| Der Norden
Die "Neuzeit"
beginnt im Norden um 1525. Das führende Land war Dänemark-Norwegen.
Es war eine Herzensangelegenheit der dänischen Könige, die Kalmarer
Union wieder zu errichten und ihre Machtstellung in der Ostsee behaupten
zu können. Die beiden Kriege mit Schweden - der Nordische Siebenjährige
Krieg 1563-1570 und der Kalmarkrieg von 1611-13 - veränderten die
Machtstellung der beiden Ländern nicht entscheidend. Das geschah
durch die schwedischen Erfolge im Dreißigjährigen Krieg und
dem folgenden schwedisch-dänischen Krieg. Durch die Frieden von Brömsebro
1645 und Roskilde 1658 verlor Dänemark Härjedalen, Jämtland,
Gotland, Ösel, Skåne, Blekinge, Halland, Trøndelag und
Bornholm. Die letzten beiden Gebiete gab Schweden schon 1660 wieder zurück.
Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war eine wirtschaftlich erfolgreiche
Periode für Dänemark. Der Handel blühte, die Landwirtschaft
prosperierte bei hohen Preisen für Nahrungsmittel. Die Bauern verdienten
daran aber wenig, da der Gewinn fast ausschließlich den Adeligen
zukam, die die größten Landbesitzer waren. Die bäuerliche
Bevölkerung litt auch unter hohen Steuern und der Verpflichtung zu
umfangreichen Tagewerken, den sogenannten "hoverier".
Die dänischen Staatsoberhäupter bauten ihre Macht zum Ende dieser
Epoche hin immer weiter aus. In den 1530er Jahren führte Christian
III. die Reformation durch und sanierte die staatlichen Finanzen durch
die Konfiszierung von kirchlichem Eigentum. Die Verwaltung des Reiches
wurde immer effektiver und der politische Einfluß des Hochadels
ständig geringer, auch wenn seine soziale und wirtschaftliche Bedeutung
noch immer groß war. Um 1600 kamen merkantilistische Ideen auf.
Handelskompanien bekamen das Monopol auf den Handel mit dem Ausland, und
die ersten Vorformen von Industrie wurden gegründet.
In Schweden regierte Gustav Vasa während des größten Teils
des 16. Jahrhunderts. Er unterstützte die Reformation, zentralisierte
die Verwaltung und vereinte praktisch alle Macht in seiner Hand. Seine
Söhne setzten die Entwicklung des Landes fort. Die Gruben und Eisenhütten
wurden von der Krone gefördert, der Handel expandierte und das Land
blühte wirtschaftlich auf. Gleichzeitig verringerte sich der Einfluß
der Hanse im Ostseeraum immer mehr.
Im frühen 17. Jahrhundert wuchs die politische Macht Schwedens. Das
Eingreifen Gustav II. Adolfs in den Dreißigjährigen Krieg machte
aus Schweden eine Großmacht.
Gotland -
eine dänische Kolonie?
Nach dem
Rückzug Sören Norbys von Visborgs slott und der Erstürmung
Visbys durch die Lübecker endeten die militärischen Auseinandersetzungen
zwischen Dänemark und Schweden um Gotland. Aber die Insel war noch
bis zum Frieden von Stettin 1570 ein diplomatischer Stein des Anstoßes
zwischen beiden Ländern. Mehr als hundert Jahre lang regierten dänische
Adelige die Insel. Die meisten Lehnsherren nutzten ihre Stellung, in erster
Linie um ihre eigenen Finanzen zu stärken. Gotland wurde eine dänische
Kolonie, weitab des Mutterlandes.
Es dauerte lange bis die kirchlichen Verhältnisse nach der Reformation
wieder einer gewissen Ordnung gehorchten. Das Rechtswesen und der für
die Insel so wichtige Handel funktionierten schlecht. Bauern und Bürger
beschwerten sich unablässig, aber die Beschwerden, die den König
in Kopenhagen erreichten, verklangen meistens ungehört.
Die Reformation
Die Lehren
der Reformation wurden schon früh auf Gotland bekannt, sicherlich
zuerst bei der deutschsprachigen Bevölkerung Visbys. Bischof Brask
vertrieb zwar im Jahr 1527 einige Lutheraner aus der S:t Hans Kirche,
wo sie einen Gottesdienst feierten, aber zu diesem Zeitpunkt waren schon
viele führende Persönlichkeiten in Visby Anhänger der neuen
Lehre.
Viele unehrliche Personen ergriffen die Möglichkeit und stahlen die
Schätze der Kirchen und Klöster. Einige Bürger schafften
es immerhin, einige Schalen, Kelche und Kerzenständer aus Gold und
Silber zu retten, aber sie wurden später gezwungen, das meiste davon
an den dänischen Gouverneur abzugeben, der alles nach Kopenhagen
weitersandte. Dabei verschwand sicherlich auch ein Teil in seinen eigenen
Kassen.
Mehrere Kirchen Visbys lagen schon in Ruinen, andere verfielen und die
Bürger Visbys begannen, sie als Steinbrüche zu benutzen. Die
einzige, die bis zum Schluß erhalten blieb, war S:ta Maria, die
nun als Stadtkirche fungierte.
Die Bindung der gotländischen Kirchen an das Stift von Linköping
wurde gelöst und die Insel wurde in religiösen Angelegenheiten
führerlos. Eine Zeit großen Durcheinanders folgte. Es war vor
allem sehr schwer, fähige Priester zu bekommen. Viele von ihnen führten
ein wenig gottgefälliges Leben. Laut eines Chronisten waren "Unzucht,
Trunksucht und Fluchen" nicht ungewöhnlich.
Aus wirtschaftlichen Gründen faßte man mehrere Kirchspiele
zu größeren Pastoraten zusammen. Die Kirchen in Elinghem, Gann
und Bara verfielen. Erst als Gotland 1572 einen neuen Oberhirten, einen
Superintendenten, bekam, besserten sich die Verhältnisse.
Infolge der Reformation gingen große Kulturschätze verloren.
Bücher, Handschriften und religiöse Gegenstände wurden
weggeworfen, verbrannt oder in alle Richtungen verteilt. Auch wenn die
breite Masse des Volkes noch lange an der katholischen Lehre festhielt,
waren die Veränderungen in Visby sehr schnell zu spüren. Das
Glockengeläut, das die Stadt von morgens bis abends durchklungen
hatte, verstummte. Die religiösen Prozessionen auf den Straßen
verschwanden und die verfallenden Klöster und Kirchen gaben Visby
ein neues, von Armut geprägtes, Stadtbild.
Unklare Gesetze
und hohe Steuern
Der Lehnsherr
auf Visborgs slott regierte Gotland. Er wurde vom dänischen König
eingesetzt, der ihn jederzeit wieder ablösen konnte. Oft blieben
die Lehnsherren nur ein paar Jahre auf ihrem Posten. So konnten sie sich
nie richtig in die Probleme der Insel hineinversetzen. Statt dessen nutzten
sie ihre Stellung aus, um sich selbst so viele persönliche Vorteile
wie möglich zu verschaffen. Ihre Bediensteten taten das gleiche:
Landsvögte, Schloßvögte, Reitvögte, Hafenvögte
und alle anderen Vögte.
Offiziell galt zwar immer noch Gutalagen auf der Insel, aber die Detailvorschriften
ließen sich nicht mehr anwenden. Die verschiedenen Richter auf der
Insel gab es immer noch: die sechs Settingsrichter und die zwanzig Thingsrichter.
Lange Zeit hatte der Lehnsherr die höchste richterliche Gewalt auf
der Insel inne.
Es ist unklar, wie die Richter das Gesetz anwandten. Oft scheinen sie
ihre Urteile mehr nach gesundem Menschenverstand und ihrem eigenen Urteil
als strikt nach dem Gesetz gefällt zu haben. Die Bauern baten schließlich
darum, ein schriftliches Gesetzbuch für Gotland zu bekommen, da es
ihrer Meinung nach kein solches mehr gäbe. Die Behörden in Kopenhagen
bestimmten deshalb 1595, daß die Gotländer in Zukunft nach
den Gesetzen von Skåne Recht sprechen sollten. Es dauerte aber noch
lange, bis sich die neuen Bestimmungen durchsetzen konnten.
Der Lehnsherr und seine Leute trieben auch die Steuern ein, die die Gotländer
bezahlten. Und wenn diese nicht für den Bedarf des Schlosses ausreichten,
war es durchaus möglich, neue Steuern zu erfinden. Beim Eintreiben
ergriffen die Vögte und Schloßschreiber außerdem die
Gelegenheit, einige zusätzliche Prozente für eigene Zwecke aufzuschlagen.
Die Bauern bezahlten ihre Steuern nicht nur in Geld, sondern auch in Naturalien:
Getreide, Fleisch, Teer, Vieh, Butter, Holz, Fisch und andere Erzeugnisse
der eigenen Landwirtschaft. Der sogenannte "Königskauf"
war eine große Belastung. Die bäuerliche Bevölkerung war
gezwungen, ihre Produkte an das Schloß zu viel niedrigeren Preisen
als auf dem freien Markt zu verkaufen. Der Schloßherr bezahlte zum
Beispiel nur zwei Mark für einen Ochsen, der 24 Mark wert war.
Manchmal verkaufte er die Waren mit gutem Verdienst weiter. Er importierte
außerdem wichtige Versorgungsgüter wie Salz, Eisen und Kleider,
die er dann zu sehr hohen Preisen verkaufte. Zeitweise war es auch verboten,
Produkte wie Fleisch und lebende Tiere zu exportieren, um unter anderen
die dänische Flotte mit Proviant versehen zu können.
Die Bauern mußten auch Tagewerke leisten. Das bedeutete, daß
sie mehrmals im Jahr im Schloß oder auf den königlichen Höfen
in Roma und Visby arbeiten mußten. Im Winter mußten sie oft
ohne Entschädigung das Vieh des Schlosses in ihre Ställe nehmen
und füttern.
Wenn der Lehnsherr und die Vögte mit ihrem Gefolge über die
Insel ritten, Steuern eintrieben oder Recht sprachen, hatten sie das Recht,
bei den Bauern einzukehren und bei ihnen Kost, Logis und Pferdefutter
zu bekommen. Während eines Winters in den 1590er Jahren suchte der
Landsvogt Herman Jensen mit einem Gefolge von fünfzehn Personen die
gotländischen Dörfer heim. Der Vogt hatte eigenes Küchenpersonal
mit und die Bauern mußten alle Lebensmittel und Kräuter bezahlen,
die zum Kochen erforderlich waren, auch wenn die Köche die Häute
der Tieren beschlagnahmten, die auf dem Hof geschlachtet wurden. Auch
die Pferde - allein der Vogt hatte sechs bei sich - brauchten Futter.
Natürlich mußten die Bauern den Hafer aufbringen.
Beschwerden
und Konflikte
Wüstungen
Es ist nicht
verwunderlich, daß sich die Landbevölkerung beklagte. Die Sorgen
waren ja mit dem Bezahlen der Steuern noch nicht zu Ende. Danach galt
es, dafür zu sorgen, daß Ressourcen für die nächste
Abgaben vorhanden waren. In guten Zeiten konnten die gotländischen
Bauern Fleisch von Schafen und Rindern, Butter, Talg, Wolle und Häute
exportieren. Auch die Waldwirtschaft hatte große Bedeutung und so
wurden große Mengen an Holz in das waldlose Dänemark transportiert.
Teer, der auf fast jedem Hof gekocht wurde, machte in manchen Jahren fast
ein Drittel aller gotländischen Ausfuhren aus. An der Küste
brachen die Bauern Kalkstein, den dänische und deutsche Schiffer
dann nach Norddeutschland brachten, wo er zu Kalk gebrannt wurde. An manchen
Stellen sorgte das Meer für gute Einkünfte, und es gab Bauern,
die nur auf Grund des Fischfangs ihre Steuern bezahlen konnten.
Der Getreideanbau deckte nämlich noch nicht einmal den einheimischen
Bedarf. Oft waren die Bauern der Insel gezwungen, Saatgut und Getreide
zum Brot backen zu überhöhten Preisen vom Lehnsherren und seinen
Dienern zu kaufen. Hinzu kamen andere Sorgen wie Dürre, Frost, Ungezieferplagen
und Mißernten. Daß die Bauern Probleme hatten, zeigen die
vielen Wüstungen sehr deutlich. Um 1580 waren von den 1500 gotländischen
Höfen etwa 200 von ihren Besitzern aufgegeben worden. Die Behörden
versuchten, diesem komplizierten Problem zu begegnen, indem Bauern, die
einen verlassenen Hof wieder bewirtschafteten, von Steuern befreit wurden.
Dem Bürgerkrieg
nahe
Eine Möglichkeit,
diese beschwerliche Situation zu lösen, wäre es gewesen, den
Bauern größere Freiheiten im Handel einzuräumen. Statt
dessen gab es Einschränkungen. Der Lehnsherr war daran interessiert,
große Teile des gewinnbringenden Handels für sich zu beanspruchen.
Er gestand den Bauern nur eine geringe Zahl an eigenen Schiffen zu und
verbot zeitweise fast allen Handel in den Landhäfen. Darüber
hinaus begünstigte er die Kaufleute aus Visby auf Kosten der Bauern,
so daß es häufig Konflikte zwischen Stadt und Land gab.
Im Jahre 1532 war ein Bürgerkrieg bedrohlich nahe. Ein großer
Teil der Landbevölkerung kam bei der Kirche von Roma zusammen, um
gegen Visby zu ziehen. In letzter Sekunde griff der Lehnsherr Henrik Rosencrantz
ein und beruhigte die aufgebrachten Bauern. Es schaffte es auch, ein Treffen
mit den Stadtbewohnern zustande zu bringen. Dort einigten sich die beiden
Seiten darauf, die alten Bestimmungen hinsichtlich des gotländischen
Handels auch weiterhin gelten zu lassen.
Aber die Rückschläge waren damit noch nicht zu Ende. 1621 befahl
Christian IV., daß eine gotländische Handelskompanie für
den ganzen Handel der Insel gegründet werden solle. Sie bekam den
Namen Gullandske Kompagni und war ein Ausdruck der merkantilistischen
Handelspolitik. Einige Kaufleute in Helsingborg und Helsingör übernahmen
den gesamten Handel mit Gotland. Der Gedanke dahinter war, daß alle
ausländischen Kaufleute aus dem Handel gedrängt werden sollten,
so daß ein möglichst großer Teil des Gewinns im Lande
bleibe. Für die Gotländer war das wie ein Dolchstoß in
den Rücken.
Die Kompanie hatte das Monopol auf allen gotländischen Import und
Export. Nur die Beschäftigten der Kompanie durften in den Landhäfen
Handel treiben und die Produkte der Bauern kaufen. Sie mischten sich in
alles ein, durften sich in den Landhäfen niederlassen und verboten
den Bauern sogar, einander Saatgut zu leihen. Das Resultat waren überhöhte
Preise auf Importwaren und niedrige Preise für gotländische
Landwirtschaftsprodukte. Durch den direkten Handel zwischen Bauern und
der Kompanie hörten auch fast alle lokalen Märkte auf zu existieren,
die es in fast jedem Kirchspiel gegeben hatte.
Das Ende
der "Bauernrepublik"
Noch einmal
verloren die Gotländer die Geduld. Die Notjahre, Mißernten,
Ausfuhrverbote, Steuern, die Herrschaft der Vögte und nun das eigenmächtige
Handeln der Kompanie verlangten nach einer Lösung. Die Bürger
Visbys schafften es, einen Konflikt mit Kopenhagen zu vermeiden, indem
sie dem König versprachen, sich eigene Schiffe zu beschaffen und
mit dem Ausland Handel zu treiben. Aber die Bauern waren nicht so leicht
zufrieden zu stellen.
In ihrem Auftrag reiste der Landesrichter Thöger Kärne zum König,
um diesem die Beschwerden der Bauern vorzutragen. Als er nach Kopenhagen
kam, wurde er gefangengenommen und in eines der gefürchteten Verliese
im Blauen Turm geworfen. Vermutlich war Christian erbost, weil Kärne
die Partei des Volkes ergriffen hatte, anstatt seinem König zu dienen.
Als die Nachricht von diesem Ereignis nach Gotland kam, versammelten sich
die Bauern auf den Richterhöfen in den einzelnen Things. Zumindest
anfangs hatten sie nicht die Absicht, Gewalt zu gebrauchen. Sie begnügten
sich zunächst damit, Klageschriften an den König zu verfassen.
Aber offener Aufruhr lag in der Luft.
Die Lage wurde nur noch schlimmer, als Kärnes Bruder, der Pastor
von Vamlingbo, Niels Söfrensen, abgesetzt wurde, weil er die Bauern
zu Protesten aufgerufen hatte. Gleichzeitig wurden viele Gotländer
gefangengenommen und auf Visborgs slott inhaftiert. Der König verlegte
in diesem Zusammenhang auch das Landesrichteramt nach Visby. Ein Bürger
übernahm nun dieses viele hundert Jahre alte Amt, das immer ein Symbol
für die Selbstverwaltung der Bauern gewesen war. Damit war die gotländische
"Bauernrepublik" definitiv zu Ende.
Um das Übel im Keim zu ersticken, sandte König Christian 1624
eine Kompanie Soldaten nach Gotland, und weil er sich der Loyalität
der Gotländer nicht sicher war, reiste er selbst auf die Insel. Er
ritt über das Land, verhandelte mit den Bürgern und Bauern,
hielt Gerichtsverhandlungen mit den dänischen Beamten ab und konnte
zu guter Letzt zwischen den Konfliktparteien vermitteln. Im Jahr darauf
widerrief er alle Vorrechte der Gullandske Kompagni, die damit erlosch.
Der Sandstein
auf Sudret
Laut merkantilistischer
Ideologie war es wichtig, die einheimischen Industrien zu unterstützen.
Auf Gotland war es aber nicht so leicht, regelrechte Fabriken zu gründen,
aber die Dänen unternahmen dennoch einige Versuche, die wichtigsten
Rohstoffe der Insel zu nutzen. Die Gullandske Kompagni durfte eine wasserbetriebene
Säge und einen Kalkofen bei S:t Olofsholm bauen. Das war der erste
Ofen auf Gotland, der für den Export produzierte, auch wenn die Produktion
nach einigen Jahren schon wieder eingestellt wurde. Bis zum Durchbruch
der Kalkbrennerei sollte es noch einige Jahrzehnte dauern.
Auf Suder (dem südlichen Teil Gotlands) gab es einen anderen wichtigen
Rohstoff - Sandstein. Die Gotländer benutzten diese weiche Gesteinsart
früh für Schleifsteine, aber erst im frühen Mittelalter
wurde er wirklich wichtig. Damals bauten die Bauern im südlichen
Gotland einige Kirchen aus Sandstein und geschickte Steinmetze formten
aus dem Sandstein Taufbecken und Skulpturen für die Portale der Kirchen.
Mittelalterliche Taufbecken aus gotländischem Steinen findet man
im ganzen Ostseeraum in großer Zahl.
Die wirklich gute Zeit für die Sandsteinbrüche begann im späten
16. Jahrhundert. In der nordischen Großmacht Dänemark begannen
Könige und Hochadlige, Schlösser zu bauen. Für ihre Baustellen
in Kopenhagen, Malmö, Helsingör, Haderslev und Nyköbing
brauchten sie große Mengen Sandstein. Während einiger Jahre
ging eine Sandsteinladung nach der anderen vom Verladehafen Burgsvik in
die dänischen Häfen ab.
Für die dänische Krone bekam der Sandsteinbruch auf Suder eine
so große Bedeutung, daß er vollständig unter staatliche
Kontrolle gestellt wurde. Damit das Monopol auch funktionieren konnte,
sandten die Könige dänische Steinmetze als Experten nach Gotland.
Sie bekamen ihren Lohn von der Krone und waren dafür verantwortlich,
daß die Bestellungen ausgeliefert wurden. Zu ihren Aufgaben gehörte
auch, die künstlerischen Aufforderungen zu erfüllen. Als die
Gullandske Kompagni allmählich auf der Bildfläche auftauchte,
übernahm sie auch den Sandsteinbruch - doch erst nachdem der dänische
Staat seine Bedürfnisse befriedigt hatte.
Der größte Teil des Exportes ging nach Dänemark, aber
auch im Baltikum, Polen, Norddeutschland und Schweden gab es Absatzmärkte.
Als Gotland 1645 schwedisch wurde, veränderte sich die Marktsituation
vollkommen. Das galt auch für die Tätigkeit des Steinbruchs
als solche.
Schweden
übernimmt
Als Schweden
Dänemark in der Mitte des 17. Jahrhunderts als nordische Großmacht
ablöste, wurde Stockholm schnell der wichtigste Absatzmarkt für
den gotländischen Sandstein. In der schwedischen Hauptstadt herrschte
unter einigen Jahrzehnten eine intensive Bautätigkeit, nicht zuletzt
auf Grund der neureichen Adeligen und Kaufleute. Sie wollten vor allem
Steine zum Häuserbau und für offene Herde kaufen. Der Sandstein
von Sudret hatte seine letzte Hochkonjunktur in den 1690er Jahren, als
in Stockholm das neue Schloß gebaut wurde.
Der schwedische Staat nahm niemals irgendwelche Sonderrechte hinsichtlich
des Sandsteins auf dem südlichen Gotland für sich in Anspruch.
Die Steinmetze, die auch nach dem Regimewechsel 1645 auf der Insel blieben,
konnten ihre Tätigkeit privat fortführen. Sie kauften sich eigenes
Land in der Gegend von Burgsvik, wo sie Steine brechen und sich durch
ihren Beruf versorgen konnten. Oft erwarben sie auch einen Hof in derselben
Gegend, so daß sie gleichzeitig Bauern wurden. Um die künstlerische
Geschicklichkeit und den Stolz über den eigenen Beruf lebendig zu
halten, war man nun gezwungen, einen Unterschied zwischen professionellen
Steinmetzen und steinhauenden Bauern zu machen. In einer Zunftordnung
bestimmten die Behörden, daß nur zum Meister ausgebildete Steinmetze
Bildhauerei betreiben durften. Die Bauern mußten sich mit der Herstellung
von Schleifsteinen begnügen.
Auf Grund der schwächer werdenden Konjunktur siedelten sich aber
keine neuen Steinmetze mehr in Burgsvik an. Neue Impulse blieben aus und
als die alten Meister starben und ihr Können mit ins Grab nahmen,
wurde die Landwirtschaft in der Region der wichtigste Wirtschaftszweig,
das Steinhauen war nur noch ein Nebenerwerb.
Seit dem 18. Jahrhundert und bis heute dominieren zwei Produkte die Sandsteinindustrie:
Bausteine und Schleifsteine. Besonders in der zweiten Hälfte des
19. und im frühen 20. Jahrhundert wurden viele Schleifsteine exportiert.
Sie gingen auf das schwedische Festland, nach Norwegen, Dänemark,
Finnland, Estland, aber auch in so abgelegene Teile der Welt wie Westindien,
Südamerika, Indien und Japan.
Die traditionelle Herstellung von Schleifsteinen erfolgte normalerweise
gleich im Steinbruch, den sogenannten "kulorna" (Kuhlen), oder
zu Hause auf dem Hof. Wenn der Hersteller eine gewisse Anzahl Steine auf
Lager hatte, kam ein Aufkäufer und kaufte die fertige Ware. Oft war
es ein Kaufmann von Sudret, der diese Rolle innehatte, was sowohl gut,
als auch schlecht sein konnte. Es war ein Vorteil, die Gegend und die
dort lebenden Menschen zu kennen, aber es war so auch leicht für
den Produzenten, sich beim "Patron", wie der Händler gewöhnlicherweise
genannt wurde, zu verschulden. Die Händler waren ja auch Lieferanten
von Lebensmitteln, Werkzeugen, Getreide und Düngemitteln, alles Dinge,
die wichtig waren für die bäuerlichen Steinmetze.
1873 wurde Gotlands slipstensbolag gegründet, das lange Zeit lang
der größte Exporteur von gotländischem Sandstein war,
vor allem von Schleifsteinen, Wetzsteinen und sogenannten "Bylten",
die von Marmorschleifereien und als Gartensteine benutzt wurden.
Unglückliche
Jahre für Dänemark
Die Jahre
zwischen 1525 und 1645 verliefen auf Gotland im Großen und Ganzen
friedlich. Auch wenn die nordischen Könige nicht besonders gut miteinander
befreundet waren, so war die Insel kein Zankapfel mehr. Trotzdem wurde
in dieser Zeit die "Gotlandfrage" aus dem vorherigen Jahrhundert
entschieden. Sogar zweimal!
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts herum entstand Unruhe an der östlichen
Küste der Ostsee. Im Baltikum löste sich der alte Ordensstaat
des Deutschen Ordens auf, und der russische Zar Ivan IV., genannt der
Schreckliche, war auf dem Marsch nach Westen. Auch für die nordischen
Länder war diese Gegend interessant. 1559 besetzte Dänemark
Ösel, und Schweden eroberte zwei Jahre später den größten
Teil Estlands. Ein Konflikt auf der politischen Bühne stand bevor.
1563 brach zwischen den beiden nordischen Ländern ein Krieg aus,
der eine Reihe anderer Ursachen hatte. Der Krieg dauerte sieben Jahre
und ist als der Nordische Siebenjährige Krieg in die Geschichte eingegangen.
Gotland wurde bei zwei Gelegenheiten davon betroffen. Einmal landeten
schwedische Truppen bei Östergarn und brannten dort die Kirche und
mehrere Bauernhöfe nieder. Das andere Mal geschah etwas viel Dramatischeres.
"Hier ist ja wohl nicht jede Nacht Sturm"
Im Juli 1566
wurde eine große Seeschlacht vor der Nordspitze Ölands zwischen
der schwedischen und der vereinigten dänischen und lübeckischen
Flotte ausgefochten. Der Kampf war hart, und er endete mit einem knappen
Sieg für die Schweden unter Admiral Klas Horn. Während der Schlachte
fiel ein dänischer Adliger, Christoffer Mogensen, und die ganze Flotte
segelte nach Visby, um ihn dort in geweihter Erde begraben zu können.
In der Nacht zwischen dem 28. und 29. Juli lagen die Schiffe vor Visby
auf Reede und warteten dort. Der Platz war schlecht gewählt, da die
Anker den Boden nicht erreichten. Die Warnungen, die erfahrene Seeleute
bald aussprachen, schlug der Admiral Hans Lauridsen mit den Worten "Hier
ist ja wohl nicht jede Nacht Sturm!" in den Wind.
Aber der Sturm kam, ein nordwestlicher Orkan, schnell und unnachgiebig.
Und mit ihm kam die Katastrophe. Zwölf dänische und drei deutsche
Schiffe wurden auf den Strand geworfen, viele andere wurden stark beschädigt.
Drei Admiräle ertranken zusammen mit mehreren tausend Seeleuten und
Soldaten. Es gibt Berichte von 7000 oder 8000 Toten, die wahrscheinliche
Ziffer dürfte aber die Hälfte davon sein.
Die Gedenktafel
Unter den
Ertrunkenen befand sich ein Bartholomäus Tinnapfel. Er war Admiral
und Bürgermeister Lübecks, und wie es sich für einen so
großen Mann gehörte, wurde er im Chor von S:ta Maria begraben.
An der nördlichen Chormauer hängt noch immer eine Gedenktafel,
ein Epitaph, für ihn. Die Tafel ist fast genauso dramatisch wie das
Ereignis, das zu seinem Tod führte.
Das Hauptmotiv ist der gekreuzigte Christus, vor dem der Admiral kniet
und betet. Im Hintergrund hat der Maler seine Sicht der großen Katastrophe
auf der Reede von Visby gehalten. In einem gewaltsam aufgepeitschten Meer
schwimmen fürchterliche Seeungeheuer, ertrinken Menschen, schleudern
den Wellen preisgegebene Schiffe herum und zerschellen an den Felsen.
Der Himmel ist voll von unruhigen Wolken, die einander jagen und auf einem
hohen Strand erhebt sich eine fast geisterhafte Stadt - ein Visby ohne
Verbindung zur Wirklichkeit.
1570 wurde der Krieg mit dem Frieden von Stettin beendet. Schweden gab
darin alle Ansprüche auf Gotland auf und erkannte definitiv die Insel
als dänische Provinz an. Die wichtigste Folge des Krieges war ansonsten
die Beendigung aller Versuche, die nordische Union wieder herzustellen.
Dänische
Fehler
Der nächste
Krieg zwischen Dänemark und Schweden - der sogenannte Kalmarkrieg
von 1611-13 - hinterließ wenige Spuren auf Gotland. Dann und wann
suchte die dänische Flotte im Hafen von Slite Schutz oder verproviantierte
sich dort neu. Das war aber auch schon alles. Trotzdem zeigte der Kalmarkrieg,
daß ein Umschwung in der nordischen Mächtekonstellation zugunsten
Schwedens bevorstand. Dieser Umschwung ließ nicht lange auf sich
warten.
1618 begann in Deutschland der Dreißigjährige Krieg. 1625 mischte
sich der dänische König Christian IV. in die Kämpfe ein,
um seine und Dänemarks Macht zu vergrößern. Der Versuch
mißglückte vollständig und führte große wirtschaftliche
Probleme mit sich. Einige Jahre später trat auch der schwedische
König Gustav II. Adolf in den Krieg ein. Für ihn und seine Armeen
lief es besser.
Christian IV. verfolgte trotzdem eine herausfordernde Politik gegenüber
Schweden, die 1643 zu einem schwedischen Angriff auf Dänemark führte.
Die Schweden eroberten schnell große Gebiete und viele Städte
und Festungen. Nach zwei Jahren Krieg gaben die Dänen auf, und die
beiden Länder schlossen 1645 bei Brömsebro Frieden.
Brömsebro
1645
An einem
Januartag 1645 stand eine Kompanie schwedischer Reiter im Hafen von Helsingborg.
Von ihrem Standort aus konnten sie den Stolz der dänischen Könige,
Schloß Kronborg, auf der gegenüberliegenden Seite des Sundes
sehen. Die frierenden Reiter warteten auf fünf dänische Adlige,
die sie durch Skåne bis zur schwedischen Grenze eskortieren sollten.
Es waren keine munteren Herren, die schließlich an Land stiegen.
Ihnen war bewußt, welcher schwer und beschwerliche Auftrag vor ihnen
lag. In Kopenhagen hatten sie genaue Instruktionen und Vorschriften bekommen,
von denen sie wußten, daß der Gegner sie kaum akzeptieren
konnte.
Also hatten sie sich vorbereitet. In ihrem Gefolge waren etwa siebzig
Diener, Sekretäre und Hofjunker. Auch das Gepäck war umfangreich.
Die Bauern mußten einhundert Transportfahrten über die 200
kalten Kilometer bis zur Grenze zwischen dem dänischen Blekinge und
dem schwedischen Småland unternehmen. Das Ziel war Brömsebro.
Von Norden kamen gleichzeitig einige schwedische Aristokraten mit dem
Reichskanzler Axel Oxenstierna persönlich an der Spitze. Auch diese
Gesellschaft war gut vorbereitet. Aus Stockholm hatten sie sich unter
anderem 400 Fässer Getreide, 3700 Liter Rheinwein, 1400 Liter spanischen
Wein, große Mengen Konfekt und anderes mitgebracht, das notwendig
war, um die Lebensgeister lebendig zu halten. Unter dem Gepäck des
Reichskanzlers befanden sich mehrere Stühle, ein großer Tisch
und sein eigenes, enorm großes Bett.
Die dänische Delegation lagerte in Christianopel. Die Schweden richteten
sich im Pfarrhof von Söderåkra ein, ein paar Dutzend Kilometer
nördlich der Grenze. Auch die französischen und holländischen
Gesandten wurden in der Nähe einquartiert, genau wie die anderen
Repräsentanten aus ganz Europa. Zusammen waren es einige Hundert.
Die Aufgabe, die vor beiden Gesandtschaften lag, war, Frieden zwischen
Dänemark und Schweden zu schließen. Der von ihnen dafür
gewählte Platz lag an der Grenze zwischen Dänemark und Schweden.
Hier hatten sich schon die Könige des 16. Jahrhunderts, Gustav Vasa
und Christian III., getroffen und verhandelt.
Beide Gesandtschaften kamen mit deutlichen Befehlen nach Brömsebro.
Die wichtigste Forderung der Dänen war die Rückgabe aller von
Schweden eroberten Gebiete und dazu umfangreiche Reparationen. Die Schweden
wollten in erster Linie vollständige Zollfreiheit im Öresund
haben und einige Gebiete, vor allem Skåne, Blekinge und Halland,
erhalten.
Die Verhandlungen begannen am 8. Februar. Der französische Vermittler
de la Thuillerie hatte sich bei einem Grenzstein auf einer kleinen Insel
im kleinen Brömsebach postiert. Als er das Zeichen gab, gingen die
beiden Delegationen aufeinander zu, langsam und würdig, wie es dem
Ernst der Stunde angemessen war. Trompeten erklangen und alles war so
feierlich, wie es sein sollte. Axel Oxenstierna und der Chef der dänischen
Gesandtschaft, Corfitz Uhlfeldt, hielten ihre Reden, schüttelten
sich formell die Hände und kehrten danach zu ihren jeweiligen Gesellschaften
zurück.
Der Zoll
im Öresund, die Schlüsselfrage
Die folgenden
Gespräche verliefen wie erwartet zäh und dauerten sehr lange.
Die Schweden erhoben die Forderung nach Zollfreiheit im Öresund,
auf die sich Christian IV. erst nach langem Zögern einließ.
Es ist verständlich, daß er zögerte. Der Zoll im Öresund
war nämlich die mit Abstand größte Einnahmequelle in ganz
Dänemark - und nach alter Sitte hatte der König das Recht, allein
über diese Summe zu disponieren. Es waren auch keine Pfennigbeträge,
um die es ging - 1623 beliefen sich die Einkünfte aus dem Zoll auf
etwa 1,5 Millionen Reichstaler. Es ist schwer, diese Summe in heutige
Maße zu übersetzen. Sie war, einfach ausgedrückt, enorm
hoch.
Nach dem Erfolg mit dem Öresundszoll legten die Schweden mit den
Forderungen nach Skåne, Halland und Blekinge nach. In den Direktiven
aus Stockholm gab es einen Verhandlungsspielraum : im schlimmsten Fall
konnte man sich mit Halland und Bohuslän, eventuell sogar nur mit
Bohuslän begnügen. Aber frisch gewagt ist halb gewonnen.
Eine Reihe glücklicher Umstände führte dazu, daß
die Schweden jetzt die Oberhand behielten. Schwedens Armeen erzielten
große Erfolge auf dem Kontinent, während sich in Dänemark
innere Unruhe ausbreitete. Zudem standen die mächtigen Niederlande
auf Schwedens Seite. Dies alles trug dazu bei, daß in Kopenhagen
die Kompromißbereitschaft wuchs. König Christian begann zunächst
vorsichtig damit, den Schweden Jämtland anzubieten. Aber auf eine
solche Landschaft verzichtete Axel Oxenstierna gerne, da sie seiner Meinung
nach nur aus Felsen und Mooren bestand. Christian erhöhte das Angebot
mit Halland und Ösel. Oxenstierna antwortete, daß er lieber
Bohuslän haben wollte. Darauf schlugen die Dänen Gotland an
Stelle von Halland vor.
Nun war die Zeit für eine endgültige Einigung gekommen. Die
Dänen waren nicht besonders glücklich darüber, die strategisch
günstig gelegene Insel inmitten der Ostsee, die wie eine Harpune
gegen den weichen Unterleib Schwedens gerichtet war, abzutreten. Die Schweden
hingegen waren zufrieden. Außer der Zollfreiheit im Öresund
vergrößerten sie ihr Territorium mit Gotland, Ösel, Jämtland
und Härjedalen. Dazu erhielt Schweden Halland auf 30 Jahre als Pfand.
Endlich Frieden
Am 13. August
1645 wurde der Friedensvertrag im Rahmen einer feierlichen Zeremonie unterzeichnet.
Der Vermittler de la Thuillerie besuchte zuerst die beiden Delegationen
mit zwei Exemplaren der Übereinkunft, die die Schweden und Dänen
jeweils unterschrieben. Danach setzte er sich auf die kleine Insel im
Brömsebach und nahm dort die beiden unterschriebenen Verträge
entgegen. Das schwedische Exemplar nahm er mit der rechten Hand entgegen
und ergriff es dann mit der linken. Dann ergriff er das dänische
Exemplar mit der Rechten, kreuzte die Arme und übergab so den Gesandten
die Dokumente. Fanfaren ertönten und der Frieden war damit geschlossen.
Zu diesem Zeitpunkt war seit sechs Monaten und fünf Tagen verhandelt
worden.
Aus Gotländern werden Schweden
"Viele
Füchse, die großen Schaden verursachen"
"Am
vierten Tage im Monat September / im eintausendsechshundertvierzigsten
und fünftem Jahr nach der Geburt Christi" legte ein Funktionär
des Hofes auf dem Schloß von Stockholm das Friedensabkommen Königin
Christina vor. Es sei dahingestellt, ob sie das umfangreiche Dokument
auch gelesen hat, auf jeden Fall hat sie es unterzeichnet. Gotland wurde
zusammen mit Stadt und Schloß Visby und allen dazugehörenden
Inseln und Schären schwedisches Reichsgebiet. Spätestens Ende
Oktober sollte die Insel mit allen Aktivposten übergeben worden sein,
aber da es sich um eine Insel handelte, die in der "großen
See" gelegen war, ließ der Vertrag eine gewisse Verzögerung
zu.
Mitte Oktober landete der neue Landshövding Åke Hansson Ulfsparre
mit einigen Soldaten in Slite und ein paar Wochen später ankerte
der Admiral Erik Ryning mit einer Flotte in Kappelshamnvik. Ryning übermittelte
kurz darauf seine ersten Eindrücke von Gotland an Stockholm. Er lobte
einige der Häfen, aber der Rest der Insel bestünde meist aus
"Steinen, Felsen und Wäldern, wenig Acker, wenigen Wiesen und
vielen Füchsen, die großen Schaden verursachen...".
In Visby herrschte der Verfall. Die vielen Kirchenruinen und niedrigen
Holzhütten, die Kohlgärten, die Kühe, Ziegen, Hühner
und Schweine innerhalb der Mauern gaben ein trauriges Bild ab. Die große
Zeit der Stadt war schon lange vorbei.
Eifrig, aber bedachtsam, nahmen sich die neuen Amtsträger der gotländischen
Angelegenheiten an. Sie begannen, auf der Insel umherzureisen, um Land
und Leute kennenzulernen. Der nächste Schritt war, sich den großen
und wesentlichen Fragen nach Verwaltung, Rechtssprechung, kirchlichen
Angelegenheiten, Verteidigung und Wirtschaft zu widmen.
Die Gotländer nahmen die politischen Veränderungen wohl mit
Gleichmut hin. Wie so viele andere, die an den Grenzen eines Reiches lebten,
war ihr Dorf viel wichtiger als irgendein Staat. Ihrer Ansicht nach war
es ziemlich gleichgültig, zu welchem König sie gehörten,
sie fühlten sich ja ohnehin als Gotländer. Außerdem hatten
die Dänen sie nicht besonders gut behandelt. Die in Dänemark
geborenen Priester waren die einzigen, die Grund zur Sorge hatten.
Ein wiedererobertes
Gotland
Die übergreifende
Aufgabe der neuen Beamten war es, das eroberte - oder wiedereroberte -
Gotland zu einer schwedischen "Landskap", einem Teil des schwedischen
Reiches, zu machen. Dabei sollten sie sehr vorsichtig vorgehen. Es war
wichtiger, das Vertrauen der Gotländer zu wecken, als sie herauszufordern.
In Stockholm betrachteten die Behörden Gotland bereits als vollwertigen
Bestandteil Schwedens. Sie sahen die Insel als einen wiedergewonnenen
Landesteil an und als Beweis dafür bekamen die Gotländer das
Recht, umgehend eigene Reichstagsmänner in die Hauptstadt zu schicken.
Unter den ersten, die 1647 ihren Platz in der schwedischen Volksvertretung
einnahmen, war der Superintendent Hans Nielssøn Strelow und der
Propst von Garda, Niels Gardaeus, etwas später auch der Bürgermeister
Visbys, Magnus Palumbus, und der Ratsherr Marcus Schröder.
Wie sollte man nun konkret vorgehen, um aus den Gotländern Schweden
zu machen? Ein wichtiger Aspekt war die Sprache. Selbstverständlich
sollte Schwedisch das Dänische als Landessprache ablösen. Das
war ja eine deutliche Markierung der nationalen Zugehörigkeit. Aber
gleichzeitig waren die Behörden auch in diesem Fall darauf bedacht,
keinen Zwang auszuüben. Die Gotländer sollten genug Zeit bekommen,
sich das Dänische abzugewöhnen.
Die Priester
Sicherlich
dauerte es auch eine Zeit, bis die Landbevölkerung die schwedischen
Predigten der Priester akzeptieren konnte - sie wurden ja vor allem in
der Kirche mit der Landessprache konfrontiert. Schlimmer war es, als die
Schulmeister begannen, den Kindern den Katechismus in der neuen Sprache
beizubringen, was eine der wichtigsten Maßnahmen zur "Schwedisierung"
war.
Hinsichtlich der Regierung und Verwaltung Gotlands besetzte die Stockholmer
Regierung alle höheren Posten mit Schweden. Niedrigere Amtsträger
durften bis auf weiteres bleiben. Eine etwas zurückhaltendere Position
nahm man gegenüber den kirchlichen Angestellten ein. In Zukunft sollte
es nur noch nach Studien in Uppsala möglich sein, Priester auf Gotland
zu werden. Viele der in Dänemark ausgebildeten Priester durften bleiben,
aber wenn sie starben oder aus Altersgründen aufgaben, wurden sie
durch schwedische Seelsorger ersetzt.
Die neuen Gesetze und Vorschriften in religiösen Fragen, die die
Schweden einführten, hatten zunächst keine größere
Bedeutung für die kirchlichen Zeremonien, aber im Laufe der Zeit
wurden auch in diesem Bereich die Veränderungen spürbar.
Gesetze und
Steuern
Gotland sollte
in Zukunft schwedischen Gesetzen und schwedischem Recht unterworfen sein.
Der gotländische Landesthing wurde nun von einem Thing der Gesetzessprecher
ersetzt, die Settingar verschwanden und an deren Stelle wurden die Tredingar
zur Rechtsinstanz. Die höchsten Gerichte waren im folgenden das Hofgericht
und ganz oben stand das Staatsoberhaupt (König oder Königin).
Eine andere wichtige Frage waren die Steuern. Das gotländische Steuersystem
baute auf alten Bestimmungen auf, die den schwedischen in keiner Weise
glichen. Auf Gotland waren die Richter für die Steuern verantwortlich,
die für jeden Thing oder Setting einen bestimmten Betrag ausmachten.
Die Belastungen waren nach einem System verteilt, das dazu führte,
daß die Bauern in verschiedenen Jahren verschieden hohe Steuern
zu zahlen hatten. In der dänischen Zeit waren der Bevölkerung
darüber hinaus eine große Menge an Freistellungen unterschiedlichster
Art gewährt worden.
Auf dem schwedischen Festland war jeder Hof steuerpflichtig und die Abgaben
waren für jeden Haushalt genau festgelegt. Diese Vorgehensweise wurde
nun auch auf Gotland eingeführt, aber bevor das neue System vollständig
durchgeführt werden konnte, war Landshövding Sparre gezwungen,
alle 1500 Höfe der Insel genau zu vermessen und zu beschreiben. Im
Dezember 1652 bekam er den Auftrag, zusammen mit einigen anderen Personen
ganz Gotland "von Thing zu Thing" zu durchreisen und die Beschaffenheit
der verschiedenen Höfe zu untersuchen,
Das Ergebnis war das Revisionsbuch von 1653. Darin wird jeder Hof mit
Angaben zu Äcker, Wiesen, Koppeln, Waldbesitz und Gärten beschrieben.
Dort gibt es Notizen über Moore, Fischgewässer, Algen und Tang,
Sägen und Walzen, darüber, wer gerade den Hof besaß, und
ob er ihn geerbt oder gekauft hatte. Also ein extrem gutes Quellenmaterial
über das bäuerliche Gotland zur Mitte des 17. Jahrhunderts.
Von alters her wurden die Höfe auf Gotland von mehreren Familien
gemeinsam bewirtschaftet. An der Spitze stand ein einzelner Hofherr, der
auch die Steuern zu bezahlen hatte. Jetzt wurde es immer üblicher,
die Steuerhöfe in mehrere Teile, "parter", aufzuteilen.
Die Steuerreform beschleunigte diese Entwicklung.
Auf den neuen Höfen erbauten die Bauern ihre Wirtschaftsgebäude
oft Seite an Seite an einem Weg, das Wohnhaus lag weiter innen auf dem
Grundstück. So entstand eine Bebauung, die noch heute für Gotland
typisch ist.
Schafe und
Teer
Teil des
Programms der schwedischen Regierung für Gotland war der Versuch,
die Wirtschaft der Insel zu stärken. Wenn sie die Wirtschaft in Gang
kriegen konnte, würde die Insel auch ökonomisch wertvoll werden
und nicht nur als Flottenbasis.
Auf dem Land lebten fast alle von dem, was die Landwirtschaft erbrachte.
Seit dem Mittelalter wurden keine Neuerungen mehr eingeführt, und
doch konnten sich die meisten Bauern mit dem, was ihr Hof hergab, ihren
Lebensunterhalt sichern. Aber natürlich konnte es noch besser werden,
die Voraussetzungen dafür waren vorhanden. Die Regierung versuchte
es zunächst durch Subventionen wie Steuererleichterungen und Zollfreiheit
für landwirtschaftliche Produkte in schlechten Jahren. Aber es ging
nur langsam voran, zum großen Teil dank einer natürlichen Trägheit
im bäuerlichen Gotland. Es sollte noch ein paar Jahrhunderte dauern,
bis die Entwicklung richtig in Gang kam.
Die Ackerflächen waren immer noch klein. Zwar war die Dreifelderwirtschaft
üblich, aber es gab immer noch Gebiete auf der Insel, wo die Bauern
ihre Felder das ganze Jahr über bestellten. Oft reichten die Getreideernten
nicht für den Eigenbedarf der Insel, ein Teil des Saatgutes mußte
importiert werden.
Vieh und vor allem Schafe waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zu Tausenden
wurden sie jedes Jahr in großen Herden nach Visby getrieben, wo
sie geschlachtet, eingesalzen und exportiert wurden.
Die Bauern, die in der Nähe eines Strandes, eines Flusses oder eines
Sees wohnten, nutzten die Möglichkeit zu fischen. Im Meer wurde fast
nur Hering gefangen, im Süßwasser meist Hecht und Barsch. Für
einige Bauern war die Fischerei eine Einkommensquelle, die es leichter
machte, die Steuern zu bewältigen.
Der Wald bot eine wichtige Ressource für die Hofwirtschaft. Im 17.
Jahrhundert war besonders Teer ein wichtiger Exportartikel. Er war von
hervorragender Qualität und auf den Schiffswerften an den Küsten
der Ostsee, in den Niederlanden und in England sehr begehrt. Manchmal
bestand ein Drittel des gesamten Exports der Insel aus Teer. Um 1650 produzierten
die Bauern Gotlands 5000 Fässer Teer für die Verschiffung -
neben dem, was sie dem Staat als Steuern abführten.
Dem Geist der Zeit folgend wurde auch eine Teerhandelskompanie gegründet.
Sie bekam das Monopol auf das Kaufen und Verkaufen des gotländischen
Teers. Es zeigt sich bald, daß dies System nicht besonders gut war
und daß es zudem leicht zu umgehen war. Nach einer Zeit innerer
Zersplitterung und Uneinigkeit wurde die Kompanie zu Grabe getragen.
Förderung
von "Industrie"
Die merkantilistische
Politik des 17. Jahrhunderts betonte unter anderem die Bedeutung des Gründens
von Industrien. Diese Unternehmen sind noch am ehesten Weiterentwicklungen
von verschiedenen Handwerken und Tätigkeiten und können nicht
mit der Industrie verglichen werden, die im 19. Jahrhundert entstand.
Es wurde als wichtig erachtet, die vorhandenen Rohstoffe eines Landes
oder einer Region zu nutzen, sie zu bearbeiten und dann das fertige Produkt
zu verkaufen. Solche Versuche wurden auch auf Gotland unternommen, einige
waren erfolgreich, andere mißglückten total.
Die vielen kleinen Wasserläufe Gotlands wurden nun immer stärker
genutzt. Auch wenn sie nur wenig Wasser führten, konnten man vielen
Stellen Sägen, Mühlen und Walzen bauen. Nur selten konnten die
Eigentümer solche Anlagen das ganze Jahr über betreiben, oft
mußten sie ihre Tätigkeit auf Frühling und Herbst, zur
Zeit der Schneeschmelze und ergiebigerer Regenfälle, beschränken.
Vor allem entlang der gotländischen Küste im Norden und im Osten
begannen weitsichtige Bürger und einzelne Großbauern, Kalk
zu brennen, den sie dann ins Ausland verkauften. Die Kalkindustrie hatte
nun ihren definitiven Durchbruch. In den folgenden Jahrhunderten sollte
sie eine große Rolle für die gotländische Wirtschaft spielen.
Jemand, der es verstand, die Möglichkeiten des neuen schwedischen
Gebietes weit in der Ostsee zu nutzen, war der Stockholmer Kaufmann Christoffer
Neuman. Auf Gotland gab es Ressourcen in Form von Rohstoffvorkommen, aber
darüber hinaus gab es beim schwedischen Staat ein starkes Interesse,
die Insel zu entwickeln und sie zu einem lohnendem Geschäft zu machen.
Er konnte mit anderen Worten mit staatlicher Hilfe in Form von wirtschaftlichen
Beiträgen rechnen.
1649 bekam Neuman das Recht, bei Kopparsvik südlich von Visby eine
Kleidungsfabrik zu eröffnen. Der Gedanke dahinter war, vor allem
die große schwedische Armee mit Stoff für Uniformen zu versorgen.
