Geschichte Gotlands
 
Von Roger Öhrman, Visby.

Übersetzung von Daniel Höffker.
Der Übersetzer bedankt sich bei Karin Schaer, Kiel und Michael Engelbrecht,
Flensburg für Rat und Beistand.

 
 
Mittelalter
 
 
Gotland im Mittelalter
 
Im Norden dauerte das Mittelalter von etwa 1050 bis 1525, von der Annahme des Christentums bis zur lutherischen Reformation. In Schweden wird manchmal das Jahr 1521, in dem Gustav Vasa die Macht ergriff, als Ende des Mittelalters angegeben.
Der Norden folgte der Entwicklung im restlichen Europa. Für diesen Teil der Welt bedeutet das Mittelalter einen Aufschwung. Der Norden wurde in die europäische Kulturgemeinschaft mit allen ihren Bestandteilen aufgenommen.
Der führende nordische Staat im Mittelalter, Dänemark, wurde schon im 10. Jahrhundert unter einem König vereint. Irgendwann im 11. Jahrhundert wurde auch Schweden zu einem Reich unter einem König. Der Zusammenhalt des Reiches war allerdings schwach. Die verschiedenen Landschaften hatten immer noch eine starke Stellung. Überall im Land tauchten lokale Adelsfamilien auf, die Bauern bildeten immer noch das Rückgrat der Gesellschaft. In Dänemark wurden die Bauern völlig abhängig vom Adel, für den sie beachtliche Tagewerke leisten mußten.
Skåne, Blekinge, Halland und Bohuslän gehörten noch zu Dänemark, aber das schwedische Territorium wurde in Norrland und Finnland ausgeweitet. Um das Jahr 1100 war das Christentum endgültig etabliert, christliche Sitten und Gebräuche breiteten sich aus, Kirchen wurden gebaut und Priester und Bischöfe wurden immer wichtiger in der Gesellschaft.
In Schweden kämpften verschiedene Adelsgeschlechter um die Krone. Manchmal wurden auch unter den königlichen Söhnen harte Kämpfe ausgetragen. Trotzdem wuchs die Macht der Krone, die eine Stütze in der Feudalgesellschaft hatte. Der König wurde auf dem Thing der Svear bei Mora stenar in Uppland gewählt. Danach ritt er auf der Eriksgata durch das Land, um sich in den einzelnen Landschaften huldigen zu lassen. Diese königliche Rundreise führte nie nach Gotland und die Gotländer durften auch nicht an den Königswahlen teilnehmen.
Die Gesetzgebung, das Steuerwesen und die Verwaltung wurden organisiert. Der Handel expandierte, nicht zuletzt dank der vielen Einwanderer aus Deutschland. Zünfte und Gilden stärkten den Zusammenhalt der Stadtbewohner. Die Eisenherstellung und das Kupfer aus der Grube in Falun gaben der schwedischen Wirtschaft Kraft.
Birger Jarl erließ Friedensgesetze und Magnus Eriksson schuf eine Gesetzgebung für das ganze Reich. Birgitta Birgersdotter, die heilige Birgitta, hatte Visionen, und sie erhielt durch ihre zahlreichen Schriften große politische Macht. Im 15. Jahrhundert wurde das erste Reichstreffen abgehalten, der Ursprung des heutigen Reichstags.
Das Spätmittelalter im Norden wird "Unionszeit" genannt. Die Schicksale Schwedens, Dänemarks und Norwegens wurden durch die Kalmarer Union miteinander verbunden. Die Union entstand in einer Zeit, in der Verbindungen zwischen Staaten üblich waren. Aber der wichtigste Grund für die Erschaffung der Union war wohl der Versuch, die Expansion der Hanse zu stoppen. Unionskönige regierten die nordischen Länder, indem sie Unterstützung bei verschiedenen Adligen suchten.
Gotland befand sich oft im Blickpunkt dieser politisch unruhigen Zeiten. Die Insel wurde eine Figur im Spiel um die politische Macht im Norden. Dänemark nutzte seine Vormachtstellung aus, worauf in Schweden zuerst Engelbrekt und dann Sten Sture gegen die dänischen Vögte und die dänische Oberhoheit kämpften. Nach einem kurzen Befreiungskrieg wählten die Schweden 1521 Gustav Vasa zum Reichsverweser und zwei Jahre später zu ihrem König.

Die Mittelalterwoche

Der Tod wurde auf Visbys Straßen gesehen. Schwarz gekleidet, mit weißem Gesicht und einer scharfen Sense auf der Schulter ist er mit einer Gruppe Gaukler umhergezogen. Was will er? Will er an die furchtbare Pest erinnern, die vor kurzem Europa heimsuchte und ein Drittel der Bevölkerung tötete? Oder warnt er vor kommenden Gefahren anderer Art?
Auf der Hauptstraße im Schutz der Seemauer kümmert sich niemand um die schwarz gekleidete Gestalt. Dort denkt man an anderes. Handel und Geschäfte sind wichtiger als alles andere. Die hohen Häuser mit Treppengiebeln bilden eine effektvolle Kulisse für das Menschengewimmel auf den Straßen.
Das Gemurmel der Menschen vermischt sich mit dem Krähen der Hähne, dem Grunzen der Schweine und dem Blöken der Lämmer. Schmiede hämmern glühendes Eisen zu scharfen Messern und Scheren, Schuhmacher nähen Lederstücke zu einfachen Schuhen zusammen, Böttcher schlagen Bänder um ihre Fässer. Ein Barbier rasiert den Leuten die Bärte und schneidet ihnen die Haare. Wenn man ihn fragt, kann er vielleicht auch mit einem Aderlaß zur Vorbeugung von Krankheiten und mit verschiedenen Salben zur Heilung von Wunden dienen.
Händler bieten mit lauten Rufen ihre Waren an: Krüge, Würste, Hühner, Kräuter, Gewürze, Fisch, Honig, Fleisch, Eier und Lämmer. Töpfer stellen Krüge her und geschickte Frauen spinnen Garn.
Reiche Kaufleute in prachtvollen Kleidern und schönen Hüten wandern langsam durch die Straßen. Vielleicht nutzen sie die Gelegenheit, um wichtige Geschäfte zu diskutieren. Die Frauen tragen weite, lange Kleider mit glitzernden Broderien. Auf dem Kopf tragen sie einen Schleier. Als Ehefrauen dürfen sie nicht mehr mit offenem Haar auf die Straße gehen.
Im Gewimmel sind auch einige Mönche, der ein oder andere Priester und unzählige Bettler zu sehen. Die Aussätzigen sind eine Last für die Stadt. Sie tragen schmutzige Kleider und strecken ab und zu eine genauso schmutzige Hand aus, um die Bessergestellten um ein Almosen zu bitten. Als ein scharfer Kontrast dazu tritt eine Gruppe Gaukler in farbenfrohen Kleidern und lustigen Hüten auf. Mit ihren Zurufen und Kunststücken amüsieren sie die Menschen und beunruhigen gleichzeitig. Irgendwo ist Musik von einer Fiedel, einer Flöte, einer Sackpfeife, einer Laute und Trommeln zu hören. Die Töne der Instrumente veranlassen einige Vorbeigehende dazu, einen einfachen Ringtanz tanzen. Ein Stück weiter sind alle Zuschauer verblüfft, über die merkwürdigen Künste eines Feuerschluckers.
Das Leben in der Stadt geht mit anderen Worten seinen normalen, guten Gang. Trotzdem liegt Unruhe in der Luft. Was tut der Tod in der Stadt? Und die Gaukler, was wollen sie sagen? Amüsiere dich, solange du noch kannst... Und seit langem geht ein Gerücht von herannahenden Gefahren um.
Plötzlich steht er dann auch vor den Mauern, der dänische König Waldemar Atterdag. Unter Waffengeklirr, Schreien, Jammern und Strömen gotländischen Blutes hat er die tapfer kämpfenden gotländischen Bauern besiegt. Nun schlagen seine Krieger an die Stadttore im Süden. Die Bürger Visbys haben keine Wahl. Was spielt es ohnehin für eine Rolle, wer ihr König ist? Die Hauptsache ist, daß sie ihren Handel weiter betreiben können und nicht mehr Steuern als vorher bezahlen müssen. Sie öffnen die Stadttore und überreichen Waldemar die Schlüssel der Stadt.
Aber die Stadt muß teuer dafür bezahlen, daß sie so leicht aufgab. Auf dem Marktplatz stellt der König drei große Ölfässer auf, die vor Sonnenuntergang mit Silber und Gold gefüllt werden müssen - die Stadt muß Lösegeld bezahlen. Diejenigen, die Widerstand leisten, werden brutal vor den dänischen König gezerrt. Ihre Halsketten und Armreifen werden abgerissen und von rücksichtslosen dänischen Knechten in die Fässer geworfen. Die Fässer füllen sich, und Waldemar ist zufrieden.
Aber das Drama ist noch nicht vorbei. Als die Dänen Gotland mit ihren erraubten Schätzen wieder verlassen, wird eine junge Frau von den Organen der Stadt ergriffen. Ihr wird vorgeworfen, Waldemar beim Eindringen in die Stadt geholfen zu haben und sie wird nun zu einer grausamen Strafe verurteilt: Sie soll lebendig in einen Turm der Stadtmauer eingemauert werden. Vergeblich bittet sie um Gnade, doch als die Sonne im Meer versinkt, wird das Urteil unter großem Tumult vollzogen. Ein hell gekleideter Geist schwebt auf das Meer hinaus, wo der Tod und der Teufel warten. Die Bürger Visbys haben ihre Rache bekommen.

Zurück ins Jahr 1361

Seit dem Sommer 1984 kehren Gotland und Visby jedes Jahr eine Woche lang in das Jahr 1361 zurück. Auf dem Land werden Feste gefeiert und Vorträge gehalten, die an dieses ereignisreiche Jahr anknüpfen. In Visby ändert die Stadt ihr ganzes Aussehen. Die Strandgatan wird zeitweise wieder zum Zentrum und füllt sich mit mittelalterlich gekleideten Menschen, die mittelalterlichen Tätigkeiten nachgehen. Waldemar Atterdag erscheint noch einmal als ungebetener Gast in der Stadt, so wie es in den Erzählungen und Sagen geschildert wird. Einige Aspekte der Mittelalterwoche sind vielleicht nicht gerade historisch korrekt, aber trotzdem wird den Zuschauern die Möglichkeit geboten, ein historisches Ereignis voller dramatischer Szenen zu erleben.
Auf Gotland ist es nicht schwer, das Mittelalter - die gotländische Großmachtszeit - zu erleben. Auf dem Land sind etwa 90 Kirchen, viele Steinhäuser, Pfarrhöfe und Kastale aus dieser Periode bewahrt. In Visby ist das Mittelalter dank der Stadtmauer, den Kirchenruinen, der schmalen Gassen und der vielen Lagerhäuser mit Treppengiebeln sehr greifbar.

So wurde Gotland regiert

Eine Bauernrepublik?

Das mittelalterliche Gotland wird manchmal als Bauernrepublik bezeichnet. Dieser Ausdruck ist sicher nicht ganz korrekt, aber er spiegelt einen der Teil der politischen Verhältnisse auf der Insel während der Großmachtszeit Gotlands wieder. Die Gotländer hatten gewisse Absprachen mit dem schwedischen König und dem Bischof in Linköping, zu dessen Stift Gotland gehörte, getroffen. Es ist aber fraglich, ob diese auf der Insel viel zu sagen hatten. Bis ins 14. Jahrhundert gab es dort keine königlichen Beamten. Ebensowenig mußten die Gotländer einem neuen König auf der Eriksgata huldigen. Außerdem gab es keinen Adel auf Gotland. Die Belastung durch Steuern war im frühen Mittelalter im Vergleich zum Festland gering. Es war also für die Gotländer nicht schwer, Silber zu horten und lohnende Investitionen zu tätigen.
Die Bauern mit eigenem Besitz waren die Basis der gotländischen Gesellschaft. Sie waren auf dem Land die führende Gesellschaftsschicht. Sie stellten die Richter, die dafür verantwortlich waren, daß das Gesetz befolgt wurde, daß die Menschen ihre Steuern zahlten und daß die Gesellschaft nach außen hin einig auftrat. Die Richter bildeten zusammen mit den drei wichtigsten Priestern der Insel, den Pröpsten der Tredinge, das Landschaftsthing, das Gutnalthing genannt wurde. Das Gutnalthing kann als das "Parlament" Gotlands angesehen werden. Es wurde vom Landesrichter geleitet. Das Gutnalthing trat wahrscheinlich in Roma zusammen. Im ausgehenden Mittelalter wurden die Treffen nach Visby verlegt.
Unter dem "Althing" war die Insel in folgenden kleineren Einheiten organisiert: drei Tredingar, die für kirchliche Angelegenheiten wichtig waren, sechs Settingar und zwanzig Things. Diese Teile waren für einfachere Verwaltungs- und Rechtssprechungsangelegenheiten zuständig. Sie wurden von Richtern geleitet und traten an unterschiedlichen Stellen zusammen, im Falle der Things war dies üblicherweise bei einer Kirche oder auf dem Hof des Thingrichters.
Zu dieser regionalen Einteilung können wir die Socknar (Kirchspiele) hinzufügen. Da es viele Kirchspiele gab (94 Stück), waren sie sehr klein. Die Hofbesitzer des Kirchspiels, die Sockenmänner, traten bei der Kirche zusammen, nicht nur um über gewisse gemeinsame kirchliche Angelegenheiten zu sprechen, sondern auch, um über weltliche Dinge wie Wege und Brücken zu diskutieren und zu beschließen. Sie konnten in einfacheren Fällen Recht sprechen, unter anderem bei Beleidigungsklagen, und sie waren für die Einhaltung der Landfriedensgesetze verantwortlich.

