren.
Gleich nach dem Ausbruch des Krieges wurde die Verteidigung Gotlands verstärkt. Die Regierung nahm sowohl auf die isolierte Lage als auch auf die strategische Bedeutung der Insel Rücksicht, und es wurden nicht nur Gotländer, sondern auch Wehrpflichtige vom Festland einberufen. Abhängig von der Entwicklung des Krieges, befand sich die Verteidigungsbereitschaft fast die ganze Zeit über auf einem hohen Niveau, in wichtigen Wasserstraßen wurden Minen gelegt, und ein Teil der Einberufenen wurde mit neuen Waffen vertraut gemacht. Praktisch entlang der ganzen gotländischen Küste wurde unablässig an Verschanzungen und Stacheldrahthindernissen gebaut. 1940 bekam die Insel eine eigene Hemvärn (dt. Heimwehr), und in Lärbro wurde ein Lazarett eingerichtet. Gotland bereitete sich auf einen feindlichen Angriff vor.
Mit einigen Ausnahmen, bekam Gotland von den eigentlichen Kriegsereignissen nichts mit. Die Bevölkerung des östlichen Teils der Insels konnte zwar manchmal den Widerschein von brennenden Dörfern und Städten im Baltikum sehen, aber ansonsten handelte es sich um den ein oder anderen unerlaubten Flug über schwedisches Territorium und einige recht undramatische Notlandungen von deutschen und alliierten Flugzeugen, unter anderem in Mästermyr, När und Östergarn.
Wie auch schon im 1. Weltkrieg wurden Waren wie Benzin, Zucker, Mehl, Brot, Fleisch und Kaffee, später auch Textilien, Schuhe, Kerzen und Waschmittel rationiert. Zum Teil wurde der Mangel an Brennstoff durch Brennholz aus den gotländischen Wäldern und durch Torf aus dem Moor von Martebo gemildert. Hier und dort begann man wieder, gotländischen Teer herzustellen und Kohlenmeiler anzulegen, um Holzkohle für die Holzvergaserautos zu bekommen.
Zu diesen Sorgen kamen einige sehr kalte Winter zwischen 1940 und 1942. Auf dem Land unterbrachen zeitweise mehrere Meter hohe Schneewehen jeden Zug- und Busverkehr, auf See behinderte dickes Eis den Verkehr. Viele Schiffe blieben im Packeis stecken, und die Fahrzeuge von Gotlandsbolaget bekamen große Probleme, den Verkehr zwischen Visby und dem Festland aufrechtzuerhalten. Die Insel war zeitweilig isoliert trotz des Einsatzes von Eisbrechern. Dies wurde schnell spürbar, da sowohl Heizkohle als auch Viehfutter knapp wurden. Einmal mußten sogar die staatlichen Läden für den Alkoholverkauf wegen ausgebliebener Lieferungen schließen.
Der Mangel an einigen Waren und die schwache Nachfrage nach anderen ließ die Arbeitslosigkeit steigen. In Visby mußte die Zementfabrik schließen, aber an ihrer Stelle wurde eine Fabrik gegründet, die Hanf produzierte. In der Landwirtschaft sah es zum Teil ganz anders aus. Viele Bauern und Knechte waren einberufen worden, und es wurden viele Helfer für die Heu- und Kartoffelernte gebraucht. Durch den Einsatz von freiwilligen Erntehelfern konnte dieses Problem zum Teil gelöst werden.
Der Krieg machte sich auch auf andere Weise bemerkbar. Überall auf der Insel wurden "Finnlandabende" veranstaltet, und gotländische Familien nahmen Kinder aus dem vom Krieg heimgesuchten Finnland auf. Viele nahmen an Bürgerfesten und Diskussionen über die Verteidigung teil, und die Gotländer zeichneten viele staatliche Kriegsobligationen. An der Spitze des Umzuges am 1. Mai wehte die schwedische Flagge an Stelle der üblichen sozialistischen, roten Flagge. Der Kindertag in Visby zog viele Besucher an, 1942 rechneten die Veranstalter mit etwa 23 000, und bei einem der Festumzüge gewann ein "genuin schwedischer Wagen mit national gekleideten, Geige spielenden Jugendlichen" den ersten Preis. Ernsthaftere Einschränkungen des Alltags waren Luftschutzübungen mit Verdunkelung, Fliegeralarm, Krankentransporten und Aufenthalten im Schutzraum.