Um die Rohstoffe - Wolle - zu bekommen, bekam er die Genehmigung, Höfe
zur Schafzucht, sogenannte Schäfereien, bei Kungsladugård und
auf Skenholmen vor der nordöstlichen Küste einzurichten. Er
kümmerte sich auch um die gesamten Steuereinnahmen des nördlichen
Gotlands. Er brauchte weder Zölle für den Import von wichtigen
Rohstoffen, noch Steuern für seine Angestellten zu zahlen.
Direkt nördlich von Visby errichtete der unternehmenslustige Neuman
eine Eisenhütte. Zwar gab es auf Gotland keine natürlichen Eisenerzvorkommen,
aber bei Lummelunda gab zwei andere Ressourcen, die zur Eisenherstellung
wichtig waren: Holz und Wasser. Und da ein Unternehmer eher Eisenerz an
Orte brachte, an denen es Brennstoff gab, als umgekehrt - Erz ist ja im
Verhältnis zum Gewicht viel weniger voluminös als Holz - war
es durchaus vernünftig das Erz von den Fundstätten auf Utö
im Schärengarten von Stockholm nach Gotland zu transportieren.
An dem Fluß, der durch die heute so bekannte Höhle von Lummelunda
fließt, errichtete Neuman nicht nur einen Hochofen und ein Hammerwerk,
um das Eisen zu schmelzen und zu formen, sondern auch eine Säge,
eine Mühle und eine Walze. Die Anlagen bei Lummelunda wurden später
durch einen weiteren Hochofen bei Vasta am Strand von Kappelshamnviken
komplettiert.
Um erfahrene Arbeiter für sein Unternehmen zu bekommen, brachte Neuman
Arbeiter vom Festland mit, und um sie bei Laune zu halten, baute er Kneipen
und Gasthöfe, sowohl außerhalb von Visby als auch in Kappelshamn
und Hall.
Es dauerte nicht lange, bis Neumans Industrieimperium wieder zusammenfiel.
Die Kleiderfabrik bei Kopparsvik produzierte alles in allem nicht mehr
als 800 Ellen Tuch. Die Eisenhütte bei Lummelunda lief etwas besser
und dort wurden noch bis 1712 Stangeneisen, Töpfe, Schmiedehämmer
und diverse andere Produkte hergestellt. Die Ursachen für den Niedergang
waren vielfältig. Die Besitzer machten unzureichende Versorgung mit
Holz und Wasserkraft dafür verantwortlich. Aber sicherlich war es
auch so, daß diese ersten industriellen Experimente zu wenig Rücksicht
auf die Unterschiede zwischen Gotland und dem schwedischen Festland genommen
haben und daß der ständige Bedarf an neuem Kapital unterschätzt
wurde.
Der Handel
- immer noch die gotländische Nabelschnur
Die schwedische
Regierung versuchte auch, den gotländischen Handel zu beleben, vor
allem natürlich den Handel über Visby. Die Hilfe, die sie der
Insel zukommen ließ, wäre sonst größtenteils verfehlt
gewesen. Die unternommenen Anstrengungen lieferten jedoch keine zufriedenstellenden
Ergebnisse. Das kann daran gelegen haben, daß die Maßnahmen
nicht vollständig durchgeführt wurden, was wahrscheinlich damit
zusammenhängt, daß die Schweden auch hier mit großer
Vorsicht zu Werke gingen. Sie wollten - oder konnten - an den etablierten
Strukturen nichts ändern.
Eine der Ursachen dafür, daß es nicht mehr so gut ging, war
der alte Gegensatz zwischen Stadt und Land, der durch die merkantilistischen
Ideen noch verstärkt wurde. Die Bürger Visbys wollten den gesamten
Handel in der Stadt konzentrieren. Die ländliche Bevölkerung
wollte, daß alle Häfen für den Handel geöffnet blieben.
Es kam zu einem Kompromiß. Alle ankommenden Fahrzeuge sollten in
Visby entladen werden. Auch der größte Teil des Exports sollte
in Visby verschifft werden. Gewisse Waren, wie Kalkstein, Kalk und Holz,
die schwer über Land zu transportieren waren - und vielleicht auch,
um den Bauern die Möglichkeit zu einem gewissen Barhandel zu geben
-, sollten auch über die Häfen von Burgsvik, Klinte, Kappelshamn,
Slite, S:t Olofsholm und Östergarn ausgeführt werden dürfen.
Vor der Abreise sollte sich der Schiffer aber auf dem Landweg nach Visby
begeben, dort seine Ladung registrieren lassen und den Zoll dafür
zu bezahlen. Die Anzahl der Exporthäfen wurde später vergrößert.
Gotland bekam damit innerhalb Schwedens eine vorteilhafte handelspolitische
Stellung. In Schweden war der gesamte Handel in den Städten konzentriert.
Der Binnenhandel Gotlands durfte aber nur innerhalb der Stadtmauern stattfinden.
Der Handel auf dem Land war verboten. Die Bauern, die von alters her völlig
von den Händlern aus der Stadt abhängig waren, konnten auch
jetzt nicht aus dieser Unfreiheit ausbrechen. Sie kauften weiter auf Kredit
ein. Von diesem System konnten sie sich erst 200 Jahre später lösen.
Der gotländische Export folgte neuen Wegen. Früher war er vor
allem nach Deutschland und Dänemark gegangen, nun wurde der schwedische
Markt immer wichtiger. Anfangs war dafür die schwedische Großmachtszeit
verantwortlich. Es kann jedoch nicht von einem definitiven Durchbruch
die Rede sein. Erst als die gotländischen Bauern einen Überschuß
auf ihren Höfen erzeugten und Getreide exportieren konnten, wurde
das alte Muster durchbrochen. Und das sollte noch lange dauern.
Das Kalkbrennen
- ein wichtiger Wirtschaftszweig auf Gotland
Den Gotländern
war die Kunst des Kalkbrennens seit dem Mittelalter bekannt. Mörtel,
der zu einem großen Teil aus Kalk besteht, wurde in den ersten Steinkirchen,
den ältesten Steinhäusern und der Stadtmauer verwendet. Die
Gotländer exportierten schon im 13. Jahrhundert Kalkstein, und in
deutschen Rechnungsbüchern kommt gebrannter Kalk aus Gotland spätestens
seit Ende des 14. Jahrhunderts vor.
Aber erst die Dänen zeigten, welche Möglichkeiten es gab. 1621
errichtete Det Gullandske Kompagni bei S:t Olofsholm einen Kalkofen, der
Kalk ausschließlich für den Export brennen sollte. Das Unternehmen
hatte keinen unmittelbaren Erfolg, es sollte noch ein paar Jahrzehnte
bis zum Durchbruch dauern.
Der Durchbruch erfolgte nach dem Übergang 1645, und es gab dafür
mehrere Ursachen. Durch die veränderte politische Situation fielen
zwar Teile des dänischen Kundenkreises fort, aber die neue schwedische
Großmacht bot einen neuen Markt. Die reich gewordenen schwedischen
Adligen und Kaufleute brauchten Kalk für ihre Schlösser und
Häuser. Carl X. Gustaf, der sich gut auf Gotland auskannte, benutzte
ausschließlich gotländischen Kalk für seine umfangreichen
Schloßbauten in Kalmar und Borgholm.
Durch einen Befehl aus Stockholm wurde gleichzeitig der Zoll auf Kalkstein,
der aus Gotland ausgeführt wurde, kräftig erhöht. Das Brechen
und der Verkauf lag bis dahin allein in den Händen der Bauern. Die
Einkünfte aus dem Kalksteinverkauf allein reichten nun nicht mehr
für den Lebensunterhalt. Gleichzeitig fehlte es ihnen an Kapital,
um große Kalköfen mit allem, was dazu gehörte, errichten
zu können. Wie auf so vielen anderen Gebieten war es für das
Land wichtig, ein fertiges Produkt an Stelle des Rohstoffes auszuführen.
Auf diese Weise konnte man mehr Geld verdienen. Nun konnte dieser neue,
blühende Wirtschaftszweig von städtischen Händlern und
nicht mehr von den Bauern betrieben werden. Handel und "Industrie"
gehörten nämlich in die Stadt. Die Bauern hatten die Aufgabe,
ihr Land zu bestellen und den Kalkproduzenten die Rohstoffe zu liefern.
Es gab mehrere Bürger, die bereit waren, das Kalkbrennen zu übernehmen.
Sie verstanden, daß die Zukunft für das Kalkbrennen günstig
aussah, sie waren unternehmerisch veranlagt und hatten das notwendige
Kapital. Man brauchte große Mengen an Geld und Arbeitskräften,
um einen Kalkofen zu errichten und zu betreiben. Es mußte ja nicht
nur der Ofen gebaut werden, sondern auch Lagerräume für den
Kalk, Hafenanlagen und Schiffe. Der eingewanderte Däne Marcus Schröder
war einer dieser Unternehmer, und er wurde Gotlands erster großer
Kalkpatron. Ein anderer war der Zollverwalter Gunnar Galbergh.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Konjunktur günstig
für die Kalkwirtschaft. Um 1700 gab es etwas 30 Öfen auf Gotland.
1733 führten die Behörden eine Inventur durch, die zeigte, daß
36 größere Kalköfen und fast 40 kleinere, sogenannte Kalkmeiler
betrieben wurden.
Die Inventur, oder die Untersuchung (wie sie eigentlich genannt wurde),
resultierte in einer übersichtlichen Zusammenstellung, nicht nur
der Anzahl der betriebenen Öfen und Meiler, sondern auch des Waldbestandes
in der Nähe der Öfen. An mehreren Orten hatte man nämlich
entdeckt, daß große Waldgebiete abgeholzt worden waren, um
Brennholz für die Öfen zu liefern. Durch die Untersuchung bekamen
die Behörden auch die Möglichkeit, eine effektivere Besteuerung
durchzuführen, während die bereits etablierten Betreiber von
Kalköfen faktisch ein Monopol auf ihre Tätigkeit erhielten.
Nicht jeder konnte einen Kalkofen bauen und betreiben. Dazu war eine königliche
Genehmigung erforderlich. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts hob die
Regierung dieses Privileg auf. Erst dann durfte jeder, auf dessen Land
Kalkstein vorhanden war, einen Kalkofen anlegen, um für den Verkauf
zu produzieren. Viele Landwirte widmeten sich von da an auch dem Kalkbrennen.
Gleichzeitig verlagerte sich das Kalkbrennen mehr ins Landesinnere, in
Kirchspiele wie Buttle, Etelhem, Guldrupe und Ala.
Im späten 19. Jahrhundert führten die Kalkunternehmer mehrere
technische Neuerungen ein. Sie begannen, mit Kohle zu feuern und bauten
die Öfen um, so daß sie effektiver wurden und das ganze Jahr
über betrieben werden konnten. 1885 gab es etwa 200 Kalköfen,
aber der Gipfel war damit erreicht. Die moderne Zementherstellung setzte
sich durch und sollte im folgenden Jahrhundert noch weiter entwickelt
werden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es noch eine
kleine Renaissance in der Kalkwirtschaft, als bei Storugns eine moderne
Anlage errichtet wurde. Die Nachfrage nach Kalk hat heute aber andere
Gründe als früher.
Die Kalkpatrone
Die Kalkwirtschaft
führte auch neue soziale Elemente in die gotländische Gesellschaft
ein, vor allem im nördlichen Gotland. Es entstanden zwei neue Gesellschaftsklassen,
die Kalkpatrone und die Kalkarbeiter. Die Unterschiede zwischen ihnen
waren viel größer, als es jemals zwischen den Bauern und deren
Bediensteten der Fall gewesen war.
Viele Kalkunternehmer hatten ihre Wurzeln in Visby, aber als es im Laufe
der Zeit erlaubt wurde, sich in der Nähe ihres Kalkofens anzusiedeln,
bauten sie sich oft dort auch ihre Häuser. Sie kauften Höfe
und wurden somit auch zu Bauern, sie handelten mit Holzwaren und Getreide,
sie bauten in eigenen Werften kleine Schiffe und wurden somit auch Reeder.
Sie waren vom späten 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert Teil
der gotländischen Gesellschaft : Mårten und Paul Fries, Niclas
Enequist und Ferdinand Nyström in Slite, Georg Matthias und Jacob
Niclas Donner in Klintehamn, Jacob Dubbe in Visby, Hans und C.P. Westöö
bei Storugns, E.I. Grubb in Fårösund und F.A. Nyberg bei Pavalds
in Lärbro.
Die Kalkpatrone führten ein herrschaftliches Leben. Sie wohnten in
großen, aufwendig gebauten Steinhäusern, die man im Winter
durch prasselnde Feuer und warme Kachelöfen erwärmte. Um Brennholz
mußten sie sich nie Sorgen machen. Das gab es reichlich in den eigenen
Wäldern und wurde von Knechten und Mägden im Wald eingebracht
und dann zum Hof transportiert. Sie hatten immer genug zu Essen. Getreide,
Fleisch und anderes zum Leben Wichtige produzierten sie auf ihren eigenen
Höfen. Sie aßen von Tellern aus Porzellan mit Messer und Gabel,
sie tranken rheinischen Wein aus grünschimmernden Pokalen und wurden
von Mägden und einer Kaltmamsell bedient. Sie tranken Tee aus extra
dafür hergestellten Service an mit Leinentüchern bedeckten Tischen
aus edlem Holz.
Die Herren und ihre Ehefrauen saßen in Salons mit schweren Gardinen
vor den Fenstern in Lehnstühlen und konversierten miteinander und
mit Gästen von nah und fern. Eine übliche Freizeitbeschäftigung
waren Kartenspiele. Ihre Häuser waren meist für ihre Gastfreundschaft
bekannt, was manchmal von weniger guten Freunden ausgenutzt wurde. Sie
betrachteten sich selbst in Spiegeln mit goldenen Rahmen. Und wenn sie
nach einem langen Tag voller Planungen für die Zukunft und Korrespondenz
mit Kunden und Geschäftsfreunden in fremden Ländern zu Bett
gingen, krochen sie in Betten mit Matratzen, Kopfkissen und Daunendecken.
Aber sie interessierten sich dafür, was um sie herum vorging. Sie
lasen Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften und lehrten sich das,
was man von einer sozial hochstehenden Person erwarten durfte. Sie standen
neuen Getreidesorten, neuen Werkzeugen und neuen landwirtschaftlichen
Methoden offen gegenüber. Wenn sich neue Techniken in der Kalkwirtschaft
ankündigten, dauerte es nie lange, bis sie auch nach Gotland kamen.
Natürlich nutzten sie ihre Angestellten auf eine heute kaum noch
verständliche Weise aus, aber oft kümmerten sie sich auch um
ihre Arbeiter. Die Kalkarbeiter, die Löscherinnen, die Knechte und
Mägde konnten deshalb manchmal eine gewisse Sicherheit in ihrem Leben
verspüren.
Die Kalkarbeiter
Die Angestellten
der Kalkpatrone hatten eine harte, anstrengende und schlecht bezahlte
Arbeit. Außerdem war es oft Saisonarbeit, so daß sie im Winter
arbeitslos sein konnten. Trotzdem wurden von ihnen große berufliche
Fertigkeiten erwartet.
Sie brachen die Steine von Hand an Klippen und Kalksteinfelsen mit Hilfe
von Hacken, Brecheisen, Vorschlaghämmern, Bohrern, Keilen und Brechstangen.
Als sie nach und nach begannen, Sprengstoff zu verwenden, wurden Sprengstoffunfälle
immer gewöhnlicher. Die ganze Arbeit wurde mit der Hand erledigt.
Man brauchte ausführliche Kenntnisse, um einen Kalkofen zu bauen,
zu warten und zu unterhalten. Das Aussehen des Ofens war wichtig, die
Steine, die gebrannt werden sollten, mußten auf eine bestimmte Weise
im Ofen aufgeschichtet werden und das Brennen mußte die ganze Zeit
überwacht werden. Wenn die Aufmerksamkeit nachließ, konnte
der ganze Prozeß schiefgehen und man mußte wieder von vorne
anfangen.
Wenn die Steine fertiggebrannt waren, trugen die Arbeiter sie einen nach
dem anderen heraus, während der Kalkstaub umherwirbelte, in die Nase
und den Hals drang und die Schleimhäute verätzte. Das Löschen
des Kalks mit Wasser war oft Frauenarbeit. Davon berichtet Carl von Linné:
"Der gebrannte Kalk wird dann in ein Gebäude am Strand gebracht,
wo er gelöscht und umgerührt wird, wovon die Luft in dem Gebäude
stärker als eine Mühle mit Mehlduft von umherfliegenden Kalkpartikeln
gefüllt ist. Das legt sich auf die Lippen der Arbeiter, die davon
Ausschlag bekommen und die Haut schädigen..."
Das Leben der Kalkarbeiter war weit von einem herrschaftlichen Leben entfernt.
Es wurde vom Kampf ums Überleben geprägt und es bot sicherlich
nicht viel Grund zur Freude. Es war schwer, genug Essen zu bekommen, besonders
ein Mangel an Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln und Mehl machte sich
oft bemerkbar.
Auch hinsichtlich ihrer Unterkünfte hatten die Kalkarbeiter kein
glückliches Los gezogen. Manchmal wohnten sie bei ihren Arbeitgebern,
aber im Laufe der Zeit wohnten die meisten in "eigenen Gebäuden",
wie in alten Dokumenten zu lesen ist. Im 18. und 19. Jahrhundert entstand
so vor allem im nördlichen Gotland ein neuer Gebäudetyp.
Die Hütten waren einfache Häuser aus Holz oder Stein, klein,
eng und ungesund. Oft bestanden sie nur aus einem einzigen Raum, manchmal
hatten sie vielleicht auch eine Küche dazu. Kleine Fenster ließen
nur wenig Licht herein. Nur selten hatte man Gardinen vor den Fenstern.
Das Zimmer war mit einem Tisch, einigen Hockern oder Stühlen, ein
oder zwei an der Wand befestigten Betten, mit Strohsäcken, groben
Laken, einem Kissen und einer Decke eingerichtet.
Die Küchenausstattung war genauso einfach. Dort gab es einen Topf
und vielleicht eine Bratpfanne, einige Teller, Messer und Trinkgefäße.
Es sollte lange dauern, bis alle Familienmitglieder einen eigenen Stuhl,
einen eigenen Porzellanteller und ein eigenes Glas hatten. Manchmal gab
es aber in einigen Häusern eine Bibel oder ein Psalmbuch - der Glaube
war trotz aller Probleme stark.
Visbys Stadtmauer
nach Slite
Früher
war es üblich, daß Könige ihren Söhnen und anderen
nahen Verwandten die Einnahmen einer Landschaft oder eines anderen Gebietes
zuteilten. Diese Sitte berührte im 17. Jahrhundert auch Gotland.
In den Jahren von 1652-1654 sollte sich der Cousin Königin Christinas,
der designierte Thronfolger Carl Gustav, um die Steuern, die Zölle
und die anderen Abgaben der Gotländer kümmern. Er regierte und
verwaltete die Insel nach eigenem Gutdünken, der Landshövding
und die anderen Beamten waren ihm direkt unterstellt und mußten
seinen Anordnungen Folge leisten.
Carl Gustav zeigte Interesse für Gotland. Er ritt auf der Insel umher,
sprach mit den Bewohnern, er dachte zusammen mit dem Landshövding
über verschiedene Verbesserungen nach und hielt in der Zwischenzeit
die Behörden der Insel mit schriftlichen Instruktionen und Bekanntmachungen
in Gang. Carl Gustav reformierte das Steuersystem der Insel und sorgte
dafür, daß eine Inventur aller Einwohner und aller Höfe
durchgeführt wurde. Dank Bestellungen großer Mengen Kalkstein
für die Schlösser in Kalmar und Borgholm, trug er seinen Teil
zum Durchbruch der Kalkwirtschaft auf Gotland bei. Dies führte zu
einer Stärkung der gesamten Inselwirtschaft.
Der unternehmungslustige Thronfolger wollte Gotland noch einmal zum Mittelpunkt
in der Ostsee machen und der Insel wieder die Stellung verschaffen, die
sie im Mittelalter gehabt hatte. Er wollte dabei aber nicht auf das alte
und verfallene Visby und dessen versandeten und ungeeigneten Hafen setzen.
Zum Nachfolger Visbys wurde Slite bestimmt. Dort gab es einen ausgezeichneten
Hafen und gute Möglichkeiten, eine Stadt mit modernen Verteidigungsanlagen
zu errichten. Carl Gustav hatte sogar vor, die Stadtmauer, das "kostbare
Mauerwerk", und die Einwohner Visbys dorthin überzusiedeln.
Ein erster Schritt dieses eher fantastischen Plans war es, eine Befestigung
zum Schutz des Hafens von Slite zu errichten. Auf der Insel Enholmen im
vorgelagerten kleinen Schärengarten konnte eine solche Befestigung
mit ihren Kanonen beide Einfahrten beschützen. Die Arbeiten dafür
begannen auch, aber nachdem die Regierung in Stockholm die Entscheidung
getroffen hatte, daß die Befestigung vielleicht nicht so dringend
benötigt wurde, wurden sie wieder eingestellt. Der Krieg auf dem
Kontinent lief gut für Schweden und anderswo wurden Festungen dringender
benötigt. Außerdem besaß das Land eine recht ansehnliche
Hochseeflotte und der Bau einer Befestigung kostete viel Geld.
Nach einiger Zeit wurden alle Arbeiten an der "Carl Gustav Schanze"
auf Enholmen abgebrochen. Die Militärs mußten sich bis auf
weiteres mit einer kleinen Verschanzung auf einer Anhöhe über
dem Hafen von Slite begnügen.
1654 hatte Königin Christina genug vom kalten, rauhen und beschränkten
Schweden und wanderte nach Rom aus. Sie überließ Carl Gustav
den Thron. Aber nur weil sie dem Thron entsagt hatte, wollte sie nicht
auch das Leben einer Königin aufgeben. Um auch in Zukunft ein standesgemäßes
Leben führen zu können, brauchte sie Geld.
Christina bekam die Genehmigung der Regierung, die Erträge von gewissen
Teilen des schwedischen Reiches für sich in Anspruch zu nehmen. Gotland
war eins dieser Gebiete.
Aber es dauerte nicht lange, bis die ersten Probleme entstanden. Zuletzt
war die Königin alle Sorgen und Meinungsverschiedenheiten, wie sie
rechtzeitig das dringend benötigte Geld bekommen konnte, müde.
Um alle Probleme zu umgehen und trotzdem ihr Geld zu bekommen, verpachtete
sie Gotland.
Jacob Mommas
Gotlandgeschäft
Der erste
Pächter war Jacob Momma. Er kam aus Holland und wurde wie so viele
andere Einwanderer von der Entwicklung des schwedischen Reiches und dessen
Engagement auf dem Kontinent nach Schweden gelockt. Das wachsende Interesse
der schwedischen Regenten für Kultur, Politik, Wirtschaft, und Technik
war ein weiterer Grund. Schweden war immer noch ein wenig entwickeltes
Land, aber es bot große Möglichkeit, zumindest für die,
die den richtigen Beruf beherrschten oder das notwendige Kapital hatten.
Im Laufe weniger Jahre baute Momma ein kleines Industrieimperium mit der
Hütte von Färna im Västmanland als Zentrum auf. Zusammen
mit seinem Bruder Abraham begann er, im lappländischen Svappavaara
Erz abzubauen, er betätigte sich in der Reedereibranche, erwarb mehrere
Güter und baute eine Handelsorganisation auf, um seine Erzeugnisse
exportieren zu können.
Jacob Momma war erfolgreich und wurde schnell ein wohlhabender Mann. 1669
wurde er mit dem Namen Reenstierna geadelt.
Gotland wird
verpachtet
1667 trat
Momma seine Pacht auf Gotland an. Es ist nicht klar, welche Absichten
er mit seinem "Gotlandgeschäft" hatte. Sah er es nur als
einen Teil seiner gesamten unternehmerischen Tätigkeit an und wollte
möglichst viel aus der Insel herauspressen? Oder hatte er größere
Pläne - etwa Gotland wieder zu einem Zentrum der Ostsee zu machen?
Wie es sich nun damit auch verhielt, Momma kümmerte sich mit deutlichem
Enthusiasmus um Gotland. Er interessierte sich für alles. Er engagierte
sich in der Schafzucht, baute Mühlen, Sägewerke, förderte
den Fischfang und die Kalkwirtschaft; er betrieb einen umfassenden Handel
mit Fleisch, Wolle, Kalk und Holzprodukten; er importierte Salz, Eisen,
Werkzeuge, Wein und Tabak.
Seine wichtigsten Tätigkeiten hatte er nach Slite verlegt, dem damals
zukunftsträchtigsten Ort auf Gotland. Dort errichtete er ein Haus,
eine Werft und große Lagerhäuser. Auf der Werft, die bei Länna
nördlich des Hafens von Slite lag, baute Momma etwa ein Dutzend Fahrzeuge,
von großen Schiffen bis zu kleinen Jachten. Einige Jahre lang brodelte
der Ort vor Aktivität. Dort gab es Vorratshäuser, Schmieden,
Baracken für die Arbeiter, Holzlager, Kräne und Winden. In den
Hauptzeiten waren dort 70-75 Mann beschäftigt, sowohl Einheimische
als auch holländische Experten.
Die ersten beiden Schiffe, die dort vom Stapel liefen, bekamen die Namen
Gotlandia und Wisby. Die Gotlandia war eins der größten Schiffe
in der gesamten schwedischen Handelsflotte und ersegelte viele Jahre lang
gute Gewinne für ihre Besitzer. Das letzte große Schiff der
Werft wurde 1674, nach großen personellen und wirtschaftlichen Problemen,
zu Wasser gelassen.
Auch mit den Geschäftsleuten in Visby hatte Momma Probleme. Sie mochten
es nicht, daß der Pächter der Insel Handel außerhalb
der Stadt betrieb. Dieser Konflikt war ein Teil des Kampfes zwischen dem
Wunsch nach wirtschaftlicher Freiheit des ländlichen Gotlands und
den alten Privilegien Visbys, zwischen privatem Unternehmertum und der
merkantilistischen Monopolpolitik. Zuletzt wurden die Beschwerden zu zahlreich,
so daß die Regierung eine Untersuchungskommission einsetzen mußte.
Nachdem sie sich einige Zeit lang mit den Problemen beschäftigt hatte,
entschied sie, daß Momma keine Fehler begangen habe - und empfahl
sogar, daß bei Slite eine Stadt angelegt werden sollte!
In der Mitte der 1670er Jahre krachte das Industrie- und Handelsimperium
Momma Reenstiernas in den Fugen. Momma mußte auf Gotland sein gesamtes
Eigentum zu verpfänden, und die dänische Eroberung 1676 besiegelte
den Untergang. Zwei Jahre später starb Jacob Momma Reenstierna in
bitterer Armut.
Dänisches
Intermezzo
1675 griff
Dänemark Schweden an, und in dem folgenden Krieg, dem Schonischen
Krieg, ergriffen die Dänen die Gelegenheit und eroberten Gotland
zurück. Im April 1676 landeten sie in Klintehamn, schlugen die Verteidiger
und zogen nach Visby.
Die Bewohner der Stadt öffneten die Stadttore und nach kurzer Zeit
gaben auch die Verteidiger auf Visborgs slott auf. In den drei folgenden
Jahren versuchten die Dänen, die Ordnung, die vor 1645 gegolten hatte,
wieder einzuführen. Sie führten das dänische Recht wieder
ein und setzten wieder dänische Beamte zur Leitung und Verwaltung
der Insel ein.
Von den Gotländern kamen keine lautstarken Proteste. Die Bürger
Visby hingen wie üblich ihr Mäntelchen nach dem Wind und sorgten
dafür, daß der dänische König Christian V. schnellstmöglich
ihre traditionellen Privilegien bestätigte. Auch die Priester hatten
keinen Grund zur Klage. Viele von ihnen waren in Dänemark ausgebildet
worden und empfanden immer noch Sympathie für Dänemark. Unter
den Bauern waren zwar viele den Schweden freundlich gesinnt, aber auch
sie verhielten sich passiv.
1679 endete der Krieg. Laut dem Friedensvertrag waren die Dänen gezwungen,
Gotland zu verlassen, was sie auch taten. Vor der Abfahrt im Oktober schafften
sie es aber noch, ordentlich Rache zu nehmen. Sie sprengten Visborgs slott,
eine der stärksten Festungen des Nordens, in die Luft.
"Im Jahre 1679, am 10. Juli, begann der Verfall von Visborgs slott.
Und zwar zuerst bei der Schanze südlich des Schlosses, die der "Garten"
genannt wurde",
berichtet ein Augenzeuge. Er fährt fort :
"Danach begannen sie, den oberen Teil des wertvollen Turms Blacken
und einen Teil der Mauer einzureißen ... am 21. Juli barst Mynttornet
... am 10. September fiel der wertvolle Turm Blacken, gehoben von 22 Fässern
Pulver ... am 17. September barst ein Stück des Saales und der Glockenturm..."
Das alte Symbol für unbeugsamen Widerstand, aber auch für politische
und wirtschaftliche Unterdrückung, verschwand damit für immer.
Niemand sollte das Schloß noch einmal aufbauen. Die Steine aus den
mächtigen Mauern wurden zum Hausbau in Visby und Stockholm verwendet,
ein Großteil wurde zu Kalk gebrannt.
Steuerkarten
und Notjahre
Unter dem
Eindruck der Ereignisse während der dänischen Okkupation beschlossen
die schwedischen Behörden, die "Schwedisierung" Gotlands
von nun an mit größerem Nachdruck zu betreiben. Das galt vor
allem für die Priester und das Verwaltungspersonal.
1693 leiteten sie zudem eine neue Festlegung der Steuern auf der Insel
ein. Die alte von 1650 reichte nicht mehr aus. Landvermesser zogen nun
über die Insel und vermaßen jeden Hof. Sie zeichneten Karten
über die Bebauung, die Äcker, die Wiesen, Koppeln, Moore, Wasserläufe,
Mühlen, Sägen, Kalköfen und Wege jedes einzelnen Hofes.
In den Beschreibungen der Karten notierten sie detailliert Größe
und Ertrag der Äcker, Wiesen und Koppeln. Sogar die Namen der einzelnen
Besitzer sind aufgeführt. Es finden sich Angaben zum Fischfang, der
Nutzungsart der Äcker, wo die Höfe Algen und Tang zum Düngen
bekamen und wem die einzelnen Teile gehörten. Alles mit dem Ziel,
eine gerechte Besteuerung zu ermöglichen.
Die Steuerkarten mit ihren Beschreibungen geben ein außerordentlich
wertvolles Bild Gotlands und der gotländischen Landschaft um das
Jahr 1700 ab.
Ansonsten schloß das 17. Jahrhundert in Moll. In dessen letzten
Jahrzehnt wurde Gotland von einer Reihe von schlechten Jahren mit kalten
Wintern, Mißernten, Hungersnöten und Krankheiten heimgesucht.
Viele starben an Hunger, der "Blutkrankheit", an den Pocken
oder erfroren in den Schneeverwehungen.
Die Kirchenbücher sind voll von dramatischen Mitteilungen: "Die
Ehefrau des Glöckners, Katrina Båtels Tochter, 30 Jahre alt,
starb am Hunger und der Ruhr" kann man an einer Stelle lesen. In
einem anderen Eintrag wird von drei Auswärtigen berichtet, "die
krank und elend in der Gemeinde ankamen ... alle drei starben an der Hungersnot",
in einem dritten wird kurz mitgeteilt: "Ein Bettlerjunge wurde unter
dem Schnee gefunden, Alter etwa 10".
Als sich die Gotländer endlich langsam von diesen Mühen und
Katastrophen erholt hatten, ließ neues Unglück nicht lange
auf sich warten. Der Beginn der nächsten Jahrhunderts wurde genauso
dramatisch.
Eine neue
politische Situation
In den Jahren
um 1700 befand sich Schweden mit mehreren seiner Nachbarn im Krieg. Die
Siege Carls XII. weckten den Respekt ganz Europas. Aber die Erfolge des
schwedischen Königs wurden bald von der Niederlage bei Poltava und
der Kapitulation von Perevolotjna gefolgt, Ereignisse, die schnell die
gesamte politische Lage im Norden veränderten. Der Frieden von Nystad
1721 beendete die Großmachtszeit Schwedens, und gleichzeitig entstand
eine neue Großmacht an der Ostsee - Rußland.
Gotland wurde von einem Mittelpunkt des schwedischen Reiches zu einem
Außenposten. Nach den mehr oder weniger halbherzigen Versuchen des
17. Jahrhunderts, die gotländische Verteidigung zu stärken,
sahen sie schwedischen Behörden jetzt ein, daß kraftvolle Maßnahmen
ergriffen werden mußten.
Landshövding Sparrfeld bekam 1710 den Auftrag, Gotland zu befestigen.
In Visby machten Soldaten die Stadtmauer "verteidigungsklar",
indem sie Öffnungen für die Kanonen in einige Türme brachen.
Bei Vivesholm nördlich von Klintehamn ließ Sparrfeld eine Schanze
errichten, die den Namen "Stahlhut" bekam. Am dringendsten war
jedoch die Befestigung des besten Hafens auf Gotland - Slite, besonders
jetzt, wo der Feind im Osten ungehindert die Ostsee befahren konnte. Der
Landshövding nahm die alten Pläne einer Befestigung auf Enholmen
wieder auf. Sie bekam den Namen "Carlsvärd".
Gleichzeitig aktualisierten Sparrfeld und sein Nachfolger Niels Posse
die Idee, Slite zu einer Stadt auszubauen. Carl XII., der damals gerade
in Bender festsaß, stand dem Vorschlag positiv gegenüber. In
einem Brief, datiert vom 18. August 1712, antwortete er :
"... daß bei Slite alle Voraussetzungen sowohl vom Lande her
als auch vom Hafen her vorhanden sind, um eine Stadt anzulegen... Darum
haben Wir angesichts des daraus entstehenden Nutzens für das Land
gnädig bewilligt, daß eine Stadt an diesem Ort anlegt werden
dürfe. Unserer gnädiger Befehl geht an das Commerce Collegium,
daß es alle erforderlichen Privilegien aufsetzen solle... Aber Wir
halten für vollkommen unnötig, dies auf Kosten Visbys durchzuführen..."
Russische
Plünderungen
Daß
Gotland nun wirklich in Gefahr war, zeigte sich bald. 1715 landeten etwa
hundert russische Soldaten bei Östergarn, plünderten mehrere
Höfe und nahmen die Probst Nils Larsson Neogard und vier weitere
Gotländer gefangen. "Als er sein Haus verließ, wurde Neogard
zwischen den mordgierigen Russen hindurch geführt; und damit der
alte Mann seine schlimme Lage auch deutlich sehe, mußte vor ihm
ein Bauer gehen, dem man einen Spiegel auf den Rücken gebunden hatte...",
berichtet ein Chronist. Nach fast zwei Jahren Gefangenschaft konnten Neogard
und seine Mitgefangenen wieder nach Gotland zurückkehren.
1717 kam erneut eine russische Flotte nach Gotland. Sie steuerte zunächst
den nördlichen Teil der Insel an, aber als die Kanonen von Carlsvärd
zwei Schüsse abgefeuert hatten, segelten sie nach Östergarn
weiter. Auf einem Hügel bei Östergarn entzündete die Strandwache
ein Warnfeuer, das die Bevölkerung zur Verteidigung rief. Trotz dessen
stiegen etwa tausend russische Soldaten an Land und brandschatzten in
Östergarn, Gammelgarn, Kräklingbo, Anga und Norrlanda. Sie konfiszierten
Vieh, Hausrat und eiserne Töpfe, zerschlugen Fenster und Türen
und plünderten die Kirchen.
Die Situation war ernst. Der Landshövding konnte zuletzt eine Bauernschar
sammeln, aber sobald die russischen Soldaten in Sichtweite kamen, ergriffen
die Bauern die Flucht. Glücklicherweise zogen sich die Russen bald
darauf zurück und verließen die Insel. Sie kamen noch ein paar
Mal für weitere Verwüstungen wieder.
Ein Ergebnis dieser Ereignisse war, daß die Festung von Enholmen
fertiggestellt wurde. Um 1750 war sie mit Wällen und Bastionen versehen,
aber sie hatte von Anfang an viele Mängel. Weil die Festung viel
Geld kostete und außerdem viel zu leicht in die Hände eines
Gegners fallen konnte - sie war für die Schweden gefährlicher
als für einen Feind -, gab Gustav III. schließlich den Befehl,
sie dem Erdboden gleichzumachen. 1788 wurde dieser königliche Befehl
ausgeführt und das mühevoll erbaute aber wenig stolze Carlsvärd
demoliert - von schwedischen Soldaten.
Eine andere dramatische Folge der Kriege zu Beginn des 18. Jahrhunderts
war die Pestepidemie, die zwischen 1710 und 1712 auf Gotland wütete.
Die Pest kam wahrscheinlich mit Flüchtlingen aus den schwedischen
Gebieten im Baltikum, die die Russen erobert hatten, auf die Insel.
Die Krankheit breitete sich schnell aus. Visby und einige ländliche
Gegenden waren stark betroffen, andere Gegenden hatten gar keine Erkrankungen
zu verzeichnen. Zu den am schlimmsten betroffenen gehörten Anga,
Gothem, Slite, Stånga und Fröjel. Die Anzahl der Pesttoten
war wahrscheinlich auf ganz Gotland etwa 1800, oder etwa 10 Prozent der
Gesamtbevölkerung.
Rückständige
Landwirtschaft
In dem Jahr,
als der Krieg für Carl XII. endete (1718), wohnten etwa 18 000 Menschen
auf Gotland. In den vergangenen zwanzig Jahren hatten sie mehr unter schlechten
Ernten und Krankheiten gelitten als unter direkten Kriegshandlungen. Nur
wenige Gotländer hatten an den Feldzügen in Rußland teilgenommen,
und auch wenn die russischen Plünderungen um Östergarn den Betroffenen
viel Leid verursachten, gab es dabei nur vereinzelt Tote oder Vermißte.
Aber von den Seeleuten, die auf Gotland rekrutiert wurden, sind Unzählige
an Krankheiten und im Kampf gestorben.
Etwa 90 Prozent der gotländischen Bevölkerung wohnte auf dem
Land. Fast alle waren Bauern und lebten von dem, was die Landwirtschaft
erbrachte. Darüber hinaus gab es nur wenige andere Berufsgruppen
außerhalb der Stadtmauern: ein paar Kalkarbeiter, einige wenige
Handwerker und die Priester in den unterschiedlichen Gemeinden, um die
Wichtigsten zu nennen.
Die meisten Bauern bewirtschafteten ihre Höfe nur mit Hilfe ihrer
Söhne und Töchter, aber um 1700 gab es auch 700 Knechte und
1000 Mägde auf Gotland. Allein der Probst Trogillides in Havdhem
hatte zehn Bedienstete, die Brüder Fries in Othem hatten 13 Knechte
und 21 Mägde auf ihren Höfen angestellt. Ansonsten waren zwei
oder drei Dienstboten auf den größeren Höfen üblich.
In Visby waren Handel und Handwerk immer noch die wichtigsten Wirtschaftszweige,
aber viele Städter versuchten, nach Möglichkeit Landwirtschaft
zu betreiben oder wenigstens ein paar Schweine und eine Kuh zu haben.
Von der Bevölkerungszahl her waren die Bürger der Stadt der
Landwirtschaft betreibenden Bevölkerung klar unterlegen. Sie waren
sicherlich auch stärker von den Bauern abhängig, als diese es
von ihnen waren. Ohne Zufuhr von Lebensmitteln aus der näheren Umgebung,
hätten die Bürger nur schwer ihren Lebensunterhalt sichern können.
Die Versuche, die in dieser Zeit unternommen wurden, um "Industrie"
auf Gotland anzusiedeln, wurden zudem immer außerhalb der Stadtmauern
durchgeführt.
Die gotländischen Bauern betrieben noch im 18. Jahrhundert eine Landwirtschaft,
die sich nicht sehr von der mittelalterlichen unterschied. Das galt aber
nicht nur für Gotland, sondern für ganz Schweden. Die Dreifelderwirtschaft
war üblich, Aussaaten im Frühjahr und Herbst und Brache wechselten
sich ab. Linné fand zwar auf Fårö noch altertümliche
Zweifelderwirtschaft, aber er beurteilte die gesamte Region (landskap)
als ziemlich wohlhabend.
Die häufigsten Getreidesorten waren Roggen und Gerste, aber die Bauern
bauten auch Weizen, Hafer, Erbsen, Linsen und Rüben an. Die Erträge
waren gering, noch im Jahre 1800 war es üblich, daß ein Faß
Saatgut nur drei Fässer Ernte erbrachte.
Die Äcker wurden mit altertümlichen Werkzeugen bestellt. Häufelpflüge,
Eggen, Spaten und Dreschflegel waren aus Holz, aber im frühen 18.
Jahrhundert begann man, sie mit Eisen zu beschlagen. Düngung wurde
kam durchgeführt. Naturdünger wurde selten angewendet, aber
wenigstens die Strandbauern fuhren Tang und Algen auf ihre Felder. Drainagen
wurden nicht angelegt - ein übliches Argument gegen das Anlegen von
Gräben war, daß die Äcker dann vertrocknen und unanwendbar
werden.
Im Jahr 1700 gab es auf Gotland Ackerflächen von etwa 15 000 Hektar.
Davon lag ein Drittel brach. Heute beträgt die gesamte Ackerfläche
der Insel etwa 80000 Hektar. Eine gewisse Neuerschließung von Ackerland
fand im 18. Jahrhundert statt, aber der Durchbruch erfolgte erst im späten
19. Jahrhundert.
Noch im 18. Jahrhundert waren die Äcker klein und unregelmäßig
geformt. Oft lagen sie in unmittelbarer Nähe des Hofes auf leicht
zu bestellenden Sand- und Kiesböden. Die unmodernen Werkzeuge und
die fehlende Drainage machten es unmöglich, schwere Lehmböden
zu bestellen.
Jeder Acker hatte einen Namen, der Andeutungen zu Lage und Qualität
enthielt: Hemåker (Heimacker), Broåker (Brückenacker),
Leråker (Lehmacker), Träskåker (Mooracker). Da das Vieh
frei umher ging, waren die Äcker, Wiesen und Koppeln oft von Zäunen
umgeben, die mehrere Dutzend Kilometer lang sein konnten.
Das Vieh war wichtig für die Selbstversorgung. Noch gab es keine
Spezialisierung in der Landwirtschaft, sondern jeder Hof hatte "alles":
Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Gänse und
Enten. Kühe und Pferde waren klein und wenig leistungsfähig.
Das Lebendgewicht einer Kuh lag bei 150 kg und der Milchertrag lag bei
500-700 kg im Jahr. Wie Schafe und Ziegen wurden sie oft in den Wald getrieben.
Die Schafe mußten auch im Winter draußen bleiben.
"In nassen Jahren sind sie großen Gefahren ausgesetzt, und
auch in harten Wintern nehmen sie großen Schaden, so daß sie
zu Tausenden sterben",
berichtete ein Geschichtsschreiber im 18. Jahrhundert. Der gleiche Chronist
schreibt auch, daß es auf Gotland zahme und wilde Pferde gäbe.
Die zahmen Pferde wurden als Zug- und Reittiere verwendet. Und es gäbe
eine Sorte, die folgende Eigenschaften hatte:
"süß, sehr klein und zwergenhaft, doch auf ihre Art sehr
stark... Solche habe ich auf Gotland für vier Silbertaler gekauft,
um Kinder ans Reiten zu gewöhnen. Allerdings frißt ein solches
Pferd fast genausoviel wie ein normales..."
Die gotländische Landwirtschaft wurde auch durch mehrere Nebenerwerbszweige
geprägt. Am wichtigsten waren der Fischfang und die Waldwirtschaft.
Die Bauern waren mit vielen Dingen beschäftigt. Dagegen und gegen
vieles andere in der gotländischen Landwirtschaft - Besitzaufsplitterung,
unmoderne Werkzeuge, altertümliche Methoden und ein allgemeiner Konservatismus
unter den Bauern - kam gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich
scharfe Kritik auf. Die Kritik sollte im folgenden Jahrhundert Wirkung
zeigen.
Kraftvolle
Landshövdinge treiben an
Die gotländische
Landwirtschaft hatte gute Voraussetzungen, mehr zu produzieren und dadurch
ihre Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Die Bauern hatten kein großes
Verständnis für die Notwendigkeit von Reformen. "... die
Bauern hier machen, was sie wollen, schätzen weder Fjärdingsmänner
noch andere Verwaltungsbeamte, denn sie sind nicht wie in Schweden an
Leute gewöhnt...", schreibt Linné in seiner Reiseschilderung
von Gotland.
Trotzdem gab es einige, die die Möglichkeiten erkannten und den Versuch
unternahmen, den gotländischen Hauptwirtschaftszweig zu verbessern.
Kraft ihres hohen Amtes waren die Landshövdinge am besten dafür
geeignet. Und von ihnen gab es mehrere, die bedeutende Maßnahmen
ergriffen oder es zumindest versuchten.
Einer von ihnen war Johan Didrik Grönhagen. Er wollte auf Gotland
bessere Wege anlegen, um den Verkehr auf dem Land und die Verteidigung
der Insel gegen eventuelle Feinde zu verbessern. Grönhagen wollte
auch den gotländischen Wald schützen, denn er befürchtete,
daß dieser komplett für die Kalkwirtschaft gerodet werden würde.
Der Wald stellte ja einige der wichtigsten wirtschaftlichen Ressourcen
für die Bauern zur Verfügung: Bauholz und Teer. Dorther bekam
er auch das Holz, daß ihn im Winter wärmen sollte.
Für Grönhagen, der von 1728-1738 Landshövding war, war
es nicht leicht, seine Ideen durchzusetzen. Sie scheiterten oft am Widerstand
der Bauern. Und es wurde nicht besser dadurch, daß er nach Roma
zog, wo er ein älteres Holzhaus einreißen ließ und dann
am selben Platz ein stattliches Steinhaus errichten ließ. Die Steine
dafür nahm er von den naheliegenden Klostergebäuden, und als
er neue Wege zu seiner Residenz anlegte, benutzte er Schachtmasse voller
Skeletteile aus dem alten Kloster. Die Bauern, die zum Bau der Wege verpflichtet
wurden, protestierten lautstark.
Grönhagen ließ auch die Klosterkirche zu einem Stall umbauen
-"der prächtigste Schafstall, den man in Schweden sehen kann",
wie es Linné ausdrückte. Auch in Visby bewies Grönhagen
sein völlig fehlendes Verständnis für kulturhistorische
Schätze, als er die Bürger ermunterte, sich bessere und schönere
Häuser zu bauen. Das Baumaterial sollten sie der Einfachheit halber
aus der nächsten Kirchenruine holen, eine Mahnung, die nur zu gern
befolgt wurde.
Auch Carl Otto von Segebaden, Landshövding zwischen 1765 und 1787,
war ein eifriger Reformer. Er stand unter dem Eindruck von neuen Ideen,
die vom Kontinent nach Schweden gekommen waren. Ein wichtiger Aspekt dieser
Ideen war die Betonung der Landwirtschaft. Es waren die Bauern, die die
Wirtschaft eines Landes produktiv hielt. Die Landwirtschaft war der einzige
wertschöpfende Wirtschaftszweig, Handel und Industrie, die im Merkantilismus
so einseitig betont wurden, waren nur Ergänzungen zur Landwirtschaft.
Diejenigen, die diese Ideen vertraten, wurden Physiokraten genannt. Sie
wollten größere Freiheit im Wirtschaftsleben erreichen, indem
sie alle Reglementierungen abschaffen wollten und danach trachteten, die
Landwirtschaft produktiver zu machen.
Genau wie der König, Gustav III., und viele andere führende
Männer in Schweden war von Segebaden Physiokrat. Er propagierte die
Trockenlegung von Mooren, den Anbau von neuen Feldfrüchten, wie der
Kartoffel, das Benutzen von Ochsen als Zugtiere und das Verwenden von
neuen Pflügen. Er versuchte, eine Landreform durchzuführen,
indem er den Bauern nahelegte, ihre Besitzungen in größeren,
zusammenhängenden Stücken zu sammeln. Der Landshövding
ermahnte die Bauern auch, Getreidemagazine (Sockenmagasin) anzulegen,
in denen Getreide für Notjahre gelagert werden konnte. Genau wie
sein Vorgänger Grönhagen verbesserte er das Wegenetz, und in
Visby ließ er ein Lazarett erbauen, das die Krankenversorgung auf
der Insel erheblich verbesserte.
Es sollte noch bis zum nächsten Jahrhundert dauern, bis die gotländischen
Bauern den Wert dieser Vorschläge einsahen. Dann kamen die Veränderungen
fast wie eine Revolution. An der Spitze stand ein Zusammenschluß
von sozial hochstehenden Mitgliedern der gotländischen Gesellschaft.
Diese Vereinigung wurde 1791 gegründet und bekam den Namen Gotlands
Ekonomiska Sällskap (Wirtschaftsverband Gotland). Kurz nach der Jahrhundertwende
1800 änderte sie ihren Namen in Gotlands Läns Hushållningssällskap
(etwa: Landwirtschaftskammer für Gotlands län).
Mit "God
Avance" Handel treiben
Wegen seiner
Insellage hat sich Gotland niemals wirtschaftlich isolieren können.
Der Handel mit den Ostseeländern ist immer ein wichtiger Teil des
Lebens der Inselbewohner gewesen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der
gotländische Handel aber nur noch ein Bruchteil dessen, was er früher
einmal gewesen war.
Die Waren, die Gotland früher verkaufen konnte, kamen fast alle aus
der Landwirtschaft und einigen Nebenerwerbszweigen: Holzwaren, Teer, Kalk,
Kalkstein, Sandstein, Wolle, Friesen, Leder, Häuten, Tran, Fleisch
und das eine oder andere lebende Tier, vor allem Pferde. Das wichtigste
Importgut war Salz, andere wichtige Einfuhrgüter waren Eisenwaren,
Früchte, Gewürze, Tabak, Tabakspfeifen, Baumwolle, Dachziegel,
Fensterglas, gesalzener bzw. getrockneter Fisch, Bier und Wein.