Verschiedene soziale Klassen

Die gotländischen Bauern bestimmten also zu einem großen Teil selbst über ihre Insel. Wenn wir die Begriffe Demokratie und Diktatur gegenüberstellen, wurde die Insel sicherlich demokratisch regiert. Wenn wir aber unter Demokratie einen gleichgroßen Einfluß aller Mitbürger auf die staatlichen Beschlüsse verstehen, stellen wir fest, daß die Volksherrschaft begrenzt war.
Die besitzenden Bauern auf den 1500 Höfen hatten am meisten zu sagen. Sie bildeten eine Art Oberklasse. Unter ihnen gab es außerdem Bauern, die reicher waren als andere und die größere Höfe hatten. Es ist wohl nicht vermessen anzunehmen, daß ihr Wort in vielen Dingen schwerer wog. Die sozialen Unterschiede zwischen diesen Landwirtschaft und Handel betreibenden Hofbesitzern und der Masse von besitzlosen Pächtern, Knechten, Mägden, Einwanderern ("nicht gotländische Leute") und natürlich den Sklaven, die es auch in der gotländischen Gesellschaft gab, waren groß.

Gutalagen - Das Landschaftsgesetz der Insel Gotland

Gotland wurde nach dem Gesetz der Landschaft, dem Gutalag, regiert. Irgendwann im 14. Jahrhundert wurde es niedergeschrieben und es galt im gesamten Mittelalter. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts verlor es an Bedeutung, als es von dänischen Gesetzen ersetzt wurde. 1645 wurde das dänische Recht vom schwedischen abgelöst.
Der jüngere Teil von Gutalagen kann tatsächlich als ein Gesetzbuch charakterisiert werden. Es wurde auf einer bestimmten Versammlung angenommen und etabliert, und es sollte als Richtschnur für die gotländische Gesellschaft dienen. Das Gesetz bietet ein gutes Bild des mittelalterlichen Gotlands. Die Hauptaufgaben des Gesetzes waren es, den inneren und äußeren Frieden zu bewahren und sicherzustellen, daß die Gotländer "nein zum Heidentum und ja zum Christentum sagen".
Mord wurde ebenso wie Diebstahl streng bestraft. Je nach Größe der Beute konnte der Dieb zu Geldbußen, zu Brandmarkung oder zum Tode durch den Strang verurteilt werden. Wenn wir annehmen dürfen, daß das lange Kapitel über "Wunden" die wirklichen Verhältnisse widerspiegelt - Warum gäbe es sonst alle diese Bestimmungen in Gutalagen? - dann waren Kämpfe nicht unüblich auf der Insel. Und wie sie sich geschlagen haben!
Sie gingen mit Fäusten, Messern, Steinen, Stöcken und Schwertern aufeinander los. Sie schlugen sich gegenseitig die Schädel ein, hieben sich gegenseitig Finger, Hände, Zehen und Füße ab, stachen sich die Augen heraus und schnitten sich die Ohren, Nasen und Zungen ab, so daß der Betroffene weder sprechen noch "Schleim und Rotz" zurückhalten konnte. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, ihrem Gegner das Glied abzuschneiden, "so daß der Mann seine Notdurft nur im Sitzen wie eine Frau verrichten kann." Sie kippten sich gegenseitig Bier in die Augen, zogen einander an Haaren oder Bart, zerrissen Kleider und errichteten Wegsperren.
Die gotländische Bauerngesellschaft manifestiert sich in Bestimmungen über Äcker und den Kauf von Haustieren und Sklaven sowie in Erlassen über Wege, Zäune, Grenzmarkierungen und Brunnen. Auf verschiedene Art und Weise wurden Frauen und Kinder geschützt, das Erbrecht wurde eingehend beschrieben und es wurde verboten, bei Hochzeiten Luxus oder Überfluß ausufern zu lassen.
Merkwürdigerweise gibt es keine Bestimmungen zu Handel und Kaufmannswesen. Gutalagen gibt zudem "nicht-gotländischen" Männern und Frauen schlechteren Schutz.

Auf dem Lande

Die Höfe

Im Mittelalter gab es auf Gotland etwa 1500 Höfe. Sie lagen alle etwas für sich auf den besten Böden in der gotländischen Landschaft. Es gab keine Dörfer - auch später nicht - auf der Insel.
Die Häuser waren klein und wurden in einer Art Fachwerktechnik aus Holz gebaut, sogenannte Pfahlhäuser (Bulhus). Die Fensteröffnungen, die es gab, waren nur kleine Luken in den Wänden. Das Dach wurde mit Schilf oder Brettern gedeckt. Auf einem Teil der Steinhäuser lagen Sand- oder Kalksteinsplitter. Jeder Hof hatte viele Gebäude, von denen jedes seinen bestimmten Zweck hatte. Es gab Wohnhäuser, Stallungen, Scheunen, Schmieden, Vorratshäuser und eigene Ställe für Enten und Lämmer, um einige zu nennen.
Die Bauern und Händler mit dem größten Wohlstand, die an dem gewinn-bringenden Ostseehandel verdienten, bauten Häuser aus Stein. In erster Linie wollten sie ihre Waren schützen. Es war wichtig, stabile Gebäude als Lagerräume zu haben. Sie sollten Dieben, Bränden und feindlichen Angriffen widerstehen können. Um den Hof herum errichteten sie Sandwälle mit gekreuzten Zaunstangen, die Einfahrten schmückten sie mit einem Steinportal, das von einem Treppengiebel gekrönt wurde. Auf vielen Höfen gab es sicher auch ein Hofkreuz.
Der Hof wurde vom Vater an den ältesten Sohn vererbt. Gutalagen schrieb vor, daß "niemand Land verkaufen dürfe, wenn nicht Not dazu zwinge". In einigen Fällen konnten auch Töchter Grundbesitz erben.
Das Ackerland lag fast immer in der Nähe des Hofes. Die Äcker waren klein und unregelmäßig geformt. Gewöhnlich besaß ein einziger Bauer das ganze Landstück. Es war nicht wie auf dem Festland in Ackerstreifen mit unterschiedlichen Besitzern unterteilt. Eine gewisse Vermischung des Besitzes mit all den damit zusammenhängenden Problemen scheint aber doch vorgekommen zu sein. In Gutalagen steht nämlich: "Haben mehrere Männer Äcker zusammen und wollen einige ihn brachliegen lassen und einige säen, sollen die bestimmen, die das meiste besitzen."
Auf den Äckern bauten die Bauern Gerste, Roggen und Hafer an, die zu Brot, Grütze, Bier und Viehfutter verarbeitet wurden. Weizen war nicht üblich. Im Mittelalter wurde vielerorts die Dreifelderwirtschaft eingeführt. Dies bedeutete, daß sich Frühjahrssaat, Herbstsaat und Brachliegen ablösten. Andere wichtige Produkte waren Erbsen, Bohnen, Rüben, Kohl, Leinen und Hanf.
Man benutzte Hacken, Spaten, Pflüge und Eggen, um Saatgut und Dung in die Erde einzuarbeiten. Der Übergang zur Dreifelderwirtschaft ließ sich nicht mehr nur mit menschlicher Muskelkraft bewältigen. Die Pflüge und Eggen mußten von Tieren gezogen werden. Im Gegenzug brauchten die Tiere auch im Winter Pflege und Futter, so daß es zu größerer Konkurrenz um die Erträge kam. Dies führte dazu, daß sich gesamte Leben der Bauern veränderte. Sie konnten nicht länger große Flächen nur für den Bedarf der Menschen bebauen.
Wenn die Leute des Hofes die Saat ernteten, schnitten sie sie mit Sicheln ab, bei der Heuernte war die Sense das gewöhnlichste Werkzeug und beim Einbringen der damals wichtigen Laubernte waren es Äxte und Messer.
Die Äcker waren wenig ertragreich - der Anbau erbrachte vielleicht das Dreifache der Aussaat. Ständig mußte der Bauer daran denken, ein Drittel der Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr aufzuheben. Heute ergibt ein Sack Saatgut das Vierzigfache!
Die Bauern trockneten das Saatgut auf dem Hof und droschen es mit Dreschflegeln. Noch mahlten sie ihr Korn mit Handmühlen, aber irgendwann im frühen Mittelalter dürften sie gelernt haben, Wassermühlen zu bauen. Diese Erfindung bedeutete eine deutliche Arbeitserleichterung und die vielen Flüsse und Bäche der Insel sollten bald vollständig genutzt werden.

Kleine, aber wichtige Haustiere

Wie in den früheren Jahrhunderten war Vieh wichtig. Aufgrund des schlechten Winterfutters und weil es so gut wie keine Züchtung gab war das Vieh kleinwüchsig. Die Kühe hatten eine Widerristhöhe von vielleicht einem Meter und ein Schlachtgewicht von vielleicht 100 Kilo. Die Schweine waren 60-70 cm groß und ergaben etwa 40 Kilo Fleisch. Wie Schafe und Ziegen liefen sie oft frei im Wald herum. Auf Gotland waren Schafe wegen ihres Fleisches und ihres Pelzes wichtig. Natürlich wurden auch Wolle und Milch der Schafe verwendet, aus der Milch wurde unter anderem Käse hergestellt.
Im Laufe des Mittelalters ersetzten Pferde zusehends Kühe und Ochsen als Zugtiere. Dies beschleunigte die Arbeit auf dem Acker. Hühner, Gänse und Enten vervollständigten den Viehbestand eines typischen gotländischen Hofes.

Speis und Trank

Der besitzende gotländische Bauer lebte auf seinem Hof im Kreise der Familie: Ehefrau, Söhne, Töchter, Vater und Mutter. Es war wohl üblich, daß drei Generationen auf einem Hof wohnten, den der Bauer mit fester Hand leitete.
Knechte, Mägde und zumindest im frühen Mittelalter auch Sklaven leisteten einen wichtigen Beitrag zur Bewirtschaftung des Hofes. Der Bauer selbst kümmerte sich um die damals besonders wichtige Aussaat und manchmal betrieb er auch Handel mit fernen Ländern. Gewöhnlich hat er aber einen seiner Söhne oder eigens dafür angestellte Händler auf diese manchmal recht gefährlichen Fahrten geschickt.
Wir können vermuten, daß die Frau des Bauers die meiste Arbeit im Haus leitete und daß sie die Dienstboten kontrollierte. Sie hatte bestimmt keine leichte Aufgabe. Im Haus herrschte Halbdunkel, da fast kein Sonnenlicht hereinkam. Die zur Verfügung stehenden Lichtquellen waren das Herdfeuer, Fackeln und geteerte Späne, die in den Wänden steckten, und vielleicht auch einfache Öllampen. Vornehmere Häuser konnten sich wahrscheinlich auch Talg- oder Wachskerzen leisten. Die Hausfrau hatte auch keine Küche im heutigen Sinn. Küchen wurden erst gegen Ende des Mittelalters üblich.
Die Frau des Bauers und die Mägde kochten in hängenden Eisenkesseln, in Töpfen, auf Spießen und mit Hilfe einfacher Pfannen über offenem Feuer. Auf den Tisch kamen Speisen, die hauptsächlich aus Fleisch, Fisch und verschiedenen Mehlprodukten bestanden. Besonders Grütze und Brot waren wichtige Nahrungsmittel.
Ein Teil der Nahrungsmittel wurde durch Trocknen, Säuern oder Einlegen (schwed. "gravning") konserviert. Das Einlegen kann man nicht mit dem heutigen Einlegen vergleichen. Im Mittelalter vergrub man tatsächlich zum Beispiel Butter im Boden, damit sie sich besser hielt: Geräucherte Nahrungsmittel waren beliebt, da sie einfach und billig herzustellen waren. Das Konservieren durch Salz war noch im frühen Mittelalter eine kostspielige Angelegenheit. Salz war ein kostbares Gut, das sich nur wenige und ganz bestimmt nicht die Mehrzahl der gotländischen Bevölkerung leisten konnte. Mit Blick auf die schnelle Entwicklung des Handels im Ostseeraum und die guten Kontakte mit den norddeutschen Salzproduzenten, dürfte Salz aber ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert auf Gotland ziemlich umfassend verbreitet gewesen sein.
Wenn sich der Bauer und seine Familie nach ihrem Tagewerk an den Eßtisch setzten, aßen sie nach heutigen Maßstäben sehr einfache Nahrung. In der gotländischen Natur konnten sie vielleicht das ein oder andere wohlschmeckende Kraut finden, mit dem sie ihr Essen würzen konnten. Die meisten anderen Kräuter kamen erst im Laufe des Mittelalters mit Mönchen oder Kaufleuten nach Gotland, die auf ihren Reisen auf dem Kontinent diese Kräuter zu schätzen lernten. Zum Essen trank eine gotländische Bauernfamilie Wasser und Milch von Schafen, Ziegen und Kühen. Milch wurde frisch und als Sauermilch getrunken. Darüber hinaus wurden Getränke aus Molke, Birkensaft, Wacholderbeeren und Preiselbeeren hergestellt. Es gab auch Bier und Met und vielleicht wurde schon im Mittelalter "Gotlandsdricka", ein hausgemachtes Bier, hergestellt. Destillierte Getränke wie Branntwein waren den Gotländern im Mittelalter aber noch nicht bekannt.
Die Hausfrau deckte den Tisch mit runden Holzscheiben, "diskar", auf die ein rundes Brot gelegt wurde. In das Brot schabte jeder eine Vertiefung, in die dann das Essen gefüllt wurde. Für Suppe und Grütze wurden geschnitzte Holzschalen verwendet. Obwohl es Messer und Löffel gab, wurde üblicherweise mit den Fingern gegessen. Die Trinkschalen waren aus Holz oder Keramik, bei einem großen Fest wurden vielleicht auch Becher aus Zinn oder Glas hervorgeholt.

