Im Norden
dauerte das Mittelalter von etwa 1050 bis 1525, von der Annahme des Christentums
bis zur lutherischen Reformation. In Schweden wird manchmal das Jahr 1521,
in dem Gustav Vasa die Macht ergriff, als Ende des Mittelalters angegeben.
Der Norden folgte der Entwicklung im restlichen Europa. Für diesen
Teil der Welt bedeutet das Mittelalter einen Aufschwung. Der Norden wurde
in die europäische Kulturgemeinschaft mit allen ihren Bestandteilen
aufgenommen.
Der führende nordische Staat im Mittelalter, Dänemark, wurde schon
im 10. Jahrhundert unter einem König vereint. Irgendwann im 11. Jahrhundert
wurde auch Schweden zu einem Reich unter einem König. Der Zusammenhalt
des Reiches war allerdings schwach. Die verschiedenen Landschaften hatten
immer noch eine starke Stellung. Überall im Land tauchten lokale Adelsfamilien
auf, die Bauern bildeten immer noch das Rückgrat der Gesellschaft.
In Dänemark wurden die Bauern völlig abhängig vom Adel, für
den sie beachtliche Tagewerke leisten mußten.
Skåne, Blekinge, Halland und Bohuslän gehörten noch zu Dänemark,
aber das schwedische Territorium wurde in Norrland und Finnland ausgeweitet.
Um das Jahr 1100 war das Christentum endgültig etabliert, christliche
Sitten und Gebräuche breiteten sich aus, Kirchen wurden gebaut und
Priester und Bischöfe wurden immer wichtiger in der Gesellschaft.
In Schweden kämpften verschiedene Adelsgeschlechter um die Krone. Manchmal
wurden auch unter den königlichen Söhnen harte Kämpfe ausgetragen.
Trotzdem wuchs die Macht der Krone, die eine Stütze in der Feudalgesellschaft
hatte. Der König wurde auf dem Thing der Svear bei Mora stenar in Uppland
gewählt. Danach ritt er auf der Eriksgata durch das Land, um sich in
den einzelnen Landschaften huldigen zu lassen. Diese königliche Rundreise
führte nie nach Gotland und die Gotländer durften auch nicht an
den Königswahlen teilnehmen.
Die Gesetzgebung, das Steuerwesen und die Verwaltung wurden organisiert.
Der Handel expandierte, nicht zuletzt dank der vielen Einwanderer aus Deutschland.
Zünfte und Gilden stärkten den Zusammenhalt der Stadtbewohner.
Die Eisenherstellung und das Kupfer aus der Grube in Falun gaben der schwedischen
Wirtschaft Kraft.
Birger Jarl erließ Friedensgesetze und Magnus Eriksson schuf eine
Gesetzgebung für das ganze Reich. Birgitta Birgersdotter, die heilige
Birgitta, hatte Visionen, und sie erhielt durch ihre zahlreichen Schriften
große politische Macht. Im 15. Jahrhundert wurde das erste Reichstreffen
abgehalten, der Ursprung des heutigen Reichstags.
Das Spätmittelalter im Norden wird "Unionszeit" genannt.
Die Schicksale Schwedens, Dänemarks und Norwegens wurden durch die
Kalmarer Union miteinander verbunden. Die Union entstand in einer Zeit,
in der Verbindungen zwischen Staaten üblich waren. Aber der wichtigste
Grund für die Erschaffung der Union war wohl der Versuch, die Expansion
der Hanse zu stoppen. Unionskönige regierten die nordischen Länder,
indem sie Unterstützung bei verschiedenen Adligen suchten.
Gotland befand sich oft im Blickpunkt dieser politisch unruhigen Zeiten.
Die Insel wurde eine Figur im Spiel um die politische Macht im Norden. Dänemark
nutzte seine Vormachtstellung aus, worauf in Schweden zuerst Engelbrekt
und dann Sten Sture gegen die dänischen Vögte und die dänische
Oberhoheit kämpften. Nach einem kurzen Befreiungskrieg wählten
die Schweden 1521 Gustav Vasa zum Reichsverweser und zwei Jahre später
zu ihrem König.
Die Mittelalterwoche
Der Tod wurde
auf Visbys Straßen gesehen. Schwarz gekleidet, mit weißem
Gesicht und einer scharfen Sense auf der Schulter ist er mit einer Gruppe
Gaukler umhergezogen. Was will er? Will er an die furchtbare Pest erinnern,
die vor kurzem Europa heimsuchte und ein Drittel der Bevölkerung
tötete? Oder warnt er vor kommenden Gefahren anderer Art?
Auf der Hauptstraße im Schutz der Seemauer kümmert sich niemand
um die schwarz gekleidete Gestalt. Dort denkt man an anderes. Handel und
Geschäfte sind wichtiger als alles andere. Die hohen Häuser
mit Treppengiebeln bilden eine effektvolle Kulisse für das Menschengewimmel
auf den Straßen.
Das Gemurmel der Menschen vermischt sich mit dem Krähen der Hähne,
dem Grunzen der Schweine und dem Blöken der Lämmer. Schmiede
hämmern glühendes Eisen zu scharfen Messern und Scheren, Schuhmacher
nähen Lederstücke zu einfachen Schuhen zusammen, Böttcher
schlagen Bänder um ihre Fässer. Ein Barbier rasiert den Leuten
die Bärte und schneidet ihnen die Haare. Wenn man ihn fragt, kann
er vielleicht auch mit einem Aderlaß zur Vorbeugung von Krankheiten
und mit verschiedenen Salben zur Heilung von Wunden dienen.
Händler bieten mit lauten Rufen ihre Waren an: Krüge, Würste,
Hühner, Kräuter, Gewürze, Fisch, Honig, Fleisch, Eier und
Lämmer. Töpfer stellen Krüge her und geschickte Frauen
spinnen Garn.
Reiche Kaufleute in prachtvollen Kleidern und schönen Hüten
wandern langsam durch die Straßen. Vielleicht nutzen sie die Gelegenheit,
um wichtige Geschäfte zu diskutieren. Die Frauen tragen weite, lange
Kleider mit glitzernden Broderien. Auf dem Kopf tragen sie einen Schleier.
Als Ehefrauen dürfen sie nicht mehr mit offenem Haar auf die Straße
gehen.
Im Gewimmel sind auch einige Mönche, der ein oder andere Priester
und unzählige Bettler zu sehen. Die Aussätzigen sind eine Last
für die Stadt. Sie tragen schmutzige Kleider und strecken ab und
zu eine genauso schmutzige Hand aus, um die Bessergestellten um ein Almosen
zu bitten. Als ein scharfer Kontrast dazu tritt eine Gruppe Gaukler in
farbenfrohen Kleidern und lustigen Hüten auf. Mit ihren Zurufen und
Kunststücken amüsieren sie die Menschen und beunruhigen gleichzeitig.
Irgendwo ist Musik von einer Fiedel, einer Flöte, einer Sackpfeife,
einer Laute und Trommeln zu hören. Die Töne der Instrumente
veranlassen einige Vorbeigehende dazu, einen einfachen Ringtanz tanzen.
Ein Stück weiter sind alle Zuschauer verblüfft, über die
merkwürdigen Künste eines Feuerschluckers.
Das Leben in der Stadt geht mit anderen Worten seinen normalen, guten
Gang. Trotzdem liegt Unruhe in der Luft. Was tut der Tod in der Stadt?
Und die Gaukler, was wollen sie sagen? Amüsiere dich, solange du
noch kannst... Und seit langem geht ein Gerücht von herannahenden
Gefahren um.
Plötzlich steht er dann auch vor den Mauern, der dänische König
Waldemar Atterdag. Unter Waffengeklirr, Schreien, Jammern und Strömen
gotländischen Blutes hat er die tapfer kämpfenden gotländischen
Bauern besiegt. Nun schlagen seine Krieger an die Stadttore im Süden.
Die Bürger Visbys haben keine Wahl. Was spielt es ohnehin für
eine Rolle, wer ihr König ist? Die Hauptsache ist, daß sie
ihren Handel weiter betreiben können und nicht mehr Steuern als vorher
bezahlen müssen. Sie öffnen die Stadttore und überreichen
Waldemar die Schlüssel der Stadt.
Aber die Stadt muß teuer dafür bezahlen, daß sie so leicht
aufgab. Auf dem Marktplatz stellt der König drei große Ölfässer
auf, die vor Sonnenuntergang mit Silber und Gold gefüllt werden müssen
- die Stadt muß Lösegeld bezahlen. Diejenigen, die Widerstand
leisten, werden brutal vor den dänischen König gezerrt. Ihre
Halsketten und Armreifen werden abgerissen und von rücksichtslosen
dänischen Knechten in die Fässer geworfen. Die Fässer füllen
sich, und Waldemar ist zufrieden.
Aber das Drama ist noch nicht vorbei. Als die Dänen Gotland mit ihren
erraubten Schätzen wieder verlassen, wird eine junge Frau von den
Organen der Stadt ergriffen. Ihr wird vorgeworfen, Waldemar beim Eindringen
in die Stadt geholfen zu haben und sie wird nun zu einer grausamen Strafe
verurteilt: Sie soll lebendig in einen Turm der Stadtmauer eingemauert
werden. Vergeblich bittet sie um Gnade, doch als die Sonne im Meer versinkt,
wird das Urteil unter großem Tumult vollzogen. Ein hell gekleideter
Geist schwebt auf das Meer hinaus, wo der Tod und der Teufel warten. Die
Bürger Visbys haben ihre Rache bekommen.
Zurück
ins Jahr 1361
Seit dem
Sommer 1984 kehren Gotland und Visby jedes Jahr eine Woche lang in das
Jahr 1361 zurück. Auf dem Land werden Feste gefeiert und Vorträge
gehalten, die an dieses ereignisreiche Jahr anknüpfen. In Visby ändert
die Stadt ihr ganzes Aussehen. Die Strandgatan wird zeitweise wieder zum
Zentrum und füllt sich mit mittelalterlich gekleideten Menschen,
die mittelalterlichen Tätigkeiten nachgehen. Waldemar Atterdag erscheint
noch einmal als ungebetener Gast in der Stadt, so wie es in den Erzählungen
und Sagen geschildert wird. Einige Aspekte der Mittelalterwoche sind vielleicht
nicht gerade historisch korrekt, aber trotzdem wird den Zuschauern die
Möglichkeit geboten, ein historisches Ereignis voller dramatischer
Szenen zu erleben.
Auf Gotland ist es nicht schwer, das Mittelalter - die gotländische
Großmachtszeit - zu erleben. Auf dem Land sind etwa 90 Kirchen,
viele Steinhäuser, Pfarrhöfe und Kastale aus dieser Periode
bewahrt. In Visby ist das Mittelalter dank der Stadtmauer, den Kirchenruinen,
der schmalen Gassen und der vielen Lagerhäuser mit Treppengiebeln
sehr greifbar.
So wurde
Gotland regiert
Eine Bauernrepublik?
Das mittelalterliche
Gotland wird manchmal als Bauernrepublik bezeichnet. Dieser Ausdruck ist
sicher nicht ganz korrekt, aber er spiegelt einen der Teil der politischen
Verhältnisse auf der Insel während der Großmachtszeit
Gotlands wieder. Die Gotländer hatten gewisse Absprachen mit dem
schwedischen König und dem Bischof in Linköping, zu dessen Stift
Gotland gehörte, getroffen. Es ist aber fraglich, ob diese auf der
Insel viel zu sagen hatten. Bis ins 14. Jahrhundert gab es dort keine
königlichen Beamten. Ebensowenig mußten die Gotländer
einem neuen König auf der Eriksgata huldigen. Außerdem gab
es keinen Adel auf Gotland. Die Belastung durch Steuern war im frühen
Mittelalter im Vergleich zum Festland gering. Es war also für die
Gotländer nicht schwer, Silber zu horten und lohnende Investitionen
zu tätigen.
Die Bauern mit eigenem Besitz waren die Basis der gotländischen Gesellschaft.
Sie waren auf dem Land die führende Gesellschaftsschicht. Sie stellten
die Richter, die dafür verantwortlich waren, daß das Gesetz
befolgt wurde, daß die Menschen ihre Steuern zahlten und daß
die Gesellschaft nach außen hin einig auftrat. Die Richter bildeten
zusammen mit den drei wichtigsten Priestern der Insel, den Pröpsten
der Tredinge, das Landschaftsthing, das Gutnalthing genannt wurde. Das
Gutnalthing kann als das "Parlament" Gotlands angesehen werden.
Es wurde vom Landesrichter geleitet. Das Gutnalthing trat wahrscheinlich
in Roma zusammen. Im ausgehenden Mittelalter wurden die Treffen nach Visby
verlegt.
Unter dem "Althing" war die Insel in folgenden kleineren Einheiten
organisiert: drei Tredingar, die für kirchliche Angelegenheiten wichtig
waren, sechs Settingar und zwanzig Things. Diese Teile waren für
einfachere Verwaltungs- und Rechtssprechungsangelegenheiten zuständig.
Sie wurden von Richtern geleitet und traten an unterschiedlichen Stellen
zusammen, im Falle der Things war dies üblicherweise bei einer Kirche
oder auf dem Hof des Thingrichters.
Zu dieser regionalen Einteilung können wir die Socknar (Kirchspiele)
hinzufügen. Da es viele Kirchspiele gab (94 Stück), waren sie
sehr klein. Die Hofbesitzer des Kirchspiels, die Sockenmänner, traten
bei der Kirche zusammen, nicht nur um über gewisse gemeinsame kirchliche
Angelegenheiten zu sprechen, sondern auch, um über weltliche Dinge
wie Wege und Brücken zu diskutieren und zu beschließen. Sie
konnten in einfacheren Fällen Recht sprechen, unter anderem bei Beleidigungsklagen,
und sie waren für die Einhaltung der Landfriedensgesetze verantwortlich.
Verschiedene
soziale Klassen
Die gotländischen
Bauern bestimmten also zu einem großen Teil selbst über ihre
Insel. Wenn wir die Begriffe Demokratie und Diktatur gegenüberstellen,
wurde die Insel sicherlich demokratisch regiert. Wenn wir aber unter Demokratie
einen gleichgroßen Einfluß aller Mitbürger auf die staatlichen
Beschlüsse verstehen, stellen wir fest, daß die Volksherrschaft
begrenzt war.
Die besitzenden Bauern auf den 1500 Höfen hatten am meisten zu sagen.
Sie bildeten eine Art Oberklasse. Unter ihnen gab es außerdem Bauern,
die reicher waren als andere und die größere Höfe hatten.
Es ist wohl nicht vermessen anzunehmen, daß ihr Wort in vielen Dingen
schwerer wog. Die sozialen Unterschiede zwischen diesen Landwirtschaft
und Handel betreibenden Hofbesitzern und der Masse von besitzlosen Pächtern,
Knechten, Mägden, Einwanderern ("nicht gotländische Leute")
und natürlich den Sklaven, die es auch in der gotländischen
Gesellschaft gab, waren groß.
Gutalagen
- Das Landschaftsgesetz der Insel Gotland
Gotland wurde
nach dem Gesetz der Landschaft, dem Gutalag, regiert. Irgendwann im 14.
Jahrhundert wurde es niedergeschrieben und es galt im gesamten Mittelalter.
Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts verlor es an Bedeutung, als es von
dänischen Gesetzen ersetzt wurde. 1645 wurde das dänische Recht
vom schwedischen abgelöst.
Der jüngere Teil von Gutalagen kann tatsächlich als ein Gesetzbuch
charakterisiert werden. Es wurde auf einer bestimmten Versammlung angenommen
und etabliert, und es sollte als Richtschnur für die gotländische
Gesellschaft dienen. Das Gesetz bietet ein gutes Bild des mittelalterlichen
Gotlands. Die Hauptaufgaben des Gesetzes waren es, den inneren und äußeren
Frieden zu bewahren und sicherzustellen, daß die Gotländer
"nein zum Heidentum und ja zum Christentum sagen".
Mord wurde ebenso wie Diebstahl streng bestraft. Je nach Größe
der Beute konnte der Dieb zu Geldbußen, zu Brandmarkung oder zum
Tode durch den Strang verurteilt werden. Wenn wir annehmen dürfen,
daß das lange Kapitel über "Wunden" die wirklichen
Verhältnisse widerspiegelt - Warum gäbe es sonst alle diese
Bestimmungen in Gutalagen? - dann waren Kämpfe nicht unüblich
auf der Insel. Und wie sie sich geschlagen haben!
Sie gingen mit Fäusten, Messern, Steinen, Stöcken und Schwertern
aufeinander los. Sie schlugen sich gegenseitig die Schädel ein, hieben
sich gegenseitig Finger, Hände, Zehen und Füße ab, stachen
sich die Augen heraus und schnitten sich die Ohren, Nasen und Zungen ab,
so daß der Betroffene weder sprechen noch "Schleim und Rotz"
zurückhalten konnte. Sie schreckten nicht einmal davor zurück,
ihrem Gegner das Glied abzuschneiden, "so daß der Mann seine
Notdurft nur im Sitzen wie eine Frau verrichten kann." Sie kippten
sich gegenseitig Bier in die Augen, zogen einander an Haaren oder Bart,
zerrissen Kleider und errichteten Wegsperren.
Die gotländische Bauerngesellschaft manifestiert sich in Bestimmungen
über Äcker und den Kauf von Haustieren und Sklaven sowie in
Erlassen über Wege, Zäune, Grenzmarkierungen und Brunnen. Auf
verschiedene Art und Weise wurden Frauen und Kinder geschützt, das
Erbrecht wurde eingehend beschrieben und es wurde verboten, bei Hochzeiten
Luxus oder Überfluß ausufern zu lassen.
Merkwürdigerweise gibt es keine Bestimmungen zu Handel und Kaufmannswesen.
Gutalagen gibt zudem "nicht-gotländischen" Männern
und Frauen schlechteren Schutz.
Auf dem Lande
Die Höfe
Im Mittelalter
gab es auf Gotland etwa 1500 Höfe. Sie lagen alle etwas für
sich auf den besten Böden in der gotländischen Landschaft. Es
gab keine Dörfer - auch später nicht - auf der Insel.
Die Häuser waren klein und wurden in einer Art Fachwerktechnik aus
Holz gebaut, sogenannte Pfahlhäuser (Bulhus). Die Fensteröffnungen,
die es gab, waren nur kleine Luken in den Wänden. Das Dach wurde
mit Schilf oder Brettern gedeckt. Auf einem Teil der Steinhäuser
lagen Sand- oder Kalksteinsplitter. Jeder Hof hatte viele Gebäude,
von denen jedes seinen bestimmten Zweck hatte. Es gab Wohnhäuser,
Stallungen, Scheunen, Schmieden, Vorratshäuser und eigene Ställe
für Enten und Lämmer, um einige zu nennen.
Die Bauern und Händler mit dem größten Wohlstand, die
an dem gewinn-bringenden Ostseehandel verdienten, bauten Häuser aus
Stein. In erster Linie wollten sie ihre Waren schützen. Es war wichtig,
stabile Gebäude als Lagerräume zu haben. Sie sollten Dieben,
Bränden und feindlichen Angriffen widerstehen können. Um den
Hof herum errichteten sie Sandwälle mit gekreuzten Zaunstangen, die
Einfahrten schmückten sie mit einem Steinportal, das von einem Treppengiebel
gekrönt wurde. Auf vielen Höfen gab es sicher auch ein Hofkreuz.
Der Hof wurde vom Vater an den ältesten Sohn vererbt. Gutalagen schrieb
vor, daß "niemand Land verkaufen dürfe, wenn nicht Not
dazu zwinge". In einigen Fällen konnten auch Töchter Grundbesitz
erben.
Das Ackerland lag fast immer in der Nähe des Hofes. Die Äcker
waren klein und unregelmäßig geformt. Gewöhnlich besaß
ein einziger Bauer das ganze Landstück. Es war nicht wie auf dem
Festland in Ackerstreifen mit unterschiedlichen Besitzern unterteilt.
Eine gewisse Vermischung des Besitzes mit all den damit zusammenhängenden
Problemen scheint aber doch vorgekommen zu sein. In Gutalagen steht nämlich:
"Haben mehrere Männer Äcker zusammen und wollen einige
ihn brachliegen lassen und einige säen, sollen die bestimmen, die
das meiste besitzen."
Auf den Äckern bauten die Bauern Gerste, Roggen und Hafer an, die
zu Brot, Grütze, Bier und Viehfutter verarbeitet wurden. Weizen war
nicht üblich. Im Mittelalter wurde vielerorts die Dreifelderwirtschaft
eingeführt. Dies bedeutete, daß sich Frühjahrssaat, Herbstsaat
und Brachliegen ablösten. Andere wichtige Produkte waren Erbsen,
Bohnen, Rüben, Kohl, Leinen und Hanf.
Man benutzte Hacken, Spaten, Pflüge und Eggen, um Saatgut und Dung
in die Erde einzuarbeiten. Der Übergang zur Dreifelderwirtschaft
ließ sich nicht mehr nur mit menschlicher Muskelkraft bewältigen.
Die Pflüge und Eggen mußten von Tieren gezogen werden. Im Gegenzug
brauchten die Tiere auch im Winter Pflege und Futter, so daß es
zu größerer Konkurrenz um die Erträge kam. Dies führte
dazu, daß sich gesamte Leben der Bauern veränderte. Sie konnten
nicht länger große Flächen nur für den Bedarf der
Menschen bebauen.
Wenn die Leute des Hofes die Saat ernteten, schnitten sie sie mit Sicheln
ab, bei der Heuernte war die Sense das gewöhnlichste Werkzeug und
beim Einbringen der damals wichtigen Laubernte waren es Äxte und
Messer.
Die Äcker waren wenig ertragreich - der Anbau erbrachte vielleicht
das Dreifache der Aussaat. Ständig mußte der Bauer daran denken,
ein Drittel der Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr aufzuheben.
Heute ergibt ein Sack Saatgut das Vierzigfache!
Die Bauern trockneten das Saatgut auf dem Hof und droschen es mit Dreschflegeln.
Noch mahlten sie ihr Korn mit Handmühlen, aber irgendwann im frühen
Mittelalter dürften sie gelernt haben, Wassermühlen zu bauen.
Diese Erfindung bedeutete eine deutliche Arbeitserleichterung und die
vielen Flüsse und Bäche der Insel sollten bald vollständig
genutzt werden.
Kleine, aber
wichtige Haustiere
Wie in den
früheren Jahrhunderten war Vieh wichtig. Aufgrund des schlechten
Winterfutters und weil es so gut wie keine Züchtung gab war das Vieh
kleinwüchsig. Die Kühe hatten eine Widerristhöhe von vielleicht
einem Meter und ein Schlachtgewicht von vielleicht 100 Kilo. Die Schweine
waren 60-70 cm groß und ergaben etwa 40 Kilo Fleisch. Wie Schafe
und Ziegen liefen sie oft frei im Wald herum. Auf Gotland waren Schafe
wegen ihres Fleisches und ihres Pelzes wichtig. Natürlich wurden
auch Wolle und Milch der Schafe verwendet, aus der Milch wurde unter anderem
Käse hergestellt.
Im Laufe des Mittelalters ersetzten Pferde zusehends Kühe und Ochsen
als Zugtiere. Dies beschleunigte die Arbeit auf dem Acker. Hühner,
Gänse und Enten vervollständigten den Viehbestand eines typischen
gotländischen Hofes.
Speis und
Trank
Der besitzende
gotländische Bauer lebte auf seinem Hof im Kreise der Familie: Ehefrau,
Söhne, Töchter, Vater und Mutter. Es war wohl üblich, daß
drei Generationen auf einem Hof wohnten, den der Bauer mit fester Hand
leitete.
Knechte, Mägde und zumindest im frühen Mittelalter auch Sklaven
leisteten einen wichtigen Beitrag zur Bewirtschaftung des Hofes. Der Bauer
selbst kümmerte sich um die damals besonders wichtige Aussaat und
manchmal betrieb er auch Handel mit fernen Ländern. Gewöhnlich
hat er aber einen seiner Söhne oder eigens dafür angestellte
Händler auf diese manchmal recht gefährlichen Fahrten geschickt.
Wir können vermuten, daß die Frau des Bauers die meiste Arbeit
im Haus leitete und daß sie die Dienstboten kontrollierte. Sie hatte
bestimmt keine leichte Aufgabe. Im Haus herrschte Halbdunkel, da fast
kein Sonnenlicht hereinkam. Die zur Verfügung stehenden Lichtquellen
waren das Herdfeuer, Fackeln und geteerte Späne, die in den Wänden
steckten, und vielleicht auch einfache Öllampen. Vornehmere Häuser
konnten sich wahrscheinlich auch Talg- oder Wachskerzen leisten. Die Hausfrau
hatte auch keine Küche im heutigen Sinn. Küchen wurden erst
gegen Ende des Mittelalters üblich.
Die Frau des Bauers und die Mägde kochten in hängenden Eisenkesseln,
in Töpfen, auf Spießen und mit Hilfe einfacher Pfannen über
offenem Feuer. Auf den Tisch kamen Speisen, die hauptsächlich aus
Fleisch, Fisch und verschiedenen Mehlprodukten bestanden. Besonders Grütze
und Brot waren wichtige Nahrungsmittel.
Ein Teil der Nahrungsmittel wurde durch Trocknen, Säuern oder Einlegen
(schwed. "gravning") konserviert. Das Einlegen kann man nicht
mit dem heutigen Einlegen vergleichen. Im Mittelalter vergrub man tatsächlich
zum Beispiel Butter im Boden, damit sie sich besser hielt: Geräucherte
Nahrungsmittel waren beliebt, da sie einfach und billig herzustellen waren.
Das Konservieren durch Salz war noch im frühen Mittelalter eine kostspielige
Angelegenheit. Salz war ein kostbares Gut, das sich nur wenige und ganz
bestimmt nicht die Mehrzahl der gotländischen Bevölkerung leisten
konnte. Mit Blick auf die schnelle Entwicklung des Handels im Ostseeraum
und die guten Kontakte mit den norddeutschen Salzproduzenten, dürfte
Salz aber ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert auf Gotland ziemlich
umfassend verbreitet gewesen sein.
Wenn sich der Bauer und seine Familie nach ihrem Tagewerk an den Eßtisch
setzten, aßen sie nach heutigen Maßstäben sehr einfache
Nahrung. In der gotländischen Natur konnten sie vielleicht das ein
oder andere wohlschmeckende Kraut finden, mit dem sie ihr Essen würzen
konnten. Die meisten anderen Kräuter kamen erst im Laufe des Mittelalters
mit Mönchen oder Kaufleuten nach Gotland, die auf ihren Reisen auf
dem Kontinent diese Kräuter zu schätzen lernten. Zum Essen trank
eine gotländische Bauernfamilie Wasser und Milch von Schafen, Ziegen
und Kühen. Milch wurde frisch und als Sauermilch getrunken. Darüber
hinaus wurden Getränke aus Molke, Birkensaft, Wacholderbeeren und
Preiselbeeren hergestellt. Es gab auch Bier und Met und vielleicht wurde
schon im Mittelalter "Gotlandsdricka", ein hausgemachtes Bier,
hergestellt. Destillierte Getränke wie Branntwein waren den Gotländern
im Mittelalter aber noch nicht bekannt.
Die Hausfrau deckte den Tisch mit runden Holzscheiben, "diskar",
auf die ein rundes Brot gelegt wurde. In das Brot schabte jeder eine Vertiefung,
in die dann das Essen gefüllt wurde. Für Suppe und Grütze
wurden geschnitzte Holzschalen verwendet. Obwohl es Messer und Löffel
gab, wurde üblicherweise mit den Fingern gegessen. Die Trinkschalen
waren aus Holz oder Keramik, bei einem großen Fest wurden vielleicht
auch Becher aus Zinn oder Glas hervorgeholt.