Die Frachten für die Insel kamen überwiegend auf dänischen
oder deutschen Schiffen - zu oder von dänischen und deutschen Häfen.
Im Laufe des Jahrhunderts änderte sich dieses Verhältnis. Die
Zeiten wurden besser, und immer mehr gotländische Kaufleute konnten
sich eigene Schiffe kaufen, um ihre Waren zu transportieren. Die Reederei
wurde immer wichtiger, und einige Reeder und Unternehmer konnten große
Unternehmen aufbauen. Der Staat half zudem durch Gesetze und Verordnungen,
unter anderem durch das sogenannte Produktplakat, das es ausländischen
Fahrzeugen untersagte, bestimmte Warentransporte nach Schweden und von
Schweden aus zu unternehmen.
Einer der Ersten, der die wachsende Konjunktur auszunutzen wußte,
war der deutsche Händler Jürgen Hindrich Donner. Durch seine
Kontakte nach Visby hatte er Anna Margareta Lythberg, die Tochter des
Kaufmanns Matias Lythberg, kennengelernt. Sie heirateten, zogen nach Visby
und kauften ein Haus nahe des Hafens. Dort eröffnete Jürgen
Hindrich eine Kaufhalle mit einigen Manufakturen, aber recht schnell handelte
er auch mit Getreide, Holzwaren, Teer und Kalk. Er gründete eine
eigene Schiffswerft und kaufte Anteile an einer Tabaksfabrik.
Donner konnte seine Tätigkeit nicht fortsetzen. Er starb im Alter
von nur 33 Jahren und hinterließ seine 25 Jahre alte Ehefrau und
zwei Söhne, Georg Matias und Jacob Niclas.
Margareta Donner kam ganz nach ihrem Mann. Sie zeigte sich bald als sehr
fähige Geschäftsfrau und es gelang ihr, das Unternehmen schnell
zu entwickeln. Sie wurde auf Gotland und in fremden Ländern von ihren
Handelspartnern und von ihren Konkurrenten respektiert. Die Korrespondenz
und Buchführung des Unternehmens führte sie eigenhändig.
In Follingbo startete sie eine Tabakplantage, sie gründete eine Tabakfabrik,
eine Seifensiederei und bekam allmählich den Ehrennamen "Madame
Herr Donner".
Nach Margaretas Tod übernahmen die Söhne das Unternehmen, das
sie weiter vergrößerten. Sie bauten stattliche Häuser
bei Hallfreda im Kirchspiel Follingbo und in Klintebys im Kirchspiel Klinte
und eröffneten Handelsfilialen in Ljugarn, Burgsvik, Klintehamn,
und Ronehamn. Zu seinen besten Zeiten umfaßte das "Handelshaus
Donner" Landwirtschaft, Kalköfen, Werften, Segelfabriken, Tabaksfabriken,
Kattundruckereien für Textildruck, Seifensiedereien und Mühlen.
Am wichtigsten war vielleicht der Einfluß der Gebrüder Donner
auf die gotländische Reedereiwirtschaft. Durch Aufkäufe und
Neubauten bestand ihre Flotte aus bis zu 59 Fahrzeugen. Das Unternehmen
war zu diesem Zeitpunkt das drittgrößte Handelshaus Schwedens.
Die Gebrüder Donner starben 1808 bzw. 1809. Damals wurden die Zeiten
wieder schlechter. Schweden befand sich wieder mit Rußland im Krieg,
und auf dem Kontinent beherrschte Napoleon nicht nur die politische, sondern
auch die wirtschaftliche Entwicklung. Das Handelshaus Donner führte
seine Tätigkeit noch fort, aber in immer geringerem Umfang. 1845
ging das Unternehmen in Konkurs.
Ein technisches
Genie?
Auch wenn
es in der Landwirtschaft nur langsam vorwärts ging, konnten auf Gotland
im 18. Jahrhundert in anderen Wirtschaftszweigen Erfolge erzielt werden.
Dazu gehörten die Seefahrt und die Kalkwirtschaft. Im 17. Jahrhundert
hatte der Händler Neuman einige industrielle Versuche unternommen.
Nun tauchte ein neuer vielseitiger Mann auf Gotland auf.
Er hieß Tobias Lang, war in Ungarn von deutschen Eltern geboren
worden, und war ausgebildeter Kattundrucker. In diesem Beruf beschäftigte
man sich mit dem Bedrucken von Stoffen mit Hilfe eines Musters, das man
in eine Holzplatte geschnitzt hatte.
Lang kam durch einen Zufall nach Gotland, und nachdem er einige Zeit bei
einer Firma in Visby angestellt war, ließ er sich südlich von
Visby in Kopparsvik nieder. Unter seiner Leitung entstand dort ein kleines
Industriegebiet mit Mühlen, die Lampenöl aus Leinen- und Hanfsamen
preßten, Tierknochen zu Dünger und Getreide zu Mehl mahlten.
Dort gab es auch eine Walze, die Wollstoffe zu kräftigem Fries stampfte.
Der Techniker Lang soll auch der erste gewesen sein, der auf Gotland ein
Dreschwerk baute. Eine andere seiner Erfindungen war ein Apparat zum Töten
von Seehunden. In einem Schreiben an die Landwirtschaftskammer von 1820
berichtet Lang über den Hintergrund seiner Erfindung:
"Der Schaden, den der Seehund unseren Fischern zufügt, ist unbeschreiblich;
er verzehrt mehr Fisch als alle Bewohner der Insel zusammen. Ein einziger
führt sich als 80 Heringe pro Mahlzeit zu Gemüte und jeden dritten
Tage fordert er eine gleiche Portion auf's Neue. Unsere Seehunde vor Visby
sind so geübt, daß sie den Fischerbooten zu den Fanggründen
folgen und den Herings- und Dorschfang abwarten, wovon sie alles verzehren
und den Fischern nur die Köpfe überlassen..."
Carl von
Linné auf Gotland
Im Frühsommer
1741 kam der knapp 30jährige Naturforscher und frisch ernannte Professor
Carl Linnaeus nach Gotland. In seiner Begleitung waren sechs andere junge
Wissenschaftler. Linnaeus hatte vom schwedischen Reichstag den Auftrag
bekommen, nach Gotland zu reisen und dort zu untersuchen, ob es in der
gotländischen Natur etwas gab, aus dem man Nutzen ziehen konnte -
Pflanzen zum Färben, Heilpflanzen, Ton oder andere Pflanzen und Mineralien.
Teil des Auftrages war auch ein genaues Studium der Natur auf der Insel
- sowohl der Flora als auch der Fauna.
Darüber hinaus interessierte sich Linnaeus - er wurde später
mit dem Namen von Linné geadelt - für vieles Andere. In seinem
Reisebericht, der einige Jahre nach der Reise unter dem Namen "Öländische
und Gotländische Reise" herauskam, beschreibt er die gotländische
Landwirtschaft, den Fischfang, die Kalkwirtschaft und die Seehundjagd.
Er berichtet von Algen, Grassamen, Gotlandsrüben, Eiderdaunen, Orchideen,
Fossilien, Raukar, Höfen, Wiesen, Wegen und dem gotländischen
Dialekt. Er erstattet Bericht über traditionelle Medizin, Aberglauben,
Bauernfeste, über die Menschen, die er getroffen hat und nicht zuletzt
über die Priester, bei denen er auf seinem knapp einen Monat langem
Ritt über die Insel gewohnt hat.
Linnaeus war von Visby beeindruckt. "Die Stadt scheint uns ein Modell
Roms zu sein", schreibt er. Er schildert die Kirchenruinen, die engen
Gassen, die Stadtmauer und die "deutschen" Häuser, all
das, was hundert Jahre später die ersten Touristen nach Gotland lockte.
Auch über die Bewohner der Stadt legte er ein wohlwollendes Zeugnis
ab: "Die Einwohner waren freundlich, lebendig und menschlich. Ihre
Sprache wich etwas vom gewöhnlichen Schwedisch ab, denn sie hatten
einen fast norwegischen Akzent".
Auch wenn der neugierige Naturforscher nicht besonders viele nützliche
Dinge auf Gotland fand - der ausgezeichnete Grassamen, der Strandhafer,
der den Flugsand binden konnte und die Gotlandsrübe, die das Liebesleben
stimulierte, waren unter den Dingen, die er hervorhob - war der Besuch
auf Gotland für Linnaeus und seine Begleitung wertvoll und interessant.
Das dem Anschein nach einzige negative Erlebnis hatten sie auf der Rückfahrt
zum Festland. Sein Tagebuch berichtet:
"25. Juli. Morgens um halb sechs gingen wir an Bord. Unter Lebensgefahr
kamen wir aus dem Hafen in die aufgewühlte See. Die Freunde und Visby
verschwanden. Die Karlsinseln tauchten auf. Der Nordwind begann zu pfeifen.
Die Wellen rasten. Das Schiff wurde zwischen den brausenden Wogen umhergeworfen.
Gotland verschwand. Die Kameraden wurden seekrank. Die Takelage begann
zu reißen. Verzweiflung erfüllte unsere Herzen und wir befahlen
unser Schicksal in Gottes Hände..."
Bodisco,
Betty Pettersson und Per Arvid Säve
Für
Gotland begann das 19. Jahrhundert dramatisch. Die Konflikte auf dem europäischen
Kontinent erreichten Gotland, als russisches Militär unter Admiral
Bodisco Gotland einnahm, eine Operation, die in den Augen der Nachwelt
eher einer Operette glich. Eine Serie mehr oder weniger zufälliger
Ereignisse führte dazu, daß sich die Russen schon nach drei
Wochen unblutiger - und für die Gotländer wenig ehrenvoller
- Okkupation wieder zurückzogen.
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege begann in Schweden eine vollkommen
neue Zeit, eine Zeit des Friedens und der Entwicklung. Auch wenn Gotland
zur Jahrhundertmitte im Zentrum neuer politischer Verwicklungen stand,
wurde die Insel keinen ernsthaften Bedrohungen mehr ausgesetzt.
Bevölkerungsanstieg
Ganz Gotland
veränderte sich. Sogar die Landschaft veränderte ihr Aussehen.
Die gotländischen Bauern legten Moore trocken, legten neue Äcker
an und rodeten Wald. Die Äcker wurden größer, neue Feldfrüchte
und neue Werkzeuge wurden verwendet. Die Flurbereinigung erleichterte
die Reformen, brach aber gleichzeitig die alte Gemeinschaft auf, indem
sie Höfe auseinanderriß und neue, geradlinige Grenzen in der
Natur der Insel schuf. Der Anteil der Bauern an der Bevölkerung Gotlands
sank von etwa 80 Prozent im Jahre 1800 auf etwa 65 Prozent hundert Jahre
später. Aus den vielseitig beschäftigen gotländischen Bauern
wurden nun rationelle Landwirte.
Der größte Teil der gotländischen Bevölkerung führte
nun ein besseres Leben. Die Bevölkerung wuchs in diesem Jahrhundert
von etwa 31 000 im Jahre 1800 auf knapp 53 000 Hundert Jahre später.
Visby verdoppelte in diesem Zeitraum fast seine Einwohnerschaft, von 4
500 auf 8 400. Eine freiwillige Geburtenkontrolle unter den Hofbesitzern
trug dazu bei, die Bevölkerungszunahme in vernünftigen Grenzen
zu halten. Um eine weitere Aufsplitterung der Höfe zu vermeiden,
waren ein Sohn und eine Tochter das Ideal vieler Bauernfamilien. Der Sohn
übernahm den Hof und die Tochter wurde auf einem anderen Hof verheiratet.
Gab es zwei Söhne, wurde der andere "Student" und zog fort.
Das Bevölkerungswachstum geschah trotz umfangreicher Emigration in
den letzten Jahrzehnten - zwischen 1860 und 1900 wanderten etwa 10 000
Gotländer in fremde Länder aus. Zu den am härtesten betroffenen
Kirchspielen gehörten: När, Burs, Gerum und Träkumla, wo
zwischen 25 und 28 Prozent der Bevölkerung in den letzten beiden
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auswanderten. Aus Ekeby, Lokrume, Björke
und Gothem verschwanden nur vier bis fünf Prozent der Bevölkerung.
Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Fortschritts, aber es kam
auch zu Rückschlägen. Für Gotland kam ein solcher in den
1880er Jahren. Mehrere etablierte Firmen gingen zu Grunde, auf dem Land
gingen zwischen 1881 und 1885 91 Landwirte und 11 Händler in Konkurs.
Und in Visby war es nicht viel besser:
"Zerlumpte Kinder liefen vor den Türen im Kreis, um ein paar
Essensreste für ihre Körbe zu bekommen. Die Wohnverhältnisse
der Arbeiter waren elend, u.a. lebten einige Familien zusammengedrängt
in dem Turm "Kajsarn" an der östlichen Stadtmauer. Ein
Spaziergang auf der zentralen S:t Hansgatan mit Artilleriekasernen, dem
Armenhaus, dem Gefängnis und den ständig überfüllten
Bierstuben und Gastwirtschaften, war nach Einbruch der Dunkelheit nicht
ratsam..."
Gesundheitswesen
und soziale Fürsorge
Das Gesundheitswesen wurde ausgebaut. Hebammen, Provinzialärzte,
Apotheken und die immer besseren Pflegemöglichkeiten des Lazaretts
von Visby trugen dazu bei, daß die durchschnittliche Lebenserwartung
der Gotländer stieg - 1875 waren es 45 Jahre - und die Kindersterblichkeit
sank.
Das Lazarett lag an Norra Kyrkogatan in Visby und war zumindest zu Beginn
keine Einrichtung, die dazu beitrug, die Menschen gesünder zu machen.
Tatsache ist, daß im frühen 19. Jahrhundert mehr Menschen im
Lazarett als außerhalb an der gleichen Krankheit starben. Krankheiten,
die heute nicht mehr besonders ernst wirken, verliefen damals oft tödlich.
So starben etwa 1883 elf Gotländer an Diphtherie, einer an der "Drosselkrankheit"
(Stimmbänderdiphtherie), sechzehn an "Nervenfieber" (Typhus),
zwölf an Diarrhöe und anderen Darmkrankheiten, zwanzig an Scharlach
und zehn an Masern. Erst gegen Ende des Jahrhunderts, als die Ärzte
gelernt hatten, sich zwischen den Operationen die Hände zu waschen,
sank die Zahl der Toten.
Das Lazarett hatte in den 1870er Jahren mit 27 viel zu wenig Betten. Es
hatte Probleme mit Frisch- und Abwasser. Erst 1903 wurde die Gebäudefrage
gelöst, als direkt nördlich der Stadt ein neues Lazarett für
das gesamte Län für genau 441 356 Kronen und 44 Öre gebaut
wurde.
Auch die soziale Fürsorge wurde besser, genauso wie die Behandlung
von Verbrechern. Traditionell hatten sich die Kirche und das Kirchspiel
um Alte und Arme, die sich nicht selbst versorgen konnten, gekümmert.
Die Armen durften üblicherweise in einer bestimmten Reihenfolge von
Hof zu Hof gehen, um dort etwas zu Essen zu bekommen.
Die im 19. Jahrhundert stark wachsende Bevölkerung stellte neue Anforderungen
an die Gesellschaft. Die "kleinen Leute" ohne eigenen Hof und
eigenes Land wurden immer zahlreicher und sie hatten es immer schwerer,
genug Nahrung zu bekommen. In vielen Kirchspielen gab es Armenhäuser.
Darin wurden Menschen unterschiedlicher Kategorien unter oftmals miserablen
Bedingungen untergebracht. Dort wohnten Alte, Kranke, Invaliden und Geisteskranke
in einer sehr unglücklichen Mischung. Durch eine Verordnung von 1847
versuchte die Regierung, die Zustände zu verbessern, aber es dauerte
noch lange, bis die Armenpflege menschlicher wurde. Die meisten Sachverständigen
waren sich darüber einig, daß der Gotländer freundlich
und friedlich war. Zwar war er bekannt dafür, gerne vor Gericht zu
ziehen, aber schwere Verbrechen waren selten. Diebstähle waren am
häufigsten, aber manchmal kam es auch zu Mord und Totschlag. Zwischen
1871 und 1875 wurden drei Personen auf Grund solcher Verbrechen festgenommen.
Gleichzeitig wurden 12 Frauen wegen Kindsmordes festgenommen.
Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts brachten die gotländischen
Behörden Gefangene in einem Turm in der Stadtmauer unter, und zwar
in "Kajsarn". 1859 wurde ein neues Gefängnis direkt am
Hafen gebaut. Im Geist der Zeit bekam es ein mittelalterliches Aussehen,
aber innen war es nach modernen Prinzipien gebaut. Die Gefangenen sollten
nun voneinander isoliert in eigenen, geräumigen Zellen untergebracht
werden. Dort sollten sie in Einsamkeit sitzen und über ihre Sünden
nachdenken.
Noch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurden Verbrecher für
einige Taten zum Tode verurteilt. Die Hinrichtungen waren fast immer öffentlich,
damit alle sahen, was passieren konnte, wenn man etwas Verbotenes tat
- "anderen zur Warnung". Oft handelte es sich dabei um blutige
Schauspiele.
In ausführlichen Referaten schilderten die Zeitungen die Hinrichtung
des Mörders K.P.L. Tektor auf dem Anhöhe von Stenkumla am 18.
Mai 1876:
"...der Scharfrichter Steinick ergriff dann das Beil, und nachdem
Tektors Stellung etwas verändert wurde, erhob er das Beil... Das
Beil fiel, der Tod scheint sofort eingetreten zu sein, aber der Hieb war
- schief. Noch einer mußte ausgeführt werden; dieser traf besser,
aber bis der Kopf endgültig vom Rumpf getrennt war, mußte noch
ein dritter Schlag ausgeführt werden..."
Gotland wird
kleiner
Neue und
bessere Verbindungen sowohl mit dem Festland als auch auf der Insel verkürzten
die Abstände und erleichterten die Verbreitung von Neuigkeiten. 1842
wurde die Schulpflicht im ganzen Land eingeführt. Die Lesefertigkeit
nahm zu, 1811 kam die erste Lokalzeitung auf Gotland heraus - Wisby Tidning.
Im Laufe des Jahrhunderts sollten Wisby Weckoblad, Gotlands Läns
Tidning und Gotlands-Posten folgen. 1872 kam die erste Auflage von Gotlands
Allehanda heraus und zwölf Jahre später auch von Gotlänningen.
Die dritte der heute noch existierenden Zeitungen, Gotlands Folkblad,
kam 1928 das erste Mal heraus.
Dampfschiffe machten Festlandsreisen für immer mehr Menschen möglich,
im Sommer 1897 verkehrten zum Beispiel elf Dampfschiffe pro Woche zwischen
Stockholm und Visby, zwei zwischen Kalmar und Visby, eins zwischen Norrköping
und Visby und eins zwischen Visby und Stettin. Auch die Sicherheit auf
See wurde besser. Es gab mehr Lotsen in den Häfen, und Leuchttürme
leiteten die Seefahrer an der gefährlichen gotländischen Küste
vorbei. 1817-18 wurde auf Östergarn ein erstes Leuchtfeuer mit einem
Steinkohlefeuer errichtet, in den 1840er Jahren kamen Leuchttürme
auf Hoburgen und Fårö hinzu, 1859 war Sandön dran. 1860
wurden Seenotrettungsstationen bei Ekeviken auf Fårö und auf
Faludden, später auch in Visby eingerichtet. Die Anzahl der Schiffsunglücke
zeigte ihre Notwendigkeit. Allein von 1870-75 strandeten 126 Schiffe an
Gotlands Küste.
Der Telegraph schuf direkten Kontakt mit dem Rest des Landes, und unter
großem Lärm begannen Lokomotiven, Züge durch die gotländische
Landschaft zu ziehen. In den 1890er Jahren wurden die Velozipedfahrer
ein Problem für die Behörden Visbys. Der Stadtrat sah sich gezwungen,
strenge Regeln für das Rad fahren innerhalb der Stadt zu erlassen.
Alle "gumphjuliga trilljaner" (etwa: steißrädrige
Verrückte) die die Straßen der Stadt lebensgefährlich
machten, mußten mit hohen Bußgeldern rechnen. Gleichzeitig
machten viele Zeitungen auf dem Festland Werbung für Gotland als
ein Paradies für Radfahrer. Im Sommer 1895 konnte Gotlänningen
nicht ohne Stolz melden, daß zwei junge Damen aus Stockholm nach
Gotland gekommen waren, um die Insel mit dem Rad zu umrunden:
"Vorgestern radelten sie durch Badhusparken und pfiffen dabei, um
die Wahrheit zu sagen, richtig schön. Die munteren Mädchen sind
Lehrerinnen aus Stockholm. Sie reisen ohne Schürze, was uns Gotländern
schmeicheln sollte. Denn das beweist, daß sie großes Vertrauen
in die Ritterlichkeit der Gotländer haben..."
In Visby und Roma erhoben sich neue Symbole der Entwicklung - Fabrikschornsteine.
Neue Arbeitsplätze wurden durch den Ausbau der Steinbrüche im
nördlichen Gotland, neue Urbarmachungen und größere Wirtschaftsfreiheit
geschaffen.
Die Stellung
der Frauen wird stärker
Die Rolle
der Frau in der Gesellschaft wurde immer wichtiger. Sie bekam das Recht,
sich mit Handel und Handwerk zu beschäftigen - in den 1870er Jahren
gab es zum Beispiel zwei Bäcker, zwei Zuckerbäcker, einen Brauer
und sieben Händler "weiblichen Geschlechts" in Visby -
sie bekamen das gleiche Erbrecht wie Männer und wurde zu mehr Ausbildungsgängen
und Berufen zugelassen.
Eine der Pioniere war eine Frau aus Visby, Betty Pettersson, die erste
Studentin Schwedens. Laut einer Zeitung eröffnete diese Jungfrau
von der Perle der Ostsee eine neue Ära für die schwedische Frau.
Gleichzeitig drückte der Reporter auch einige Befürchtungen
aus:
"Sollen wir, oder vielmehr unsere Nachkommen in hundert Jahren, Frauen
auf akademischen Lehrstühlen sehen, die das Gesetz oder die Propheten
interpretieren ... oder die im Anatomiesaal an einem prächtigen,
"frischen" Subjekt demonstrieren? Auf der Post, im Telegraphenamt,
in der Bank wimmelt es von beschürzten Angestellten und die Frau
tritt als Bewerber für die Arbeit eines "Nachtwächters"
dem Himmel und als Totengräber der kalten Erde nahe..." Und
schlimmer noch: "Gott weiß, daß es heute nicht mehr ruhig
in der Kammer ist, vor allem der Zweiten, aber es wird noch schlimmer,
wenn wir weibliche Reichstagsabgeordnete bekommen, alte Vetteln, nicht
nur in körperlicher, sondern auch in wirklicher Bedeutung..."
Per Arvid
Säve - Sammler und Erzähler
Viele Gotländer
begannen, dem Geist der Zeit folgend, sich für die Geschichte und
Kultur der Insel zu interessieren. Unter ihnen hinterließ nicht
zuletzt Per Arvid Säve einen bleibenden Eindruck durch seine umfassende
schriftliche Produktion und das Gründen eines Museums - Gotlands
Fornsal.
Säve war eine der führenden Kulturpersönlichkeiten auf
Gotland im 19. Jahrhundert und zugleich der große Bewahrer der gotländischen
Volkskultur. Er sammelte nicht nur Gegenstände, "Alte Sachen",
und Altertümer, sondern auch Erzählungen, Märchen, Volkslieder,
Spiele, Musik, Geschichte, Ortsnamen und vieles Andere, das für das
Verständnis des alten Gotlands wichtig ist.
Kommunalreform,
Touristen und Nachtleben
In den 1860er
Jahren verschwand nicht nur der Ständereichstag zu Gunsten eines
moderneren Zweikammerreichstages, sondern auch die uralte Versammlung
des Kirchspiels ("sockenstämma") mit dem obligatorischen
und dominanten Vorsitzenden, dem Pfarrer. Alle 92 Kirchspiele Gotlands
wurden Gemeinden, und die gemeinsamen Angelegenheiten wurden im folgenden
von einer Kommunalversammlung geregelt, die wiederum einen Kommunalausschuß
als ausführendes Organ wählte. In Visby wurde ein Stadtrat gewählt,
der die notwendigen Beschlüsse faßte. Eine Finanzkammer und
verschiedene Ausschüsse sorgten dafür, daß die Beschlüsse
auch durchgeführt wurden. Für die ganze Provinz (Län) Gotland
wurde ein Landesthing eingerichtet, der vor allem für das gemeinsame
Gesundheitswesen zuständig war. Das kommunale Wahlrecht war auf dem
Land in verschiedenen Klassen organisiert, die nach der sogenannten Fyrkzahl
eingeteilt wurden. Sie basierte wiederum auf Einkommen und Vermögen.
Je reicher man war, desto mehr Stimmen hatte man. In den 1890er Jahren
durfte Gotland zwei vom Landesthing gewählte Vertreter in die erste
Kammer des Reichstages und drei - zwei vom Land und einer aus der Stadt
- in die Zweite Kammer senden.
Wie andere Schweden auch, schlossen sich die Gotländer in Volksbewegungen
zusammen. Ihre unterschiedlichen Versammlungsräume wurden zu Übungsräumen
der schwedischen Demokratie. Die Bewohner Visbys lernten immer mehr Festländer
kennen - Verfasser, Künstler und "Badegäste".
Die Schiffe von Gotlandsbolaget machten es einfacher, nach Visby zu kommen,
und die Bewohner der Stadt bekamen eine neue Einnahmequelle. Reisende
Festländer hatten oft darüber geklagt, daß es hier schwer
gewesen wäre, ein Zimmer für die Nacht zu bekommen, besonders
da Visby gästgiverigård nach der Auffassung Vieler der schlechteste
Gasthof im christlichen Abendland war. Andere waren der Ansicht, daß
man etwas für die vernachlässigten Ruinen voller Müll tun
müßte. Und mit der Sauberkeit war es auch nicht weit her:
"Ochsen, Kühe, Schafe, Truthähne, Hühner, Gänse
u.v.m. wandern ohne Aufsicht fast das ganze Jahr auf den Straßen
und Plätzen frei herum..."
Und doch kamen die ersten Touristen, angelockt von den guten Bademöglichkeiten
und den trotz allem romantischen Ruinen. 1856 wurde das erste Hotel in
Visby, Hotell Gotland, eingeweiht, und etwa zur gleichen Zeit errichtete
Konsul Enequist ein sehr beliebtes Badehaus am Hafen. In der Nähe
gab es auch ein Restaurant und einen schönen Park. Laut Reklame hatte
diese Einrichtung viele Vorteile:
"die freie, gesunde Lage der Stadt Wisby, die reine Seeluft, das
am wenigsten aufgewühlte Meerwasser in der nördlichen Ostsee,
die leichten und billigen Verbindungen mit Stockholm und Calmar, sollten
dem Interessierten die Sicherheit geben, einen angenehmen und gesunden
Ferienort gewählt zu haben..."
1896 wurde der Tourismus mit der Gründung von Gotlands Turistförening
besser organisiert.
Veränderte Lebensbedingungen für die Gotländer bildeten
die Grundlage für eine Art Nachtleben. Auf dem Land versammelten
sich die Jugendlichen in sogenannten "Spielstuben", die zur
Verzweiflung vieler Priester oft richtige Sündennester mit Kartenspiel,
Tanz und Alkohol wurden. Weniger wild waren die häufigen Ausfahrten
mit laubgeschmückten Leiterwagen an einen schönen Strand, oder
als die Zeit dafür gekommen war mit Vergnügungszügen nach
Etelhem oder Hemse.
In Visby ging die feine Gesellschaft auf Bälle, Feste im Park des
Badehauses oder zur Unterhaltung in den Oscars-Saal auf Mellangatan. Manchmal
gab es Amateure aus dem Kreis der Bürger, die dort mit Singspielen,
Deklamationen und Schauspielen auftraten, manchmal auswärtige Theatergruppen,
Zauberkünstler, Zirkusse, Musiker und Sänger.
Gotland in
der Gefahrenzone
Als Napoleon
in Europa am mächtigsten war, war Gustav IV. Adolf schwedischer König.
Er verabscheute das revolutionäre Frankreich und den Emporkömmling,
der sich selbst auf den französischen Thron gesetzt hatte. Für
den schwedischen Regenten personifizierte Napoleon das Chaos und die Gottlosigkeit
seiner Zeit.
Vielleicht war es der Haß auf Napoleon, der den König dazu
bewegte, im Jahre 1806 der ältesten christlichen Wohltätigkeitsorganisation,
dem Johanniterorden, Gotland als Lehen anzubieten. 1530 hatte der Orden
die Insel Malta von Kaiser Karl V. erhalten und war viele Jahre lang ein
wichtiger Machtfaktor im Mittelmeer gewesen. 1798 verjagte Napoleon sie
aber von der Insel und machte sie obdachlos. Zwei Jahre später eroberten
die Engländer Malta.
In einem Brief mit dem gleichen Wortlaut wie der Karls V. bot Gustav IV.
Adolf nun den Johannitern ein anderes Gebiet als Lehen an. Diesmal war
es keine Insel im Mittelmeer, sondern in der Ostsee - Gotland. Der Vorschlag
wurde niemals Wirklichkeit. Er kann natürlich nur ein spontaner Einfall
des Königs gewesen sein, mehr vom Gefühl als vom Realitätssinn
geprägt. Aber es kann auch andere Ursachen für das großzügige
Angebot gegeben haben.
Ein denkbarer Grund ist, daß Gustav IV. Adolf den streitbaren Johanniterorden
als eine wichtige Verbesserung der Verteidigung Gotlands ansah - wenn
die Russen nun dorthin wollten. Wahrscheinlicher ist aber, daß England
der Drahtzieher war und daß die Idee daher kam. Bei einem Friedensschluß
1802 hatte der Orden nämlich das Eigentumsrecht an Malta wiederbekommen.
Darauf wollten sich die Engländer aber nicht einlassen. Aus englischer
Sicht wäre es eine gute Lösung gewesen, wenn die vertriebenen
und verstreuten Ordensmitglieder Gotland als Freistatt bekommen hätten.
Dann könnte der Orden nicht mehr verlangen, nach Malta zurückzukehren.
Nach langen Verhandlungen, bei denen Schweden durch Baron Gustav Armfeldt
vertreten wurde, lehnten die Johanniter doch dankend ab. Gotland wäre
zwar eine gute Kompensation für den Verlust von Malta gewesen, aber
die verlangte jährliche Pacht von 15 000 französischen Louisdor,
die geringe Einwohnerzahl der Insel, der Mangel an größeren
öffentlichen Gebäuden, in denen die Ordensmitglieder untergebracht
werden konnten, und das Fehlen von Befestigungen bedeuteten zu hohe Kosten.
Außerdem war die Ostsee ein politisch unsicheres Gebiet.
Gustav IV. Adolfs feste Überzeugung, daß Napoleon "das
große Untier" war, wurde zuletzt schicksalhaft. Außenpolitische
Engagements kosteten Schweden fast die Hälfte der Fläche des
Landes und dem König selbst die Krone. Schweden ergriff für
England gegen Frankreich die Partei. Die Situation wurde sehr gefährlich,
als Napoleon einen Bund mit Zar Alexander von Rußland schloß.
Da Dänemark schon auf Frankreichs Seite stand, war Schweden plötzlich
von Feinden umgeben.
Der russische Zar versuchte, Gustav IV. Adolf dazu zu bewegen, England
zu verlassen und statt dessen am russisch-französischen Bund teilzunehmen.
Der König weigerte sich und im Februar 1808 fielen russische Truppen
in Finnland ein. Kurz darauf erklärte auch Dänemark den Krieg.
Nun sah es schlecht für Gotland aus.
Die Russen
kommen!
Es dauerte,
bis die Gotländer die Nachricht erhielten, daß Schweden sich
wieder einmal im Krieg mit Rußland befand. Der Winter war hart und
die Verbindungen mit dem Festland schlecht. Zwar hatte es seit langem
Gerüchte darüber gegeben, daß "die Russen bald kommen
sollten und niemand den ersten Schuß abgeben solle.", aber
das war wohl kein Grund zu größerer Unruhe.
Vor der Insel kreuzte bestimmt schon die schwedische Flotte und es war
nicht wahrscheinlich, daß die Russen sich schon so früh im
Jahr für eine umfassende Invasion rüsten konnten. Und in Visby
war gerade ein erfahrener Militär Landshövding, Admiraloberst
Erik af Klint. Er war zwar schon 76 Jahre alt, aber bekannt als ein gottesfürchtiger
und ehrenhafter Mann. Darüber hinaus hatte er siebzehn Kinder, von
denen zwei auch Admiräle waren. Die nötigen Kapazitäten
sollten also vorhanden sein!
Die Gotländer wußten nicht, daß die eigene Flotte damit
beschäftigt war, die Seegrenzen im Süden gegen Dänemark
zu bewachen. Sie wußten auch nicht, daß die Russen den ganzen
Winter über Vorbereitungen für die Eroberung Gotlands getroffen
hatten. Mehrere Schiffe mit dem großen Linienschiff Groza an der
Spitze lagen schon Anfang April im Hafen von Libau. Wahrscheinlich überschätzten
die Gotländer auch die Verteidigung der Insel. Sie war nämlich
praktisch nicht vorhanden. Es gab keine Soldaten, keine Offiziere und
keine Kanonen, nur 600 alte Zündnadelgewehre, für die es Kugeln
aber kein Pulver gab. Und sie hatten nichts davon gehört, daß
viele af Klint für einen verlebten Greis hielten.
Von Slesviken
nach Visby
Die Überraschung
war also total, als am 22. April 1808 eine russische Flotte in der Bucht
von Slesviken bei Grötlingbo ankerte. An Bord waren mehr als 1 200
Soldaten. Der Befehlshaber, Admiral Nikolai Andrejewitsch Bodisco, hatte
von Zar Alexander den Befehl erhalten, Gotland zu erobern. Als Grund dafür
nannte der Zar die strategische Lage der Insel. Wenn die Schweden das
zuließen, konnte die Insel sowohl von der englischen Flotte als
auch von englischen Truppen für einen Angriff gegen Rußland
ausgenutzt werden. Es war besser, dem zuvorzukommen.
Nun lag die russische Flotte bei Slesviken vor Anker, nicht in Östergarn,
wie sie eigentlich beabsichtigt hatten, mit schwedischen Flaggen an den
Masten und mit einem dänischen "Lotsen" an Bord, der seinen
Auftrag offensichtlich total verfehlt hatte. Die Überfahrt von Libau
war auf Grund des harten Wetter sehr mühsam gewesen und viele Soldaten
waren immer noch seekrank. Und zu guter Letzt hatte sich das ganze Geschwader
im dichten Nebel aus den Augen verloren. Mit anderen Worten: eine sehr
ungünstige Ausgangssituation, aber nun hatten alle Fahrzeuge ihr
Ziel erreicht und die Landung konnte beginnen.
Die Gotländer, die das merkwürdige Schauspiel beobachteten,
nahmen es zunächst als selbstverständlich an, daß es schwedische
Truppen waren, die da gerade landeten. Es zeigt sich jedoch schnell, daß
diese Auffassung falsch war. Es war keine schwedischen Soldaten, die in
grünen Uniformen an Land stiegen. Nun verbreitete sich die Nachricht.
Das Warnfeuer auf der Landspitze von Grötlingbo wurde entzündet,
die Glocken in den Kirchen von Rone und Grötlingbo läuteten
und bald wußten alle Kirchspiele in der Nähe, daß die
Russen gelandet waren.
Die Einwohner flohen von Haus und Hof. Die, die noch Zeit dazu hatten,
vergruben ihre Wertsachen in der Erde und versteckten sich im Wald. Vereinzelt
sammelten sich die Männer mit Piken, Heugabeln, spitzen Bohnenstangen
und altertümlichen Büchsen für die Jagd auf Seehunde zum
Widerstand.
Der Hilfspriester Lars Åkerman aus Grötlingbo war der erste
Inselbewohner, der dem russischen Admiral Auge in Auge gegenüberstand.
Bodisco riet Åkerman, die Gotländer von Widerstand abzuhalten.
Wenn sie nicht zu den Waffen griffen, sollte er als guter Russe sie gut
behandeln, aber Schüsse würden mit Schüssen, Blut mit Blut
beantwortet werden. Durch Bodiscos Rede sah Åkerman ein, daß
die Russen keine Ahnung hatten, wie schlecht es wirklich um die Verteidigung
Gotlands bestellt war.
Die russische Landung verlief trotz schlechter Voraussetzungen planmäßig.
Die Soldaten hatten noch genug Zeit, die Höfe in der Nähe zu
plündern und die Schafe, die sich gerade auf der Weide befanden,
zu schlachten, bevor sie den Marsch nach Visby antraten. Per Arvid Säve
erzählt, wie die gotländischen Bauern gezwungen wurden,
"die russische Artillerie, die russischen Vorräte und die Verletzten
kostenlos nach Visby zu transportieren; im Allgemeinen geschah auf der
Fahrt aber nichts Schlimmeres, als daß ein Russe flink einen kleinen
Leckerbissen aus den wohlgefüllten Essenssäcken der Bauern stahl
und daß ihre Pferde partout das russisch riechende Brot nicht essen
wollten, das die Russen ihnen immer wieder zum Fressen gaben..."
Der Landshövding af Klint erfuhr von der Landung, als er sich gerade
auf Sudret befand. Er begab sich sofort nach Visby und versuchte, den
Widerstand zu organisieren. Der Großteil des Bauernaufgebots sollte
sich bei der Brücke von Ajmunds postieren, wo der Feind am leichtesten
aufzuhalten war, da der Fluß vom Frühjahrshochwasser angeschwollen
sei.
In der Stadt stellte sich schnell heraus, "daß der stattliche
aber wenig heldenmütige Bürgermeister P.H. Grewesmühlen
und der Rat auf keinen Fall wollten, daß es zum Kampf komme".
Und dabei blieb es auch, af Klint wurde überredet und in Sandäske
gästgivargård bei Sanda trafen er und einige andere hohe Herren
aus der Stadt Bodisco und dessen Begleitung. Eine wirkliche Kapitulation
wurde nie vollzogen, statt dessen "empfahlen sich Oberst Klint und
die anderen Vertreter sich und das Land menschlicher Behandlung...".
Nun war der Weg nach Visby frei für die russischen Truppen.
Dort kamen sie am 24. April an, marschierten durch Söderport und
Adelsgatan entlang bis zum "Alten Platz, dem heutigen Stora Torget.
Dort hatten sich die Honoratioren der Stadt postiert, um den Feind demütig
zu empfangen. Bürgermeister Grewesmühlen überreichte die
Schlüssel der Stadt" und damit war Gotland im Handumdrehen eingenommen,
und das so schnell und sicher, wie ein Adler ein Lamm ergreift!"
Russischer
Einschlag im Gesellschaftsleben Visbys
Die russischen
Soldaten wurden bei den Bewohnern der Stadt einquartiert. Bodisco selbst
zog in das Haus des Bürgermeisters ein, in anderen Häusern konnten
bis zu 30 Mann untergebracht sein. Sogar die kleinen Hütten auf der
Klippe wurden "von schnarchenden Soldaten eingenommen, mit beißendem
Russen-Duft zur Folge".
Die schlimmsten Ängste der Bewohner Visbys gingen bald vorüber
und wurden von einer merkwürdigen Mischung aus Sorgen und Liebenswürdigkeit
ersetzt. Die Einwohnerzahl der Stadt stieg auf einen Schlag von 3 700
auf 5 000, und eins der größten Probleme war es, die Russen
mit Essen und anderen Notwendigkeiten zu versehen. Die Bewohner mußten
jede Woche 4 600 skålpund (etwa 2 Tonnen) Fleisch, 1 150 skålpund
Salz, 384 Kannen Branntwein (etwa 1000 Liter) und Futter für 100
Pferde zur Verfügung stellen.
Ansonsten waren viele Einwohner de Stadt darauf bedacht, ihre Gastfreundschaft
zu beweisen, da sie sonst selten Besuch bekamen. Viele rümpften zwar
die Nase über "die Unreinheit der Moskowiter, das viele Ungeziefer,
die furchtbare Angewohnheit, Pilze und überhaupt alles Unreine zu
essen", aber "die andere Seite schimmerte desto stärker".
Die andere Seite waren die Offiziere. Höflich, lebhaft und mit stilvollen
Uniformen wurden sie schnell gern gesehene Gäste in den großbürgerlichen
Haushalten Visbys. Sie aßen mit ihren Gastgebern, "machten
der Hausmutter mit kleinen Gesten der Wertschätzung ihre Aufwartung,
klopften der alten Köchin gutmütig auf die Schulter, tranken
und rauchten mit dem Hausherrn höchstpersönlich."
Heimlicher
Auftrag für Jacob Dubbe
Als die Russen
nach Gotland kamen, trafen sie auf keinerlei Widerstand. Obwohl die Offiziere
versuchten, strenge Disziplin zu wahren, kamen Plünderungen und mutwillige
Zerstörungen vor. Sowohl das Krongut in Roma als auch der Länna-Hof
in Slite waren davon betroffen. Die Behörden der Insel konnten aber
durch umsichtiges Handeln manches retten. Dazu gehörten die Steuergelder,
die sich in Visby befanden. In Kisten verpackt wurden sie auf ein Schiff
verfrachtet, das unbemerkt den Hafen von Visby verlassen und zum Festland
segeln konnte. Das Schiff gehörte Jacob Dubbe.
Damit betritt ein bemerkenswerter Mann die Bühne der gotländischen
Geschichte. Als die Russen nach Gotland kamen, war er etwa vierzig Jahre
alt. Er hatte seine Laufbahn als einfacher Lagergehilfe begonnen. Aber
durch seinen Riecher für gute Geschäfte, Glück und Geschick
war Dubbe nun einer der reichsten Männer Visbys geworden. Er war
für die Abwicklung aller gestrandeten Schiffe an Gotlands Küste
zuständig - eine sehr einträgliche Einkommensquelle. Er war
Schiffsreeder, besaß einen Kalkofen und verlieh Geld mit hohen Zinsen.
Ihm gehörte der Hof Katthamra auf Östergarn, und nicht weit
davon entfernt baute er für seine Frau Anna ein Sommerhaus, "Annas
nöje" (Annas Freude). Dubbe gehörte auch der Hof von Rosendahl
in Follingbo. Auf dem Berg oberhalb des Hofes ließ er einen Aussichtsturm,
Jakobsberg, und eine Grabkapelle für seine drei jung gestorbenen
Töchter errichten.
Als die Russen kamen, hielt sich Dubbe gerade in Stockholm auf. Er hatte
viel Besitz auf Gotland, den es zu retten galt, und so akzeptierte er
den Auftrag, heimlich auf die Insel zu fahren. Mitte Mai segelte er mit
der Postyacht von Böda auf Öland ab. Auf dem halben Weg nach
Gotland stieg er in ein Ruderboot um und erreichte nach einiger Zeit an
die gotländische Küste bei Eksta.
Der Geheimagent ging zu den nächsten Höfen und rief das Volk
zum Widerstand auf, Hilfe sei schon auf dem Weg und es würde nicht
mehr lange dauern, bis Gotland wieder schwedisch wäre. Danach begab
er sich nach Visby, stellte sich bei Bodisco vor und wurde umgehend verhaftet.
Aber da war Hilfe schon unterwegs. Eine schwedische Flotte mit 2000 Soldaten
an Bord kam am 16. Mai nach Sysne auf Östergarn. Mit einem småländischen
Regiment, Jönköpings jägare, an der Spitze marschierte
ein Teil der Armee nach Visby, der Rest zog nach Slite. Dorthin fuhren
auch die Kriegsschiffe, um den Hafen zu blockieren.
Die Russen waren nun von ihrem Heimatland abgeschnitten und es war auch
keine unmittelbare Hilfe von dort zu erwarten. Vermutlich überschätzte
Bodisco sowohl die Stärke der schwedischen Truppen als auch die Möglichkeit
eines umfassenden Bauernaufstands. Er entschloß sich zur Kapitulation.
Die schwedischen Truppen übernahmen Visby wieder, und die Feinde
machten sich auf den Marsch nach Slite, von wo sie nach Rußland
eingeschifft werden sollten. Sie mußten ihre Kanonen und Feldzeichen
zurücklassen, aber merkwürdigerweise durften sie ihre Gewehre
und Munition behalten. Mit schwedischen Soldaten als Nachhut begann darauf
der gut 30 Kilometer lange Marsch quer über die Insel. Bei dem Steinkreuz
von Boge passierten sie drei schwedische Bataillone, die mit geladenen
Kanonen auf einer offenen Fläche aufgestellt waren. Aber erst in
Slite sahen die Russen ein, daß sie endgültig verloren hatten.
"Unter großen Lärm wurden sie aus ihrer Hauptwache gedrängt,
die dann sogleich von den Schweden eingenommen wurde. Die Russen warfen
unseren Truppen fluchend und bleich vor Wut ihre Gewehre, Säbel und
Patronen vor die Füße, so daß der Staub um sie herum
aufspritzte... Aber Oberst Gifkowitsch sandte kurz bevor er Slite verließ,
ein höfliches Dankschreiben an seinen Gastgeber in Visby. Entwaffnet
eilten die Russen nun an Bord ihrer Transportschiffe..."
Nachspiel
Nachdem die
feindlichen Besatzungstruppen die Insel verlassen hatten, übernahmen
wieder die schwedischen Behörden das Ruder. Ihre wichtigste Aufgabe
war es zunächst, die mitunter recht bemerkenswerten Ereignisse aufzuklären,
zu denen es während der drei Wochen, in denen die Insel in der Gewalt
der Russen gekommen war, geschahen. Es waren viele Gerüchte im Umlauf,
einige Personen schienen Bodisco und seinen Soldaten gegenüber sehr
offen gewesen zu sein. Beschuldigungen und Denunziationen häuften
sich. Nun gab es ja die Möglichkeit, Rache an alten persönlichen
Feinden oder Konkurrenten zu üben.
Unter denen, gegen die Ermittlungen betrieben wurden und die sogar vor
Gericht gestellt wurden, befanden sich Charles Chasseur, ein Händler
aus Burgsvik, der in dem schlechten Ruf stand, sehr opportunistisch zu
sein, der Landssekreterare J.F. Sturzenbecker, der Buchhalter und Marionette
der Russen, Johan Wilhelm Hirsch, und der Händler C.P. Norrby.
Ein entlassener Leutnant, Mattias Lundgren, war der Einzige, der von einem
Thing verurteilt wurde. Er hatte ein Rekrutierungsbüro für Gotländer
eröffnet, die russische Soldaten werden wollten, und hatte sogar
einige Knechte zur Unterschrift bewegen können. Er wurde zunächst
zum Tode verurteilt, aber später begnadigte man ihn. Auch Bodisco
wurde nach seiner Rückkehr zum Tode verurteilt. Der Zar hob aber
das Todesurteil wieder auf.
Eine wichtige und permanente Folge der russischen Okkupation war, daß
Gotlands Verteidigung endlich ernsthaft organisiert wurde. Eine Bürgerwehr
wurde geschaffen, die erneute feindliche Unternehmen gegen die Insel verhindern
sollte. Mehr als 7000 Mann wurden auf diese Weise umgehend militärisch
organisiert.
Und es sollte auch nicht besonders lange dauern, bis Gotland wieder im
Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit stand. Und genauso, wie es
Zar Alexander 1808 befürchtet hatte, interessierten sich diesmal
die Engländer für die Insel.
"Der
Engel des Todes ist unterwegs"
Dank seiner
Lage wurde Gotland gleich zu Beginn von einer Seuche betroffen, die in
Schweden noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unbekannt war, - der
Cholera. Bis dahin gab es die Cholera nur in Ostasien. Um 1820 breitete
sich die Seuche aus, und 1831 wurde der Ostseeraum als "verseucht"
erklärt. Die Cholera sollte während dieses Jahrhunderts noch
mehrmals wiederkommen. Auf Gotland ist wohl der Ausbruch in den 1850er
Jahren am bekanntesten.
Der Erreger der Cholera ist ein Bakterium, das sich über verunreinigtes
Wasser und Lebensmittel verbreitet und das vor allem den Darm angreift.
Anfangs wußte niemand, woher die Krankheit kam und wie die Übertragung
des Erregers vor sich ging. Und keiner wußte, wie man sich davor
schützen konnte. Viele tranken Teerwasser auf nüchternen Magen,
andere banden sich Knoblauchstücke um die Handgelenke, kippten sich
mit Branntwein voll oder suchten Hilfe bei heilkundigen Greisen. In einigen
Städten wurde Teer in großen Fässern verbrannt, und die
Einwohner reinigten ihre Häuser mit Chlor und Schwefelsäure.
Der erste
Todesfall
Als die Nachricht
nach Schweden kam, daß der "Engel des Todes", wie der
Dichter J.O. Wallin die Cholera nannte, herannahte, reagierten die Behörden
sehr schnell. Schon im Sommer 1831 wurde auf Enholmen vor Slite eine Quarantänestation
eingerichtet, eine von drei ähnlichen Einrichtungen an der schwedischen
Küste. Alle Schiffe, die aus Häfen an der Ostsee kamen und auf
dem Weg zum schwedischen Festland waren, mußten erst auf Enholmen
in Quarantäne gehen und dort 48 Stunden liegen bleiben. Wenn alle
an Bord gesund waren, bekam der Kapitän einen Gesundheitspass und
durfte weitersegeln. Im Herbst wurden 62 Schiffe dieser Quarantäne
unterzogen. Dazu kommen noch etwa 30 andere, die an der gotländischen
Küste gestrandet waren. Anfang September lief zum Beispiel ein englisches
Schiff mit einer Ladung Leinsamen auf das Riff "Roter Hund"
vor Sundre. Bis auf einen Mann wurde die Besatzung gerettet, in ein einsam
gelegenes Haus bei Austre im Kirchspiel Vamlingbo gebracht und mit Proviant
versehen. Soldaten bewachten das Haus und den Strand, an den große
Mengen an Strandgut angeschwemmt wurden. Bei Hamra strandete eine Brigg,
deren Besatzung in zwei Durchgängen gerettet wurde. Das Wrack wurde
vom Meer überspült, aber nach einem mutigen Einsatz der Dorfbewohner
konnten doch alle gerettet werden. Die gesamte Besatzung wurde zunächst
in einem einsam gelegenen Haus bei Hamra isoliert und später zusammen
mit anderen Unglücksgefährten nach Enholmen in die Quarantänestation
gebracht.