Die "Hansa" wird torpediert

"Ein furchtbares Unglück hat die gotländische Handelsflotte und damit ganz Gotland getroffen. Das Dampfschiff "Hansa" ist auf dem Weg von Nynäshamn nach Visby gesunken, vermutlich auf Grund einer Minenexplosion, und zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann niemand sagen, wie viele Menschen gerettet werden konnten. Das planmäßige Flugzeug nach Visby hat ein Rettungsboot und Wrackteile gesehen, an denen sich Überlebende festhielten. Flugzeuge und Schiffe sind von verschiedenen Orten aus zum Unglücksplatz ausgelaufen, der sich etwa 12 Distanzminuten nördlich von Stenkyrkehuk zu befinden scheint..."
In der letzten Novemberwoche 1944 waren die ersten Seiten der gotländischen Zeitungen von dicken, schwarzen Überschriften bedeckt. Zu einem Zeitpunkt, als der Krieg langsam zu enden schien, wurde das Dampfschiff "Hansa" von Gotlandsbolaget das Opfer des sinnlosen Angriffs eines russischen U-Boots. Der Angriff führte zu einer Katastrophe - ein Torpedo versenkte das Schiff, dem 84 Menschen in die Tiefe folgten. Viele von ihnen waren Gotländer.
Die "Hansa" hatte Nynäshamn planmäßig am Abend des 23. Novembers verlassen, und wenn alles normal verlaufen wäre, hätte das Dampfschiff am folgenden Morgen um sieben Uhr in Visby festgemacht. Als man auch am späten Vormittag noch nichts von dem Schiff gesehen hatte, befürchtete man in Visby, daß etwas Ernstes geschehen sein mußte.
Nachforschungen mit Flugzeugen und Schiffen bestätigten bald, daß ein Unglück geschehen war - einige Dutzend Kilometer vor Stenkyrkehuk wurden Wrackteile und ein Rettungsfloß im Wasser gefunden. Eine Rettungsaktion begann, aber die ersten Fahrzeuge, die an den Unglücksort kamen, konnten nur noch zwei Überlebende bergen.
Bald war allen das Ausmaß des Unglückes klar. Die "Hansa" war untergegangen und 84 Menschen waren gestorben. Eine Kommission, die das Unglück untersuchte, stellte fest, daß das Schiff wahrscheinlich von einem Torpedo getroffen worden war, aber niemand konnte sagen, welche Nationalität das U-Boot hatte. Darüber hinaus gab es viele andere Unklarheiten, die zu vielen unnötigen Spekulationen führten.
Es dauerte fast 50 Jahre, bevor man eine Antwort auf die wichtigsten Fragen bekam: Wie und von wem wurde die "Hansa" versenkt? Erst 1990 erhielten schwedische Journalisten Zugang zu heimlichen russischen Archiven. Sie konnten darüber hinaus auch mit einigen hohen russischen Militärs sprechen. Die Nachforschungen führten schnell zu Ergebnissen: "Die Hansa wurde vom sowjetrussischen U-Boot L-21 unter dem Befehl von Kapitän dritten Ranges S.S. Mogilewski am Morgen des 24. Novembers nordwestlich von Visby auf Gotland versenkt..." Der Grund für den Angriff ist weniger klar - rächte sich der Kapitän des U-Bootes für einen mißlungenen Angriff auf ein feindliches Fahrzeug, ein versenktes Fahrzeug war ja immerhin ein Anfang, oder glaubte er wirklich, daß er es mit einem Feind Rußlands zu tun hatte? Die Antworten auf diese Fragen stehen noch aus.

Als die Flüchtlinge kamen

Im August 1939 schlossen Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt. Im Rahmen dieses Vertrages gestand die Sowjetunion Deutschland freie Hand in Polen zu, während sie die baltischen Staaten und Finnland als Einflußsphäre erhielt. Während Finnland sich nicht ohne Kampf den russischen Forderungen beugte, konnten Estland, Lettland und Litauen wenig oder gar keinen Widerstand leisten. In den drei Ländern begann eine intensive Sowjetisierungskampagne, die Gefängnisse füllten sich mit Gegnern der neuen Ordnung und viele Balten wurden deportiert.
Im Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an. Anstelle der Sowjetisierung folgte nun eine Germanisierung der baltischen Länder, aber die Lage wurde nicht grundlegend besser. Als der Krieg immer schlechter für die Deutschen lief, und die Rote Armee immer weiter nach Westen drang, entstand wieder Unruhe in der Bevölkerung. Viele befürchteten neue Deportationen.
Im Zuge der russischen Erfolge flüchteten gewaltige Menschenmassen über die Ostsee, aber auch nach Süden, nach Deutschland. Im Herbst 1944 flohen schätzungsweise zwischen 70 000 und 80 000 Menschen aus Estland, davon kamen 25 000 nach Schweden. Ebenso flüchteten viele Tausend Letten aus ihrem Land.
Schon 1943 kamen die ersten Flüchtlingsboote nach Gotland, vor allem junge Männer, die befürchteten, von den Deutschen zwangsmobilisiert zu werden. Dieser Schiffsverkehr nahm zum Teil die Form einer regelrechten "Nabelschnur" an, die dem schwedischen Sicherheitsdienst nicht nur bekannt war, sondern die auch benutzt wurde, um Informationen über die zivile und militärische Lage in den baltischen Ländern zu bekommen. In Schweden gab es eine heimliche Organisation, Büro C, die für die militärische Aufklärung in Estland und Lettland zuständig war und die sich im Zuge ihrer Tätigkeit der Flüchtlinge bediente. Mit Gotland als Ausgangsbasis gab es mehrere Jahre lang kontinuierlichen Schiffsverkehr vor allem nach Lettland, wohin Agenten gebracht und wieder abgeholt wurden.
Im Frühling 1944 war der Flüchtlingsstrom noch dünn, aber im Zuge der russischen Erfolge wurde er immer größer und intensiver. Die ganze gotländische Küste war davon betroffen. Der Großteil der Flüchtlinge ging auf Nordgotland zwischen Slite und Sandön an Land. Im Herbst 1944 kamen an manchen Tagen bis zu 15 Boote an, zum Teil mit über 200 Flüchtlingen an Bord.
Die fliehenden Balten kamen mit allen möglichen Schiffen, von vereinzelten Kanus bis zu größeren Kähnen und Schleppern. Viele waren in sehr schlechtem Zustand und kaum seetüchtig, oft nur behelfsmäßig. Es war üblich, die Bordwände zu erhöhen, um die Seetüchtigkeit zu verbessern. Die besten Schiffe fuhren ständig hin und her, um die an den baltischen Stränden wartenden Flüchtlinge zu holen.
Die in vielerlei Hinsicht lange Reise nach Gotland dauerte für manche Flüchtlinge über 30 Stunden, lange Stunden voller Seekrankheit, Angst und Furcht, bis die schwedische Küste in Sicht kam. Am schlimmsten war es für Kranke, schwangere Frauen und Kinder. Die Flüchtlinge kamen aus allen sozialen Schichten: Fischer, Bauern, Professoren, Ärzte, Polizisten, Schauspieler und Politiker. Manchmal saßen auch uniformierte Männer in den Booten. Die meisten von ihnen waren zwangsrekrutierte Balten, aber gegen Ende des Krieges kamen auch einige deutsche Soldaten nach Gotland. Sie wurden im sogenannten Lager Lingen in der Nähe von Havdhem interniert.
Laut offizieller Statistik kamen vom 27. August 1942 bis zum 31. August 1946 11 274 Ausländer nach Gotland, die meisten davon im Herbst 1944. 6477 kamen aus Estland, 3605 aus Lettland. Alle wurden von den Gotländern gut aufgenommen.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Übergangslagern, einer ersten Befragung, einer ärztlichen Untersuchung und gewissen hygienischen Arrangements, wurden alle mit Bussen und Zügen nach Visby gebracht. Dort mußten sie sich einer intensiveren ärztlichen Untersuchung unterziehen, erhielten gegebenenfalls neue Kleider und Handgeld für die notwendigsten Besorgungen. Überall in der Stadt wurden Quartiere eingerichtet, im Hotel Solhem gab es ein Lazarett, im Strandgård eine Seuchenstation, in der Smyrna-Kirche wurden an Tbc erkrankte Frauen behandelt, und in den Räumen des Odd Fellow Clubs wurden im Laufe einiger Monate sieben Kinder in einem provisorisch eingerichteten Kreißsaal geboren. Die Flüchtlinge wurden durch das Militär mit Essen versorgt. Nach dem Aufenthalt in Visby wurden die Flüchtlinge mit Schiffen zum Festland gebracht.

Nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam auch auf Gotland wieder Optimismus auf, obwohl es Probleme in den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Insel, der Landwirtschaft und der Steinindustrie, gab.
Das Flugfeld wurde ausgebaut, so daß die Landebahn die Eisenbahnlinie nach Lärbro kreuzte. Flugzeuge hatten aber Vorfahrt. Snäckgärdsbaden - "ein Luxushotel, wo man wenige Meter vom Hollywood-Pool direkt in die gotländischen Dünen kommt..." - wurde neueröffnet und empfing Gäste aus aller Welt. In Visby machte ein Komitee den Vorschlag, aus dem schön gelegenen aber heruntergekommenen Almedalen etwas zu machen: einen öffentlichen Park mit einem Spielplatz, einem Planschbecken und alkoholfreien Restaurants. Ein Reiseunternehmen wollte am Galgenberg bei Visby eine große Touristenanlage bauen.
Nach der Hochkonjunktur für die gotländischen Eisenbahnen im Zweiten Weltkrieg, folgte nun eine ernste Krise. Es dauerte zwar noch bis 1949, bis Benzin wieder frei erhältlich war, aber der Bus- und Autoverkehr nahm ständig zu. Trotz des Einsatzes von Schienenbussen und Warnungen des Militärs vor schlechteren Transportmöglichkeiten, kam es schon in den 50er Jahren zu den ersten großen Streckenstillegungen - knapp 10 Jahre später endete die Geschichte der gotländischen Eisenbahn ganz.
Der explosionsartige Anstieg des Autoverkehrs war auch die Ursache für die Verlagerung der Einzelhandels. Am deutlichsten war dies in Visby spürbar, wo sich einige Geschäfte nach einem Gelände umsahen, das für Kunden mit Auto leichter zugänglich war. Um 1960 wurden diese Pläne vor Österport verwirklicht. Schon 10 Jahre früher hatte eine andere neue Entwicklung im Einzelhandel den Weg nach Gotland gefunden - Weihnachten 1950 eröffnete Wittbergs in Hemse den ersten Selbstbedienungsladen der Insel.
Im Juni 1952 kam der Kalte Krieg in die Nähe Gotlands, als ein schwedisches Flugzeug, eine DC-3, bei einem Aufklärungsflug über der Ostsee verschwand. Einige Tage nach dem Verschwinden, schoß die Sowjetunion ein schwedisches Flugzeug vom Typ Catalina ab, das nach der verschwundenen DC-3 suchte. Die Besatzung des abgeschossenen Flugzeugs wurde von einem deutschen Schiff gerettet, und ein später gefundenes Rettungsfloß bewies, daß auch die DC-3 abgeschossen worden war. Die schwedische Regierung protestierte, aber die Sowjetunion wies alle Proteste ab.
Neben landesweiten Angelegenheiten wie den Volksentscheiden über Rechtsverkehr und eine Rentenreform, der Abschaffung des "Motboks" (Ein Mittel zur Kontrolle des Alkoholkonsums, da jeder Bürger ein Motbok hatte, in das alle Alkoholeinkäufe eingetragen wurden.) und der Fußballweltmeisterschaft, gab es einige lokale Ereignisse, die die Gotländer in den 50er Jahren beschäftigten. Sowohl die Seßhaften als auch die Touristen erlitten einen großen Verlust, als das fast schon klassische Sommerrestaurant DBW:s Pavillon am 1. Weihnachtstag 1951 abbrannte. Eine Expedition, die 1952 vor Stora Karlsö nach einem Schatz suchte, den Waldemar Atterdag 1361 von Visby nach Dänemark schaffen wollte, weckte Aufmerksamkeit. Einige Jahre später etablierte sich eine neue Erfindung, die das Radio als Sammelpunkt der Familie ablösen sollte - das Fernsehen. Im März 1958 konnte ein Anbau des Flugplatzes von Visby eingeweiht werden, und die Flugpreise wurden auf 65 bzw. 117 Kronen gesenkt - die Zukunftaussichten waren für dieses Verkehrsmittel, das immer mehr Menschen nach Gotland brachte, sehr gut.