Harte Arbeit
Die gotländischen
Bauern des Mittelalters wurden mit Sicherheit jeden Tag satt. Jemand hat
berechnet, daß mitteleuropäische Bauern in dieser Zeit nur
einen kleinen Teil der Kalorienmenge eines heutigen Industriearbeiters
zu sich nahmen, aber auf Gotland waren die Verhältnisse anders.
Die Bauern verrichteten schwere körperliche Arbeit und aßen
manchmal Nahrung, die für Menschen nicht besonders geeignet war,
besonders im Winter bestand ihre Nahrung aus getrocknetem Fleisch, Brot,
Erbsen und Fisch, wodurch sie nicht genug Vitamin C aufnahmen. Sie aßen
ohnehin nur selten frische Nahrung. Das Brot, das oft andere Nahrungsmittel
ersetzen mußte, enthielt zu wenig Proteine und da die Bauern auch
zu wenig tierische Proteine aufnahmen, wurden sie anfällig für
Krankheiten wie Tuberkulose und Typhus. Der Mangel an Vitamin A, das unter
anderem in frischer Milch enthalten ist, verursachte andere Krankheiten.
Die gotländischen Bauern lebten im Mittelalter wahrscheinlich unter
etwas besseren Bedingungen als ihre Kollegen auf dem Kontinent. Sie waren
frei, sie führten ihre Höfe ohne einen fordernden Adligen über
sich, sie konnten im nahen Meer fischen und wenn sie einen Überschuß
produzierten, konnten sie ihre Waren problemlos an die Bürger Visbys
verkaufen.
Feste und
Feierlichkeiten
Wir dürfen
aber nicht glauben, daß alles auf dem Hof nur ein Ringen und Kämpfen
um das tägliche Brot war. In Gutalagen sind unter anderem Bestimmungen
für die Sonntagsruhe niedergeschrieben. Am Sonntag durften die Bauern
und ihre Familien nur einige bestimmte Arbeiten verrichten und ein Teil
des Sonntages wurde für den Kirchgang reserviert.
Und natürlich ließen sie keine Gelegenheit aus, Feste zu feiern.
Die wichtigsten Feiertage waren die Weihnachtsfeiertage (Jul). Im Dezember
war Zeit zu schlachten, zu brauen, zu backen, gutes Essen zu kochen und
ein Bad zu nehmen. Zudem schmückten sie das Haus und streuten frische
Halme und Reisig auf den Boden. Sie hofften, die bösen Mächte
durch bestimmte Riten bannen zu können, unter anderem indem sie ihre
verstorbenen Vorväter zu Tisch luden.
Ostern kam wie eine Erlösung von den kulinarischen Beschränkungen
der Fastenzeit. Am Ostersonntag bemalten sie Eier und beschenkten sich
gegenseitig. Die Mittsommernacht war die Zeit der Magie. Zu diesem Zeitpunkt
besuchten die, die es noch konnten, die heiligen Quellen, sammelten Tau
und pflückten Heilkräuter. Andere Möglichkeiten für
frohes Beisammensein waren Gastmähler, Heiligenfeste, Hochzeiten,
Begräbnisse, Taufen und Erntefeste.
Allerdings scheint es, daß die Feste nach und nach immer ausschweifender
wurden und zu viel Zeit in Anspruch nahmen. Die Behörden waren gezwungen,
die festlichen Anlässe einzuschränken und den Rahmen eines Festes
zu bestimmen. Solche Regelungen gibt es auch in Gutalagen.
Handel und
Handelswaren
Handelswege
und Waren
Etwa gleichzeitig
mit dem Übergang der Wikingerzeit in das nordische Mittelalter befand
sich der europäische Fernhandel in einer intensiven Entwicklungsphase.
In ganz Europa wurden auf dem Land und zur See alte Handelswege ausgebaut
und neue eröffnet.
Im Süden war das Mittelmeer ein Zentrum lebhaften Handels zwischen
dem Osten und dem Westen, im Norden hatte die Ostsee die gleiche Rolle.
Im Süden war Norditalien das Zentrum der Entwicklung, im Norden war
das die Region, die heute aus dem nordöstlichen Teil Frankreichs,
den Beneluxländern und Nordwestdeutschland - unter anderem dem wichtigen
Rheinland - besteht. Im Laufe der Zeit kamen sich diese beiden Regionen
über die großen Wasserwege aber auch über andere Fernhandelswege
immer näher.
Im 12. Jahrhundert wurde der Warenaustausch immer lebhafter. Aus dem Süden
kamen begehrte Produkte wie Kräuter, Seide, Teppiche, Parfüme,
Edelmetalle und eine große Anzahl an schönen Handwerksprodukten.
Aus dem Norden kamen Waren anderer Art: Holz, Getreide, Salz, Pelze, Leder,
Wachs, Trockenfisch, Eisen und Kupfer.
Deutsche
Expansion
In Flandern,
einer Landschaft an der Nordseeküste um den Fluß Schelde, begann
eine umfassende Produktion von Stoffen aus Wolle. Dies hatte zur Folge,
daß die Nachfrage nach Wolle stieg, und daß große Zentren
der Wollherstellung in den Städten Ypres, Gent und Brügge entstanden.
Im 12. Jahrhundert begann zudem eine starke deutsche Expansion nach Osten
in die slawischen Gebiete südlich der Ostsee. Um die Mitte des Jahrhunderts
wurde Lübeck gegründet, das der deutsche Hafen zur Ostsee werden
sollte. Die Stadt entwickelte sich schnell zur bevölkerungsreichsten
Stadt in ganz Nordeuropa. Die vielen Kaufleute der Stadt betrieben Handel
mit Skandinavien, Rußland, dem Baltikum, England, Frankreich und
Flandern.
Irgendwann im 12. Jahrhundert begannen die Deutschen, sich auch in Visby
niederzulassen. 1201 gründeten sie Riga und kurz danach kontrollierten
sie auch Reval (Tallinn), Dorpat (Tartu) und Narva. An der südlichen
Ostseeküste entstanden Städte wie Rostock, Wismar, Stralsund,
Stettin (Szczecin), Danzig (Gdansk) und Königsberg (Kaliningrad).
Die deutschen Kaufleute begannen schon früh zusammenzuarbeiten, was
sie besonders im 12. Jahrhundert intensivierten. Um die Mitte des 12.
Jahrhunderts gründeten sie einen Handelshof in Nowgorod - den Peterhof.
Etwa zur gleichen Zeit bekamen deutsche Kaufleute in London das Recht,
eine "Hansa" zu gründen. Damit war das Ende der guten Zeiten
für die gotländischen Kaufleute eingeläutet. Lübeck,
Wismar und Rostock schlossen sich allmählich zu einem Städtebund
zusammen, der sich im 13. Jahrhundert weiter entwickelte und zuletzt etwa
70 Städte in Nordeuropa umfaßte, unter anderem auch Visby.
Dieser Verbund spielte in seiner Blütezeit die entscheidende Rolle
im nordeuropäischen Handel.
Gotland im
Zentrum
Gotland lag
praktisch im Mittelpunkt dieses expandierenden Handelsgebietes, eines
Gebietes, in dessen Peripherie viele interessante Produkte hergestellt
wurden. Und das war nun wirklich nichts Neues für die Gotländer.
Seit Jahrhunderten waren sie im Ostseehandel etabliert, zum Teil dominierten
sie ihn sogar. Und es waren die gotländischen Kaufleute, auf die
die Deutschen blickten, als sie die Ostseeküste erreichten. Gotländische
Fernhändler profitierten schon vom Aufschwung des Handels im 11.
Jahrhundert. Die deutschen Händler lernten nun von ihnen, und mit
der Zeit sollten sie die Gotländer sogar überflügeln.
Noch im frühen Mittelalter konnte sich Gotland mit Nahrungsmitteln
mehr oder weniger selbst versorgen. Wahrscheinlich konnte sogar ein Teil
exportiert werden. Der Überschuß wurde von den Bauern selbst,
professionellen Händlern oder an durchreisende Kaufleute verkauft,
immer mit gutem Gewinn.
Getreide, Butter, Wolle, Leder, Häute von Schafen, Ziegen, Kühen
und Seehunden, Fries und Handschuhe waren wichtige Erzeugnisse aus der
Landwirtschaft. Auf ihren Höfen produzierten die Bauern auch Teer
und Kalk, sie brachen Kalkstein und schlugen Holz. An manchen Orten stellten
geschickte Schmiede Roheisen und gute Waffen aus importierten Erzen her.
Ein ansehnliches und wichtiges Exportgut waren Taufsteine, die halbfertig
oder komplett behauen mit dem Schiff zu Kirchen auf dem schwedischen Festland,
in Dänemark, Norwegen, Finnland, Deutschland und Polen gebracht wurden.
Auch wenn dieser Handel mit Erzeugnissen der eigenen Höfe eine gewisse
Grundlage des gotländischen Handels bildete, war doch der Transithandel
am wichtigsten. Beim Transithandel werden Waren von einem Gebiet über
ein Transitland - in diesem Fall Gotland - in ein drittes gebracht. Mit
Sicherheit haben gotländische Kaufleute die wichtigste Rolle in dieser
Zusammenarbeit gespielt.
Natürlich zog es auch schwedische, baltische, dänische und allmählich
auch deutsche Kaufleute auf die Insel. An der gotländischen Küste,
die sie laut Gutalagen bis zu acht Klafter landeinwärts betreten
durften, konnten fremde Kaufleute sich verproviantieren und frei mit anderen
Kaufleuten handeln.
Eine große Anzahl Waren wurde über die Ostsee transportiert.
Einige der wichtigeren Handelswege verliefen über Gotland und Visby,
einer war die Route Nowgorod - Reval - Visby - Lübeck, ein anderer
die Route Riga - Visby - Lübeck. Die erste Route bestand noch lange
in der Ostseeschiffahrt. Noch im frühen 20. Jahrhundert war es üblich,
daß Schiffe, die zum Beispiel vom finnischen Meerbusen aus nach
Deutschland, Dänemark oder England wollten, über Gotland segelten.
Die andere Route überlebte nicht einmal das Mittelalter. Aus Rußland,
Finnland und den nördlichen Teilen Schwedens kamen Pelze und Häute
von Mardern, Hermelinen, Luchsen, Vielfraßen, Iltissen, Ottern,
Bibern, Bären, Wölfen, Füchsen, Eichhörnchen, Hirschen,
Rehen, Hasen, Rentieren, Schafen und Seehunden. Die besseren Pelze wurden
zu Besätzen und Innenfuttern für Mäntel und Winterkleider
verarbeitet. Besonders wurden die schönen, grauen Winterhäute
von Eichhörnchen geschätzt. Aus den gleichen Gebieten kamen
neben Pelzen auch Häute von Ochsen, Pferden, Kälbern und Ziegen.
Rußland und das Baltikum lieferten Wachs und Honig. Auf dem Kontinent
verwendete man Bienenwachs zum Gießen von Bronze, für Siegel
und Wachstafeln und natürlich vor allem für Kerzen. In den christlichen
Ländern im Westen wurden bei Gottesdiensten und religiösen Feiern
große Mengen an Kerzen verbraucht. Honig war das einzige damals
bekannte Mittel zum Süßen von Speisen.
Aus gewissen Teilen des Baltikums, Norddeutschland, Dänemark und
Schweden kamen landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Mehl, Malz,
Fleisch, Wolle, Häute, Speck, Butter, Fisch, Pech und Teer. Für
Schweden war Eisen eine wichtige Exportware.
Vom Kontinent brachten Händler Salz, Kleider, Glas, Keramik, Waffen,
Scheren, Nadeln, Werkzeuge, Lampen, Schalen, Bier, Wein und Gewürze
wie Pfeffer, Safran, Zimt und Kardamohn in den Ostseeraum.
In den Packhäusern in Visby und hier und dort auf dem Land lagerten
die gotländischen Kaufleute alle diese Waren für den späteren
Weitertransport. Sie verhandelten, schlossen Verträge und sammelten
Reichtümer in ihren Schatzkisten an.
Bevor die Händler aus Visby, vor allem die dort wohnenden Deutschen,
das Ruder übernahmen, lag der größte Teil dieses Handels
in den Händen der gotländischen Kaufleute. Das war seit der
Wikingerzeit so, und die Anfänge dafür sind auf den Pelzmärkten
von Nowgorod und Sigtuna zu suchen. Es ist unklar, wie der Handel organisiert
war. Segelte jeder Händler auf eigene Faust oder schlossen sich mehrere
zu einem "Unternehmen" zusammen, in dem ihre Anteile hatten?
Stand die ganze Insel hinter zentral organisierten Handelsfahrten? Oder
waren es die Tredingar oder die Things?
Wie war das Verhältnis zwischen Händler, Schiffseigner, Schiffer
und Besatzung? Waren die ersten drei ein und dieselbe Person oder waren
diese Funktionen auf drei Personen aufgeteilt? Wie verteilten sie den
Gewinn, wurde investiert oder gespart? Wer waren die Gewinner und wer
die Verlierer in den Handelsabkommen, die die Gotländer mit fremden
Herrschern schlossen? Gab es vielleicht nur Gewinner? Und wie lange konnten
sich die Gotländer in diesem Fall als solche fühlen?
Die meisten Fragen harren noch einer Antwort, nur die letzte kann beantwortet
werden. Mit einer Antwort, die definitiv zum Nachteil der Gotländer
war.
Der Vertrag
von Artlenburg (Das Artlenburgprivileg)
Auf dem Höhepunkt
ihrer Macht schlossen die gotländischen Händler ausgeglichene
Vereinbarungen über den Handel mit Völkern und Herrschern im
ganzen Ostseeraum, in Rußland und sogar in England. Nowgorod war
einer ihrer wichtigsten Handelsplätze und aller Wahrscheinlichkeit
nach übten die Gotländer zeitweilig die Kontrolle über
allen Handel in der russischen Stadt aus. Dort gründeten sie im 12.
Jahrhundert ein eigenes Handelskontor, das sie Gotenhof nannten. Mehr
als zweihundert Jahre lang spielte der Gotenhof eine wichtige Rolle im
gotländisch-russischen Handel, der aber allmählich von den Deutschen
übernommen wurde. Ein weiterer Schritt in der handelspolitischen
Entwicklung im Ostseeraum war, daß der gotländische Nowgorodhandel
gleichzeitig mit dem Erstarken der Deutschen vollkommen zum Erliegen kam.
In Sachsen, einem Teil des heutigen Deutschlands, hatten die Gotländer
schon sehr früh das Recht, Handel zu treiben, unter anderem in der
Stadt Bardowik. Dort trafen Waren aus dem Ostseeraum auf Waren aus Deutschland,
vor allem Salz. Im Vertrag von Artlenburg aus dem Jahre 1161 gab der sächsische
Herzog Heinrich der Löwe den Gotländern, die er offensichtlich
als bedeutsame Handelspartner betrachtete, große Handelsprivilegien
in seinem Herrschaftsgebiet. Seine wichtigste Absicht dahinter war es,
den Handel in einer neuen Stadt am Ufer der Trave, in Lübeck, zu
konzentrieren.
Die Übereinkunft von Artlenburg gewährte deutschen Händlern
die gleichen Privilegien auf Gotland und für den über Gotland
laufenden Handel. Allmählich entschlossen sich auch einige von ihnen,
sich in einer nun heranwachsenden Stadt niederzulassen, in Visby. Damit
war der erste Schritt zum Niedergang des gotländischen Fernhandels
getan. Nach und nach etablierten sich die Deutschen auf den alten gotländischen
Märkten: in Rußland, Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen
und England. Anfangs herrschte eine Art Handelsgemeinschaft zwischen der
frei zugänglichen Küste Gotlands, Visby, den Deutschen und Teilen
des Baltikums. Mit ihrer immer besseren Organisation, ihrer Kapitalkraft
und neuen Schiffstypen vergrößerten die Deutschen ihren Anteil
am Handel zusehends, während die Anderen immer unbedeutender wurden.
Durch einen Bürgerkrieg auf Gotland im Jahre 1288 wurde der gemeinsame
Handel endgültig beendet. Der Handel konzentrierte sich immer mehr
auf Visby, wo die Kaufleute vom Land nur noch als Lieferanten von Lebensmitteln
geduldet wurden. Nach einigen tapferen Versuchen, sich auf den Märkten
in Holstein und Norwegen zu behaupten, wurden sie auch dort ausgeschlossen.
Im Laufe des 14. Jahrhunderts verschwanden die gotländischen Fernhändler
ganz.
"Mauern
von großen Häusern"
Viele der
gotländischen Fernhändler investierten einen Teil ihres überschüssigen
Geldes in Steinhäuser. Etwa 175 Steinhäuser auf dem Land sind
bekannt, aber nur wenige sind in einigermaßen originaler Form stehengeblieben,
von einigen sind nur Ruinen übriggeblieben. Mehrere wurden bei archäologischen
Untersuchungen gefunden oder sind nur durch schriftliche Quellen bekannt.
Vielleicht waren Mitte des 18. Jahrhunderts, als Carl Linnaeus (später
geadelt als von Linné) seine gotländische Reise unternahm,
noch viele mittelalterliche Steinhäuser bewahrt. Dies schreibt er
in seinem Reisebericht:
"Wohin wir auch fuhren, sahen wir bei Bauernhöfen, auf dem Lande
und in der Nähe von Kirchen, Mauerreste von großen Häusern,
von gewölbten Räumen, meistens mit schmalen Treppen und Gängen
in der eigentlichen Mauer, oft drei Stockwerke hoch. Einige sagten, daß
diese früher einmal Festungen gewesen seien, einige, daß es
Residenzen für die ersten Theologen gewesen seien, einige, daß
es Residenzen für die Leiter des Kirchspiels in der dänischen
Zeit gewesen seien."
Sicherlich
hat dieser erfahrene Beobachter auch das ein oder andere Kastal oder die
Ruinen eines Pfarrhofes gesehen. Aber darüber hinaus muß es
auch andere Gebäude gegeben haben, höchstwahrscheinlich unzählige
Häuser von Fernhändlern.
Steinhäuser
- vor allem zum Schutz aber auch zum Angeben
Der Bau von
Steinhäusern begann im ländlichen Gotland schon im 12. Jahrhundert.
Zu diesem Zeitpunkt waren die wirtschaftlichen Möglichkeiten dafür
vorhanden, die Kunst, Häuser aus Stein zu bauen kam auf die Insel
und die Gotländer hatten gelernt, Kalk zu brennen und Gewölbe
zu bauen. Problem mit Baumaterial gab es nie, da es auf jedem Hof leicht
zugänglich war.
Genau wie in der Wikingerzeit gab es auf den gotländischen Höfen
Häuser verschiedenster Art. Lager - Vorratshäuser und Packhäuser
- bauten die Fernhändler oft aus Stein. Dafür gab es mehrere
Gründe. Innerhalb der mächtigen Mauern waren ihre Waren sicher
vor Feuer, Dieben und eventuellen Feinden. In den Steinhäusern konnten
sie mit ihren Familien in unruhigen Zeiten Schutz suchen und dort konnten
sie sich mit wichtigen Geschäftspartnern treffen. Natürlich
wollten die gotländischen Händler mit ihren Steinhäusern
auch angeben und beeindrucken.
Die gotländischen Fernhändler bauten ihre Packhäuser mit
zwei Stockwerken. Ganz oben befand sich ein Dachboden. Jedes Stockwerk
hatte zwei Räume, die normalerweise nicht miteinander verbunden waren.
An der Vorderseite führte eine Holztreppe zu einer Galerie, von der
aus man beide Räume mittels Türen erreichen konnte. Ein solches
Haus ist bei Lauks im Kirchspiel Lokrume bewahrt. Die Ruinen eines weiteren
Hauses dieser Art stehen bei Bringes im Kirchspiel Norrlanda. Dieses Haus
ist sehr stabil gebaut und gleicht einer Festung.
Die Wohnhäuser der Fernhändler waren deutlich einfacher. Sie
bestanden aus einem Wohnraum - der Stube - und einem Vorraum mit einem
Eingang an der Schmalseite des Hauses. Eine Seite des schlauchförmigen
Vorraumes wurde oft als eine besonderer Lagerraum abgeteilt. In der Stube
gab es in einer Ecke eine große Feuerstelle mit Herd und Ofen. Die
Wohnhäuser wurden aus Holz oder Stein gebaut.
Vatlings
und Stora Hästnäs
Die Fernhändler,
die ihre Geschäfte geschickt führten, wurden reich und anspruchsvoller.
Sie vergrößerten die Stube und setzten darauf einen weiteren
Raum und einen Dachboden. Der Dachboden wurde als Lagerraum verwendet
und war über eine Öffnung im Giebel des Hauses zugänglich.
Über der viereckigen Fensteröffnung wurde oft ein Flaschenzug
eingemauert.
Auf Grund seiner Lage wurde der zusätzliche Raum Hochstube genannt.
Besucher konnten über eine Treppe im Inneren oder über Holztreppen
und Galerien in die Hochstube gelangen. Oft wohnten der Händler und
seine Familie in der Hochstube, die sie dann mit einem außen hängendem
Abort versahen. Bei Vatlings im Kirchspiel Fole ist der obere Teil eines
solchen Hauses bewahrt. Von der Stube sind nur die Grundmauern stehengeblieben.
Um noch mehr Platz zu bekommen, wurden die Häuser manchmal mit einem
zusätzlichen Wohnraum versehen, der rechtwinklig an die Stube angebaut
wurde. So entstand ein Raum, der frei von der Geschäftigkeit des
Alltags war. Unter anderem waren es viele Priester, die dies wollten.
Die Ruinen des Pfarrhofes bei der Kirche von Linde bieten ein Beispiel
für solche Gebäude.
Das stattliche Steinhaus bei Stora Hästnäs außerhalb von
Visby hatte einen hohen Mittelteil mit Treppengiebeln. Im Norden gab es
eine Alltagsstube mit Feuerstelle und im Süden wahrscheinlich einen
Keller mit einer darüberliegenden Kellerstube. Nur der obere Teil
des Hauses ist bewahrt. Das Gebäude, das irgendwann im 14. Jahrhundert
gebaut wurde, weist deutliche Einflüsse der nahegelegenen städtischen
Architektur auf. Hier treffen sich die Baustile und Traditionen der Stadt
und des Landes.
Kattlunds
Bei Kattlunds im Kirchspiel Grötlingbo steht das einzige Beispiel
für einen mittelalterlichen Hof, von dem sowohl Teile des steinernen
Wohnhauses als auch der ebenfalls aus Stein gebauten Wirtschaftsgebäude
erhalten sind. Das heutige Wohnhaus wurde oft um- und ausgebaut, aber
der oberste Teil ist aus dem Mittelalter. Das Gebäude hatte damals
gewölbte Fenster- und Türöffnungen, vielleicht auch Treppengiebel.
Auch der am Weg liegende Stall wurde erst später gebaut, aber ein
großer Teil ist aus dem Mittelalter und mit gewölbten Toren
und Luken versehen.
Der alte
Mann und seine Kirche
Die Kirche
der Bauern
Mit einem
Stock aus Haselnuß als Stütze stand der alte Mann da, etwas
grau und gebeugt, aber sichtlich sehr zufrieden. Vor ihm lag die neue
Kirche des Kirchspiels. Na ja, wirklich neu war sie natürlich nicht,
an und für sich stand sie dort schon seit zweihundert Jahren. Aber
im Laufe der Jahre hatte sie sich verändert. Sie war aus- und umgebaut
worden und glich nun fast einem der schönen Kirchengebäude,
die er auf seinen Reisen auf dem Kontinent gesehen hatte.
Er war zufrieden mit dem, was er sah. Aber er dachte gleichzeitig an die
Opfer, die er und die übrigen Mitglieder des Kirchspiels erbracht
hatten. Der Umbau war auf seine Initiative hin begonnen worden, aber alle
elf Hofbesitzer des Kirchspiels hatten mit Material und Arbeit beigetragen.
Mit langen Stangen, Vorschlaghämmern und Meißeln hatten sie
Steine im Steinbruch auf seinem Land gebrochen, bei den Nachbarn hatten
sie Bauholz geschlagen. Alle hatten bei den Transporten mitgeholfen und
Geld gegeben, um die Arbeitskräfte zu bezahlen, die sie für
den Bau der Kirche angeheuert hatten und für die Künstler, die
sie ausgeschmückt hatten. All das war nicht an einem Tag geschehen,
fast ein halbes Jahrhundert hatte es gedauert, oder genauso lange, wie
er in der Landwirtschaft gearbeitet hatte.
Ohne sie zu vermissen, erinnerte er sich an die Kirche und wie sie ausgesehen
hatte als seine Generation die Höfe übernommen hatte: ein kleines
unansehnliches Gebäude aus Stein mit einem Langschiff, einem Chor
und einer Apsis. Die kleinen, runden Fenster hatten fast gar kein Licht
herein gelassen und die südlichen Portale waren nur einigen einfachen
Säulen geschmückt.
Fast 50 Jahre lang hatten sie nun sie an der neuen Kirche gebaut. Sie
sollte heller, luftiger, farbenprächtiger und größer werden,
zur Freude und Zufriedenheit Gottes und der Gemeinde. Mit dem Chor hatten
sie angefangen, indem sie ihn einfach über den alten Chor und dessen
Apsis bauten. So konnte der Altar stehen bleiben und die Gottesdienste
konnten wie gewohnt gefeiert werden. Der neue Chor wurde höher und
größer und er wurde an der östlichen Seite mit einem geraden
Giebel abgeschlossen, der mit einem hohen, spitzen Fenster geschmückt
wurde. Als der Bau des Chores angeschlossen war, sah die Kirche mit dem
niedrigen Langschiff zwischen dem Turm und dem hohen Chor etwas merkwürdig
aus.
Einige Jahre nach der Fertigstellung der Ostseite der Kirche ließen
die Bewohner des Kirchspiels ein neues Langschiff errichten. Es wurde
sehr breit. Weil die Mauern sich leicht nach innen neigen, um dem Druck
des Dachs zu widerstehen, brauchte das Langschiff keine Stützpfeiler,
sondern der Baumeister konnte ein einziges Gewölbe über den
Hauptraum der Kirche spannen. An der Südseite wurde das Langschiff
mit einem hohen, spitzen Fenster und einem prächtigen Eingang versehen.
Der Eingang wurde auf beiden Seiten mit Säulen versehen, die oben
von einem Kapitellband abgeschlossen wurden, auf dem Figuren und Szenen
aus dem Leben Jesu zu sehen waren.
Von dort, wo er stand, schien es dem alten Mann, als wachse der Eingang
wie eine einzige große Skulptur aus der Wand der Kirche. Ihm fiel
auf, wie geschickt die Bildhauer die Gesichtszüge der Figuren, ihr
Haar und die Falten in ihren Kleidern gemeißelt hatten. Natürlich
hatten die Kleider das gleiche Aussehen und den gleichen Schnitt, wie
die Kleider, die er selbst trug. Über der Tür ragte ein spitzer
Schmuckgiebel auf, den die Gelehrten "Vimperg" nannten. Seine
Spitze ragte fast bis an das Dach des Langhauses. Auch der Chor und die
Nordseite des Langschiffes bekamen ähnliche Portale mit hübschen
Skulpturen.
Nachdem die Steinmetze ihre Arbeit draußen beendet hatten, hatte
ein geschickter Künstler die Details der Skulpturen mit Rot, Blau,
Grün und anderen klaren Farben bemalt. Nun leuchtete das Portal den
Besuchern der Kirche förmlich entgegen und der alte Mann fragte sich,
ob dies nicht der Eingang ins Paradies sei. Die Bewohner des Kirchspiels
hatten die Steinmetze ein Bild des Schutzheiligen ihrer Kirche, Sankt
Dionysius, in die Wand beim Eingang an der Südseite meißeln
lassen. Die gotländischen Bauern waren mit der Geschichte dieses
Heiligen sehr vertraut. Sie wußten, daß Dionysius ein französischer
Bischof gewesen war, der seinen Märtyrertod durch Enthauptung erlitt,
aber der danach mit seinem Kopf unter dem Arm und von Engeln umgeben noch
mehrere Dutzend Kilometer bis zu dem Platz lief, an dem er begraben wurde...