Am 24. August 1832 kam in Slite ein Fahrzeug aus Lübeck an, das einen
kranken Matrosen namens Romin an Bord hatte. Er hatte heftigen Brechdurchfall,
schwachen Puls, kalten Atem und bläuliche Arme und Beine. Der Arzt
in der Quarantänestation begann sofort mit der Behandlung mit dem
Verdacht auf Cholera. Romin bekam Tee aus Zitronenmelisse und ein warmes
Bad, nach dem er mit Flanellhandtüchern abfrottiert wurde.
Diese Kur dauerte die ganze Nacht mit erneuten Frottierungen, Bädern
und "keinem Schlaf", wie der Arzt im Krankenblatt notierte.
Der Kranke konnte kein Essen bei sich behalten, nur etwas Tee, Wismut
und wässrige Graupensuppe. Romin ging es trotz mehrerer Aderlässe
und einer Behandlung mit Blutegeln, die an seine Ohren und Stirn gesetzt
wurden, immer schlechter. Diese Behandlung wurde mehrere Tage fortgesetzt,
aber es war alles vergebens. Am 28. August starb der Matrose Romin. Wahrscheinlich
war er das erste Opfer der Cholera in Schweden.
Gründliche
Vorbereitungen
Auf Gotland
bereiteten sich die Bewohner auf die drohende Seuche vor. Sowohl in Visby
als auch auf dem Land begann man eifrig zu arbeiten. Jedes Kirchspiel
sollte laut offiziellem Befehl einen Gesundheitsausschuß zu bilden,
der über die allgemeine Gesundheitssituation zu wachen hatte. Die
Kirchspiele mußten darüber hinaus Krankenhäuser einrichten,
in denen Arme gratis und Bessergestellte gegen gewisse Gebühr gepflegt
werden konnten. Die Krankenhäuser sollten mit Betten, Matratzen,
Kissen, Laken, Tellern, Nachttöpfen, Rauchapparaten, Waschschüsseln,
Klistierspritzen (mit zwei Röhren!), Krankentragen und Bahren ausgestattet
sein. Von den Bewohnern des Kirchspiels sollten Krankenschwestern und
Pfleger, die sich um die Kranken kümmern sollten, und Leichenträger,
die sich um die Toten kümmern sollten, ausersehen werden.
Für die Begräbnisse gab es spezielle Vorschriften. Jederzeit
mußten Särge zur Verfügung stehen, deren Innenseite mit
Pech und Teer bestrichen worden war. Das eigentliche Begräbnis durfte
nur abends oder frühmorgens und mit so wenigen Besuchern wie möglich
stattfinden. Niemand durfte in Kirchen oder Grüften begraben werden.
Einmal in der Erde, mußten die Särge mit ungelöschtem
Kalk oder Kohlenstaub bedeckt werden.
Die Bestimmungen stießen auf Protest. Die Finanzierung war das größte
Problem, da der Staat nur die Hälfte der entstehenden Kosten trug.
Den Rest mußten die Bewohner des Kirchspiels bezahlen. Aus diesem
Grund dürften wohl nicht alle Kirchspiele die behördlichen Auflagen
minutiös erfüllt haben, aber es war trotz allem ein imponierender
Organisationsapparat, der sich nun in Bewegung setzte.
Obwohl die Choleraepidemie in Schweden über 25 000 Opfer forderte,
wurde Gotland kaum betroffen.
Gotland zwischen
Ost und West
Der Krimkrieg
Auch wenn
Schweden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Kriegen verschont
wurde, ließen die internationalen Verwicklungen in dieser Periode
Gotland nicht ganz unberührt. In der Region am Schwarzen Meer gab
es von alters her viele Gegensätze, die in den 1850er Jahren schnell
eskalierten. Rußland und die Türkei, aber auch England und
Frankreich, waren der Ansicht, ihre Interessen in diesem Teil der Welt
bewachen zu müssen.
Ende November 1853 kam es zum Krieg zwischen Rußland und der Türkei.
Einige Monate später erklärten England und Frankreich Rußland
den Krieg. Die Kämpfe wurden vor allem auf der Krim geführt,
aber zum Teil auch in der Ostsee.
Oskar I. war seit 1844 schwedischer König. Er interessierte sich
für Außenpolitik und hatte das Ziel, die Bedeutung Schwedens
und Nordeuropas zu stärken. Mit großen Bedenken sah er den
steigenden russischen Einfluß in der Ostsee. Im Falle von Problemen
rechnete der König aber damit, Unterstützung von den Engländern
zu bekommen, die mittlerweile starke Handelsinteressen in der Ostsee hatten.
Von russischer Seite aus wollte man die Engländer am liebsten aus
der Ostsee fernhalten. Die schwedische Regierung versuchte sich in diesem
Konflikt so weit wie möglich unparteiisch zu verhalten. Diese Einstellung
ist auch die Erklärung, warum auf Gotland kein Freihafen eingerichtet
wurde. Der Vorschlag, Slite zum Freihafen zu machen, wurde mehrmals in
höchsten Regierungskreisen diskutiert. Aber dieser Vorschlag wurde
nie in die Tat umgesetzt, da die Regierung der Ansicht war, daß
ein Freihafen vor allem den Engländern nützte und die Russen
irritierte.
Als der Krimkrieg ausbrach und auch die Westmächte in den Krieg eintraten,
sahen Oskar I. und sein Regierung die Gefahr, daß Schweden von den
Kämpfen berührt werden könnte. Zusammen mit Dänemark
erklärte sich Schweden als neutral. Die beiden Länder vereinbarten,
ihre Häfen für alle Schiffe offenzuhalten, also auch für
Schiffe aus den kriegführenden Ländern. Einige Häfen wurden
aber zu "Kriegshäfen" erklärt und für Schiffe
aus den kriegführenden Ländern gesperrt. Slite war einer dieser
Häfen.
Neue Befestigungen
auf Enholmen
Wenn der
Hafen von Slite von den Kriegführenden als verboten akzeptiert werden
sollte, mußte er verteidigt sein. Eine der ersten konkreten Maßnahmen
von schwedischer Seite war, neue Befestigungen auf Enholmen in der Einfahrt
zum Hafen von Slite zu bauen.
Schon im Sommer 1853 wurden Vorbereitungen durchgeführt, und im Herbst
wurden die Anstrengungen noch mal verstärkt. Der König und die
Regierung sahen also offensichtlich die Befestigung als sehr wichtig an.
Beim Bau gab es eine Menge Probleme. Geld und Proviant waren knapp, Transporte
auf die kleine Insel waren aufwendig und die Arbeiter machten die Sache
auch nicht leichter. Es waren vor allem sogenannte Kronarbeiter, Herumtreiber
und andere Zwangsverpflichtete, und für die meisten war es schwer,
sich in die beschwerlichen Arbeitsbedingungen zu fügen.
Erst nach vier Jahren war die Verteidigungsanlage fertig. Sie deckte die
beiden Einfahrten in den Hafen von Slite mit großen aber unmodernen
Kanonen.
Russische
Spionage
Die schwedischen
Zeitungen zeigten vom Beginn des Konfliktes an großes Interesse
an allem, was in Schweden und der Umgebung geschah. Gotland, das "jüngst
inspiziert" wurde, rückte immer mehr ins Zentrum der Ereignisse.
Die "Inspektion", auf die dabei angespielt wurde, war der Besuch
eines russischen Schiffes in Slite am 20. Oktober 1853.
Es war zur Proviantaufnahme nach Slite gekommen. Der Kapitän bestellte
an Land Fleisch, Brot und Kohle, was auch bereitgestellt wurde. Während
das Schiff im Hafen lag und wartete, nahmen die Offiziere an Bord die
Gelegenheit wahr und führten Tiefenlotungen in "Kanonenschußweite"
von Enholmen durch. Nachdem es einige Zeit so gelegen hatte, fuhr das
Schiff wieder auf die See hinaus - ohne Proviant oder Kohle aufzunehmen.
Ein Zeitungskorrespondent vom Festland, der die Ereignisse schilderte,
glaubte den Grund des Besuches zu kennen, nämlich daß
"die russische Regierung Nachricht davon erhalten habe, daß
Maßnahmen ergriffen wurden, die Einfahrten nach Slite zu befestigen,
und nun wissen sollte, wie weit die Arbeiten voran geschritten sind...
um so den Widerstand beurteilen zu können, auf den russische Truppen
stößen, die den Hafen besetzen wollten... Deswegen sollte der
verfluchte Russe auch sofort mit blauen Bohnen bedient werden und nicht
wie jetzt mit Schlachtochsen und Steinkohle..."
Im Juni 1854 besuchte König Oskar Gotland, um die militärischen
Vorbereitungen auf der Insel zu inspizieren. Er stieg in Slite an Land
"unter dem Salut des ganzen Geschwaders, der Festung und der Kanonenboote,
alle Rahen und Relingen bemannt und unter lauten "Hurra!" -
Rufen."
Im Hafen wurde er von den Händlern und Honoratioren des Ortes empfangen,
die zu Erfrischungen in den Enequistska Park luden.
Nach dem Besuch in Slite fuhren der König und seine Begleiter weiter
nach Visby. Dort waren die Truppen zur Inspektion auf Visborgs slätt
aufgestellt. Nach der Parade teilte der König Fahnen aus und sprach
in feierlichen Worten von der ehrenvollen Vergangenheit und den zukünftigen
Taten Schwedens. Als Gotlands Nationalbeväring (etwa: Gotlands Nationalgarde)
ihre Fahne erhielt, unterstrich der König die Bedeutung Gotlands:
"...es gibt keine schönere Pflicht, als für die Verteidigung
der Muttererde und der Heimat alles zu opfern - sogar sich selbst - ...
Wenn der Feind diese herrliche Insel, diese Perle in Schwedens Krone,
vom Mutterland reißen will, dann sollt Ihr Euch willig unter dieser
Fahne sammeln..."
Sieben Jahre später ließen die Offiziere zu Erinnerung an die
Fahnenverleihung den "Oskarsstein" auf Visborgs slätt errichten.
Die Verteidigung
wird verstärkt
Für
die Verteidigung Gotlands reichte die Festung auf Enholmen nicht aus.
Die gotländische Miliz, Nationalbeväring, konnte etwa 8000 Mann
mobilisieren. Auch das war nicht ausreichend. Deshalb verlegte die schwedische
Regierung 2800 Soldaten, vor allem aus Småland, als Verstärkung
nach Gotland. Die Soldaten wurden auf Bauernhöfen einquartiert, von
Atlingbo im Süden bis Rute im Norden. Es war ein großes Problem,
Lebensmittel für die Einquartierten aufzutreiben. Da es im vorhergehenden
Jahr eine Mißernte gegeben hatte, stiegen die Preise für Brot,
Mehl, Erbsen und Fleisch sowie für Heu und Hafer für die Pferde
weit über das normale Niveau. Die Bauern, die Soldaten beherbergten,
halfen aber, wo sie konnten. Die Mannschaften durften ihr Essen in den
Küchen der Höfe zubereiten, üblicherweise aßen sie
auch zusammen mit ihren Gastgebern.
Eine Zeitung vom schwedischen Festland schilderte das kameradschaftliche
Miteinander:
"Das Wohlwollen der Wirte gegenüber den Mannschaften läßt
nichts zu wünschen übrig. In vielen Quartieren ist der Soldat
oft zum Essen eingeladen, und von vielen bekommt er regelmäßig
Lebensmittel oder Dünnbier, worauf der Soldat wie bekannt besonders
viel Wert legt, geschenkt. Für die unerwartete Gastfreiheit der Gastgeber
bedanken sich die Soldaten durch Mithilfe bei der Landwirtschaft, Schnitzereien
und andere kleine Dienste..."
Die Interessen
richten sich auf den Norden
Durch die
Neutralitätserklärung von 1853 hielt sich Schweden aus dem Krieg
heraus. Es ist aber unzweifelhaft, bei wem die Sympathien Oskars I. und
seiner Minister lagen. Der König hatte von alters her gute Verbindungen
zum englischen Königshof, und die Engländer bekamen sogar vertrauliche
Hinweise, welche schwedischen Häfen für die alliierte Flotte
als Ankerplätze geeignet wären.
Die Westmächte wollten Zugang zu einem zentral gelegenen, geschützten
Hafen mit ausreichender Tiefe haben. Er sollte auch gute Möglichkeiten
zur Verproviantierung haben, in der Nähe von Frischwasser liegen
und ausreichende Lagerungsmöglichkeiten für Steinkohle bieten.
Die meisten Kriegsschiffe waren nämlich Dampfschiffe.
Einen solchen Hafen gab es in Fårösund,
"einem Dorf auf der gotländischen Seite des Sundes. Es besteht
aus einem Magazin mit einem hübschen dazugehörenden Wohnhaus,
einer Sägemühle und einem Kalkofen... sowie einem Dutzend kleiner
Hütten",
soweit ein englischer Kapitän. Im Frühjahr 1854 kam ein englisches
Schiff zur Erkundung nach Fårösund. Ein paar Wochen später
kam die englisch-französische Flotte mit etwa 30 Schiffen an. Im
Laufe weniger Tage veränderte sich der Charakter des Ortes vollständig.
Große Mengen an Steinkohle wurden an Land gelagert, das einzige
Wirtshaus des Ortes hatte goldene Zeiten, und die Besatzungen der Schiffe
gruben Brunnen, die umgehend wieder versiegten. Statt dessen mußte
Wasser aus dem Hyli träsk auf Fårö entnommen werden.
Große Mengen Proviant wurden verbraucht. Das meiste kam vom Kalkpatron
Grubb und den Bauern der Umgebung, die dabei gute Verdienste erzielen
konnten. Schlachtvieh weidete auf Skenholmen und auf der Pfarrweide in
Bunge, zum Teil wurde es aber auch im südlichen Gotland aufgekauft.
Zeitweise war es sogar notwendig, Schlachtvieh aus Dänemark zu importieren.
Bei einer einzigen Gelegenheit nahm zum Beispiel die englische Dampfkorvette
"Basilisk" 30 Ochsen, über hundert Kilo frisches Fleisch
und 24 Tonnen Kartoffeln an Bord. Die Ochsen wurden mit einem Seil um
die Hörner lebend an Deck gezogen und dort geschlachtet. Der ganze
Abfall, Häute und Eingeweide, wurde von der Besatzung über Bord
geworfen.
All dies ging in einem Land vor sich, das sich als neutral erklärt
hatte. Aber es war den kriegführenden Mächten tatsächlich
erlaubt, schwedische Häfen anzulaufen, um Versorgungsgüter aufzunehmen.
Das sagte die schwedische Neutralitätserklärung aus. Die einzige
Ausnahme waren Güter, die für die Kriegführung wichtig
sein konnten. Merkwürdigerweise war Steinkohle keines dieser Güter.
Damals war
Leben in Fårösund
Für
Fårösund und Gotland wurde dies eine hektische Zeit. Sowohl
gotländische als auch festländische Zeitungen hatten Korrespondenten
vor Ort, um die ungewöhnlichen und zweifelsohne sehr farbigen Szenen
zu schildern:
"Das Schauspiel hier war ungewöhnlich, lebendig, kriegerisch
und schön! Der Strand wimmelte von Menschen: Uniformen, Bauerntrachten,
Frauen, Kinder, Soldaten, Matrosen und junge Männer, Wagen vielerlei
Art - bei der Infanterie waren Trommeln zu vernehmen; Jagdhörner
und Kanonenschüsse auf den Kanonenbooten. Die Offiziere, allesamt
treffliche Männer, waren gestern bei dem Händler E.J. Grubb
eingeladen. Alles war von Vertraulichkeit und Lebendigkeit geprägt.
- Die Besatzungen der Boote sind junge und patente Männer, die auch
hinsichtlich ihrer Bekleidung gut ausgerüstet sind."
Eine Woche später berichtete der Reporter wieder :
"Hier ist ein Leben, ein Durcheinander wie seit Menschengedenken
nicht. Schiffe, große, bewaffnete und dampfende Fahrzeuge, kommen
und gehen, und die Engländer laufen in großen Mengen durch
den Ort. Proviant und andere Versorgungsgüter werden besorgt, Wäsche
gewaschen, "Monny" (Geld) ist in großer Menge vorhanden.
Man spekuliert, liefert, verdient und hat es eilig; alte Freunde und Nachbarn
haben kaum noch die Zeit, einander zu begrüßen... wahrscheinlich
gehen auch bald die Bestände an Heringen und Kartoffeln zur Neige.
Aber seid unbesorgt! Kommt Zeit, kommt Rat..."
Die Kontakte zwischen der seßhaften Bevölkerung und den vielen
Ausländern lagen nur auf der geschäftlichen Ebene. Zwar war
der Patron Grubb, der ein bißchen Englisch konnte, bei verschiedenen
Festlichkeiten ein großzügiger Gastgeber für die alliierten
Offiziere, aber zwischen den Bewohnern von Fårösund und den
Mannschaften der Schiffe gab es keine Kontakte. Wenn man den Gewährsleuten
glauben darf, gibt es keinen Nordgotländer, der Abkömmling eines
ausländischen Besuchers ist.
Die einzigen Klagen, die auf Seiten der Gastgeber laut wurden, waren angebliche
Diebstähle von Brennholz, Kartoffeln, Rüben und Lämmern.
Die Schlägereien betrunkener Seeleute waren oft die Folge interner
Streitigkeiten.
Die alliierte Flotte brachte Leben, Geld und Wirtschaftskraft nach Fårösund.
Während des Krieges liefen mehr als 200 Dampfschiffe, 168 Kohlenfrachter
und etwa 70 andere Schiffe den Hafen an. Aber dorthin kamen auch Krankheiten
und Trunksucht. In einem Leserbrief an eine gotländische Zeitung
beklagte sich "ein im nördlichen Teil der Insel wohnhafter Mann"
über das wilde Leben im "Wirtshaus", ein "Treibhaus
der Liederlichkeit, des Lasters und des Elends":
"Eines Sonntags ging ein Teil der Besatzung - etwa 25 bis 30 Mann
an der Zahl - des englischen Dampfschiffs "Porcupine" an Land,
und nach reichlichem Verzehr im hiesigen Wirtshaus, endete ihr Ausflug
mit einer Schlägerei, wie sie der Ort noch nicht gesehen hat. Matrosen
der Kriegsmarine und Marinesoldaten schlugen einander mit Fausthieben
auf die gräßlichste Art nieder: es war schrecklich, die blutigen,
zerschlagenen Gestalten mit ihren zerrissenen Kleidern, und die rot-bejackten
Marinesoldaten mit abgerissenen Schulterepauletten und anderem Uniformschmuck
hier und dort auf dem Boden verstreut zu sehen. Dieses Schauspiel endete
nicht, bevor nicht einige der Teilnehmer bewußtlos am Boden lagen
und daß die meisten Kämpfer fast nackt und nur noch in Lumpen
dastanden. Wenn ein solcher Tumult eintrifft, wenn nur ein kleines Schiff
im Hafen liegt, was sollen wir dann erwarten, wenn hier ein Dutzend englische
Kriegsschiffe liegen, deren Besatzungen aufeinandertreffen, um miteinander
zu saufen und zu trinken..."
Cholera
Ende August
1854 kam auch die Cholera nach Fårösund. Die großen Menschenmassen
- viele Schiffe hatten mehr als 1000 Mann an Bord - , die unzureichende
Hygiene und Unwissenheit trugen dazu bei, daß sich die Seuche schnell
verbreitete. Es ist unbekannt, wie viele Matrosen starben. Viele Tote
fanden ihre letzte Ruhestätte im Meer, andere auf eigens dafür
angelegten Friedhöfen. Der schönste von ihnen liegt bei Ryssnäs
auf Fårö.
Auf Ryssnäs wurden auch zwei Cholerakrankenhäuser angelegt,
in Fårösund errichtete Grubb ein Lazarett, die "französische
Kaserne". Die alliierte Flotte hatte ein Lazarettschiff, die Belle
Isle, die vor der kleinen Insel Bungeör vor Anker lag. Die Rekonvaleszenten
durften auf der Insel umherspazieren, um frische Luft und Sonne zu bekommen.
Der erste erkrankte Bewohne von Fårösund war eine Frau, Frau
Lerbom, die für die Besatzung eines englischen Schiffes Kleidung
gewaschen hatte. Sie verstarb nach kurzer Krankheit. Nach weiteren Infektionen,
wurden die Häuser der Infizierten abgesperrt und der Hafen wurde
durch einen von Soldaten von Gotlands nationalbeväring bewachten
Zaun isoliert. Zwei Ärzte, ein Schwede und ein Engländer, arbeiteten
zusammen, um den Kranken zu helfen.
Dank der strengen Vorschriften schafften es die Behörden, die Epidemie
einzugrenzen. Offiziell erkrankten 35 Einwohner von Bunge, aber wahrscheinlich
wiesen mehr Menschen leichte Symptome der Krankheit auf. Etwa 20 Menschen
starben an der Cholera, abgesehen von den Todesfällen unter den englischen
und französischen Soldaten und Seeleuten.
1856 schlossen die kriegführenden Parteien Frieden, ohne daß
es eigentlich zu einer Entscheidung gekommen war. Der Krimkrieg war vorbei
und Fårösund konnte wieder zum Alltag zurückkehren.
Neue Äcker,
neue Werkzeuge, neue Pflanzen
Zu Beginn
des 19. Jahrhunderts wirtschafteten die gotländischen Bauern immer
noch nach dem Selbstversorgungsprinzip. Zusammen mit ihren Familien erzeugten
sie fast alles, was sie zum Leben brauchten, auf dem eigenen Hof. Einige
Waren wie Salz, Eisenwaren, Kleider, Kaffee und Kräuter mußten
sie aber trotz allem in Visby einkaufen. Üblicherweise tauschten
sie diese Waren aber gegen Getreide, Fleisch, Eier, Wolle und andere Erzeugnisse
des eigenen Hofes ein, Bargeschäfte waren selten. Die Bauern waren
deshalb im Rahmen eines umfassenden Kreditsystems von einem oder mehreren
Händlern abhängig. Dies System hatte mehrere hundert Jahre lang
funktioniert, erst im 19. Jahrhundert wurde diese traditionelle Ordnung
durchbrochen.
Auf den Höfen lebten viele Menschen. Außer dem Bauern und seiner
Frau lebten und arbeiteten oft ein oder mehrere Söhne, Töchter,
die Großeltern und auch Geschwister des Bauern auf dem Hof. Auch
Knechte und Mägde wurden zur Familie gerechnet, und es war nicht
ungewöhnlich, daß ein Haushalt aus 15 oder 20 Personen bestand.
Männer, Frauen und Kinder nahmen alle an der Arbeit auf dem Hof teil.
In jeder Jahreszeit gab es eine bestimmte Aufgabe - Aussaat, Heuernte,
Ernte, Arbeit im Wald und Fischfang. Eine Bauersfrau hatte während
der schnellen landwirtschaftlichen Entwicklung im 19. Jahrhundert bestimmt
keine leichte Aufgabe. Sie mußte sich um viele verschiedene Aufgaben
kümmern - Kochen, Arbeit auf Wiesen und Äckern, Melken, das
Einbringen der Ernte und das Herstellen von Gebrauchsgegenständen
und Kleidern.
Im Winter kämmten die Frauen Wolle, sponnen und nähten, und
die Webstühle krachten unter dem Weben von kräftigem Fries für
die Kleider der Männer und von Wolle für die Frauen. Um den
Monatswechsel Juli-August gab es bei der Roggenernte viel zu tun:
"Der Roggen wird hell und nun kann er geerntet werden. Die Männer
mit ihren Sensen und die Frauen mit ihren Haken für den Roggen sammeln
sich auf dem großen Feld. Nun folgen ein paar harte Tage, vor allem
für die Frauen, die der Sense nachgehen - eine Frau hinter jedem
Mann - und die den Roggen in Bündeln zusammenbinden. Frauen zwischen
16 und 70 Jahren sind dabei, Garbe nach Garbe wird aufgestellt und am
Ende des Feldes sieht man den Schweiß fließen, die Brust hebt
und senkt sich und das Herz ringt nach Luft. Die armen Frauen! Sie erleben
alles andere als faule Tage unter der heißen Augustsonne. Am Ende
des Feldes wird nicht lange ausgeruht, das große Feld liegt noch
vor uns, erneute Arbeit ist die Parole. Niemand will langsam arbeiten,
das wird als peinlich empfunden. Ihr heutigen Bauernmädchen und Ihr,
die ihr in den Städten flaniert, denkt mal an die harte Arbeit, die
die Frauen damals hatten. Eins kann ich Euch versichern: Ihr bräuchtet
nicht nach Schweißbädern - die ja als gesund angesehen werden
- in Saunas, bei Radtouren und auf der Tanzfläche suchen, sondern
bekämt das umsonst auf dem Acker."
Im 19. Jahrhundert lebte die Landbevölkerung ein stilles Leben. Noch
gab es keine brummenden Traktoren und Mähdrescher, und keine Busse
und Autos donnerten die Straßen entlang. Die Kraftquellen, die es
gab - Muskeln, Wind und Wasser - verursachten keinen Lärm.
Ein Bauer berichtet:
"Zwölf Uhr mittags ist das Läuten der Mittagsglocke zu
hören und dann ist es Zeit für die Mittagspause. Im Kirchspiel
gab es auf dem ein oder anderen Hof Mittagsglocken, oder besser gesagt
Suppenglocken. Unsere Äcker lagen so, daß man an einem stillen
Sommertag bis zu sieben Suppenglocken gleichzeitig hören konnte -
jede in ihrer eigenen Tonart."
Urbarmachungen
Nach langem
Zögern nahmen die gotländischen Bauern nun etwas von der Kritik
an, die von verschiedenen Seiten gegen ihre unmodernen landwirtschaftlichen
Methoden vorgebracht wurden. Ihr Mißtrauen gegen alles Neue ließ
langsam nach. Sie kämpften zwar noch lange für ihre traditionellen
Methoden, aber viele sahen ein, daß man die Neuigkeiten und Reformen
akzeptieren mußte, die nun geschahen. An der Spitze standen einzelne
Unternehmer, Bürger Visbys, Kalkpatrone, Priester und Gotlands läns
hushållningssällskap.
Die Folge war eine umfassende Änderung der gotländischen Landwirtschaft,
die sich auf vielerlei Weise zeigte. Einige Bauern konnten es sich leisten,
ihre Häuser um ein Stockwerk aufzustocken und ihre Zimmer mit Tapeten
und Spiegeln in goldenen Rahmen zu schmücken. Sie fuhren in die Stadt
und kauften festliche Kleider; sie fingen an, Kaffee, Tee, Wein und Punsch
zu trinken. Aber durch harte Arbeit veränderten sie auch die gotländische
Landschaft.
Zwischen 1805 und 1860 wuchs die Ackerfläche auf Gotland von etwa
15000 ha auf das Doppelte. Bis 1900 hatte sie sich noch einmal verdoppelt,
auf fast 64500 ha. Heute ist sie 83000 ha groß. Den Boden für
die neuen Ackerflächen gewannen die Bauern aus Wiesen, Koppeln und
Mooren.
Die gotländischen Wiesen waren sehr weitläufig, aber oft recht
vernachlässigt. Im Verhältnis zu ihrer Größe lieferten
sie wenig nahrhaftes Futter. Die Wiesen wuchsen oft auf schweren Böden,
deren Bearbeitung vielen Bauern zu mühsam und teuer war. Von 1850
bis 1900 sank die Wiesenfläche von 35000 auf 31000 ha.
Aus den Mooren konnten die gotländischen Bauern viel Ackerboden gewinnen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ihr Anteil an der Gesamtfläche
doppelt so groß wie das bestellbare Ackerland. Das Trockenlegen
von Mooren war nichts Neues. Schon Karl X. Gustav hatte dafür geworben,
und im 18. Jahrhundert hatten mehrere Landshövdinge eifrig für
die gleiche Sache propagiert. In kleinerem Umfang wurde auch der ein oder
andere Versuch durchgeführt, aber sie mißlangen alle mehr oder
weniger.
Jetzt gab es neue Erkenntnisse über das Trockenlegen von Mooren,
und eine umfassende Kampagne wurde gestartet, die das Augenmerk auf die
Ressourcen lenken sollte, die in den gotländischen Feuchtgebieten
verborgen waren. Der Händler E.I. Grubb führte die ersten großen
Drainagearbeiten im Moor von Kajlung im Kirchspiel Lärbro durch.
Nach dem Trockenlegen konnte er Gerste und Timotheusgras (Timotej) mit
ordentlichen Erträgen anbauen, aber die Ernten wurden nach einigen
Jahren immer schlechter, und am Ende wurde der Boden wieder der Natur
überlassen.
1845 gründeten einige Unternehmer Gotländska Myrodlingsbolaget
(etwa: Gotländisches Moorkultivierungsunternehmen). Das Unternehmen
kaufte einige Moore, und zwischen 1846 und 1854 wurden große Teile
der Moore bei Elinghem, Rone und Martebo entwässert. Später
wurden hier Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Raps, Timotheusgras, Kohl und
Rüben angebaut. Bei Rone versuchte das Unternehmen auch, Futterpflanzen,
Tabak und Zichorie anzubauen. Nach einigen Jahren wurden aber auch diese
Böden unbrauchbar, und sie wurden nicht mehr landwirtschaftlich genutzt.
Die ersten Versuche, die gotländischen Moore zu nutzen, schlugen
also fehl. Die Kosten waren hoch, die Experten waren sich über die
Methoden nicht einig und vor allem fehlte es an Kunstdünger. Erst
als dieser in den 1880er Jahren üblich wurde, konnten die Moorböden
bessere Erträge liefern. Deshalb dauerte es noch bis ins nächste
Jahrzehnt, bevor wieder in größerem Maßstab Drainagen
in Angriff genommen wurden. Neue Interessenten fuhren dort fort, wo die
Alten aufgehört hatten, es wurde leichter, Geld vom Staat oder Landsthing
zu leihen und man wußte mehr über das Trockenlegen von Mooren.
Eine große Feuchtfläche wie das Moor von Martebo wurde wieder
interessant, und 1901 begann man, das Mästermoor im südlichen
Gotland zu entwässern.
Kartoffeln,
Zuckerrüben, Dreschmaschinen und Wendepflüge
Die gotländischen
Bauern bekamen im 19. Jahrhundert nicht nur mehr Ackerland. Sie bestellten
die neuen Böden auch mit neuen Werkzeugen und säten neue Nutzpflanzen
aus. Der Getreideanbau wuchs kräftig, und endlich blieb auch etwas
für den Export über. Kartoffeln, Futterrüben, Raps und
Zuckerrüben waren wichtige Elemente in der variablen Nutzung der
Ackerflächen, die sich jetzt durchsetzte. Vor allem die Zuckerrüben
brachten Geld ein, aber das erforderte einige gemeinsame Investitionen.
Diese wiederum führten zu weiterer Mechanisierung und zum Ausbau
der Veredlungsindustrie und der Infrastruktur.
Es wurde immer üblicher, Werkzeuge aus Eisen zu verwenden. Die Bauern
ersetzten den uralten Häufelpflug - "Spitzpflug"- durch
moderne Wendepflüge, die im Gegensatz zum Häufelpflug die oberste
Bodenschicht wendeten. Pflügewettbewerbe, die von der Landwirtschaftskammer
organisiert worden waren, demonstrierten die Überlegenheit des Wendepfluges,
und um 1900 wurde der Häufelpflug nur noch für den Kartoffelanbau
verwendet. 1855 waren auf den gotländischen Äckern die ersten
Sämaschinen zu sehen, etwas später kamen Mähmaschinen dazu.
1880 entwickelte ein Gotländer einen sogenannten "Turbolator",
der Drainierungsarbeiten erleichterte.
Mit dem Humusförderer (von den Gotländern "fåisu"
genannt) konnten die Bauern endlich die bei den Drainagen anfallende Erde
fortschaffen. Das Klappern der Dreschflegel auf dem Boden wurde vom Knirschen
der Dreschmaschinen abgelöst. Die Dreschmaschinen waren ein wichtiges
Element in der Rationalisierung der Landwirtschaft, und sie leisten die
Arbeit von 1000 Manntagen. Viele Gotländer gelangten zu großem
Geschick beim Bau von Dreschmaschinen. Einige konnten ihr Wissen nicht
nur in andere Teile Schwedens, sondern auch ins Ausland exportieren.
Auch die traditionell wichtige Viehwirtschaft ging besseren Zeiten entgegen.
Im 18. Jahrhundert hatte sie einige herbe Rückschläge erlitten,
als es sich mehr lohnte, Getreide für Branntwein anzubauen. Mit der
Landwirtschaftskammer als treibende Kraft kam es nun zu einer Renaissance
der gotländischen Viehwirtschaft. Intensive Züchtungen wurden
durchgeführt, und das Interesse wurde durch Auszeichnungen, Wettbewerbe
und Vereine gefördert. Größere Wirtschaftsfreiheit und
eine bessere Infrastruktur verbesserten die Absatzmöglichkeiten,
die Preise stiegen und neue Erkenntnisse in Tierhaltung und -medizin erhöhten
die Qualität des Viehs.
Gleichzeitig taten die gotländischen Landwirte einen vorsichtigen
Schritt in die Epoche der Industrialisierung. 1868 wurde die erste Molkerei
auf der Insel errichtet, 1885 stellte die Brennerei in Klintehamn mehr
als 420000 Liter Branntwein her, 1891 wurde eine Malzfabrik in Visby gegründet,
um die hervorragende Gerste der Insel nutzen zu können. Drei Jahre
nahm die Zuckerfabrik in Roma ihre Arbeit auf, und kurz vor der Jahrhundertwende
1900 begann die Konservenfabrik in Ekeby, Erbsen, Bohnen und Spinat zu
konservieren. Etwas später wurde Klintebys AB in Klintehamn etabliert.
1901 nahm das neu gegründete Schlachthaus in Visby zum ersten Mal
Rinder, Schweine und Schafe an.
Die Flurbereinigung
Die Fortschritte
in der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert hatten viele Gründe. Die
Aufklärung, bessere Lesefertigkeiten, Propaganda, Landwirtschaftsschulen,
neue landwirtschaftliche Methoden, neue Werkzeuge und Nutzpflanzen, Kunstdünger
und eine verbesserte Infrastruktur trugen zu der positiven Entwicklung
bei. Von besonderer Bedeutung war, das die gotländische Landwirtschaft
endlich der Aufsplitterung des Eigentums Herr wurde.
Der Grundbesitz vieler Haushalte war durch Erbschaften, Käufe, Schenkungen
oder Heirat weit verstreut. Es gab Höfe, die Grundbesitz an zwanzig
bis dreißig verschiedenen Orten hatten, oft in mehreren Kirchspielen.
Viele Bauern hatten unnötig lange Wege zu ihren Äckern, manche
bis zu 15 Kilometern.
Unter solchen Verhältnissen war es schwer, rationelle Landwirtschaft
zu betreiben. Eigeninitiative war schwer, denn der faulste Bauer bestimmte
den Takt. Es war ebenso schwer, neue Methoden einzuführen und neue
Äcker anzulegen. Zwar hatte Landshövding von Segebaden schon
im 18. Jahrhundert versucht, die Bauern zu einer Zusammenlegung ihres
Eigentums zu größeren Einheiten zu bewegen, aber seine Anstrengungen
führten zu keinen nennenswerten Resultaten.
1827 wurde eine Verordnung erlassen, nach der eine Flurbereinigung durchgeführt
werden solle. Die Behörden waren bestrebt, die Anzahl der kleinen
Äcker zu begrenzen. Ein Hof, ein Stück Land - so hieß
das Ziel. Die gotländischen Bauern protestierten wie gewöhnlich.
Es würde zu teuer, viele müßten ihre Höfe verlegen
und im schlimmsten Fall würde man viel schlechteren Boden als jetzt
bekommen.
Trotz aller Proteste und Sonderbestimmungen war 1885 die Flurbereinigung
auf Gotland zur Hälfte durchgeführt. Etwa 15 Landvermesser waren
mit dieser wichtigen Aufgabe beschäftigt. Fast alle betroffenen Bauern
fühlten sich ungerecht behandelt. Viele Landvermesser wurden bedroht
und der Korruption beschuldigt. Die gotländischen Volksmärchen
bekamen einen neuen Geist - den unseligen Landvermesser, der einen Bauern
betrogen hatte und nun keine Ruhe fand. Wenn der Nebel die gotländische
Landschaft in seinen weißen Schleier hüllte, konnte man ihn
herumstreifen und mit seiner Vermessungskette rasseln sehen.
Die Flurbereinigung führte zu neuem Schwung in der Landwirtschaft,
und die Urbarmachung neuer Böden nahm zu. Der Grundbesitz wurde konzentriert
und die Äcker größer. Viele Bauern mußten ihre Höfe
aus den alten Siedlungen in die Nähe ihrer neuen Felder verlegen
und dazu neue Gebäude und Wege bauen. Die gotländische Landschaft
und ihre Bebauung bekam einen neuen Charakter.
Im Wald arbeiten
und das Leben für ein wenig Fisch auf's Spiel setzen
Ein wichtiger
Kritikpunkt an der gotländischen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert
war die sogenannte "Vielbeschäftigung". Die gotländischen
Bauern arbeiteten im Wald, brannten Teer und Kalk, fischten und jagten.
Natürlich waren sie "viel beschäftigt", aber für
die meisten ging es dabei tatsächlich um einen lebensnotwendigen
Nebenverdienst. Holz, Teer, Kalk und Fisch brachten den Bauern oft mehr
ein als reine Landwirtschaftsprodukte wie Getreide, Fleisch und Wolle.
Gerade der Wald war auf mehrere Weise wichtig. P.A. Säve schreibt:
"Diejenigen mit Waldbesitz beschäftigten sich kaum mit etwas
anderem... Es ging nur darum, Bäume zu fällen und zu behauen,
und dazu kam das Vergnügen, bei der Säge oder am Weg auf seinen
Stämmen zu ruhen, Abenteuer mit Gleichen zu erleben und als Kutscher
"Hurra" rufend umherzufahren..."
Aus Säves Blickwinkel war die Arbeit im Wald eine Belastung für
die Landwirtschaft, aber aus dem Wald bekamen die Bauern Bauholz für
ihre Häuser und für den Verkauf. Aus dem Wald kam das Brennholz
für das Teer- und Kalkbrennen und für den eigenen Herd. Dort
gab es auch Weideflächen für Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde.
Das meiste Bauholz sägten die Bauern selbst mit ihren eigenen Sägen
- um 1850 gab es davon etwa 200. Normalerweise handelte es sich um Rahmensägen,
die von Wasserkraft oder von Pferden angetrieben wurden, aber 1855 führte
der Schotte Alexander Graham die dampfbetriebene Kreissäge auf Gotland
ein. Graham kaufte Wald und ganze Höfe, um so viel Bauholz wie möglich
zu bekommen. Seine Tätigkeit hatte am Ende industriellen Charakter,
es galt, so viel wie möglich aus dem Wald herauszuholen, ohne an
die Folgen zu denken.
Viele waren auch darüber beunruhigt, wie schlecht die Wälder
gepflegt wurden. Die Behörden versuchten ohne größeren
Erfolg, dieses Problem mit Gesetzen und Verordnungen zu lösen. Der
immer schlechtere Zustand der Wälder führte dazu, daß
man nach anderen Brennstoffen suchte, nicht zuletzt für den eigenen
Herd - auf Gotland wurden um 1850 allein für den häuslichen
Bedarf 22000 Kubikmeter Brennholz benötigt.
Torf war die naheliegendste Alternative. Er war in großen Mengen
in den gotländischen Mooren vorhanden. In den 1860er Jahren stellte
der Landsthing Mittel zur Torfgewinnung zur Verfügung, Maschinen
wurden angeschafft, die aber schnell zu teuer wurden. 1874 kamen einige
Torfstecher aus Schonen auf die Insel, um die "schonische Torfbehandlungsmethode"
zu demonstrieren. Ein Unternehmen wurde gegründet und mehrere Gotländer
wurden angestellt. Anfangs war Torf als Brennstoff sehr beliebt, aber
viele hörten schnell auf, Torf zu verwenden, da er nicht sehr effektiv
war. Mit verbesserten Methoden kam Torf aber im folgenden Jahrhundert
noch einmal als Brennstoff auf.
Fischfang war ein weiterer wichtiger Nebenerwerb für die gotländischen
Bauern. Die Meeresfischerei dominierte, die die Bauern von mehr als 100
kleinen Fischersiedlungen entlang der gotländischen Küste aus
betrieben. Nur in Visby und einigen Landhäfen gab es Berufsfischer.
Die Fischersiedlungen mit ihren kleinen, niedrigen Hütten aus Stein
oder Holz und Stegen wurden fast nur von den Männern benutzt. Die
Frauen konnten natürlich bei der Verarbeitung der gefangenen Fische
helfen, aber an vielen Stellen waren sie nur willkommen, wenn sie den
Männern Essen brachten. Der Fischfang hatte auch eine soziale Funktion,
in den Fischersiedlungen trafen die Männer andere Männer, tauschten
Neuigkeiten und Erfahrungen aus, diskutierten und klatschten. In den Pausen
kümmerten sie sich zudem oft um einige magere Strandäcker oder
sie amüsierten bei verschiedenen Spielen.
Der Fischfang im Meer war kein Vergnügen. sondern eine bittere Notwendigkeit.
Die gotländischen Bauern verwendeten selbstgebaute, offene Boote
mit zwei bis vier Mann Besatzung, sogenannte Zwei-, Drei- oder Viermänner.
Der Fischfang war oft eine gefährliche Tätigkeit in Sturm und
Kälte, und die Boote waren manchmal mit Werkzeugen und gefangenen
Fischen bis an die Grenze beladen. Viele kamen nie von ihren Fahrten zurück,
sie blieben auf dem Meer.
Der wichtigste Fisch war Hering. Die Heringsfischerei hatte auf Gotland
eine lange Tradition und wurde in verschiedenen Perioden von April bis
Dezember betrieben. Oft gab große Fänge, manchmal so groß,
daß man den Fang abbrechen mußte, weil man so viele Fische
nicht verarbeiten konnte. Dieses Problem wurde 1866 teilweise gelöst,
als die Herta Einsalzungsfabrik gegründet wurde. Dank dieser Fabrik
wurde nun auch gesalzener Hering exportiert, und schon zwei Jahre später
konnten 2500 Fässer Fisch ausgeführt werden. Die Einsalzungsfabrik
war etwa 20 Jahre in Betrieb. Mit besseren Methoden und Werkzeugen wuchs
der Dorschfang. In den 1860er Jahren kam ein Fischer aus Bohuslän
auf die Insel, um den Gotländern beizubringen, wie man mit diesem
nützlichen Fisch umzugehen hatte. Zu dieser Zeit wurde auch Lachs
interessant. Ein Unternehmen zum Lachsfang wurde gegründet, und einige
erfahrene Fischer aus Öland und Blekinge halfen bei den ersten Schritten.
Die Festländer zeigten ihren gotländischen Kollegen, wie man
mit größeren, gedeckten Booten und speziellen Lachsnetzen fischte,
und schon nach kurzer Zeit war ein lohnender Lachsfang in Gang gekommen.
Der größte Teil des Fangs wurde nach Stockholm exportiert.
Die Fischerei wurde allmählich zu einem Beruf. Die Bauern hatten
auf lange Sicht nicht genug Zeit, um sich in größerem Ausmaß
der Hochseefischerei zu widmen, sie wurden auf den Äckern gebraucht.
In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts konnte Gotland zudem immer
mehr Fisch exportieren, nachdem es früher norwegischen Hering importiert
hatte.
In moderner Zeit hat die Jagd auf Gotland keine wichtige Rolle gespielt.
Eine Ausnahme war vielleicht die Seehundjagd bei Näs und auf Fårö.
Noch um 1850 resultierte sie in einem wirtschaftlichen Zuschuß von
jährlich einigen tausend Reichstalern.
Hasen, Rebhühner, Waldschnepfen, Sumpfschnepfen und Seevögel
waren ansonsten die häufigste Beute. Unter den Waldvögeln verschwand
das Birkhuhn im 19. Jahrhundert fast ganz, und die vielen trockengelegten
Seen und Moore bedrohten andere Arten. Versuche, Rehwild oder Auerhähne
anzusiedeln, schlugen fehl.
Um das jagdbare Wild zu schützen, versuchten Behörden und Grundbesitzer
gemeinsam, alle "Raubtiere" auszurotten. Zwischen 1860 und 1900
wurden jährlich etwa 10 Adler getötet. Allein im Jahre 1891
bezahlten die Behörden Abschußprämien für 95 Seehunde,
170 Füchse, 25 Adler, 171 Hühnerhabichte, 266 Sperber und 1083
Krähen.
Märkte,
Kaufläden und Banken
Im Laufe
des 19. Jahrhunderts wurde ein weiteres Problem der gotländischen
Bauern gelöst - die Abhängigkeit von den Kaufleuten aus Visby.
Das viele hundert Jahre alte System des Tauschhandels und des Kredits
in den staatlichen Kaufläden wurde gelockert. Ein Versuch in diese
Richtung war die Einrichtung von Märkten auf dem Land. So etwas hatte
es früher auch schon gegeben, aber sie hatten nie größere
Bedeutung erlangt.
Nun bekamen die Menschen auf dem Land erneut die Möglichkeit, direkt
miteinander zu handeln, zuerst auf Södra Byrummet außerhalb
Visbys und Sandesrum in Grötlingbo 1834, später auch in Slite
(1837), Östergarn (1857) und Klintehamn (1862). Die Behörden
genehmigten auch sogenannte Großmärkte in Hemse und Stånga
1880, Kräklingbo 1882 und Burgsvik 1884.
Die Märkte erleichterten vor allem den Viehhandel, aber sie bekamen
auch große Bedeutung für den Verkauf anderer Produkte. Darüber
hinaus hatten sie eine soziale Funktion als Treffpunkte für Nachbarn
und Auswärtige, sie trugen zur Verbreitung von Neuigkeiten bei und
waren oft auch der Rahmen für verschiedene Vergnügungen.
Auch auf andere Weise sank die Bedeutung der Stadt. Schon in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts bekamen Privatpersonen die Möglichkeit,
Kaufläden in den Landhäfen von Kappelshamn, Fårösund,
Kyllej, Slite, Katthammarsvik, Ljugarn, Ronehamn, Burgsvik und Klintehamn
zu eröffnen. Von alters her gab es an diesen Plätzen gewisse
Industrie, vor allem Kalköfen. Nun konnten die Kalkunternehmer ihr
Geschäft ausweiten, indem sie auch andere Waren kauften und verkauften.
Mehrere Kaufleute aus Visby verlegten, von guten Gewinnaussichten gelockt,
ihr Geschäft auf das Land. 1875 gab es 88 etablierte Landhändler
auf Gotland, darunter drei Frauen.
Die Landhäfen entwickelten sich immer mehr zu richtigen Ortschaften.
Die verbesserte Infrastruktur trug in der letzten Hälfte des Jahrhunderts
dazu bei. Die Eisenbahn schuf die Voraussetzungen für das Wachstum
von neuen Siedlungen wie Roma und Hemse. Der zukünftige Zentralort
des südlichen Gotlands konnte Besuchern noch nicht viel zeigen, aber
mehrere wichtige Einrichtungen für einen Ort verhießen eine
glänzende Zukunft.
"Der Platz besteht wie auf dem Land üblich aus einigen verstreuten
Häusern und Höfen, die Hemse ein unregelmäßiges und
nicht besonders schönes Aussehen geben... in Hemse gibt es die Volkshochschule
des Läns... eine recht große Apotheke, eine Post und zwei Kaufläden...
es gibt zwei Wirtshäuser", teilte 1886 ein Zeitungsreporter
mit.
In dem gleichen Artikel über Hemse konnten die Leser auch erfahren,
daß "der Handel im Winter ziemlich flau ist, da die Bauern
und Landwirte im Allgemeinen kein Geld haben. Der Handel wird hauptsächlich
auf Kredit betrieben." Das ewige Dilemma der gotländischen Bauern
gab es also immer noch, aber es war weniger schlimm und hatte sich von
Stadt auf die Landhändler verlagert.
Die Märkte waren einer von mehreren Versuchen, dieses Problem zu
lösen, ein anderer sollte das Sockenmagasin (etwa: Gemeindespeicher)
werden. Eigentlich waren die Gemeindespeicher für die Lagerung von
Saatgut für Notzeiten gedacht. Die Bauern, die sich an dem Speicher
beteiligten, konnten Getreide für die Aussaat und manchmal auch zum
Brotbacken leihen. Durch den Verkauf von überschüssigem Saatgut
entstand zuletzt auch eine Barkasse, die mitunter hohe Beträge enthalten
konnte. Die Bauern konnten aus dieser Kasse Kredite erhalten, unter anderem
für neues Ackerland.
Gleichzeitig konnten die Teilhaber oft ihre Steuerlast senken, denn aus
der Kasse des Speichers wurden auch Mittel für die Armenpflege oder
die Schule des Kirchspiels bereitgestellt. Um 1850 hatten alle Kirchspiele
auf Gotland ein Sockenmagasin. Auf Gotland hatte diese genossenschaftliche
Organisationsform die größte Bedeutung, und hier konnte sie
sich am längsten halten.
Langfristig sollten Banken die Barkassen der Gemeindespeicher ersetzen.
Die Ressourcen wurden auch deutlich größer. 1830 richtete die
DBW-Gesellschaft eine Bank ein, die folgende Reklame für die Segnungen
des Sparens machte:
"Wenn man täglich 3 Öre beiseite legt und diesen Betrag
einzahlt, in der Woche sind das 21 Öre, ist man am Jahresende der
Besitzer von fast 11 Kronen, wozu noch der Zinsgewinn kommt. Und wenn
man nun 10 Jahre so weiter macht, hat man 110 Kronen erspart, oder bei
Berücksichtigung des Zinsgewinns, etwa 150 Kronen..."