Veränderungen in der Landwirtschaft

Im Laufe weniger Jahre um die Jahrhundertwende vergrößerte sich die Ackerfläche auf Gotland von 65 000 ha auf über 70 000 ha. Die Ursache hierfür waren vor allem umfassende Trockenlegungen von Mooren. Zur Mitte der 30er Jahre war die Gesamtfläche auf 84 000 ha gestiegen und ist seitdem mehr oder weniger unverändert geblieben. In den ersten 35 Jahren dieses Jahrhunderts ist zudem der Anteil der Landwirte an der Bevölkerung von 65 auf 50% abgesunken, aber in der gleichen Periode wurden bessere Getreideerträge und Erfolge in der Viehwirtschaft erzielt. Hierfür waren neues Ackerland, Drainage von Lehmböden, stärkerer Einsatz von Kunstdünger und sicherlich auch die immer regere Genossenschaftstätigkeit der Bauern verantwortlich.
Außerdem begannen die gotländischen Bauern, immer mehr in Maschinen zu investieren, und nach kurzer Zeit war Gotlands die Region Schwedens mit den meisten Traktoren. 1936 wurden 344 Traktoren in der Landwirtschaft auf der Insel verwendet - 58 auf 10 000 Einwohner. Im Rest des Landes waren es nur 15 auf 10 000. Zur gleichen Zeit verbrauchten die 14 500 Pferde auf Gotland 174 000 Hufeisen pro Jahr.
Die durchgreifenden Veränderungen in der gotländischen Landwirtschaft kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Pferde wurden ein für alle mal durch Traktoren ersetzt, mehrere neue Maschinentypen wurden eingeführt, Mähdrescher und Wagen mit Gummirädern erleichterten die Arbeit auf den Äckern. Mechanische Hilfsmittel wurden zur Fütterung, zum Melken und zum Verteilen der Gülle verwendet. Die immer stärkere Verwendung von Elektrizität und Kunstdünger machte die Arbeit auf den Höfen weniger anstrengend und vergrößerte die Ernten. Ölpflanzen wie Raps und Weißsenf wurden ebenso wie Hanf immer häufiger angebaut. 1941 wurden auf Gotland auf etwa 200 ha Ölpflanzen angebaut, 1950 waren es 20 000 ha und heute liegt die Anbaufläche für Ölpflanzen bei etwa 8 500 ha. Die Schafzucht befand sich im Aufschwung, jemand schlug sogar vor, das militärische Schutzgebiet im Norden der Insel durch einen Zaun abzugrenzen und die Schafherden auf Nordgotland zu konzentrieren. In Fårösund machte die Firma AB Lammpäls gute Geschäfte und stellte Mitte der 50er Jahre jährlich über 1000 Lammpelze her.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch die Veterinärmedizin immer besser, die Landwirte lernten durch besseren Unterricht mehr über ihren Beruf und es gab immer mehr Vereinigungen. Seit dem späten 19. Jahrhundert gab es eine Landwirtschaftsschule in Hemse, 1948 wurde sie nach Lövsta verlegt, das heute immer noch das Zentrum für die Ausbildung in den landwirtschaftlichen Berufen ist. 1906 entstand Gotländska Lantmännens Centralförening (GLC, heute: Gotlands Lantmän), die ihre Mitglieder nicht nur mit Futter, Dünger und Saatgut versorgte, sondern auch den Verkauf ihrer Produkte erleichterte. In vielen Orten der Insel gehörten die großen Magazine von GLC lange zu den dominierenden Gebäuden.
Diese Neuerungen hatten aber auch eine Kehrseite: die Nachfrage nach Arbeitskraft sank. Gleichzeitig stiegen die Ansprüche an die Bauern, die nun mehr leisten mußten, um die neuen Anforderungen - nicht zuletzt von staatlicher Seite - erfüllen zu können. Nach dem Krieg wurde es zudem schwieriger, einige Produkte abzusetzen, die Gewinne sanken, die Landflucht nahm zu und viele Bauern waren gezwungen, ihre Höfe und ihren Beruf aufzugeben.
Land- und Forstwirtschaft haben immer noch eine sehr große Bedeutung auf Gotland. Immer noch sind in diesem Sektor 14% der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt, etwa 4000 Personen. Wenn wir die Industrie, die auf landwirtschaftlichen Produkten basiert, mit einrechnen, werden die Zahlen noch größer. Von 1950 bis 1990 verschwanden etwa 3000 landwirtschaftliche Betriebe, also fast 70 pro Jahr, vor allem kleinere, unwirtschaftliche Höfe. Heute gibt es etwa 2200 Betriebe auf Gotland, von denen etwa 65% als Nebenerwerbslandwirtschaft bezeichnet werden können. Die gotländischen Betriebe haben eine durchschnittliche Größe von 38 ha, gegenüber 30 ha im schwedischen Landesdurchschnitt.
Der totale Produktionswert der gotländischen Landwirtschaft beträgt ungefähr 875 Millionen Kronen. 75% davon sind Folge der Viehzucht, wobei die Investitionen der letzten Jahrzehnte von Farmek und Arla viel dazu beigetragen haben. Über 80% der landwirtschaftlichen Erzeugnisse Gotlands werden exportiert. Viele Bauern Gotlands, etwa ein Viertel, sind über 60 Jahre alt. Deswegen steht ein umfassender Generationswechsel bevor. Zudem werden in naher Zukunft die Deregulierung der Landwirtschaft und der Anschluß an den europäischen Binnenmarkt große Bedeutung für die gotländischen Bauern bekommen. Der Bedarf an zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten wird groß sein, und darum sollte nicht nur nach neuen Pflanzen und Anbaumethoden geforscht werden.