Was es für wunderliche Geschichten gibt!
Die Bauarbeiter
bei der Arbeit
Auf dem Hof
der Kirche stehend konnte sich der alte Mann gut daran erinnern, wie die
Baustelle ausgesehen hatte, als die Bauarbeiter gearbeitet hatten: die
geschickten Steinmetze, die die Steinblöcke für die Außenwände
und Gewölbe behauen hatten und die Bildhauer, die die Bilder der
Kapitelle gemeißelt und die Säulen errichtet hatten. Er konnte
sich an dem Klang ihrer Hämmer und Meißel genauso gut wie an
die Schläge der Zimmerleute erinnern, die mit ihren Äxten die
harzigen gotländischen Kiefern bearbeiteten. Er dachte an die Erbauer
der Gewölbe, die mit Hilfe großer Holzkonstruktionen fachkundig
Stein auf Stein legten und so das mächtige Gewölbe schufen.
Natürlich herrschte zeitweise ein großes Durcheinander, da
die Außenwände der Kirche von Holzgerüsten bedeckt waren
und sich in der Kirche ein Wirrwarr von anderen Gerüsten befand.
Viele Male hatte er zugesehen und das einfache aber geniale Prinzip bewundert,
mit dem anscheinend jeder noch so schwere Steinblock hochgehoben werden
konnte. Die Baustelle war erfüllt mit Leben und Bewegung und sobald
sie Zeit hatten, halfen er und seine Nachbarn beim Bau der Kirche mit.
Der alte Mann wurde eine Zeitlang recht nachdenklich. Als er den Turm
betrachtete, erinnerte er sich daran, wie die Kirche in einem benachbarten
Kirchspiel vor kurzem einen neuen stattlichen Turm bekommen hatte. Und
daran, wie die Bewohner seines Kirchspiels da zueinander sagten: "Dahinter
wollen wir doch nicht zurückstehen!" Bald sollten sie also einen
neuen Baumeister, einen Turmbauer, anheuern, der ihnen einen noch größeren
Turm bauen sollte. Bis jetzt war es noch nicht so weit gekommen, aber
bald sollte es soweit sein!
Mit langsamen Schritten ging der Alte zu der weiß gekalkten Kirche
und ihrem schimmernden Portal. Seine Sicht wurde durch keine Bäume
beeinträchtigt und so wuchs das Kirchengebäude scheinbar direkt
aus dem Rasen. Er öffnete vorsichtig die starke Holztür mit
ihren kräftigen Beschlägen aus Eisen und betrat die Kirche.
Ein farbenprächtiges
Dunkel
Als er das
Langschiff betrat, steigerte sich seine Zufriedenheit - sofern das möglich
war - noch mehr. Direkt hinter der Tür stand das Taufbecken aus rotem
Kalkstein mit dem mit Ornamenten verzierten Holzdeckel. Darin waren er
selbst, seine Kinder und seine Enkel getauft wurden, das jüngste
Enkelkind erst vor gut einem Jahr. All die Jahre lang war die Zeremonie
gleich geblieben. Mittlerweile kannte er sie ziemlich gut.
Bevor die Taufgesellschaft in die Kirche gehen durfte, hatte der Priester
Gebete für das Kind gesprochen, um böse Geister zu vertreiben.
Danach hatte er ein Kreuz über dem Kind geschlagen und ihm etwas
heiliges Salz auf die Lippen gestreut. Erst danach konnte das Kind in
die Kirche getragen werden, wo es sich durch seine Paten vom Teufel lossagte.
Das Kind wurde mit Öl gesalbt und ins Taufbecken gesetzt. Der Priester
zeichnete ihm ein Kreuz auf die Stirn und überreichte das weiße
Taufkleid zusammen mit einer Kerze - nun war das erste Sakrament der katholischen
Kirche vollendet.
Als sich der Alte nun das Langschiff mit dem Boden aus gleichmäßigen
Kalksteinplatten genau ansah, fiel ihm sofort die Weite und Luftigkeit
des Raumes auf. Das Langschiff wurde durch ein Gitter - eine Kreuzranke
- vom Chor getrennt. Eine Weile stand er wie verzaubert ob dem Spiel der
Farben, die den ganzen Raum durchleuchteten. Das helle Sonnenlicht außerhalb
der Kirche schuf einen starken Gegensatz zum Halbdunkel im Inneren. Das
Licht kam durch die Fenster in der südlichen Wand, die alle mit Farben
bemalt waren, die viel intensiver leuchteten, als er es sich vorgestellt
hatte, als er sie bestellte.
Die Farben des bemalten Fensters verstärkten die Malereien auf den
Wänden und dem Gewölbe. Wenn der Alte nun an einer Messe teilnahm,
konnte er gleichzeitig Szenen aus Jesu Leben und dem einiger Heiliger,
die auf den Wänden zu sehen waren, betrachten. Vor gar nicht allzu
langer Zeit hatten die Maler hoch unterm Dach auf ihren Gerüsten
gelegen und mit geschickten und vorsichtigen Händen das Gewölbe
mit zierlichen Mustern und mächtigen Drachen, die die Menschen an
die Qualen der Hölle erinnern sollten, geschmückt. Voller Freude
dachte er an den vergangenen Monat zurück, als der Bischof von Linköping,
zu dessen Stift Gotland gehörte, mit seinem prächtigen Gefolge
von zwölf Mann die Kirche geweiht hatte und dabei mit geweihtem Öl
die Weihkreuze auf die Wände gestrichen hatte.
Langsam ging er bis zum Chor. In dem gewölbten, stattlichen Triumphbogen
hing ein Kruzifix mit dem gekreuzigten Jesus. Die Bewohner des Kirchspiels
hatten nach langen Diskussionen das Kruzifix auf Anraten eines Arbeiters
aus Deutschland importiert. Auf dem nördlichen Seitenaltar sah er
eine Statue der Jungfrau Maria. Ihr Kleid war mit schönen Farben
bemalt.
Durch das Gitter der Kreuzranken sah der Alte in den Chor. Er konnte den
gemauerten Altar mit Reliquienschrein und Steinscheibe sehen. Auf dem
Altar war der Altarschrank zu sehen. Links davon war die schöne Chorbank,
auf der der Priester saß und auf der vor gar nicht langer Zeit der
Bischof selbst gesessen hatte.
Zufrieden drehte er sich um. Er und seine Nachbarn auf fast ein Dutzend
Höfen des Kirchspiels konnten stolz auf das von ihnen Erreichte sein.
Sie hatten alles mit eigener Arbeit, Material oder Geld bezahlt. Es war
nur unter großen Opfern möglich gewesen, aber die Kirche mit
ihren Kunstschätzen war ihre eigene. Hoffentlich sollte sie auch
noch viele hundert Jahre lang zur Freude und zum Trost späterer Generationen
bestehen. Aber natürlich wollten alle im Kirchspiel auch einen größeren
Turm!
Lang Jaku,
Gra gasi und Lokrume båddu
Heute gibt
es auf Gotland 91 Kirchspiele. Die Kirchspiele haben seit mehr als tausend
Jahren große Bedeutung für die Bewohner der Insel. Das heimatliche
Kirchspiel bedeutete und bedeutet immer noch Zusammenhalt und Einigkeit.
In den Kirchspielen sind die Wurzeln der Gotländer zu finden.
Keine gleicht
der anderen
Fast alle
gotländischen Kirchspiele haben noch ihre mittelalterliche Kirche.
Und keine von ihnen ist nach dem 14. Jahrhundert erbaut worden. Die Kirchen
von Fårö und Eksta wurden im 18. und 19. Jahrhundert umfassend
umgebaut, aber es sind noch große Teile der mittelalterlichen Kirche
vorhanden.
Nur wenige gotländische Kirchen können als einheitliche Bauwerke
bezeichnet werden. Die meisten wurden nicht auf einmal, sondern in Etappen
gebaut. Kaum eine von ihnen kann dem Besucher das volle Erlebnis von architektonischer
Perfektion, künstlerischer Verschönerung und einheitlicher Einrichtung
bieten.
Geschmack und Stil veränderten sich während der Umbauten, denn
die Bauvorhaben waren umfangreich und langwierig. Zur Zeit der intensivsten
Umbautätigkeit wurde auf Gotland gleichzeitig an vier oder fünf
Kirchen gebaut. Die ganze Insel muß voll von Aktivität, künstlerischem
Vorwärtsstreben und religiösen Enthusiasmus gewesen sein. Die
Insel ist hierin nahezu einzigartig: nur wenige Gebiete auf der Welt können
auf einer solch kleinen Fläche fast hundert gut bewahrte Kirchen
aus dem Mittelalter vorweisen!
Bei vielen Kirchen fallen die mächtigen, gen Himmel strebenden Türme
auf, so in Dalhem, Stenkyrka, Rones, "Lang Jaku" und die Spitze
auf "Gra gasi" in Öja. Andere haben wenig beeindruckende
Türme, wie in Fole, Gerum, Hablingbo, Vamlingbo und vielleicht auch
"Lokrume båddu". Aber statt dessen haben diese Kirchen
immer auch etwas Besonderes, zum Beispiel Wandmalereien oder ein Triumphkruzifix!
Einzigartige Steinskulpturen findet man an der Südseite der Kirche
von Stånga, die von großen architektonischen Träumen
zeugen, und an den Portalen der Kirchen von Martebo und Gammelgarn. Dekorative
Kalkmalereien findet man in Vamlingbo, Bunge, Eskelhem und Gothem, farbige
Glasmalereien in Lojsta, Lye und Hejde. In Barlingbo steht eins der bekanntesten
Taufbecken der Insel, das eins der sonderbarsten romanischen Kunstwerke
in Schweden ist, in Burs gibt es ein einzigartiges Chorgestühl aus
Kalkstein mit Resten der ursprünglichen Farben. Im stimmungsvollen
Dunkel der Kirche von Öja hängt ein Triumphkruzifix aus dem
13. Jahrhundert, das in seiner Art einzigartig in Skandinavien ist.
Und wer läßt sich nicht von folgenden, sonderbaren, spannenden
und schönen Details fesseln? Als Verstärkung liegt quer durch
die ganze Kirche von Bro ein vollständiger Baum mit Wurzeln und Stamm
und die Kirche von Bunge ist von einer Mauer mit Schießscharten
umgeben, zudem kann man in der Wand der Kirche Löcher von Armbrustbolzen
und Piken sehen. Der prächtige Innenraum der Kirche von Lau hat eine
beispiellose Akustik, mit einem Nachklang von zwölf Sekunden.
In Othem schmückt die "schöne Madonna" die nördliche
Seite des Triumphbogens und in der Kirche von Anga können Experten
wichtige Informationen über den Bau der Kirche aus den dortigen Runeninschriften
herauslesen. In Akebäck wundert sich ein Besucher bestimmt über
das Können der mittelalterlichen Baumeister, die dort im Dach des
Chores Vertiefungen aus Lehm einbauten, um Geräusche und Laute zu
verstärken. Dieser Effekt war den Kirchenbauern des 13. Jahrhunderts
bereits bekannt. Und wer vergäße die wunderschönen Malereien
im byzantinischen Stil unter dem Turmbogen der Kirche von Garda, die stilistisch
einzigartig in Nordeuropa sind. Ganz zu schweigen von dem mit Schnitzereien
verzierten First, der auf dem Dachboden der Kirche aufbewahrt wird und
der zusammen mit dem alten Dachstuhl zu den ältesten Holzkonstruktionen
des Landes zählt.
Zusammen ergeben diese Details, die 91 Kirchen und alle anderen geistlichen
Kunstschätze aus dem Mittelalter ein Bild der emsigen Tätigkeit,
die auf Gotland im frühen Mittelalter herrschte. Und es waren die
Bauern des Kirchspiels, die die Kirchen bauen und mit Skulpturen und Malereien
ausschmücken ließen, oft mit Hilfe ausländischer Handwerker
und Künstler.
Von einfachen
Holzhäusern zu prachtvollen Kathedralen
Alles hatte
schon im 11. Jahrhundert mit einfachen Gebäuden aus Holz angefangen,
die oft in Stabtechnik und mit stehenden Planken gebaut wurden. Im 12.
Jahrhundert hatten die Kirchenbauer gelernt, aus Stein zu bauen. Kalkstein
und Sandstein waren neue Baumaterialien und Hilfe war nötig, um damit
auf Gotland große Gebäude errichten zu können. Die Hilfe
kam in Form von sachkundigen Steinmetzen und Baumeistern aus dem Ausland,
vielleicht auch durch sachkundige Mitglieder eines Klosters. Im Laufe
der Zeit lernten auch mehrere Gotländer die verschiedenen Techniken.
Einige Kirchenbauer sind namentlich bekannt, wie zum Beispiel Lafrans
Botvidarson, andere sind anonym geblieben. Diese haben Namen bekommen,
die den Eigentümlichkeiten ihres Stils entsprechen: zum Beispiel
Egypticus, Elasticus und Ronensis.
Vermutlich war es normal, daß eine feste Gruppe von Bauarbeitern
den gesamten Bau einer Kirche übernahm. Dort waren alle benötigten
Spezialisten vorhanden: Baumeister, Steinmetze, Bildhauer, Maurer, Zimmerleute,
Schmiede, Maler und Kalkbrenner. Und für die Arbeiten, die keine
besondere Qualifikation erforderten, das Brechen von Steinen, das Schlagen
von Bauholz und der Transport des gesamten Baumaterials, waren wohl die
Bewohner des Kirchspiels zuständig.
Die ersten Steinkirchen wurden im romanischen Stil gebaut. Oft waren sie
einheitliche Gebäude mit ansprechenden Proportionen von Turm, Langhaus
und Chor. Der Chor wurde fast immer durch eine halbrunde Apsis abgeschlossen.
Die Fenster und Portale waren klein mit halbrunden Oberteilen. Die äußeren
Steinskulpturen durften nur selten hervorstechen und die Architektur überstrahlen.
Die Bildhaukunst blühte bei den großartigen Taufbecken auf.
Die Bildhauer werden als Majestates, Bysantinos, Calcarius und ähnlich
bezeichnet. Im Inneren der Kirche schmückten Kalkmaler Wände
und Gewölbe mit Malereien.
Im 13. Jahrhundert begannen die Gotländer damit, die romanischen
Kirchen zu klein und unansehnlich im Verhältnis zu ihren wirtschaftlichen
Ressourcen und den neuen Idealen in der Kunst, der Gotik, zu finden. Sie
begannen mit dem Bau eines neuen Chores, erweiterten danach das Langschiff
und schlossen den Umbau mit einem stattlichen Turm mit offenen Galerien
und Fenstern ab.
Die Fenster wurden höher und mit spitzbögigen Abschlüssen
und schönen Glasmalereien versehen. Die Portale wurden durch Säulen
und Kapitellbänder voll von Figuren und stilisierten Ornamenten prachtvoll
gestaltet. Das Innere der Kirchen wurde durch Malereien in klaren Farben,
Altargemälde, Monstranzen, hölzerne Heiligenbildnisse und Triumphkruzifixe
ausgeschmückt.
Längst nicht immer schafften es die Bewohner eines Kirchspiels, genug
Geld aufzutreiben, um die ganze Kirche im gotischen Stil umzubauen. Manchmal
wurde nur der Chor gebaut und die Kirchen haben dadurch heute ein fast
sattelförmiges Aussehen. Manchmal schaffte man auch noch den Umbau
des Langschiffs während der alte romanische Turm stehenblieb. In
Källunge deutet der riesige gotische Chor übermütige Ambitionen
an, die aber nie realisiert werden konnten und in Lau wurde der Turm nie
dem großartigen Langschiff und Chor angepaßt.
Was passierte
danach mit unseren Kirchen?
Heute ist
es viele Jahrhunderte her, daß die gotländischen Kirchen gebaut
wurden und natürlich sind die Spuren dieser Jahre deutlich zu sehen.
Nirgendwo ist die Einrichtung aus dem Mittelalter komplett bewahrt. Aber
dank späterer Restaurierungsarbeiten können wir an manchen Orten
einen ungefähren Eindruck davon bekommen, wie es eigentlich gewesen
ist.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden im Großen
und Ganzen alle kirchlichen Bauprojekte im ländlichen Gotland gestoppt.
Kriegerische Zeiten, nachlassende Konjunktur, steigende Steuern, die Abschaffung
der Leibeigenschaft, schlechte Ernten und Krankheiten trugen dazu bei,
daß die Handel treibenden Bauern Gotlands nicht mehr die wirtschaftlichen
Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer großen Ambitionen hatten.
Ihre Tätigkeit hörte aber nicht ganz auf. In dieser Zeit entstanden
einige Wandmalereien, zum größten Teil waren es umfangreiche
Suiten, die das Leben und Sterben Jesu darstellten - sogenannte Passionsserien,
manchmal waren es aber auch Malereien von höchster künstlerischer
Güte, wie zum Beispiel der Apostelfries in Othem.
Die Reformation, die von Dänemark aus auf Gotland eingeführt
wurde, hatte keinen unmittelbaren Einfluß auf die Kirchen der Insel.
Die mittelalterlichen Fenster und Kalkmalereien durften aber genau wie
die Kruzifixe und einige Heiligenbilder in den Kirchen bleiben.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden jedoch mehrere Veränderungen
an der Einrichtung der Kirchen vorgenommen. Diese Entwicklung führte
so allmählich zu den heutigen Kirchen. Im 17. Jahrhundert schmückten
viele Gemeinden ihre Kirchen mit barocken Altaraufsätzen aus Sandstein,
andere begannen, die alten Kalkmalereien zu "restaurieren" -
oft mit schlechten Ergebnissen. Im 18. Jahrhundert entstanden oft neue
Malereien in Form von Ranken und Schleifen.
Das 19. Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht schicksalhaft für die
Einrichtung der mittelalterlichen Kirchen auf Gotland. Damals wollten
die gotländischen Gemeinden größere, hellere und reinere
Kirchen schaffen. Sie setzten neue Fenster ein, entfernten die Glasmalereien,
übermalten die Kalkmalereien und entfernten die alten Holzstatuen,
die im besten Fall auf den Dachboden geworfen wurden. Im Turm richteten
viele Gemeinden einen Speicher für das ganze Kirchspiel ein, in dem
Saatgut für Notjahre eingelagert wurde. Da die Bevölkerung immer
größer wurde, wurden ungeschlachte Sitzreihen eingerichtet.
Als Krönung des Ganzen - und in bester Absicht - bauten viele Gemeinden
Kamine, um die Kirchen heizen zu können. Dies hatte die rasche Verrußung
der Einrichtung zur Folge.
Die Restaurierungsarbeiten, die heute in den gotländischen Kirchen
durchgeführt werden, haben als wichtigste Ziele, die Kirche als Raum
für den Gottesdienst zu erhalten und die kulturellen Werte des Gebäudes
zu bewahren.
Ora et labora!
Irgendwann
zwischen 1160 und 1165 verließ eine Schar von Mönchen und Handwerkern
das Zisterzienserkloster in Nydala in Småland. Die zwölf Mönche
wurden von einem zukünftigen Klostervorsteher, einem Abt, angeführt.
Unter den Ordensbrüdern gab es einige tüchtige Steinmetze, Zimmerleute,
Maurer und Bauern. Sie alle hatten eine große Aufgabe vor sich -
die Gründung eines Klosters auf Gotland.
Der Zisterzienserorden hatte vom gotländischen Althing die Erlaubnis
bekommen, sich mitten auf der Insel niederzulassen, in der Nähe des
Versammlungsplatzes des Althings in Roma. Eigentlich ging es gegen die
Prinzipien der Zisterzienser, sich in einem Zentralort mit bereits urbarem
Ackerland anzusiedeln. Am liebsten zogen sie in abgelegenere Gegenden,
wo sie neues Land urbar machen konnten. Denn das Urbarmachen und Kolonisieren
neuer Landstriche war eine der wichtigsten Aufgaben des Ordens. Ihr Motto
lautete: Ora et labora! (Bete und Arbeite!). In Roma gab es aber, soweit
sie das überblicken konnten, gute Möglichkeiten, Fischdämme
in den umliegenden Mooren anzulegen, vielleicht konnte man sie sogar teilweise
trockenlegen. Es ist auch möglich, daß sie auf öffentlichem
Grund und Boden neue Äcker anlegen durften. Vielleicht wurden sie
auch durch Gotlands Stellung im Ostseehandel angelockt. Eine andere Aufgabe
der Ordensbrüder war es, den Gotländern alles beizubringen,
was sie über die Kunst mit Stein zu bauen wußten.
Im Jahre 1164 legten die Mönche den Grundstein für das Kloster.
Im Laufe der Zeit wuchs die Anlage zu einem beeindruckenden Gebäudekomplex
heran. Der rechteckige Klosterhof, der sogar größer als der
in Nydala war, wurde am Ende von Schlafsälen, Speisesälen, Lesesälen,
Bibliotheken, Schreibstuben, Küchen und Waschräumen umgeben.
Außerhalb der geschlossenen Einheit des Klosters lag ein Klostergarten
mit Obstbäumen, Heilkräutern, Hopfen und anderen nützlichen
Gewächsen. Heute sind von der großartigen Klosteranlage nur
noch Teile des Langschiffes der Klosterkirche erhalten. Das Kloster sollte
400 Jahre lang eine gewisse Rolle für das Leben der Gotländer
spielen. Unter den Bewohnern des Klosters gab es Experten für Krankenpflege,
Landwirtschaft, Fisch- und Bienenzucht und viele Handwerker, vor allem
Tischler, Schmiede, Steinmetze, Maurer und Gewölbebauer. Sicher waren
auch diese Spezialisten bereit, ihr Wissen mit den Gotländern zu
teilen.
Nach und nach wuchsen auch die Besitztümer des Klosters. Durch Käufe,
Donationen, Vermächtnisse und Geschenke bekam es nicht nur Land auf
Gotland, sondern auch auf Öland und in Estland. Das Kloster hatte
eigene Handelsschiffe und zeitweilig sogar einen eigenen Handelshof in
Reval (Tallinn). Die Besitztümer auf Gotland waren nicht groß,
sondern eher kleine Landstücke, die in der Umgebung des Klosters
verteilt lagen. Die Ursache hierfür war wahrscheinlich das Erbrecht
aus Gutalagen, oder aber auch der Unwillen der Gotländer, sich einem
Feudalsystem irgendeiner Art unterzuordnen. Im Zuge der dänischen
Reformation wurden die Besitztümer des Klosters 1531 in Krongüter
umgewandelt. Es scheint aber, als existierte das Kloster noch einige Jahrzehnte
weiter. Um 1550 herum wurde der letzte Abt Priester der Nachbargemeinde
Björke.
Eine Stadt
entsteht
Schon in
der Steinzeit hatten sich Menschen in dem Gebiet niedergelassen, das heute
von der Innenstadt Visbys eingenommen wird. Dort, wo sie sich ansiedelten,
gab es wahrscheinlich nur wenige der typischen Merkmale einer steinzeitlichen
Siedlung: keine Flußmündung, keine Meeresbucht und keine naheliegenden
Binnenseen. Hier gab es nur einen etwa 200 Meter breiten Strandstreifen
zwischen den steilen Klippen im Osten und dem Meer im Westen. Der Strand
befand sich ungefähr auf Höhe der heutigen S:t Hansgata. Trotz
alledem war der Platz interessant für die Gotländer der Steinzeit.
Ein Teil der Erklärung ist wahrscheinlich, daß sie hier die
Klippen leicht überwinden konnten, daß es hier genügend
Frischwasser in den Quellen gab, die unter dem Berg entsprangen und vielleicht
auch, daß es gute Möglichkeiten für Fischfang und die
Jagd auf Seehunde gab.
Die fortschreitende Landhebung entblößte immer mehr Land und
der Strandstreifen unterhalb der Klippen wurde immer größer.
Vor etwa 1000 Jahren lag das Niveau des Meeres ungefähr auf Höhe
der heutigen Strandgata. Zwei deutliche Terrassen waren entstanden und
damit hatte die Natur etwas noch viel Wichtigeres geschaffen: einen guten
Hafen. Der Hafen war entstanden, als nun ein paar Inseln, die einer Meeresbucht
vorgelagert waren, eine flache aber doch schützende Barriere gegen
die westlichen Stürme bildete.
Irgendwann vor etwa 1000 Jahren begannen Bewohner der umliegenden Höfe,
eine kleine Siedlung an diesem Platz anzulegen, die den ältesten
Teil des heutigen Visbys darstellt. Sie steckten Grundstücke und
Straßen nach einem genauen System ab. Sie bauten Häuser, die
damals nur kleine Buden aus Holz ohne Feuerstellen waren, eine Art Sommerhaus
für die Aufbewahrung von Segeln, Takelage, Tauen und Netzen, aber
auch für Waren, die exportiert werden sollten.
Noch war es eine Siedlung, die nur in der Segelsaison benutzt wurde. Sie
war ein lokaler Marktplatz, hinter dem nach allem, was wir wissen, irgendeine
Organisation stand - vielleicht einige Höfe oder ein Thing.
Die Bedeutung des Ortes wuchs. Er wurde an den Küsten der Ostsee
bekannt und schon in der Wikingerzeit kamen die ersten Fremden hierher:
Schweden, Dänen, Finnen, Balten und Russen. Der Handel wuchs und
einige Gotländer begriffen, daß es möglich war, an diesem
Platz dauerhaft zu bauen und das ganze Jahr über hier zu leben. Es
dauerte auch nicht lange, bis die ersten Fremden einsahen, daß die
Lage in der Ostsee vortrefflich war und daß es hier auch für
sie eine Zukunft gab.
Eine Stadt
aus Stein
"Dort
erhob sich Visby, die stolzeste und schönste Stadt des Nordens, wie
auf Treppenstufen aus dem Meer. Auch der Meeresgrund senkte sich vor dem
Hafen in breiten Stufen ab, so daß das von der Sonne durchschienene
Wasser ganz oben nahezu weiß aussah, aber an den tieferen Stellen
war es smaragdgrün. Und dort, wo es am tiefsten wurde, rollten die
Wellen in strahlendem Blau. Die Giebelhäuser wetteiferten mit den
unzähligen Kirchen darum, immer höher hinauf zu reichen. Und
um die ganze, reiche Hansestadt herum kletterte die Stadtmauer mit ihren
Türmen, fast 4 Kilometer lang."
Wir dürfen
wohl glauben, daß es ein nahezu unglaublicher Anblick war, der sich
Verner von Heidenstams Webergesellen Peder Snugg bot, als er vor etwa
700 Jahren nach Visby kam. Auf seiner Wanderung hatte er viele Städte
in Schweden und in anderen Ländern gesehen. Das waren Städte,
in denen fast alle Häuser kleine Holzbuden mit Grasboden auf dem
Dach waren, es waren kleine und übelriechende Orte, die noch nicht
einmal zu einem schnellen Besuch einluden. Aber hier sah er schon von
weitem, daß alles anders war. Die Nachmittagssonne schien über
einer Stadt aus fast weißem Stein, deren strahlendes Weiß
durch die exponierte Lage auf dem Abhang zwischen den Klippen und dem
vielfarbigen Meer noch verstärkt wurde. Nein, so etwas hatte er noch
nie gesehen.
Der Hafen
- das Herz der Stadt
Das Herz
des mittelalterlichen Visbys war der Hafen. Die einfache Lagune der Wikingerzeit
hatte sich mit der Zeit in eine moderne Hafenanlage verwandelt. Es gab
immer noch zwei Einläufe, einen im Norden beim mächtigen Kruttorn
(Pulverturm) und einen im Süden. Genauso wie früher wurde der
Hafen von einer Reihe kleiner Inseln, die die Einwohner der Stadt nachträglich
mit Steinen verstärkt hatten, gegen die starken westlichen Winde
geschützt.