Harte Arbeit

Die gotländischen Bauern des Mittelalters wurden mit Sicherheit jeden Tag satt. Jemand hat berechnet, daß mitteleuropäische Bauern in dieser Zeit nur einen kleinen Teil der Kalorienmenge eines heutigen Industriearbeiters zu sich nahmen, aber auf Gotland waren die Verhältnisse anders.
Die Bauern verrichteten schwere körperliche Arbeit und aßen manchmal Nahrung, die für Menschen nicht besonders geeignet war, besonders im Winter bestand ihre Nahrung aus getrocknetem Fleisch, Brot, Erbsen und Fisch, wodurch sie nicht genug Vitamin C aufnahmen. Sie aßen ohnehin nur selten frische Nahrung. Das Brot, das oft andere Nahrungsmittel ersetzen mußte, enthielt zu wenig Proteine und da die Bauern auch zu wenig tierische Proteine aufnahmen, wurden sie anfällig für Krankheiten wie Tuberkulose und Typhus. Der Mangel an Vitamin A, das unter anderem in frischer Milch enthalten ist, verursachte andere Krankheiten.
Die gotländischen Bauern lebten im Mittelalter wahrscheinlich unter etwas besseren Bedingungen als ihre Kollegen auf dem Kontinent. Sie waren frei, sie führten ihre Höfe ohne einen fordernden Adligen über sich, sie konnten im nahen Meer fischen und wenn sie einen Überschuß produzierten, konnten sie ihre Waren problemlos an die Bürger Visbys verkaufen.

Feste und Feierlichkeiten

Wir dürfen aber nicht glauben, daß alles auf dem Hof nur ein Ringen und Kämpfen um das tägliche Brot war. In Gutalagen sind unter anderem Bestimmungen für die Sonntagsruhe niedergeschrieben. Am Sonntag durften die Bauern und ihre Familien nur einige bestimmte Arbeiten verrichten und ein Teil des Sonntages wurde für den Kirchgang reserviert.
Und natürlich ließen sie keine Gelegenheit aus, Feste zu feiern. Die wichtigsten Feiertage waren die Weihnachtsfeiertage (Jul). Im Dezember war Zeit zu schlachten, zu brauen, zu backen, gutes Essen zu kochen und ein Bad zu nehmen. Zudem schmückten sie das Haus und streuten frische Halme und Reisig auf den Boden. Sie hofften, die bösen Mächte durch bestimmte Riten bannen zu können, unter anderem indem sie ihre verstorbenen Vorväter zu Tisch luden.
Ostern kam wie eine Erlösung von den kulinarischen Beschränkungen der Fastenzeit. Am Ostersonntag bemalten sie Eier und beschenkten sich gegenseitig. Die Mittsommernacht war die Zeit der Magie. Zu diesem Zeitpunkt besuchten die, die es noch konnten, die heiligen Quellen, sammelten Tau und pflückten Heilkräuter. Andere Möglichkeiten für frohes Beisammensein waren Gastmähler, Heiligenfeste, Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen und Erntefeste.
Allerdings scheint es, daß die Feste nach und nach immer ausschweifender wurden und zu viel Zeit in Anspruch nahmen. Die Behörden waren gezwungen, die festlichen Anlässe einzuschränken und den Rahmen eines Festes zu bestimmen. Solche Regelungen gibt es auch in Gutalagen.

Handel und Handelswaren

Handelswege und Waren

Etwa gleichzeitig mit dem Übergang der Wikingerzeit in das nordische Mittelalter befand sich der europäische Fernhandel in einer intensiven Entwicklungsphase. In ganz Europa wurden auf dem Land und zur See alte Handelswege ausgebaut und neue eröffnet.
Im Süden war das Mittelmeer ein Zentrum lebhaften Handels zwischen dem Osten und dem Westen, im Norden hatte die Ostsee die gleiche Rolle. Im Süden war Norditalien das Zentrum der Entwicklung, im Norden war das die Region, die heute aus dem nordöstlichen Teil Frankreichs, den Beneluxländern und Nordwestdeutschland - unter anderem dem wichtigen Rheinland - besteht. Im Laufe der Zeit kamen sich diese beiden Regionen über die großen Wasserwege aber auch über andere Fernhandelswege immer näher.
Im 12. Jahrhundert wurde der Warenaustausch immer lebhafter. Aus dem Süden kamen begehrte Produkte wie Kräuter, Seide, Teppiche, Parfüme, Edelmetalle und eine große Anzahl an schönen Handwerksprodukten. Aus dem Norden kamen Waren anderer Art: Holz, Getreide, Salz, Pelze, Leder, Wachs, Trockenfisch, Eisen und Kupfer.

Deutsche Expansion

In Flandern, einer Landschaft an der Nordseeküste um den Fluß Schelde, begann eine umfassende Produktion von Stoffen aus Wolle. Dies hatte zur Folge, daß die Nachfrage nach Wolle stieg, und daß große Zentren der Wollherstellung in den Städten Ypres, Gent und Brügge entstanden. Im 12. Jahrhundert begann zudem eine starke deutsche Expansion nach Osten in die slawischen Gebiete südlich der Ostsee. Um die Mitte des Jahrhunderts wurde Lübeck gegründet, das der deutsche Hafen zur Ostsee werden sollte. Die Stadt entwickelte sich schnell zur bevölkerungsreichsten Stadt in ganz Nordeuropa. Die vielen Kaufleute der Stadt betrieben Handel mit Skandinavien, Rußland, dem Baltikum, England, Frankreich und Flandern.
Irgendwann im 12. Jahrhundert begannen die Deutschen, sich auch in Visby niederzulassen. 1201 gründeten sie Riga und kurz danach kontrollierten sie auch Reval (Tallinn), Dorpat (Tartu) und Narva. An der südlichen Ostseeküste entstanden Städte wie Rostock, Wismar, Stralsund, Stettin (Szczecin), Danzig (Gdansk) und Königsberg (Kaliningrad).
Die deutschen Kaufleute begannen schon früh zusammenzuarbeiten, was sie besonders im 12. Jahrhundert intensivierten. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts gründeten sie einen Handelshof in Nowgorod - den Peterhof. Etwa zur gleichen Zeit bekamen deutsche Kaufleute in London das Recht, eine "Hansa" zu gründen. Damit war das Ende der guten Zeiten für die gotländischen Kaufleute eingeläutet. Lübeck, Wismar und Rostock schlossen sich allmählich zu einem Städtebund zusammen, der sich im 13. Jahrhundert weiter entwickelte und zuletzt etwa 70 Städte in Nordeuropa umfaßte, unter anderem auch Visby. Dieser Verbund spielte in seiner Blütezeit die entscheidende Rolle im nordeuropäischen Handel.

Gotland im Zentrum

Gotland lag praktisch im Mittelpunkt dieses expandierenden Handelsgebietes, eines Gebietes, in dessen Peripherie viele interessante Produkte hergestellt wurden. Und das war nun wirklich nichts Neues für die Gotländer.
Seit Jahrhunderten waren sie im Ostseehandel etabliert, zum Teil dominierten sie ihn sogar. Und es waren die gotländischen Kaufleute, auf die die Deutschen blickten, als sie die Ostseeküste erreichten. Gotländische Fernhändler profitierten schon vom Aufschwung des Handels im 11. Jahrhundert. Die deutschen Händler lernten nun von ihnen, und mit der Zeit sollten sie die Gotländer sogar überflügeln.
Noch im frühen Mittelalter konnte sich Gotland mit Nahrungsmitteln mehr oder weniger selbst versorgen. Wahrscheinlich konnte sogar ein Teil exportiert werden. Der Überschuß wurde von den Bauern selbst, professionellen Händlern oder an durchreisende Kaufleute verkauft, immer mit gutem Gewinn.
Getreide, Butter, Wolle, Leder, Häute von Schafen, Ziegen, Kühen und Seehunden, Fries und Handschuhe waren wichtige Erzeugnisse aus der Landwirtschaft. Auf ihren Höfen produzierten die Bauern auch Teer und Kalk, sie brachen Kalkstein und schlugen Holz. An manchen Orten stellten geschickte Schmiede Roheisen und gute Waffen aus importierten Erzen her. Ein ansehnliches und wichtiges Exportgut waren Taufsteine, die halbfertig oder komplett behauen mit dem Schiff zu Kirchen auf dem schwedischen Festland, in Dänemark, Norwegen, Finnland, Deutschland und Polen gebracht wurden.
Auch wenn dieser Handel mit Erzeugnissen der eigenen Höfe eine gewisse Grundlage des gotländischen Handels bildete, war doch der Transithandel am wichtigsten. Beim Transithandel werden Waren von einem Gebiet über ein Transitland - in diesem Fall Gotland - in ein drittes gebracht. Mit Sicherheit haben gotländische Kaufleute die wichtigste Rolle in dieser Zusammenarbeit gespielt.
Natürlich zog es auch schwedische, baltische, dänische und allmählich auch deutsche Kaufleute auf die Insel. An der gotländischen Küste, die sie laut Gutalagen bis zu acht Klafter landeinwärts betreten durften, konnten fremde Kaufleute sich verproviantieren und frei mit anderen Kaufleuten handeln.
Eine große Anzahl Waren wurde über die Ostsee transportiert. Einige der wichtigeren Handelswege verliefen über Gotland und Visby, einer war die Route Nowgorod - Reval - Visby - Lübeck, ein anderer die Route Riga - Visby - Lübeck. Die erste Route bestand noch lange in der Ostseeschiffahrt. Noch im frühen 20. Jahrhundert war es üblich, daß Schiffe, die zum Beispiel vom finnischen Meerbusen aus nach Deutschland, Dänemark oder England wollten, über Gotland segelten. Die andere Route überlebte nicht einmal das Mittelalter. Aus Rußland, Finnland und den nördlichen Teilen Schwedens kamen Pelze und Häute von Mardern, Hermelinen, Luchsen, Vielfraßen, Iltissen, Ottern, Bibern, Bären, Wölfen, Füchsen, Eichhörnchen, Hirschen, Rehen, Hasen, Rentieren, Schafen und Seehunden. Die besseren Pelze wurden zu Besätzen und Innenfuttern für Mäntel und Winterkleider verarbeitet. Besonders wurden die schönen, grauen Winterhäute von Eichhörnchen geschätzt. Aus den gleichen Gebieten kamen neben Pelzen auch Häute von Ochsen, Pferden, Kälbern und Ziegen.
Rußland und das Baltikum lieferten Wachs und Honig. Auf dem Kontinent verwendete man Bienenwachs zum Gießen von Bronze, für Siegel und Wachstafeln und natürlich vor allem für Kerzen. In den christlichen Ländern im Westen wurden bei Gottesdiensten und religiösen Feiern große Mengen an Kerzen verbraucht. Honig war das einzige damals bekannte Mittel zum Süßen von Speisen.
Aus gewissen Teilen des Baltikums, Norddeutschland, Dänemark und Schweden kamen landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Mehl, Malz, Fleisch, Wolle, Häute, Speck, Butter, Fisch, Pech und Teer. Für Schweden war Eisen eine wichtige Exportware.
Vom Kontinent brachten Händler Salz, Kleider, Glas, Keramik, Waffen, Scheren, Nadeln, Werkzeuge, Lampen, Schalen, Bier, Wein und Gewürze wie Pfeffer, Safran, Zimt und Kardamohn in den Ostseeraum.
In den Packhäusern in Visby und hier und dort auf dem Land lagerten die gotländischen Kaufleute alle diese Waren für den späteren Weitertransport. Sie verhandelten, schlossen Verträge und sammelten Reichtümer in ihren Schatzkisten an.
Bevor die Händler aus Visby, vor allem die dort wohnenden Deutschen, das Ruder übernahmen, lag der größte Teil dieses Handels in den Händen der gotländischen Kaufleute. Das war seit der Wikingerzeit so, und die Anfänge dafür sind auf den Pelzmärkten von Nowgorod und Sigtuna zu suchen. Es ist unklar, wie der Handel organisiert war. Segelte jeder Händler auf eigene Faust oder schlossen sich mehrere zu einem "Unternehmen" zusammen, in dem ihre Anteile hatten? Stand die ganze Insel hinter zentral organisierten Handelsfahrten? Oder waren es die Tredingar oder die Things?
Wie war das Verhältnis zwischen Händler, Schiffseigner, Schiffer und Besatzung? Waren die ersten drei ein und dieselbe Person oder waren diese Funktionen auf drei Personen aufgeteilt? Wie verteilten sie den Gewinn, wurde investiert oder gespart? Wer waren die Gewinner und wer die Verlierer in den Handelsabkommen, die die Gotländer mit fremden Herrschern schlossen? Gab es vielleicht nur Gewinner? Und wie lange konnten sich die Gotländer in diesem Fall als solche fühlen?
Die meisten Fragen harren noch einer Antwort, nur die letzte kann beantwortet werden. Mit einer Antwort, die definitiv zum Nachteil der Gotländer war.