1851 eröffnete die Reichsbank ein Büro ein Visby, etwas später
bekam die Stadt auch eine Hypothekenbank und 1868 nahm Gotlands Enskilda
Bank ihre Tätigkeit auf. Einige Jahre früher war der Vorschlag
aufgekommen, eine Läns-Sparkasse einzurichten, und in den letzten
Jahrzehnten des Jahrhunderts entstand in den gotländischen Kirchspielen
eine Sparkasse nach der anderen. Auch die Entstehung eines immer umfassenderen
Versicherungswesens, nicht zuletzt der Brandkassen, trug zur Schaffung
einer stabileren Gesellschaft bei.
Industrialisierung
- Mißerfolge und Erfolge
In der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Schweden eine Industrienation.
Zur Jahrhundertwende 1900 war fast ein Drittel der Bevölkerung des
Landes in der Industrie beschäftigt, 50 Jahre früher waren es
nur 9% gewesen. Die Entwicklung auf Gotland war ähnlich: von 5% 1850
auf etwa 17% zur Jahrhundertwende.
Die Industrie, die in dieser Zeit auf Gotland entstand, basierte fast
ausschließlich auf den natürlichen Rohstoffen der Insel. Das
galt vor allem für landwirtschaftliche Produkte wie Milch, Gemüse
und Zuckerrüben, aber auch für Kalkstein und Holz. Ein Teil
der Neugründungen war erfolgreich, andere waren ziemlich kurzlebig.
Auf Suder brach man weiterhin Sandstein als Rohstoff für Schleifsteine
und für die Bauindustrie. Im Norden war die Kalk- und Kalksteinindustrie
das wichtigste Element im Wirtschaftsleben. 1847 gaben die Behörden
das Kalkbrennen frei. Das hatte viele Neugründungen vor allem in
Mittelgotland, unter anderem in Buttle, Guldrupe und Etelhem, zur Folge.
1860 wurden 65 Kalköfen auf der Insel betrieben, bei denen etwa 90
Menschen angestellt waren.
1883 begann ein Unternehmen bei Visby eine Zementfabrik zu bauen, die
zweite dieser Art in ganz Schweden. Zwei Jahre später wurde das erste
Mal gotländischer Zement exportiert. Um 1900 hatte die Fabrik etwa
200 Angestellte.
Gegen Ende des Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach rohem Kalkstein.
Viele neue Industrien, auf dem schwedischen Festland und in Deutschland,
benötigten die Steine für ihre Produktionsprozesse, unter anderem
für die Herstellung von Eisen, Papier, sowie Zucker und anderen Lebensmitteln.
Auf Nordgotland eröffneten Privatpersonen und Unternehmen mehrere
neue Steinbrüche, oft in der Nähe der alten Kalköfen und
den dortigen Hafenanlagen.
Marmor, Ziegel,
Streichhölzer und Papier
Kalkstein
war auch der Rohstoff für die Marmorfabrik in Visby. Sie wurde um
1870 von einem unternehmungslustigen Mann namens Wilhelm Klintberg gegründet.
Nachdem er als "mittelloser Jüngling" in seiner Freizeit
begonnen hatte, in kleinem Maßstab Gegenstände aus gotländischem
Marmor herzustellen, konnte er nach und nach auf dem Festland mehr lernen.
Er kehrte nach Visby zurück und begann mit der industriellen Fertigung
von Grabsteinen, Schmuckgegenständen, Möbeln und Fassadenschmuck.
Sein Unternehmen wuchs schnell und bekam schnell viele Kunden, auch auf
dem Festland.
Einer der ehrenvollsten Aufträge der Fabrik war eine große
Lieferung von Baudetails für die Restaurierung der Uppsalienser Doms.
In den 1890er Jahren waren in der Marmorfabrik etwa 100 Arbeiter beschäftigt,
und es wurden Waren im Wert von 70 000 Kronen hergestellt.
Ziegelsteine waren ein anderes stark nachgefragtes Produkt im 19. Jahrhundert.
Sie wurden vor allem in der Bauindustrie und der Landwirtschaft benötigt.
Früher hatte man auf Gotland nie Ziegel hergestellt, aber nach langem
Suchen fand man bei Väskinde ausreichende Mengen geeigneten Lehms,
später auch bei Fröjel und Barlingbo. 1885 stellten 7 Arbeiter
in Barlingbo 90 000 Ziegelsteine und 20 000 Drainagerohre her. Kurz nach
der Jahrhundertwende gab es auch in Havdhem und Martebo Ziegeleien.
Um 1850 kam eine revolutionäre schwedische Erfindung auf den Markt
- das Sicherheitszündholz. Sie legte den Grundstein für eine
Industrie von internationalen Maßstäben. 1873 begann man auch
in Visby mit der Herstellung der begehrten Ware. Nach einigen anfänglichen
Problemen konnten etwa 80 Arbeiter jährlich fast 80 Millionen Streichholzschachteln
mit einem Wert von etwa 100000 Kronen herstellen. Außer den Angestellten
der Fabrik wurden auch viele Kinder, Alte und Gefangene mit der Herstellung
der Schachteln beschäftigt.
Die Streichholzfabrik bot in der Stadt willkommene Arbeitsplätze,
wofür die Leserbriefschreiber in Gotlands Allehanda natürlich
dankbar waren. Gleichzeitig konnte es aber einer nicht unterlassen, etwas
gegen eine andere Neuerung des 19. Jahrhunderts zu sagen - die obligatorische
Schule:
"Dazu führt diese weitere Arbeitsgelegenheit gerade in unseren
heutigen Tagen einen ziemlich großen Nutzen mit sich, oder den,
daß möglichst viele Hände und Köpfe vom allzu übertriebenem
Lesen, das der am weitesten verbreitete und gefährlichste Drache
unserer Zeit ist, zur Arbeit gelockt werden können. Denn durch dieses
ewige Lesen der Kinder der Masse, vom sechsten bis zum fünfzehnten
Lebensjahr, nicht immer zu wirklichem Nutzen, werden viele in jungen Jahren
der Arbeit entwöhnt, besonders der groben, aber wichtigen Arbeit...
So verliert die Jugend zuerst die Lust und dann auch die Fähigkeit
zu arbeiten, die jungen Gedanken eilen oft in gefährliche Richtungen,
in ihrer gefährlichen Beschäftigungslosigkeit werden sie oft
hochmütig, faul durch Kleider, Vergnügungen und Wohlleben, schädlichen
Romanen und Tagedieberei, was immer zu so schlechten Sitten führt..."
In Lummelunda lebten die industriellen Traditionen besonderer Art fort.
Der gleiche Wasserlauf, der im 17. Jahrhundert eine der Voraussetzungen
für die Eisenverhüttung gewesen war, verlockte 1805 einige Händler
aus Visby dazu, hier eine Papierfabrik anzulegen. Es wurden vor allem
Dachpappe und grobes Papier hergestellt. Als Rohstoff wurden Lumpen verwendet.
Nach der Drainage des Martebomoores in den 1850er Jahren, bekam die Fabrik
Probleme mit der Wasserversorgung und wurde um 1885 endgültig geschlossen.
Mechanische
Werkstätten
Die Zeit
und die Entwicklung verlangte auch nach anderen Industrieformen. Nicht
zuletzt galt es, den immer größeren Bedarf der Landwirtschaft
an Werkzeugen und Maschinen zu decken. 1875 gründete ein Unternehmen
namens Graham Brothers eine mechanische Werkstatt in Visby. Fünf
Jahre später beschäftigte sie etwa 50 Arbeiter.
Die Maschinenfabrik war nur etwa ein Dutzend Jahre in Betrieb, aber dann
wurde sie durch die Maschinenfabrik in Fole ersetzt. Während einiger
Jahre wurden erst in Fole und später auch in Visby Sämaschinen,
Häckselmaschinen, Pumpen, Dampfmaschinen, Lokomobile und andere Produkte
hergestellt, die in der gotländischen Landwirtschaft benötigt
wurden.
Nach dem Bau der Eisenbahn, wurden auch Waggons produziert. Die Kundschaft
bestand sowohl aus gotländischen als auch aus festländischen
Eisenbahnunternehmen. 1890 hatte die Fabrik 21 Angestellte und produzierte
Waren im Wert von fast 30000 Kronen. Bis zur Jahrhundertwende expandierte
das Unternehmen kräftig.
Neue Verbindungen
verringern die Abstände
Eine wichtige
Voraussetzung für die schnelle Entwicklung auf allen Gebieten in
den 1880er Jahren waren bessere Möglichkeiten Informationen zu übermitteln
und Kontakte zwischen Menschen herzustellen. Möglichkeiten der Informationsübermittlung
und des Kontakts zwischen Menschen. Neue Berufe wie Briefträger,
Dampfschiffkapitän, Lokomotivführer, Telefonist und Telegraphenbeamter
trugen auf ihre Weise zu besseren Verbindungen und größerer
Gemeinschaft bei. Menschen kamen einander näher und neue Gesellschaften
entstanden. Sie halfen bei der Entwicklung der Wirtschaft, der Verbreitung
von Nachrichten, freudiger und beunruhigender. Für eine Insel wie
Gotland bedeutete die Entwicklung auf dem Gebiet der Kommunikation vielleicht
mehr als für viele andere Teile des Landes.
Früher waren Reisen sehr beschwerlich. Es gab keine Vergnügungsreisen,
und noch bis ins späte 19. Jahrhundert bewegten sich die Leute wie
im Mittelalter fort, zu Fuß oder mit Pferden. Am besten kam auf
Flüßen, Seen und dem Meer voran.
Auf Gotland waren die Wege von ordentlicher Qualität, laut zeitgenössischen
Stimmen gehörten sie zu den besten des Landes. Wie auch anderswo
waren die Bauern dazu verpflichtet, sie im Sommer und im Winter in gutem
Zustand zu halten.
Ein Reisender, der vor dem Bau der Eisenbahn auf dem Landweg von Visby
nach Hemse wollte, konnte das Mitnahmewesen ausnutzen. Entlang des Weges
gab es Rasthäuser im Abstand einiger Dutzend Kilometer. Dort konnte
man Kost, Logis und eine Fahrgelegenheit bekommen. 1870 gab es 56 dieser
Rasthäuser auf Gotland, eigentlich mehr als notwendig. Im Zuge des
Ausbaus der Eisenbahn, verschwanden die meisten von ihnen, aber viele
existierten auch noch bis ins nächste Jahrhundert hinein weiter.
Seefahrt
und Verbindungen mit dem Festland
Etwa bis
1880 wuchs die gotländische Handelsflotte ständig an. Sie bestand
da aus etwa 94 Schiffen, darunter vier Dampfschiffe. Etwa ein Drittel
gehörte Einwohnern Visbys, der Rest Händlern, Kalkpatronen und
Bauern vom ländlichen Gotland. Viele Schiffer hielten Anteile an
den Schiffen, mit denen sie fuhren. Es gab einige sogenannte Teilreedereien,
aber auch einige regelrechte Reedereien.
In Visby, Slite und Klintehamn gab es Werften. Sie wurden normalerweise
nur zum Umbau und zur Reparatur von Schiffen verwendet, komplette Neubauten
waren selten.
Die Seefahrt war wichtig für Gotland. Nicht nur die Besucher, die
auf die Insel kamen, sondern auch der gesamte Im- und Export hing von
guten Verbindungen über das Meer ab. Und Gotland wurde immer mehr
davon abhängig, da sowohl der Handel als der Besucherstrom wuchsen.
Das romantische Visby lockte Künstler und Schriftsteller und allmählich
auch "Badegäste". Ihre Anforderungen zusammen mit den immer
höheren Ansprüchen der ständigen Bewohner der Insel vergrößerten
den Bedarf an einem umfangreicheren Warenangebots in den Kaufläden.
Diese Entwicklung läßt sich an den Importwaren in den 1870er
Jahrennachvollziehen, die meist aus Kolonialwaren wie Zucker, Kaffee und
Tabak, Wein, Salz, Maschinen, Metallen, Tuch, Papier und Ziegelsteinen
bestanden. Der Export von der Insel bestand zu dieser Zeit aus den traditionellen
Waren wie Getreide, Holz, Kalk und Sandstein, in immer größerem
Maße aber auch aus lebendem Vieh, Fisch, Wolle, Eier, Schaffleisch,
Häuten, grobem Fries, Milchprodukten, Streichhölzern und Früchten.
Um 1850 waren zwischen 500 und 600 Gotländern in der Seefahrt beschäftigt.
Die See lockte die Jugend, und es ging so weit, daß sich die Bauern
über fehlende Arbeitskräfte beklagten.
Es dauerte bis spät ins 19. Jahrhundert, bis es feste und regelmäßige
Verbindungen zwischen Gotland und dem Festland gab. Neben den Fahrzeugen,
die in den gotländischen Häfen verkehrten, gab es die Möglichkeiten
mit den kleinen und unbequemen Postjachten zwischen Böda auf Öland
und Visby oder Klintehamn zur Insel oder von ihr weg zu kommen. In Klinte
war das große Geschäftshaus der Familie Donner eine Zeit lang
ein Zentrum für Seeleute und Reisende. Dort gab es Essen und Unterkünfte
für Reisende "besserer Klasse".
In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurde eine größere
Postjacht im Verkehr nach Gotland eingesetzt. Sie war mit solchen Bequemlichkeiten
wie Kajüten und einem Salon ausgestattet und bot insgesamt 17 Schlafplätze.
Im Salon gab es einen Herd, an dem die Gäste selbst von Mahlzeiten
zubereiten konnten und außerdem vor dem Mast zwei Toiletten. Zudem
gab es Platz für acht Pferde und einige Wagen.
Für den, der einen Grund hatte zwischen Gotland und dem Festland
oder umgekehrt zu reisen, war der Preis sicher erschwinglich. Ein "Herr,
Frau, Fräulein oder Demoiselle" bezahlten drei, ein "Kind
aus besseren Kreisen" einen Reichstaler für einen Kajütenplatz.
"Juden und ihre Ehefrauen" kostete die gleiche Reise vier Reichstaler.
Es war aber kein Vergnügen, mit der Postjacht zu fahren. Besonders
im Winter waren die Verhältnisse beschwerlich, und Passagiere und
Besatzung mußten viele Strapazen ertragen.
Im Sommer 1829 begann das Dampfschiff "Ellida" mit einem sporadischen
Winterverkehr zwischen Visby und dem Festland. Zwei Jahre später
setzte der bekannte Schiffsbauer Samuel Owen den Raddampfer "Stockholm"
im Verkehr mit Gotland ein. Das Schiff war gut ausgestattet, mit einem
Salon für Herren, einem für Damen, Kajüten und einem Restaurant.
"Ellida", "Stockholm" und ein drittes Schiff, die
"Daniel Thunberg", waren während eines kurzen Zeitraums
gleichzeitig unterwegs, vor allem um Stockholmer nach Visby zu bringen.
Der erste Touristenverkehr hatte begonnen.
1836 machte ein neuer Raddampfer, die Gottland, seine Jungfernfahrt. Auf
der Gottland gab es unter Deck Platz für 29 Passagiere, und die erreichte
fast acht Knoten. Das Schiff war jedoch vom ersten Augenblick an vom Pech
verfolgt. Schon auf der ersten Fahrt zwischen Stockholm und Visby lief
es in den Schären auf Grund, und in Västervik, wohin die Reise
zunächst führte, nahm die Besatzung so feuchtes Holz an Bord,
daß es mehrere Stunden dauerte, bis der Dampfkessel kochte. Nach
großen Problemen mit Treibeis kam das Schiff langsam in die Nähe
Gotlands, aber auf der Höhe von Stora Karlsö ging der Besatzung
das Brennholz aus. Eine Fischerhütte auf der Insel mußte als
Brennstoff für das letzte Stück nach Visby dienen - wo der Lotse
und der Kapitän sich nicht auf einen Kurs einigen konnten und deshalb
noch einmal auf Grund liefen.
Nach einem mißglückten Versuch der Postbehörden, die Verbindungen
mit dem Dampfer "Activ" zu verbessern, wurden es die Gotländer
müde. Die Forderungen nach besseren und sichereren Verbindungen mit
dem Festland wurden immer lauter. Nun stieg die gotländische Wirtschaft
in Person des Großhändlers L.N. Enequist aus Visby mit ein,
der sich anbot, den Verkehr mit Festland mit einem neuen Schiff zu gewährleisten.
1851 lief es in Visby vom Stapel und bekam den Namen "Kronprinsessan
Louise". Einige Jahre später sorgten drei Schiffe für den
Verkehr zwischen Visby und dem Festland. Die Folge war, daß ein
Preiskrieg ausbrach, aber auch daß neue Routen ausprobiert wurden.
Rechtzeitig vor dem Ende von Enequists Pacht bestellte die Generalpostverwaltung
ein neues Schiff. Es bekam den Namen "Polhem" und wurde 1858
in Dienst gestellt. Der neue Dampfer war ein Meilenstein im Gotlandverkehr.
Mit der "Polhem" war es endlich möglich, auch im Winter
regelmäßigen Verkehr zum Festland aufrechtzuerhalten. Kurz
darauf begann noch eine neue Epoche der Festlandsverbindungen, als 1865
das Dampfschiffunternehmen Gotlandsbolaget gegründet wurde. Im Jahr
darauf machte das erste Schiff des Unternehmens, die "Wisby",
ihre Jungfernfahrt, und mit ihr wurde die Tür nach Gotland endgültig
aufgestoßen.
Die Post
Schon im
17. Jahrhundert organisierte der tatkräftige Reichskanzler Axel Oxenstierna
das schwedische Postwesen. Auf dem Land mußten Bauern Briefe zwischen
verschiedenen Behörden befördern. Dies wurde Kronbriefbeförderung
genannt. Dafür wurden ihnen einige staatliche Steuern erlassen. Sie
wurden Postbauern genannt und wohnten auf den Posthöfen. In einigen
Städten wurden Poststellen eingerichtet, in Visby schon 1689.
Auf Gotland kam die Festlandspost von Böda auf Öland erst nach
Fröjel, dann nach Klintehamn. Lange waren es die Postbauern, die
in eigenen Schiffen einmal in der Woche über die See segelten oder
ruderten und dabei mußten sie oft ihr Leben auf's Spiel setzen.
Angesichts der Wichtigkeit der Verbindungen, wünschten vor allem
die Behörden größere und bessere Boote.
1718 ließ der Landshövding Psilander eine Postjacht bauen,
und damit endeten die gefährlichen Segelfahrten der Postbauern. Im
Winter, wenn das Eis die Ostsee bedeckte, mußten sie aber auch weiterhin
mit ihren kleinen Booten einspringen. In den 1740er Jahren betrieb die
Post eine eigene Jacht zwischen Böda und Klintehamn, danach überließ
sie die Beförderung Privatpersonen. Etwa hundert Jahre später
konnte die Post mit Dampfschiffen verschifft werden, aber erst nach Indienstnahme
des Schraubendampfers "Polhem" konnten die Postjachten endgültig
stillgelegt werden.
Gotland gehört zu den schwedischen Regionen, die zuerst einen regelmäßigen
Postgang bekamen. Einen ersten Versuch machte der dynamische und erfinderische
Probst Olof Fåhraeus in Hablingbo. Durch seine Initiative wurde
1813 eine Postlinie zwischen Burgsvik und Visby mit "Poststationen"
in Öja, Havdhem, 211Alva, Hemse, Levide und Klinte eingerichtet.
In Visby war der Kaufladen Kahl an Söderport die Endstation. Das
Unternehmen lief von Anfang an mit Verlust, und schon 1815 waren die Verantwortlichen
gezwungen, das Projekt wieder aufzugeben.
Ein Dutzend Jahre später nahm der Landshövding Cederström
Fåhraeus' Ideen wieder auf. 1820-25 eröffnete er Postlinien,
die Visby mit dem Rest der Insel verbanden. Einige Bauern erklärten
sich bereit, neben offiziellen Briefen auch private Briefe und Sendungen
zu befördern. Die Post ging von Visby einmal in der Woche nach Fårö
im Norden, Östergarn im Osten und Vamlingbo im Süden. Als Poststationen
dienten üblicherweise die Pfarrhöfe. Die Briefträger, die
gegen ein kleines Entgelt laufend oder gehend für das Verteilen der
Post verantwortlich waren, wurden in den Kirchspielen bestimmt.
Es handelte sich nicht um besonders schnelle Beförderung. Zum Beispiel
verließ die Post nach Fårö Visby am Freitag nachmittag,
passierte Väskinde, Fole, Hejnum und Othem, das der Briefträger
nach einem Tag erreichte. Am Samstag abend war die Post in Bunge und nach
Fårö kam sie am Sonntag vormittag.
1873 wurde die Kronbriefbeförderung eingestellt, und die Postbauern
wurden von ihrer Pflicht, die Briefe der Behörden zu befördern,
freigestellt. Jetzt entstanden in fast jedem Pastorat auf Gotland Poststellen,
seit zwanzig Jahren gab es Briefmarken. Briefkästen wurden ein normaler
Anblick längs der Straßen und Wege. Ungefähr zur gleichen
Zeit wurden neue und schnellere Arten der Postbeförderung etabliert,
erst mit Postkutschen zwischen Visby und Klintehamn, Slite, Fårösund,
Roma, Katthammarsvik und Ljugarn, später dann mit der Eisenbahn.
Der Telegraph
Es gib viele
"unvergeßliche Tage" in der gotländischen Geschichte.
Laut eines zeitgenössischen Zeitungsberichts war der 16. Mai 1859
ein solcher. Genau an diesem Tag brachte ein Schiff bei Kopparsvik südlich
Visbys ein Unterwasserkabel an Land, das telegraphischen Kontakt mit dem
Festland ermöglichte. Elektrische Batterien wurden zum Einsatz gebracht,
und die ersten Worte flogen schneller als der Blitz über die Ostsee.
Oder genauer gesagt, unter ihr her, da das Kabel auf dem Grund des Meeres
lag. Kanonen schossen einen mächtigen Salut, und die Zuschauer feierten
mit lauten "Hurra!"-Rufen das glückliche Ergebnis.
Und natürlich hat der interessierte und überall anwesende Per
Arvid Säve das spannende Ergebnis in einem "Telegraphengedicht"
besungen:
"Das Band, von der Natur geschlossen,
Und geheiligt durch das Blut,
Hat die Kunst nun enger geschlossen
Als die Worte blitzschnell fuhren.
Ein Strahl aus Licht
Ist uns der Telegraph:
Unter dem Meer, im Kies
Leitet er die Fackel des Gedankens..."
Das neue Kommunikationsmittel, das dank Morses Erfindung von 1832 praktisch
anwendbar wurde, bekam große Bedeutung für Gotland. Die Isolierung
wurde teilweise überwunden, Neuigkeiten kamen schneller voran, und
die wachsende gotländische Wirtschaft konnte Kunden und Lieferanten
auf vorher nie gekannte Weise erreichen.
In den 1860er Jahren wurde eine Telegraphenlinie von Visby nach Klintehamn
und dann weiter nach Ronehamn gebaut. Kurz danach kamen auch Slite, Burgsvik
und Fårösund in den Genuß der neuen Erfindung. Die Telegraphenmasten
wurden zu einem bestimmenden Teil der gotländischen Landschaft.
Eine weitere Verbesserung der Verbindungen mit dem Festland wurde durch
ein Kabel nach Stockholm über Gotska Sandön und Huvudskär
verwirklicht.
Die Stimme
aus der Ferne
Der Telegraph
wurde mit der Zeit von der "Stimme aus der Ferne", dem Telefon,
ausgestochen. Nur einige Jahre nachdem Alexander Graham Bell 1876-77 seine
Erfindung patentiert bekam, gab es Telefone für den internen Gebrauch
bei Gotlands Allehanda. 1882 gründeten einige Enthusiasten einen
Telefonverein in Visby, und im Jahr darauf errichtete Slites Telefonunternehmen
die damals längste Telefonleitung Schwedens. Sie führte von
Slite nach Visby und war ganze 40 Kilometer lang. Kurz darauf konnte eine
Zeitung folgendes mitteilen:
"Ein mündliches Gespräch zwischen Visby und Hemse, 50 Kilometer
von hier entfernt, wäre wohl in alten Zeiten als Zauberei bezeichnet
worden. Und doch geschieht das in unseren Tagen mit allergrößter
Leichtigkeit. Es war gestern vormittag, als unser Telefonapparat klingelte,
und eine bekannte Stimme zu hören war, so deutlich und klar, als
ob sie aus der direkten Nachbarschaft kam, die "Guten Morgen!"
wünschte - aus Hemse..."
Erst 1920 bekam Gotland eine feste Telefonverbindung mit dem Festland.
Die Eisenbahn
Ermuntert
und begeistert von den guten Erfahrungen mit Eisenbahnbauten auf dem Festland,
begannen um 1870 einige Privatpersonen an Plänen zu arbeiten, auch
auf Gotland Eisenbahnen anzulegen. Durch schnelle und bequeme Zugtransporte
sollten die Verbindungen auf der Insel erheblich besser werden, nicht
nur für die Einwohner der Insel, sondern auch für die Rohstoffe
und Produkte der wachsenden Industrien. Vielleicht wollten auch einige
der Initiatoren Eisenbahnaktien kaufen und einen guten Verdienst erzielen,
wenn das Projekt planmäßig lief. Die treibende Kraft hinter
dem Vorschlag war der Regimentsarzt Ernst Leijer.
Mehrere Jahre mit hitzigen Diskussionen in Stadtrat, Landsthing und dem
Reichstag folgten. Viele bezweifelten die Wirtschaftlichkeit des Projektes.
Schließlich wurde 1875 doch Gotlands Eisenbahnaktiengesellschaft
gegründet. Im Jahr darauf stellte die Regierung die Genehmigung für
die Tätigkeit des Unternehmens aus, und erlaubte den Bau einer Eisenbahn
auf Gotland.
1877 wurde mit den Arbeiten begonnen, die nach ersten Berechnungen 330
000 Kronen kosten sollten. Alles ging schneller als erwartet und schon
am 10. September des folgenden Jahres konnte Oskar II. die Linie Visby-Hemse
mit großem Pomp einweihen.
Ein Zug mit zwei flaggengeschmückten Lokomotiven und vierzehn Waggons
transportierte den König und einige hundert Gäste von Visby
nach Hemse. Auf dem Weg hielt der Zug an mehreren Stationen, Repräsentanten
der verschiedenen Gemeinden hielten Reden und viele Neugierige standen
an der Bahnlinie, um den königlichen Glanz zu bestaunen. In Hemse
stieg die ganze Gesellschaft aus und spazierte zur Kodings-Wiese, wo ein
großes Zelt aufgestellt war, das mit Wimpeln, Kränzen und Wappen
geschmückt war. Nach einem Essen mit mehreren Gängen und exzellenten
Weinen, vielen Reden und "Hurra!"-Rufen kehrten alle wieder
nach Visby zurück. Die erste Eisenbahn auf Gotland war damit eingeweiht.
1878 dauerte es drei Stunden, um die knapp 50 Kilometer zwischen Visby
und Hemse zurückzulegen. Mit den Aufenthalten in Roma, Buttle, Etelhem
und Stånga eingerechnet, erreichte die Eisenbahn eine Durchschnittsgeschwindigkeit
von 16,6 km/h. Allmählich konnte man die Geschwindigkeit auf das
Doppelte steigern, und irgendwann um 1900 dürften die Gotländer
entdeckt haben, was wirklich langsam war, nämlich mit Pferdekutschen
zu reisen. Sogar wenn sowohl Kutscher als auch Pferd Heimweh hatten. Nun
hielt die Eile, die bis jetzt den Beamten vorbehalten war, in das Leben
der Landbevölkerung Einzug.
Trotz der Neugier lief die Eisenbahn in den ersten Jahren schlecht. Die
Rettung kam mit dem Bau der Zuckerfabrik in Roma in den 1890er Jahren.
Die Transporte mit der Eisenbahn waren eine Voraussetzung für den
Rübenanbau, und der Rübenanbau wurde wiederum zur notwendigen
Voraussetzung der Eisenbahn. Aus Verlusten wurden Gewinne, und die Eisenbahngesellschaft
konnte ihre Finanzen schnell aufbessern.
Nun war es sogar möglich, das Streckennetz auszubauen, in erster
Linie Richtung Norden und Süden. 1896 wurde die Strecke Visby-Väskinde
gebaut, zwei Jahre später wurde sie bis Tingstäde verlängert.
1900 und 1908 wurde die Linie im Süden zunächst nach Havdhem
und dann nach Burgsvik gebaut. Die letzte Etappe der gotländischen
Eisenbahn wurde 1921 eingeweiht, als auch Lärbro eine Eisenbahnverbindung
bekam.
Das Eisenbahnnetz
wird ausgebaut
Die vorteilhafte
Entwicklung der gotländischen Landwirtschaft und nicht zuletzt der
Anbau von Zuckerrüben verlangten nach einem Ausbau des Streckennetzes.
1898 begann ein Unternehmen mit dem Verkehr zwischen Roma und Klinthamn,
eine Linie, die 1924 bis nach Hablingbo verlängert wurde. Auch für
den Verkehr nach Slite und Ronehamn wurden eigene Gesellschaften gebildet.
1902 und 1903 wurden die beiden Landhäfen, die beide als Standort
eines neuen Zuckerwerks gedacht waren, an das restliche Netz der Insel
angeschlossen.
Keine der neuen Strecken war besonders lohnend, aber dank der Hilfe durch
die Zuckerfabrik und der Gemeinden entlang der Strecke konnten sie überleben.
Doch schon 1918 wurde die erste Strecke auf Gotland wieder stillgelegt,
nämlich Hemse-Ronehamn.
Eine Sonderstellung nahm die Strecke Visby - Visborgs slätt - Västerhejde
ein. Als 1904 südlich der Stadt neue Kasernen gebaut wurden, war
dem Militär daran gelegen, eine Personenverbindung mit der Stadt
zu haben und baute aus eigenen Mitteln die kleine Eisenbahn. Sie wurde
von einer Dampflokomotive mit einem Waggon befahren. Darin gab es zwei
Abteile, eins für Offiziere und eins für Mannschaften und Zivilisten.
1912 wurde diese Bahn bis Hallvards im Kirchspiel Västerhejde ausgebaut.
Die vor allem bei Touristen beliebte, idyllische Västerhejdebahn
wurde während des Zweiten Weltkriegs stillgelegt.
Mitte der 20er Jahre begann die Eisenbahn Konkurrenz vom immer stärkeren
Verkehr auf den Landstraßen zu bekommen. Um dieser Konkurrenz zu
begegnen waren alle Eisenbahngesellschaften gezwungen, ihr Angebot mit
Bussen und Lastwagen zu komplettieren. Während des Zweiten Weltkriegs
war der Privatverkehr vielen Beschränkungen unterworfen, und die
Eisenbahn hatte so etwas wie eine Renaissance. Es handelte sich aber nur
um einen zeitweiligen Aufschwung, denn nach dem Krieg nahm der private
Autoverkehr gewaltsam zu.
1947 übernahm die staatliche schwedische Eisenbahn, Statens Järnvägar,
alle Strecken auf Gotland, aber der Verkehr war immer noch unwirtschaftlich.
1953 legten die neuen Eigentümer die Strecken Slite-Roma und Roma-Klintehamn-Hablingbo
still, fünf Jahre später wurde auch der Güterverkehr auf
der Strecke Lärbro-Visby-Roma-Burgsvik eingestellt. 1960 hörte
der Eisenbahnverkehr auf Gotland ganz auf. Bis zu diesem Zeitpunkt war
der Personenverkehr durch Schienenbusse aufrechterhalten worden.
Eine Schule
für das Volk
In den ersten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wuchsen die Ansprüche auf eine bessere
Ausbildung für die breite Masse des Volkes. Eine neue Regierungsform
von 1809 setzte starkes Engagement der Einwohner des Landes in wichtigen
politischen und sozialen Fragen voraus. Der Liberalismus wollte die Freiheit
des Individuums gegenüber dem Staat verteidigen, die wachsende Mittelklasse
verlangte größeren gesellschaftlichen Einfluß. Der Bedarf
an der Fähigkeiten lesen, schreiben und rechnen zu können, wurde
immer größer.
Nach langen Diskussionen konnte sich Schwedens Reichstag 1841-42 endlich
darauf einigen, eine grundlegende Schulbildung für alle einzuführen.
Laut der Volkschulverordnung von 1842 sollte jede Gemeinde innerhalb der
nächsten fünf Jahre eine feste Schule mit einem qualifizierten
Lehrer haben. Der Besuch der Schule war obligatorisch.
Trotzdem dauerte es lange, bis wirklich alle Kinder die Schule besuchten.
Die Versorgung mit Lehrern und Gebäuden ließ zu wünschen
übrig, der Unterricht kostete Geld, oft war der Schulweg lang und
beschwerlich und viele waren immer noch nicht davon überzeugt, daß
Schulbildung wirklich notwendig war. Gleichzeitig gab es andere, die die
dominierende Rolle der Kirche im Bildungswesen kritisierten. Und die Konservativen
sahen es als gefährlich an, daß die Arbeiterklasse lesen lernte.
Die Reform von 1842 war keine plötzliche Veränderung in der
Geschichte der schwedischen Schule. Es hatte schon davor Schulen gegeben.
Schon im 16. Jahrhundert gab es sogenannte Kinderschulen, aber erst in
einem Kirchengesetz von 1686 gab es die Andeutung von Volksbildung. Das
Gesetz betonte die Bedeutung des eigenständigen Lesens der Bibel
und des lutherschen Katechismus'. In erster Linie war es die Aufgabe der
Priester und Glöckner, "mit Fleiß und Glauben die Unterweisung
der Kinder durchzuführen". Die Unterweisung war auch ein wichtiges
Element in der "Schwedisierung" der Provinzen, die im 17. Jahrhundert
erobert worden waren.
Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert warben Behörden
und weitsichtige Männer für mehr Bildung. Ihnen war kein Erfolg
beschieden. Deswegen war die Reform von 1842 bei allen Schwierigkeiten
von großer Bedeutung. Nun sollte das schwedische Volk endlich eine
grundlegende Ausbildung bekommen.
Fleißig
die Schule besuchen
Gotland lag
von Anfang an weit vorn. Schon um 1700 gab es in den meisten Pastoraten
Schulmeister, üblicherweise war das der Glöckner, hundert Jahre
später auch in fast allen Gemeinden. 1812 führten die staatlichen
Behörden eine Untersuchung des Bildungswesens in unterschiedlichen
Landesteilen durch. Im Stift von Visby gab es in allen Kirchspielen feste
Schulen. Das war weitaus besser als in den meisten anderen Landesteilen.
Der Unterricht bestand hauptsächlich aus Auswendiglernen und dem
Katechismus, aber vielerorts wurden auch Schreiben und Rechnen unterrichtet.
In dem Jahr, in dem die Untersuchung durchgeführt wurde, schenkte
der Landshövding von Rajalin der Gemeinde Roma 20 Fässer Getreide
als Grundstock zu einem Sockenmagasin. Mit dem Zins, den die Bauern auf
Kredite aus dem Sockenmagasin bezahlen mußten, sollte eine Schule
eingerichtet und unterhalten werden.
Die "Rajalin-Schule" nahm erst 1819 ihre Arbeit auf. Sie war
die erste Schule auf dem Land, die ihren Schülern eine etwas zeitgemäßere
Ausbildung bot. Laut Schulprogramm sollte sie für die Erziehung und
Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen sorgen. Die wichtigsten
Fächer waren Lesen, Bibel- und Katechismuskunde, Naturkunde, schwedische
Geschichte, Geographie und die Grundrechenarten.
Einige Jahre später wurden auch in anderen Kirchspielen ähnliche
Schulen eingerichtet. In Tingstäde und auf Fårö entstand
die "Gazelius Schule" durch Spenden des Händlers Christoffer
Gazelius, und in Varlingbo und Ekeby stellte der Landwirt Lars Mellin
Mittel für die "Mellin Schule" zur Verfügung.
In Slite wurde auf Initiative des Kalkpatrons Nils Enequist die "Fredriks
Schule" gegründet. In der Gemeindeversammlung, die den Beschluß
über eine neue Schule fassen sollte, wandte sich Enequist beredt
an die wichtigste Gruppe, die Bauern, "den ehrwürdigen, edlen
Stand, der die Erde bestellt und verteidigt, die wichtigste Kraft und
Stütze des Landes." Wenn sie lesen könnten, könnten
sie neue Anbaumethoden kennenlernen, um den Ertrag zu erhöhen und
die Landwirtschaft effektiver zu machen. Die Bauern ließen sich
gerne schmeicheln und faßten den fortschrittlichen Gedanken, die
vorgeschlagene Schule einzurichten - auch wenn es etwas kosten sollte.
Enequist machte einen Entwurf zu den Zielen der Schule, die verwundernswert
modern sind:
"Wenn wir uns eine gute Schule ausdenken, die das Ziel hat, den Kindern
vollkommene Kenntnis des Christentums beizubringen, die Fähigkeit
unsere schöne Sprache richtig und klar zu schreiben, sicher und gründlich
zu rechnen, diese für uns alle wichtigen Fähigkeiten, und dazu
eine allgemeine Auffassung unserer Erde, was es auf ihr gibt, was uns
umgibt, über die Himmelskörper im unermeßlichen All, die
Ursachen der Wechsel der Jahreszeiten, des Wechsel von Tag und Nacht,
einige Kenntnisse über unser Vaterland, die früheren Schicksale
seiner Bewohner, ihrer Bedürfnisse, ihres Fleißes und ihrer
Rechtschaffenheit, ihrer Tapferkeit bei der Verteidigung des geliebten
Muttererde, ihrer Gesetze, die bei kleinen Veränderungen immer noch
die gleichen sind, so ist das alles, was heutzutage von einem achtbaren
Mitglied der Gesellschaft erwartet werden muß..."
Heute würden die "Fächer", die Enequist aufzählt,
wahrscheinlich Religion, Schwedisch, Mathematik, Physik, Geographie, Geschichte
und Gesellschaftskunde heißen - aber alle unterschieden sich von
den gleichnamigen Fächern in der heutigen Schule. So lernten zum
Beispiel die Schüler in dem beliebten Lesebuch von Anders Jakob Danielsson
Cnattingius aus dem Jahr 1832 folgendes:
"Ich bin ein Kind. Gott hat mich und alles, was ich sehen kann, erschaffen.
Gott hat mehr erschaffen, als ich sehen kann. Er hat unsere Welt erschaffen.
Er gibt mir alles Gute. Gott will, daß ich ein frommes und liebes
Kind werde, so werde ich froh und glücklich...
Wenn ich freundlich und eifrig bin und alles mit Fleiß erledige,
bin ich froh und lerne alles, was ich können muß. Ich weiß
auch, daß das meinen Vater und meine Mutter freut...
Ich soll fleißig in die Schule gehen, genau auf das hören,
was gelehrt wird und mit Freuden das lesen, was ich lesen soll.
Ich soll meine Pflichten sorgfältig erledigen und meine Zeit gut
ausnutzen, denn meine Zeit ist ziemlich kurz.
Fleiß und Mühe tragen ihren Lohn in sich. Mein ganzes zukünftiges
Glück gründet sich auf den Fleiß meiner Kindheit und meiner
Jugend...
Wenn ich älter werde und mehr Verstand habe, werde ich erkennen,
daß all dies die Wahrheit ist und dann werde ich Freude an meine
Schulzeit zurückdenken, wenn ich fleißig war und sie wohl genutzt
habe. Aber wenn ich faul und träge war, werde mit Reue der verschenkten
Tage gedenken, die ich nicht zurückkaufen kann..."
Um 1840 gab es auf Gotland 15 Schulen mit ähnlichen Unterrichtsmethoden.
Alle wandten die Wechselunterrichtsmethode nach Bell und Lancaster an,
nach der ältere und tüchtige Schüler dem Lehrer beim Unterricht
halfen.
In Visby kam die Gesellschaft DBW noch Rajalin in Roma zuvor. Schon 1815
startete "Die Wechselunterrichts-, Frei-, und Armenschule der Gesellschaft
DBW", die in erster Linie für die Kinder von "bedürftigen
Einwohnern der Stadt" gedacht war. Der Unterricht folgte im allgemeinen
den gleichen Richtlinien wie in den Landschulen.
1900 gab es 94 Volksschulen und 61 kleinere Schulen auf Gotland. Es gab
7254 Schüler, aber von ihnen nahmen 773 nicht am Unterricht in der
obligatorischen Schule teil.
Breitere
Ausbildung
Der Bedarf
an Bildung und Unterricht stieg während des ganzen 19. Jahrhunderts.
Neben der stark expandierenden Tätigkeit der obligatorischen Volksschule,
wurden immer mehr Schulen mit spezieller Ausrichtung gegründet.
1876 gab es in Visby eine Sonntagsschule für Berufstätige, eine
Handarbeitsschule für Mädchen und eine für Jungen, eine
Artillerieschule, eine Navigationsschule, ein Gymnasium, eine Mädchenschule
und Königin Desiderias Arbeitsschule für Mädchen. Das Gymnasium,
das 1859 neue Räumlichkeiten mitten in der Stadt bekommen hatte,
wurde schon bald wieder zu klein. Außerdem war es mit dem bemerkenswerten
Fehler behaftet,
"daß es nicht angemessen geheizt werden konnte, so daß
in kalten Wintern die Raumtemperatur im allgemeinen nicht mehr als 10-12
Grad beträgt. Dies ist erwiesenermaßen schädlich für
die Gesundheit von Lehrern und Schülern..."
Auf dem Land gab es gleichzeitig ein behelfsmäßiges Seminar
für Grundschullehrerinnen, eine höhere Volksschule in Klintehamn,
eine Volkshochschule in bei Isums im Kirchspiel Atlingbo und bei Varplösa
im Kirchspiel Björke eine Landwirtschaftsschule. Mit anderen Worten
war für schulische Bildung der gotländischen Jugend gut gesorgt.
Populäre
Vorträge
In den 1890er
Jahren bekamen auch Erwachsene eine Chance, mehr über die Welt zu
erfahren. Damals begann der Arbeiterverein in Visby, Vortragsreihen zu
veranstalten, die schnell sehr populär wurden und die mit der Zeit
auch auf dem Land viele Nachahmer fanden. Die Vortragsvereine waren in
den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sehr wichtig für die
Volksbildung auf Gotland.
Im ersten Halbjahr 1899 hörten über 4000 Menschen die 22 Vorträge.
Die beliebtesten Themen waren Geschichte, Naturkunde und Geographie, aber
auch Vorträge über Psychologie, Technik und Medizin waren gut
besucht. Durchschnittlich wurde jede Veranstaltung von etwa 200 Zuhörern
besucht. Anfangs waren die Vorträge kostenlos, aber nach einer Zeit
mußten die Veranstalter einen Eintritt von fünf Ören verlangen.
Man konnte auch Jahreskarten für eine Krone kaufen. Der Vortragende
bekam 22 Kronen, wenn er seinen Vortrag durch Karten, Experimente oder
Lichtbilder illustrierte.
Volksbewegungen
Die russische
Besetzung im Jahre 1808 weckte unter den Gotländern einen neuen Bürgergeist.
Ein Beispiel dafür war die Miliz, Nationalbeväringen, ein anderes
die Gründung von Vereinen oder Gesellschaften, die sich der Förderung
der Kultur oder sozialen Aufgaben verschrieben. Sällskapet DBW (De
Badande Wännerna = Die badenden Freunde), Fruntimmersamfundet, Musikaliska
sällskapet, Gotlands Fornvänner, Sällskapet UD (Utile Dulci)
und Sällskapet GG (Gotlands Gille) sind Bespiele für Vereinigungen,
die noch heute einen wichtigen Platz im Kultur- und Gesellschaftsleben
Gotlands erfüllen.
Einige ähnliche Vereine wurden in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts von den Volksbewegungen abgelöst, die eine Reaktion
auf die großen Veränderungen in der Gesellschaft waren. Die
beginnende Industrialisierung, die Veränderung der Landwirtschaft
und das Entstehen neuer sozialer Gruppen riefen Gefühle der Unsicherheit
und Vereinsamung bei vielen Menschen hervor.
Eine Möglichkeit zu einer neuen Gemeinschaft boten die Volksbewegungen
und deren Ortsvereine. Man sammelte sich um eine Idee oder Vorstellung,
die von vielen geteilt wurde. Diese Gruppen waren demokratisch aufgebaut
und in breiten Volksschichten verankert, oft protestierten sie gegen die
Reichen und Mächtigen in der Gesellschaft, und sie wollten alle eine
bessere Gesellschaft schaffen.
In der Bewegung empfanden die Menschen ein Gefühl der Gemeinschaft,
sie engagierten sich in wichtigen Problemen und bekamen ein neues Selbstwertgefühl.
Die Organisierung bedeutete Macht, nun war es möglich, sich gegen
etwas zu wehren oder dafür zu kämpfen; daran hätte man
früher überhaupt denken können. Die Mitglieder konnten
endlich für ihre Rechte streiten, auch wenn sie noch oft verhöhnt
oder verlacht wurden. In den Volksbewegungen wurden die Menschen auch
zur Demokratie erzogen, sie lernten zu diskutieren, Beschlüsse zu
fassen, Reden zu halten und den Willen der Mehrheit zu akzeptieren. Viele
Politiker machten diese wertvollen Erfahrungen.
Proteste
gegen die Kirche
Die erste
Massenbewegung, die auf Gotland wichtig wurde, war die Erweckungsbewegung.
Diese neue religiöse Bewegung erreichte zuerst den südlichen
Teil der Insel, aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die
"Leserei" schon über die ganze Insel verbreitet. Die Erweckungsbewegung
entsprang anfangs der Kritik an der schwedischen Staatskirche. Es gab
Einwände gegen die kirchlichen Gottesdienste und den undemokratischen
Aufbau der Kirche, aber auch gegen die dominierende Position der Priester
in der Gesellschaft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden
nach und nach mehrere Gesetze abgeschafft, die die Staatskirche "geschützt"
hatten. Eine der wichtigsten Maßnahmen war die Aufhebung des sogenannten
"Konventikelplakates", das private religiöse Versammlungen
verbot.
Die verhältnismäßig geringe Fläche der Insel und
die immer besseren Kommunikationsmöglichkeiten waren die Voraussetzungen
dafür, daß die Gotländer auch auf religiösem Gebiet
schnell von neuen Moden ergriffen wurden. Die Insel wurde darüber
hinaus kaum von der Erneuerungsbewegung innerhalb der Staatskirche erfasst,
und viele Gemeindepriester engagierten sich kaum im Widerstand gegen die
freien Gemeinden.
1858 wurden die ersten Baptistengemeinden auf Gotland in Visby, Havdhem
und Hamra gegründet. Von 1858 bis 1890 wurden aus drei 24 Gemeinden,
aus etwa 300 wurden tausende Mitglieder. Von 1860-65 wurde die gotländische
Missionsbewegung gegründet, die ihren stärksten Rückhalt
im mittleren und südlichen Gotland hatte. Das Zentrum der Methodisten,
die ihre erste Gemeinde 1866 etablierten, waren Buttle und Östergarn.
In den 1880er Jahren kam die Heilsarmee nach Gotland, mit dem ersten Korps
in Visby. Die Insel konnte sogar mit einer eigenen Erweckungsbewegung
aufwarten, den sogenannten Hjorterianern. Diese Bewegung wurde von Jöns
Hjorter im Geiste pietistischer Frömmigkeit gegründet, aber
die Hjorterianer traten nie aus der Staatskirche aus. Sie hatten ihren
Mittelpunkt in Burs.
Der bedrohliche
Branntweindrache
Vor 200 Jahrhundert
durfte jeder Branntwein brennen. Das Brennen nahm in den ersten Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts kräftig zu, da die Rohstoffe für Schnaps,
Getreide und Kartoffeln, billiger wurden. Im Jahr 1850 trank jeder Schwede
etwa 23l alkoholhaltige Getränke jährlich (heute sind es ungefähr
5l). Im Jahr 1860, nachdem privates Brennen verboten worden war, produzierte
die einzige Brennerei Gotlands etwa 51 000l Branntwein. Laut offizieller
Statistik wurden im gleichen Jahr 205 000l Branntwein und ungefähr
30 000l anderer Alkoholika nach Gotland importiert. Damals gab es fast
so viele Einwohner wie heute, und trotz des Verbotes gab es sicher noch
manchen Bauern, der weiterhin seinen eigenen Schnaps brannte.
Das Angebot an billigen Schnaps führte zu großen sozialen Problemen,
und immer mehr Leute erkannten, daß der Alkohol eine ernste Gefahr
für die Volksgesundheit war. Auf dem Festland schlossen sich die
Abstinenzler schon um 1830 zusammen, um dieser Entwicklung Einhalt zu
gebieten. Gotland bekam seine erste Vereinigung dieser Art 1838. Größeren
Enthusiasmus bei der Allgemeinheit konnte diese Bewegung aber zunächst
nicht wecken.
Aber die Abstinenzler kamen 50 Jahre später zurück nach Gotland.
1882 bekam die Insel ihre erste Guttempler-Loge, 185 St. Olof. Die Guttempler
wirkten vor allem durch Studienkreise; sie kauften Bücher und richteten
Bibliotheken ein und wurden auf diese Art und Weise zu Pionieren der freiwilligen
Volkserziehung. Allmählich erreichten ihre Ideen auch ländliche
Regionen. Andere Abstinenzbewegungen wie Blåbandsrörelsen und
Verdandi folgten.
Gleichzeitig veränderte sich der Charakter der Abstinenzbewegungen.
Die oft gewaltsame Schreckpropaganda der Anfangsjahre mit unüberschaubaren
Trauerzügen aus unglücklichen, nackten und blutigen Trinkern,
die durch die Kneipenviertel zogen, elende Säufer, die Kinder lebendig
verbrannten und der Branntweindrache, der drohte, die Menschheit zu verschlucken,
wurde von sachlicher Aufklärungsarbeit und medizinischer Information
ersetzt.
Demonstrationen,
Streiks und Gewerkschaften
Durch die
wirtschaftliche Entwicklung nach 1850 stieg der Bedarf an Arbeitskraft.