Entlang der Seemauer lief ein langer Kai, von dem aus kleinere Brücken
mit Kränen, Winden und Flaschenzügen in das Hafenbecken, das
heutige Almedalen, reichten. Die Brücken waren notwendig geworden,
als die Schiffe immer schwerer, breiter und tiefgehender geworden waren,
aber besonders nachdem die Deutschen einen neuen Typ eingeführt hatten
- die Kogge. Die Kogge konnte nicht wie die Schiffe der Wikingerzeit auf
den Strand gezogen werden, da sie viel schwerer und unförmiger war.
Dadurch verödeten viele Häfen an der gotländischen Küste.
Auf der anderen Seite hatte die Kogge Vorteile, die sie rasch zum vorherrschenden
Schiffstyp im Ostseehandel werden ließen. Die Kogge war vor allem
ein Frachtschiff, das viel Last aufnehmen konnte, aber dank ihrer hohen
Seiten war sie auch leicht gegen Seeräuber zu verteidigen. Diese
beiden Fähigkeiten waren wichtig im mittelalterlichen Handel.
Ein großer Teil der städtischen Aktivität konzentrierte
sich auf den Hafen. Dorthin strömten Waren aus dem ganzen Ostseeraum,
um dann wieder mit anderen Schiffen in andere Länder verschifft zu
werden. Im Sommer lagen hier sicher ein Dutzend Schiffe gleichzeitig,
Seeleute und Arbeiter be- und entluden Schiffe, Flaschenzüge und
Winschen knirschten und Rufe und Arbeitsgesänge erfüllten die
Luft.
Manchmal strömten merkwürdig gekleidete Menschen aus den Schiffen,
froh nach einer langen und ungewohnten Reise wieder an Land zu sein. Das
konnten zum Beispiel Ritter auf dem Weg zu einem Kreuzzug gegen die heidnischen
Balten sein, aber hier stiegen auch Händler, Bettler, Nonnen, Handwerker,
Maurer, Steinmetze, Kirchenbaumeister und viele andere an Land, die alle
begierig darauf waren, an der pulsierenden Aktivität in dieser Metropole
teilzuhaben.
Die Deutschen hatten sicher großen Anteil am Ausbau des Hafens,
genau wie am Wachstum Visbys zu einer mittelalterlichen Großstadt.
Sie waren lange von mehr oder weniger feindlichen Völkern daran gehindert
worden, die Ostseeküste zu erreichen, aber seit der Gründung
und Übernahme Lübecks durch Heinrich den Löwen im Jahre
1158, hatten sie einen ausgezeichneten Hafen und konnten sich ernsthaft
in den expandierenden Handel in der Ostsee einmischen.
Heinrich der Löwe war sich wohl bewußt, wer die Herren dieses
Handels waren. Es waren die Gotländer. Für ihn kam es nun darauf
an, Zugang zu ihren Märkten zu erhalten, vor allem in Nowgorod. 1161
bekräftigte er in Artlenburg die Rechte der gotländischen Händler,
die sie von alters her in den deutschen Gebieten hatten. Auf den ersten
Blick scheint dies ein Zugeständnis des Herzogs zu sein.
Aber Heinrich der Löwe war gerissener, denn gleichzeitig bekamen
die deutschen Händler freien Zugang nach Gotland und zu den Märkten
in Rußland, Finnland und dem Baltikum, was noch viel schlimmer war.
Die Deutschen fanden schnell einen Platz, an dem sie sich etablieren konnten
- dieser Platz war Visby.
Visby - "die
stolzeste und schönste Stadt des Nordens"
Etwa zur
Mitte des 12. Jahrhunderts begannen die Einwohner der Stadt, den Hafen
zu befestigen. Am nördlichen Einlauf ließen sie einen festungsartigen
Turm mit dicken Mauern und verschiedenen Verteidigungseinrichtungen errichten.
Dieser Turm ist den ländlichen Verteidigungstürmen, den Kastalen,
sehr ähnlich. Seit dem 18. Jahrhundert heißt er Kruttornet
(der Pulverturm). Etwa hundert Jahre nach dem Bau des Turmes wurde eine
Mauer zwischen dem Hafen und der inneren Stadt gebaut. Diese Mauer war
im Norden an den Befestigungsturm angeschlossen und damit das Kernstück
der Stadtmauer, die später die ganze Stadt umgeben sollte.
Innerhalb der Seemauer lag ein weitgestreckter und größtenteils
offener Platz. Er war bis auf ein großes imposantes Steinhaus mit
mehreren Stockwerken, das 42 Meter lang und 21 Meter breit war, unbebaut.
Dieses Haus wurde Kalvskinnshuset (Kälberhäutehaus) oder Vinhuset
(Weinhaus) genannt und diente als Rathaus der Stadt, bis ein neues weiter
oben in der Stadt an der S:t Karin Kirche gebaut wurde. In diesem Haus
gab es auch Schanklokale und Stände für den Verkauf von Waren
aller Art. Im Keller wurde der ganze Wein gelagert, der nach Visby gebracht
wurde, bevor er weiterverkauft werden durfte. Der Keller ist noch heute
größtenteils unter der Erde im Stadtteil Kalvskinnet zwischen
Strandgatan und Birgersgränd erhalten.
Warum dieses Gebäude zum Teil als Kalvskinnshuset bezeichnet wird,
ist unklar. Eine Sage berichtet, daß es vom schwedischen König
Birger Magnusson gebaut wurde. Er regierte während der Jahrhundertwende
zum 14. Jahrhundert und ist vielleicht am bekanntesten wegen des Streits,
den er mit seinen Brüdern Erik und Waldemar hatte. In einer Nacht
im Herbst 1306 nahmen die Brüder den König auf den Hof Håtuna
in Uppland gefangen. Diese Episode ist in der schwedischen Geschichte
als "Håtunaleken" (das Håtunaspiel) bekannt. Die
folgenden Kämpfe führten zu einer Dreiteilung des Reiches unter
den drei Brüdern, wobei Birger unter anderem Gotland und Visby bekam.
Es dauerte mehr als zehn Jahre bis König Birger sich rächte,
indem er seine Brüder für immer in die gefürchteten Verliese
im Schloß von Nyköping werfen ließ, diese Episode wurde
als "Nyköpings gästabud" (das Gastmahl von Nyköping)
bekannt. Zwischen den dramatischen Ereignissen besuchte der König
1313 Gotland, um von den Gotländern höhere Steuern einzutreiben.
Es wird erzählt, daß er mit seinen Landsknechten in Slite an
Land stieg und daß sich die Gotländer aber nicht seinem Willen
fügen wollten. Das königliche Heer wurde in der Schlacht auf
Röcklinge backe bei Lärbro besiegt. Laut volkstümlicher
Überlieferung soll sich der König unter einem Haselnußstrauch
verborgen haben. In dieser Situation wurde er von einem Bauern aus Hejnum
gerettet, der später zum Ritter ernannt wurde und dessen Hof nach
seiner neuen Stellung in der Gesellschaft benannt wurde. Nach der Schlacht
auf Röcklinge backe konnte sich König Birger aber dennoch so
allmählich nach Visby durchschlagen.
Ob es nun bei dieser Gelegenheit war, daß der König die Bürger
Visbys bat, ein Gebäude für sich und sein Gefolge errichten
zu dürfen, verbleibe ungesagt. Die städtischen Behörden
wollten es ihm aber nicht erlauben und ließen sich erst überreden,
als Birger sich mit einem Stück Land zufrieden gab, daß von
einer Kalbshaut bedeckt werden konnte. Der König ließ dann
die Haut in einen langen Streifen schneiden und damit ein Grundstück
innerhalb der Seemauer umringen. Dort errichtete er ein protziges Gebäude,
das danach etwa 100 Jahre als Schloß gedient haben soll.
So berichtet es die Sage, die Parallelen überall in der Welt hat.
Der Name Kalvskinnshuset kann auch auf andere Weise erklärt werden.
Auf jeden Fall ist sicher, daß es König Birger gelang, von
den Gotländern mehr Steuern zu erpressen, obwohl er in der volkstümlichen
Überlieferung als Verlierer dargestellt wird. Er traute sich sogar,
etwas später noch einmal nach Visby zu kommen. Nach dem grausamen
Gastmahl von Nyköping zwangen nämlich die Großadligen
den König zur Abdankung, woraufhin er nach Gotland flüchtete.
Dort wohnte er aber nur kurze Zeit, bevor er weiter nach Dänemark
flüchtete.
Ein mittelalterlicher
Stadtrundgang
Nördlich
und südlich von Kalvskinnshuset war das Gelände im großen
und ganzen offen, vielleicht war hier der Marktplatz der Stadt. Im Norden
kann es einige einfache Buden aus Holz gegeben haben. Der südliche
Platz wird manchmal Rolandplatz genannt. Dort stand wahrscheinlich die
Rolandstatue der Stadt, die einen Ritter darstellte, dessen Schwert an
seiner Schulter lehnte. Die Skulptur symbolisierte das Recht Visbys, sich
Stadt nennen zu dürfen.
Ein Seemann, der um 1350 nach Visby kam und durch Lilla Sjöporten
den Rolandplatz betrat, war sicher beeindruckt, von dem, was er sah. Zur
Linken hatte er die mächtige Fassade von Kalvskinnshuset und direkt
vor ihm lagen die Kaufmannshäuser Seite an Seite entlang der Hauptstraße
der Stadt, der heutigen Strandgatan.
Alle Häuser waren aus Kalkstein gebaut. Die meisten waren drei oder
vier Stockwerke hoch, aber es gab auch höhere. Alle waren schmal,
weiß verputzt und hatten fein behauene Steine an den Ecken. Viele
von ihnen waren durch Treppengiebel gekrönt, die tatsächlich
wie eine Krone aussahen. In den zur Straße gerichteten Giebeln waren
die Fensteröffnungen, die meisten klein und rund, aber wenigstens
in einem Stockwerk waren sie größer und von fein behauenem
Kalkstein oder Ziegeln eingerahmt. In fast jedem Stockwerk gab es auch
eine Luke für den Transport von Waren und ganz oben in der Spitze
des Giebels war eine Halterung für Flaschenzüge eingemauert.
Diese war mit kräftigen Stricken und Flaschenzügen versehen,
so daß auch schwere Waren heraufgezogen werden konnten.
Wenn er Geschäfte zu erledigen hatte, konnte der Seemann von der
Straße aus durch eine kräftige Pforte und über eine Treppe
in den Keller gelangen. Den ersten Stock erreichte er über Holztreppen
und Balustraden, die an der Fassade angebracht waren. Überall lagerten
Waren aller Art. In den Kellern, die auch an den heißesten Sommertagen
kühl waren, wurden die Frischwaren aufbewahrt: Fleisch, Butter, Häute
und Leder. Anderswo wurden Stoff- und Wollballen, Tonnen mit Teer und
Getreide und Stapel von Wachs gelagert, während unter dem Dach getrockneter
Fisch, Kräuter und Kerzen hingen.
Der Seemann sah ein, daß die stattlichen Häuser auf Strandgatan
fast ausschließlich für die Lagerung von Waren gebaut waren.
Das war nicht verwunderlich, denn der Handel war der wichtigste Erwerbszweig
in Visby und der Handel war die Grundlage des Reichtums der Kaufleute.
Und da war es natürlich, daß sie ihre teuersten Besitztümer
sicher aufbewahren wollten.
Ihre Wohnungen waren stets viel einfacher, oft nicht mehr als ein Anbau
an das Lagerhaus. Als der Seemann durch ein offenes Tor zur Gasse sah,
entdeckte er nur einen einzigen Raum, in der es eine offene Feuerstelle
gab. Darin konnte er im Dämmerlicht einige Mägde erkennen, die
eine Mahlzeit vorbereiteten. Obwohl es ein paar kleine Fenster gab, kam
das Licht fast nur von der offenen Tür, dem Feuer oder ein paar Talglichtern.
Auf der Feuerstelle stand ein großer Eisenkessel, einige Töpfe
und ein Rost. Der einfache und robuste Holztisch war mit vier Holzscheiben,
"diskar", gedeckt. Auf diesen Scheiben lagen Brotstücke,
in die das Essen gefüllt wurde, und daneben standen geschnitzte Holzschüsseln
für die Grütze. Ebenso gab es Keramikbecher für das Bier,
mit dem man das Essen herunterspülte. Mit einem Messer und einem
Löffel an jedem Platz wurde der gedeckte Tisch komplettiert.
In der einen Ecke des Hauses entdeckte der Seemann eine Treppe, von der
er annahm, das sie in einen darüberliegenden Raum führte. Wenn
er mehr Zeit für seine Beobachtungen gehabt hätte, hätte
er vielleicht in einer Ecke den Abtritt gefunden, eine Art Toilette. Gerade
erst nach Visby gekommen, konnte er ja nicht wissen, daß es solche
Abtritte in den meisten Häusern in Visby gab. Sie waren nämlich
in die bis zu einem Meter dicken Wände gebaut. Eine Leitung in der
Wand führte zu einem großen geschlossenen Raum unter dem Keller,
der Latrinenkammer. Wenn der Hauseigentümer nun nicht soviel Glück
hatte, daß er Wasser aus einer der vielen Quellen unter den Klippen
durch die Latrinenkammer leiten und sie auf diese Weise säubern konnte,
konnte er sie von Zeit zu Zeit durch eine kleine Öffnung per Hand
reinigen.
Der Seemann wagte es nicht, das merkwürdige Haus noch näher
zu untersuchen, sondern verließ dieses riechende, polternde und
vielsprachige Handelszentrum - Können wir es wagen, es als Visbys
"Zentrum" zu bezeichnen? - und ging weiter die Gasse entlang,
die weiter hinauf zur Stadt führte. Der Weg war schmal und eng und
auch während des Tages herrschte hier ein kühles Dunkel. Die
Gasse war steil, aber es war nicht schwer, sich auf ihr fortzubewegen,
da sie mit Steinen belegt war. Natürlich roch es ein bißchen
muffig in diesem Dunkel, aber lange nicht so wie in anderen Städten,
die er besucht hatte. Die Bewohner Visbys schienen sich auch in hygienischer
Hinsicht um ihre Stadt zu kümmern.
Aber es gab natürlich auch in dieser Stadt Gestank und Schmutz. Auch
wenn der frische Wind vom Meer über Visby strich, war es nicht nur
der Gestank von verrottendem Tang, der sich bemerkbar machte. Er mischte
sich mit dem Geruch von Abfallhaufen, Pferdekot, verrottendem Fisch und
dem Aroma von starken Kräutern. Was war eigentlich mit dem Hafen,
in dem sein Schiff lag und in den Wellen schaukelte? Das Wasser darin
roch nämlich nicht besonders gut. Auch die Menschen rochen. Die Bewohner
Visbys waren reichlich mit Frischwasser versorgt und vielleicht lebte
sogar noch ein Teil der antiken Badekultur fort, aber baden war mehr ein
Ritual und ein Vergnügen, als etwas, das der Reinigung diente. Sich
zu waschen war außerdem eine übliche Beschäftigung für
Frauen - nicht für Männer.
An einer Stelle kam der Seemann sogar an einem Badehaus vorbei, offensichtlich
ein sehr beliebter Treffpunkt. Er hatte seit drei Wochen nicht gebadet,
vielleicht würde er es später am Tag einmal ausprobieren.
Weiter hier oben wechselte der Charakter der Stadt, die Häuser waren
nicht mehr so hoch und beeindruckend und viele waren zudem aus Holz gebaut.
Hier tauchten immer mehr Werkstätten und Handwerksbuden auf. Offensichtlich
befanden sich auch viele Wohnhäuser der Kaufleute in diesem Teil
der Stadt und an mehreren Stellen waren die Gassen durch Torhäuser
überbaut wurden.
Auch hier traf der Seemann auf ein Gewimmel von Menschen aller Art. Er
sah andere Seeleute auf Entdeckungsreise, Händler in feinen Kleidern,
schmutzige Schmiede, Mägde, die die täglichen Einkäufe
von Frischwaren erledigten, und viele andere. Und es war keine leise Stadt,
durch die er wanderte. Laute Gespräche zwischen den Menschen auf
der Straße, das Geklapper von Pferdehufen, das Knirschen und Rattern
von Karren und Wagen, das Bellen der Hunde, das Schreien der Möwen
und der Klang der Glocken mischte sich mit dem Geschrei der Straßenverkäufer:
"Hühner zu verkaufen! Hervorragendes, trockenes Brennholz! Zahnziehen
günstig! Hier werden Messer geschliffen! Morgen geht ein Boot nach
Kalmar!"
Hier oben sah der Seemann auch mehrere große Kirchen aus Stein mit
hohen Türmen und an einigen Stellen konnte er hinter den geöffneten
Pforten sogar ein wenig Grün entdecken. Er stellte fest, daß
er in Klostergarten sah. Etwas weiter entfernt gab es einige Äcker,
auf denen die Bürger Kohl und Zwiebeln anbauten.
Er hatte nicht vor, bis zur obersten Terrasse der Stadt zu gehen, dort
schien die Stadt zu enden und die kleinen, niedrigen Holzhäuser,
die er unterhalb der grauen Stadtmauer erahnen konnte, kannte er bereits
aus anderen Städten.
Was er auf seiner Wanderung gesehen hatte, war absolut ausreichend und
beeindruckend dazu! Nun war es vielleicht an der Zeit, irgendein Wirtshaus
aufzusuchen, um ein bißchen Essen und eine Kanne Bier zu bekommen.
Morgen sollte sein Schiff beladen werden.
Die Kirchen
Visbys
"Die
meisten von ihnen hatten kein Dach und nackte Innenräume. Die Fensteröffnungen
waren leer, die Böden grasbewachsen und an den Wänden kletterte
der Efeu empor. Aber nun wußte er, wie sie einmal ausgesehen hatten,
daß sie von Bildern und Malereien bedeckt gewesen sind, daß
im Chor ein geschmückter Altar und ein goldenes Kreuz gestanden haben
und daß sich dort Priester bewegt hatten, die in goldene Gewänder
gekleidet waren ..."
Selma Lagerlöf war es, die die Kirchenruinen Visbys auf diese Weise
durch die Augen Nils Holgerssons sah. Der "Gänsjunge" aus
Skåne konnte zwei Visbys während seines Besuchs auf Gotland
besichtigen. Zum einen ein Visby als verzauberte Stadt auf dem Meeresboden,
Vineta, zum anderen die wirkliche Stadt, das Visby, das Selma Lagerlöf
selbst während eines Gotlandbesuchs in den 1890er Jahren gesehen
hat. Genauso wie die heutigen Touristen bewunderte Selma Lagerlöf
das romantische Visby, die schmalen Gassen, die Treppengiebelhäuser,
"die hübschen Häuschen in den Seitenstraßen",
die Gärten und die "mit Ranken bewachsenen Ruinen". Kein
Wort über Rosen, denn noch war Visby nicht die Stadt der "Rosen
und Ruinen". An und für sich ist es nicht unmöglich, daß
es schon im Mittelalter vereinzelt Rosenbüsche in den Klostergärten
gab. Sie tauchten aber erst im 20. Jahrhundert in größerer
Menge und dann auch an der Straße auf. Aber die Überreste der
mittelalterlichen Kirchen gab es und das seit unzähligen Jahrhunderten.
Zusammen gab es 17 oder 18 Kirchengebäude im mittelalterlichen Visby,
von großen Kathedralen bis zu kleinen Kapellen. Zehn von ihnen sind
noch heute als Ruinen markante Bestandteile im Stadtbild. Eine einzige
ist vollständig bewahrt: die jetzige Domkirche S:ta Maria.
Aber wieso gab es diese große Menge an Gotteshäusern? Konnten
17 Kirchen bei jeder Messe mit Menschen gefüllt werden? Oder welchen
Zweck erfüllten sie? Baute man Kirchen aus Spaß? Oder nur,
um Gott zu gefallen? Und wieso wurden sie so groß gebaut?
Ein Teil der Antwort liegt in der Macht der Kirche über die Menschen.
Dies gilt sowohl für das Leben in dieser Welt, als auch für
die Vorbereitung auf das kommende Leben. Wo man auch wohnte, wohin man
auch reiste, gab es ein starkes Bedürfnis, in die Kirche zu gehen.
Es war unmöglich, ohne zu leben.
Dieses Bedürfnis wurde in erster Linie durch die Gemeindekirchen
erfüllt, die der gemeine Mann besuchen konnte, um zu Gott, für
sich selbst oder seine Nächsten zu beten. Andere Kirchen wurden gebaut,
damit fremde Kaufleute einen Ort hatten, zu dem sie gehen konnten. Wieder
andere fungierten als Klosterkirchen oder als Zufluchtsort für Kranke.
Die Kirchen waren mit anderen Worten für unterschiedliche Bedürfnisse
da, vielleicht waren sie nicht bei jedem Gottesdienst gefüllt, aber
es gab sie als einen beständigen Quell der Sicherheit.
Botairs Kirche
war die erste
Die erste
Kirche in Visby war wahrscheinlich die laut Gutasaga von Botair errichtete.
Es ist anzunehmen, daß sie irgendwann im 11. Jahrhundert erbaut
wurde. Im Zuge der Vergrößerung der Stadt während des
folgenden Jahrhunderts stieg der Bedarf an Kirchen, und mehrere Bauvorhaben
wurden in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts begonnen. Die ersten
wirklich großen Bauvorhaben folgten aber erst in der ersten Hälfte
des 13. Jahrhunderts. Meist waren es Umbauten der Kirchen aus dem 11.
Jahrhundert, aber auch einige neue wurden gebaut.
Während der folgenden hundert Jahre scheint der Bau der Stadtmauer
alle Energie und Arbeitskraft geschluckt zu haben, so daß die Bewohner
der Stadt erst im späten 14. Jahrhundert wieder an ihre Kirchen denken
konnten. 1412 weihten die Franziskaner den Chor von S:ta Karin ein, der
üblicherweise als der letzte große Kirchenbau im mittelalterlichen
Visby betrachtet wird. Etwa zur gleichen Zeit begann Erik von Pommern
den großen Schloßbau in der südwestlichen Ecke der Stadt.
Danach sollte es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Kirchen stillgelegt
wurden. Die Zeiten wurden schlechter und Visby wurde immer ärmer.
Seeräuber und Kaperer entzogen dem gewinnbringenden Handel die Grundlage.
1525 stürmten die Lübecker die Stadt und mehrere Kirchen gingen
in Flammen auf. Die dänische Reformation unter Christian III. in
den 1530er Jahren legte alle Klöster und Konvente still und überließ
viele Kirchen dem Verfall. Die Einrichtung, Fenster, Türen und Steinskulpturen
wurden nicht über die Welt, aber doch unter den privaten Häusern
Visbys verteilt.
In den 1730er Jahren wollte der Landshövding die Kirchenruinen verkaufen,
um sich von dem Geld eine neue Residenz bauen zu können. Die Ratsmitglieder
der Stadt waren damals so klug, dieser Idee nicht zuzustimmen. Erst 1805
wurden die Ruinen formell unter Denkmalschutz und damit unter staatlichen
Schutz gestellt.
"So
prächtige Kirchen... dem Verfall preisgegeben"
Fast alle
Kirchen Visbys lagen am Rande oder außerhalb des wikingerzeitlichen
Stadtkerns von Visbys. Ein möglicher Grund hierfür ist, daß
der Verlauf der Straßen und die Einteilung der Grundstücke
auf vorchristliche Pläne zurückgeht. Zum Bau von Kirchen brauchte
man geraden Untergrund, und die Kirchen durften beim Hantieren der Güter
und Waren nicht stören.
Ganz im Süden, unterhalb der Klippen, lagen S:t Per und S:t Hans,
die beide aus dem 12. Jahrhundert stammen. S:t Per, dem Apostel Petrus
geweiht, war die älteste Kirche und wurde auf den Überresten
von Botairs Kirche errichtet. Sie war eine der ersten Gemeindekirchen,
aber sie wurde allmählich zu klein, so daß man direkt daneben
noch eine Kirche baute, S:t Hans. Sie hatte Johannes den Täufer als
Schutzheiligen.
Oberhalb dieser Kirchen, auf den Klippen (Klinten), lag S:t Mikael, die
wahrscheinlich irgendwann um die Mitte des 13. Jahrhundert als Gemeindekirche
errichtet wurde. Sie wurde bei den Kämpfen um Schloß Visborg
im 15. Jahrhundert schwer beschädigt, aber die Ruinen wurden erst
im 18. Jahrhundert beseitigt. Heute kann man über der Erde keine
Spuren von dieser Kirche entdecken. Die Kirche wurde nach dem Erzengel
Michael benannt, dem Drachentöter und Aufseher über die Seelenwaage
beim Jüngsten Gericht.
S:ta Katharina oder S:t Karin an Stora Torget war die Konventskirche der
Franziskaner und eigentlich die einzige Kirche der Stadt, die im mittelalterlichen
Stadtkern lag. Die Franziskaner waren die sogenannten Bettelmönche.
Sie gingen oft barfuß und waren in dürftige, graue Kutten gekleidet.
Sie sorgten für die Schwachen der Gesellschaft und missionierten
unaufhörlich.
Im Gegensatz zu den Zisterziensern zogen die Franziskaner bevorzugt in
Städte. In Visby gründeten sie 1233 ihr erstes Konvent in Schweden.
Ein Konvent eines Bettelordens entspricht dem Kloster eines Mönchsordens.
Die erste Bauphase der Kirche war irgendwann zur Mitte des 13. Jahrhunderts
fertig, aber die Franziskaner bauten sie zusehends aus und um. Der hübsche
Chor wurde 1391 eingeweiht, aber auf Grund eines Einsturzes mußte
er im 15. Jahrhundert umgebaut werden. Die anderen Gebäude lagen
südlich der Kirche und dort arbeiteten die Franziskaner noch bis
zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Heute sind diese Gebäude fast vollständig
verschwunden. Die Kirche war der Heiligen Katharina von Alexandria gewidmet,
die den Märtyrertod erlitt und die danach unter anderem die Schutzheilige
für Juristen, Philosophen und Lehrer wurde. Sie war eine beliebte
Heilige in Schweden und kommt sogar in einem Lied vor: "Liten Karin".
An der nordöstlichen Ecke von Stora Torget lag Ryska Kyrkan, wo die
russischen Kaufleute ihre Gottesdienste feierten. Überreste dieser
Kirche kann man im Keller des Gebäudes finden, das zwischen Stora
Torget und Ryska gränd liegt. Die Grundmauern zeigen, daß die
Kirche sehr klein war, kaum größer als eine Kapelle.
Etwa hundert Meter nördlich des Platzes lagen zwei Kirchen dicht
nebeneinander, Drotten und S:t Lars. Sie werden oft als "Schwesterkirchen"
bezeichnet. Beide wurden im 13. Jahrhundert direkt außerhalb des
mittelalterlichen Stadtkerns wahrscheinlich als Gemeindekirchen erbaut.
"Drotten" ist ein anderer Name für Gott oder Christus,
S:t Lars wurde nach dem Heiligen Laurentius benannt, der irgendwann im
3. Jahrhundert von Heiden bei lebendigem Leibe geröstet wurde und
der immer noch der Schutzpatron der Köche, Bäcker und Bibliothekare
ist.
S:t Lars ist eine der interessantesten Kirchen in Visby. Sie wurde in
Kreuzform errichtet, die auf byzantinische Einflüsse hinweisen kann.
In ihren Wänden gibt es Gänge und Treppen, durch die man sich
zwischen den unterschiedlichen Stockwerken bewegen kann. An einigen Stellen
öffnen sich die Gänge als kleine Gucklöcher oder Säulengänge
zum Hauptschiff.