Die Gotländer ziehen um und wechseln die Arbeitsplätze

Im Jahre 1900 hatte Gotland etwa 52 000 Einwohner. Fünfzig Jahre später waren es 59 000. Die Bevölkerung Visbys wuchs im gleichen Zeitraum von 8500 auf 15 000 Menschen, da viele Menschen vom Land in die Stadt zogen. Auch die anderen Kleinstädte auf Gotland wuchsen. Nach einem Spitzenwert in der Bevölkerungsstatistik um 1950 verringerte sich die Bevölkerung der Insel dramatisch. In den folgenden zehn Jahren verlor Gotland 5000 Einwohner. Es war damit das schwedische Län mit dem relativ größten Bevölkerungsverlust in dieser Periode. Die Ursachen der Auswanderung waren vor allem Veränderungen und Stillegungen in der Landwirtschaft und der Steinindustrie. Noch in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg wohnten 70% aller Gotländer auf dem Land, das damals noch nicht so dünn wie 30 oder 40 Jahre später besiedelt war. Es gab mehr Häuser, und in jedem Haus wohnten mehr Menschen. Jeder dritte Berufstätige hatte etwas mit der Landwirtschaft zu tun, es gab Mägde und Knechte, aber auch zu Hause arbeitende Söhne und Töchter. In fast jedem Kirchspiel gab es Schulen und Geschäfte, Lehrer, Händler, Schmiede, Schneider und andere kleine Handwerker. Nur wenige hatten nennenswerte Konkurrenz in der Stadt oder anderen Ortschaften.
Um 1950 begann sich das ländliche Gotland zu verändern. Immer mehr Gotländer zogen nach Visby oder andere Ortschaften oder gar auf das Festland. Viele Höfe wurden verlassen, die dann verfielen oder von einem "Sommergotländer" billig gekauft wurden. Viele Handwerker hatten es schwer, sich gegenüber den großen Betrieben zu behaupten. Nicht nur Landwirte verließen das Land. Selbst die Landschaft als solche veränderte ihr Aussehen. Die sichtbarste Auswirkung der Landflucht war die zunehmende Verwilderung.
Gleichzeitig veränderten auch Visby und die anderen Ortschaften durch den enormen Zuzug von Menschen ihren Charakter. Neue Bedürfnisse und Ressourcen führten zum Abriß alter Gebäude und dem Bau neuer Stadtteile und immer größerer Mietshäuser. Trotz der Einzigartigkeit Visbys wurden auch an die Stadt innerhalb der Mauern Forderungen gestellt, die sie überhaupt nicht erfüllen konnte. Manchmal wurde sehr kurzsichtig geplant, und man ging mehr von Prinzipien als von der Vernunft aus. Ohne größere Bedenken wurden wertvolle Stadtteile mit alten Kaufmannshäusern abgerissen und mit neuen Wohnungen, Geschäften und Büros neu aufgebaut, die außerhalb der Stadtmauern viel bessere Voraussetzungen gehabt hätten. Die Straßenzüge bei Österport sind hierfür ein Beispiel.
Zu Beginn der 60er Jahre wurde der negative Trend in der Bevölkerungsentwicklung gebrochen und die Einwohnerzahl stabilisierte sich bei 53-54 000 Menschen. Die vielleicht wichtigste Ursache hierfür war die Ansiedlung von L.M. Ericssons Fabrik in Visby. 1961 begann sie mit der Herstellung von Kabeln in bescheidenem Umfang im alten Badehaus und den Räumlichkeiten des Arbeitervereins, aber im folgenden Jahr stellte die Stadt ein Grundstück an Norra Hansegatan bereit, und im November 1962 konnten die neuen Gebäude von den etwa 400 Arbeitern und Angestellten bezogen werden. In der Nähe der Fabrik entstand ein kleines Industriegebiet.
In den frühen 60er Jahren wurden auch andere Industrien gefördert, u.a. in Storugns, die Zementfabrik und das Kraftwerk in Slite und in Klintehamn, wo eine Fabrik für die Herstellung von Profilholz gegründet wurde. Gotland bekam wieder eine direkte Verbindung mit Finnland und die Nordö Reederei begann mit Gotlandsbolaget um den Verkehr mit dem Festland zu konkurrieren. Das Problem mir der Wasserversorgung Visbys wurde zumindest vorläufig durch den Bau von Rohrleitungen zum Tingstäde träsk gelöst. Die umfassende Einführung von Einbahnstraßen, viele Hundert neue Verkehrsschilder und die Verteuerung des Parkraumes veränderten die Verkehrssituation innerhalb der Mauern. Ingmar Bergman drehte einige Filme auf Gotland und auf Fårö, und 1968 besetzte Pippi Langstrumpf das alte Verwaltungsgebäude des Panzerregiments P18, das nun in die Villa Kunterbunt umgewandelt wurde.
In den 70er Jahren war eine Abwanderungsbewegung zurück auf das Land festzustellen. Viele versuchten, die hohen Grundstückspreise in Visby zu umgehen und sich neue Häuser in bequemen Autoabstand von der Stadt zu bauen. Zwischen 1971 und 1990 wuchs die Bevölkerung Gotlands von 53 700 auf über 57 000. Visby wuchs von etwa 19 200 auf 20 900 Einwohner, und die übrigen Ortschaften verzeichneten einen ähnlichen Bevölkerungsanstieg. Gotland ist aber immer noch die schwedische Gemeinde mit dem höchsten Anteil von Landbewohnern an der Gesamtbevölkerung.
In den letzten Jahrzehnten haben viele Gotländer ihren Beruf gewechselt, oder sich durch Weiterbildung für Berufe qualifiziert, die früher nicht üblich waren. Parallel zum deutlichen Sinken der Anzahl der Landwirte, stieg die Anzahl der im öffentlichen Sektor oder in der Dienstleistung Beschäftigten. Im Laufe von zwanzig Jahren ist eine Verdoppelung von knapp 6300 im Jahre 1971 auf fast 11 000 im Jahre 1990 geschehen. Zum großen Teil kann dieser Zuwachs durch die kommunale Expansion auf Gotland erklärt werden - Gotlands kommun beschäftigt heute etwa 6000 Menschen. Fast die Hälfte arbeitet im Gesundheits- oder Sozialwesen, fast 80% sind Frauen.
Die regionalen Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt sind groß. Im nördlichen Teil der Insel sind mehr Menschen in der Industrie beschäftigt - etwa 30% aller Berufstätigen. Cementa, Storugns, Gotlands energiverk, das Artillerieregiment KA3 und die Marinewerft sind große Arbeitgeber. Der mittlere Teil der Insel wird von der Landwirtschaft dominiert, fast 50% arbeiten in diesem traditionellen Wirtschaftszweig. Auch im Südteil ist die Landwirtschaft wichtig, während die Wirtschaft in Visby natürlich eine ganz andere Form mit vielen Angestellten im Dienstleistungssektor hat.