Die Industrie, der Handel, das Transportwesen und das Fürsorgewesen
waren wichtige Sektoren der Gesellschaft, die immer größere
Einsätze von den Menschen verlangten. Knechte, Mägde, Seeleute
und Kalkarbeiter gab es schon lange in der gotländischen Gesellschaft.
Nun traten auch Gruppen von Menschen auf, die im Steinbruch arbeiteten,
Zement herstellten und Maschinen bauten. Dazu kamen Angestellte im Einzelhandel,
Bauarbeiter, Hafenarbeiter, Eisenbahner und Krankenschwestern.
Sie hatten einiges gemeinsam: die Löhne waren schlecht, sie waren
von den Arbeitgebern abhängig, wohnten schlecht und waren oft krank.
Aber das wichtigste war, daß sie kein Stimmrecht und keinen Einfluß
in der Gesellschaft besaßen.
Es dauerte, bis die Arbeiter es wagten, ihren Unmut zu zeigen. So lange
sie nicht zusammen arbeiteten, hatten sie nicht genug Kraft zu handgreiflichen
Protesten. Zwar gab es in Visby seit 1855 Anfänge, aber nichts glich
einer organisierten Arbeiterbewegung.
Viele Arbeiter in der Stadt hatten ihre Arbeitsplätze verlassen,
als Gerüchte aufkamen, die Bäcker würden bald kein Mehl
mehr haben, um Brot zu backen. Es sollte für die Bauern lohnender
sein, ihr Getreide zum Festland zu exportieren, als es auf Gotland zu
verkaufen. Die Streikenden zogen unter großem Lärm durch die
Straßen, gefolgt von einigen "gesetzlosen" Handlungen.
Ein Polizist wurde bedroht, und auf dem Markt wurden einige Bauern mit
Schimpfworten belegt. Als die Arbeiter bei Landshövding af Dahlström
um Hilfe bitten wollten, wurde ihnen das Gesetz über Landfriedensbruch
vorgelesen. Aber erst als sich das Militär auf einen Einsatz vorbereitete,
konnte die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden.
1880 demonstrierten die Arbeiter Visbys erneut, diesmal war Arbeitslosigkeit
der Grund. Nachdem den Arbeitslosen Arbeit beim Ausbau des Hafens versprochen
worden war, gingen sie "ruhig und still" auseinander. Drei Jahre
später bekamen die Gotländer einen kleinen Hinweis, auf das,
was noch kommen sollte:
"Die merkwürdige Arbeiterbewegung hat sich bis zu unserem Ort
ausgebreitet. In Visby ist ein Arbeiterring gegründet worden, dessen
Tätigkeit bereits recht umfassend ist..."
1886 gründeten die Typographen die erste Gewerkschaft auf Gotland.
Kurz darauf sollten auch die Steinarbeiter, Bäcker, Schneider und
Schuhmacher das Gleiche tun. 1899 wurde die erste Demonstration am 1.
Mai, dem Tag der internationalen Arbeiterbewegung in Visby mit den dazugehörigen
"brandroten Sozialistenreden", wie es eine Zeitung ausdrückte,
veranstaltet. Im gleichen Jahr streikten die Typographen für höhere
Löhne. Dies war der erste organisierte Streik auf der Insel.
Kurz nach der Jahrhundertwende gründeten die Arbeiter in Visby und
Hellvi die ersten Arbeiterkommunen Gotlands. Folkets-hus-Vereine wurden
ins Leben gerufen, und einigen Orts sogar Abstinenzabteilungen. In einigen
nördlichen Kirchspielen wurden die ersten kooperativen Geschäfte
eingerichtet, "kopen" später "Konsum".
Der große Streik von 1909 wurde ein Rückschlag für die
Arbeiterbewegung auf Gotland, und während einiger Jahre verlor sie
immer mehr an Bedeutung. Während des Ersten Weltkrieges waren die
Arbeiter aber erneut gezwungen, sich zusammenzuschließen, um Teuerung
und Knappheit zu begegnen. Das war ein Durchbruch, und von nun an wurde
die Arbeiterbewegung immer wichtiger. Besonders galt dies für Nordgotland,
wo Steinbrüche und Zementfabriken die wichtigsten Arbeitsplätze
waren.
Von Spielen
zu Wettkämpfen
Der Sport
als Volksbewegung ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Eine breite
Allgemeinheit begann sich nach den schwedischen Erfolgen bei den Olympischen
Spielen in Athen 1906 und Stockholm 1912 für Sport zu interessieren.
An den Wettkämpfen in Stockholm nahm unter anderem der gotländische
Diskuswerfer Gunnar Nilsson teil, und einige Gotländer zeigten gotländische
Spiele. Die Grundlagen für den schwedischen und gotländischen
Sport wurden aber schon im 19. Jahrhundert gelegt.
Sport ist auf Gotland schon lange üblich, schon in der Wikingerzeit
gab es die gotländischen Sportarten bzw. Spiele "varpa"
und "pärk", die beide Teil des gotländischen Fünfkampfes
sind. Früher traten ganze Kirchspiele gegeneinander in Wettkämpfen
an, was heute selten geworden ist. Seit 1912 kümmert sich Föreningen
Gutnisk idrott um die Pflege der Traditionen, die zum Beispiel in den
Stångaspielen immer noch weiter leben.
Im 19. Jahrhunderts munterten Landshövdinge und Offiziere die Inselbewohner
dazu auf, ihre althergebrachten Sportarten weiter zu betreiben. So sollten
Körper und Geist gestärkt werden, und die Gotländer blieben
fit für die Verteidigung ihrer Insel. Viele Offiziere warben auch
energisch für die modernen Sportarten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts
populär wurden.
Im Jahr 1878 bildeten mehrere Bürger Visbys - die meisten waren auch
Mitglieder von Sällskapet DBW, wo schon lange gotländischer
Sport auf dem Programm stand - den ersten richtigen Sportverein auf der
Insel, Visby bollklubb. Der Verein wollte sich hauptsächlich mit
gotländischem Sport beschäftigen und gotländischen Spielen
beschäftigen, aber auch mit dem "englischen Fußball".
1890 wurde der erste große Wettkampf auf Visborgs slätt in
Visby ausgerichtet, an dem 500 Sportler teilnahmen. Gewinnen konnte man
unter anderem einen von König Oskar II. gestifteten Pokal. Im Jahr
darauf nahmen mehrere gotländische Sportler an verschiedenen Showveranstaltungen
in Stockholm teil. Am 6. Juni 1895 begann man den sogenannten "Gustavstag"
als nationalen Feiertag in Hemse zu feiern. Wettkämpfe in gotländischen
Sportarten waren ein zentraler Bestandteil des Programms. Um die Jahrhundertwende
wurden auch Wettkämpfe auf Östra Byrummet in Visby veranstaltet.
1904 organisierte man dort die ersten Pferderennen auf der Insel. Die
Teilnehmer waren Kavalleristen, und die Bevölkerung zeigte starkes
Interesse. Im folgenden Winter wurden die ersten Trabrennen auf dem Eis
von Bogeviken bei Slite veranstaltet.
1908 wurde der gotländische Sportverband, Gotlands Idrottsförbund,
gegründet, worauf es zu einer starken Entwicklung des gotländischen
Sportwesens kam. Neue Sportarten und -vereine kamen am laufenden Band,
immer bessere Sportplätze wurden gebaut - 1927 wurde Gutavallen eingeweiht.
Der Austausch mit dem Festland wurde immer lebhafter, und viele gotländische
Sportler erzielten nationale und internationale Erfolge.
Schweden
Vieles von
dem, was das schwedische Volk im 19. Jahrhundert begonnen hatte, wurde
von den folgenden Generationen vollendet. Die Industrialisierung des Landes
wurde fortgesetzt, die politische Demokratie wurde durch die Stimmrechtsreformen
von 1909 und 1918-21 Wirklichkeit, die Arbeiterbewegung hatte ihren Durchbruch,
soziale und wirtschaftliche Reformen schufen eine homogenere Gesellschaft.
Aber die Entwicklung verlief nicht immer gradlinig - es gab Rückschläge
und Enttäuschungen. Zwar löste sich die knifflige Unionsfrage
zwischen Schweden und Norwegen, als sie sich 1905 friedlich trennten,
aber schon zehn Jahre später gab es andere Probleme. Der Erste Weltkrieg
traf Schweden nicht direkt, die Folgen waren aber deutlich zu spüren.
Die meisten Waren wurden knapp: Lebensmittel, Brennholz, Treibstoff, Kleidung.
Viele Waren wurden rationiert, andere wurden durch Surrogate ersetzt,
im ganzen Land demonstrierten hungrige Menschen. In einigen Orten kam
es zu Krawallen und Zusammenstößen mit der Polizei. Sogar Rufe
nach einer Revolution wurden laut. 1918 schlug eine schlimme Grippeepidemie,
die "Spanische Krankheit" zu. Etwa 10 Prozent der Bevölkerung
erkrankten, 20 000 Menschen starben.
Während des Krieges kamen die ersten Sozialdemokraten in die Regierung,
und in den folgenden zehn Jahren war die politische Unsicherheit groß.
Verteidigungs- und Arbeitsmarktsfragen dominierten die politischen Debatten,
und die Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wuchsen.
Der starke Konjunkturrückgang in den 1930er Jahren führte auch
in Schweden zu großer Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen und
sozialen Problemen. Die Sozialdemokraten erzielten große Erfolge
und konnten nun damit beginnen, Teile ihres Programmes umzusetzen.
Die Kriegsjahre 1939-1945 führten neue Probleme mit sich, aber nicht
in dem Umfang wie im Ersten Weltkrieg. Schweden erklärte sich wieder
als neutral, aber die Sammlungsregierung war gezwungen, Deutschland große
Zugeständnisse zu machen. Rationierungen wurden wieder wichtig, viele
Importwaren waren nicht mehr erhältlich, in den Restaurants mußten
die Köche lernen, Gerichte mit Biber- und Krähenfleisch zuzubereiten.
Alle wehrpflichtigen Männer standen irgendwo in Schweden auf Wache,
und während des ganzen Krieges mußte das Land tausende Flüchtlinge
aufnehmen.
Nach 1945 profitierten Schweden und die Schweden von der Neutralität
während des Krieges. Produktion und Konsum stiegen, es gab Vollbeschäftigung
und die sozialdemokratische Regierung fuhr fort mit der Verwirklichung
des Sozialstaates durch soziale Sicherheit, Demokratisierung auf allen
Gebieten und homogenere Einkommensverhältnisse.
Gleichzeitig ging eine Abrisswelle durch das Land - vieles von dem, was
an das alte, ungerechte Schweden erinnerte, sollte weg. Die Freizeitprobleme
wuchsen, Umweltfragen wurden immer wichtiger, Gefahren und Chancen von
Kernwaffen wurden diskutiert. Die Studenten folgten dem Beispiel ihrer
ausländischen Kommilitonen und begannen Krawalle, es wurde Mode zu
demonstrieren. Trotzdem glaubten alle immer noch, daß alles besser
werde.
Gotland um
die Jahrhundertwende
Bevölkerung
und Beschäftigung
Im Jahr 1900
wohnten 52 779 Männer, Frauen und Kinder auf Gotland, 8 376 davon
in Städten. 67 Prozent der Gotländer arbeiteten in der Landwirtschaft,
17 Prozent waren in der Industrie angestellt. Die Anzahl der Geburten
auf 1000 Einwohner war 20,2 im Gegensatz zu 26,9 in ganz Schweden, die
Sterberate lag in Gotland und Schweden bei 16,1.
Die bevölkerungsreichsten Kirchspiele waren Lärbro (1352 Einwohner),
Klinte (1153) und Fårö (1112). Die wenigsten Einwohner hatte
Akebäck mit 146. In diesem Jahr wanderten 224 Gotländer aus,
die meisten in die USA, gleichzeitig nahm die Insel 109 Einwanderer auf.
Darunter waren viele Småländer, die im Steinbruch, als Bauarbeiter
oder bei der Eisenbahn Arbeit fanden.
Die Entwicklung der Landwirtschaft schritt weiter voran. In mehreren Moorflächen
war gab es Drainagearbeiten, an einigen Stellen wurde die Flurbereinigung
vollendet. Trotz schlechten Wetters war die Ernte gut, auch wenn die Preise
für Getreide fielen, da es auf den neu erschlossenen Moorflächen
schlechtere Qualität hatte.
Der treueste Mitarbeiter des gotländischen Bauern war immer noch
das Pferd. Zusammen mit den Fohlen gab es im Jahr 1900 11 585 Pferde auf
der Insel. In den vorhergehenden 20 Jahren sank die Zahl der Ochsen von
fast 10 000 auf 6 939 - weitere zwanzig Jahre später gab es fast
keine Ochsen mehr auf den gotländischen Bauernhöfen. Zu dieser
Zeit hatten die Bauern in etwas ganz Neues investiert - den Traktor.
Die Konservenfabrik in Ekeby stellte in diesem Jahr 198 780 Dosen mit
Erbsen, Bohnen und Spinat her. 12 Molkereien produzierten 4 041 129 Kilo
Milch, und in Visby wurde ein Grundstück östlich der Stadt für
eine Schlachterei gekauft. Auf dem Markt in Visby kostete ein Rindfleisch
50 Öre das Kilo und Milch 12 Öre der Liter. Die Zeitungsanzeigen
für Drainagerohre, Albionpflüge, Motoren und "Lokomobile"
bestätigen die Veränderungen, die in der gotländischen
Landwirtschaft im Gang waren. Mehrere große Höfe suchten "nüchterne,
starke und ordentliche Knechte", und schon im März versuchte
der Hof von Skäggs "Rüben-Mädels" für die
frühsommerliche Arbeit auf den Rübenäckern zu bekommen.
Viele Bauern hatten immer noch den Wald als wichtige Einkommensquelle,
aber der Export von Holzwaren aus Gotland bestand nun aus schlechterem
Holz, da der größte Teil der alten Wälder bereits abgeholzt
war. Die Fischerei erwirtschaftete während des Jahres einen ungefähren
Wert von etwa 162 540 Kronen, Heringe waren immer noch die wertvollsten
Fische. Im nördlichen und mittleren Teil der Insel brannten sowohl
Bauern als auch Unternehmen Kalk, und im Takt mit der steigenden Nachfrage
nach Kalkstein entstanden immer mehr Steinbrüche. In Visby, Kappelshamn
und Sundre gab es Steinmetzbetriebe, und in de Sandsteinregion in Sudret
wurden in diesem Jahr 66 725 Schleifsteine hergestellt. Weitere Arbeitsplätze
gab es in zwei Ziegeleien, zwei Gießereien, drei Werften, zwei größeren
Brauereien und einer Malzfabrik, sowie in Tischlereien, Druckereien, Gerbereien
und Färbereien. In Visby gab es 84 Handwerkesbetriebe unterschiedlichster
Art mit 122 Angestellten, auf dem Land waren es 156 mit 61 Angestellten.
In der Stadt gab es etwa hundert kleine Handelshäuser, auf dem Land
gab es etwa ebenso viele. In den Landhäfen waren aus kleinen Geschäften
oft große Unternehmen geworden und in ihren Orten waren diese Handelspatrone
genauso mächtig wie der Kaufmann, Direktor, Kommunalpolitiker und
Konsul C.E. Ekman in Visby.
In Fårösund mit seinen einigen hundert Einwohnern gab es den
Kaufmann K.F. Smitterberg, in Ljugarn J.G. Claudelin; in Ronehamn machten
die Familien Broander und Cramér Geschäfte mit Spezailitäten,
Kurzwaren, Manufakturen, Getreide, Holzwaren und Schleifsteinen. In Slite
mit etwa 700 Einwohnern hatte Ferdinand Nyström in seinem großen
Unternehmen, das mehrere Kalköfen, Werften, Sägewerke, Handelsbuden,
ein Warmbadehaus und eine Baumschule umfasste, etwa 100 Angestellte. In
Slite war auch J.N. Myrsten als Reeder tätig, zehn Jahre später
hatte er sogar Dampfschiffe. Kaufmann, Exporteur und Patron in Burgsvik
war Victor Hansén, und in Klintehamn, das ungefähr so groß
wie Slite war, waren Reinhold Snöbohm und G.E. Smitterberg die führenden
Kaufleute, deren Unternehmen aus Handelshäusern, Werften und eigenen
Schiffen bestanden. In Klinte wirkte der fast legendarische Willy Wöhler,
Besitzer von Klintebys, Jäger, Sänger, Pferdezüchter und
"König von Karlsö".
Mehrere Eisenbahnen wurden im Jahr 1900 geplant, im Sommer wurde die Verbindung
Hemse-Havdhem eröffnet. Die Gotländische Eisenbahngesellschaft
transportiert in diesem Jahr 169 225 Personen und 38 989 097 Kilo Zuckerrüben.
Straßen wurden gebaut, unter anderem bei Bönders backe in Klinte
und auf Fårö, wo eine neue Straße zwischen Vinor und
Holmudden angelegt wurde. Zwanzig Gasthöfe und zehn Stationen erleichterten
die Reisen auf den Landstraßen. Für eine andere Art von Verbindung
sorgten zwei zentrale und 39 kleinere Postämter mit regelmäßigen
Postgang, zwei- bis sechsmal in der Woche, sowie zwei Telegraphenämter.
Das Telefonnetz hatte 1 094 Kilometer Kabel und erreichte damit die meisten
Kirchspiele der Insel. Aber es gab noch keine Verbindung zum Telefonnetz
auf dem Festland.
Im Jahre 1900 gab es auf Gotland mehrere große Baustellen, andere
waren in Planung. Unter anderem wurden ein neues Krankenhaus, ein Schlachthof
in Visby, eine Kartoffelmehlfabrik bei Klintebys, ein Chemiezentrum und
ein Elektrizitätswerk in Visby, eine Kaserne und andere militärische
Gebäudekomplxe in Visby und Fårösund sowie viele Wohnhäuser
im Södervärngebiet gebaut. Der Dom, die Stadtmauer und die Kirchen
in Dalhem und Ardre wurden renoviert. In Havdhem war die Kirche so baufällig,
daß man sogar darüber diskutierte, ob man eine neue bauen solle.
Im Jahr 1900 bestand die gotländische Handelsflotte aus 78 Schiffen
mit zusammen 6 542 Tonnen, sieben davon waren Dampfschiffe. Die 772 im
Visbyer Seemannshaus gemeldeten Seeleute zeigen, daß das Meer immer
noch ein wichtiger Arbeitsplatz für die Gotländer war. Die größten
Häfen außerhalb von Visby waren Kappelshamn und Burgsvik, dicht
gefolgt von Klintehamn und Slite. Dreizehn Lotsenstationen, achtzehn Leuchttürme
und drei Rettungsstationen sorgten für die Sicherheit der Seefahrer.
Trotzdem kam es zu zwölf Havarien, eine war sogar ein Totalverlust.
Die Gotländer, die im Jahr 1900 an Diphterie und anderen schweren
Krankheiten erkrankten, konnten in einem Krankenhaus versorgt werden,
in dem insgesamt 615 Personen behandelt wurden. Es gab zehn Ärzte,
drei davon als Provinzialärzte in Slite, Hemse und Klinte. Darüber
hinaus gab es drei Apotheken und 46 Hebammen, die sich um die Neugeborenen
kümmerten.
Messerschleifer
und Badegäste
Das Jahr
1900 begann mit einem kalten Winter. Trotzdem funktionierte die Verbindung
mit dem Festland ziemlich problemlos, aber im Februar bekamen die Dampfer
Probleme mit den vereisten Häfen am Festland. Mindestens einmal wurde
die "Polhem" bei Sandhamn vom Eis eingeschlossen, und die "Klintehamn"
brauchte von Västervik nach Visby vier Tage.
Viele Landstraßen auf der Insel wurden von Schnee blockiert, oft
blieben auch die Züge in Schneewehen stehen. Einige wurden komplett
eingestellt. In Nordgotland verirrten sich zwei Mädchen in einem
Schneesturm, sie wurden erst einen Monat später erfroren aufgefunden.
Gleichzeitig wurde Gotland von einigen merkwürdigen Gestalten besucht,
die als "einfache Messerschleifer" auf dem Lande umherzogen.
Es gab das Gerücht, daß es russische Spione waren, aber nachdem
der Polizist Remén sie überprüft hatte, zeigte sich,
daß es "ehrliche finnische Arbeiter aus Viborg" waren,
die zumindest laut eigener Ausage völlig ungefährlich waren.
Sie durften weiterhin auf Gotland ihr tägliches Brot verdienen, etwa
2 bis drei Kronen am Tag. Im Frühjahr befanden sie sich in Südgotland,
"wo sie mit besonderem Interesse von den Töchtern der Bauern
umschwärmt wurden, die in den finnischen Arbeitern mindestens verkleidete
Offiziere sahen..."
Der Winter war in Visby aber auch eine Zeit des Vergnügens. Alle
verschiedenen Gesellschaften und Freikirchen luden zu Festen, Treffen,
gemütlichen Abenden mit Unterhaltung und Gesang, Musik, Reden, Schattenspielen
und Theatervorstellungen ein. Die Vorträge über alles von Gemüse
bis zu Altertümern wurden wie immer von vielen Zuhörern besucht.
Die Heilsarmee veranstaltete ein "Orangenfest", bei dem man
eine Orange geschenkt bekam, und Direktor F. von Eisfeldt unterhielt mit
Kleinkunst- und Zaubereivorstellungen, die neben Bauchreden auch Kasperletheater
umfasste.
Interessierte konnten auch die auch die Sitzungen des Gemeinderates besuchen
und Debatten über Kuren und die Beleuchtung von Visby anhören.
Versteigerungen waren eine andere Möglichkeit zu ein wenig Zerstreuung,
genau wie die Fuchsjagden auf dem Lande.
Die Vergnügungssüchtigen wurden wohl kaum von Zahnarzt Nyqvists
Angebot für "Gebisse an einem Tag" angesprochen. Es war
vielleicht ein wenig sicherer, zu dessen Kollegen Nordeman zu gehen, der
"Zähne unter Betäubung zog". Die langandauernde Kälte
begünstigte sicherlich auch Hägg & Johanssons Verkauf an
Schals und Muffs, und vielleicht war sie auch für Wallér und
Karlqvist vorteilhaft, die Gamaschen verkauften, die billiger als die
aus Rußland importierten waren. Das Rote Kreuz machte Geschäfte
mit "Wasch-Seife", und A. Cedergren konnte Orgeln mit "weichem
und fülligem Ton" anbieten. Gleichzeitig war so mancher beunruhigt
über steigende Preise, in Stemkumla wütete die Diphterie und
in den düsteren Mauern des Gefängnisses saßen ungewöhnlich
viele Gefangene, 28 Stück.
Das Frühlingswetter war wechselhaft, aber in der ersten Aprilwoche
konnte das Dampfschiff "Visby" mit seinen Touren entlang der
Landhäfen, mit Stopps in Klintehamn, Burgsvik, Ronehamn, Ljugarn,
Katthammarsvik, Slite und Fårösund - eine Reise die drei Tage
dauerte. Der Schiffsverkehr Stockholm-Visby- Stettin, an dem sowohl Konsul
Ekman wie auch Nordström & Thulin beteiligt waren, wurde wieder
aufgenommen, und auf den Straßen Visbys begannen die Fahrradfahrer
wieder ihre wilden Fahrten. Nach einer Reihe von Unfällen, schlug
jemand vor, daß auch Fahrräder Nummernschilder haben sollten,
damit man mit den Verkehrsrowdys zu Rande käme.
Im Juni kamen die ersten Badegäste. Das Baderestaurant (Bredablick)
in der Tranhusgata öffnete wieder, die Vergnügungsreisen mit
Schiffen und Zügen wurden wieder aufgenommen, und zu Mittsommer kamen
200 Festlandsschweden mit Dampfschiffen, in den Zeitungen wurde dies als
"ein besonders reichlicher Strom an Reisenden" betrachtet. Mitte
Juli kam die "bis dahin größte" Anzahl an Badegästen,
als die 80 Kabinenplätze nicht ausreichten, und die Passagiere auch
im Achtersalon schlafen mußten. Während de Saison besuchten
773 Personen die Wasserkuranstalt in Visby. Auf dem Lande gab es Badeleben
in Ljugarn und in Klintehamn.
Im Spätsommer organisierten die Abstinenzler eine große Demonstration
mit über 1500 Teilnehmern in Visby, und die Sportvereine zeigten
ihre Bedeutung bei großen Wettkämpfen auf Visborgs slätt.
Jedoch wurden alle "Lawn-tennis spielenden Damen" gebeten, sich
vom Pavillionplatz fernzuhalten, damit sich die "kecken Sportsleute"
dort auf ihre Wettkämpfe vorbereiten konnten.
In einem Steinbruch im nördlichen Gotland bekam der Sprengmeister
A. Hellgren einen Ladestock durch seinen Körper geschossen und mußte
schwerverletzt ins Krankenhaus in Visby eingeliefert werden.
Im Herbst erkrankten wieder viele Gotländer an Diphterie, im Rahmen
der angedachten Elektrifizierung der Insel überlegte man, ob man
auf den Torfmooren der Insel Kraftwerke bauen sollte, und einige Gotländer
wurden sicherlich von den amerikanischen Plänen, den Golfstrom umzuleiten,
beunruhigt. Eine neue Vergnügungssaison wurde eingeleitet, diesmal
mit einigen neuen Veranstaltungen, unter anderem einer Paketauktion mit
anschließender Schönheitskonkurrenz. "Aber nicht eine
kleine Herzensbrecherin hatte sich für den Gewinn des Schönheitspreises
angemeldet", was einen Zeitungsreporter dazu brachte zu fragen, "
ob es keine schönen Frauen in Visby gäbe." Am 16. Dezember
sollten alle Geschäfte weihnachtlich geschmückt werden, aber
nur wenige Händler nahmen an dieser Aktion teil. Aber das vielleicht
auch egal, da die Stadt keine elektrische Beleuchtung hatte. Zwei Wochen
später endete das Jahr mit einem orkanartigen Schneesturm.
Ausstellung,
Autos und Militär
Im 19. Jahrhundert
wurde Gotland immer abhängiger von der restlichen Welt. In den ersten
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde dies in so vitalen Bereichen der
Gesellschaft, wie der Wirtschaft, Verteidigung und der Energieversorgung.
Da Gotland mitten in einem Meer lag, das aus wirtschaftlich und politisch
interessant war, kamen die internationalen Krisen sehr nahe.
Gleichzeitig begannen die Inselbewohner neuen Entwicklungen immer aufgeschlossener
gegenüber zu treten. Auch die gotländischen Betriebe wollten
an dem allgemeinen Fortschrittsgeist teilhaben. Auf eine großen
Landwirtschafts- und Industrieausstellung in Visby im Jahr 1904, zeigten
die meisten Betriebe das erste Mal, was sie herstellten. Tausende Besucher
bewunderten prächtige Zuchtschweine, die Hengste Adam von Rosendal
und Frej von Busarve, den Gotlandsstier Tor aus Kräklingbo, farbenfrohe
Gartenartikel, moderne Sämaschinen, Dreschwerke und Överumspflüge
für 30 Kronen. Gleichzeitig waren sie ein wenig beunruhigt, denn
es war kein Geheimnis, daß auch so bekannte Taschendiebe wie Gustaf
Karlsson und Skånska Ingrid auf dem Gelände umher wanderten.
Zu dieser Zeit war Gotland ein etabliertes Reiseziel, und das Badeleben
florierte an den schönen Badestränden der Insel. Nicht zuletzt
die "lebhaften Stockholmer Mädchen" trugen zum allgemeinen
Wohlbefinden mit munteren Spielchen und guter Laune bei. Die Zeitung Aftonbladet
empfahl Visby als einen Badeort mit mit "unbeschwertem" Vergnügungen
und vielen muntere Mädchen, die zumindest nach dem Schreiber des
Artikels "alle an Melancholie leidenden Einzelgänger" verlocken
sollten, sich auf der Insel zu erholen.
Mehrere neue touristische Anlagen wurden verwirklicht. Im Jahr 1910 wurde
ein Hotel bei Snäckgärdet im Norden Visbys errichtet, einige
Jahre später entstand Visbys havsbad. 1907 gründete Theodor
Erlandsson das Museum in Bunge, das zu einem natürlichen Touristenmagnet
auf Nordgotland wurde, und von 1911 bis 1914 betrieb eine finnische Reederei
eine Dampfschifflinie zwischen Finnland und Slite, was zur Folge hatte,
daß Slite mit Ljugarn als Badeort konkurrierte.
In den ersten Jahren des Jahrhunderts wurden mehrere technische Neuerungen
auf der Insel eingeführt. Sie sollten im weiteren Verlauf des Jahrhunderts
große Bedeutung bekommen. 1904-05 wurden einige Straßen und
Häuser in Visby mit elektrischem Licht ausgestattet. Das veränderte
natürlich allmählich den nächtlichen Charakter der Stadt.
Anfangs zweifelten aber einige Bürger an der Platzierung der Straßenlaternen.
Es schien, als platzierten die Verantwortlichen die Laternen nach dem
gleichen Prinzip "nachdem die Mädge Kommata setzen - ein Pünktchen
hier und da..."
Eine andere Neuerung, die sich während dieser Zeit immer mehr auf
Visbys Straßen - und bald auch auf den schmalen und kurvigen Landstraßen
- zeigte, war das Auto. Aber noch sollte mehrere Jahre lang der Pferdewagen
das wichtigste Transportmittel sein, aber weitsichtige Menschen verstanden
bald, was kommen würde. Deshalb mußten unbedingt Regeln für
das Führen von Automobilen eingeführt werden. 1905 begrenzte
die Provinzverwaltung die Höchstgeschwindigkeit bei Tagslicht auf
20 km/h, nachts sogar auf 10 km/h. Nachts mußten die Autos mit mindestens
einer Lampe ausgerüstet werden, die wenigstens 10 Meter nach vorne
leuchten mußte.
Einige Jahre später konnten die Zeitungen melden, daß der Händler
Christersson mit seinem Ford die Strecke Visby-Fårösund-Visby
in viereinhalb Stunden geschafft hatte. Ungefähr zu dieser Zeit begannen
einige Bahnbrecher, Autos für den Transport von Menschen und Gütern
einzusetzen.
"Für alle, die sich für die moderne Flugkunst interessierten"
- und das waren zwischen 6000 und 7000 Menschen - gab es 1913 eine goldene
Gelegenheit. Der bekannte Flieger Kapitän Sundstedt pflügte
damals "die ersten gelungenen Furchen in die gotländische Luft"
über Visborgs slätt zum Staunen und zur Freude des großen
Publikums. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen neue und wagemutige Flieger
nach Gotland, und da bekamen auch einige Gotländer eine Chance, ihre
Insel auf kurzen Rundflügen von oben kennenzulernen.
Auch die Gotländer spürten die nationalen und internationalen
Krisen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wenn auch in recht geringem
Umfang. Während des russisch-japanischen Krieges 1904-05 wurde die
Verteidigung der Insel verstärkt, einige Jahrgänge auf Gotland
wurden mobilisiert, im Sund zwischen Fårö und Gotland wurden
Minen gelegt und im östlichen Gotland bauten Soldaten Schützengräben.
Die Zeitung Idun leistete sich eine fotographische Bildreportage auf einer
ganzen Seite und konnte berichten, "daß die an Erinnerungen
reiche Insel mit den vielen Ruinen und zahlreichen Tempeln dort draußen
in der Ostsee in der letzten Zeit der Schauplatz von Truppenaufmärschen
und Kanonentransporten auf verschneiten Wegen, denn die Luft ist gefüllt
mit der Unruhe des Krieges..."
Die Auflösung der Union zwischen Norwegen und Schweden hatte fast
keine Auswirkungen für die Insel. Das einzige Zeichen, daß
etwas passiert war, waren die neuen Flaggen - "unser uraltes Freiheitssymbol,
die reine Flagge", die auf den offiziellen Gebäuden in Visby
gehisst wurden.
In Fårösund war gleichzeitig eine rege Bautätigkeit, wo
das Militär eine Kaserne und Offizierswohnungen für die neu
eingerichtete Küstenartillerie errichtete. In Tingstäde wuchs
eine richtige kleine Stadt aus Schuppen heran, in denen Material für
das Militär gelagert wurde - komplett durch Befestigungen geschützt.
1903 begann man, dort größere miltärische Anlagen zu bauen,
aber die Festung Tingstäde war erst deutlich später fertig.
Der große
Streik
Im Jahr 1909
war es unruhig auf dem Arbeitsmarkt. Nach einer Zeit des konjunkturellen
Rückgangs, die die Arbeitgeber nutzten, um die Löhne zu drücken,
wurden die Spannungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern so groß,
daß es zum Konflikt kam. Im Monat August nahmen insgesamt 300 000
Arbeiter an einem Generalstreik teil, der kleine und große Unternehmen
traf.
Auch auf Gotland streikten einige Arbeiter, aber ansonsten war auf der
Insel nicht viel von diesem Streik zu spüren. Es gab nur etwa 400
Arbeiter, die Mitglied in einer Gewerkschaft - die meisten waren noch
recht unorganisiert. Besonders einige Handwerker in der Stadt waren vom
Streik betroffen: Maurer, Steinmetze, Bäcker, Schneider und Maler
sowie einige Hafen- und Metallarbeiter. Auf dem Land waren es vor allem
die Steinbrucharbeiter im Norden der Insel und Bauarbeiter bei den großen
Drainageprojekten im Mästermoor, die am gewerkschaftlichen Kampf
teilnahmen.
Die Streikenden begannen enthusiastisch mit einem geschlossenen Marsch
zur Zementfabrik, in Visby, um die dortigen Arbeiter zu einem Anschluss
an den Streik zu überzeugen - die meisten waren am dortigen größten
Arbeitsplatz der Stadt nicht gewerkschaftlich organisiert und hatten deswegen
nicht die Arbeit niedergelegt. Eine berittene Militärpatrouille stoppte
aber die Streikenden, und die Arbeiter wurden auseinandergetrieben.
In den ersten Tagen des Streikes war die Lage etwas gespannt, die Polizei
wurde mit Soldaten verstärkt, Demonstrationen waren verboten und
das elektrische Licht auf Visbys Straßen brannte die ganze Nacht.
Der Schiffsverkehr mit dem Festland wurde durch die Aktionen der Hafenarbeiter
gestört, und es gab kleinere Konflikte zwischen Streikenden und Arbeitern,
die ihre Arbeit nicht niedergelegt hatte. An einigen Arbeitsplätzen
traten auch einzelne Streikbrecher auf.
Aber schon nach etwa einer Woche hatte sich der Enthusiasmus so weit abgekühlt,
daß die meisten an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, wo
sie aber oft von ihren standhafteren Kollegen "gemobbt" wurden.
Einige, die es übertrieben hatten, wurden auf der Grundlage des sogenannten
åkarpsgesetzes verhaftet, das erlassen wurde, um die bestrafen zu
können, die andere daran hinderten, ihrer Arbeit nachzugehen. August
Palm, ein schwedischer Sozialistenführer, selbst kam nach Gotland,
um die weniger werdenden Scharen wieder anzufeuern, aber der Streik erstarb
trotzdem von selbst.
Anfang September wurden alle Streikmaßnahmen beendet, und die meisten
konnten nun an ihre Arbeitsplätze zurückkehren - doch mehrere
waren nicht mehr willkommen.
Kanonendonner,
Minen und merkwürdige Angebote
Am 1. August
1914 erklärte Deutschland Rußland den Krieg, zwei Tage später
auch Frankreich. Der Erste Weltkrieg war Wirklichkeit geworden. Die schwedische
Regierung erklärte Schweden unmittelbar für neutral, mobilisierte
aber im ganzen Land Truppen. Auch auf Gotland läuteten die Kirchenglocken
zur Mobilisierung. Soldaten vom Festland verstärkten die einheimischen
Truppen, Tingstäde wurde wie geplant der Mittelpunkt der Verteidigung
Gotlands, und auf dem Meer nahmen schwedische Kriegsschiffe Patrouillen
auf.
Wie wenige andere Teile Schwedens bekam Gotland die Nähe des Krieges
zu spüren. Die deutsche Flotte benutzte die Fahrwasser in der Nähe
der Insel als Treffpunkt für ihre Schiffe, und die Insel wurde als
Barriere benutzt, von der aus die starke russiche Ostseeflotte angreifen
konnte. Kriegsfahrzeuge nahmen im Schutz der gotländischen Küste
Kohlen auf, und das Seegebiet zwischen dem Baltikum und Östergarn
benutzten beide Seiten zur Aufklärung. Dementsprechend wurden in
diesem Gebiet sehr viele Minen gelegt.
Zu Beginn des Krieges waren sogar russische Kriegsschiffe auf dem Weg
nach Fårösund, um die schwedische Flotte unschädlich zu
machen, da Schweden von den Russen als möglicher Verbündeter
Deutschlands angesehen wurde. Bevor es aber so weit ging, bekamen die
russischen Verbände aber den Befehl umzukehren und stattdessen St.
Petersburg zu verteidigen. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt gar keine
schwedischen Kriegsschiffe in den gotländischen Häfen. Bis zur
russischen Revolution im Jahr 1917 waren Schiffe der kriegführenden
Parteien in ständiger Bewegung um Gotland, und der Kanonendonner
der Seeschlachten wurde eine gewohnte Geräuschkulisse für die
Gotländer. Einmal wurde die "Hansa" der Reederei Gotlandsbolaget
von einem deutschen Kriegsschiff beschädigt, ein russischer Kreuzer
lief in Fårösund fast auf Grund und bewaffnete deutsche Trawler
ankerten in schwedischen Hoheitsgewässern. 500 Minen strandeten an
der gotländischen Küste, und der donnernde "Minensalut"
gehörte bald zum Alltag. Viele Fahrzeuge liefen in gotländischen
Fahrwassern auf Minen, und die Schiffe zum Festland fuhren nur noch am
Tage und besonders langsam, um Minen entdecken zu können.
Trotz dieser offenkundigen Nähe zum Krieg, waren Verletzungen der
schwedischen Neutralität selten. Aber es gab gewaltsame und bemerkenswerte
Ausnahmen.
Albatross
Anfang Juli
1915 war das deutsche Kriegsschiff Albatross, nachdem es Minen nordöstlich
von Gotland gelegt hatte, auf dem Weg nach Süden. Völlig überraschend
tauchte eine russische Einheit am Horizont auf und beschoß die Albatross
mit ihren gewaltigen Kanonen. Der deutsche Kapitän befahl, sofort
Kurs auf die gotländische Küste zu nehmen, aber die Russen näherten
sich schnell - die ganze Zeit heftig feuernd.
Auf Grund des großen Abstandes war die Treffsicherheit der Russen
nicht allzu hoch, aber als die Fahrzeuge näher kamen, schlug ein
ums andere Projektil in Rumpf und Aufbau der Albatross ein. Brände
brachen an mehreren Stellen aus, viele Besatzungsmitglieder wurden getötet
oder verwundet und der wachhabende Offizier lag mit durchschossenem Bein
auf der Brücke. Eine russische Granate traf die Krankenstation der
Albatross und richtete ein furchtbares Massaker an.
Mit Schlagseite und schwer beschädigt lief die Albatross in den Sund
zwischen Östergarn holme und Gotland. Obwohl sie sich dort bereits
in schwedischen Gewässern befand, setzten die Russen den gewaltsamen
Beschuss fort, Projektile flogen über die kleine Insel, und das Leuchtturmpersonal
suchte in einigen Höhlen am Strand Schutz. Schließlich wurde
der Beschuß eingestellt, die Albatross lief - halb voller Wasser
- auf Grund.
Viele Gotländer hatten den Kampf mitangehört und waren an den
Strand geeilt, um das Drama anzusehen. Schnell kam schwedisches Militär
nach Östergarn, die deutsche Flagge auf der Albatross wurde eingeholt
und die Toten und Verwundeten wurden an Land gebracht.
Kurz darauf wurden die Opfer des Kampfes in einem Massengrab auf dem Friedhof
von Östergarn begraben, und der überlebende Teil der Besatzung
wurde zuerst in Roma und später in Blåhäll bei Tofta interniert.
Das beschädigte Fahrzeug wurde nach Fårösund bugsiert
und später nach Oskarshamn überführt. Die schwedische Regierung
protestierte gegen die offensichtliche Kränkung der Neutralität
und die Russen entschuldigten sich für den Vorfall.
"Themis"
Ein Jahr
nach dem Drama mit der Albatross geschah ein anderer bemerkenswerter Vorfall,
der zwar nicht zu ebenso großen Überschriften führte,
aber der zu gewissen diplomatischen Haarspalterei und der zu ernsten Konsequenzen
hätte führen können.
Ende Juli 1916 lag der Stockholmer Dampfer "Themis" in seinem
Heimathafen und lud Maschinenteile, Kaffee, getrocknete Früchte,
Parfüm und Kork für den Transport nach Raumo im russisch beherrschten
Finnland. Am 1. August lief sie aus und erreicht gegen Abend die Ålandsee,
wo sie von einem deutschen U-Boot geentert wurde. Ein Offizier des U-Bootes
untersuchte die Schiffspapiere der "Themis" und kam zu dem Schluß,
daß die Waren aus deutscher Sicht Schmuggelgüter waren. Der
Kapitän des schwedischen Dampfschiff mußte zwischen einer Kursänderung
nach Libau (Liepaja) in Lettland oder zu näherer Untersuchung und
der Torpedierung seines Schiffes wählen. Er wählte Libau.
Die Deutschen brachten eine eigene Besatzung auf die "Themis"
und befahlen volle Fahrt nach Süden. Der Kohlenvorrat des Schiffes
nahm schnell ab, und die Deutschen beschlossen, den nächsten Hafen
aufzusuchen, um Kohle zu bunkern. Zufällig war dieser Hafen Slite,
wo die "Themis" auf Reede lag.
Die militärischen Behörden auf Gotland bekamen den Befehl, die
"Themis" mit allen Mitteln am Auslaufen zu hindern, und eine
Abteilung der Artillerie wurde an Land stationiert und richtete ihre Kanonen
auf das Fahrzeug. Die Spannung unter den Artilleristen stieg, als ein
deutsches Torpedoboot neben der "Themis" ankerte, aber sofort
kam der Befehl "Feuer einstellen". Der gekaperte Dampfer sollte
bis zu einer Untersuchung weiter in Slite auf Reede liegen.
Die Verhandlungen zwischen den Regierungen in Stockholm und Berlin wurden
sehr langwierig. Die Affäre war auch deshalb so kompliziert, weil
es keine internationalen Absprachen gab, wie man verfahren sollte, wenn
ein neutrales Schiff von einer kriegführenden Macht gekapert wird
und anschließend in einem Hafen des neutralen Landes lag. Darüberhinaus
war das Schiff nicht in unmittelbarer Not und manöveruntauglich.
Erst am 21. August kam eine Mitteilung zur Provinzverwaltung in Visby,
daß die "Themis" nicht länger als beschlagnahmt anzusehen
sei. Die deutsche Entermannschaft sollte schnellstmöglich nach Deutschland
reisen. Am Tag darauf wurden die deutsche Flagge auf der "Themis"
und die schwedische wieder gehisst. Dann konnte der Dampfer in Slite anlegen.
Die Gotländer
und der Krieg
Der Krieg
betraf natürlich die meisten Gotländer auf verschiedene Weise
- und mit jedem Jahr wurde es schlimmer. Besonders spürbar war die
staatliche Kontrolle in fast allen Lebensbereichen. Es wurden viele neue
Gesetze und Verordnungen über Höchst- und Niedrigstpreise, Mieten,
Löhne und Steuern verabschiedet; verschiedene Kommissionen regulierten
den Handel mit fast allen Gütern, den Bedarf an Brennstoff wie Brennholz,
Kohle und Petroleum, die Lebensmittelversorgung und die industrielle Produktion
sowie Import und Export. Fast alle wichtigen Güter wurden rationiert,
gegen Ende des Krieges sogar Blech, Nägel und Hufeisen.
Die gotländischen Bauern bekamen natürlich bessere Preise für
ihre Produkte, aber sie mußten auch höhere Preise für
Futter und Düngemittel bezahlen. In den letzten Kriegsjahren wurde
überhaupt kein Tierfutter mehr eingeführt und ein Teil der Viehbestände
mußte geschlachtet werden. Besonders die Schweine waren davon betroffen,
ihre Anzahl sank in den Jahren 1917-18 um ein Drittel. Zwar gab es während
des ganzen Krieges die Möglichkeit, in Visby Fleisch zu kaufen, aber
auf dem Markt in Visby kostete doppelt so viel wie Rindfleisch - 1918
2,5 Kronen das Kilo gegenüber 1,75 Kronen für Rindfleisch. Im
gleichen Zeitraum verkauften die gotländischen Bauern fast 600 Pferde
nach Deutschland.
Die Produktion von Butter und Milch sank. Zeitweise gab es Butter nur
im Schwarzhandel, und die Milchproduktion sank in den Kriegsjahren um
60 Prozent. Es gab mehrere schlechte Ernten, und in den letzten Jahren
des Krieges beschlagnahmte der Staat Saatgetreide, Mehl, Brot, Heu und
anderes Futter. Besonders dafür bestimmte Beamte durchzogen das Land
und suchten nach größeren Lagern an Saatgetreide, Mehl und
Kartoffeln. Auf ihre "Brotkarten" konnten die gotländischen
Konsumenten jeden Monat 250g Mehl, 325g Graubrot oder 200g Knäckebrot
erhalten. Die Zuckerration war ein Kilo pro Monat und Person. Auf dem
Eßtisch ersetzte nun oft Kohl die Kartoffeln.
Obwohl der Staat versuchte, die Preise niedrig zu halten, stiegen diese
für die meisten Güter während des Krieges um mehr als das
Doppelte. Wie in ganz Schweden gab es auch auf Gotland einen kleineren
Schwarzmarkt, üblicherweise gefolgt von hohen Preisen. Stockholm
war ein wichtiger Markt, so daß es für die Polizei fast zur
Routine wurde, Personen festzunehmen, die Fleisch, Butter oder Wurstwaren
schmuggelten.
Der Mangel an Gas führte dazu, daß überall die Lampen
ausgingen - noch war die Elektrifizierung der Insel nicht durchgeführt.
Stattdessen wurden rauchende und gefährliche Karbidlampen benutzt.
Im Jahr 1918 mußte man sogar den Leuchtturm in Visby schließen.
Der meiste Brennstoff kam aus dem Wald, und auch der Torf aus den gotländischen
Mooren wurde wieder interessant.
Unmengen an Surrogaten sollten die Originalprodukte ersetzen. Besonders
Kaffee war ein Problem. Der Handel mit dem begehrten Getränk wurde
strikt reguliert, und die monatliche Ration war minimal. Geschäfte,
die Kaffee verkauften waren gezwungen, in gleichmäßigen Abständen
ihre Kaffeebestände behördlich zu melden, und es kam sogar vor,
daß Kaffee beschlagnahmt wurde. Es war erlaubt, den Kaffee schon
im Geschäft mit Wurzeln der Zichorie zu verlängern, aber die
Händler durften weder Kartoffeln noch Rüben dafür benutzen.
Flechten, Löwenzahnwurzeln und Schilfrohr wurden als Surrogate verwendet,
Kirschkerne ersetzten Bittermandeln, aus Lindenblüten wurde Tee gekocht
und die Schulkinder bekam zum Teil schulfrei, um Wacholderbeeren und Vogelbeeren
zu pflücken. Die Provinzverwaltung ermunterte die Gotländer,
Küchenkräuter anzupflanzen, aber sie verbot, Preiselbeeren vorzeitig
zu pflücken.
Schon zu Beginn des Krieges waren die meisten Gemeinden auf Gotland so
weitsichtig und legten einen Vorräte von Kartoffeln und Saatgetreide
an. Es sollte auch nicht lange dauern, bis es notwendig wurde, auf die
Lager zurückzugreifen. Die Lebensmittelausschüsse, die nun in
allen Gemeinden eingerichtet werden mußten, kauften Mehl, Fleisch,
Korn und Fisch ein und verteilten sie an die ärmsten Einwohner, andere
kommunale Ausschüsse kümmerten sich um Kleidung. Glücklicherweise
gab es in den meisten Kommunen zusätzliche Haushaltsmittel hierfür,
aber die verantwortlichen Kommunalpolitiker - meistens die Vorsitzenden
der einzelnen Ausschüssen, angestellte Beamte gab es noch nicht -
hatten enorme Anstrengungen zu leisten, damit alles funktionierte. Nicht
zuletzt galt das für all die Rationierungskarten, die verteilt werden
mußten, und die unzähligen staatlichen Instruktionen und Verordnungen,
die täglich von verschiedenen Behörden erlassen wurden.
Trotz der schweren Zeiten blieb es ruhig auf Gotland. Es gab weder Demonstrationen
noch Äußerungen von Unzufriedenheit. Aber es gab einige neue
Elemente im Leben auf der Insel, wie zum Beispiel "Brennholzkonzerte"
für die Armen Visbys, Lotterien für die Luftverteidigung der
Insel und Schlägereien zwischen Soldaten. Die "Slumschwestern"
halfen täglich den Bedürftigen und sorgten dafür, daß
arme Kinder die Möglichkeit bekamen, im Sommer bei Bauern zu wohnen.
Einige weitblickende Gemeinden führten die Schulspeisung für
die Kinder, die zu Hause nicht genug zu essen bekamen, ein. Trotz allem,
versuchten die meisten, so weit als möglich ein normales Leben zu
führen.
Im Winter war der Schlittenhügel bei Kneippbyn ein populäres
Ausflugsziel. Die meisten fuhren mit dem Zug dorthin. Dort gab es eine
Gastwirtschaft, die Suppe, Pasteten und warme Milch anbot. Die drei Kinos
in Visby zeigten Filme wie "I sjöröfvarens värld",
"Den vandrande juden" och "På lif och död -
ein Gesellschafts-, Liebes- und Detektivdrama". Das Victoriakino
veranstaltete darüber hinaus "musikalische kinematographische
Soiréen" mit Deklamationen. Auf dem Lande reiste ein engagierter
Mann mit dem "Kino Gute" umher - leider funktionierte der Filmapparat
zur Enttäuschung des Publikums fast nie.