Auf der gleichen Höhe wie die Schwesterkirchen, aber direkt unter
den Klippen, liegt die einzige mittelalterliche Kirche, die bis in unsere
Tage erhalten geblieben ist, S:ta Maria, die Domkirche. Mit dem Bau der
Kirche, die nach Jesu Mutter benannt ist, wurde im späten 12. Jahrhundert
begonnen, aber sie wurde später in verschiedenen Etappen aus- und
umgebaut. Die letzte große Erweiterung wurde im 14. Jahrhundert
vorgenommen. S:ta Maria war die Gemeindekirche der deutschen Kaufleute
und man kann in allen Details den deutschen Einfluß erkennen.
Als Kaufmannskirche wurde S:ta Maria auch zum Lagern von Waren benutzt.
Vor allem der geräumige Dachboden über dem Langschiff wurde
als Packhaus benutzt. Im Giebel des Chores ist ein Balken zur Befestigung
eines Flaschenzugs angebracht.
Helge Ands Kyrka (die Heilig-Geist-Kirche) lag nördlich von S:ta
Maria. Die Kirche ist vielleicht von dem Rigaer Bischof Albert erbaut
wurden, der während der baltischen Kreuzzüge des frühen
13. Jahrhunderts Visby als Sammelplatz für Pilger und Kreuzfahrer
benutzte. Natürlich brauchten sie eine eigene Kirche in Visby bevor
sie sich auf die gefahrvolle Fahrt nach Osten machten. Helge Ands Kyrka
kann auch mit einer verschwundenen Visbyenser Kirche, S:t Jakob, identisch
sein.
Helge Ands Kyrka unterschied sich von den anderen Kirchen in Visby. Das
Langschiff war achteckig und hatte zwei Stockwerke sowie einen zentralen
Turm. Das obere Stockwerk, das man über zwei Treppen in der Mauer
erreichen konnte, öffnet sich im Osten zum Chor und durch ein "Lautloch"
zum Langschiff. In der östlichen Wand des Chores gibt es kleine Räume.
In der südöstlichen Ecke des Botanischen Gartens liegen die
bewachsenen Ruinen einer der größten mittelalterlichen Kirchen
der Stadt, S:t Olof. Sie wurde irgendwann in der ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts als Gemeindekirche erbaut und ist dem beliebtesten Heiligen
des Nordens geweiht, S:t Olof.
S:t Olof wurde vermutlich für die Menschen gebaut, die in diesen
Teil Visbys zogen, als die in der Nähe liegende S:t Clemens Kirche
zu eng wurde. S:t Clemens war dem gleichnamigen Heiligen geweiht, der
den Märtyrertod erlitt, indem er mit einem Anker um den Hals im Meer
versenkt wurde, war eine der ältesten Kirchen Visbys und wurde schon
im 12. Jahrhundert erbaut.
Über S:t Clemens gibt es eine Geschichte. Vor sehr langer Zeit kam
ein Schustergeselle namens Hans Turitz auf seiner Gesellenwalz nach Italien.
In einem Wirtshaus hörte er, wie zwei Mönche miteinander sprachen.
Der eine erzählte auf deutsch, damit es niemand der anderen Gästen
verstand, wie es einigen Klosterbrüdern gelungen sei, während
der Wirren der Reformation in Visby einen großen Schatz zu verstecken,
der unter anderem aus einer goldenen Gans mit 24 Jungen, auch diese natürlich
aus dem edlen Metall, bestand. Diese Kostbarkeiten seien in einer Kirche
mit dem Namen S:t Clemens eingemauert worden.
Turitz verstand deutsch und merkte sich alles, was über das Versteck
des Schatzes gesagt wurde. Als er später nach Visby kam, ging er
eines Nachts zur Kirche. Nachdem er eine Zeitlang die Mauern abgeklopft
hatte, fand er den Schatz. Turitz blieb in Visby und wurde mit der Zeit
- Dank des Schatzes? - ein wohlhabender Kaufmann, Ratsherr und Bürgermeister.
Er starb 1629 und wurde in der Domkirche begraben.
Nach volkstümlicher Überlieferung sollen auch in S:t Per und
S:t Lars Schätze versteckt worden sein. Oft enthalten diese Geschichten
ein Körnchen Wahrheit und es ist ja durchaus möglich, daß
es die Priester und Mönche tatsächlich schafften, einige der
Kostbarkeiten vor den Umwälzungen der Reformation in den 1530er Jahren
zu verstecken.
Nördlich von S:t Clemens lag ein Kloster, das nach dem Bischof Nikolaus,
der im 4. Jahrhundert in Kleinasien lebte, benannt war. S:t Nikolaus war
der Schutzheilige aller Kinder und Seefahrer und konnte in allen gefährlichen
Situationen angerufen werden. Er brachte auch allen Bedürftigen Geschenke.
Um 1230 übernahmen die Dominikaner, ein Bettelorden, dessen Mitglieder
weiße Mäntel und im Winter darüber einen schwarzen Mantel
trugen, eine ältere Kirche an diesem Platz und gründeten dort
eins der ersten Dominikanerkonvente im Norden. Die Kirche war aber nicht
für die Anforderungen eines Konventes geeignet. Deshalb bauten die
Ordensbrüder sie im Laufe von 300 Jahren zu der mächtigen dreischiffigen
Kirche aus, deren Reste wir noch heute sehen können. An der Westseite
versahen sie die Kirche mit einem prächtigen Giebel, der mit Nischen
und Rosetten aus Ziegelsteinen geschmückt war. Um 1400 bauten sie
einen genauso stattlichen Chor mit hohen, schmalen Fenstern. Die übrigen
Gebäude des Klosters lagen nördlich der Kirche.
Im 13. Jahrhundert war zeitweise Petrus de Dacia Vorsteher des Konvents,
der sogenannte Prior. Während seines Studiums in Köln hatte
er eine fromme Frau namens Christina kennengelernt, die aus der Stadt
Stommeln stammte. Sie standen viele Jahre lang in engen Briefkontakt,
und Petrus schrieb sogar einige Bücher über diese bemerkenswerte
Frau. Petrus de Dacia wird deshalb als der erste Schriftsteller Schwedens
bezeichnet. Seine Beziehung zu Christina wird als Theaterstück in
den Ruinen aufgeführt.
Zwischen S:t Nicolaus und Helge And lag eine kleine Kapelle, S:ta Gertrud.
Gertrud war eine Äbtissin, die im 7. Jahrhundert für ihre Kirchenbauten
bekannt wurde. Deshalb ist sie auf den Steinplatten über dem Westportal
der kleinen Kapelle mit einer Kirche in der Hand abgebildet. Sie war die
Schutzheilige der Gärtner und der Reisenden und konnte zudem die
Ratten vertreiben. Auf der gleichen Steinplatte sind neben ihr die Wappen
der adligen Familien Tott und Bonde abgebildet. Die Kapelle wurde irgendwann
im späten 15. Jahrhundert erbaut.
Im Mittelalter wurden im Norden der Stadt außerhalb der Stadtmauer
ein Hospital und eine Kirche für die Aussätzigen gebaut. Die
gesamte Anlage wurde irgendwann im 13. Jahrhundert errichtet. Der Schutzheilige
der Kirche war S:t Göran oder S:t Georg, der laut Sage im 3. Jahrhundert
einen schrecklichen Drachen getötet hatte und dadurch einer Prinzessin
das Leben rettete. S:t Göran war nicht nur der Schutzpatron der Aussätzigen,
sondern auch der Soldaten und Ritter.
In der Nähe von Söderport (dem Südtor), aber außerhalb
der Mauern, erbaute der Zisterzienserorden im 13. Jahrhundert ein Nonnenkloster,
Solberga. Das Kloster wurde schon im 14. Jahrhundert verlassen, vielleicht
in Folge der Kämpfe zwischen Dänen und Gotländern im Jahre
1361. Heute sind nur noch Reste der Grundmauern des Klosters vorhanden.
Die Klosterschwestern setzten ihre Tätigkeit in der Stadt fort, wo
sie die S:t Jakobs Kirche benutzen konnten.
Die Kapelle, die es im späten Mittelalter in Visborgs slott gab,
ist völlig verschwunden.
Stadtrecht
und Stadtverwaltung
Visby war
im 13. und 14. Jahrhundert ein Zentrum im gesamten Ostseeraum. Es ist
unmöglich zu sagen, wie viele Menschen in der Stadt gelebt haben.
Die Schätzungen von Forschern strecken sich von 5000 Menschen bis
zu einem Vielfachen davon. Aber es ist sicher, daß die Einwohnerzahl
im Sommer stieg, wenn es möglich war, nach Gotland zu segeln. Doch
es waren keine Badegäste oder Touristen, die Visby zum Ziel hatten.
Alle wollten Geschäfte in der Stadt erledigen: Handel treiben, Waren
transportieren oder Seelen retten. Ganz abgesehen von dem großen
Zustrom an Arbeitern und Handwerkern, die im 13. Jahrhundert nach Visby
gekommen sein müssen, als die Bürger Häuser, Kirchen und
die Stadtmauer bauten.
Die häufigsten Sprachen waren Deutsch und Gotländisch. Während
eines Großteils des Jahres hielten sich auch viele in der Stadt
auf, die Schwedisch, Dänisch, Russisch, Finnisch und verschiedene
baltische Sprachen als Muttersprache hatten. Die Geschäftsleute sprachen
Plattdeutsch (Mittelniederdeutsch).
Im Laufe einiger Jahrhunderte wurde die Stadt von Packhäusern, Kirchen,
Wirtshäusern, Schankwirtschaften, Gildenhäusern, Klöstern,
Werkstätten und religiösen Stiftungen gefüllt. Hier unterzeichneten
Händler wichtige Kaufverträge und Priester sangen Messen für
die Seelen der Toten und predigten Kreuzzüge gegen die Heiden. Im
Rat der Stadt diskutierten die Ratsherren wichtige Angelegenheiten und
manchmal feierten die Bewohner in geselliger Runde. Sie tranken Bier,
einheimisches oder auch importiertes aus Danzig, Dortmund, Einbeck oder
Rostock, roten und weißen Wein vom Rhein, Met und sicherlich auch
Gotlandsdricka. Hiervon wurden große Mengen verbraucht, was oft
zu Radau und Lärm führte.
Weil es keine Polizei nach heutigem Muster gab, war es für die Bürger
der Stadt wichtig, sich selbst gegen Verbrechen wie Diebstahl, Betrügereien
und Körperverletzung zu schützen. Darüber hinaus kamen
Mord, Vergewaltigungen und Untaten wie das Abschneiden von Ohren, Händen,
Nasen und dem Kinn seiner Gegner vor. Der einzige Schutz, den es gab,
war ein Geflecht von Paragraphen, das Stadtrecht. Zur Abschreckung sah
das Stadtrecht sehr strenge und harte Strafen vor. Man handelte nach der
Devise Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das Urteil konnte dann sowohl das Abhacken
einer Hand als auch das Abschneiden eines Ohres sein.
Diebstahl wurde als ein ernstes Verbrechen angesehen und wurde je nach
Schwere des Verbrechens durch Bußgelder, Kennzeichnung - zum Beispiel
das Durchlöchern eines Ohres -, Stehen am Pranger oder durch Verbannung
bestraft. Wenn ein Mann für ein ernstes Verbrechen mit dem Tode bestraft
wurde, wurde er gewöhnlicherweise durch den Strang auf dem Galgenberg
hingerichtet. Frauen wurden dagegen meistens auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Das Stadtrecht bestand aber nicht nur aus Strafen für bestimmte Verbrechen,
sondern umfaßte auch Regeln, wie die Bürger beim Häuserbau
und beim Kauf von Immobilien verfahren sollten, wie Hochzeiten und Taufen
gefeiert werden sollten, wie sich die Dienstboten ihrem Herrn gegenüber
verhalten sollten und vieles mehr.
In den Gesetzesbestimmungen scheint die soziale Gliederung des mittelalterlichen
Visbys durch. Es waren die führenden Männer der Stadt, die Ratsherren,
Vögte und Bürgermeister, die alle wichtigen Entscheidungen unter
sich ausmachten. Der Rat war die höchste Behörde der Stadt und
er besaß einen sehr hohen Status. Er bestand aus 36 Ratsherren,
Gotländern und Deutschen. Im Rat wurden neue Gesetze erlassen und
er befaßte sich mit allen Fragen hinsichtlich des Handels, der öffentlichen
Ordnung und Sicherheit und des Brandschutzes. Nur die reichsten Bürger
der Stadt konnten in den Rat gewählt werden.
Neben dem Rat gab es zwei Vögte, einen deutschen und einen gotländischen,
die sich in erster Linie mit polizeilichen Angelegenheiten beschäftigten.
Sie waren so etwas wie Richter und sie hatten Ratsherren als Assistenten.
Im Gegensatz zu anderen Städten, wo die Vögte Beamte des Königs
oder des Fürsten waren, waren sie in Visby Beamte der Stadt. Sie
versammelten sich unter freiem Himmel auf dem Marktplatz. Aus dem Rat
wurden auch die beiden Bürgermeister der Stadt gewählt, auch
hier wieder ein Deutscher und ein Gotländer. Sie wurden jeweils für
ein Jahr gewählt und waren während dieses Jahres die höchsten
Repräsentanten der Stadt. Die Bürgermeister vertraten die Position
des Rates und sie saßen wahrscheinlich einer Versammlung von stimmberechtigten
Bürgern, einer allgemeinen Ratsversammlung, vor.
Alle hohen Beamten der Stadt Visby kamen aus den oberen Gesellschaftsschichten.
Vor allem waren sie Kaufleute, die Grundbesitz innerhalb der Stadtmauern
hatten. Danach folgten die Handwerker: Kupferschmiede, Schmiede, Gerber,
Bäcker, Schneider, Steinmetze, Küfer und Kannengießer,
um nur einige zu nennen. Das geringste Ansehen unter den in Visby ansässigen
Bürgern hatten Arbeiter, Dienstboten und zumindest noch in der ersten
Hälfte des Mittelalters die Leibeigenen. Die Dienstboten waren einer
strengen Zucht unterworfen. Es war erlaubt, Dienstboten zu schlagen, und
sie durften nachts das Haus nicht ohne die Erlaubnis des Hausherrn verlassen.
Wehe dem Diener, der vergaß, des Nachts die Haustür zu verriegeln!
Feste, Gilden
und Zünfte
Auch wenn
das tägliche Leben der Bürger natürlich hauptsächlich
von der Sicherung des Lebensunterhalts bestimmt war, gab es immer wieder
Gelegenheit für Feste und gesellschaftliches Leben. Solche Gelegenheiten
waren besonders Taufen, Verlobungen und Hochzeiten. Besonders bei Hochzeiten
ergriffen die geladenen Gäste gern die Möglichkeit, gut zu essen,
sich festlich zu kleiden und sich zu amüsieren. Aus dem Stadtrecht
geht hervor, daß diese Feste allmählich zu aufwendig wurden
und daß deshalb besondere Bestimmungen dagegen geschaffen wurden.
So durften zum Beispiel nur 40 Schüsseln serviert werden, jede für
zwei Personen. Es durften nicht mehr als zwei Spielleute engagiert werden
und es durfte nicht mehr als vier Gänge geben. Man durfte sich nicht
übertrieben luxuriös anziehen. Auch die Geschenke durften nicht
zu zahlreich oder zu exklusiv sein. Und es war verboten, Kleidung aus
Seide zu tragen.
Die meisten Feiern und der Großteil des Gesellschaftslebens fanden
ansonsten in den zahlreichen Gilden und Zünften statt. Gilden waren
die damaligen Pendants zu unseren heutigen Vereinen, deren wichtigste
Aufgabe es war, den Mitgliedern Hilfe und Schutz zu gewähren.
Es waren vor allem die Kaufleute, die sich in Gilden zusammenschlossen,
aber es gab auch Gilden für Handwerker und andere, solange sie nur
ihren Beitrag entrichten konnten. Die älteste Gilde in Visby war
wahrscheinlich die dänische S:t Knuts Gilde aus den 1170er Jahren.
Aus dem 14. Jahrhundert sind noch viele weitere bekannt. Die Gilden halfen
ihren Mitgliedern in rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen, kümmerten
sich um die Armen und halfen den Familien verstorbener Mitglieder. Aber
sie waren auch das Zentrum eines intensiven Gesellschaftslebens. Diese
Festivitäten scheinen mitunter recht wild gewesen zu sein, ansonsten
hätte es bestimmt keinen eigenen Abschnitt über das Erbrechen
in der Gildenordnung gegeben.
Das Zunftwesen entwickelte sich unter Handwerkern in Mitteleuropa im 12.
Jahrhunderten. Im 13. Jahrhundert hatte es sich auch in Dänemark
vollständig durchgesetzt, wir wissen aber nicht, wann in Visby die
ersten Zünfte gegründet wurden. Erst für das im 15. Jahrhundert
können zwei Zünfte in der Stadt belegt werden, die der Schneider
und der Schuhmacher. Vor dem Hintergrund der Entwicklung in Dänemark
und der Etablierung des Zunftwesens im Ostseeraum im Zuge der deutschen
Expansion, ist es wahrscheinlich, daß es auch in der Großmachtszeit
Visbys solche Zünfte gab.
Die Zünfte bauten auf einer weitgehenden und bewußt geförderten
Spezialisierung in den jeweiligen Berufen auf. Sie hatten in erster Linie
den Charakter einer wirtschaftlichen Vereinigung, aber natürlich
gab es auch in den Zünften so etwas wie ein Gesellschaftsleben. Es
war das Ziel der Zünfte, das Monopol in ihrer jeweiligen Berufssparte
zu erlangen und sich vor auswärtiger Konkurrenz zu schützen.
Auf diese Weise konnten sie ihren Mitgliedern einen festen Verdienst garantieren,
indem sie verhinderten, daß es zu viele Handwerksbetriebe gab. Die
Zünfte hatten Züge heutiger Gewerkschaften, Berufsschulen, vielleicht
auch von Arbeitsgeberorganisationen und durch ihr Ausbildungsprogramm
vom Lehrling zum Gesellen und schließlich zum Meister, sicherten
sie die Qualität der geleisteten Arbeit oder der produzierten Güter.
Nah an der
Kirche
Natürlich
waren auch die Religion und das kirchliche Leben wichtig für die
Bewohner des mittelalterlichen Visbys. Heute kann man sich kaum noch vorstellen,
welchen Einfluß die Kirche damals hatte. Die Existenz der Kirche
war nicht nur durch die vielen großartigen Kirchenbauten, sondern
auch durch den Klang der Glocken von deren Türmen und die unzähligen
religiösen Prozessionen durch die engen Gassen sehr greifbar. Die
kirchlichen Feste und Feiertage waren sehr zahlreich und über das
ganze Jahr verteilt.
Auch wenn es in der ständig geschäftigen Stadt wohl nicht allzu
viel Freizeit gab, nahmen wohl nicht nur Priester, Bettelbrüder und
Nonnen, sondern auch viele Bürger Visbys am kirchlichen Leben teil.
Gebetsstunden, die zu verschiedenen Gelegenheiten während des Tages
stattfanden, und Gottesdienste vergoldeten für die meisten Sonn-
und Alltag. Und wie muß die Stadt erst ausgesehen haben, wenn sich
große Pilgerscharen oder gar Kreuzritterheere in ihrem Schutz ausruhten?
1199 segnete zum Beispiel der Bischof Albert 500 tapfere Männer vor
den Toren Visbys, bevor sie sich zum Kreuzzug in das noch heidnische Lettland
aufmachten.
Die Kirche hatte auch das Recht, für gewisse Verbrechen Strafen zu
verhängen, unter anderem galt dies für Zauberei, Unzucht und
dem Diebstahl von kirchlichem Eigentum. Eine Geschichte, die Strelow in
seiner Chronik erzählt, zeigt, wie stark die Stellung der Kirche
war. Ein Mann, der etwas aus S:ta Maria gestohlen hatte, wagte sich trotzdem
kurz danach wieder in einen Gottesdienst. Der Priester verhängte
über den noch - unbekannten - Dieb den Bann und so versuchte sich
der Dieb nach dem Verklingen der Glocken und dem Löschen aller Kerzen
unbemerkt aus der Kirche zu schleichen. Als er durch die nördliche
Kirchentür treten wollte, wo ein Rost als Boden ausgelegt war, schmolz
das Eisengitter, so daß er mit den Füßen in der darunterliegenden
Grube stand. Kaum hatte sich der Dieb von seiner Überraschung erholt,
als sich das Gitter auch schon wieder schloß und ihn festhielt.
Erst nachdem er seine Verbrechen gestanden hatte und der Priester ihm
die Absolution erteilt hatte, kam er wieder frei.
Mauern um
die Stadt
Irgendwann
um die Mitte des 13. Jahrhunderts herum dürften sich die führenden
Männer der Stadt, vielleicht die Ratsherren, versammelt haben, um
einen wichtigen Beschluß zu fassen. Die Stadt war in der letzten
Zeit kräftig gewachsen und sie expandierte immer noch. Der Zuzug
von nicht zuletzt wohlhabenden Deutschen war umfassend, der Handel lohnte
sich wie niemals zuvor und ein Packhaus wuchs neben dem anderen an der
Hauptstraße empor. Große Warenlager und ansehnliche Reichtümer
wurden angehäuft.
Auf irgendeine Art mußte all dies beschützt werden, die Bürger
sollten sich bei ihrer Arbeit sicher fühlen. Es ging nicht nur darum,
das eigene Leben, sondern auch den lebenswichtigen Handel zu schützen.
Dazu reichte aber der große Turm an der Hafeneinfahrt nicht mehr
aus.
Durch die regen Kontakte auf dem Kontinent mit deutschen Händlern,
vor allem in Lübeck, hatten die Bürger Visbys außerdem
von den Anzeichen einer Neuorientierung in der gesamten nordeuropäischen
Handelspolitik gehört. Sie standen der deutschen Expansion nicht
ablehnend gegenüber und nun galt es für Visby, an dieser Entwicklung
teilzuhaben und sich von der politischen Abhängigkeit vom Rest Gotlands
freizumachen. Der Bau einer Stadtmauer mußte dazu der erste Schritt
sein!
Die Materialbeschaffung für die Mauer war kein Problem. Alle Baumaterialien
waren in der Nähe vorhanden. Überall um die Stadt herum gab
es Kalksteinbrüche, wo die Steine leicht zu brechen waren und von
wo sie keine besonders langen Strecken mehr transportiert werden mußten.
Sie wußten schon seit langem, wie man Kalk brannte und es gab viele,
die sich auf das Maurerhandwerk verstanden. Auch Arbeitskraft gab es genug
in der Stadt. Tüchtige Arbeiter waren dort gerade mit dem Bau von
Packhäusern, Kirchen, Straßen, Brücken und Kais im Hafen
beschäftigt. Die wirtschaftlichen Ressourcen waren gut, das Projekt
lag ja im Interesse der Kaufleute. Im Falle einer Krise war es zudem kein
Problem, in Lübeck oder anderen deutschen Städten Kapital zu
leihen.
Das Bauvorhaben begann mit einer Mauer zum Meer hin. Sie wurde etwa 1400
Meter lang, 5 Meter hoch und war von niedrigen Zinnen gekrönt. An
der Innenseite bekam sie einen Schützengang aus Holz. Hier und dort,
besonders beim Hafen, wurde sie mit rundbogigen Toren versehen, von denen
einige Doppelpforten waren.
An der nördlichen Hafeneinfahrt schloß die Seemauer an den
bereits beschriebenen Kruttorn (Pulverturm) an. Der Kruttorn wurde etwa
100 Jahre früher erbaut und wurde auf Grund seiner Massivität
und verschiedener Verteidigungseinrichtungen als mehr oder weniger uneinnehmbar
betrachtet. Der Turm war leicht zu verteidigen, aber er hatte die Schwachstelle
aller Türme, daß es kaum möglich war, einen Ausfall gegen
einen Belagerer zu unternehmen.
Als die Seemauer allmählich fertig wurde, begannen die Bewohner damit,
einen Ring um die Landseite der Stadt zu schließen, einen etwa 2000
Meter langen Mauerbogen, der sich im Norden an das Ende der Seemauer anschloß.
Der Verlauf der Landmauer war nicht zufällig, vielmehr richtete sie
sich an einigen bereits vorhandenen Steinhäusern aus. In der Nähe
von Norderport kann man noch die Reste von einigen dieser Häuser
sehen.
Die Landmauer wurde nicht viel höher als die Seemauer und bekam keine
Türme. Die Baumeister der Mauer versahen sie auf der Innenseite mit
gemauerten Bögen, auf denen ein Schützengang aus Stein plaziert
war. Die Mauerkrone bekam Zinnen. Die Bauarbeiter brachen die Steine direkt
im Vorfeld der Mauer, so daß die Verteidigungsanlagen noch durch
Wallgräben verstärkt wurden. Sie machten es einem Feind noch
schwerer, die Stadt anzugreifen.
Als die Mauer schließlich in ihrer ersten Form fertig war - wahrscheinlich
in den 1280er Jahren -, war sie nur für frontale Angriffe ausgelegt.
Von den Schützengängen konnte nur geradeaus geschossen werden.
Die schnelle Entwicklung der Waffen- und Angriffstechnik zwang die Bürger
Visbys, die Mauer mit Türmen zu komplettieren. Da man sie so baute,
daß sie ein Stück über die Mauer herausragten, wäre
es möglich gewesen, die Außenseite der Mauer durch die Schießscharten
des Turms mit Pfeilen und Armbrustbolzen zu bestreichen. Aber es kam etwas
dazwischen.
Bürgerkrieg
Über
das Jahr 1288 berichtet der gotländische Geschichtsschreiber Strelow,
dessen Chronik historische und fiktive Anteile enthält, daß
"große Uneinigkeit" zwischen den Bürgern Visbys und
den anderen Gotländern entstanden war. Die Streitigkeiten wurden
schließlich so groß, daß offener Krieg ausbrach. Laut
Strelow war der Anlaß, daß die Bürger an ihrer Mauer
Zoll und andere Abgaben für die Waren forderten, die die Bauern und
die Kaufleute vom Land in die Stadt bringen wollten. Die Mauer wurde in
Wirklichkeit eine Zollmauer.
Während des Krieges bekamen die Bauern, immer noch laut Strelow,
Hilfe von einigen lettischen und estnischen Kleinfürsten, die Stadt
wurde von anderen Städten rund um die Ostsee unterstützt. Die
Führer der Bauern waren "vornehme Adlige und Häuptlinge"
wie Olof Ragnvalds aus Tofta, Peter Hardings aus Vall, Mickel Takstens
aus Lärbro, Olof Gartarve aus Gammelgarn, Thomas Bilder aus Lau und
Hegleff Kvinnegårda aus Havdhem. Die Heere sollen in zwei blutigen
Schlachten aufeinandergetroffen sein, eine bei Högbro im Kirchspiel
Halla und eine bei Roma. In beiden verloren die Bauern und ihre Verbündeten.
In den zähen Verhandlungen, die folgten, war es sehr schwer, eine
Übereinkunft zu erreichen. So weit Strelow.
Wieso kam
es zum Krieg ?
Es ist sehr
wahrscheinlich, daß Strelow der Wahrheit sehr nahe kommt, wenn er
die von den Bürgern verlangten Zölle und Abgaben als Ursache
für den Krieg nennt. Das kann der Tropfen gewesen sein, der das Faß
zum Überlaufen brachte. Aber es gab tieferliegende Faktoren.
Auf dem europäischen Kontinent waren die deutschen Kaufleute seit
langem damit beschäftigt, sich das Monopol im Handel zu sichern.