Der Vertrag von Artlenburg (Das Artlenburgprivileg)

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht schlossen die gotländischen Händler ausgeglichene Vereinbarungen über den Handel mit Völkern und Herrschern im ganzen Ostseeraum, in Rußland und sogar in England. Nowgorod war einer ihrer wichtigsten Handelsplätze und aller Wahrscheinlichkeit nach übten die Gotländer zeitweilig die Kontrolle über allen Handel in der russischen Stadt aus. Dort gründeten sie im 12. Jahrhundert ein eigenes Handelskontor, das sie Gotenhof nannten. Mehr als zweihundert Jahre lang spielte der Gotenhof eine wichtige Rolle im gotländisch-russischen Handel, der aber allmählich von den Deutschen übernommen wurde. Ein weiterer Schritt in der handelspolitischen Entwicklung im Ostseeraum war, daß der gotländische Nowgorodhandel gleichzeitig mit dem Erstarken der Deutschen vollkommen zum Erliegen kam.
In Sachsen, einem Teil des heutigen Deutschlands, hatten die Gotländer schon sehr früh das Recht, Handel zu treiben, unter anderem in der Stadt Bardowik. Dort trafen Waren aus dem Ostseeraum auf Waren aus Deutschland, vor allem Salz. Im Vertrag von Artlenburg aus dem Jahre 1161 gab der sächsische Herzog Heinrich der Löwe den Gotländern, die er offensichtlich als bedeutsame Handelspartner betrachtete, große Handelsprivilegien in seinem Herrschaftsgebiet. Seine wichtigste Absicht dahinter war es, den Handel in einer neuen Stadt am Ufer der Trave, in Lübeck, zu konzentrieren.
Die Übereinkunft von Artlenburg gewährte deutschen Händlern die gleichen Privilegien auf Gotland und für den über Gotland laufenden Handel. Allmählich entschlossen sich auch einige von ihnen, sich in einer nun heranwachsenden Stadt niederzulassen, in Visby. Damit war der erste Schritt zum Niedergang des gotländischen Fernhandels getan. Nach und nach etablierten sich die Deutschen auf den alten gotländischen Märkten: in Rußland, Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen und England. Anfangs herrschte eine Art Handelsgemeinschaft zwischen der frei zugänglichen Küste Gotlands, Visby, den Deutschen und Teilen des Baltikums. Mit ihrer immer besseren Organisation, ihrer Kapitalkraft und neuen Schiffstypen vergrößerten die Deutschen ihren Anteil am Handel zusehends, während die Anderen immer unbedeutender wurden.
Durch einen Bürgerkrieg auf Gotland im Jahre 1288 wurde der gemeinsame Handel endgültig beendet. Der Handel konzentrierte sich immer mehr auf Visby, wo die Kaufleute vom Land nur noch als Lieferanten von Lebensmitteln geduldet wurden. Nach einigen tapferen Versuchen, sich auf den Märkten in Holstein und Norwegen zu behaupten, wurden sie auch dort ausgeschlossen. Im Laufe des 14. Jahrhunderts verschwanden die gotländischen Fernhändler ganz.

"Mauern von großen Häusern"

Viele der gotländischen Fernhändler investierten einen Teil ihres überschüssigen Geldes in Steinhäuser. Etwa 175 Steinhäuser auf dem Land sind bekannt, aber nur wenige sind in einigermaßen originaler Form stehengeblieben, von einigen sind nur Ruinen übriggeblieben. Mehrere wurden bei archäologischen Untersuchungen gefunden oder sind nur durch schriftliche Quellen bekannt.
Vielleicht waren Mitte des 18. Jahrhunderts, als Carl Linnaeus (später geadelt als von Linné) seine gotländische Reise unternahm, noch viele mittelalterliche Steinhäuser bewahrt. Dies schreibt er in seinem Reisebericht:

"Wohin wir auch fuhren, sahen wir bei Bauernhöfen, auf dem Lande und in der Nähe von Kirchen, Mauerreste von großen Häusern, von gewölbten Räumen, meistens mit schmalen Treppen und Gängen in der eigentlichen Mauer, oft drei Stockwerke hoch. Einige sagten, daß diese früher einmal Festungen gewesen seien, einige, daß es Residenzen für die ersten Theologen gewesen seien, einige, daß es Residenzen für die Leiter des Kirchspiels in der dänischen Zeit gewesen seien."

Sicherlich hat dieser erfahrene Beobachter auch das ein oder andere Kastal oder die Ruinen eines Pfarrhofes gesehen. Aber darüber hinaus muß es auch andere Gebäude gegeben haben, höchstwahrscheinlich unzählige Häuser von Fernhändlern.

Steinhäuser - vor allem zum Schutz aber auch zum Angeben

Der Bau von Steinhäusern begann im ländlichen Gotland schon im 12. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt waren die wirtschaftlichen Möglichkeiten dafür vorhanden, die Kunst, Häuser aus Stein zu bauen kam auf die Insel und die Gotländer hatten gelernt, Kalk zu brennen und Gewölbe zu bauen. Problem mit Baumaterial gab es nie, da es auf jedem Hof leicht zugänglich war.
Genau wie in der Wikingerzeit gab es auf den gotländischen Höfen Häuser verschiedenster Art. Lager - Vorratshäuser und Packhäuser - bauten die Fernhändler oft aus Stein. Dafür gab es mehrere Gründe. Innerhalb der mächtigen Mauern waren ihre Waren sicher vor Feuer, Dieben und eventuellen Feinden. In den Steinhäusern konnten sie mit ihren Familien in unruhigen Zeiten Schutz suchen und dort konnten sie sich mit wichtigen Geschäftspartnern treffen. Natürlich wollten die gotländischen Händler mit ihren Steinhäusern auch angeben und beeindrucken.
Die gotländischen Fernhändler bauten ihre Packhäuser mit zwei Stockwerken. Ganz oben befand sich ein Dachboden. Jedes Stockwerk hatte zwei Räume, die normalerweise nicht miteinander verbunden waren. An der Vorderseite führte eine Holztreppe zu einer Galerie, von der aus man beide Räume mittels Türen erreichen konnte. Ein solches Haus ist bei Lauks im Kirchspiel Lokrume bewahrt. Die Ruinen eines weiteren Hauses dieser Art stehen bei Bringes im Kirchspiel Norrlanda. Dieses Haus ist sehr stabil gebaut und gleicht einer Festung.
Die Wohnhäuser der Fernhändler waren deutlich einfacher. Sie bestanden aus einem Wohnraum - der Stube - und einem Vorraum mit einem Eingang an der Schmalseite des Hauses. Eine Seite des schlauchförmigen Vorraumes wurde oft als eine besonderer Lagerraum abgeteilt. In der Stube gab es in einer Ecke eine große Feuerstelle mit Herd und Ofen. Die Wohnhäuser wurden aus Holz oder Stein gebaut.

Vatlings und Stora Hästnäs

Die Fernhändler, die ihre Geschäfte geschickt führten, wurden reich und anspruchsvoller. Sie vergrößerten die Stube und setzten darauf einen weiteren Raum und einen Dachboden. Der Dachboden wurde als Lagerraum verwendet und war über eine Öffnung im Giebel des Hauses zugänglich. Über der viereckigen Fensteröffnung wurde oft ein Flaschenzug eingemauert.
Auf Grund seiner Lage wurde der zusätzliche Raum Hochstube genannt. Besucher konnten über eine Treppe im Inneren oder über Holztreppen und Galerien in die Hochstube gelangen. Oft wohnten der Händler und seine Familie in der Hochstube, die sie dann mit einem außen hängendem Abort versahen. Bei Vatlings im Kirchspiel Fole ist der obere Teil eines solchen Hauses bewahrt. Von der Stube sind nur die Grundmauern stehengeblieben.
Um noch mehr Platz zu bekommen, wurden die Häuser manchmal mit einem zusätzlichen Wohnraum versehen, der rechtwinklig an die Stube angebaut wurde. So entstand ein Raum, der frei von der Geschäftigkeit des Alltags war. Unter anderem waren es viele Priester, die dies wollten. Die Ruinen des Pfarrhofes bei der Kirche von Linde bieten ein Beispiel für solche Gebäude.
Das stattliche Steinhaus bei Stora Hästnäs außerhalb von Visby hatte einen hohen Mittelteil mit Treppengiebeln. Im Norden gab es eine Alltagsstube mit Feuerstelle und im Süden wahrscheinlich einen Keller mit einer darüberliegenden Kellerstube. Nur der obere Teil des Hauses ist bewahrt. Das Gebäude, das irgendwann im 14. Jahrhundert gebaut wurde, weist deutliche Einflüsse der nahegelegenen städtischen Architektur auf. Hier treffen sich die Baustile und Traditionen der Stadt und des Landes.

Kattlunds

Bei Kattlunds im Kirchspiel Grötlingbo steht das einzige Beispiel für einen mittelalterlichen Hof, von dem sowohl Teile des steinernen Wohnhauses als auch der ebenfalls aus Stein gebauten Wirtschaftsgebäude erhalten sind. Das heutige Wohnhaus wurde oft um- und ausgebaut, aber der oberste Teil ist aus dem Mittelalter. Das Gebäude hatte damals gewölbte Fenster- und Türöffnungen, vielleicht auch Treppengiebel. Auch der am Weg liegende Stall wurde erst später gebaut, aber ein großer Teil ist aus dem Mittelalter und mit gewölbten Toren und Luken versehen.