Im Sommer war das Gartencafé Burmeisterska geöffnet, und schon
1917 kamen die Touristen in immer größeren Scharen zurück.
An den Stränden und in den Restaurants waren immer mehr Menschen
zu sehen, das Seebad Visbys und Snäckgärdsbaden öffneten,
und vor allem das letztere wurde sehr populär. Die Kultur kam in
der Ruine von St. Nicolai zu ihrem Recht. Dort lud eine Schauspielertruppe
zu dem Ruinenspiel "Guds röst till enhvar", eine Vorstellung,
die laut der Reklame "eine bescheidene Konkurrenz zu den Passionsspielen
in Oberammergau" sein sollte.
Das wirtschaftliche Klima auf der Insel war widersprüchlich. Es gab
zu wenig Arbeitskraft. Zwar gab es einen Überfluß an Büro-
und Einzelhandelsangestellten, aber es mangelte an Knechten und Mägden
für die Bauernhäuser auf dem Land. Im Sommer 1917 hatte das
Arbeitsamt Visby in der "Männlichen Abteilung" 78 Suchende
für 100 freie Plätze, auf der weiblichen Seite 117. Zwei große
Zementfabriken wurden gleichzeitig projektiert. Die Aktien in Rute Cement
AB sollten 1917 bezahlt werden - zum größten Teil mit gotländischem
Kapital - und die Aktienzeichnung für Slite Cement AB lief auf vollen
Touren.
Im letzten Kriegsjahr brach die spanische Krankheit auf Gotland aus. Das
war eine schwere Grippe, die auf dem Kontinent mehr Opfer als der Krieg
selbst kostete. Viele Menschen hatten kaum Widerstandskraft wegen des
Mangels an Essen. Am 19. November 1918 konnten die Leser von Gotlands
Allehanda folgende Schilderung finden:
"Geht man durch Slite trifft man auf bleiche, besorgte und weinende
Gesichter. Kein frohes Gelächter ist mehr zu hören, sogar die
unschuldigen Kinder haben einen schwermütigen Zug in ihren sorgenvollen
Gesichtern. Es ist die schlimme Krankheit, die die Sinne so tief ergriffen
und verdüstert hat. Mit bebenden Herzen sehen noch gesunde Menschen,
wie kraftvolle Männer und Frauen auf das Krankenbett gelegt werden
und in vielen Fällen in ein vorzeitiges Grab. Doktor Hamne ist unablässig
unterwegs, um die Kranken zu besuchen..."
Volksabstimmung,
Radio und Flugverkehr
Die Jahre
zwischen 1920 und 1930 waren sowohl ein Jahrzehnt der Stabilisierung als
auch der Veränderung. Nach Ende des Ersten Weltkriegs folgten einige
optimistische Jahre, aber bald kam der Niedergang in der Konjunktur, gefolgt
von umfassender Arbeitslosigkeit - 1922 war der Höchststand mit 163
000 Arbeitslosen in Schweden. Auf Gotland spürte man die Krise am
stärksten in den stark industrialisierten Gebieten der Insel, außerhalb
Visbys in den Steinbrüchen und in den Zementfabriken im Norden. In
vielen Betrieben kam es zu Entlassungen, in manchen mußten die Arbeiter
sich an niedrigere Löhne gewöhnen. Der gotländische Hauptwirtschaftszweig,
die Landwirtschaft, litt auch unter den schweren Jahren, erholte sich
aber schnell in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Der Wald und die
Fischerei waren wie zuvor ein wichtiger Einkommenszweig. Natürlich
war der Wald trotz vieler Gesetze sehr stark ausgebeutet worden, aber
dank der vorher unbekannten Anwendung von Steinkohle und neumodischen
Erfindungen wie dem Stacheldrahtzaun und der Zentralheizung erholten die
Waldbestände sich im Laufe der 20er und 30er Jahre. Viele Bauern
fischten immer noch, um ihren eigenen Bedarf zu decken, und zusammen mit
knapp 300 Berufsfischern versorgten sie nicht nur die Gotländer sondern
ebenso sowohl Stockholmer als auch Polen mit Hering, Flunder, Dorsch und
Lachs. 1935 aß nach der Statistik jeder Gotländer 20 Kilo Fisch
im Jahr.
1918-1921 wurde eine wichtige Reform im Land durchgesetzt, als das Wahlrecht
gleich und allgemein wurde. Ein anderer Bestandteil das demokratischen
Schwedens waren die Volkabstimmung, die 1922 durchgeführt wurde.
Die Frage, zu der das schwedische Volk in diesem Jahr Stellung nehmen
sollte, war heikel: es ging um das generelle Verbot des Alkoholverkaufs
in ganz Schweden.
Unter den Abstinenzlern auf Gotland war der Monat vor der Abstimmung angefüllt
mit gefühlsseligen Aktivitäten. Auf der ganzen Insel fanden
Treffen und Veranstaltungen statt, Flugblätter wurden ausgeteilt,
Freiluftfeste, Demonstrationen und Vorträge organisiert. Das Resultat
von all diesen Aktivitäten wurde aber in der Zwischenzeit ein negatives
für Abstinenzler. Zum ersten beteiligten sich gerade knapp die Hälfte
der Wahlberechtigten an der Abstimmung, zum anderen sprach sich die Mehrheit
gegen das Verbot aus. Im ganzen Land war der Unterschied zwar nicht sonderlich
groß, 51 Prozent nein- gegen 49 Prozent ja-Stimmen, aber auf Gotland
waren die Stimmen gegen das Verbot eindeutig in der Überzahl.
Aber wenn eine etablierte Bewegung wie die Nüchternheitsbewegung
in einer wichtigen Frage eine Niederlage erlitt, so waren es andere Bewegungen,
die Erfolge erzielten. Und zwar die Anonymen Alkoholiker. Die Erfahrungen
des ersten Weltkriegs und die schweren Jahre zu Beginn der 20er Jahre
brachte immer mehr gotländische Arbeiter dazu, sich in Gewerkschaften
und Arbeiterverbindungen zu organisieren. Das Interesse für Sport
nahm zu, und die Aktivitäten bekamen eine sehr viel gründlichere
Organisation. Noch gab es keine eigentlichen Sportplätze, Fußball
spielten die Enthusiasten auf einem besseren Acker, Wettläufe wurden
auf den Straßen und Wegen abgehalten. Die Finanzierung regelten
die Vereinigungen durch die Einnahmen von Basaren und Festen. In Visby
wurden Stadtläufe sehr populär.
Die 1920er Jahre brachten mit sich, daß Autos und Busse zu immer
bedeutungsvolleren Transportmitteln wurden. Es wäre vielleicht verfrüht,
von einem Durchbruch zu sprechen, der sollte erst nach dem Zweiten Weltkrieg
kommen, aber die Anzahl der angemeldeten Fahrzeuge wuchs. Und damit verbunden
erhöhte sich natürlich auch die Zahl der Verkehrsunfälle.
Zwar war die Geschwindigkeit auf den gotländischen Straßen
noch relativ niedrig, aber dennoch passierte es hier und da, daß
Autos entweder zusammenstießen oder in den Graben fuhren. In den
meisten Fällen kam es bei diesen Unglücken zu leichten Personenschäden.
1935 gab es 560 Motorfahrzeuge in Visby, davon waren 200 LKW. Im nächsten
Jahr wurden die 1440 öffentlichen Straßenkilometer Gotlands
zu 48% von PKW, zu 24% von LKW und zu 28% von Pferdekutschen befahren.
Nur 7,2 Kilometer der Straßenwege waren befestigt, hauptsächlich
mit Beton. Der Verkehr war in den Sommermonaten besonders dicht, in denen
mitunter 16 Autos pro Tag mit der Fähre nach Fårö gebracht
wurden. Einige der größten Ortschaften auf Gotland bekamen
im Laufe der 20er Jahre Busverbindungen nach Visby. Normalerweise fuhr
der Bus am Morgen nach Visby, wartete dann dort einige Stunden und fuhr
am Nachmittag zurück. Auf diese Weise hatten die Fahrgäste die
Gelegenheit, in der Stadt Besorgungen zu erledigen, die in ihren Heimatorten
fehlte. Nicht zuletzt befand sich in Visby auch das einzige Geschäft,
das legal Alkohol verkaufen durfte, nachdem das sogenannte Brattsystem
definitiv eingeführt worden war. Mitte der 30er Jahre gab es 23 Buslinien
auf der Insel.
In den 20ern wurde das Flugzeug als neuartiges Transportmittel für
den Reiseverkehr zwischen Gotland und dem Festland in Betrieb genommen.
Schon kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs war die Möglichkeit einer
Flugverbindung mit dem Festland untersucht worden, aber erst nach vielen
Jahren Planung wagte es eine Fluggesellschaft, Slite mit einem Wasserflugzeug
anzufliegen. In den Jahren um 1925 konnten Touristen und andere für
einen Preis von 55 Kronen mit der "Nordpolsmaskinen Dornier Wal"
um 9.30 Uhr von Stockholm starten und eine knappe Stunde später in
der Badebucht in Slite landen. Fluggäste, die noch weiter wollten,
konnten für einen Aufpreis von 90 Kronen ihre Reise nach Danzig (Gdansk)
fortsetzen. Nachdem der Flugverkehr dann eine Zeitlang brachgelegen hatte,
wurde er 1933 wiederaufgenommen. Die AB Aerotransport startete in dem
Jahr den Sommerverkehr mit einem Wasserflugzeug, das im See bei Tingstäde
landete. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieg flog die ABA mit zwei
Touren pro Tag fast 1000 Flüge nach Gotland und transportierte so
um die 11 000 Passagiere - ca. 70 Prozent von ihnen waren Touristen. 1938
beschloß der Reichstag, einen zivilen Flugplatz in der Nähe
von Visby zu bauen. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis die ABA einen
regelmäßigen Flugverkehr mit Visby in Gang bekam. Ein neuer
Krieg kam dazwischen.
Da eine Flugreise nach Stockholm aber kaum etwas war, mit dem der durchschnittliche
Gotländer seine Freizeit verbrachte, wurde eine andere Erfindung,
die den Kontakt mit dem Festland möglich machte, wesentlich wichtiger:
das Radio. 1922 starteten der schwedische Rundfunk, und es dauerte nicht
lange, bis eine Art Radio, der Kristallempfänger, auch in den gotländischen
Häusern zur normalen Einrichtung gehörte. Zuhören konnte
man allerdings nur mit Hörrohren, weil der Kristallempfänger
keine Lautsprecher hatte. Die Geräte waren oft selbst hergestellt
und wurden vor der Elektrisierung der Dörfer mit schwerfälligen
Bleiakkus angetrieben. 1924 gab es 103 Gotländer, die angemeldete
Radios besaßen. 1937 war die Anzahl auf 7 034 gestiegen. Auch die
Anzahl der Telefone stieg in den 30er Jahren drastisch an, und in einigen
Jahren war Visby die Stadt mit den meisten Telefonen im ganzen Land.
Ein anderes neuentdecktes Freizeitvergnügen in den 30er Jahren war,
ins Kino zu gehen. Auch in den größeren Orten auf dem Land
wurden Kinos eröffnet, und das stets große Publikum genoß
Filme wie "Kung Dollar", "Hjärtats begär",
"Ingmarssönerna", "Livet på landet", "Anderssonskans
Kalle" und "Karl XII.". Trotz Zensur wurde der Film über
den schwedischen Kriegerkönig sehr beliebt bei den Gotländern,
die sich in den Szenen wiedererkennen konnten, die in Visby gedreht worden
waren. Viele Anwohner aus Visby waren darüber hinaus auch als Statisten
im Film mit dabei.
Zu den Freizeitbeschäftigungen im Visby der 30er Jahre gehörte
auch, im Restaurant essen zu gehen. Im Winter gab es zwei zur Auswahl:
das Stadthotel und das Restaurant des Systembolaget, das später in
Gutekällaren umgetauft wurde. Das Hotel und das Pensionat Solhem
organisierten außerdem an mehreren Abenden in der Woche Tanzabende.
In den Sommermonaten vervielfältigte sich das Angebot. Die "Terrasse"
des Stadshotellet, DBW's Pavillon, Snäckgärdsbaden und Burmeisterska
waren die populärsten Lokale mit gutem Essen und Live-Musik. Eine
andere entdeckte Möglichkeit, in den Abendstunden Zerstreuung zu
finden, war "zum Boot gehen", um sowohl bekannten als auch unbekannten
Reisenden zu winken.
Auch das Kulturleben blühte auf. In den 30er Jahren debütierten
große gotländische Kulturpersönlichkeiten wie der Künstler
und Verfasser David Ahlqvist, der Dichter Gustaf Larsson und der bildende
Künstler Bertil Nyström. David Ahlqvist und Bertil Nyström
gaben zusammen mit dem Journalisten Karl Eric Hallbom ein "periodisches
Sprachrohr für gotländische Kultur, Kritik und Humor" heraus,
- die Zeitschrift "Fyren". Leider existierte sie nur für
einige wenige Ausgaben. Musik und Gesang fanden ihr Publikum in den Konzerten
der Musikaliska Sällskapet, des Allmäna sångens, und des
Hansekören. Im Rahmen der Arbeitervereinigungen spielten begabte
Amateure Neujahrsrevuen mit Texten des Redakteurs Valton Johansson, der
1943 Verantwortlicher für die gotländische Lokalradiostation
wurde. An den Sommerabenden war die Ruine der St. Nicolai Kirche bis auf
den letzten Platz angefüllt, wenn Friedrich Mehlers' und Joseph Lundahls
Ruinenspiel "Petrus de Dacia" vor einem oft internationalen
Publikum aufgeführt wurde.
Die Gotländer
bekommen Elektrizität
Heute ist
der elektrische Strom und elektrisches Licht für die meisten Menschen
eine Selbstverständlichkeit, und wir fühlen uns sehr eingeschränkt,
wenn Stromausfälle uns immer mal wieder unsere Abhängigkeit
von der Elektrizität vor Augen führen. Spätere Generationen
können auch nicht verstehen, was es früher bedeutete, im Stall,
in der Küche, im Klassenzimmer oder am Weihnachtsbaum elektrisches
Licht zu bekommen. Der ganze Tagesablauf änderte sich, da man sich
nicht mehr nach dem Einbruch der Dunkelheit richten mußte.
Verschiedene Arten von Elektrizitätswerken, üblicherweise mit
Dampfmmaschinen oder Dieselmotoren, wurden in den 1880er und 1890er Jahren
in vielen schwedischen Städten eingerichtet. Auf Gotland fiel der
bescheidene Startschuß im Dezember 1904, als die Stadtwerke von
Visby den ersten Stromkonsumenten an ein Dieselmotorkraftwerk an Södervägen
anschlossen. Im Laufe der Zeit wurden auch auf dem Lande Kraftwerke gebaut,
unter anderem in Burgsvik, Havdhem, Hemse, Klintehamn, Ljugarn und Roma.
Doch erst nach dem Bau der Zementfabrik in Slite 1917-19 kam die Elektrifizierung
der Insel richtig in Gang.
Anfangs wurde der Energiebedarf beim Bau der Fabrik von einem Lokomobil
befriedigt, das einen Generator antrieb. Aber das Lokomobil reichte bald
nicht mehr aus und stattdessen baute man ein großes Kraftwerk, das
soviel Strom produzierte, daß auch etwas für die Haushalte
in Slite übrig blieb.
Gerade zu dieser Zeit gab es in Visby eine lebhafte Diskussion über
die Elektrifizierung Gotlands. In Visby gab es ja schon ein Kraftwerk,
aber wie sollte man das Land erreichen? Mehrere Vorschläge wurden
gemacht. Ein Vorschlag, war ein Kraftwerk mit einer Leistung von sechs
Megawatt, was für die gesamte Insel ausgereicht hätte, bei Tingstäde
zu bauen. Brennstoff für den Betrieb des Kraftwerkes gab es in der
Nähe in Hülle und Fülle - der Torf in den Mooren von Martebo
und Elinghem.
Im südlichen Gotland diskutierte man in den ersten Jahren der 1920er
die Möglichkeit, mehrere kleine Dieselkraftwerke zu errichten, die
zunächst nur für einige Kirchspiele zuständig sein sollten.
Mehrere Kommitees arrangierten Treffen mit der Allgemeinheit. Deren Interesse
war aber nicht sehr groß, zu einigen Treffen kamen nur der Vertreter
des Unternehmens, das sich am stärksten für die Stromfragen
der Insel engagierte, Aktiebolaget Skandinaviska Elverk (SEV).
Allmählich sahen aber alle die Vorteile in einer Konzentration der
Stromversorgung an Stelle von mehreren kleinen Kraftwerken ein. Nach Gesprächen
mit dem Chef der Zementfabrik in Slite, Fredrik Nyström, übernahm
SEV im Februar 1925 das Kraftwerk der Fabrik, und ein Versorgungsvertrag
wurde unter anderem zwischen der Zementfabik in Slite und Valleviken und
der Stadt Visby unterzeichnet.
Schon nach einem Jahr zeigte sich, daß die Kapazität des Kraftwerks
zu niedrig war, mehrere Erweiterungen und Modernisierungen vergrößerten
die Ressourcen und verbesserten damit die Möglichkeiten, das Stromnetz
zu vergrößern. 1927 übernahm ein neugegründetes Unternehmen,
AB Gotlands kraftverk (GK), die Anlagen in Slite. Das Leitungsnetz hatte
zu damals eine Länge von 116 Kilometer und es gab 391 angeschlossene
Konsumenten.
Man fing nun an, ein Netz von Stromleitungen über die Insel zu ziehen:
von Slite nach Valleviken 1925, von Slite über Källunge nach
Visby 1926, von Källunge nach Roma 1927, von Roma über Klintehamn
nach Hemse 1931. Von diesen Hauptleitungen gingen kleinere Leitungen ab,
unter anderem nach Lärbro, Storugns und Bläse 1927, till Bungenäs
1928 und nach Fårösund 1929. Gleichzeitig übernahm GK
die kleinen Kraftwerke in mehreren Orten.
In den schweren Jahren der 1930er stoppte der weitere Ausbau, nur wenige
Abonnenten kamen hinzu. Um 1935 gab es trotzdem etwa 1600 feste Kunden,
darunter viele Bauernhöfe. Alle Zementfabriken und Steinbrüche
im nördlichen Gotland waren angeschlossen, genau wie viele Mühlen
und Molkereien sowie die Zuckerfabrik in Roma. Etwa 30 Kirchspiele waren
an das Netz angeschlossen. Die natürliche Konzentration auf die wichtigsten
Anbaugebiete sorgte dafür, daß diese zuerst angeschlossen wurden.
So waren zum Beispiel im Jahr 1935 alle Haushalte in Barlingbo an das
Netz angeschlossen.
1932-34 wurde vor allem in der Gegend um Hemse ausgebaut, und in der zweiten
Hälfte der 1930er Jahre wuchs das Leitungsnetz weiter. 1935 wurden
Stånga und Garda, Västergarn und Sanda angeschlossen, 1937
Tingstäde, 1938-40 unter anderem Hejdeby, Endre, Lokrume, Linde,
Källunge, Lye, Kappelshamn, Hellvi, Buttle und Ronehamn. Aber die
Strompreise waren im Vergleich zum Festland immer noch recht hoch, was
die Entwicklung behinderte.
Der Zweite Weltkrieg führte mit sich, daß die Elektrifizierung
des Restes der Insel warten mußte. Zwischen 1945 und 1950 wurde
der Ausbau vorangetrieben und nun wurden auch Vamlingbo, Hamra, Sundre,
Öja, Burs, Rone, Viklau, Vänge und Guldrupe angeschlossen. 1945
wurde ein Kabel nach Fårö verlegt und zu Beginn der 1950er
Jahre wurden dort alle Haushalte angeschlossen.
Das letzte Kirchspiel, das elektrifiziert wurde, war Hall. Mehrere Ursachen
waren dafür verantwortlich, daß es dort so lange dauerte. Hall
war relativ weit entfernt von den Hauptleitungen und die sehr komplizierte
dortige Fluraufteilung erschwerte die Arbeit sehr. Das Problem wurde dadurch
gelöst, daß der Landwirtschaftsausschuß das gesamte Gebiet
neu aufteilte, wodurch die Aufteilung homogener wurde. 1953 konnte Hall
an das Netz angeschlossen werden.
Zu dieser Zeit wurde schon seit zehn Jahren über eine neue und radikale
Lösung von Gotlands Energieproblem diskutiert - eine Gleichstromleitung
via Kabel vom Festland. Am 7. Mai 1954 wurde es in Betrieb genommen; es
war das erste dieser Art auf der ganzen Welt. Nach neuen Erweiterungen
und Modernisierungen übernahm schließlich Statens Vattenfallsverk
zusammen mit Gotlands kommun alle Produktions- und Distributionsanlagen
auf der Insel, und Gotlands Kraftverk wurde Gotlands Energiverk AB (GEAB).
In den Steinbrüchen des Nordens
Schwedens
Industrialisierung während des 19. Jahrhunderts brachte eine gesteigerte
Nachfrage nach Kalkstein mit sich. Vor allem war es die Celluloseindustrie,
die diesen Rohstoff benötigte, aber er war auch für Eisenwerke
und Zuckerherstellung wichtig. Auch im Ausland, vor allem in Deutschland,
wurde der Kalkstein zur Herstellung von Zucker und für den Straßenbau
eingesetzt.
Das gestiegene Interesse an Kalkstein brachte viele neue Steinbrüche
im Norden Gotlands mit sich. Nach einem kurzen Abfall des Interesses stieg
die Nachfrage nach dem wichtigen Rohstoff nach Ende des Ersten Weltkrieges
wieder an. Einen Höhepunkt in der Beschäftigung gab es Mitte
der 30er Jahre, als über 6000 Mann fast 650 000 Tonnen Kalkstein
in den gotländischen Steinbrüchen brachen. Der Zweite Weltkrieg
brachte wieder einen leichten Abfall mit sich, der aber nach dem Krieg
schnell ausgeglichen wurde.
Es dauerte jedoch nicht lange, bevor die Nachfrage langsam zu sinken begann.
Der eine Steinbruch nach dem anderen wurde geschlossen und die Beschäftigung
konzentrierte sich auf einige wenige Steinbrüche. Heute wird der
Kalkstein im wesentlichen an der Zementfabrik in Slite, bei Storungs und
in Norrvange in Lärbro gebrochen. Der Stein wird hauptsächlich
zu Zement weiterverarbeitet, aber auch für unterschiedliche Prozesse
in Stahl- und Eisenherstellung, in der Metall- und Papierindustrie, in
der chemischen Industrie und für Bauarbeiten verwendet. Die Zuckerhersteller
kaufen den Stein, um die Rübensäfte zu reinigen und im Umweltschutz
wird Kalkstein unter anderem angewandt, um der Versauerung von Wäldern
und Seen entgegenzuwirken.
Die Arbeit
im Steinbruch
Der Abbau
von Kalkstein zu anderen Zwecken als dem Brennen konzentrierte sich immer
im Norden Gotlands. Orte wie Storugns, Ar, Strå, Bungenäs,
Furillen, Lörje, Smöjen, Hide und St. Olofsholm haben alle eine
wichtige Rolle in diesem für die Insel wichtigen Wirtschaftszweig
gespielt. Fast ausnahmslos befinden sich die Steinbrüche in unmittelbarer
Nähe zur Küste, wodurch die Transporte erleichtert und der Weg
der Steine vom Steinbruch zu den Schiffen möglichst kurz wurden.
Noch heute liegen die Steinbrüche wie offene Wunden in der Landschaft,
manchmal aber bei aller Ödnis mit einer gewissen Schönheit.
Und vor allem erinnern sie an die Zeit, in der sie vor Leben brodelten,
als die Arbeit im Steinbruch eine Lebensnotwendigkeit für viele Menschen
war, Menschen, die für ihren Lebensunterhalt schufteten.
Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die meiste Arbeit
in den Steinbrüchen von Hand erledigt. Jede Kolonne verfügte
über einen Satz Werkzeuge, in dem Bohrer, Vorschlaghämmer -
darunter ein "Großer Hammer" von 15 Kilo Gewicht - Spaten
und Brechstangen. Zur Ausrüstung gehörten auch Lastwagen und
Schienenfahrzeuge. Während des Ersten Weltkrieges kamen die ersten
motorbetriebenen Druckluftbohrer auf, die lange Zeit die einzigen Maschinen
im Steinbruch bleiben sollten.
In den 1920er und 1930er Jahren bekamen die meisten Steinbrüche elektrischen
Strom, und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begann eine gewisse Mechanisierung.
Es dauerte aber noch bis nach dem Krieg, bevor die Entwicklung schneller
vonstatten ging. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Steinbrüche
auf Gotland aber nur noch kurze Zeit zu existieren.
Die meisten Kalksteinbrüche waren sich recht ähnlich. Abhängig
vom Stein und dessen Beschaffenheit bzw. Erreichbarkeit variierten sie
doch in Umfang und Tiefe. Einige konnte bis zu 20 Meter tief sein. Die
Arbeiter brachen dann den Stein auf drei unterschiedlichen Niveaus. Alle
Arbeiten wurden auf allen Niveaus gleichzeitig ausgeführt. Vom Hafen
führten Schienen direkt in den Steinbruch, die sogenannte Hauptlinie,
für die die Eisenbahngesellschaft zuständig war. Die verschiedenen
Kolonnen hatten eigene Seitenspuren zu ihren jeweiligen Arbeitsgebieten.
Hier arbeiteten zwei Männer, die für alle Arbeitsschritte von
Bohren und Sprengen bis zu Verladung und Transport des gebrochenen Steines
zum Hafen.
Überall begann man den Abbau mit dem Bohren kleiner Löcher.
Lange wurde diese Löcher nur von Hand gebohrt. Ein Mann hielt den
Bohrer fest, der die ganze Zeit rotierte, und ein anderer schlug mit einem
Vorschlaghammer auf den Bohrer. Wenn das Loch ausreichend tief war, reinigten
es die Arbeiter mit Wasser und langen Stöcken. Um Platz für
eine richtig große Sprengung zu bekommen, waren sie gezwungen, den
Boden des Loches mit einer kleinen Sprengung auszuweiten.
Dann wurden die Löcher mit Dynamit gefüllt, üblich waren
30 bis 40 Kilo pro Ladung. Noch in den 30er Jahren mußten die Arbeiter
das Dynamit und die Zündschnüre selbst bezahlen, man mußte
also genau wissen, wieviel man brauchte. Bei großen Sprengungen
wurden große und kleine Steinbrocken abgesprengt, die sich am Boden
des Steinbruches sammelten, etwa 300 bis 400 Tonnen. Wenn alles wie geplant
funktionierte, was durchaus üblich war, begannen die Kolonnen, die
Steine "aufzureißen". Alle Steine, oft eine halbe Tonne
und schwerer, mußten zu kleineren Steinen zersprengt oder zerschlagen
werden, so daß ein Mann die Reste tragen konnte. Es gab unterschiedliche
Größen; von 2 bis 80 Kilo.
Wenn nötig, komplettierten die Kolonnen die Gleise mit neuen Spuren
und begannen mit der Verladung der Steine, nach einer vorher festgelegten
Reihenfolge. Die beiden Arbeiter auf jeder Seite der Lore mußten
ein gleichmäßigen Arbeitstakt einhalten, so daß keiner
ins Hintertreffen geriet. Handschuhe kamen überhaupt nicht in Frage,
wer welche trug, wurde sofort als Weichei beschimpft. Jede Lore wurde
mit ungefähr sechs Tonnen Stein beladen, normal waren fünf Loren
am Tag, drei am Samstag, für eine Kolonne. Die Wagen wurden dann
von Hand auf das Hauptgleis geschoben, wo sie eine Lokomotive abholte
und in den Hafen und zu den dort wartenden Schiffen zog.
"Die
Arbeit am Berg war schwer"
Die Arbeit
im Steinbruch war oft risikoreich. Zwar waren Unfälle mit tödlichem
Ausgang unüblich, aber ab und zu kamen solche doch vor, vor allem
bei den Sprengungen. Bei den Bohrungen und dem "Auseinanderreißen"
war die Gefahr eines Steinrutsches groß, und manchmal explodierte
übrig gebliebenes Dynamit bei der harten Behandlung des Steines mit
Hämmern und Brechstangen.
Andere Verletzungen waren gewöhnlicher. Das Rattern der Druckluftbohrer
führte zu Gehörschädigungen - noch kannte man keinen Gehörschutz
- und beim Verladen des Gesteins wurde der Rücken stark belastet.
An einem normalen Arbeitstag hob ein Arbeiter 15 Tonnen Stein, was etwa
2500 Tonnen im Jahr ergibt, wenn man bedenkt, daß die Arbeit im
Steinbruch Saisonarbeit war. Dazu kam üblicherweise noch die Verladung
von Kies - und bis die 1940er Jahre wurde alle Arbeit per Hand erledigt.
Quetschungen, gebrochene Finger und kaputte Hände waren so häufig,
daß sich die Arbeiter oft gar nicht darum kümmerten. Handschuhe
zu benutzen war undenkbar. Gerissene Fingernägel, die "im Weg
waren", rissen die meisten schnell und einfach mit einer Zange heraus.
Die gotländischen Steinbrucharbeiter konnten nur eine bestimmte Zeit
des Jahres arbeiten. Im Winter wurde oft gar nicht gearbeitet, und es
konnte vorkommen, daß es keine Boote zu beladen gab. Denn diese
kamen oft nicht, so wie es geplant war. Bei all diesen Gelegenheiten gab
es auch kein Einkommen Lohn - keine Arbeit, kein Lohn. Die konjunkturellen
Schwankungen betrafen auch die Steinbrüche, zeitweilig sank die Nachfrage
nach Stein spürbar.
Wenn es Arbeit gab, war die normale Arbeitszeit von sechs Uhr morgens
bis sechs Uhr abends. 1920 wurde ein Gesetz über die 48 Stunden Woche
verabschiedet, und daraufhin wurden die Arbeitszeiten etwas verändert.
Es gab nur Akkordarbeit. Um 1925 konnte ein Arbeiter in der Stunde zwischen
50 und 75 Ören verdienen, und da es im Winter keine Arbeit gab, konnte
ein Steinarbeiter etwa 1000 Kronen im Jahr verdienen. Damals kostete ein
Herrenfahrrad 150 Kronen, also deutlich mehr als ein Monatslohn. Für
einen guten Anzug mußte man etwa genausoviel bezahlen, während
ein Kleid etwa 25 Kronen kostete.
Besonders im Winter war es schwer, die laufenden Kosten zu bewältigen.
Manchmal konnte man bei den Bauern der Gegend Arbeit bekommen: Waldarbeit,
Sägen, Dreschen und Kartoffellesen. Fisch, Beeren, Pilze und Obst
wurde gefangen bzw. gesucht und trug zum Überleben der Familie bei.
Diejenigen, die Gelegenheit dazu hatten, hielten sich ein Schwein, einige
Hühner oder sogar eine Kuh, einige konnten für wenig Geld ein
Stück wertloses Land vom Steinbruchbesitzer oder von Bauern kaufen,
auf das sie eine kleine Hütte bauen und einige Kartoffeln anpflanzen
konnten.
Auch die Frauen im gotländischen "Steinreich" hatten keine
leichte Aufgabe. Es war ihre Aufgabe, sich um den Haushalt und die oft
vielen Kinder zu kümmern, und sie mußten dafür sorgen,
daß für alle Essen da war. Mit den knappen Mitteln war das
oft nicht leicht, auch wenn sie manchmal durch kleinere Arbeiten bei einem
Bauern, dem Lehrer oder dem Pfarrer etwas zur Haushaltskasse beitragen
konnten. Ein Wunsch vieler Steinarbeiterfrauen war eine Nähmaschine,
eine Investition, die viele Opfer verlangte, aber die einen Beitrag zur
Versorgung der Familie leisten konnte. Mit ein wenig Fingerfertigkeit
schafften es die Frauen, Kleider für ihre eigene Familie um im besten
Fall auch für andere zu nähen. So konnte man sogar etwas verdienen.
Selbst die wenigen Kronen, die man für ein Kleid bekam, waren ein
wichtiger Beitrag zur Haushaltskasse.
Obwohl die Arbeit im Steinbruch anstrengend, risikoreich und schlecht
bezahlt war, fanden viele Steinarbeiter, das es eine verhältnismäßig
gute Arbeit sei:
"Im Steinbruch zu arbeiten war hart, aber es war auch frei und gut.
Es war eine gewisse Anzahl Loren, und dafür legten wir uns richtig
ins Zeug, weder mehr noch weniger..."
Viele zogen die Steinbrüche den Zementfabriken vor, wo man drinnen
arbeiten mußte, obwohl es besser bezahlt war und es das ganze Jahr
Arbeit gab. Als allmählich Maschinen auch im Steinbruch aufkamen,
stieg auch dort der Druck. Alle waren gezwungen, aufeinander zu achten
und einen gewissen Takt zu halten.
Die Arbeiter
beginnen, Forderungen zu stellen
Als das Brechen
und der Verkauf von Kalkstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Kalkbrennen
als wichtigsten Wirtschaftszweig im Norden Gotlands ablöste, änderte
sich auch das Verhältnis zu den Arbeitern in vielen Aspekten. Die
meisten Steinbrüche wurden von Unternehmen betrieben, oft mit Sitz
auf dem Festland, manchmal sogar im Ausland. Die Abstände zwischen
Arbeitern und Arbeitgebern wurden größer, der direkte Kontakt,
der einmal zwischen den Kalkpatronen und ihren Arbeitern üblich war,
ging vorloren. Gleichzeitig verschwand auch die persönliche Bekanntschaft
zwischen ihnen und damit auch die oft bezeugte Sorge bzw. der althergebrachte
Respekt, die viele Kalkpatrone und ihre Arbeiter für einander hegten.
Nun gab es stattdessen einen Verwalter, über den alle Kontakte zwischen
dem Eigentümer, dem Unternehmen und den Arbeitern verantwortlich
war. Als örtlicher Chef hatte er eine schwere Aufgabe, er war Druck
von beiden Seiten ausgesetzt. Aber nur sehr selten stand er auf der Seite
der Arbeiter, wofür er meistens von ihnen gehaßt wurde. Für
die Arbeitgeber galt es ja auch, jemanden anzustellen, der die Arbeiter
"zu nehmen" verstand, d. h. der die Gewinne des Unternehmens
maximieren konnte. Natürlich mußte das zu Konflikten führen.
Die wichtigste Entwicklung war aber, daß die Arbeiter erkannten,
daß sie von den Unternehmen ausgenutzt wurden - und daß sie
etwas dagegen tun konnten. Die entstehende Arbeiterbewegung und sozialistische
Ideen machten die Arbeiter auf die Mißstände vor allem in den
Steinbrüchen aufmerksam. Diese gehörten dann auch zu den ersten
Arbeitsplätzen, an denen Arbeiterkommunen und Gewerkschaften gegründet
wurden - und wo sie mitbestimmen konnten.
Vielleicht wagten es die Arbeiter noch nicht, die großen sozialdemokratischen
Grundfragen zu stellen, wie das private Eigentumsrecht an Fabriken, Gruben
und anderen Produktionsmitteln oder die Machtübernahme an den eigenen
Arbeitsplätzen. Wenn die Arbeitgeber kritisiert wurden, dann wurde
das in allgemeinen Formulierungen zu Arbeitslosigkeit, Löhnen, Betriebssicherheit
und der Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes getan. Die Ursachen hierfür
waren nicht Unsicherheit oder Gleichgültigkeit, sondern eher das
fehlende Bewußtsein der eigenen Kraft und Bedeutung. Die Arbeiter
in den Steinbrüchen, aber auch in den Zementfabriken, Molkereien,
Handelshäusern und den mechanischen Werkstätten schoben die
großen theoretischen Fragen noch vor sich her, um sich stattdessen
auf die lokalen zu konzentrieren. Nur in diesem Bereich glaubte man, etwas
ausrichten zu können, und nur in diesem Bereich konzentrierte man
seine Kraft.
Der Versuch, die Steinarbeiter zu organisieren, wurde im Steinbruch Furillen
in Hellvi gemacht, andere Steinbrüche folgten schnell. Auch die Drainagearbeiter
im Mästermoor und die Arbeiter der Zuckerfabrik in Roma waren weit
vorne dabei. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis die Arbeiter mit den
ersten organisierten Streiks den Kampf mit ihren Arbeitgebern aufnahmen.
1908 wurde die Arbeit in St. Olofsholm und Furillen zeitweilig niedergelegt.
Im Steinbruch Furillen wurde der Streik im "Großen Streik"
des folgenden Jahres fortgesetzt. Im Sommer 1909 brachte das deutsche
Unternehmen, das den Steinbruch besaß, ausländische Arbeiter
nach Gotland, um mit der Situation zurechtzukommen. Die Arbeiter kam aus
Galizien, wo in dieser Zeit ein wichtiges Arbeitskräftereservoir
für Europas Industrie und Landwirtschaft war.
Dies berichtete eine Steinarbeiter von der dieser merkwürdigen Situation:
"Man bekam 150 Kronen Strafe, wenn man während des Streiks zum
Steinbruch ging. Die Wachen standen an der Küstenstraße, aber
keine Arbeitswilligen dorthin kommen konnten. Aber das machte auch keiner,
das Unternehmen holte an Stelle einige Galizier. Die armen Teufel. Ich
glaube, sie hatten noch nie einen Kalksteinbruch vorher gesehen. Sie gingen
dort barfuß umher, es war armselig. Sie waren die Arbeit überhaupt
nicht gewohnt. Sie arbeiten dort den ganzen Sommer über. Ich weiß
nicht, ob sie überhaupt einige Steine brechen konnten. Aber die streikenden
Arbeiter überlegten sich, daß sie zum Steinbruch gehen sollten.
Etwa 30 Mann gingen los. Jeder bekam 150 Kronen Strafe aufgebrummt. Ein
Polizist stand an der Straße, aber er alleine konnte sie ja nicht
aufhalten. Keiner bezahlte die Strafe, sie saßen sie ab. Alle bekamen
18 Tage. Herman sagte, daß er es noch nie so gut gehabt hatte, wie
im Gefängnis. Es war ein Verlustgeschäft für den Staat,
der sie alle achtzehn Tage lang ernähren mußte..."
Während des Ersten Weltkrieges begannen viele Arbeiter, sich in den
ersten syndikalistischen Organisationen zu sammeln. Solche wurden unter
anderem in Hellvi und Storugns 1915, in Rute 1916, in Slite 1917 und bei
Bungenäs und Klintsbrovik 1919 gegründet. Die Syndikalisten
wollten unter anderem durch Streiks die Überführung der Produktionsmittel
in die Hände der Arbeiter erzwingen, die Streitlustigkeit der Arbeiter
wuchs. Und Streit gab es, allein von 1916-1919 wurden in den Steinbrüchen
wenigstens sechs Streiks organisiert. Die meisten galten reinen Lohnfragen,
aber auch das Vereinsrecht und andere prinzipielle Fragen kamen auf's
Tapet. Obwohl sie für die gleichen Ziele kämpften, kam es bald
zu Unstimmigkeiten zwischen den Syndikalisten und dem sozialdemokratischen
Gruben- und Fabriksarbeiterbund. Die letzteren sollte sich als die erfolgreicheren
erweisen.
Die "Svenskbybor"
kommen nach Gotland
Neben eher
üblichen Namen wie Andersson, Johansson und Jakobsson gibt es im
gotländischen Telefonbuch von 1993 14 Fernsprechteilnehmer mit dem
Namen Annas, 43 haben den Nachnamen Buskas, 21 heißen Knutas, 10
Mutas und 18 Utas. Zum überwiegenden Teil sind dies Nachkommen der
"Svenskbybor" (dt. Einwohner der Schwedendörfer), die 1929
nach Schweden kamen.
Der Ursprung der "Svenskbybor" ist unbekannt. Schon im 14. Jahrhundert
wohnten sie auf der Insel Dagö vor der Küste Estlands. 1781
vertrieb sie die Zarin Katharina von dort. Sie wanderten zu Fuß
in die neue Region, die ihnen zugewiesen wurde: das Gebiet in der Ukraine,
das als "Gammalsvenskby" (dt. Alt-Schwedendorf) bekannt wurde.
1782 kamen sie dort an. Von den 1200 Menschen, die Dagö verließen,
überlebten nur 135 die Zwangsumsiedlung.
1929 erlaubte die russische Regierung den "Svenskbybor", nach
Schweden auszuwandern. Die sowjetische Landwirtschaft befand sich im Kollektivierungsprozeß,
und die Zukunftsaussichten waren unsicher. 186 Familien mit zusammen 886
Personen kamen am 1. August 1929 in Trelleborg an. Knapp 500 von ihnen
siedelten sich auf Gotland an, einige fuhren weiter nach Kanada. 1931
kehrten 237 nach Rußland zurück.
Schon bevor die "Svenskbybor" Rußland verließen,
gab es in Schweden ein Komitee, das sich um die Einwanderer kümmern
sollte. 1929 wurde das Komitee in eine Stiftung umgewandelt, und gleichzeitig
wurde eine landesweite Spendenaktion ins Leben gerufen, die den Kauf von
Höfen überall im Land finanzieren sollte. Die "Svenskbybor"
wollten am liebsten ein neues Dorf gründen, in dem sie weiter in
ihrer gewohnten Gemeinschaft zusammenwohnen konnten. Diese Idee mußte
bald aufgegeben werden, da man keine ausreichend großen Gebiete
fand, die zum Verkauf standen.
Schon früh richtete sich das Interesse auf Gotland, vor allem nachdem
der Landshövding der Insel, A.E. Rodhe, vorgeschlagen hatte, die
"Svenskbybor" in mehreren kleineren Gruppen auf Gotland anzusiedeln.
Die Entfernungen waren so gering, daß ein gewisser Zusammenhalt
doch möglich sein sollte. Außerdem brauchten die Bauern der
Insel neue Arbeitskräfte. Es war jedoch ein großes Problem,
ganze Familien anzusiedeln.
Mitte August 1929 kamen die ersten "Svenskbybor" nach Gotland.
Gotlands Allehanda schilderte die Ankunft:
"Viele Leute hatten sich heute früh am Hafen eingefunden, um
auf die "Svenskbybor" zu warten. Erst gegen acht Uhr kam die
"Visby" aus Kalmar an.- Die "Svenskbybor" hielten
sich unter Deck, und erst durch die Luke auf dem Vorderdeck konnte man
nach dem Anlegen des Bootes einige von ihnen hervorgucken sehen. Und nachdem
die anderen Passagiere an Land gegangen waren, versammelten sie sich auf
dem Vorderdeck, wo sich die Damen der hiesigen Ortsgruppe des Roten Kreuzes
um sie kümmerten. Völlig unerwartet erklang auf einmal "Du
gamla, Du fria" (die schwedische Nationalhymne) auf dem Deck. Eine
kleine Gruppe aus hauptsächlich Frauen und Kindern in weißen
Kopftüchern hatte sich gebildet, offensichtlich ein Teil des Chores
der "Svenskbybor". Eine zerbrechliche Frauenstimme stimmte das
Lied an, die anderen Stimmen fielen ein und der Gesang erhob sich in den
schönen Morgen. Die Häupter wurden entblößt, sogar
die Jungen nahmen ihre Mützen ab, und die Menschen auf dem Kai taten
es ihnen nach. Nach diesem Lied folgte "Så tag nu mina händer"
(dt. So nimm jetzt meine Hände) und noch ein weiteres mehrstimmiges
Lied. Danach sammelten die "Svenskbybor" ihre Reiseutensilien,
ihre Säcke, Tüten, Bündel und Körbe und überquerten
die Gangway... Dies ist eine Gruppe von heimatlosen Menschen, ohne Häuser
und Wurzeln, die hier einem ungewissen Schicksal entgegen gehen, mit ihrem
ganzen Besitz in einem Bündel über der Schulter. Es ist ein
verwunderlicher Anblick, und man fragt sich mit Schaudern, was die Zukunft
für sie birgt..."
Auf Gotland hatte die Svenskby-Stiftung einige Höfe für die
"Bybor" gekauft. Einer davon war Snäckarve in Stenkumla,
den man sich als eine Art Musterhof und als einen Sammelpunkt für
die neuen Bewohner der Insel gedacht hatte. 1930 wurden weitere 21 gotländische
Höfe gekauft, allmählich wurden es sogar 46.
Die Gotländer kümmerten sich gut um ihre neuen Mitbürger,
auch wenn diese zunächst noch einen andersartigen Einschlag in der
gotländischen Gesellschaft ausmachten. Nicht nur die etwas altmodische
Kleidung fiel auf, sondern auch ihre landwirtschaftlichen Methoden und
die tiefe Religiösität, die ihren Alltag prägte.
Die meisten "Svenskbybor" lebten sich auf Gotland gut ein, wenn
es am Anfang auch ein paar Probleme gab. Sie erwiesen sich als tüchtige
Bauern, und mit der Hilfe ihrer Nachbarn wurden sie schnell Teil der gotländischen
Gesellschaft.
Arbeitslosigkeit
und politische Demonstrationen
1929 entstand
in den USA eine ernste Wirtschaftskrise. Sie schwappte nach Europa über
und war auch in Schweden spürbar. Die Arbeitslosigkeit stieg, und
da gleichzeitig in vielen Fällen die Löhne gesenkt wurden, entstand
große Unruhe auf dem Arbeitsmarkt. Im Mai 1931 kam es zu den Krawallen
in Ådalen, und im darauffolgenden Jahr wurde Schweden vom Zusammenbruch
des Industrieimperiums Ivar Kreugers erschüttert. 1933 gab es in
ganz Schweden 187 000 Arbeitslose, und die Regierung versuchte, die Arbeitslosigkeit
mit unterschiedlichen Konzepten zu bekämpfen.
Durch die staatliche Arbeitslosigkeitskommission (AK) organisierte der
Staat eine Art von Reservearbeitsplätzen (AK-Arbeit), die außerhalb
der planmäßigen staatlichen und kommunalen Programme lag. Diese
Arbeitsplätze wurden sehr schlecht bezahlt, und sie wurden besonders
von den Sozialdemokraten scharf kritisiert, die "Bereitschaftsarbeitsplätze"
bevorzugten, die Teil des normalen Produktionsablaufes waren und mit den
gleichen Löhnen wie auf dem offenen Arbeitsmarkt entgolten wurden.
Auch auf Gotland erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen schnell.
Vor allem waren Visby und die Orte mit Industrie in irgendeiner Form betroffen,
aber auch die Landwirtschaft blieb nicht unberührt. In Slite lief
es so schlecht für die Zementfabrik, daß ihre Schließung
debattiert wurde. Weil es kein umfassendes soziales Schutznetz gab, bekamen
viele Familien große wirtschaftliche Probleme. Das Geld reichte
noch nicht mal für Lebensmittel kaum aus, in Visby war es nicht ungewöhnlich,
daß Arbeitslose "mit dem Hut" herumgingen und die Bessergestellten
um einen Groschen baten. Andere wanderten herum und spielten auf Höfen
und Plätzen in der Hoffnung, von den Passanten eine kleine Anerkennung
zu bekommen.
Die Arbeitslosigkeitskomitees in den Gemeinden der Insel arbeiteten frenetisch
daran, die ernste Situation unter Kontrolle zu bringen. In den meisten
Orten war man gezwungen, sich mit den unpopulären "AK-Arbeiten"
zufrieden zu geben, und überall auf Gotland waren Arbeitslose damit
beschäftigt, Wege zu bauen und Gräben zu ziehen. Weil die Arbeitslosigkeit
zeitweise solche großen Ausmaße annahm, wurde es in einigen
Orten notwendig, die Arbeit zu "rationieren" und die Unterstützung
zu senken, die überhaupt keine Arbeit hatten. Der Jahreslohn derer
am schlimmsten Betroffenen lag da zwischen 600 und 700 Kronen.
Ab 1934 ließen die Schwierigkeiten langsam nach. Der schwedische
Export stieg, und gleichzeitig sank die Arbeitslosigkeit. Die Depression
wurde von einer Hochkonjunktur abgelöst, und in der zweiten Hälfte
der 1930er Jahre konnten sich die Sozialdemokraten daran machen, ihren
Traum vom schwedischen "Folkhem" (dt. Volksheim) zu verwirklichen.
Neben wirtschaftlichen und sozialen Fragen wurde in den 1920er und 1930er
Jahren auch über die Landesverteidigung diskutiert. Nach dem 1. Weltkrieg
verringerten viele Länder, darunter auch Schweden, ihre Militärhaushalte.
Zu Beginn der 1930er Jahre war die schwedische Verteidigungsfähigkeit
sehr gering, obwohl die Bedrohung aus dem Osten immer deutlicher spürbar
wurde. Eine bemerkenswerte Erinnerung daran erhielten die Gotländer
und die Regierung im September 1928, als ein russisches Kriegsschiff völlig
überraschend und ohne Vorwarnung im Hafen von Visby anlegte. Die
Besatzung war vollkommen hemmungslos durch die Straßen der Stadt
spaziert, ohne daß sie jemand daran hinderte. Dieses Ereignis verursachte
gewisse diplomatische Komplikationen und große Schlagzeilen in der
schwedischen Presse.
Unter den Gotländern entstand zudem große Aufregung, als der
sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Arthur Engberg in einer pazifistischen
Rede 1932 unter anderem folgendes sagte:
"Wenn eine andere Macht unbedingt verlangt, Gotland zu bekommen,
dann sage ich: 'Sollen sie Gotland haben'. Eine Umsiedlung der Gotländer
auf das Festland ist besser als ein Krieg..."
Diese Bemerkung sträubte den Gotländern die Nackenhaare, und
in den Zeitungen kam es zu einer erhitzten Debatte. Es dauerte lange,
bis man auf Gotland einsah, daß das Ganze ein Sturm im Wasserglas
war, ein Einwurf in eine laufende Diskussion von einer sicherlich bedeutenden
aber noch nicht offiziellen Person. Im folgenden Jahr bildeten die Sozialdemokraten
die Regierung in Schweden und Arthur Engberg wurde Minister. Hätte
er in dieser Position die berüchtigte Rede gehalten, hätten
die Gotländer seinen skandalösen Ausspruch ernster nehmen müssen.