Von 92 zu einer

Im 19. Jahrhundert wurden mehrere Kommunalreformen durchgeführt. Die viele hundert Jahre alte Sockenstämma (etwa Versammlung des Kirchspiels) bekam neue Befugnisse, und in allen Kirchengemeinden wurde ein neues Organ, der Kirchenrat, eingeführt. Sowohl in der Sockenstämma als auch im Kirchenrat hatte der Pfarrer der Gemeinde den Vorsitz inne. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung verringerte sich der Einfluß der Pfarrer und der Hofbesitzer zu Gunsten anderer Berufe.
1862 wurde eine neue Kommunalgesetzgebung verabschiedet. Jedes ländliche Kirchspiel wurde eine Landsgemeinde - auf Gotland waren das über 90 Stück. Dichter besiedelte Ortschaften konnten Städte oder Marktflecken ("Köping") werden - zu Beginn traf dies nur auf Visby zu, erst 1936 wurde Slite Marktflecken. Die kirchlichen Angelegenheiten wurden nun von der Gemeinde geregelt. Die Sockenstämma wurde von der Kommunalstämma (etwa: Gemeideversammlung) mit einem gewählten Vorsitzenden abgelöst. Die Versammlung konnte einige Kompetenzen an einen Gemeinderat ("Kommunfullmäktige") übertragen. Es brauchte aber Zeit, um diese Veränderungen durchzuführen. Ein Gemeindeausschuß kümmerte sich um die weltlichen Angelegenheiten der Gemeinde, während die kirchlichen Angelegenheiten von der Kirchenversammlung ("Kyrkostämma") betreut wurden.
Auch die kommunale Verwaltung Visbys wurde reformiert. Gewählte Stadträte ("Stadsfullmäktige") trafen die Entscheidungen, die von der sog. Drätselkammar in die Tat umgesetzt wurden. Jedes Län bekam eine übergeordnete Gemeindeversammlung, den Landsthing, der unter anderem für das Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen sowie für die Wirtschaft zuständig war. Das Stimmrecht war auf der Grundlage von Einkommen und Vermögen in verschiedene Klassen eingeteilt.
In den folgenden 90 Jahren nach der Reform von 1862 wurden mehrere Gesetze verabschiedet, die die Aufgaben der Gemeinden regelten. Das allgemeine und gleiche Stimmrecht wurde eingeführt und die kommunale Tätigkeit wurde immer unfassender. In den vielen kleinen gotländischen Landsgemeinden - zwei Drittel hatten weniger als 500 Einwohner - war das Engagement der Bevölkerung groß. Die Entscheidungen der Gemeinde gingen alle etwas an. Da die Aufgaben der Gemeinden wuchsen, kamen neue Ausschüsse hinzu: Schulräte, Jugendausschüsse, Ausschüsse für Abstinenz oder Pensionen, um nur einige nur zu nennen. Die Schulräte hatten eine Sonderstellung, da sie nur ein vorbereitendes Organ waren, die Beschlüsse wurden im Schulwesen noch recht lange von der Kyrkostämma gefaßt. Es war nicht ungewöhnlich, daß 20-25% der stimmberechtigten Einwohner einer Gemeinde direkt an der Tätigkeit der Gemeinde teilhatten.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg faßte der schwedische Reichstag einen Beschluß, der umfassende Veränderungen in der Einteilung der Gemeinden mit sich führte. Die neue Organisation sollte von 1952 an gelten, und sie verursachte auf Gotland mehr Veränderungen als irgendwo anders in Schweden. Da die Unterschiede zwischen einzelnen Kommunen in Größe und Einwohnerzahl recht groß sein konnten, war es zum Teil schwer, gewisse Entscheidungen in der kommunalen Verwaltung zu treffen. Nun sollte jede Gemeinde mindestens 2000 Einwohner haben. Nur so sollte es möglich sein, die Veränderungen im Schul- und Sozialwesen zu beherrschen.
Eine Studie schlug eine Einteilung Gotlands in 15 oder 16 sogenannte Großgemeinden vor. Es war aber problematisch, gemeinsame Zentralorte zu finden, in denen die Verwaltung konzentriert werden könnte. Schließlich einigte man sich darauf, die 91 kleinen Gemeinden Gotlands und die Stadt Visby zu 14 Großgemeinden zusammenzufassen. Eine so durchgreifende Neuordnung traf natürlich auf Kritik. Aber die meisten sahen ihre Notwendigkeit ein. Die größten Sorgen verursachte die Befürchtung einiger Gotländer, nun die Entscheidungen ihrer Gemeinden nicht mehr so direkt wie früher beeinflussen zu können, da der Abstand zu den beschließenden Personen nun zu groß würde und daß dies das Ende des persönlichen Engagements bedeutete.
Die Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur waren auch zwischen den neuen Kommunen groß, von der Stadt Visby mit etwa 16 000 Einwohnern zur Gemeinde Hoburgen mit knapp 2000. Die Gemeinde Romakloster wurde aus nicht weniger als 18 Landsgemeinden gebildet. In den meisten Großgemeinden wurden bürgerliche Gemeindevertreter unter der Führung des Bauernbundes (später Centerpartiet) gewählt. In Lärbro, Slite und Visby kamen die Sozialdemokraten an das Ruder, in Visby hatten sie aber nur eine sehr knappe Mehrheit.
Die Aufgaben der 14 Großgemeinden wuchsen im Takt mit dem Ausbau der Sozialfürsorge, des Schulwesens, des Gesundheitswesens, der Infrastruktur und vieler anderer Gebiete. Die gewählten Vertreter gerieten gleichzeitig gegenüber der schnell wachsenden spezialisierten Beamtenschaft ins Hintertreffen. Unter anderem wurden ein Kämmerer für die Finanzen, ein Oberlehrer für das Schulwesen und ein Sozialassistent, der sich um soziale Fragen kümmerte, benötigt.
Knapp ein Jahrzehnt nach der Gemeindereform von 1952 wurde damit begonnen, eine noch weitergehende Veränderung in der kommunalen Struktur Gotlands zu diskutieren. Es war klar, daß man noch größere Gemeinden bilden mußte. Die Länsverwaltung wollte diesmal drei Gemeinden einrichten: eine auf Nordgotland mit Slite als Hauptort, eine auf Südgotland mit Hemse als Hauptort und eine im mittleren Teil der Insel mit Visby als natürlichem Zentralort. Fast alle Gemeinderäte verlangten fünf neue Gemeinden, die sich an die fünf Bezirke für das höhere Schulwesen anschließen konnten. In Fårösund verlangte der Gemeinderat sogar, eine selbständige Gemeinde zu bleiben.
Nach einigen Diskussionen und vor allem nachdem bekanntgeworden war, daß das Innenministerium eine allzu große Aufsplitterung der Insel nicht genehmigen würde, beschlossen alle Gemeinderäte, eine einzige Gemeinde für ganz Gotland zu bilden. 1965 begann ein Zusammenarbeitsausschuß, der sich aus gewählten Vertretern aus ganz Gotland zusammensetzte, die Vorbereitungen für die Zusammenlegung aller Gemeinden zu einer einzigen. Wichtige Fragen verzögerten aber den Prozeß. Zum Einen war das die zukünftige Rolle des Landsthings, zum Anderen war es unklar, wie die Länsverwaltung geregelt werden sollte, wenn das ganze Län aus einer einzigen Gemeinde bestand. Nach einigen Überlegungen wurden beide Fragen gelöst: der Landsthing wurde aufgelöst, die Länsverwaltung blieb aber erhalten. Die Aufgaben des Landsthings wurden von der Gemeinde übernommen, und das Fortbestehen der Länsverwaltung milderte die vereinzelt geäußerten Bedenken, Gotland würde eine "Schärengemeinde" werden, wenn es den Status eines Läns verliere.
Im Mai 1970 traten die Delegierten des Zusammenarbeitsausschusses und die 14 Gemeinderäte zusammen. Ein Präsidium und ein Arbeitsausschuß wurden gebildet und die Planungen für die große Reform begannen. Vor allem die Arbeit am Kommunalhaushalt wurde kompliziert. Sie resultierte in einer steuerlichen Bemessungsgrundlage von 24,95 Kronen - die neue Gemeinde hatte damit die höchste Kommunalsteuer des ganzen Landes. Im September 1971 wurden 71 Abgeordnete gewählt, die Gotlands kommun die nächsten Jahre leiten sollten.