Der alte Mann und seine Kirche

Die Kirche der Bauern

Mit einem Stock aus Haselnuß als Stütze stand der alte Mann da, etwas grau und gebeugt, aber sichtlich sehr zufrieden. Vor ihm lag die neue Kirche des Kirchspiels. Na ja, wirklich neu war sie natürlich nicht, an und für sich stand sie dort schon seit zweihundert Jahren. Aber im Laufe der Jahre hatte sie sich verändert. Sie war aus- und umgebaut worden und glich nun fast einem der schönen Kirchengebäude, die er auf seinen Reisen auf dem Kontinent gesehen hatte.
Er war zufrieden mit dem, was er sah. Aber er dachte gleichzeitig an die Opfer, die er und die übrigen Mitglieder des Kirchspiels erbracht hatten. Der Umbau war auf seine Initiative hin begonnen worden, aber alle elf Hofbesitzer des Kirchspiels hatten mit Material und Arbeit beigetragen. Mit langen Stangen, Vorschlaghämmern und Meißeln hatten sie Steine im Steinbruch auf seinem Land gebrochen, bei den Nachbarn hatten sie Bauholz geschlagen. Alle hatten bei den Transporten mitgeholfen und Geld gegeben, um die Arbeitskräfte zu bezahlen, die sie für den Bau der Kirche angeheuert hatten und für die Künstler, die sie ausgeschmückt hatten. All das war nicht an einem Tag geschehen, fast ein halbes Jahrhundert hatte es gedauert, oder genauso lange, wie er in der Landwirtschaft gearbeitet hatte.
Ohne sie zu vermissen, erinnerte er sich an die Kirche und wie sie ausgesehen hatte als seine Generation die Höfe übernommen hatte: ein kleines unansehnliches Gebäude aus Stein mit einem Langschiff, einem Chor und einer Apsis. Die kleinen, runden Fenster hatten fast gar kein Licht herein gelassen und die südlichen Portale waren nur einigen einfachen Säulen geschmückt.
Fast 50 Jahre lang hatten sie nun sie an der neuen Kirche gebaut. Sie sollte heller, luftiger, farbenprächtiger und größer werden, zur Freude und Zufriedenheit Gottes und der Gemeinde. Mit dem Chor hatten sie angefangen, indem sie ihn einfach über den alten Chor und dessen Apsis bauten. So konnte der Altar stehen bleiben und die Gottesdienste konnten wie gewohnt gefeiert werden. Der neue Chor wurde höher und größer und er wurde an der östlichen Seite mit einem geraden Giebel abgeschlossen, der mit einem hohen, spitzen Fenster geschmückt wurde. Als der Bau des Chores angeschlossen war, sah die Kirche mit dem niedrigen Langschiff zwischen dem Turm und dem hohen Chor etwas merkwürdig aus.
Einige Jahre nach der Fertigstellung der Ostseite der Kirche ließen die Bewohner des Kirchspiels ein neues Langschiff errichten. Es wurde sehr breit. Weil die Mauern sich leicht nach innen neigen, um dem Druck des Dachs zu widerstehen, brauchte das Langschiff keine Stützpfeiler, sondern der Baumeister konnte ein einziges Gewölbe über den Hauptraum der Kirche spannen. An der Südseite wurde das Langschiff mit einem hohen, spitzen Fenster und einem prächtigen Eingang versehen. Der Eingang wurde auf beiden Seiten mit Säulen versehen, die oben von einem Kapitellband abgeschlossen wurden, auf dem Figuren und Szenen aus dem Leben Jesu zu sehen waren.
Von dort, wo er stand, schien es dem alten Mann, als wachse der Eingang wie eine einzige große Skulptur aus der Wand der Kirche. Ihm fiel auf, wie geschickt die Bildhauer die Gesichtszüge der Figuren, ihr Haar und die Falten in ihren Kleidern gemeißelt hatten. Natürlich hatten die Kleider das gleiche Aussehen und den gleichen Schnitt, wie die Kleider, die er selbst trug. Über der Tür ragte ein spitzer Schmuckgiebel auf, den die Gelehrten "Vimperg" nannten. Seine Spitze ragte fast bis an das Dach des Langhauses. Auch der Chor und die Nordseite des Langschiffes bekamen ähnliche Portale mit hübschen Skulpturen.
Nachdem die Steinmetze ihre Arbeit draußen beendet hatten, hatte ein geschickter Künstler die Details der Skulpturen mit Rot, Blau, Grün und anderen klaren Farben bemalt. Nun leuchtete das Portal den Besuchern der Kirche förmlich entgegen und der alte Mann fragte sich, ob dies nicht der Eingang ins Paradies sei. Die Bewohner des Kirchspiels hatten die Steinmetze ein Bild des Schutzheiligen ihrer Kirche, Sankt Dionysius, in die Wand beim Eingang an der Südseite meißeln lassen. Die gotländischen Bauern waren mit der Geschichte dieses Heiligen sehr vertraut. Sie wußten, daß Dionysius ein französischer Bischof gewesen war, der seinen Märtyrertod durch Enthauptung erlitt, aber der danach mit seinem Kopf unter dem Arm und von Engeln umgeben noch mehrere Dutzend Kilometer bis zu dem Platz lief, an dem er begraben wurde... Was es für wunderliche Geschichten gibt!

Die Bauarbeiter bei der Arbeit

Auf dem Hof der Kirche stehend konnte sich der alte Mann gut daran erinnern, wie die Baustelle ausgesehen hatte, als die Bauarbeiter gearbeitet hatten: die geschickten Steinmetze, die die Steinblöcke für die Außenwände und Gewölbe behauen hatten und die Bildhauer, die die Bilder der Kapitelle gemeißelt und die Säulen errichtet hatten. Er konnte sich an dem Klang ihrer Hämmer und Meißel genauso gut wie an die Schläge der Zimmerleute erinnern, die mit ihren Äxten die harzigen gotländischen Kiefern bearbeiteten. Er dachte an die Erbauer der Gewölbe, die mit Hilfe großer Holzkonstruktionen fachkundig Stein auf Stein legten und so das mächtige Gewölbe schufen.
Natürlich herrschte zeitweise ein großes Durcheinander, da die Außenwände der Kirche von Holzgerüsten bedeckt waren und sich in der Kirche ein Wirrwarr von anderen Gerüsten befand. Viele Male hatte er zugesehen und das einfache aber geniale Prinzip bewundert, mit dem anscheinend jeder noch so schwere Steinblock hochgehoben werden konnte. Die Baustelle war erfüllt mit Leben und Bewegung und sobald sie Zeit hatten, halfen er und seine Nachbarn beim Bau der Kirche mit.
Der alte Mann wurde eine Zeitlang recht nachdenklich. Als er den Turm betrachtete, erinnerte er sich daran, wie die Kirche in einem benachbarten Kirchspiel vor kurzem einen neuen stattlichen Turm bekommen hatte. Und daran, wie die Bewohner seines Kirchspiels da zueinander sagten: "Dahinter wollen wir doch nicht zurückstehen!" Bald sollten sie also einen neuen Baumeister, einen Turmbauer, anheuern, der ihnen einen noch größeren Turm bauen sollte. Bis jetzt war es noch nicht so weit gekommen, aber bald sollte es soweit sein!
Mit langsamen Schritten ging der Alte zu der weiß gekalkten Kirche und ihrem schimmernden Portal. Seine Sicht wurde durch keine Bäume beeinträchtigt und so wuchs das Kirchengebäude scheinbar direkt aus dem Rasen. Er öffnete vorsichtig die starke Holztür mit ihren kräftigen Beschlägen aus Eisen und betrat die Kirche.

Ein farbenprächtiges Dunkel

Als er das Langschiff betrat, steigerte sich seine Zufriedenheit - sofern das möglich war - noch mehr. Direkt hinter der Tür stand das Taufbecken aus rotem Kalkstein mit dem mit Ornamenten verzierten Holzdeckel. Darin waren er selbst, seine Kinder und seine Enkel getauft wurden, das jüngste Enkelkind erst vor gut einem Jahr. All die Jahre lang war die Zeremonie gleich geblieben. Mittlerweile kannte er sie ziemlich gut.
Bevor die Taufgesellschaft in die Kirche gehen durfte, hatte der Priester Gebete für das Kind gesprochen, um böse Geister zu vertreiben. Danach hatte er ein Kreuz über dem Kind geschlagen und ihm etwas heiliges Salz auf die Lippen gestreut. Erst danach konnte das Kind in die Kirche getragen werden, wo es sich durch seine Paten vom Teufel lossagte. Das Kind wurde mit Öl gesalbt und ins Taufbecken gesetzt. Der Priester zeichnete ihm ein Kreuz auf die Stirn und überreichte das weiße Taufkleid zusammen mit einer Kerze - nun war das erste Sakrament der katholischen Kirche vollendet.
Als sich der Alte nun das Langschiff mit dem Boden aus gleichmäßigen Kalksteinplatten genau ansah, fiel ihm sofort die Weite und Luftigkeit des Raumes auf. Das Langschiff wurde durch ein Gitter - eine Kreuzranke - vom Chor getrennt. Eine Weile stand er wie verzaubert ob dem Spiel der Farben, die den ganzen Raum durchleuchteten. Das helle Sonnenlicht außerhalb der Kirche schuf einen starken Gegensatz zum Halbdunkel im Inneren. Das Licht kam durch die Fenster in der südlichen Wand, die alle mit Farben bemalt waren, die viel intensiver leuchteten, als er es sich vorgestellt hatte, als er sie bestellte.
Die Farben des bemalten Fensters verstärkten die Malereien auf den Wänden und dem Gewölbe. Wenn der Alte nun an einer Messe teilnahm, konnte er gleichzeitig Szenen aus Jesu Leben und dem einiger Heiliger, die auf den Wänden zu sehen waren, betrachten. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatten die Maler hoch unterm Dach auf ihren Gerüsten gelegen und mit geschickten und vorsichtigen Händen das Gewölbe mit zierlichen Mustern und mächtigen Drachen, die die Menschen an die Qualen der Hölle erinnern sollten, geschmückt. Voller Freude dachte er an den vergangenen Monat zurück, als der Bischof von Linköping, zu dessen Stift Gotland gehörte, mit seinem prächtigen Gefolge von zwölf Mann die Kirche geweiht hatte und dabei mit geweihtem Öl die Weihkreuze auf die Wände gestrichen hatte.
Langsam ging er bis zum Chor. In dem gewölbten, stattlichen Triumphbogen hing ein Kruzifix mit dem gekreuzigten Jesus. Die Bewohner des Kirchspiels hatten nach langen Diskussionen das Kruzifix auf Anraten eines Arbeiters aus Deutschland importiert. Auf dem nördlichen Seitenaltar sah er eine Statue der Jungfrau Maria. Ihr Kleid war mit schönen Farben bemalt.
Durch das Gitter der Kreuzranken sah der Alte in den Chor. Er konnte den gemauerten Altar mit Reliquienschrein und Steinscheibe sehen. Auf dem Altar war der Altarschrank zu sehen. Links davon war die schöne Chorbank, auf der der Priester saß und auf der vor gar nicht langer Zeit der Bischof selbst gesessen hatte.
Zufrieden drehte er sich um. Er und seine Nachbarn auf fast ein Dutzend Höfen des Kirchspiels konnten stolz auf das von ihnen Erreichte sein. Sie hatten alles mit eigener Arbeit, Material oder Geld bezahlt. Es war nur unter großen Opfern möglich gewesen, aber die Kirche mit ihren Kunstschätzen war ihre eigene. Hoffentlich sollte sie auch noch viele hundert Jahre lang zur Freude und zum Trost späterer Generationen bestehen. Aber natürlich wollten alle im Kirchspiel auch einen größeren Turm!

Lang Jaku, Gra gasi und Lokrume båddu

Heute gibt es auf Gotland 91 Kirchspiele. Die Kirchspiele haben seit mehr als tausend Jahren große Bedeutung für die Bewohner der Insel. Das heimatliche Kirchspiel bedeutete und bedeutet immer noch Zusammenhalt und Einigkeit. In den Kirchspielen sind die Wurzeln der Gotländer zu finden.

Keine gleicht der anderen

Fast alle gotländischen Kirchspiele haben noch ihre mittelalterliche Kirche. Und keine von ihnen ist nach dem 14. Jahrhundert erbaut worden. Die Kirchen von Fårö und Eksta wurden im 18. und 19. Jahrhundert umfassend umgebaut, aber es sind noch große Teile der mittelalterlichen Kirche vorhanden.
Nur wenige gotländische Kirchen können als einheitliche Bauwerke bezeichnet werden. Die meisten wurden nicht auf einmal, sondern in Etappen gebaut. Kaum eine von ihnen kann dem Besucher das volle Erlebnis von architektonischer Perfektion, künstlerischer Verschönerung und einheitlicher Einrichtung bieten.
Geschmack und Stil veränderten sich während der Umbauten, denn die Bauvorhaben waren umfangreich und langwierig. Zur Zeit der intensivsten Umbautätigkeit wurde auf Gotland gleichzeitig an vier oder fünf Kirchen gebaut. Die ganze Insel muß voll von Aktivität, künstlerischem Vorwärtsstreben und religiösen Enthusiasmus gewesen sein. Die Insel ist hierin nahezu einzigartig: nur wenige Gebiete auf der Welt können auf einer solch kleinen Fläche fast hundert gut bewahrte Kirchen aus dem Mittelalter vorweisen!
Bei vielen Kirchen fallen die mächtigen, gen Himmel strebenden Türme auf, so in Dalhem, Stenkyrka, Rones, "Lang Jaku" und die Spitze auf "Gra gasi" in Öja. Andere haben wenig beeindruckende Türme, wie in Fole, Gerum, Hablingbo, Vamlingbo und vielleicht auch "Lokrume båddu". Aber statt dessen haben diese Kirchen immer auch etwas Besonderes, zum Beispiel Wandmalereien oder ein Triumphkruzifix!
Einzigartige Steinskulpturen findet man an der Südseite der Kirche von Stånga, die von großen architektonischen Träumen zeugen, und an den Portalen der Kirchen von Martebo und Gammelgarn. Dekorative Kalkmalereien findet man in Vamlingbo, Bunge, Eskelhem und Gothem, farbige Glasmalereien in Lojsta, Lye und Hejde. In Barlingbo steht eins der bekanntesten Taufbecken der Insel, das eins der sonderbarsten romanischen Kunstwerke in Schweden ist, in Burs gibt es ein einzigartiges Chorgestühl aus Kalkstein mit Resten der ursprünglichen Farben. Im stimmungsvollen Dunkel der Kirche von Öja hängt ein Triumphkruzifix aus dem 13. Jahrhundert, das in seiner Art einzigartig in Skandinavien ist.
Und wer läßt sich nicht von folgenden, sonderbaren, spannenden und schönen Details fesseln? Als Verstärkung liegt quer durch die ganze Kirche von Bro ein vollständiger Baum mit Wurzeln und Stamm und die Kirche von Bunge ist von einer Mauer mit Schießscharten umgeben, zudem kann man in der Wand der Kirche Löcher von Armbrustbolzen und Piken sehen. Der prächtige Innenraum der Kirche von Lau hat eine beispiellose Akustik, mit einem Nachklang von zwölf Sekunden.
In Othem schmückt die "schöne Madonna" die nördliche Seite des Triumphbogens und in der Kirche von Anga können Experten wichtige Informationen über den Bau der Kirche aus den dortigen Runeninschriften herauslesen. In Akebäck wundert sich ein Besucher bestimmt über das Können der mittelalterlichen Baumeister, die dort im Dach des Chores Vertiefungen aus Lehm einbauten, um Geräusche und Laute zu verstärken. Dieser Effekt war den Kirchenbauern des 13. Jahrhunderts bereits bekannt. Und wer vergäße die wunderschönen Malereien im byzantinischen Stil unter dem Turmbogen der Kirche von Garda, die stilistisch einzigartig in Nordeuropa sind. Ganz zu schweigen von dem mit Schnitzereien verzierten First, der auf dem Dachboden der Kirche aufbewahrt wird und der zusammen mit dem alten Dachstuhl zu den ältesten Holzkonstruktionen des Landes zählt.
Zusammen ergeben diese Details, die 91 Kirchen und alle anderen geistlichen Kunstschätze aus dem Mittelalter ein Bild der emsigen Tätigkeit, die auf Gotland im frühen Mittelalter herrschte. Und es waren die Bauern des Kirchspiels, die die Kirchen bauen und mit Skulpturen und Malereien ausschmücken ließen, oft mit Hilfe ausländischer Handwerker und Künstler.