Die Händler hatten Organisationen gebildet, sogenannte Hansen, die
an die Städte und deren Ratsinstitutionen gebunden waren. Konkurrenz
von Händlern vom Lande konnten sie nicht dulden, was unter anderem
die Landhändler an der friesischen Nordseeküste erfahren mußten.
Vermutlich war es so, daß ihre Waren und Transporte billiger waren,
nicht zuletzt wohl wegen der dahinterliegenden Organisation. Das ländliche
Gotland glich in vielem den friesischen Inseln: eine Bauerngesellschaft
mit überwiegend freien Bauern, die sich mit Landwirtschaft und Handel
beschäftigten und nicht einem Feudalsystem mit mächtigen Adligen
unterworfen waren.
Noch in 1280er Jahren war die politische Gemeinschaft zwischen der Bevölkerung
auf dem Land und der Stadt, Gotländer wie Deutsche, ungebrochen.
Aber das Bündnis von den Visbydeutschen und Lübeck aus dem Jahr
1280, das ein paar Jahre später auch das zu diesem Zeitpunkt kaum
hundert Jahre alte Riga einschloß, machte deutlich, wohin die Entwicklung
gehen sollte.
Auch andere Ursachen zwangen die gotländische Bevölkerung Visbys,
sich nun einer Seite anzuschließen. Sie konnten an der traditionellen
Gemeinschaft mit dem Rest der Insel festhalten oder sie konnten sich auf
die Seite der Deutschen schlagen und so an der wirtschaftlichen Expansion
weiter teilhaben. Es war wohl nicht besonders schwer, sich für letztere
Möglichkeit zu entscheiden, und so stand die Stadt vereint gegen
das Land. Diese Einigkeit wurde endgültig durch den Bau der Mauer
bestätigt.
Natürlich hatte die Landbevölkerung die ganze Zeit über
gesehen, was vor sich ging. Sie sahen die Mauer als Vorbereitung des Bruchs
mit der gotländischen Gesellschaft und den handelnden Bauern. Das
war eine feindliche Handlung, und die Bauern beschlossen, die Waffen zu
ergreifen.
Magnus Ladulås
greift ein
Der schwedische
König Magnus Ladulås war es, der schließlich diesen unglücklichen
Krieg, der in den folgenden Jahrhunderten tiefe Spuren in der gotländischen
Volksseele hinterlassen sollte, beendete. Während seiner Regierungszeit
- er starb 1290 - stärkte Magnus mit Hilfe der Kirche das schwedische
Königtum, reorganisierte das Steuerwesen, führte das Ritterwesen
in Schweden ein und unterstützte den deutschen Einfluß im Land.
Darüber hinaus war er der König des schwedischen Mittelalters,
der am meisten dafür tat, daß Gotland fester an Schweden gebunden
wurde.
Bei Magnus Ladulås' Krönung 1276 waren Repräsentanten
für Gotland anwesend. Der König stellte im Rahmen der Feierlichkeiten
eine Vollmacht, einen Privilegienbrief, aus, der der ganzen Insel weitgehende
Handelsrechte im gesamten schwedischen Reich gab. Als Gegenleistung nahmen
die Gotländer höhere Steuern, die sich immer mehr denen auf
dem Festland anglichen, auf sich. Die Steuererhöhung kann vielleicht
sogar dahingehend interpretiert werden, daß die Insel anerkannte,
Teil Schwedens zu sein.
Als Magnus Ladulås in den Bürgerkrieg auf Gotland eingriff,
tat er dies in seiner Eigenschaft als schwedischer König und Herr
über die Insel. Schon früher war die gotländische Bauerngesellschaft
durch verschiedene Verträge an Schweden gebunden gewesen, Verträge,
die zwischen Schweden und einem politisch einigen Gotland geschlossen
wurden. Nun hatte der König offensichtlich die Befürchtung,
daß sich Visby aus dieser Gemeinschaft herausbrechen und sich mit
den deutschen Städten alliieren könnte. Gleichzeitig lag es
vielleicht in seinem Interesse, Visby zu einer "freien" Handelsstadt
zu machen - aber dann unter seiner Oberhoheit.
Im Friedensvertrag mußten die Bürger Visbys zugestehen, daß
sie sich unter anderem durch den Bau der Mauern gegen ihren König
vergangen hatten und daß sie ein Unrecht gegen die Landbevölkerung
begangen hatten. Die Stadt verpflichtete sich, die Rechte des Königs
auf der Insel zu beachten, der Bauerngesellschaft gegenüber nicht
herausfordernd aufzutreten und die Bewohner des Landes nicht daran zu
hindern, Verbindung mit ihrem König aufzunehmen. Streitigkeiten mit
den Landbewohnern sollten in gegenseitigem Einvernehmen gelöst werden
und die Stadtbewohner mußten zusichern, daß sie in Zukunft
keinen anderen Herren als den schwedischen König anerkannten.
Visby blieb so eine Handelsstadt, die ihr Recht in der immer größer
werdenden internationalen Städtehanse behaupten konnte. Die Gotländer,
die in der Stadt wohnten, verloren größtenteils die wirtschaftliche
und politische Verbindung zum Rest der Insel. Obwohl die Stadt umfangreiche
Bußgelder wegen des Mauerbaus an den König zahlen mußte,
hatte sie ihr Ziel erreicht: Freiheit vom ländlichen Gotland.
Die Mauer
wird verstärkt
Als die eigentlichen
Unruhen vorbei waren, warteten die Bürger Visbys nicht lange damit,
die Stadtmauer zu verstärken. Erst versahen sie die nördlichen,
östlichen und südlichen Tore mit kräftigen Türmen
und raffinierten Innenausbauten und sie versperrten die Toröffnungen
mit soliden Holzpforten und Fallgittern. Um die Tore das ganze Jahr über
bemannen zu können, wurden Kamine in die Türme eingebaut und
das Osttor bekam sogar einen Abtritt.
Danach wurden alle anderen Türme bis auf den Kruttorn und die Türme
auf der südlichen Mauer, die gleichzeitig mit der ältesten Mauer
gebaut worden waren, errichtet; am Ende waren es 29 Stück. Die neuen
Türme bekamen abgewinkelte Ecken, um das Schießen aus den Schießscharten
zu erleichtern.
Der nächste Schritt war, die Mauer um einige Meter zu erhöhen.
Die Erhöhung wurde auf den alten Schützengang gebaut und wurde
so etwas dünner als die ursprüngliche Mauer. Die Mauerkrone
bekam nun einen gleichmäßigen Abschluß und an der Innenseite
wiederum Schützengänge aus Holz. Zwischen den Türmen plazierten
die mutigen Baumeister Satteltürme, die auf der Mauerkrone saßen.
Irgendwann zur Mitte des 14. Jahrhunderts dürfte die ganze Mauer
in dieser Form fertig gewesen sein.
So sehen wir die Mauer noch heute, recht unbeeindruckt von den vergangenen
600 Jahren. Nur Kleinigkeiten wurden in dieser Zeit an der Mauer verändert.
Im 15. Jahrhundert entstanden ein paar Türme an der Südmauer,
Sprundflaskan (Spundflasche) und der Jungfrauturm. Im folgenden Jahrhundert
wurden einige Kaponieren genannte Verteidigungsanlagen gebaut, die von
der Ostmauer ausgingen. Die Schützengänge und die hölzernen
Stockwerke in den Türmen verschwanden größtenteils während
eines Brandes im 17. Jahrhundert. Während der Kriege im 18. Jahrhundert
befahl der Landshövding (Gouverneur) seinen Soldaten, Öffnungen
für Kanonen in einige Türme, darunter Norderport und Silverhättan,
zu brechen.
Die Stadtmauer Visbys ist ein Bauwerk, dem wenige ebenbürtig sind,
und eins der schönsten Baudenkmäler Schwedens. In Schweden hatten
nur Stockholm und Kalmar während des Mittelalters Stadtmauern aus
Stein, aber diese sind heute fast vollständig verschwunden. Die Stadtmauer
Visbys hat kein Gegenstück im Norden, vielleicht in ganz Europa nicht.
Natürlich sind an vielen Orten die Stadtmauern bewahrt geblieben,
besonders in Deutschland und Frankreich, in Städten wie Rothenburg
ob der Tauber, Dinkelsbühl, Nürnberg, Carcassonne und Avignon.
Wenige sind aber so alt, und noch weniger sind so gut erhalten und haben
eine so fantastische Lage wie die Stadtmauer von Visby.
Schlechtere
Zeiten für Gotland
Die Pest
Da Gotland
in keinster Weise ein abgeschirmter oder isolierter Teil des Nordens war,
bekam die Insel auch all das zu spüren, was in den umgebenden Ländern
passierte. Auch wenn die schwedischen Könige Birger Magnusson und
Magnus Eriksson an Gotland und Visby interessiert waren, versuchten sie
nicht, der Stadt oder der Insel neue Gesetze aufzuzwingen. Obwohl es ein
allgemeines Stadtrecht gab, durften die Gotländer ihr Gemeinschaftsleben
weiterhin nach Gutalagen organisieren. Für die Stadt bestätigte
Magnus Eriksson die Gültigkeit des Stadtrechts von Visby. Aber die
beiden Könige taten, was sie konnten, um die Gotländer dazu
zu bringen, mehr Steuern an die schwedische Krone zu zahlen.
1313 scheint Birger Magnusson das Kunststück gelungen zu sein, die
Steuern zu erhöhen, allerdings wurde dies schon 1320 wieder zurück
genommen. 1342 versuchte König Magnus, von Visby Hilfe für einige
Verteidigungsausgaben zu bekommen. Wahrscheinlich schaffte er es, daß
die beiden Bürgermeister Herman Swerting und Johannes Moop eine Summe
bezahlten. Die Bürger Visbys wollten diese Vereinbarung nämlich
nicht gutheißen, als sie schließlich herauskam. Weil die Geldnot
des Königs zum größten Teil auf einem Konflikt mit den
deutschen Städten beruhte, waren die Bürger der Ansicht, die
Bürgermeister hätten Hochverrat begannen. Sie wurden zum Tode
verurteilt und auf dem Marktplatz geköpft.
1350 kam die Pest nach Visby und Gotland. Sie traf die Insel sicherlich
mit der gleichen Wucht wie den Kontinent. Die volkstümliche Überlieferung
berichtet, daß die Seuche in der Stadt 8000 Opfer forderte und ganze
Kirchspiele auf dem Land verödete. Diese Angaben sind sicherlich
übertrieben. Niemand verstand die Ursache hinter dem furchtbaren
"Schwarzen Tod". Natürlich probierten die Menschen verschiedene
Gegenmittel. Darunter war eine Pflanze, die Gemeine Pestwurz, die immer
noch in den nördlichen Wallgräben wächst. Viele glaubten,
daß die Pest eine Strafe Gottes für die Menschen war. Andere
schoben die ganze Schuld auf die Juden und umherziehendes Volk, die man
anklagte, Brunnen und Wasserläufe vergiftet zu haben. In Visby ergriffen
die Behörden einen Mann, der im Verhör gestand, mehrere Brunnen
in Städten auf dem Festland vergiftet zu haben. Er sagte auch, daß
er ein Gift habe, mit dem die ganze Bevölkerung Gotlands ausgerottet
werden könne. Ein anderer Gefangener gestand, daß er während
eines Gottesdienstes in S:t Olof ein Leinentuch vergiftet hatte, daß
beim Feiern des Gottesdienstes angewendet wurde. Alle, die das Tuch geküßt
hatten, starben wie so viele andere, die angesteckt wurden. Beide Täter
wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Die Krise
der Landwirtschaft
Gotland wurde
auch von der umfassenden Krise der Landwirtschaft und dem Phänomen
Wüstungen heimgesucht. Doch wahrscheinlich nicht so hart wie andere
Orte. Viele der Voraussetzungen für die Krise fehlten auf der Insel.
Hier gab es kein Feudalsystem, weder Könige noch Adlige hatten Grundbesitz,
der ganze Boden befand sich in der Hand der Bauern. Auch wirtschaftlicher
Ruin war selten, da die Steuern zumindest bis zum frühen 15. Jahrhundert
niedrig waren. Es ist schwer zu sagen, wie viele gotländische Höfe
im 14. und 15. Jahrhundert verschwanden, schätzungsweise waren es
10-20 Prozent.
Die schlechten Zeiten mit immer geringerer Nachfrage nach Waren, neuen
Handelswegen und stärkerer Konkurrenz durch die Deutschen, waren
schon im späten 13. Jahrhundert für die gotländischen Fernhändler
spürbar gewesen. Nun wurde es um ein Vielfaches schlimmer, zumindest
was den internationalen Handel anging. Die Gotländer wurden von immer
mehr Märkten ausgeschlossen: aus Flandern, England, Norwegen und
zum Schluß auch aus Nowgorod, wo das gotländische Handelskontor
Gutagård in deutsche Hände überging.
Der Niedergang des Handels betraf das ländliche Gotland nicht unmittelbar.
Noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hatten die gotländischen
Bauern die wirtschaftlichen Ressourcen, ihre Kirchen um- und auszubauen,
auch wenn die neuen Projekte immer vorsichtiger wurden. Die Ereignisse
des Jahres 1361 waren Teil dieser Entwicklung. Der Todesstoß, wenn
wir nun von so etwas sprechen können, waren die politischen Verwicklungen
und die verwirrende Situationen im Ostseeraum in den 1390er Jahren. Es
ist auch nicht unmöglich, daß die Bauern einen Teil des ausbleibenden
Fernhandels durch einen größeren Handel mit Visby, sowohl zum
Weitertransport als auch zum Verbrauch innerhalb der Stadt, kompensieren
konnten. In diesem Fall war das keine schlechte Lösung, da sie keine
Investitionen in eigene Fahrzeuge oder Häfen erforderte.
Klagend fällt
das Volk durch das Schwert
Das Gemälde
An einem
Frühlingstag in den frühen 1890er Jahren besuchte die Autorin
Selma Lagerlöf eine Kunstausstellung in Stockholm. Wie viele andere
wurde auch sie von einem großen, farbenprächtigen Bild gefesselt,
das von Figuren nur so wimmelte. "Für eine halbe Stunde lebte
ich im Mittelalter", schrieb sie später. Uns so fuhr sie fort
:
"Schnell befand ich mich in der Szene, die sich gerade auf dem Marktplatz
in Visby abspielte. Ich sah die Bierfässer, die von der goldenen
Pracht gefüllt wurden, wie es König Waldemar gewünscht
hatte, und die Gruppen, die umher standen. Ich sah den reichen Händler
mit seinem Pagen, der unter der Last der Gold- und Silberschüsseln
fast zusammenbrach, den jungen Bürger, der vor dem König seine
Faust ballt, den Mönch mit dem scharf geschnittenen Gesicht, der
mit forschendem Blick über seine Majestät wacht, den zerlumpten
Bettler, der seinen Groschen dazugibt, die Frau, die vor dem Faß
auf den Boden gesunken ist, den König auf seinem Thron, die Heere,
die aus den schmalen Gassen strömen, die hohen Giebel der Häuser
und die verteilten Gruppen von antreibenden Soldaten und widerspenstigen
Bürgern. Aber plötzlich merkte ich, daß nicht der König
oder einer der Bürger die Hauptperson des Bildes ist, sondern der
eine von den eisengewandeten Schildträgern des Königs, der mit
dem geschlossenen Visier. Für diese Gestalt hat der Künstler
viel Kraft aufgewendet. Man sieht nicht das Geringste vom eigentlichen
Mann, der ganze Kerl ist Eisen und Stahl, und doch macht er den Eindruck,
der wirkliche Herr der Situation zu sein.
"Ich bin die Gewalt, ich bin die Raubgier", sagt er. "Ich
bin es, der Visby brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen
und Stahl. Ich erfreue mich an Qualen und dem Bösen. Sollen sie nur
weitermachen und einander peinigen! Heute bin ich der Herr in Visby"
..."
Das Gemälde,
das die Autorin so faszinierte, war das Historiengemälde "Waldemar
Atterdag brandschatzt Visby" von Carl Gustaf Hellqvist. Wie so viele
andere schwedische Künstler mit Interesse für Geschichte und
Romantik, hatte Hellqvist in den 1870er Jahren Visby besucht. Er wurde
von den Ereignissen des Jahres 1361 so gefesselt, daß er mit den
Skizzen für ein Gemälde begann, das die vielleicht effektvollste
Episode darstellte, die Brandschatzung.
1882 war das Werk fertig, eine imponierende Leinwand, zwei Meter hoch
und drei Meter breit. Hellqvist hatte zu diesem Zeitpunkt viele Jahre
lang an dem Gemälde gearbeitet, die ganze Zeit über in seinem
Münchener Atelier. Mehrmals hatte er seine Inspiration in Visby gesucht,
aber auch in vielen mittelalterlichen deutschen Städten. Er hatte
Museen besucht und das Werk älterer Künstler studiert. Eigentlich
gibt das Gemälde nicht viel des mittelalterlichen Visbys wider. Das
Bürgerpaar im Zentrum hat Züge von Hellqvist und seiner Ehefrau,
der Dackel, der mit seiner Nase an einem der Fässer schnüffelt,
war der Dackel des Künstlers mit dem Namen Medoc. Es gab überhaupt
keine Dackel in einer mittelalterlichen Stadt.
"Die Brandschatzung" ist aber nicht nur - wie man mitunter denken
kann - eine sechs Quadratmeter große Theaterkulisse, sondern sie
hat auch eine tieferliegende Bedeutung. Es ist die Entscheidung zwischen
Gut und Böse, symbolisiert durch Waldemar Atterdag und das Kruzifix
in der linken Bildhälfte. Im Mittelpunkt der Komposition befindet
sich das Bürgerpaar, bei dem die Ehefrau mit dem Kind im Arm auf
die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind anspielt. Das Böse siegt, das
Böse trifft die Stadt Visby. Als "Die Brandschatzung" fertig
war, wurde sie in mehreren Ausstellungen in ganz Europa gezeigt. Überall
erweckte sie Aufsehen und Hellqvist bekam mehrere Medaillen und Preise
für sein Werk. Heute hängt das Gemälde in der Mittelalterabteilung
von Gotlands Fornsal.
Die Sagen
Knapp zehn
Jahre nach der Pest wurde Gotland von einer anderen Katastrophe heimgesucht
- dem Eroberungszug Waldemar Atterdags. In der volkstümlichen Überlieferung,
in Märchen und Sagen lebt die Erinnerung an diese umwälzenden
Ereignisse bis heute fort. Im Lauf der Jahre haben sich natürlich
die Proportionen verändert, vieles wurde hinzugefügt, ein Teil
sind vielleicht historische Fakten, anderes reine Phantasie. Wie es sich
damit auch verhält, könnte zumindest die Geschichte so erzählt
werden:
In Visby wohnte damals ein reicher Handwerker mit dem Namen Nils Guldsmed.
Er war nicht nur reich, sondern auch hochmütig. Seine schöne
Tochter hatte die gleichen Charakterzüge, sie kleidete sich prachtvoller
als die anderen Frauen in Visby und sie wies alle jungen Männer,
die ihr den Hof machten, hochmütig ab.
Das weckte den Unmut der Bürger, die ihr Schimpfnamen gaben und schlimme
Lieder über sie und ihren Vater dichteten. Schließlich waren
es Nils Guldsmed und seine Tochter leid, ständig Schimpfworte zu
hören, und sie beschlossen, Rache zu nehmen. Sie fuhren nach Dänemark,
um mit König Waldemar zu sprechen. Schnell handelte das Gespräch
von den Reichtümern, die es auf Gotland gab und die so leicht zu
erobern seien. In einem alten Lied wird der Besuch beschrieben:
Nils Guldsmed
zieht zum König und lügt, der feige Verräter und schleimige
Dieb:
Die Gotländer haben so viel Gold,
daß sie es nicht tragen können,
die Schweine essen aus silbernen Trögen,
die Hausfrauen spinnen auf goldenen Rädern...
Natürlich
konnte der König diesen Verlockungen nicht widerstehen. Die dänischen
Finanzen, und im übrigen auch seine eigenen, konnten sicherlich die
Stimulierung durch die gotländischen Reichtümer gut gebrauchen.
Um mehr zu erfahren, begab sich König Waldemar unter größter
Geheimhaltung selbst auf die Insel. Es galt ja, sich gut vorzubereiten,
lag Gotland doch nicht gerade um die Ecke.
Als er auf der Insel umherwanderte, kam er auch zu dem Hof von Unghanse
im südlichen Gotland. Dort konnte er über Nacht bleiben und
entdeckte die schöne Tochter des Bauern. Wie das Leben nun so spielt,
fanden die beiden Gefallen aneinander. Diese Beziehung zwischen den beiden
wurde rasch immer intensiver. Einmal wurden die beiden in einer - üblicherweise
als recht intim bezeichneten - Situation vom Unghanse-Bauer selbst überrascht,
der so ärgerlich wurde, daß er dem vermeintlichen Landstreicher
eine Ohrfeige gab. Der König von Dänemark, der Waldemar trotz
allem ja immer noch war, hatte es sehr schwer eine solche Demütigung
zu ertragen. Er beherrschte sich aber doch und verschwand in die ihm zugewiesene
Ecke des Stalls.
Gleichzeitig ging auf Gotland das Gerücht um, daß der dänische
König böse Absichten gegenüber der Insel hegte. Die übermütigen
Gotländer sammelten sich aber nicht, um den Widerstand zu organisieren,
sondern amüsierten sich statt dessen damit, Spottlieder zu dichten
und Ringspiele zu veranstalten, die Waldemar verhöhnten. In einem
Spiel standen alle in einem Kreis und einer spielte den König, der
außerhalb des Kreises stand. Wenn dieser versuchte, in den Kreis
einzudringen, wurde er von den anderen herausgedrängt, hatte er Erfolg,
wurde derjenige, der ihn durchgelassen hatte, bestraft.
Bald bekamen die Gotländer aber andere Sorgen, als sich die dänische
Flotte vor der Westküste zeigte. Die Landung erfolgte bei der Fischersiedlung
Kronvalls oder bei Västergarn, wo es einen guten Hafen gab, vielleicht
auch an beiden Stellen gleichzeitig. Nach einem kleineren Scharmützel
marschierte das dänische Heer ins Landesinnere, um bei der Brücke
von Ajmunde den Sudertingsån zu überqueren.
Unter der Brücke saß eine Zauberin, die ein Bündnis mit
Waldemar geschlossen hatte, der ihr die Hälfte allen eroberten Goldes
versprach. Als die gotländischen Streitkräfte die Brücke
überquerten, um den Dänen Widerstand zu leisten, beeinflußte
die Hexe sie derart, daß sie allen Mut und Kampfeslust verloren.
Die Schlacht, die im folgenden auf dem Moor von Fjäle ausgekämpft
wurde, konnte nur auf eine Weise ausgehen: die Dänen errangen einen
vernichtenden Sieg. Das Blut färbte das ganze Moor und das Wasser
des Flusses dunkelrot und bei dem Hof von Grens wurde ein Reiter so durchtrennt,
daß nur noch die Beine und der Unterleib auf dem Pferd saßen.
Die Dänen konnten nun, nachdem sie bei Gunilde im Kirchspiel Sanda
ihr Lager aufgeschlagen hatten, bis nach Visby vordringen. Dort hatten
die Gotländer aus dem Nordteil der Insel in aller Hast ein Bauernheer
versammelt, um die Dänen zu stellen. Der Platz, den sie für
die Schlacht gewählt hatten, war ein ziemlich offenes Feld südöstlich
der Mauer, etwa da wo heute Gutavallen liegt. Die Schlacht war sehr hart
und das erfahrene dänische Heer besiegte die Gotländer vollständig.
1800 Bauern fielen und auch hier floß das Blut in Strömen,
so stark, daß es durch die ganze Stadt floß und dort, wo heute
an Korsgatan das Kreuz steht, in die Ostsee strömte.
Während der ganzen grausamen Schlacht standen die Bürger Visbys
auf der Mauer und sahen zu. Als der Kampf vorbei war, hielten sie es für
ratsamer, mit den Dänen zu verhandeln und schließlich ließen
sie den Feind ohne Widerstand in die Stadt hinein. Als ein Zeichen für
die Unterwerfung der Stadt ließ Waldemar ein Stück der Stadtmauer
einreißen, durch das sein Heer in 13 Mann starken Reihen in die
Stadt zog.
Der König befahl, daß drei große Bierfässer auf
dem Marktplatz aufgestellt werden sollten. In der Stadt verkündeten
seine Herolde, daß der König seine Soldaten ziellos plündern
und brandschatzen lasse, wenn die Fässer nicht mit Gold und Silber
gefüllt würden. In dieser Situation zeigte sich der Reichtum
Visbys. Noch vor Sonnenuntergang waren die Fässer bis zum Rand gefüllt.
Der König war darüber sehr erstaunt, aber natürlich auch
sehr erfreut. Nun begnügte er sich aber nicht damit, sondern nahm
auch die Kostbarkeiten aus den Kirchen an sich und ließ sogar die
großen roten Edelsteine aus dem Westgiebel von S:t Nicolai brechen.
Danach zog er über den Rest Gotlands, um die reichen Bauern zu berauben.
Zunächst marschierte er nach Süden.
Schließlich kam er zurück zum Hof von Unghanse, wo er seine
Geliebte treffen wollte. Er wurde aber entdeckt und mußte in aller
Hast fliehen. Während seiner Flucht, kam er so weit nach Süden,
daß er an drei Seiten vom Meer eingeschlossen war und seine Verfolger
immer näher kamen. Glücklicherweise sah er da eine junge Frau,
die am Wegesrand saß und Vieh hütete. Als der Frauenschwarm,
der nun einmal war, fiel es ihm nicht schwer, sie zu überreden, ihn
zu verstecken - unter ihren weiten Röcken! So entkam er seinen Verfolgern.
Der Hof, bei dem dies geschah, heißt seitdem Vännes, da der
König dort einen Freund (vän) hatte. Oder kommt der Name daher,
daß das dänische Heer auf seinem Plünderungszug hier umdrehte?
Der Acker, auf dem das Mädchen Waldemar versteckte, wird Dylo, das
Versteck, genannt.
Als die Dänen Gotland wieder verlassen hatten, kümmerte sich
Waldemar nicht darum, die schöne Tochter des Unghanse-Bauern mitzunehmen.
Die Gotländer ahnten nun, daß sie jemand verraten hatte und
eine Untersuchung zeigte bald, daß während der Kämpfe
ein weißes Tuch über dem Unghanse Hof gehißt war, der
vollkommen von Plünderung verschont wurde.
Die Bauerstocher wurde gefangen genommen und nach Visby gebracht. Sie
gestand ihr Verbrechen und wurde zur Strafe lebendig in einen der Mauertürme
eingemauert, den Jungfrauturm. Dort hat sie immer noch keine Ruhe gefunden,
und es kommt vor, daß sie von den Toten aufsteht und verzweifelte
Seufzer aufs Meer hinausschickt.
Auch Waldemar wurde vom Unglück heimgesucht. Als er mit der ganzen
Beute nach Dänemark zurücksegeln wollte, rächte sich die
Hexe, die unter Brücke von Ajmunde gesessen hatte und natürlich
nichts von dem Gold bekommen hatte. Ein schwerer Sturm kam auf und das
Schiff ging mit allen Schätzen an Bord bei den Karlsinseln unter.
Und dort liegt es noch. Bei jeder vollkommenen Flaute - und das passiert
sehr selten - soll man die Mastspitzen aus dem Wasser ragen sehen und
die Edelsteine leuchten mit einem nahezu magischen Glanz vom Meeresgrund
empor.