Politische Parteien

Als in der 1860er Jahren die Kommunalreformen durchgeführt wurden, gab es noch keine politischen Parteien in Schweden. In dem bis 1862 beschlußfassenden Organ auf dem Land, der Sockenstämma, hatten alle Grundbesitzer des Kirchspiels Sitz und Stimme. Seit 1817 konnten für alle Mitglieder bindende Mehrheitsentscheidungen gefällt werden, aber durch seine gesellschaftliche Stellung hatte der Pfarrer entscheidenden Einfluß auf die Beschlüsse.
Nach den Reformen der 1860er Jahre waren alle volljährigen Männer und Frauen, die mindestens 400 Reichstaler verdienten oder ein gewisses Vermögen hatten, stimmberechtigt. Abhängig von der Größe des Einkommens konnte eine Person mehrere Stimmen haben. Die Personen, die die meisten Stimmen erhielten, wurden gewählt. Im ländlichen Gotland dominierten die Bauern vollständig, aber auch Händler, Kalkunternehmer und Lehrer saßen in den kommunalen Institutionen. In Visby waren weitaus mehr Berufsgruppen beteiligt. Die Liberalen und die Sozialdemokraten erhoben starke Forderungen nach einem erweitertem Stimmrecht, was 1909 teilweise eingeführt wurde. Doch erst 1921 wurde im ganzen Land das allgemeine und gleiche Stimmrecht eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt gab es seit längerem politische Parteien. Seit 1910 wurde auf den Wahlscheinen die Parteizugehörigkeit der Kandidaten gekennzeichnet. In Visby traten damals zwei Parteien an: eine konservative mit dem Namen Visby valmansförening und eine liberale mit dem Namen Frisinnade Sparsamhets- och Nykterhetsvänner an. 1906 wurde in Visby eine Arbeiterkommune gebildet und fünf Jahre später der gotländische Landesverband der Schwedischen Sozialdemokratischen Partei, aber erst 1914 traten die Sozialdemokraten bei einer Wahl an. Es reichte noch nicht zu einem Mandat, aber nur ein paar Jahre später lief es besser, und die ersten Sozialdemokraten traten in die Gemeindeverwaltung ein.
Auf dem Land hatte die Bauernpartei die Überhand, und in Visby wurde die Kommunalpolitik von den Konservativen bestimmt. Im folgenden Jahrzehnt wurde die Übermacht der Bauern in einigen Landsgemeinden durchbrochen, vor allem dort, wo es viele Stein- und Zementarbeiter gab. Daß das nicht leicht war, zeigt folgender Leserbrief aus Gotlands Allehanda von 1936:
"In der Volksschule, bei der Kirche, in einem Kirchspiel im Osten Gotlands, wurde am Sonntag eine einfache Feierstunde gehalten. Die Arbeiterkommune des Kirchspiels feierte nämlich ihr zehnjähriges Jubiläum. In diesem Zusammenhang sollte die neue Fahne der 'Kommune' geweiht werden... Man wird nachdenklich, ja, es wirkt regelrecht beklemmend, daß eine alte ehrwürdige Schule mit der roten Aufrührerfahne behängt werden soll... Nun sollen unsere Schulen - und bei Begräbnissen auch unsere Kirchen - mit der blutbesudelten, roten Sowjetfarbe geschmückt werden. Schul- und Kirchenrat sitzen mit verschränkten Armen und sagen zu allem Ja und Amen. In Wort und Schrift wird die ländliche Bevölkerung täglich zur Zusammenarbeit und Einigung mit den Roten aufgerufen. Reicht es nicht aus, daß die an und für sich berechtigte Arbeiterbewegung mit dem Marxismus verkoppelt wurde, soll nun die ebenso berechtigte Bauernbewegung mit dem gleichen Gift betäubt werden?" In Visby wurde die Mehrheit der Konservativen immer geringer, während die Sozialdemokraten kräftige Gewinne verbuchen konnten und 1938 das erste Mal eine eigene Mehrheit erhielten. In den 30er Jahren traten auch Randparteien wie die zwei nationalsozialistischen Gruppierungen Furugårdarna und Lindholmarna und die Silén- und Kilbom. Kommunisten auf. Keine dieser Gruppen kam aber auch nur in die Nähe eines Mandates.