Von einfachen Holzhäusern zu prachtvollen Kathedralen

Alles hatte schon im 11. Jahrhundert mit einfachen Gebäuden aus Holz angefangen, die oft in Stabtechnik und mit stehenden Planken gebaut wurden. Im 12. Jahrhundert hatten die Kirchenbauer gelernt, aus Stein zu bauen. Kalkstein und Sandstein waren neue Baumaterialien und Hilfe war nötig, um damit auf Gotland große Gebäude errichten zu können. Die Hilfe kam in Form von sachkundigen Steinmetzen und Baumeistern aus dem Ausland, vielleicht auch durch sachkundige Mitglieder eines Klosters. Im Laufe der Zeit lernten auch mehrere Gotländer die verschiedenen Techniken. Einige Kirchenbauer sind namentlich bekannt, wie zum Beispiel Lafrans Botvidarson, andere sind anonym geblieben. Diese haben Namen bekommen, die den Eigentümlichkeiten ihres Stils entsprechen: zum Beispiel Egypticus, Elasticus und Ronensis.
Vermutlich war es normal, daß eine feste Gruppe von Bauarbeitern den gesamten Bau einer Kirche übernahm. Dort waren alle benötigten Spezialisten vorhanden: Baumeister, Steinmetze, Bildhauer, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Maler und Kalkbrenner. Und für die Arbeiten, die keine besondere Qualifikation erforderten, das Brechen von Steinen, das Schlagen von Bauholz und der Transport des gesamten Baumaterials, waren wohl die Bewohner des Kirchspiels zuständig.
Die ersten Steinkirchen wurden im romanischen Stil gebaut. Oft waren sie einheitliche Gebäude mit ansprechenden Proportionen von Turm, Langhaus und Chor. Der Chor wurde fast immer durch eine halbrunde Apsis abgeschlossen. Die Fenster und Portale waren klein mit halbrunden Oberteilen. Die äußeren Steinskulpturen durften nur selten hervorstechen und die Architektur überstrahlen. Die Bildhaukunst blühte bei den großartigen Taufbecken auf. Die Bildhauer werden als Majestates, Bysantinos, Calcarius und ähnlich bezeichnet. Im Inneren der Kirche schmückten Kalkmaler Wände und Gewölbe mit Malereien.
Im 13. Jahrhundert begannen die Gotländer damit, die romanischen Kirchen zu klein und unansehnlich im Verhältnis zu ihren wirtschaftlichen Ressourcen und den neuen Idealen in der Kunst, der Gotik, zu finden. Sie begannen mit dem Bau eines neuen Chores, erweiterten danach das Langschiff und schlossen den Umbau mit einem stattlichen Turm mit offenen Galerien und Fenstern ab.
Die Fenster wurden höher und mit spitzbögigen Abschlüssen und schönen Glasmalereien versehen. Die Portale wurden durch Säulen und Kapitellbänder voll von Figuren und stilisierten Ornamenten prachtvoll gestaltet. Das Innere der Kirchen wurde durch Malereien in klaren Farben, Altargemälde, Monstranzen, hölzerne Heiligenbildnisse und Triumphkruzifixe ausgeschmückt.
Längst nicht immer schafften es die Bewohner eines Kirchspiels, genug Geld aufzutreiben, um die ganze Kirche im gotischen Stil umzubauen. Manchmal wurde nur der Chor gebaut und die Kirchen haben dadurch heute ein fast sattelförmiges Aussehen. Manchmal schaffte man auch noch den Umbau des Langschiffs während der alte romanische Turm stehenblieb. In Källunge deutet der riesige gotische Chor übermütige Ambitionen an, die aber nie realisiert werden konnten und in Lau wurde der Turm nie dem großartigen Langschiff und Chor angepaßt.

Was passierte danach mit unseren Kirchen?

Heute ist es viele Jahrhunderte her, daß die gotländischen Kirchen gebaut wurden und natürlich sind die Spuren dieser Jahre deutlich zu sehen. Nirgendwo ist die Einrichtung aus dem Mittelalter komplett bewahrt. Aber dank späterer Restaurierungsarbeiten können wir an manchen Orten einen ungefähren Eindruck davon bekommen, wie es eigentlich gewesen ist.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden im Großen und Ganzen alle kirchlichen Bauprojekte im ländlichen Gotland gestoppt. Kriegerische Zeiten, nachlassende Konjunktur, steigende Steuern, die Abschaffung der Leibeigenschaft, schlechte Ernten und Krankheiten trugen dazu bei, daß die Handel treibenden Bauern Gotlands nicht mehr die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer großen Ambitionen hatten.
Ihre Tätigkeit hörte aber nicht ganz auf. In dieser Zeit entstanden einige Wandmalereien, zum größten Teil waren es umfangreiche Suiten, die das Leben und Sterben Jesu darstellten - sogenannte Passionsserien, manchmal waren es aber auch Malereien von höchster künstlerischer Güte, wie zum Beispiel der Apostelfries in Othem.
Die Reformation, die von Dänemark aus auf Gotland eingeführt wurde, hatte keinen unmittelbaren Einfluß auf die Kirchen der Insel. Die mittelalterlichen Fenster und Kalkmalereien durften aber genau wie die Kruzifixe und einige Heiligenbilder in den Kirchen bleiben.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden jedoch mehrere Veränderungen an der Einrichtung der Kirchen vorgenommen. Diese Entwicklung führte so allmählich zu den heutigen Kirchen. Im 17. Jahrhundert schmückten viele Gemeinden ihre Kirchen mit barocken Altaraufsätzen aus Sandstein, andere begannen, die alten Kalkmalereien zu "restaurieren" - oft mit schlechten Ergebnissen. Im 18. Jahrhundert entstanden oft neue Malereien in Form von Ranken und Schleifen.
Das 19. Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht schicksalhaft für die Einrichtung der mittelalterlichen Kirchen auf Gotland. Damals wollten die gotländischen Gemeinden größere, hellere und reinere Kirchen schaffen. Sie setzten neue Fenster ein, entfernten die Glasmalereien, übermalten die Kalkmalereien und entfernten die alten Holzstatuen, die im besten Fall auf den Dachboden geworfen wurden. Im Turm richteten viele Gemeinden einen Speicher für das ganze Kirchspiel ein, in dem Saatgut für Notjahre eingelagert wurde. Da die Bevölkerung immer größer wurde, wurden ungeschlachte Sitzreihen eingerichtet. Als Krönung des Ganzen - und in bester Absicht - bauten viele Gemeinden Kamine, um die Kirchen heizen zu können. Dies hatte die rasche Verrußung der Einrichtung zur Folge.
Die Restaurierungsarbeiten, die heute in den gotländischen Kirchen durchgeführt werden, haben als wichtigste Ziele, die Kirche als Raum für den Gottesdienst zu erhalten und die kulturellen Werte des Gebäudes zu bewahren.

Ora et labora!

Irgendwann zwischen 1160 und 1165 verließ eine Schar von Mönchen und Handwerkern das Zisterzienserkloster in Nydala in Småland. Die zwölf Mönche wurden von einem zukünftigen Klostervorsteher, einem Abt, angeführt. Unter den Ordensbrüdern gab es einige tüchtige Steinmetze, Zimmerleute, Maurer und Bauern. Sie alle hatten eine große Aufgabe vor sich - die Gründung eines Klosters auf Gotland.
Der Zisterzienserorden hatte vom gotländischen Althing die Erlaubnis bekommen, sich mitten auf der Insel niederzulassen, in der Nähe des Versammlungsplatzes des Althings in Roma. Eigentlich ging es gegen die Prinzipien der Zisterzienser, sich in einem Zentralort mit bereits urbarem Ackerland anzusiedeln. Am liebsten zogen sie in abgelegenere Gegenden, wo sie neues Land urbar machen konnten. Denn das Urbarmachen und Kolonisieren neuer Landstriche war eine der wichtigsten Aufgaben des Ordens. Ihr Motto lautete: Ora et labora! (Bete und Arbeite!). In Roma gab es aber, soweit sie das überblicken konnten, gute Möglichkeiten, Fischdämme in den umliegenden Mooren anzulegen, vielleicht konnte man sie sogar teilweise trockenlegen. Es ist auch möglich, daß sie auf öffentlichem Grund und Boden neue Äcker anlegen durften. Vielleicht wurden sie auch durch Gotlands Stellung im Ostseehandel angelockt. Eine andere Aufgabe der Ordensbrüder war es, den Gotländern alles beizubringen, was sie über die Kunst mit Stein zu bauen wußten.
Im Jahre 1164 legten die Mönche den Grundstein für das Kloster. Im Laufe der Zeit wuchs die Anlage zu einem beeindruckenden Gebäudekomplex heran. Der rechteckige Klosterhof, der sogar größer als der in Nydala war, wurde am Ende von Schlafsälen, Speisesälen, Lesesälen, Bibliotheken, Schreibstuben, Küchen und Waschräumen umgeben. Außerhalb der geschlossenen Einheit des Klosters lag ein Klostergarten mit Obstbäumen, Heilkräutern, Hopfen und anderen nützlichen Gewächsen. Heute sind von der großartigen Klosteranlage nur noch Teile des Langschiffes der Klosterkirche erhalten. Das Kloster sollte 400 Jahre lang eine gewisse Rolle für das Leben der Gotländer spielen. Unter den Bewohnern des Klosters gab es Experten für Krankenpflege, Landwirtschaft, Fisch- und Bienenzucht und viele Handwerker, vor allem Tischler, Schmiede, Steinmetze, Maurer und Gewölbebauer. Sicher waren auch diese Spezialisten bereit, ihr Wissen mit den Gotländern zu teilen.
Nach und nach wuchsen auch die Besitztümer des Klosters. Durch Käufe, Donationen, Vermächtnisse und Geschenke bekam es nicht nur Land auf Gotland, sondern auch auf Öland und in Estland. Das Kloster hatte eigene Handelsschiffe und zeitweilig sogar einen eigenen Handelshof in Reval (Tallinn). Die Besitztümer auf Gotland waren nicht groß, sondern eher kleine Landstücke, die in der Umgebung des Klosters verteilt lagen. Die Ursache hierfür war wahrscheinlich das Erbrecht aus Gutalagen, oder aber auch der Unwillen der Gotländer, sich einem Feudalsystem irgendeiner Art unterzuordnen. Im Zuge der dänischen Reformation wurden die Besitztümer des Klosters 1531 in Krongüter umgewandelt. Es scheint aber, als existierte das Kloster noch einige Jahrzehnte weiter. Um 1550 herum wurde der letzte Abt Priester der Nachbargemeinde Björke.