Die Quellen
So kann die
Geschichte von Waldemar Atterdags Kriegszug nach Gotland im Jahre 1361
erzählt werden. Die Schilderung ist eine Zusammenstellung von vielen
unterschiedlichen Sagen und Überlieferungen aus verschiedenen Zeitaltern
und Quellen, in einigen Fällen können wir sogar von Neudichtung
sprechen. Ein Teil ist in Strelows Chronik von 1633 enthalten, andere
hat P.A. Säve aufgezeichnet. Aber bei niemandem wird eine Verräterin
in einem Turm eingemauert. Diese Episode bekommen wir erst in der Mitte
des 19. Jahrhunderts zu hören: in Emilie Flygare-Carléns Roman
"Der Jungfrauenturm".
Einige Episoden sind bekannte Wandersagen, die es mit anderen Worten an
vielen Orten der Welt gibt, andere sind psychologische Reaktionen und
Erklärungen für die Niederlage der Gotländer und die Ursachen
des Krieges. Die Versuche, Ortsnamen zu erklären, können eventuell
andeuten, daß es einen Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres
1361 gibt.
Was ist die historische Wahrheit in den Geschichten? Eine Sage hat ja
üblicherweise ein Kern Wahrheit. Der Kriegszug an sich gehört
natürlich dazu, ebenso die Schlachten zwischen Dänen und Gotländern
und die Anzahl der Opfer des gotländischen Heeres am 27. Juni. Zur
historischen Wahrheit kann man auch rechnen, daß Visby im Gegensatz
zum ländlichen Gotland schamvoll kapitulierte. Vielleicht können
wir auch die Episode mit der eingerissenen Mauer und die Tatsache, daß
Stadt und Land teuer für die Niederlage bezahlen mußten, dazu
rechnen. Aber wie können wir genaues Wissen darüber erlangen?
Aus dem Jahre 1361 und den darauffolgenden Jahrzehnten sind zumindest
zwei Dutzend Quellen vorhanden, vor allem Briefe, die auf irgendeine Weise
mit den Geschehnissen verbunden sind. Besonders wichtig ist der Privilegienbrief
Waldemar Atterdags für Visby von 1361, in dem er der Stadt alle Rechte,
die sie für den Handel mit Dänemark innehatte, und das Recht,
eigene Münzen zu schlagen, garantierte.
In einem Brief des Rates von Visby an die Hansestädte, datiert 1362,
schreiben die Ratsherren, daß sie im vergangenen Jahr hansisches
Gut gerettet hätten, indem sie ihre eigenen Güter zur Bezahlung
des Lösegeldes verwendet hätten. Eine Chronik aus Seeland in
Dänemark, um 1365 geschrieben, berichtet unter anderem von einer
Schlacht zwischen Dänen und Gotländern und daß Waldemar
in der Stadt große Mengen Gold, Silber, Pelzwerk und viele andere
Schätze erobert hatte.
Um 1370 schrieb jemand einen Beschwerdebrief an Magnus Eriksson. Darin
teilt der Verfasser die etwas merkwürdige Tatsache mit, daß
Magnus und Waldemar sich darauf geeinigt hätten, daß der dänische
König Gotland erobern durfte, ohne daß sich der schwedische
König einmischte. In der Lübecker Chronik von Detmar von etwa
1380 findet sich die Geschichte vom reichen Gotland wieder, wo die Schweine
aus silbernen Trögen essen. Auch hier wird davon berichtet, wie Waldemar
einen großen Schatz aus Gold und Silber von den Bürgern erpreßte.
Eine gewisse Distanz zu den Ereignissen haben die Franziskaner erreicht,
als sie in ihren Annalen von etwa 1420 notieren, daß 1800 Gotländer
vor Visby gefallen sind und daß sich die Stadt daraufhin freiwillig
ergab. Auch die Bettelbrüder schreiben, daß die Dänen
einen großen Schatz eroberten.
Hierzu kommen zwei andere schriftliche Quellen, die von Forschern als
zeitgenössisch angesehen werden. Die eine ist eine lateinische Inschrift
in der Kirche von Fide im Süden Gotlands: "Edes succense gens
cesa dolens ruit ense". Das kann so übersetzt werden: "Die
Häuser sind niedergebrannt, die Menschen fielen klagend durch das
Schwert." Einige haben diesen kurzen Satz als ein sogenanntes Chronogramm
interpretieren wollen, in dem eine Jahreszahl in römischen Ziffern
versteckt ist: DDCCCLVVI=1361.
Der andere Text ist in das Kreuz bei Korsbetningen eingemeißelt,
auch dieser auf Latein. Die Übersetzung lautet: "Im Jahre des
Herrn 1361 am Dienstag nach S:t Jakobi fielen die hier begrabenen Gotländer
vor den Toren Visbys in die Hände der Dänen. Bete für sie."
Diese mehr oder weniger zeitgenössischen Quellen können viele
wirklichkeitsgetreue Angaben machen: über die Schlachten, den Kampf
vor Visby, die Anzahl der Opfer und über die "Brandschatzung".
Weil das Material aus der in Frage kommenden Zeit stammt, also als Primärquellen
bezeichnet werden kann, dürfte es recht zuverlässig und damit
wertvoll sein. Doch sollten wir trotzdem auf der Hut sein. Der Verfasser
oder Urheber kann falsch unterrichtet gewesen sein, oder er hatte eine
bestimmte Absicht mit seiner Schrift. Das gilt zum Beispiel für die
Klageschrift gegen Magnus Eriksson.
Natürlich gibt auch noch andere schriftliche Angaben, Sekundärquellen.
Sie bauen auf Informationen aus zweiter Hand auf, älteren Stoffen,
und sind damit äußerst unsicher. In einer schwedischen Reimchronik
von etwa 1450 wird zum Beispiel berichtet, daß Waldemars Flotte
bei Västergarn (Garna Hafen) anlegte und daß sie auf der Rückfahrt
im Schärengarten von Tjust versank. Olaus Petri schreibt in seiner
Chronik aus dem frühen 16. Jahrhundert, daß Waldemar Gotland
mit dem Einverständnis Magnus' einnahm und gibt auch die Angaben
über die 1800 gefallenen gotländischen Bauern, über geraubtes
Gold und Silber und über den Schiffsbruch auf der Heimfahrt wieder.
In einer dänischen Chronik vom Beginn des folgenden Jahrhunderts
ist wieder die Geschichte enthalten, daß Magnus Eriksson Streit
mit den Gotländern hatte und deshalb Waldemar die Insel ohne Widerstand
einnehmen ließ. Hierin wird auch berichtet, daß der dänische
König einen Teil der Mauer für seinen Einzug in die Stadt einreißen
ließ.
1633 gab Strelow seine gotländische Chronik heraus. Das Material
hierfür hat er aus unterschiedlichen Dokumenten, Überlieferungen
und Sagen geschöpft. Einen Teil hat er vielleicht dazuerfunden. In
der Chronik findet sich ein langer Bericht über den Zug Waldemars
wieder. Eine Neuheit gegenüber den anderen Chroniken ist, daß
Strelow die Landung zur Fischersiedlung Kronvalls im Kirchspiel Eksta
verlegt. Nach dem Tode Strelows dauerte es lange - bis zum Roman "Der
Jungfrauenturm" von 1848 - bis der Geschichte in Form einer Neudichtung
etwas hinzugefügt wurde.
"Die
hier begrabenen Gotländer"
Es gibt noch
einen anderen Typ von Quellenmaterial, ein Typ, der nicht einer Quellenkritik
unterzogen werden muß, sondern dessen Informationen vielmehr interpretiert
werden müssen. Die sichersten Informationen über vergangene
Zeiten geben nämlich die bewahrten Reste der Menschen und Gegenstände,
die einmal Teil der wirklichen Ereignisse waren. Der Historiker bezeichnet
dies als Überreste - und davon gibt es in diesem Fall viele.
In der Nähe des Kreuzes bei Korsbetningen haben Archäologen
zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederholt mehrere gewaltige Massengräber
untersucht. Sie bestätigten auf eine fast makabre Weise die Inschrift
des Kreuzes: "die hier begrabenen Gotländer".
Ein Augenzeuge berichtet von den Ausgrabungen und dem Anblick, der sich
ihm in einem der geöffneten Massengräber bot: "Als eine
mehr oder weniger zusammenhängende Masse, wie ein gigantisches Korallenriff,
drängen sich hier 300 Skelette aneinander, nicht in der friedvollen
Stille des Todes Seite an Seite gelegt, sondern in das riesige Grab wie
Abfall in die Müllgrube geschmissen. In Stellungen, die bei Lebenden
Haß, Zärtlichkeit, Schmerz, Ausgelassenheit, Verzweiflung oder
Entrückung ausdrücken würden, aber die hier von der passiven
Majestät des Todes geheiligt werden, liegen diese Knochenmänner
vor uns. Der eine scheint seine Arme zu einer Umarmung ausgebreitet zu
haben, ein anderer scheint einen großen Schritt mit weit ausgestreckten
Beinen zu tun, an der einen Seite sitzen zwei gegeneinander gelehnt, als
gäben sie einander Halt, in einem Brustkorb hat sich der Kopf eines
anderen verkeilt, und viele, sehr viele sind in Fragmente zerfallen und
wurden miteinander vermischt... Rüstungen und Rüstungsteile
sind noch in großer Zahl vorhanden, und hierin liegt das Verlockende
dieses Fundes für die Forschung.
Einige der faszinierendsten Funde in diesem schrecklichen Arsenal des
Todes sind die Schädel, die noch in ihre Panzerhauben gekleidet sind;
sie liegen dort als ob sie sich nur ausruhten, die Ringe der Panzerung
in Form des Kopfes angeordnet, die Haube des Einen ist in die Stirn gezogen,
und in der Öffnung der Haube, von dem rostbraunen Ringnetz umgeben,
sieht man den vergilbten Schädel mit starken weißen Zähnen
und leeren Augenhöhlen...
Aber die Wirkung der feindlichen Waffen kann auch heute noch beobachtet
werden, und so wird einem erst richtig vor Augen geführt, wie grausam
das Schlachten an diesem Julitag im Jahre des Herrn 1361 gewesen sein
muß. Die Pfeilspitze, die pfeifend ihr Ziel traf, bevor der Kampf
begonnen hatte, sitzt zwischen den Rippen eingeklemmt. Aus kräftigen
Schenkelknochen sind große Stücke herausgehauen worden, in
einen Schädel hat der erste Hieb einen breiten Riß hineingehauen,
der zweite hat ihn gespalten; so etwas wurde mit Schwertern vollbracht,
die schwer wie Eisenstangen waren und oft mit beiden Händen geführt
wurden, oder mit Streitäxten, die breite Schneiden und einen meterlangen
Schaft hatten... In einem Schädel ist ein großes, vollkommen
quadratisches Loch zu sehen, in einem anderen ein etwas kleineres; das
sind die Spuren von Keulen oder "Geißeln" mit kräftigen
Eisendornen.
Mit dem Anspannen aller Muskeln, mit der Aufopferung aller Kraft ihrer
Körper sind diese Menschen aufeinander losgegangen, und das Blut
hat gespritzt und Glieder wurden gebrochen und das Fleisch wurde in Stücken
von den Knochen gehauen - wenn man diese Gefallenen betrachtet, die zusammen
in die großen Gräber geschmissen wurden, möchte man fast
an die Erzählung glauben, daß an jenem Tag, dem dritten nach
St. Jakob im Jahre 1361 "das Blut durch die Tore Visbys strömte,
die Hügel hinterlief und bis ins Meer strömte"..."
Heute sind fünf oder sechs Massengräber bekannt, drei davon
wurden untersucht, zwei wurden vor langer Zeit ganz oder teilweise zerstört,
wenigstens eins ist immer noch unberührt. Fast überall waren
die Leichen planlos in die Gräber geworfen worden, offensichtlich
in großer Hast. Als Experten allmählich dazukamen, die Knochen
näher zu untersuchen, entdeckten sie schnell, daß viele der
Toten Alte oder Jugendliche waren, daß viele zu Lebzeiten an verschiedenen
Krankheiten gelitten hatten und daß viele sogar Invaliden gewesen
waren. Mit anderen Worten: das Heer war vom militärischen Gesichtspunkt
aus nicht besonders zum Kampf geeignet.
Die Verletzungen durch Pfeilschüsse, Axt- und Schwerthiebe, Keulen
und Dolchen zeigen, wie gewaltsam der Kampf war. Von den wahrscheinlichen
Todesstößen zu urteilen, sind Unzählige Gotländer
von hinten niedergehauen worden, wahrscheinlich auf der Flucht.
Die Funde von Rüstungen, Pfeilspitzen, Messern, Kettenhemden, Handschuhen
und anderen Gegenständen bei Korsbetningen, die zeigen, wie das Bauernheer
ausgerüstet war, illustrieren das historische Ereignis sehr gut.
Mit ihrem tragischen Inhalt haben die Gräber dieses Ereignis auf
besondere Weise der Nachwelt zugänglich gemacht.
Die Fragen
In keiner
der Quellen ist ein Grund angegeben, warum sich Waldemar Atterdag gegen
Gotland wandte. Aber die Frage muß natürlich gestellt werden.
Geschah es auf Grund des Wohlstandes der Insel, und weil er hoffte, leicht
zu Reichtum zu kommen? Oder war es ein Schlag, der gegen Magnus Eriksson
und Schweden gerichtet war? Oder gegen die Hanse? Hatte Waldemar eine
Absicht mit der Eroberung Gotlands? Und, so müssen wir uns fragen,
wie war das mit Visby? Standen die Bürger wirklich auf der Mauer
und sahen zu, wie das gotländische Heer vernichtet wurde? Wenn ja,
wieso?
Die zwanzig Jahre von der Thronbesteigung Waldemar Atterdags 1340 bis
zum Kriegszug 1361 waren eine Periode voller Widersprüche und Inkonsequenz.
Auf der Bühne der Geschichte traten die schwedischen und dänischen
Könige mal als Verbündete, mal als Feinde auf. Wenn es nicht
Magnus Eriksson selbst war, der Waldemar bedrängte, waren es schwedische
Hochadlige, die ihm Probleme verursachten. Und die ganze Zeit gab es noch
einen dritten Mitspieler, die Hanse.
Die chaotische Zeit in Dänemark zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatte
es König Magnus ermöglicht, einige Gebiete westlich des Öresunds
zu erwerben, die er später noch um die dänischen Landschaften
Blekinge und Skåne vergrößerte. In dieser Situation sah
der schwedische König die Möglichkeit, noch größere
Eroberungen auf Kosten Dänemarks zu machen. Diese Pläne durchkreuzte
Waldemar Atterdag, als er den Thron bestieg.
Nach einem kurzen Krieg wurde 1343 Frieden geschlossen. Magnus mußte
alle Gebiete westlich des Öresunds abgeben, durfte aber alles, was
östlich davon lag, behalten. Nicht zuletzt Skåne war in diesem
Zusammenhang wichtig. Der sogenannte Schonenmarkt war einer der wichtigsten
Märkte in Nordeuropa, vor allem auf Grund der ergiebigen Heringsfischerei
im Öresund, aber auch dank des Handels mit anderen Waren und großen
Zolleinkünften. Dies weckte auch das Interesse der Hanse an diesem
Gebiet.
Allerdings wuchsen nun gleichzeitig die Probleme Magnus Erikssons. Zum
einen waren sie finanzieller Natur, da er für Skåne bezahlen
mußte, das an einen deutschen Fürsten verpfändet worden
war, und zum anderen waren es Streitigkeiten mit seinen Söhnen und
einigen Ratsherren. Um Hilfe zu bekommen, schloß er 1359 einen Verbund
mit Waldemar Atterdag. Inkonsequenterweise schloß er kurz darauf
einen ähnlichen Vertrag mit dem deutschen Mecklenburg, das mit Dänemark
im Krieg lag. Da wurde es Waldemar Atterdag zu viel, und er eroberte Skåne
und Blekinge.
Im Jahr darauf war es Zeit für Gotland und, gleichsam im Vorbeifahren,
Öland. Zu diesem Zeitpunkt hatte König Magnus die Bürger
Visbys bereits gewarnt, daß ein dänischer Angriff unmittelbar
bevorstehen könnte. Waldemar handelte strategisch richtig. Durch
die Eroberung der Inseln in der Ostsee sicherte er nicht nur den Gewinn
aus dem schonischen Markt, sondern er konnte so auch den Grundstein zu
einem künftigen Ostseereich legen. Vielleicht sah er Gotland als
einen Ersatz für Estland, das er fünfzehn Jahre vorher aufgeben
mußte.
Sicher wußte Waldemar, daß es kein größeres Problem
werden dürfte, die Insel zu übernehmen. Die Bevölkerung
war zur Verteidigung auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, Hilfe von
außen war nicht zu erwarten. Zudem waren die Gotländer nicht
besonders kampferprobt, und die Insel war durch den Gegensatz zwischen
Stadt und Land zersplittert. Gotland war mit anderen Worten eine leichte
Beute.
Durch die Rückgewinnung der schonischen Märkte und die Eroberung
Gotlands gelangte der handelspolitisch wichtigste Raum des Nordens auch
in Besitz Waldemars. So konnte er Dänemarks Wirtschaft stärken.
Aber die dänische Expansionspolitik bedrohte natürlich auch
einen Dritten - die Hanse.
Die dänischen Eroberungen müssen die Hanseaten beunruhigt haben.
Es ist ungewiß, ob Waldemars Ambitionen von Anfang an gegen sie
gerichtet waren, aber ihre Interessen müssen bedroht gewesen sein.
Und folgerichtig brachen auch bald Streitigkeiten aus, ein Krieg, der
mit dem Frieden von Stralsund 1370 schloß. Hier war Waldemar gezwungen,
die Handelsprivilegien der Hanse, unter anderen auf den schonischen Märkten,
zu garantieren.
Auf den Mauern
Visbys
Und Visby?
Wie sollen wir das Verhalten der Stadt erklären? War es die Gewalt
hinter dem dänischen Angriff, die die Bewohner der Stadt dazu brachte,
sich passiv zu verhalten, als es wirklich darauf ankam? Sicher sahen sie
die Überlegenheit der Dänen und verstanden, daß Widerstand
zwecklos war. Oder hatten sie sich von Anfang an dazu entschlossen, nicht
in die Kämpfe einzugreifen? Vielleicht würde der dänische
König Visby wieder zu der führenden Handelsstadt im Ostseeraum
machen, die sie früher gewesen war? Schon im Mai hatte der Rat eine
Warnung von König Magnus erhalten, in der vor kommenden Gefahren
gewarnt wurde. Vielleicht wurde diese Warnung nie an die Bauern weitergeleitet?
Die Ratsherren waren vielleicht seit langem auf Verhandlungen mit Waldemar
eingestellt? Was machte es für einen Unterschied, wessen Untertanen
sie waren, solange sie nur den Handel fortsetzen durften?
Wieso entschieden sich aber die Bauern zum Kampf? Daß sie überhaupt
an diese Lösung dachten, hängt vielleicht damit zusammen, daß
ihre Freiheit bedroht war. Sie wußten, was sie hatten. Die Steuern
waren niedrig und sie regierten sich mehr oder weniger selbst. Aber wieso
stellten sie sich unmittelbar vor den Toren der Stadt zur Schlacht? War
ihnen Hilfe aus der Stadt versprochen worden? Oder zumindest, daß
sie innerhalb der Mauern Schutz suchen konnten, wenn alles schief ging?
Aber nun blieben die Tore geschlossen - sie wurden von einer Stadt im
Stich gelassen, die von einer schwachen Bauernschaft viel zu gewinnen
hatte. Ein endgültiges Vernichten aller konkurrierenden Händler
auf dem Land - und vielleicht aller billigeren landwirtschaftlichen Produkte
- hatte positive Folgen für Visby.
Zwei Tage nach der Schlacht bei Korsbetningen stellte Waldemar Atterdag
eine königliche Vollmacht für Visby aus. Darin bekräftigte
er alle Freiheiten und Rechte, die die Stadt vorher gehabt hatte. Im dänischen
Reich hatte sie volle Handelsfreiheit. Bis auf das Lösegeld stand
Visby als einer der Gewinner von 1361 da.
Kaperer und
Seeräuberburgen
Die Vitalienbrüder
Im Jahre
1364 wurde Albrecht von Mecklenburg zum schwedischen König gewählt,
nachdem Magnus Eriksson abgesetzt wurde. Albrecht schaffte es nie, sich
mit schwedischen Hochadligen zu einigen. Ihnen gefiel es nicht, wie der
König versuchte, Schweden mit Hilfe von deutschen Adligen, Vögten
und Söldnern zu regieren.
1388 wandten sich die Hochadligen offen gegen Albrecht und wählten
an seiner Stelle die dänische Königin Margarethe auch zur schwedischen
Königin. Bei der Schlacht von Falköping im folgenden Jahr besiegte
sie Albrecht und nahm ihn gefangen.
Die Mecklenburger gaben aber die Kämpfe um Schweden nicht ohne weiteres
auf. Sie versuchten mit ihrer großen Flotte den gesamten nordischen
Handel zu unterbinden. Am Schluß war ihr Kampf nur noch reine Seeräuberei.
Die Besatzungen der deutschen Schiffe wurden Vitalienbrüder genannt,
was eigentlich Proviantbeschaffer bedeutet. Es war nämlich zunächst
die wichtigste Aufgabe der Vitalienbrüder, die deutschen Verteidiger
von Stockholm und Kalmar zu entsetzen. Beide Städte befanden sich
noch in der Hand der Mecklenburger und wurden von Königin Margarethes
Truppen belagert.
In der Mitte der 1390er Jahre ließen sich die Vitalienbrüder
auf Gotland nieder. Damit wurde eine über einhundert Jahre lange,
sehr verwickelte Periode in der gotländischen Geschichte eingeleitet.
1396 stieg Erich von Mecklenburg, der Sohn Albrechts, auf Gotland an Land
und vertrieb die schwedischen und dänischen Truppen, die Gotland
verteidigen sollten. Deren Anführer Sven Sture entschloß sich,
sein Mäntelchen nach dem Wind zu hängen und schloß sich
den Mecklenburgern an. Nach dem Tode Erichs auf der Festung "Landeskrone"
bei Klintehamn übernahm Sven Sture die Macht auf Gotland. Er wurde
der "Räuberhauptmann" der Vitalienbrüder. Mit der
Insel als Basis nahmen die Vitalienbrüder nun die Kapertätigkeit
wieder auf, die den ganzen Ostseeraum umfaßte. Am härtesten
betroffen waren die Hansestädte.
Die Vitalienbrüder hatten zeitweise mehr als 1500 Bewaffnete auf
Gotland und über 40 größere und kleinere Fahrzeuge. Sie
hatten Festungen bei Klintehamn und in Slite. Wahrscheinlich gab es auf
einer Anhöhe im Moor bei Lojsta noch eine dritte Festung, Lojsta
slott. Aus irgendeinem Grund wurde sie auch "Guldborg" genannt.
Der Deutsche
Orden erobert Gotland
Durch ihre
zügellose Seeräuberei waren die Vitalienbrüder bald mit
allen, die Interessen am Handel im Ostseeraum hatten, verfeindet. Darunter
befand sich neben den Hansestädten und Königin Margarete auch
der Deutsche Orden, eine Adelsrepublik mit großen Besitzungen im
Baltikum. Der Orden hatte keine eigene Flotte und war in hohem Maße
davon abhängig, daß der Handel in seinem Gebiet ohne Behinderungen
lief. Wahrscheinlich sahen sie die mecklenburgische Eroberung von Gotland
auch als politische Bedrohung.
Der Orden entschied sich nun dafür, mit militärischen Mitteln
in den Lauf der Ereignisse einzugreifen. Im März 1398 verließ
eine Flotte aus 84 Fahrzeugen die polnischen Flußmündungen.
An Bord war ein Heer von 4000 Mann, die Matrosen eingeschlossen. Da Visby
stark befestigt und in der Hand der Feinde war, stieg die Ordensarmee
bei Västergarn an Land, das von den Vitalienbrüdern nicht befestigt
worden war. Für diese war es schwer, wirksam gegen den Orden einzugreifen,
weil ihre Truppen auf der ganzen Insel verteilt waren, deshalb erfolgte
die Landung auch ohne Probleme. Als die Ordensarmee aber nach Visby marschieren
wollte, bedeckte eine dichte Schneedecke den Boden, so daß es nicht
möglich war, die Artillerie zu transportieren - dies war wahrscheinlich
das erste Mal, daß Kanonen nach Gotland kamen. Das Heer schlug stattdessen
bei Västergarn das Lager auf.
Allmählich begannen die Führer der kämpfenden Parteien
zu verhandeln. Sven Sture sah ein, daß seine Lage aussichtslos war,
und verließ nach der Schleifung der drei befestigten "Schlösser"
mit seinen Anhängern Gotland.
Nach einem fünfzehn Tage langen, unblutigen Feldzug konnte auch der
Deutsche Orden Gotland wieder verlassen. Sie ließen aber drei Ordensbrüder,
200 Soldaten und einige Schiffe als Bewachung zurück. Die Unterhaltskosten
für das Heer waren der Grund dafür, daß der Orden Gotland
so schnell wieder verließ.
Während der Herrschaft des Deutschen Ordens auf Gotland wuchs der
Wohlstand der Insel. Die neuen Machthaber legten den Gotländern keine
hohen Steuern auf und unterdrückten sie auch sonst in keiner Weise.
Das ist wohl auch die Erklärung dafür, daß sich die Bürger
und die Bauern in den kommenden Kämpfen auf die Seite des Ordens
schlugen.
Königin
Margarete greift ein
1403 fand
Königin Margarete die Zeit reif für eine Rückeroberung
Gotlands. Die Führung des 2000 Mann starken Heeres, das sie auf die
Insel entsandte, hatte Sven Sture inne. Er stand nun wieder in Margaretes
Diensten.
Die Truppen der Königin sicherten zunächst einige Häfen,
vor allem Slite, die sie als Versorgungsbasen für den Marsch nach
Visby nutzen wollten. In der Nähe der Häfen bauten sie Befestigungen,
die sie mit umfangreichen Vorräten, Proviant, lebendem Vieh, Munition,
Kanonen, Wurfmaschinen und Handwaffen füllten. Erst als alle diese
Maßnahmen durchgeführt waren, begannen sie den Marsch nach
Visby, das immer noch vom Deutschen Orden gehalten wurde. Margaretes Truppen
hatten keine Eile, da sie darauf bauten, daß der Orden vor dem Frühling
nicht mehr mit Verstärkungen eingreifen konnte. Sie rechneten also
mit mindestens vier Monaten freier Bahn.
Ende Januar 1404 begann die Belagerung Visbys. Obwohl sie einen ganzen
Monat dauerte, führte sie zu keinem Ergebnis, da es dem Orden gelungen
war, über das Meer Verstärkungen heranzuführen. Die Stadtbewohner
stellten sich hinter den Orden und halfen bei der Verteidigung der Stadt.
Der Deutsche Orden intervenierte nun erneut militärisch auf Gotland.
Dieses Mal bestand das Heer aus 2200 Soldaten, 1500 Seeleuten und einigen
"Marineinfanteristen". Der Armee gehörten auch ein paar
Ärzte und mehrere Musiker an, die verschiedene Instrumente spielten.
Auf den 60 Schiffen, die das Heer in Visby an Land setzten, befanden sich
auch 500 Pferde.
Nur ein paar Tage nach der Landung in Visby marschierte die Landarmee
nach Slite und begann die dortige Festung zu belagern. Der gute Hafen
war sicher der Grund, daß Slite das primäre Ziel war.
Die Besatzung der Festung von Slite verteidigte sich tapfer und trotz
langer Belagerung gelang es dem Orden nicht, die Festung einzunehmen.
Sie erlitten große Verluste, während die Verteidiger recht
ungeschoren davonkamen.
Als das Ordensheer Slite belagerte, sammelte Königin Margarete ein
großes Ersatzheer und eine Flotte in Kalmar. Sobald die Führer
des Deutschen Ordens davon und den Mißerfolgen vor Slite erfuhren,
beschlossen sie, noch mehr Truppen nach Gotland zu senden. Die neue Armee
bestand aus fast 1000 Mann, Belagerungsartillerie und einem großen
Troß mit Vorräten.