Während des Zweiten Weltkrieges trat auch die Bauernpartei in Visby zur Wahl an. Obwohl die Partei mit der Folkparti zusammen eine Liste mit dem Namen Mellanpartierna (etwa: die Zwischenparteien) bildete, kam kein Kandidat der Bauernpartei in den Gemeinderat. Damit sollte noch bis 1946 dauern.
Acht Jahre später wurde die erste Wahl nach der Großgemeindereform durchgeführt. In elf Gemeinden kam es zu einer bürgerlichen Mehrheit, in dreien - Lärbro, Slite und Visby - kamen die Sozialdemokraten an die Macht. Auf der ganzen Insel wurden 29 600 Stimmen abgegeben, von denen die Bauernpartei 8900, die Volkspartei 4600, die Konservativen 5300 und die Sozialdemokraten 10 800 bekamen. Von den 490 Mandaten bekam die Bauernpartei 181, die Volkspartei 74, die Konservativen 72 und die Sozialdemokraten 163. In der letzten Wahl vor der nächsten großen Reform - die Bildung einer einzigen Gemeinde 1971 - eroberten die Bürgerlichen wieder die Mehrheit in Visby.
Der erste Gemeinderat für Gotlands kommun wurde 1970 gewählt. In dem höchsten Organ der Gemeinde saßen 71 Abgeordnete, von denen 9 der Moderaten Sammlungspartei (konservativ), 33 den Parteien der Mitte (Centerpartiet und Folkepartiet) und 29 den Sozialdemokraten angehörten. Bei späteren Wahlen kamen auch andere Parteien wie die Linkspartei, die Umweltpartei, die christlichdemokratische Partei, die populistische Neue Demokratie und die Gotlandspartei in den Gemeinderat.

Schulfragen (262)

Es dauerte nicht lange, bis der Bevölkerungsrückgang auf dem Land nach dem Zweiten Weltkrieg und die Veränderungen im Schulwesen Auswirkungen auf die gotländischen Schulen hatten. Viele der kleineren, oft neben der Kirche gelegenen Schulen, wurden geschlossen. Der Unterricht aller Klassenstufen wurde oft an einem Zentralort konzentriert. Größere Schulen wurden gebaut und einige von ihnen wurden als Zentralschulen bezeichnet. 1950 faßte der Reichstag den Beschluß, nach und nach eine neunjährige Einheitsschule, am Besten eine in jeder Gemeinde, einzuführen. Alle Kinder sollten die gleichen Bildungsmöglichkeiten bekommen, unabhängig vom Einkommen der Eltern, ihrer sozialen Herkunft oder ihrem Wohnort. Die Einheitsschule wurde auf Gotland nie beschlossen, aber 1962 wurde per Gesetz eine neunjährige Grundschule in Schweden eingeführt, die bis 1971/72 eingeführt werden mußte.
Die Grundschule wurde in drei Stufen unterteilt und ersetzte ältere Schulformen wie die Volksschulen, Realschulen und Mädchenschulen. In den Jahrgängen 7-9 konnten sich die Schüler für eine Richtung entscheiden, für die sie am besten geeignet waren. Erst im 9.Jahrgang wurde eine Aufteilung in Linien durchgeführt, sowohl in mehr berufsorientierte, als auch in für das Gymnasium vorbereitende.
Gotland war fast die letzte Gemeinde Schwedens, die die Grundschule einführte. 1971 bekamen die letzten Schüler den Realschulabschluß in Visby, Hemse und Slite und damit verschwand zumindest für die beiden letzten Orte ein beliebter Teil des örtlichen Lebens. Gleichzeitig wurden die Mädchenschule, die Werkstattsschule und die Berufsschule in Visby geschlossen. Neun Schulbezirke mit weiterführenden Schulen in Fårösund, Slite, Romakloster, Visby, Klintehamn und Hemse wurden geschaffen.
Rechtzeitig zum Schulbeginn 1971 konnten 1500 Schüler, über hundert Lehrer und fünfzig Schulangestellte das neugebaute Gymnasium, das für die ganze Gemeinde zuständig war, beziehen - Säveskolan. Der Bau der Schule kostete 20 Millionen Kronen, aber schon von Anfang an hatte sie mit mehreren Problemen zu kämpfen. In der Säveskola wurde viele der alten Schulformen unter einem Dach gesammelt, und die Anzahl der Schüler stieg markant. Den Ausgleich, den die Reformen in der grundlegenden Ausbildung erreichten, schlug auch in der Ausbildung im Gymnasium durch. Es sollte nicht lange dauern, bis fast alle Jugendlichen auf der Insel eine der vielen Ausbildungslinien des Gymnasiums besuchten.