Eine Stadt entsteht

Schon in der Steinzeit hatten sich Menschen in dem Gebiet niedergelassen, das heute von der Innenstadt Visbys eingenommen wird. Dort, wo sie sich ansiedelten, gab es wahrscheinlich nur wenige der typischen Merkmale einer steinzeitlichen Siedlung: keine Flußmündung, keine Meeresbucht und keine naheliegenden Binnenseen. Hier gab es nur einen etwa 200 Meter breiten Strandstreifen zwischen den steilen Klippen im Osten und dem Meer im Westen. Der Strand befand sich ungefähr auf Höhe der heutigen S:t Hansgata. Trotz alledem war der Platz interessant für die Gotländer der Steinzeit. Ein Teil der Erklärung ist wahrscheinlich, daß sie hier die Klippen leicht überwinden konnten, daß es hier genügend Frischwasser in den Quellen gab, die unter dem Berg entsprangen und vielleicht auch, daß es gute Möglichkeiten für Fischfang und die Jagd auf Seehunde gab.
Die fortschreitende Landhebung entblößte immer mehr Land und der Strandstreifen unterhalb der Klippen wurde immer größer. Vor etwa 1000 Jahren lag das Niveau des Meeres ungefähr auf Höhe der heutigen Strandgata. Zwei deutliche Terrassen waren entstanden und damit hatte die Natur etwas noch viel Wichtigeres geschaffen: einen guten Hafen. Der Hafen war entstanden, als nun ein paar Inseln, die einer Meeresbucht vorgelagert waren, eine flache aber doch schützende Barriere gegen die westlichen Stürme bildete.
Irgendwann vor etwa 1000 Jahren begannen Bewohner der umliegenden Höfe, eine kleine Siedlung an diesem Platz anzulegen, die den ältesten Teil des heutigen Visbys darstellt. Sie steckten Grundstücke und Straßen nach einem genauen System ab. Sie bauten Häuser, die damals nur kleine Buden aus Holz ohne Feuerstellen waren, eine Art Sommerhaus für die Aufbewahrung von Segeln, Takelage, Tauen und Netzen, aber auch für Waren, die exportiert werden sollten.
Noch war es eine Siedlung, die nur in der Segelsaison benutzt wurde. Sie war ein lokaler Marktplatz, hinter dem nach allem, was wir wissen, irgendeine Organisation stand - vielleicht einige Höfe oder ein Thing.
Die Bedeutung des Ortes wuchs. Er wurde an den Küsten der Ostsee bekannt und schon in der Wikingerzeit kamen die ersten Fremden hierher: Schweden, Dänen, Finnen, Balten und Russen. Der Handel wuchs und einige Gotländer begriffen, daß es möglich war, an diesem Platz dauerhaft zu bauen und das ganze Jahr über hier zu leben. Es dauerte auch nicht lange, bis die ersten Fremden einsahen, daß die Lage in der Ostsee vortrefflich war und daß es hier auch für sie eine Zukunft gab.

Eine Stadt aus Stein

"Dort erhob sich Visby, die stolzeste und schönste Stadt des Nordens, wie auf Treppenstufen aus dem Meer. Auch der Meeresgrund senkte sich vor dem Hafen in breiten Stufen ab, so daß das von der Sonne durchschienene Wasser ganz oben nahezu weiß aussah, aber an den tieferen Stellen war es smaragdgrün. Und dort, wo es am tiefsten wurde, rollten die Wellen in strahlendem Blau. Die Giebelhäuser wetteiferten mit den unzähligen Kirchen darum, immer höher hinauf zu reichen. Und um die ganze, reiche Hansestadt herum kletterte die Stadtmauer mit ihren Türmen, fast 4 Kilometer lang."

Wir dürfen wohl glauben, daß es ein nahezu unglaublicher Anblick war, der sich Verner von Heidenstams Webergesellen Peder Snugg bot, als er vor etwa 700 Jahren nach Visby kam. Auf seiner Wanderung hatte er viele Städte in Schweden und in anderen Ländern gesehen. Das waren Städte, in denen fast alle Häuser kleine Holzbuden mit Grasboden auf dem Dach waren, es waren kleine und übelriechende Orte, die noch nicht einmal zu einem schnellen Besuch einluden. Aber hier sah er schon von weitem, daß alles anders war. Die Nachmittagssonne schien über einer Stadt aus fast weißem Stein, deren strahlendes Weiß durch die exponierte Lage auf dem Abhang zwischen den Klippen und dem vielfarbigen Meer noch verstärkt wurde. Nein, so etwas hatte er noch nie gesehen.

Der Hafen - das Herz der Stadt

Das Herz des mittelalterlichen Visbys war der Hafen. Die einfache Lagune der Wikingerzeit hatte sich mit der Zeit in eine moderne Hafenanlage verwandelt. Es gab immer noch zwei Einläufe, einen im Norden beim mächtigen Kruttorn (Pulverturm) und einen im Süden. Genauso wie früher wurde der Hafen von einer Reihe kleiner Inseln, die die Einwohner der Stadt nachträglich mit Steinen verstärkt hatten, gegen die starken westlichen Winde geschützt.
Entlang der Seemauer lief ein langer Kai, von dem aus kleinere Brücken mit Kränen, Winden und Flaschenzügen in das Hafenbecken, das heutige Almedalen, reichten. Die Brücken waren notwendig geworden, als die Schiffe immer schwerer, breiter und tiefgehender geworden waren, aber besonders nachdem die Deutschen einen neuen Typ eingeführt hatten - die Kogge. Die Kogge konnte nicht wie die Schiffe der Wikingerzeit auf den Strand gezogen werden, da sie viel schwerer und unförmiger war. Dadurch verödeten viele Häfen an der gotländischen Küste. Auf der anderen Seite hatte die Kogge Vorteile, die sie rasch zum vorherrschenden Schiffstyp im Ostseehandel werden ließen. Die Kogge war vor allem ein Frachtschiff, das viel Last aufnehmen konnte, aber dank ihrer hohen Seiten war sie auch leicht gegen Seeräuber zu verteidigen. Diese beiden Fähigkeiten waren wichtig im mittelalterlichen Handel.
Ein großer Teil der städtischen Aktivität konzentrierte sich auf den Hafen. Dorthin strömten Waren aus dem ganzen Ostseeraum, um dann wieder mit anderen Schiffen in andere Länder verschifft zu werden. Im Sommer lagen hier sicher ein Dutzend Schiffe gleichzeitig, Seeleute und Arbeiter be- und entluden Schiffe, Flaschenzüge und Winschen knirschten und Rufe und Arbeitsgesänge erfüllten die Luft.
Manchmal strömten merkwürdig gekleidete Menschen aus den Schiffen, froh nach einer langen und ungewohnten Reise wieder an Land zu sein. Das konnten zum Beispiel Ritter auf dem Weg zu einem Kreuzzug gegen die heidnischen Balten sein, aber hier stiegen auch Händler, Bettler, Nonnen, Handwerker, Maurer, Steinmetze, Kirchenbaumeister und viele andere an Land, die alle begierig darauf waren, an der pulsierenden Aktivität in dieser Metropole teilzuhaben.
Die Deutschen hatten sicher großen Anteil am Ausbau des Hafens, genau wie am Wachstum Visbys zu einer mittelalterlichen Großstadt. Sie waren lange von mehr oder weniger feindlichen Völkern daran gehindert worden, die Ostseeküste zu erreichen, aber seit der Gründung und Übernahme Lübecks durch Heinrich den Löwen im Jahre 1158, hatten sie einen ausgezeichneten Hafen und konnten sich ernsthaft in den expandierenden Handel in der Ostsee einmischen.
Heinrich der Löwe war sich wohl bewußt, wer die Herren dieses Handels waren. Es waren die Gotländer. Für ihn kam es nun darauf an, Zugang zu ihren Märkten zu erhalten, vor allem in Nowgorod. 1161 bekräftigte er in Artlenburg die Rechte der gotländischen Händler, die sie von alters her in den deutschen Gebieten hatten. Auf den ersten Blick scheint dies ein Zugeständnis des Herzogs zu sein.
Aber Heinrich der Löwe war gerissener, denn gleichzeitig bekamen die deutschen Händler freien Zugang nach Gotland und zu den Märkten in Rußland, Finnland und dem Baltikum, was noch viel schlimmer war. Die Deutschen fanden schnell einen Platz, an dem sie sich etablieren konnten - dieser Platz war Visby.

Visby - "die stolzeste und schönste Stadt des Nordens"

Etwa zur Mitte des 12. Jahrhunderts begannen die Einwohner der Stadt, den Hafen zu befestigen. Am nördlichen Einlauf ließen sie einen festungsartigen Turm mit dicken Mauern und verschiedenen Verteidigungseinrichtungen errichten. Dieser Turm ist den ländlichen Verteidigungstürmen, den Kastalen, sehr ähnlich. Seit dem 18. Jahrhundert heißt er Kruttornet (der Pulverturm). Etwa hundert Jahre nach dem Bau des Turmes wurde eine Mauer zwischen dem Hafen und der inneren Stadt gebaut. Diese Mauer war im Norden an den Befestigungsturm angeschlossen und damit das Kernstück der Stadtmauer, die später die ganze Stadt umgeben sollte.
Innerhalb der Seemauer lag ein weitgestreckter und größtenteils offener Platz. Er war bis auf ein großes imposantes Steinhaus mit mehreren Stockwerken, das 42 Meter lang und 21 Meter breit war, unbebaut. Dieses Haus wurde Kalvskinnshuset (Kälberhäutehaus) oder Vinhuset (Weinhaus) genannt und diente als Rathaus der Stadt, bis ein neues weiter oben in der Stadt an der S:t Karin Kirche gebaut wurde. In diesem Haus gab es auch Schanklokale und Stände für den Verkauf von Waren aller Art. Im Keller wurde der ganze Wein gelagert, der nach Visby gebracht wurde, bevor er weiterverkauft werden durfte. Der Keller ist noch heute größtenteils unter der Erde im Stadtteil Kalvskinnet zwischen Strandgatan und Birgersgränd erhalten.
Warum dieses Gebäude zum Teil als Kalvskinnshuset bezeichnet wird, ist unklar. Eine Sage berichtet, daß es vom schwedischen König Birger Magnusson gebaut wurde. Er regierte während der Jahrhundertwende zum 14. Jahrhundert und ist vielleicht am bekanntesten wegen des Streits, den er mit seinen Brüdern Erik und Waldemar hatte. In einer Nacht im Herbst 1306 nahmen die Brüder den König auf den Hof Håtuna in Uppland gefangen. Diese Episode ist in der schwedischen Geschichte als "Håtunaleken" (das Håtunaspiel) bekannt. Die folgenden Kämpfe führten zu einer Dreiteilung des Reiches unter den drei Brüdern, wobei Birger unter anderem Gotland und Visby bekam.
Es dauerte mehr als zehn Jahre bis König Birger sich rächte, indem er seine Brüder für immer in die gefürchteten Verliese im Schloß von Nyköping werfen ließ, diese Episode wurde als "Nyköpings gästabud" (das Gastmahl von Nyköping) bekannt. Zwischen den dramatischen Ereignissen besuchte der König 1313 Gotland, um von den Gotländern höhere Steuern einzutreiben. Es wird erzählt, daß er mit seinen Landsknechten in Slite an Land stieg und daß sich die Gotländer aber nicht seinem Willen fügen wollten. Das königliche Heer wurde in der Schlacht auf Röcklinge backe bei Lärbro besiegt. Laut volkstümlicher Überlieferung soll sich der König unter einem Haselnußstrauch verborgen haben. In dieser Situation wurde er von einem Bauern aus Hejnum gerettet, der später zum Ritter ernannt wurde und dessen Hof nach seiner neuen Stellung in der Gesellschaft benannt wurde. Nach der Schlacht auf Röcklinge backe konnte sich König Birger aber dennoch so allmählich nach Visby durchschlagen.
Ob es nun bei dieser Gelegenheit war, daß der König die Bürger Visbys bat, ein Gebäude für sich und sein Gefolge errichten zu dürfen, verbleibe ungesagt. Die städtischen Behörden wollten es ihm aber nicht erlauben und ließen sich erst überreden, als Birger sich mit einem Stück Land zufrieden gab, daß von einer Kalbshaut bedeckt werden konnte. Der König ließ dann die Haut in einen langen Streifen schneiden und damit ein Grundstück innerhalb der Seemauer umringen. Dort errichtete er ein protziges Gebäude, das danach etwa 100 Jahre als Schloß gedient haben soll.
So berichtet es die Sage, die Parallelen überall in der Welt hat. Der Name Kalvskinnshuset kann auch auf andere Weise erklärt werden. Auf jeden Fall ist sicher, daß es König Birger gelang, von den Gotländern mehr Steuern zu erpressen, obwohl er in der volkstümlichen Überlieferung als Verlierer dargestellt wird. Er traute sich sogar, etwas später noch einmal nach Visby zu kommen. Nach dem grausamen Gastmahl von Nyköping zwangen nämlich die Großadligen den König zur Abdankung, woraufhin er nach Gotland flüchtete. Dort wohnte er aber nur kurze Zeit, bevor er weiter nach Dänemark flüchtete.