Auch andere Winde fegten über Gotland und zeigten, was auf der internationalen
Bühne los war. Die politische Aktivität war groß, nicht
zuletzt am linken Rand, wo sowohl Kommunisten als auch Sozialdemokraten
immer stärker wurden, aber gleichzeitig wurde auch der Nationalsozialismus
immer stärker. Die Demonstrationen der Arbeiter zum 1. Mai fanden
gleichzeitig mit Kundgebungen der Nazis auf Stora Torget in Visby statt,
manchmal waren die Proteste sehr lautstark, und es kam zu Krawallen. In
vollbesetzten Sälen wurden Debatten organisiert. Einmal war der Andrang
so stark, daß nicht alle Zuhörer Platz im Reginakino auf Mellangatan
fanden und daß die Veranstaltung durch Lautsprecher nach draußen
übertragen werden mußte.
Wieder Krieg
Die internationale
Anspannung gegen Ende der 1930er Jahre entlud sich gewaltsam im deutschen
Überfall auf Polen am 1. September 1939. Ende November griff die
Sowjetunion Finnland an, und der folgende sogenannte Winterkrieg und die
deutsche Besetzung Norwegens und Dänemarks 1940 brachten den 2. Weltkrieg
bis an die schwedischen Grenzen.
Bereitschaft,
Eiswinter und Rationierung
"Ein
Schuppen an einer Stichstraße. Eine lange Schlange von Reisenden,
die nach und nach durch die offene Tür verschwinden, hinter der die
Kontrolle mit voller Kraft arbeitet. Posten mit aufgepflanztem Bajonetten.
Einige grelle elektrische Scheinwerfer zerschneiden unbarmherzig die schattenlose
Dämmerung des Sommerabends. Ein höflicher Fähnrich, gepflegt
und kriegerisch, lotst drei vorangemeldete Herren an der Schlange vorbei
zur Gangway des Schiffes. Taschenlampen und weitere spähende Argusaugen
an der Reling. Im Hafen graue Schiffsrümpfe, deren dornige Silhouetten
allzu deutlich verraten, daß Kanonen an Bord sind. Gelöschte
Leuchttürme, eingezogene Leuchtbojen. Was ist dies eigentlich für
eine Grenzstation und an welche fremde Küste soll die Fahrt gehen?"
Diese dramatische Szene hätte sich in jedem französischen, englischen,
deutschen oder russischen Hafen in den Jahren 1939-1945 abspielen können.
Aber die "Grenzstation" war Nynäshamn im September 1940,
die fremde Küste war die gotländische, und unter den Reisenden,
die das Dampfschiff von Gotlandsbolaget bestiegen, befand sich Prinz Vilhelm,
von dem diese Schilderung stammt. Alle spürten, daß etwas Ernstes
in der Luft lag. Die Reise nach Visby war nicht länger eine fröhliche
Urlaubsfahrt, und niemand wußte, was sich in der Ostsee verbarg.
Einige Jahre später sollten dramatische Ereignisse zeigen, daß
es diese Risiken real waren.
Gleich nach dem Ausbruch des Krieges wurde die Verteidigung Gotlands verstärkt.
Die Regierung nahm sowohl auf die isolierte Lage als auch auf die strategische
Bedeutung der Insel Rücksicht, und es wurden nicht nur Gotländer,
sondern auch Wehrpflichtige vom Festland einberufen. Abhängig von
der Entwicklung des Krieges, befand sich die Verteidigungsbereitschaft
fast die ganze Zeit über auf einem hohen Niveau, in wichtigen Wasserstraßen
wurden Minen gelegt, und ein Teil der Einberufenen wurde mit neuen Waffen
vertraut gemacht. Praktisch entlang der ganzen gotländischen Küste
wurde unablässig an Verschanzungen und Stacheldrahthindernissen gebaut.
1940 bekam die Insel eine eigene Hemvärn (dt. Heimwehr), und in Lärbro
wurde ein Lazarett eingerichtet. Gotland bereitete sich auf einen feindlichen
Angriff vor.
Mit einigen Ausnahmen, bekam Gotland von den eigentlichen Kriegsereignissen
nichts mit. Die Bevölkerung des östlichen Teils der Insels konnte
zwar manchmal den Widerschein von brennenden Dörfern und Städten
im Baltikum sehen, aber ansonsten handelte es sich um den ein oder anderen
unerlaubten Flug über schwedisches Territorium und einige recht undramatische
Notlandungen von deutschen und alliierten Flugzeugen, unter anderem in
Mästermyr, När und Östergarn.
Wie auch schon im 1. Weltkrieg wurden Waren wie Benzin, Zucker, Mehl,
Brot, Fleisch und Kaffee, später auch Textilien, Schuhe, Kerzen und
Waschmittel rationiert. Zum Teil wurde der Mangel an Brennstoff durch
Brennholz aus den gotländischen Wäldern und durch Torf aus dem
Moor von Martebo gemildert. Hier und dort begann man wieder, gotländischen
Teer herzustellen und Kohlenmeiler anzulegen, um Holzkohle für die
Holzvergaserautos zu bekommen.
Zu diesen Sorgen kamen einige sehr kalte Winter zwischen 1940 und 1942.
Auf dem Land unterbrachen zeitweise mehrere Meter hohe Schneewehen jeden
Zug- und Busverkehr, auf See behinderte dickes Eis den Verkehr. Viele
Schiffe blieben im Packeis stecken, und die Fahrzeuge von Gotlandsbolaget
bekamen große Probleme, den Verkehr zwischen Visby und dem Festland
aufrechtzuerhalten. Die Insel war zeitweilig isoliert trotz des Einsatzes
von Eisbrechern. Dies wurde schnell spürbar, da sowohl Heizkohle
als auch Viehfutter knapp wurden. Einmal mußten sogar die staatlichen
Läden für den Alkoholverkauf wegen ausgebliebener Lieferungen
schließen.
Der Mangel an einigen Waren und die schwache Nachfrage nach anderen ließ
die Arbeitslosigkeit steigen. In Visby mußte die Zementfabrik schließen,
aber an ihrer Stelle wurde eine Fabrik gegründet, die Hanf produzierte.
In der Landwirtschaft sah es zum Teil ganz anders aus. Viele Bauern und
Knechte waren einberufen worden, und es wurden viele Helfer für die
Heu- und Kartoffelernte gebraucht. Durch den Einsatz von freiwilligen
Erntehelfern konnte dieses Problem zum Teil gelöst werden.
Der Krieg machte sich auch auf andere Weise bemerkbar. Überall auf
der Insel wurden "Finnlandabende" veranstaltet, und gotländische
Familien nahmen Kinder aus dem vom Krieg heimgesuchten Finnland auf. Viele
nahmen an Bürgerfesten und Diskussionen über die Verteidigung
teil, und die Gotländer zeichneten viele staatliche Kriegsobligationen.
An der Spitze des Umzuges am 1. Mai wehte die schwedische Flagge an Stelle
der üblichen sozialistischen, roten Flagge. Der Kindertag in Visby
zog viele Besucher an, 1942 rechneten die Veranstalter mit etwa 23 000,
und bei einem der Festumzüge gewann ein "genuin schwedischer
Wagen mit national gekleideten, Geige spielenden Jugendlichen" den
ersten Preis. Ernsthaftere Einschränkungen des Alltags waren Luftschutzübungen
mit Verdunkelung, Fliegeralarm, Krankentransporten und Aufenthalten im
Schutzraum.
Die "Hansa"
wird torpediert
"Ein
furchtbares Unglück hat die gotländische Handelsflotte und damit
ganz Gotland getroffen. Das Dampfschiff "Hansa" ist auf dem
Weg von Nynäshamn nach Visby gesunken, vermutlich auf Grund einer
Minenexplosion, und zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann niemand sagen,
wie viele Menschen gerettet werden konnten. Das planmäßige
Flugzeug nach Visby hat ein Rettungsboot und Wrackteile gesehen, an denen
sich Überlebende festhielten. Flugzeuge und Schiffe sind von verschiedenen
Orten aus zum Unglücksplatz ausgelaufen, der sich etwa 12 Distanzminuten
nördlich von Stenkyrkehuk zu befinden scheint..."
In der letzten Novemberwoche 1944 waren die ersten Seiten der gotländischen
Zeitungen von dicken, schwarzen Überschriften bedeckt. Zu einem Zeitpunkt,
als der Krieg langsam zu enden schien, wurde das Dampfschiff "Hansa"
von Gotlandsbolaget das Opfer des sinnlosen Angriffs eines russischen
U-Boots. Der Angriff führte zu einer Katastrophe - ein Torpedo versenkte
das Schiff, dem 84 Menschen in die Tiefe folgten. Viele von ihnen waren
Gotländer.
Die "Hansa" hatte Nynäshamn planmäßig am Abend
des 23. Novembers verlassen, und wenn alles normal verlaufen wäre,
hätte das Dampfschiff am folgenden Morgen um sieben Uhr in Visby
festgemacht. Als man auch am späten Vormittag noch nichts von dem
Schiff gesehen hatte, befürchtete man in Visby, daß etwas Ernstes
geschehen sein mußte.
Nachforschungen mit Flugzeugen und Schiffen bestätigten bald, daß
ein Unglück geschehen war - einige Dutzend Kilometer vor Stenkyrkehuk
wurden Wrackteile und ein Rettungsfloß im Wasser gefunden. Eine
Rettungsaktion begann, aber die ersten Fahrzeuge, die an den Unglücksort
kamen, konnten nur noch zwei Überlebende bergen.
Bald war allen das Ausmaß des Unglückes klar. Die "Hansa"
war untergegangen und 84 Menschen waren gestorben. Eine Kommission, die
das Unglück untersuchte, stellte fest, daß das Schiff wahrscheinlich
von einem Torpedo getroffen worden war, aber niemand konnte sagen, welche
Nationalität das U-Boot hatte. Darüber hinaus gab es viele andere
Unklarheiten, die zu vielen unnötigen Spekulationen führten.
Es dauerte fast 50 Jahre, bevor man eine Antwort auf die wichtigsten Fragen
bekam: Wie und von wem wurde die "Hansa" versenkt? Erst 1990
erhielten schwedische Journalisten Zugang zu heimlichen russischen Archiven.
Sie konnten darüber hinaus auch mit einigen hohen russischen Militärs
sprechen. Die Nachforschungen führten schnell zu Ergebnissen: "Die
Hansa wurde vom sowjetrussischen U-Boot L-21 unter dem Befehl von Kapitän
dritten Ranges S.S. Mogilewski am Morgen des 24. Novembers nordwestlich
von Visby auf Gotland versenkt..." Der Grund für den Angriff
ist weniger klar - rächte sich der Kapitän des U-Bootes für
einen mißlungenen Angriff auf ein feindliches Fahrzeug, ein versenktes
Fahrzeug war ja immerhin ein Anfang, oder glaubte er wirklich, daß
er es mit einem Feind Rußlands zu tun hatte? Die Antworten auf diese
Fragen stehen noch aus.
Als die Flüchtlinge
kamen
Im August
1939 schlossen Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt.
Im Rahmen dieses Vertrages gestand die Sowjetunion Deutschland freie Hand
in Polen zu, während sie die baltischen Staaten und Finnland als
Einflußsphäre erhielt. Während Finnland sich nicht ohne
Kampf den russischen Forderungen beugte, konnten Estland, Lettland und
Litauen wenig oder gar keinen Widerstand leisten. In den drei Ländern
begann eine intensive Sowjetisierungskampagne, die Gefängnisse füllten
sich mit Gegnern der neuen Ordnung und viele Balten wurden deportiert.
Im Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an. Anstelle der Sowjetisierung
folgte nun eine Germanisierung der baltischen Länder, aber die Lage
wurde nicht grundlegend besser. Als der Krieg immer schlechter für
die Deutschen lief, und die Rote Armee immer weiter nach Westen drang,
entstand wieder Unruhe in der Bevölkerung. Viele befürchteten
neue Deportationen.
Im Zuge der russischen Erfolge flüchteten gewaltige Menschenmassen
über die Ostsee, aber auch nach Süden, nach Deutschland. Im
Herbst 1944 flohen schätzungsweise zwischen 70 000 und 80 000 Menschen
aus Estland, davon kamen 25 000 nach Schweden. Ebenso flüchteten
viele Tausend Letten aus ihrem Land.
Schon 1943 kamen die ersten Flüchtlingsboote nach Gotland, vor allem
junge Männer, die befürchteten, von den Deutschen zwangsmobilisiert
zu werden. Dieser Schiffsverkehr nahm zum Teil die Form einer regelrechten
"Nabelschnur" an, die dem schwedischen Sicherheitsdienst nicht
nur bekannt war, sondern die auch benutzt wurde, um Informationen über
die zivile und militärische Lage in den baltischen Ländern zu
bekommen. In Schweden gab es eine heimliche Organisation, Büro C,
die für die militärische Aufklärung in Estland und Lettland
zuständig war und die sich im Zuge ihrer Tätigkeit der Flüchtlinge
bediente. Mit Gotland als Ausgangsbasis gab es mehrere Jahre lang kontinuierlichen
Schiffsverkehr vor allem nach Lettland, wohin Agenten gebracht und wieder
abgeholt wurden.
Im Frühling 1944 war der Flüchtlingsstrom noch dünn, aber
im Zuge der russischen Erfolge wurde er immer größer und intensiver.
Die ganze gotländische Küste war davon betroffen. Der Großteil
der Flüchtlinge ging auf Nordgotland zwischen Slite und Sandön
an Land. Im Herbst 1944 kamen an manchen Tagen bis zu 15 Boote an, zum
Teil mit über 200 Flüchtlingen an Bord.
Die fliehenden Balten kamen mit allen möglichen Schiffen, von vereinzelten
Kanus bis zu größeren Kähnen und Schleppern. Viele waren
in sehr schlechtem Zustand und kaum seetüchtig, oft nur behelfsmäßig.
Es war üblich, die Bordwände zu erhöhen, um die Seetüchtigkeit
zu verbessern. Die besten Schiffe fuhren ständig hin und her, um
die an den baltischen Stränden wartenden Flüchtlinge zu holen.
Die in vielerlei Hinsicht lange Reise nach Gotland dauerte für manche
Flüchtlinge über 30 Stunden, lange Stunden voller Seekrankheit,
Angst und Furcht, bis die schwedische Küste in Sicht kam. Am schlimmsten
war es für Kranke, schwangere Frauen und Kinder. Die Flüchtlinge
kamen aus allen sozialen Schichten: Fischer, Bauern, Professoren, Ärzte,
Polizisten, Schauspieler und Politiker. Manchmal saßen auch uniformierte
Männer in den Booten. Die meisten von ihnen waren zwangsrekrutierte
Balten, aber gegen Ende des Krieges kamen auch einige deutsche Soldaten
nach Gotland. Sie wurden im sogenannten Lager Lingen in der Nähe
von Havdhem interniert.
Laut offizieller Statistik kamen vom 27. August 1942 bis zum 31. August
1946 11 274 Ausländer nach Gotland, die meisten davon im Herbst 1944.
6477 kamen aus Estland, 3605 aus Lettland. Alle wurden von den Gotländern
gut aufgenommen.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Übergangslagern, einer ersten Befragung,
einer ärztlichen Untersuchung und gewissen hygienischen Arrangements,
wurden alle mit Bussen und Zügen nach Visby gebracht. Dort mußten
sie sich einer intensiveren ärztlichen Untersuchung unterziehen,
erhielten gegebenenfalls neue Kleider und Handgeld für die notwendigsten
Besorgungen. Überall in der Stadt wurden Quartiere eingerichtet,
im Hotel Solhem gab es ein Lazarett, im Strandgård eine Seuchenstation,
in der Smyrna-Kirche wurden an Tbc erkrankte Frauen behandelt, und in
den Räumen des Odd Fellow Clubs wurden im Laufe einiger Monate sieben
Kinder in einem provisorisch eingerichteten Kreißsaal geboren. Die
Flüchtlinge wurden durch das Militär mit Essen versorgt. Nach
dem Aufenthalt in Visby wurden die Flüchtlinge mit Schiffen zum Festland
gebracht.
Nach dem
Krieg
Nach dem
Zweiten Weltkrieg kam auch auf Gotland wieder Optimismus auf, obwohl es
Probleme in den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Insel, der Landwirtschaft
und der Steinindustrie, gab.
Das Flugfeld wurde ausgebaut, so daß die Landebahn die Eisenbahnlinie
nach Lärbro kreuzte. Flugzeuge hatten aber Vorfahrt. Snäckgärdsbaden
- "ein Luxushotel, wo man wenige Meter vom Hollywood-Pool direkt
in die gotländischen Dünen kommt..." - wurde neueröffnet
und empfing Gäste aus aller Welt. In Visby machte ein Komitee den
Vorschlag, aus dem schön gelegenen aber heruntergekommenen Almedalen
etwas zu machen: einen öffentlichen Park mit einem Spielplatz, einem
Planschbecken und alkoholfreien Restaurants. Ein Reiseunternehmen wollte
am Galgenberg bei Visby eine große Touristenanlage bauen.
Nach der Hochkonjunktur für die gotländischen Eisenbahnen im
Zweiten Weltkrieg, folgte nun eine ernste Krise. Es dauerte zwar noch
bis 1949, bis Benzin wieder frei erhältlich war, aber der Bus- und
Autoverkehr nahm ständig zu. Trotz des Einsatzes von Schienenbussen
und Warnungen des Militärs vor schlechteren Transportmöglichkeiten,
kam es schon in den 50er Jahren zu den ersten großen Streckenstillegungen
- knapp 10 Jahre später endete die Geschichte der gotländischen
Eisenbahn ganz.
Der explosionsartige Anstieg des Autoverkehrs war auch die Ursache für
die Verlagerung der Einzelhandels. Am deutlichsten war dies in Visby spürbar,
wo sich einige Geschäfte nach einem Gelände umsahen, das für
Kunden mit Auto leichter zugänglich war. Um 1960 wurden diese Pläne
vor Österport verwirklicht. Schon 10 Jahre früher hatte eine
andere neue Entwicklung im Einzelhandel den Weg nach Gotland gefunden
- Weihnachten 1950 eröffnete Wittbergs in Hemse den ersten Selbstbedienungsladen
der Insel.
Im Juni 1952 kam der Kalte Krieg in die Nähe Gotlands, als ein schwedisches
Flugzeug, eine DC-3, bei einem Aufklärungsflug über der Ostsee
verschwand. Einige Tage nach dem Verschwinden, schoß die Sowjetunion
ein schwedisches Flugzeug vom Typ Catalina ab, das nach der verschwundenen
DC-3 suchte. Die Besatzung des abgeschossenen Flugzeugs wurde von einem
deutschen Schiff gerettet, und ein später gefundenes Rettungsfloß
bewies, daß auch die DC-3 abgeschossen worden war. Die schwedische
Regierung protestierte, aber die Sowjetunion wies alle Proteste ab.
Neben landesweiten Angelegenheiten wie den Volksentscheiden über
Rechtsverkehr und eine Rentenreform, der Abschaffung des "Motboks"
(Ein Mittel zur Kontrolle des Alkoholkonsums, da jeder Bürger ein
Motbok hatte, in das alle Alkoholeinkäufe eingetragen wurden.) und
der Fußballweltmeisterschaft, gab es einige lokale Ereignisse, die
die Gotländer in den 50er Jahren beschäftigten. Sowohl die Seßhaften
als auch die Touristen erlitten einen großen Verlust, als das fast
schon klassische Sommerrestaurant DBW:s Pavillon am 1. Weihnachtstag 1951
abbrannte. Eine Expedition, die 1952 vor Stora Karlsö nach einem
Schatz suchte, den Waldemar Atterdag 1361 von Visby nach Dänemark
schaffen wollte, weckte Aufmerksamkeit. Einige Jahre später etablierte
sich eine neue Erfindung, die das Radio als Sammelpunkt der Familie ablösen
sollte - das Fernsehen. Im März 1958 konnte ein Anbau des Flugplatzes
von Visby eingeweiht werden, und die Flugpreise wurden auf 65 bzw. 117
Kronen gesenkt - die Zukunftaussichten waren für dieses Verkehrsmittel,
das immer mehr Menschen nach Gotland brachte, sehr gut.
Veränderungen
in der Landwirtschaft
Im Laufe
weniger Jahre um die Jahrhundertwende vergrößerte sich die
Ackerfläche auf Gotland von 65 000 ha auf über 70 000 ha. Die
Ursache hierfür waren vor allem umfassende Trockenlegungen von Mooren.
Zur Mitte der 30er Jahre war die Gesamtfläche auf 84 000 ha gestiegen
und ist seitdem mehr oder weniger unverändert geblieben. In den ersten
35 Jahren dieses Jahrhunderts ist zudem der Anteil der Landwirte an der
Bevölkerung von 65 auf 50% abgesunken, aber in der gleichen Periode
wurden bessere Getreideerträge und Erfolge in der Viehwirtschaft
erzielt. Hierfür waren neues Ackerland, Drainage von Lehmböden,
stärkerer Einsatz von Kunstdünger und sicherlich auch die immer
regere Genossenschaftstätigkeit der Bauern verantwortlich.
Außerdem begannen die gotländischen Bauern, immer mehr in Maschinen
zu investieren, und nach kurzer Zeit war Gotlands die Region Schwedens
mit den meisten Traktoren. 1936 wurden 344 Traktoren in der Landwirtschaft
auf der Insel verwendet - 58 auf 10 000 Einwohner. Im Rest des Landes
waren es nur 15 auf 10 000. Zur gleichen Zeit verbrauchten die 14 500
Pferde auf Gotland 174 000 Hufeisen pro Jahr.
Die durchgreifenden Veränderungen in der gotländischen Landwirtschaft
kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Pferde wurden ein für
alle mal durch Traktoren ersetzt, mehrere neue Maschinentypen wurden eingeführt,
Mähdrescher und Wagen mit Gummirädern erleichterten die Arbeit
auf den Äckern. Mechanische Hilfsmittel wurden zur Fütterung,
zum Melken und zum Verteilen der Gülle verwendet. Die immer stärkere
Verwendung von Elektrizität und Kunstdünger machte die Arbeit
auf den Höfen weniger anstrengend und vergrößerte die
Ernten. Ölpflanzen wie Raps und Weißsenf wurden ebenso wie
Hanf immer häufiger angebaut. 1941 wurden auf Gotland auf etwa 200
ha Ölpflanzen angebaut, 1950 waren es 20 000 ha und heute liegt die
Anbaufläche für Ölpflanzen bei etwa 8 500 ha. Die Schafzucht
befand sich im Aufschwung, jemand schlug sogar vor, das militärische
Schutzgebiet im Norden der Insel durch einen Zaun abzugrenzen und die
Schafherden auf Nordgotland zu konzentrieren. In Fårösund machte
die Firma AB Lammpäls gute Geschäfte und stellte Mitte der 50er
Jahre jährlich über 1000 Lammpelze her.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch die Veterinärmedizin immer
besser, die Landwirte lernten durch besseren Unterricht mehr über
ihren Beruf und es gab immer mehr Vereinigungen. Seit dem späten
19. Jahrhundert gab es eine Landwirtschaftsschule in Hemse, 1948 wurde
sie nach Lövsta verlegt, das heute immer noch das Zentrum für
die Ausbildung in den landwirtschaftlichen Berufen ist. 1906 entstand
Gotländska Lantmännens Centralförening (GLC, heute: Gotlands
Lantmän), die ihre Mitglieder nicht nur mit Futter, Dünger und
Saatgut versorgte, sondern auch den Verkauf ihrer Produkte erleichterte.
In vielen Orten der Insel gehörten die großen Magazine von
GLC lange zu den dominierenden Gebäuden.
Diese Neuerungen hatten aber auch eine Kehrseite: die Nachfrage nach Arbeitskraft
sank. Gleichzeitig stiegen die Ansprüche an die Bauern, die nun mehr
leisten mußten, um die neuen Anforderungen - nicht zuletzt von staatlicher
Seite - erfüllen zu können. Nach dem Krieg wurde es zudem schwieriger,
einige Produkte abzusetzen, die Gewinne sanken, die Landflucht nahm zu
und viele Bauern waren gezwungen, ihre Höfe und ihren Beruf aufzugeben.
Land- und Forstwirtschaft haben immer noch eine sehr große Bedeutung
auf Gotland. Immer noch sind in diesem Sektor 14% der arbeitenden Bevölkerung
beschäftigt, etwa 4000 Personen. Wenn wir die Industrie, die auf
landwirtschaftlichen Produkten basiert, mit einrechnen, werden die Zahlen
noch größer. Von 1950 bis 1990 verschwanden etwa 3000 landwirtschaftliche
Betriebe, also fast 70 pro Jahr, vor allem kleinere, unwirtschaftliche
Höfe. Heute gibt es etwa 2200 Betriebe auf Gotland, von denen etwa
65% als Nebenerwerbslandwirtschaft bezeichnet werden können. Die
gotländischen Betriebe haben eine durchschnittliche Größe
von 38 ha, gegenüber 30 ha im schwedischen Landesdurchschnitt.
Der totale Produktionswert der gotländischen Landwirtschaft beträgt
ungefähr 875 Millionen Kronen. 75% davon sind Folge der Viehzucht,
wobei die Investitionen der letzten Jahrzehnte von Farmek und Arla viel
dazu beigetragen haben. Über 80% der landwirtschaftlichen Erzeugnisse
Gotlands werden exportiert. Viele Bauern Gotlands, etwa ein Viertel, sind
über 60 Jahre alt. Deswegen steht ein umfassender Generationswechsel
bevor. Zudem werden in naher Zukunft die Deregulierung der Landwirtschaft
und der Anschluß an den europäischen Binnenmarkt große
Bedeutung für die gotländischen Bauern bekommen. Der Bedarf
an zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten wird groß sein,
und darum sollte nicht nur nach neuen Pflanzen und Anbaumethoden geforscht
werden.
Die Gotländer
ziehen um und wechseln die Arbeitsplätze
Im Jahre
1900 hatte Gotland etwa 52 000 Einwohner. Fünfzig Jahre später
waren es 59 000. Die Bevölkerung Visbys wuchs im gleichen Zeitraum
von 8500 auf 15 000 Menschen, da viele Menschen vom Land in die Stadt
zogen. Auch die anderen Kleinstädte auf Gotland wuchsen. Nach einem
Spitzenwert in der Bevölkerungsstatistik um 1950 verringerte sich
die Bevölkerung der Insel dramatisch. In den folgenden zehn Jahren
verlor Gotland 5000 Einwohner. Es war damit das schwedische Län mit
dem relativ größten Bevölkerungsverlust in dieser Periode.
Die Ursachen der Auswanderung waren vor allem Veränderungen und Stillegungen
in der Landwirtschaft und der Steinindustrie. Noch in den Jahren vor dem
Zweiten Weltkrieg wohnten 70% aller Gotländer auf dem Land, das damals
noch nicht so dünn wie 30 oder 40 Jahre später besiedelt war.
Es gab mehr Häuser, und in jedem Haus wohnten mehr Menschen. Jeder
dritte Berufstätige hatte etwas mit der Landwirtschaft zu tun, es
gab Mägde und Knechte, aber auch zu Hause arbeitende Söhne und
Töchter. In fast jedem Kirchspiel gab es Schulen und Geschäfte,
Lehrer, Händler, Schmiede, Schneider und andere kleine Handwerker.
Nur wenige hatten nennenswerte Konkurrenz in der Stadt oder anderen Ortschaften.
Um 1950 begann sich das ländliche Gotland zu verändern. Immer
mehr Gotländer zogen nach Visby oder andere Ortschaften oder gar
auf das Festland. Viele Höfe wurden verlassen, die dann verfielen
oder von einem "Sommergotländer" billig gekauft wurden.
Viele Handwerker hatten es schwer, sich gegenüber den großen
Betrieben zu behaupten. Nicht nur Landwirte verließen das Land.
Selbst die Landschaft als solche veränderte ihr Aussehen. Die sichtbarste
Auswirkung der Landflucht war die zunehmende Verwilderung.
Gleichzeitig veränderten auch Visby und die anderen Ortschaften durch
den enormen Zuzug von Menschen ihren Charakter. Neue Bedürfnisse
und Ressourcen führten zum Abriß alter Gebäude und dem
Bau neuer Stadtteile und immer größerer Mietshäuser. Trotz
der Einzigartigkeit Visbys wurden auch an die Stadt innerhalb der Mauern
Forderungen gestellt, die sie überhaupt nicht erfüllen konnte.
Manchmal wurde sehr kurzsichtig geplant, und man ging mehr von Prinzipien
als von der Vernunft aus. Ohne größere Bedenken wurden wertvolle
Stadtteile mit alten Kaufmannshäusern abgerissen und mit neuen Wohnungen,
Geschäften und Büros neu aufgebaut, die außerhalb der
Stadtmauern viel bessere Voraussetzungen gehabt hätten. Die Straßenzüge
bei Österport sind hierfür ein Beispiel.
Zu Beginn der 60er Jahre wurde der negative Trend in der Bevölkerungsentwicklung
gebrochen und die Einwohnerzahl stabilisierte sich bei 53-54 000 Menschen.
Die vielleicht wichtigste Ursache hierfür war die Ansiedlung von
L.M. Ericssons Fabrik in Visby. 1961 begann sie mit der Herstellung von
Kabeln in bescheidenem Umfang im alten Badehaus und den Räumlichkeiten
des Arbeitervereins, aber im folgenden Jahr stellte die Stadt ein Grundstück
an Norra Hansegatan bereit, und im November 1962 konnten die neuen Gebäude
von den etwa 400 Arbeitern und Angestellten bezogen werden. In der Nähe
der Fabrik entstand ein kleines Industriegebiet.
In den frühen 60er Jahren wurden auch andere Industrien gefördert,
u.a. in Storugns, die Zementfabrik und das Kraftwerk in Slite und in Klintehamn,
wo eine Fabrik für die Herstellung von Profilholz gegründet
wurde. Gotland bekam wieder eine direkte Verbindung mit Finnland und die
Nordö Reederei begann mit Gotlandsbolaget um den Verkehr mit dem
Festland zu konkurrieren. Das Problem mir der Wasserversorgung Visbys
wurde zumindest vorläufig durch den Bau von Rohrleitungen zum Tingstäde
träsk gelöst. Die umfassende Einführung von Einbahnstraßen,
viele Hundert neue Verkehrsschilder und die Verteuerung des Parkraumes
veränderten die Verkehrssituation innerhalb der Mauern. Ingmar Bergman
drehte einige Filme auf Gotland und auf Fårö, und 1968 besetzte
Pippi Langstrumpf das alte Verwaltungsgebäude des Panzerregiments
P18, das nun in die Villa Kunterbunt umgewandelt wurde.
In den 70er Jahren war eine Abwanderungsbewegung zurück auf das Land
festzustellen. Viele versuchten, die hohen Grundstückspreise in Visby
zu umgehen und sich neue Häuser in bequemen Autoabstand von der Stadt
zu bauen. Zwischen 1971 und 1990 wuchs die Bevölkerung Gotlands von
53 700 auf über 57 000. Visby wuchs von etwa 19 200 auf 20 900 Einwohner,
und die übrigen Ortschaften verzeichneten einen ähnlichen Bevölkerungsanstieg.
Gotland ist aber immer noch die schwedische Gemeinde mit dem höchsten
Anteil von Landbewohnern an der Gesamtbevölkerung.
In den letzten Jahrzehnten haben viele Gotländer ihren Beruf gewechselt,
oder sich durch Weiterbildung für Berufe qualifiziert, die früher
nicht üblich waren. Parallel zum deutlichen Sinken der Anzahl der
Landwirte, stieg die Anzahl der im öffentlichen Sektor oder in der
Dienstleistung Beschäftigten. Im Laufe von zwanzig Jahren ist eine
Verdoppelung von knapp 6300 im Jahre 1971 auf fast 11 000 im Jahre 1990
geschehen. Zum großen Teil kann dieser Zuwachs durch die kommunale
Expansion auf Gotland erklärt werden - Gotlands kommun beschäftigt
heute etwa 6000 Menschen. Fast die Hälfte arbeitet im Gesundheits-
oder Sozialwesen, fast 80% sind Frauen.
Die regionalen Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt sind groß. Im nördlichen
Teil der Insel sind mehr Menschen in der Industrie beschäftigt -
etwa 30% aller Berufstätigen. Cementa, Storugns, Gotlands energiverk,
das Artillerieregiment KA3 und die Marinewerft sind große Arbeitgeber.
Der mittlere Teil der Insel wird von der Landwirtschaft dominiert, fast
50% arbeiten in diesem traditionellen Wirtschaftszweig. Auch im Südteil
ist die Landwirtschaft wichtig, während die Wirtschaft in Visby natürlich
eine ganz andere Form mit vielen Angestellten im Dienstleistungssektor
hat.
Von 92 zu
einer
Im 19. Jahrhundert
wurden mehrere Kommunalreformen durchgeführt. Die viele hundert Jahre
alte Sockenstämma (etwa Versammlung des Kirchspiels) bekam neue Befugnisse,
und in allen Kirchengemeinden wurde ein neues Organ, der Kirchenrat, eingeführt.
Sowohl in der Sockenstämma als auch im Kirchenrat hatte der Pfarrer
der Gemeinde den Vorsitz inne. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung
verringerte sich der Einfluß der Pfarrer und der Hofbesitzer zu
Gunsten anderer Berufe.
1862 wurde eine neue Kommunalgesetzgebung verabschiedet. Jedes ländliche
Kirchspiel wurde eine Landsgemeinde - auf Gotland waren das über
90 Stück. Dichter besiedelte Ortschaften konnten Städte oder
Marktflecken ("Köping") werden - zu Beginn traf dies nur
auf Visby zu, erst 1936 wurde Slite Marktflecken. Die kirchlichen Angelegenheiten
wurden nun von der Gemeinde geregelt. Die Sockenstämma wurde von
der Kommunalstämma (etwa: Gemeideversammlung) mit einem gewählten
Vorsitzenden abgelöst. Die Versammlung konnte einige Kompetenzen
an einen Gemeinderat ("Kommunfullmäktige") übertragen.
Es brauchte aber Zeit, um diese Veränderungen durchzuführen.
Ein Gemeindeausschuß kümmerte sich um die weltlichen Angelegenheiten
der Gemeinde, während die kirchlichen Angelegenheiten von der Kirchenversammlung
("Kyrkostämma") betreut wurden.
Auch die kommunale Verwaltung Visbys wurde reformiert. Gewählte Stadträte
("Stadsfullmäktige") trafen die Entscheidungen, die von
der sog. Drätselkammar in die Tat umgesetzt wurden. Jedes Län
bekam eine übergeordnete Gemeindeversammlung, den Landsthing, der
unter anderem für das Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen sowie
für die Wirtschaft zuständig war. Das Stimmrecht war auf der
Grundlage von Einkommen und Vermögen in verschiedene Klassen eingeteilt.
In den folgenden 90 Jahren nach der Reform von 1862 wurden mehrere Gesetze
verabschiedet, die die Aufgaben der Gemeinden regelten. Das allgemeine
und gleiche Stimmrecht wurde eingeführt und die kommunale Tätigkeit
wurde immer unfassender. In den vielen kleinen gotländischen Landsgemeinden
- zwei Drittel hatten weniger als 500 Einwohner - war das Engagement der
Bevölkerung groß. Die Entscheidungen der Gemeinde gingen alle
etwas an. Da die Aufgaben der Gemeinden wuchsen, kamen neue Ausschüsse
hinzu: Schulräte, Jugendausschüsse, Ausschüsse für
Abstinenz oder Pensionen, um nur einige nur zu nennen. Die Schulräte
hatten eine Sonderstellung, da sie nur ein vorbereitendes Organ waren,
die Beschlüsse wurden im Schulwesen noch recht lange von der Kyrkostämma
gefaßt. Es war nicht ungewöhnlich, daß 20-25% der stimmberechtigten
Einwohner einer Gemeinde direkt an der Tätigkeit der Gemeinde teilhatten.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg faßte der schwedische Reichstag
einen Beschluß, der umfassende Veränderungen in der Einteilung
der Gemeinden mit sich führte. Die neue Organisation sollte von 1952
an gelten, und sie verursachte auf Gotland mehr Veränderungen als
irgendwo anders in Schweden. Da die Unterschiede zwischen einzelnen Kommunen
in Größe und Einwohnerzahl recht groß sein konnten, war
es zum Teil schwer, gewisse Entscheidungen in der kommunalen Verwaltung
zu treffen. Nun sollte jede Gemeinde mindestens 2000 Einwohner haben.
Nur so sollte es möglich sein, die Veränderungen im Schul- und
Sozialwesen zu beherrschen.
Eine Studie schlug eine Einteilung Gotlands in 15 oder 16 sogenannte Großgemeinden
vor. Es war aber problematisch, gemeinsame Zentralorte zu finden, in denen
die Verwaltung konzentriert werden könnte. Schließlich einigte
man sich darauf, die 91 kleinen Gemeinden Gotlands und die Stadt Visby
zu 14 Großgemeinden zusammenzufassen. Eine so durchgreifende Neuordnung
traf natürlich auf Kritik. Aber die meisten sahen ihre Notwendigkeit
ein. Die größten Sorgen verursachte die Befürchtung einiger
Gotländer, nun die Entscheidungen ihrer Gemeinden nicht mehr so direkt
wie früher beeinflussen zu können, da der Abstand zu den beschließenden
Personen nun zu groß würde und daß dies das Ende des
persönlichen Engagements bedeutete.
Die Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur waren auch zwischen
den neuen Kommunen groß, von der Stadt Visby mit etwa 16 000 Einwohnern
zur Gemeinde Hoburgen mit knapp 2000. Die Gemeinde Romakloster wurde aus
nicht weniger als 18 Landsgemeinden gebildet. In den meisten Großgemeinden
wurden bürgerliche Gemeindevertreter unter der Führung des Bauernbundes
(später Centerpartiet) gewählt. In Lärbro, Slite und Visby
kamen die Sozialdemokraten an das Ruder, in Visby hatten sie aber nur
eine sehr knappe Mehrheit.
Die Aufgaben der 14 Großgemeinden wuchsen im Takt mit dem Ausbau
der Sozialfürsorge, des Schulwesens, des Gesundheitswesens, der Infrastruktur
und vieler anderer Gebiete. Die gewählten Vertreter gerieten gleichzeitig
gegenüber der schnell wachsenden spezialisierten Beamtenschaft ins
Hintertreffen. Unter anderem wurden ein Kämmerer für die Finanzen,
ein Oberlehrer für das Schulwesen und ein Sozialassistent, der sich
um soziale Fragen kümmerte, benötigt.
Knapp ein Jahrzehnt nach der Gemeindereform von 1952 wurde damit begonnen,
eine noch weitergehende Veränderung in der kommunalen Struktur Gotlands
zu diskutieren. Es war klar, daß man noch größere Gemeinden
bilden mußte. Die Länsverwaltung wollte diesmal drei Gemeinden
einrichten: eine auf Nordgotland mit Slite als Hauptort, eine auf Südgotland
mit Hemse als Hauptort und eine im mittleren Teil der Insel mit Visby
als natürlichem Zentralort. Fast alle Gemeinderäte verlangten
fünf neue Gemeinden, die sich an die fünf Bezirke für das
höhere Schulwesen anschließen konnten. In Fårösund
verlangte der Gemeinderat sogar, eine selbständige Gemeinde zu bleiben.
Nach einigen Diskussionen und vor allem nachdem bekanntgeworden war, daß
das Innenministerium eine allzu große Aufsplitterung der Insel nicht
genehmigen würde, beschlossen alle Gemeinderäte, eine einzige
Gemeinde für ganz Gotland zu bilden. 1965 begann ein Zusammenarbeitsausschuß,
der sich aus gewählten Vertretern aus ganz Gotland zusammensetzte,
die Vorbereitungen für die Zusammenlegung aller Gemeinden zu einer
einzigen. Wichtige Fragen verzögerten aber den Prozeß. Zum
Einen war das die zukünftige Rolle des Landsthings, zum Anderen war
es unklar, wie die Länsverwaltung geregelt werden sollte, wenn das
ganze Län aus einer einzigen Gemeinde bestand. Nach einigen Überlegungen
wurden beide Fragen gelöst: der Landsthing wurde aufgelöst,
die Länsverwaltung blieb aber erhalten. Die Aufgaben des Landsthings
wurden von der Gemeinde übernommen, und das Fortbestehen der Länsverwaltung
milderte die vereinzelt geäußerten Bedenken, Gotland würde
eine "Schärengemeinde" werden, wenn es den Status eines
Läns verliere.
Im Mai 1970 traten die Delegierten des Zusammenarbeitsausschusses und
die 14 Gemeinderäte zusammen. Ein Präsidium und ein Arbeitsausschuß
wurden gebildet und die Planungen für die große Reform begannen.
Vor allem die Arbeit am Kommunalhaushalt wurde kompliziert. Sie resultierte
in einer steuerlichen Bemessungsgrundlage von 24,95 Kronen - die neue
Gemeinde hatte damit die höchste Kommunalsteuer des ganzen Landes.
Im September 1971 wurden 71 Abgeordnete gewählt, die Gotlands kommun
die nächsten Jahre leiten sollten.
Politische
Parteien
Als in der
1860er Jahren die Kommunalreformen durchgeführt wurden, gab es noch
keine politischen Parteien in Schweden. In dem bis 1862 beschlußfassenden
Organ auf dem Land, der Sockenstämma, hatten alle Grundbesitzer des
Kirchspiels Sitz und Stimme. Seit 1817 konnten für alle Mitglieder
bindende Mehrheitsentscheidungen gefällt werden, aber durch seine
gesellschaftliche Stellung hatte der Pfarrer entscheidenden Einfluß
auf die Beschlüsse.
Nach den Reformen der 1860er Jahre waren alle volljährigen Männer
und Frauen, die mindestens 400 Reichstaler verdienten oder ein gewisses
Vermögen hatten, stimmberechtigt. Abhängig von der Größe
des Einkommens konnte eine Person mehrere Stimmen haben. Die Personen,
die die meisten Stimmen erhielten, wurden gewählt. Im ländlichen
Gotland dominierten die Bauern vollständig, aber auch Händler,
Kalkunternehmer und Lehrer saßen in den kommunalen Institutionen.
In Visby waren weitaus mehr Berufsgruppen beteiligt. Die Liberalen und
die Sozialdemokraten erhoben starke Forderungen nach einem erweitertem
Stimmrecht, was 1909 teilweise eingeführt wurde. Doch erst 1921 wurde
im ganzen Land das allgemeine und gleiche Stimmrecht eingeführt.
Zu diesem Zeitpunkt gab es seit längerem politische Parteien. Seit
1910 wurde auf den Wahlscheinen die Parteizugehörigkeit der Kandidaten
gekennzeichnet. In Visby traten damals zwei Parteien an: eine konservative
mit dem Namen Visby valmansförening und eine liberale mit dem Namen
Frisinnade Sparsamhets- och Nykterhetsvänner an. 1906 wurde in Visby
eine Arbeiterkommune gebildet und fünf Jahre später der gotländische
Landesverband der Schwedischen Sozialdemokratischen Partei, aber erst
1914 traten die Sozialdemokraten bei einer Wahl an. Es reichte noch nicht
zu einem Mandat, aber nur ein paar Jahre später lief es besser, und
die ersten Sozialdemokraten traten in die Gemeindeverwaltung ein.
Auf dem Land hatte die Bauernpartei die Überhand, und in Visby wurde
die Kommunalpolitik von den Konservativen bestimmt. Im folgenden Jahrzehnt
wurde die Übermacht der Bauern in einigen Landsgemeinden durchbrochen,
vor allem dort, wo es viele Stein- und Zementarbeiter gab. Daß das
nicht leicht war, zeigt folgender Leserbrief aus Gotlands Allehanda von
1936:
"In der Volksschule, bei der Kirche, in einem Kirchspiel im Osten
Gotlands, wurde am Sonntag eine einfache Feierstunde gehalten. Die Arbeiterkommune
des Kirchspiels feierte nämlich ihr zehnjähriges Jubiläum.
In diesem Zusammenhang sollte die neue Fahne der 'Kommune' geweiht werden...
Man wird nachdenklich, ja, es wirkt regelrecht beklemmend, daß eine
alte ehrwürdige Schule mit der roten Aufrührerfahne behängt
werden soll... Nun sollen unsere Schulen - und bei Begräbnissen auch
unsere Kirchen - mit der blutbesudelten, roten Sowjetfarbe geschmückt
werden. Schul- und Kirchenrat sitzen mit verschränkten Armen und
sagen zu allem Ja und Amen. In Wort und Schrift wird die ländliche
Bevölkerung täglich zur Zusammenarbeit und Einigung mit den
Roten aufgerufen. Reicht es nicht aus, daß die an und für sich
berechtigte Arbeiterbewegung mit dem Marxismus verkoppelt wurde, soll
nun die ebenso berechtigte Bauernbewegung mit dem gleichen Gift betäubt
werden?" In Visby wurde die Mehrheit der Konservativen immer geringer,
während die Sozialdemokraten kräftige Gewinne verbuchen konnten
und 1938 das erste Mal eine eigene Mehrheit erhielten. In den 30er Jahren
traten auch Randparteien wie die zwei nationalsozialistischen Gruppierungen
Furugårdarna und Lindholmarna und die Silén- und Kilbom.
Kommunisten auf. Keine dieser Gruppen kam aber auch nur in die Nähe
eines Mandates.
Während des Zweiten Weltkrieges trat auch die Bauernpartei in Visby
zur Wahl an. Obwohl die Partei mit der Folkparti zusammen eine Liste mit
dem Namen Mellanpartierna (etwa: die Zwischenparteien) bildete, kam kein
Kandidat der Bauernpartei in den Gemeinderat. Damit sollte noch bis 1946
dauern.
Acht Jahre später wurde die erste Wahl nach der Großgemeindereform
durchgeführt. In elf Gemeinden kam es zu einer bürgerlichen
Mehrheit, in dreien - Lärbro, Slite und Visby - kamen die Sozialdemokraten
an die Macht. Auf der ganzen Insel wurden 29 600 Stimmen abgegeben, von
denen die Bauernpartei 8900, die Volkspartei 4600, die Konservativen 5300
und die Sozialdemokraten 10 800 bekamen. Von den 490 Mandaten bekam die
Bauernpartei 181, die Volkspartei 74, die Konservativen 72 und die Sozialdemokraten
163. In der letzten Wahl vor der nächsten großen Reform - die
Bildung einer einzigen Gemeinde 1971 - eroberten die Bürgerlichen
wieder die Mehrheit in Visby.
Der erste Gemeinderat für Gotlands kommun wurde 1970 gewählt.
In dem höchsten Organ der Gemeinde saßen 71 Abgeordnete, von
denen 9 der Moderaten Sammlungspartei (konservativ), 33 den Parteien der
Mitte (Centerpartiet und Folkepartiet) und 29 den Sozialdemokraten angehörten.
Bei späteren Wahlen kamen auch andere Parteien wie die Linkspartei,
die Umweltpartei, die christlichdemokratische Partei, die populistische
Neue Demokratie und die Gotlandspartei in den Gemeinderat.
Schulfragen
(262)
Es dauerte
nicht lange, bis der Bevölkerungsrückgang auf dem Land nach
dem Zweiten Weltkrieg und die Veränderungen im Schulwesen Auswirkungen
auf die gotländischen Schulen hatten. Viele der kleineren, oft neben
der Kirche gelegenen Schulen, wurden geschlossen. Der Unterricht aller
Klassenstufen wurde oft an einem Zentralort konzentriert. Größere
Schulen wurden gebaut und einige von ihnen wurden als Zentralschulen bezeichnet.
1950 faßte der Reichstag den Beschluß, nach und nach eine
neunjährige Einheitsschule, am Besten eine in jeder Gemeinde, einzuführen.
Alle Kinder sollten die gleichen Bildungsmöglichkeiten bekommen,
unabhängig vom Einkommen der Eltern, ihrer sozialen Herkunft oder
ihrem Wohnort. Die Einheitsschule wurde auf Gotland nie beschlossen, aber
1962 wurde per Gesetz eine neunjährige Grundschule in Schweden eingeführt,
die bis 1971/72 eingeführt werden mußte.
Die Grundschule wurde in drei Stufen unterteilt und ersetzte ältere
Schulformen wie die Volksschulen, Realschulen und Mädchenschulen.
In den Jahrgängen 7-9 konnten sich die Schüler für eine
Richtung entscheiden, für die sie am besten geeignet waren. Erst
im 9.Jahrgang wurde eine Aufteilung in Linien durchgeführt, sowohl
in mehr berufsorientierte, als auch in für das Gymnasium vorbereitende.
Gotland war fast die letzte Gemeinde Schwedens, die die Grundschule einführte.
1971 bekamen die letzten Schüler den Realschulabschluß in Visby,
Hemse und Slite und damit verschwand zumindest für die beiden letzten
Orte ein beliebter Teil des örtlichen Lebens. Gleichzeitig wurden
die Mädchenschule, die Werkstattsschule und die Berufsschule in Visby
geschlossen. Neun Schulbezirke mit weiterführenden Schulen in Fårösund,
Slite, Romakloster, Visby, Klintehamn und Hemse wurden geschaffen.
Rechtzeitig zum Schulbeginn 1971 konnten 1500 Schüler, über
hundert Lehrer und fünfzig Schulangestellte das neugebaute Gymnasium,
das für die ganze Gemeinde zuständig war, beziehen - Säveskolan.
Der Bau der Schule kostete 20 Millionen Kronen, aber schon von Anfang
an hatte sie mit mehreren Problemen zu kämpfen. In der Säveskola
wurde viele der alten Schulformen unter einem Dach gesammelt, und die
Anzahl der Schüler stieg markant. Den Ausgleich, den die Reformen
in der grundlegenden Ausbildung erreichten, schlug auch in der Ausbildung
im Gymnasium durch. Es sollte nicht lange dauern, bis fast alle Jugendlichen
auf der Insel eine der vielen Ausbildungslinien des Gymnasiums besuchten.
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