Die vielen Wagen waren notwendig für den Transport von Waffen, Munition,
Schießpulver, Proviant und Zelten. Das Troßpersonal bestand
aus Köchen, Zimmerleuten und vielen Leuten, die für den Unterhalt
des Heeres zuständig waren. Unter der Ladung des Trosses gab es auch
Mehl, Brot, Rind- und Schweinefleisch, Fisch, Erbsen, Kräuter, Bier,
Met, Gemüse, Käse, Kohle, Brennholz, Reparaturmaterial und Heu
und Hafer für die Pferde.
Harte Kämpfe
Die verstärkte
Ordensarmee schloß die Burg von Slite ein. Die Belagerungsartillerie
nahm die Festung unter schweres Feuer, aber die 150 Verteidiger weigerten
sich immer noch aufzugeben.
Erst nach acht Tage langem Beschuß und vielen Gefallenen auf beiden
Seiten konnten die Angreifer die Besatzung der Festung zur Kapitulation
zwingen. Die beiden Seiten unterzeichneten die Kapitulationsurkunde und
die Garnison durfte nach Abgabe ihrer Waffen frei abziehen.
Die Kapitulation kam besonders dem Ordensheer sehr gelegen. Auf Grund
von Pulvermangel hätten sie die Belagerung nur noch ein paar Tage
fortsetzen können. Der Orden wußte nun auch, daß Margarete
dabei war, ein großes Heer in Kalmar zu sammeln. Dadurch wurde die
Situation noch bedrohlicher. Die Gefahr durch das Entsatzheer wurde jedoch
geringer, als eine norddeutsche Flotte in einem Überraschungsangriff
viele der schwedischen und dänischen Schiffe erobern oder versenken
konnte.
Sobald die Ordensarmee die Festung von Slite bezwungen hatte, nahm sie
ihre Operationen im ländlichen Gotland wieder auf. Die Garnisonen
von Landeskrone und Guldborg ergaben sich und beide Burgen wurden zerstört.
Der Orden behielt Gotland noch ein bißchen, aber 1408 überließ
er die Insel der Unionskönigin und Erich von Pommern. Der Thronerbe
mußte eine beachtliche Summe für diese Transaktion bezahlen.
Der Grund für den Rückzug des Ordens von Gotland, den die Gotländer
bedauert haben sollen, war zum Teil, daß ein Krieg an der Ostgrenze
des Ordensstaates drohte und zum Teil die Tatsache, daß Gotland
ein sehr schlechtes Geschäft war. Die Einkünfte von der Insel
konnten die Ausgaben, die der Orden für den Krieg und die fortgesetzte
Verteidigung der Insel aufzuwenden hatte, bei weitem nicht aufwiegen.
Gotland im
Zentrum der nordischen Politik
Durch ein
bei vielen Historikern umstrittenes Dokument, aufgesetzt in Kalmar 1397,
bildeten die drei nordischen Länder eine Union. Die Kalmarer Union
dauerte mit Unterbrechungen bis zum Ende des Mittelalters. Sie war aber
kein vereinigter Staat. Zwar schaffte es manchmal ein besonders geschickter
König, das ganze riesige Reich zu regieren, aber mindestens genauso
oft übernahmen regionale Potentaten die Macht. Diese hatten wiederum
oft andere Hochadlige gegen sich, die andere politische Vorstellungen
hatten.
Die umfassenden Forderungen der Unionskönige nach totaler wirtschaftlicher
und politischer Führerschaft führten zu höheren Steuern
und zu einem strikten System von Statthaltern, den Vögten. In Schweden
entbrannte unter dem militärisch begabten Führer Engelbrecht
ein bewaffneter Aufruhr gegen Erich von Pommern, der kurz darauf nach
Gotland flüchten mußte. Es dauerte aber nicht lange, bis Engelbrecht
ermordet wurde, und danach regierte ein Adliger, Karl Knutsson Bonde,
während mehrerer Perioden das Land. Die Schlacht am Brunkeberg im
Jahre 1471, in der Sten Sture Christian I. besiegte, brachte das Geschlecht
der Sture bis 1520 an die Macht in Schweden. In jenem Jahr war der neue
dänische König, Christian II., bereit, sich ernsthaft mit den
Schweden auseinanderzusetzen. Im Blutbad von Stockholm vernichtete er
viele seiner Gegner. Außer dem jungen Adligen Gustav Eriksson Vasa.
Drei Jahre später beendete Gustav die Epoche der Kalmarer Union und
führte Schweden in ein neues Zeitalter.
König
Erich von Gotland
Die "Gotlandfrage"
war während dieser Epoche die ganze Zeit über aktuell. Die Insel
stand ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit der Könige und Hochadligen,
sowohl der dänischen als auch der schwedischen. Das Problem war,
zu welchem Land Gotland gehören solle, Schweden oder Dänemark.
Diese knifflige Frage spitzte sich noch zu durch die störenden Aktivitäten
des landesflüchtigen Erich von Pommern und anderer, die wiederum
Gotland als Basis für Seeräuberei nach dem Muster der Vitalienbrüder
benutzten. Die Kapertätigkeit traf Visby und Gotland sehr hart.
Da Erich von Pommern viel Geld hatte bezahlen müssen, um Gotland
vom Deutschen Orden auszulösen, betrachtete er die Insel als sein
persönliches Eigentum. Gotland erhielt eine staatsrechtliche Sonderstellung,
indem es direkt dem Unionskönig und nicht einem der drei Reiche unterstellt
wurde.
1411 kam der König nach Visby, um die Insel in Besitz zu nehmen.
Er erkannte schnell, daß er die Verteidigungsanlagen der Stadt verstärken
mußte und ließ deshalb Visborgs slott (Schloß Visborg)
oberhalb des Hafens bauen. Durch die Anbauten einiger hundert Jahre wurde
das Schloß eine der stärksten Festungen des Nordens und es
sollte eine wichtige Rolle in den kommenden Kämpfen um die Oberhoheit
im Ostseeraum spielen. Der Bau des Schlosses führte zu neuen Belastungen
für die Gotländer. Bei einem Treffen in Kalmar 1412 mußten
sich die Vertreter des ländlichen Gotlands, die Probste, Landesrichter
und Richter, wohl oder übel mit einer umfassenden Steuererhöhung
abfinden. Die gotländischen Steuern waren nun im Großen und
Ganzen mit denen auf dem schwedischen Festland vergleichbar. Zum ersten
Mal mußten die Gotländer die Steuern auch in Naturalien bezahlen:
Rinder, Schafe, Schweine, Getreide, Holz, Fisch und andere landwirtschaftliche
Produkte. Nach der Fertigstellung des Schlosses konnte der König
auch viel besser als vorher, Macht und Kontrolle über Visby ausüben.
Die selbständige Stellung der Stadt war bedroht, aber sie war immer
noch Mitglied in der Hanse, auch wenn deren Bedeutung immer geringer wurde.
Als Engelbrecht seinen Freiheitskampf gegen König Erich begann, zog
sich dieser nach Visborgs slott zurück. Dort schirmte er sich von
den Ereignissen in Schweden und Dänemark, wo sich unter den Hochadligen
Unmut über seine Herrschaft regte, ab. Er wurde in beiden Ländern
als König abgesetzt. In Schweden wählten die Hochadligen den
reichen und machtgierigen Adligen Karl Knutsson Bonde zum Reichsverweser.
Noch bis 1449 blieb der landesflüchtige ehemalige König auf
Visborgs slott. Obwohl er alles tat, um Gotland auszusaugen, schaffte
er es nicht, das notwendige Kapital für seine politischen Ambitionen
zusammenzubekommen. Um seine wirtschaftliche Misere zu lindern, begann
er, Seeräuber und Abenteurer zu beschäftigen, die er auf die
Ostsee schickte, um Handelsschiffe zu plündern. Seine Piraten verwüsteten
auch die schwedische Küste mehrmals und brachten Getreide und Vieh
mit nach Visby.
Die Schweden hofften, Gotland wieder zu ihrem Reich hinzufügen zu
können, und 1446 rüstete der neu gewählte König Kristoffer
ein Heer aus, das versuchen sollte, die Insel zurückzuerobern. Er
traf Erich von Pommern bei Västergarn und in den folgenden Verhandlungen
zeigte der abgesetzte König seine Geschicklichkeit und Hinterlist
als Unterhändler. Das Ergebnis war ein Waffenstillstand - nach dem
das vollkommen überlegene schwedische Heer wieder nach Hause segelte.
Nach dem Tode Kristoffers 1448 erlangte Karl Knutsson erneut die Macht,
diesmal als schwedischer König. Seine erste Aufgabe war es, Gotland
wiederzuerlangen. Unter dem Befehl von Magnus Gren und Birger Trolle landete
eine schwedische Streitmacht von 2000 Mann in Kappelshamn. Sie eroberten
rasch die ländlichen Gebiete und fingen an, Visby zu belagern. In
einer Dezembernacht stürmten die Schweden über die Stadtmauer
und besetzten die Stadt. Aber die hohen Mauern des Schlosses ließen
ihre wiederholten Angriffe immer wieder abprallen.
Erich verführte die leichtgläubigen Schweden wieder zu Verhandlungen.
Gleichzeitig nahm er Kontakt zu König Christian von Dänemark
auf, der Gotland auch gerne haben wollte. Die Dänen kamen Erich mit
einer Flotte zu Hilfe, die vor Visby vor Anker ging. Durch einen geheimen
Gang gelang es König Erich von Gotland, wie ihn Strelow nennt, zu
den dänischen Schiffen zu fliehen. Durch den gleichen Gang gelangten
dänische Soldaten und Vorräte in das Schloß. Erneute Verhandlungen
wurden zwischen der dänischen Schloßbesatzung und den schwedischen
Belagerern geführt. Sie schlossen für die Schweden mit ziemlich
unglücklichen Ergebnissen, zum Teil dank des mangelnden Patriotismus'
ihres Befehlshabers Magnus Gren und zum Teil durch die Verstärkungen,
die König Christian nach Gotland bringen konnte. Trotz harter Kämpfe
in den engen Gassen Visbys, von Haus zu Haus, in denen die schwedischen
Truppen einige Erfolge erzielen konnten, wurde zuletzt ein Waffenstillstand
geschlossen. Kurz darauf verließen die Schweden Gotland - wieder
einmal.
Ein dänisches
Adelsgeschlecht regiert Gotland
Der dänische
König plazierte einen seiner Adligen, Olof Axelsson Tott, als Lehnsmann
auf Gotland. Dieser hatte aufgepaßt und verbesserte seine wirtschaftliche
Situation genau wie sein Vorgänger durch Kaperfahrten. Er enterte
friedliche Handelsschiffe und überfiel regelmäßig die
schwedische Küste. Mit Gotland als Basis mischte er sich auch in
die Außenpolitik im Ostseeraum ein, besonders im Baltikum.
Sein Bruder Ivar Axelsson machte genauso weiter, als er 1465 Herr über
Gotland wurde. Er besaß viel Land im ganzen Ostseeraum und wollte
wahrscheinlich ein großes Ostseereich mit Gotland im Zentrum aufbauen.
Er nutzte die Verwirrung auf dem "Königsmarkt" in Schweden
geschickt, heiratete Karl Knutssons Tochter und sorgte dafür, daß
seine eigene Tochter in das reiche und mächtige Geschlecht Trolle
einheiratete. Er mischte sich in die politischen Konflikte im Osten ein,
setzte die Kapertätigkeit fort und kümmerte sich nicht darum,
was der dänische König wünschte. Unter der Herrschaft von
Ivar war Gotland wieder zu einem Staat im Staate geworden, diesmal unter
einem mächtigen Lehnsherren.
Es dauerte aber nicht lange, bis der schwedische Reichsverweser des geschäftigen
Ivar Axelssons müde wurde - dieser wandte sich darauf wieder an den
dänischen König um Hilfe. Er schwor, in Zukunft Dänemark
die Treue zu halten. Und so geschah es dann auch.
Aus der Zeit Ivar Axelssons ist ein Rechnungsbuch von Visborgs slott erhalten.
In dieser interessanten historischen Quelle sind sowohl Steuern als auch
Löhne für Soldaten, Seeleute, Handwerker und Arbeiter auf dem
Schloß aufgeführt. Auf der Gehaltsliste Herrn Ivars für
das Jahr 1485 standen unter anderem ein Küchenchef, fünf Köche,
ein Bäcker, ein Kellermeister, ein Vogelfänger und ein Jäger,
die alle dafür zu sorgen hatten, daß er etwas auf den Tisch
bekam. Acht Schneider und zwei Schuhmacher waren dafür verantwortlich,
daß er etwas anzuziehen hatte. Manchmal lauschte er der Musik von
Posaunisten und Flötenspielern; Diener, Stallknechte und Laufboten
umsorgten ihn. 200 Soldaten, vor allem dänische, schwedische, deutsche
und holländische Söldner, hatten die Aufgabe, das Schloß
gegen etwaige Feinde zu verteidigen. Der Nachfolger von Ivar Axelsson
wurde ein schonischer Adliger, Jens Holgersson Ulfstand. Er ist in die
Geschichte als einer der Aussauger Gotlands eingegangen und dafür,
daß er seinen Stammsitz Glimmingehus in Skåne mit Säulen,
Portalen und anderen Verzierungen schmückte, die er aus den Steinhäusern
Visbys brach.
Sören
Norby - Held zur See, Seeräuber, Politiker
Ein vielseitiger
Mann
Im Jahre
1517 wurde der Admiral Christians II., Sören Norby, Hauptmann auf
Visborgs slott. Damit trat ein merkwürdiger Mann in die Geschichte
Gotlands. Er ist als kluger Politiker, Seeheld, großartige Persönlichkeit,
Ritter ohne Furcht und Tadel, Kriegsgenie, Beschützer der Schwachen
und Hilflosen bezeichnet worden, aber er hat sich auch einen Namen als
einfältiger Krieger, Seeräuber und der Schrecken aller Gegner
gemacht. Diese Urteile deuten doch auf eine gewisse Vielfalt hin.
Als Dänemark zu Beginn des 16. Jahrhunderts Krieg gegen Lübeck
und Schweden führte, nahm Sören Norby mit großem Erfolg
daran teil. Er eroberte Festungen und ganze Landstriche, und vor seinen
Kaperschiffen war kein Handelsschiff sicher. Er wurde reich und als der
dänische König mehr Geld für seinen Krieg brauchte, mußte
er es sich von Sören Norby leihen. Als Christian II. gekrönt
wurde, wurde Norby die große Ehre zuteil, die Reichskleinode tragen
zu dürfen. Später schlug ihn der König zum Ritter.
Nach mehreren ehrenvollen militärischen Einsätzen gegen Holland
und auf Island wurde Sören Norby von Christian II. zurückgerufen.
Er sollte eins der wichtigsten Gebiete Dänemarks übernehmen,
Gotland. Mit einem geschickten Krieger als Herr von Visborgs slott sollten
die Dänen eine gefährliche Waffe bekommen, die direkt gegen
Schweden gerichtet war. Sobald sich der neue Schloßherr dort eingerichtet
hatte, erkannte er, welche Möglichkeiten sich ihm boten. Seine Ideen
waren nicht neu, sie waren im Gegenteil schon vielfach erprobt. Norby
begann, Handelsschiffe zu kapern, erst nur in der Nähe Gotlands und
später in einem immer größeren Gebiet. Von ihm wurde gesagt,
daß er "wie ein Seeadler auf seiner Klippe saß und nach
Beute spähte". Er selbst sagte von sich, daß "es
der Gesundheit förderlich ist, in die Schatzkisten der Kaufleute
zu riechen". Seine Kaperschiffe brachten Handelschiffe auf und leerten
deren Laderäume gründlich. Auf diese Weise machte er reiche
Beute. Wenn die Laderäume leer waren, durfte die Besatzung weitersegeln,
mit der freundlichen Aufforderung, doch bald mit neuen Waren zurückzukommen.
Mit Visby als Basis unternahm Norby auch Überfälle auf das schwedische
Festland. Manchmal zogen seine Krieger auf ihren Plünderungen bis
weit ins Landesinnere. Sören Norby sah sich selbst nicht als Seeräuber
- er hatte die Vollmacht von König Christian II., Krieg gegen die
Feinde Dänemarks zu führen. Und das tat er auch - auf seine
eigene Weise.
Als Christian II. im Jahre 1518 einen mißglückten Versuch machte,
Schweden zu erobern, nahm Sören Norby daran als Befehlshaber über
die dänische Flotte teil. Nach der Schlacht bei Brännkyrka bekam
Norby den Befehl, der schwedischen Kriegs- und Handelsflotte größtmöglichen
Schaden zuzufügen. Diesem Befehl gehorchte er gerne.
Zwei Jahre später kam Christian II. zurück nach Schweden - diesmal
als Sieger. Zum Zeitpunkt des Stockholmer Blutbades war Norby der Befehlshaber
der dänischen Truppen in der Stadt. Das grausame Schauspiel scheint
sogar für den recht abgehärteten Sören Norby zu viel gewesen
zu sein, der sich offen gegen seinen König stellte, indem er mehrere
schwedische Männer und Frauen vor dem Henker rettete - auch eine
Möglichkeit "ritterliches Denken" zu zeigen.
Wagemutige
Kriegszüge
Während
der Befreiungskriege unter Gustav Vasa bewies Sören Norby mehrmals
seine Unternehmungslust und seine Fähigkeit, sich aus den gefährlichsten
Situationen herauswinden zu können.
Bei einem der Überfälle auf das schwedische Festland, war der
Feind den dänischen Streitkräften, die um ihr Leben rennend
zum Strand flüchteten, weit überlegen. Auch Norby flüchtete,
aber die schwere Rüstung erschwerte seine Flucht, so daß er
bald von einem großen und starken schwedischen Knecht eingeholt
wurde, der ihn mit einer Armbrust niederschlug. Irgendwie schaffte er
es der Herr von Visborgs slott dennoch, sich aus dieser peinlichen Situation
zu befreien und sich ins Wasser zu schmeißen. Ein Besatzungsmitglied
auf einem dänischen Schiff entdeckte den wild strampelnden Seehelden,
ergriff dessen Haar und zog ihn an Bord.
Aber Norby ließ sich nicht abschrecken. Im Herbst 1522 bekam er
den Befehl von König Christian, Stockholm zu entsetzen, das von den
Truppen Gustav Vasas belagert wurde. Mit neun kleinen Kriegsschiffen eskortierte
er 30 andere Schiffe voller Ausrüstung direkt an der schwedisch-lübeckischen
Flotte vorbei. Als das dänische Geschwader die Hauptstadt erreichte,
wurde es von einer Holzsperre aufgehalten und kam unter den Beschuß
von schwedischen Kanonen. Das wagemutige Unternehmen endete in einer Katastrophe.
Fast alle dänischen Fahrzeuge sanken oder wurden von den Lübeckern
erobert - aber Norby schaffte es gerade noch einmal und kehrte zu seinem
Schloß zurück.
Norby berichtete später, daß er bei der waghalsigen Stockholmexpedition
etwa 600 Mann verloren hatte. Die Lübecker nahmen eine Vielzahl gefangen
und laut Norby sind die Gefangenen außergewöhnlich schlecht
behandelt worden. Nachdem sie eine Zeitlang in den Lasträumen der
deutschen Schiffe gepeinigt worden waren, holte man sie an Händen
und Füßen gefesselt an Deck. "Unter dem Getöse von
Pfeifen, Trommeln und Trompeten sowie Kanonenschüssen, auf daß
man die Schreie der Ertrinkenden nicht hörte", wurden alle über
Bord geworfen.
Der Gegner
aller
Im Winter
1522-23 wurden die dänischen Adligen immer unzufriedener mit der
Regierung Christian II. Sie setzten ihn ab und wählten an seiner
Stelle seinen Onkel Fredrik zum König. Sören Norby war der einzige
bedeutende Adlige, der dem gestürzten König treu blieb. Und
Norby blieb auf Gotland.
Von dort aus unternahm er nun jede Anstrengung, um Christian wieder auf
den Thron zu verhelfen. Aber dafür benötigte Norby politische
Kontakte und Geld. Geld bekam er durch immer intensivere Seeräuberei.
Dadurch erlangte er auch gute Schiffe und wertvolle Waren, die er selbst
benutzen oder mit gutem Gewinn verkaufen konnte. Als der geschickte Taktierer
und Unterhändler, der Norby nun mal war, stand er auch in Kontakt
mit alten Verbündeten Christians: Rußland, dem Deutschen Orden
und Holland.
In Schweden wurde Gustav Vasa 1523 zum König gewählt. Er war
nicht besonders erbaut von den Aktivitäten Norbys auf Gotland und
in den Gewässern der Umgebung, zudem war er der Ansicht, daß
Norby von einem Gebiet aus operierte, das von alters her schwedisch war.
Auch die Kaufleute der Hanse mit Lübeck an der Spitze wurden immer
ärgerlicher. Zuletzt kamen beide überein, ein gemeinsames Unternehmen
gegen Norby zu starten. Gustav Vasa sollte mit wirtschaftlicher und materieller
Unterstützung der Lübecker militärisch eingreifen.
Sören Norby war sich bewußt, was gerade passierte. Bei einer
großen Versammlung in Visby brachte er Bürgermeister, Rat und
die Landesrichter dazu, ihm und Christian II. die Treue zu schwören.
Auch seine Söldner mußten den gleichen Eid schwören.
Im Mai landete eine schwedische Streitmacht bei Västergarn und "die
Bauern gingen schnell zu ihnen über", laut Strelow. Norby hatte
überall kleine Festungen, unter anderem bei Klintehamn, Burgsvik,
Hoburgen und Sandviken. Die Schweden eroberten aber trotz dessen Gotland
sehr schnell und leiteten die Belagerung Visbys ein.
Norby hatte in dieser Situation knapp 600 Soldaten, etwa hundert Ritter
und 50 Elitesoldaten, sogenannte Drabanten, zu seiner Verfügung.
Alle verursachten hohe Kosten in Form von Lohn, Proviant und anderer Ausrüstung.
Die gotländischen Bauern schafften es nicht, die Garnison mit ausreichenden
Nahrungsmitteln zu versorgen, das meiste mußte Norby importieren.
Zum Teil konnte Norby seine Probleme durch Kaperfahrten lösen, aber
er konnte sich auch von ehemaligen Verbündeten Geld leihen, denen
er übermütige Versprechen machte. Wenn es finanziell trotzdem
knapp wurde, schlug er einfach eigene Münzen.
Die Belagerung von Visby dauerte lange und im schwedischen Heer wurden
Schießpulver und Kugeln knapp. Als neue Ladungen davon auf dem Weg
waren, fingen Norbys Kaperer sie kurz vor der gotländischen Küste
ab. Durch diesen Handstreich standen die Belagerer ohne Munition da. Die
Lage war äußerst beschwerlich, aber im "ritterlichen"
Geist, der damals trotz allem herrschte, galt es, genauso schamlos wie
der Feind zu sein. Norby bekam die Nachricht übersandt, daß
das schwedische Heer dringend das zurückverlangte, was er so dreist
von ihnen genommen hatte. Und wenn Norby nichts dagegen hatte, konnte
man die Kugeln auf passende Weise zurück ins Schloß schicken.
Aus der Sicherheit der festen Mauern seines Schlosses heraus, antwortete
Norby kurz und konzise: die Schweden könnten gerne ihre Kugeln und
ihr Pulver zurückerhalten, aber kaum auf die Weise, die sie sich
erhofften.
Die schwedische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Sie war
gewaltsam und wild und gipfelte in einem wütenden Angriff, der auf
beiden Seiten viele Opfer verursachte. Die unbeherrschte Attacke änderte
jedoch nichts an der herrschenden Lage.
Nach dem Kampf bekamen die Angreifer ein neues Beispiel für Norbys
drastischen "Humor". Er ließ seine Knechte alle toten
Angreifer auf Wagen laden und sie in das schwedische Lager fahren. Eine
mitgegebene Botschaft riet seinen Gegnern, daß sie sich künftig
vor einem Angriff Gedanken darüber machen sollten, wie sie wieder
in ihr Lager zurückkämen. Norby könnte ja nicht immer für
den Rücktransport sorgen.
Die Belagerung nahm manchmal auch einige andere merkwürdige Formen
an. Einmal wurde Befehlshaber der Schweden, Berend von Melen, zu einem
Fest auf dem Schloß eingeladen. Von Melen und Norby kannten sich
schon lange, und einem alten Kriegskameraden konnte man ja nicht absagen.
Als solcher bekam von Melen sogar die große Ehre, Pate für
eins der vielen unehelichen Kinder Norbys zu werden!
Gleichzeitig bearbeitete Norby die gotländischen Bauern. Einmal versuchte
er, eine Frau mit einer Nachricht an Settings-Richter Per Kyrkebinge in
Gothem zu schicken. In diesem Brief berichtete Norby, daß große
Verstärkungen von Dänemark aus auf dem Weg seien und daß
die Schweden bald von der Insel vertrieben sein würden. Alle Gotländer,
mit denen Per in Kontakt kam, sollten diese Neuigkeit erfahren und sie
weitertragen. Die Frau schaffte es nie, den Brief zu übergeben, sie
wurde von den Belagerern gefangengenommen und man schnitt ihr die Ohren
ab.
Schlecht
dran
Zuletzt begann
auch Norby einzusehen, daß die Situation hoffnungslos wurde. Er
nahm Kontakt mit Fredrik I. in Dänemark auf und stellte diesem in
Aussicht, ihm Visborgs slott zu übergeben. So führte die Gotlandfrage
fast zum Krieg zwischen Dänemark und Schweden.
Jetzt trat Lübeck als Vermittler auf, und bei einem Treffen in Malmö
konnte schließlich eine Übereinkunft getroffen werden. Wenn
die schwedischen Truppen bis zum 1. September Visborgs slott eingenommen
hätten, sollte Gustav Vasa Gotland bis auf weiteres behalten dürfen.
Wenn nicht, sollten die Dänen die Insel behalten, bis im nächsten
Jahr in Lübeck eine Entscheidung getroffen werden konnte.
Ende September hatten es die Schweden immer noch nicht geschafft. Wieder
einmal mußten sie mit eingezogenem Schwanz Gotland verlassen. Im
Frühjahr 1525 segelte Sören Norby - wie immer ein Mann voller
Überraschungen - nach Skåne und nahm dort an einem Aufstand
gegen Fredrik teil. Der Aufstand schlug jedoch fehl und Norby mußte
nun definitiv jede Unterstützung von Christian II. aufgeben.
Jetzt hatten aber die Lübecker genug. Sie rüsteten eine große
Flotte mit vielen Soldaten und umfangreichem Material aus, landeten nördlich
von Visby und stürmten über die Stadtmauer in die Stadt. Sie
steckten die nördlichen Stadtteile mit dem Dominikanerkonvent und
mehreren Kirchen in Brand und plünderten auf dem Weg viele Häuser.
Vermutlich gingen Deutschen auch hart gegen das Rathaus und das kommunale
Archiv vor - es sind kaum Dokumente aus dem mittelalterlichen Visby vorhanden.
Gegen die Mauern von Visborgs slott konnten die kriegserfahrenen lübeckischen
Soldaten aber nichts ausrichten. Die Verteidiger des Schlosses unter der
Führung von Norbys zweitem Mann, Otte Andersen, gaben nicht auf.
Aber das tat Sören Norby. Er sah ein, daß nun jeder weitere
Widerstand zwecklos war. Nach Verhandlungen übergab er das Schloß
und dessen Besatzung an den dänischen König, und zwischen Dänemark
und Lübeck wurde Frieden geschlossen. Gotland verblieb bei der dänischen
Krone.
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