Ein mittelalterlicher Stadtrundgang

Nördlich und südlich von Kalvskinnshuset war das Gelände im großen und ganzen offen, vielleicht war hier der Marktplatz der Stadt. Im Norden kann es einige einfache Buden aus Holz gegeben haben. Der südliche Platz wird manchmal Rolandplatz genannt. Dort stand wahrscheinlich die Rolandstatue der Stadt, die einen Ritter darstellte, dessen Schwert an seiner Schulter lehnte. Die Skulptur symbolisierte das Recht Visbys, sich Stadt nennen zu dürfen.
Ein Seemann, der um 1350 nach Visby kam und durch Lilla Sjöporten den Rolandplatz betrat, war sicher beeindruckt, von dem, was er sah. Zur Linken hatte er die mächtige Fassade von Kalvskinnshuset und direkt vor ihm lagen die Kaufmannshäuser Seite an Seite entlang der Hauptstraße der Stadt, der heutigen Strandgatan.
Alle Häuser waren aus Kalkstein gebaut. Die meisten waren drei oder vier Stockwerke hoch, aber es gab auch höhere. Alle waren schmal, weiß verputzt und hatten fein behauene Steine an den Ecken. Viele von ihnen waren durch Treppengiebel gekrönt, die tatsächlich wie eine Krone aussahen. In den zur Straße gerichteten Giebeln waren die Fensteröffnungen, die meisten klein und rund, aber wenigstens in einem Stockwerk waren sie größer und von fein behauenem Kalkstein oder Ziegeln eingerahmt. In fast jedem Stockwerk gab es auch eine Luke für den Transport von Waren und ganz oben in der Spitze des Giebels war eine Halterung für Flaschenzüge eingemauert. Diese war mit kräftigen Stricken und Flaschenzügen versehen, so daß auch schwere Waren heraufgezogen werden konnten.
Wenn er Geschäfte zu erledigen hatte, konnte der Seemann von der Straße aus durch eine kräftige Pforte und über eine Treppe in den Keller gelangen. Den ersten Stock erreichte er über Holztreppen und Balustraden, die an der Fassade angebracht waren. Überall lagerten Waren aller Art. In den Kellern, die auch an den heißesten Sommertagen kühl waren, wurden die Frischwaren aufbewahrt: Fleisch, Butter, Häute und Leder. Anderswo wurden Stoff- und Wollballen, Tonnen mit Teer und Getreide und Stapel von Wachs gelagert, während unter dem Dach getrockneter Fisch, Kräuter und Kerzen hingen.
Der Seemann sah ein, daß die stattlichen Häuser auf Strandgatan fast ausschließlich für die Lagerung von Waren gebaut waren. Das war nicht verwunderlich, denn der Handel war der wichtigste Erwerbszweig in Visby und der Handel war die Grundlage des Reichtums der Kaufleute. Und da war es natürlich, daß sie ihre teuersten Besitztümer sicher aufbewahren wollten.
Ihre Wohnungen waren stets viel einfacher, oft nicht mehr als ein Anbau an das Lagerhaus. Als der Seemann durch ein offenes Tor zur Gasse sah, entdeckte er nur einen einzigen Raum, in der es eine offene Feuerstelle gab. Darin konnte er im Dämmerlicht einige Mägde erkennen, die eine Mahlzeit vorbereiteten. Obwohl es ein paar kleine Fenster gab, kam das Licht fast nur von der offenen Tür, dem Feuer oder ein paar Talglichtern. Auf der Feuerstelle stand ein großer Eisenkessel, einige Töpfe und ein Rost. Der einfache und robuste Holztisch war mit vier Holzscheiben, "diskar", gedeckt. Auf diesen Scheiben lagen Brotstücke, in die das Essen gefüllt wurde, und daneben standen geschnitzte Holzschüsseln für die Grütze. Ebenso gab es Keramikbecher für das Bier, mit dem man das Essen herunterspülte. Mit einem Messer und einem Löffel an jedem Platz wurde der gedeckte Tisch komplettiert.
In der einen Ecke des Hauses entdeckte der Seemann eine Treppe, von der er annahm, das sie in einen darüberliegenden Raum führte. Wenn er mehr Zeit für seine Beobachtungen gehabt hätte, hätte er vielleicht in einer Ecke den Abtritt gefunden, eine Art Toilette. Gerade erst nach Visby gekommen, konnte er ja nicht wissen, daß es solche Abtritte in den meisten Häusern in Visby gab. Sie waren nämlich in die bis zu einem Meter dicken Wände gebaut. Eine Leitung in der Wand führte zu einem großen geschlossenen Raum unter dem Keller, der Latrinenkammer. Wenn der Hauseigentümer nun nicht soviel Glück hatte, daß er Wasser aus einer der vielen Quellen unter den Klippen durch die Latrinenkammer leiten und sie auf diese Weise säubern konnte, konnte er sie von Zeit zu Zeit durch eine kleine Öffnung per Hand reinigen.
Der Seemann wagte es nicht, das merkwürdige Haus noch näher zu untersuchen, sondern verließ dieses riechende, polternde und vielsprachige Handelszentrum - Können wir es wagen, es als Visbys "Zentrum" zu bezeichnen? - und ging weiter die Gasse entlang, die weiter hinauf zur Stadt führte. Der Weg war schmal und eng und auch während des Tages herrschte hier ein kühles Dunkel. Die Gasse war steil, aber es war nicht schwer, sich auf ihr fortzubewegen, da sie mit Steinen belegt war. Natürlich roch es ein bißchen muffig in diesem Dunkel, aber lange nicht so wie in anderen Städten, die er besucht hatte. Die Bewohner Visbys schienen sich auch in hygienischer Hinsicht um ihre Stadt zu kümmern.
Aber es gab natürlich auch in dieser Stadt Gestank und Schmutz. Auch wenn der frische Wind vom Meer über Visby strich, war es nicht nur der Gestank von verrottendem Tang, der sich bemerkbar machte. Er mischte sich mit dem Geruch von Abfallhaufen, Pferdekot, verrottendem Fisch und dem Aroma von starken Kräutern. Was war eigentlich mit dem Hafen, in dem sein Schiff lag und in den Wellen schaukelte? Das Wasser darin roch nämlich nicht besonders gut. Auch die Menschen rochen. Die Bewohner Visbys waren reichlich mit Frischwasser versorgt und vielleicht lebte sogar noch ein Teil der antiken Badekultur fort, aber baden war mehr ein Ritual und ein Vergnügen, als etwas, das der Reinigung diente. Sich zu waschen war außerdem eine übliche Beschäftigung für Frauen - nicht für Männer.
An einer Stelle kam der Seemann sogar an einem Badehaus vorbei, offensichtlich ein sehr beliebter Treffpunkt. Er hatte seit drei Wochen nicht gebadet, vielleicht würde er es später am Tag einmal ausprobieren.
Weiter hier oben wechselte der Charakter der Stadt, die Häuser waren nicht mehr so hoch und beeindruckend und viele waren zudem aus Holz gebaut. Hier tauchten immer mehr Werkstätten und Handwerksbuden auf. Offensichtlich befanden sich auch viele Wohnhäuser der Kaufleute in diesem Teil der Stadt und an mehreren Stellen waren die Gassen durch Torhäuser überbaut wurden.
Auch hier traf der Seemann auf ein Gewimmel von Menschen aller Art. Er sah andere Seeleute auf Entdeckungsreise, Händler in feinen Kleidern, schmutzige Schmiede, Mägde, die die täglichen Einkäufe von Frischwaren erledigten, und viele andere. Und es war keine leise Stadt, durch die er wanderte. Laute Gespräche zwischen den Menschen auf der Straße, das Geklapper von Pferdehufen, das Knirschen und Rattern von Karren und Wagen, das Bellen der Hunde, das Schreien der Möwen und der Klang der Glocken mischte sich mit dem Geschrei der Straßenverkäufer: "Hühner zu verkaufen! Hervorragendes, trockenes Brennholz! Zahnziehen günstig! Hier werden Messer geschliffen! Morgen geht ein Boot nach Kalmar!"
Hier oben sah der Seemann auch mehrere große Kirchen aus Stein mit hohen Türmen und an einigen Stellen konnte er hinter den geöffneten Pforten sogar ein wenig Grün entdecken. Er stellte fest, daß er in Klostergarten sah. Etwas weiter entfernt gab es einige Äcker, auf denen die Bürger Kohl und Zwiebeln anbauten.
Er hatte nicht vor, bis zur obersten Terrasse der Stadt zu gehen, dort schien die Stadt zu enden und die kleinen, niedrigen Holzhäuser, die er unterhalb der grauen Stadtmauer erahnen konnte, kannte er bereits aus anderen Städten.
Was er auf seiner Wanderung gesehen hatte, war absolut ausreichend und beeindruckend dazu! Nun war es vielleicht an der Zeit, irgendein Wirtshaus aufzusuchen, um ein bißchen Essen und eine Kanne Bier zu bekommen. Morgen sollte sein Schiff beladen werden.

Die Kirchen Visbys

"Die meisten von ihnen hatten kein Dach und nackte Innenräume. Die Fensteröffnungen waren leer, die Böden grasbewachsen und an den Wänden kletterte der Efeu empor. Aber nun wußte er, wie sie einmal ausgesehen hatten, daß sie von Bildern und Malereien bedeckt gewesen sind, daß im Chor ein geschmückter Altar und ein goldenes Kreuz gestanden haben und daß sich dort Priester bewegt hatten, die in goldene Gewänder gekleidet waren ..."
Selma Lagerlöf war es, die die Kirchenruinen Visbys auf diese Weise durch die Augen Nils Holgerssons sah. Der "Gänsjunge" aus Skåne konnte zwei Visbys während seines Besuchs auf Gotland besichtigen. Zum einen ein Visby als verzauberte Stadt auf dem Meeresboden, Vineta, zum anderen die wirkliche Stadt, das Visby, das Selma Lagerlöf selbst während eines Gotlandbesuchs in den 1890er Jahren gesehen hat. Genauso wie die heutigen Touristen bewunderte Selma Lagerlöf das romantische Visby, die schmalen Gassen, die Treppengiebelhäuser, "die hübschen Häuschen in den Seitenstraßen", die Gärten und die "mit Ranken bewachsenen Ruinen". Kein Wort über Rosen, denn noch war Visby nicht die Stadt der "Rosen und Ruinen". An und für sich ist es nicht unmöglich, daß es schon im Mittelalter vereinzelt Rosenbüsche in den Klostergärten gab. Sie tauchten aber erst im 20. Jahrhundert in größerer Menge und dann auch an der Straße auf. Aber die Überreste der mittelalterlichen Kirchen gab es und das seit unzähligen Jahrhunderten.
Zusammen gab es 17 oder 18 Kirchengebäude im mittelalterlichen Visby, von großen Kathedralen bis zu kleinen Kapellen. Zehn von ihnen sind noch heute als Ruinen markante Bestandteile im Stadtbild. Eine einzige ist vollständig bewahrt: die jetzige Domkirche S:ta Maria.
Aber wieso gab es diese große Menge an Gotteshäusern? Konnten 17 Kirchen bei jeder Messe mit Menschen gefüllt werden? Oder welchen Zweck erfüllten sie? Baute man Kirchen aus Spaß? Oder nur, um Gott zu gefallen? Und wieso wurden sie so groß gebaut?
Ein Teil der Antwort liegt in der Macht der Kirche über die Menschen. Dies gilt sowohl für das Leben in dieser Welt, als auch für die Vorbereitung auf das kommende Leben. Wo man auch wohnte, wohin man auch reiste, gab es ein starkes Bedürfnis, in die Kirche zu gehen. Es war unmöglich, ohne zu leben.
Dieses Bedürfnis wurde in erster Linie durch die Gemeindekirchen erfüllt, die der gemeine Mann besuchen konnte, um zu Gott, für sich selbst oder seine Nächsten zu beten. Andere Kirchen wurden gebaut, damit fremde Kaufleute einen Ort hatten, zu dem sie gehen konnten. Wieder andere fungierten als Klosterkirchen oder als Zufluchtsort für Kranke. Die Kirchen waren mit anderen Worten für unterschiedliche Bedürfnisse da, vielleicht waren sie nicht bei jedem Gottesdienst gefüllt, aber es gab sie als einen beständigen Quell der Sicherheit.

Botairs Kirche war die erste

Die erste Kirche in Visby war wahrscheinlich die laut Gutasaga von Botair errichtete. Es ist anzunehmen, daß sie irgendwann im 11. Jahrhundert erbaut wurde. Im Zuge der Vergrößerung der Stadt während des folgenden Jahrhunderts stieg der Bedarf an Kirchen, und mehrere Bauvorhaben wurden in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts begonnen. Die ersten wirklich großen Bauvorhaben folgten aber erst in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Meist waren es Umbauten der Kirchen aus dem 11. Jahrhundert, aber auch einige neue wurden gebaut.
Während der folgenden hundert Jahre scheint der Bau der Stadtmauer alle Energie und Arbeitskraft geschluckt zu haben, so daß die Bewohner der Stadt erst im späten 14. Jahrhundert wieder an ihre Kirchen denken konnten. 1412 weihten die Franziskaner den Chor von S:ta Karin ein, der üblicherweise als der letzte große Kirchenbau im mittelalterlichen Visby betrachtet wird. Etwa zur gleichen Zeit begann Erik von Pommern den großen Schloßbau in der südwestlichen Ecke der Stadt.
Danach sollte es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Kirchen stillgelegt wurden. Die Zeiten wurden schlechter und Visby wurde immer ärmer. Seeräuber und Kaperer entzogen dem gewinnbringenden Handel die Grundlage. 1525 stürmten die Lübecker die Stadt und mehrere Kirchen gingen in Flammen auf. Die dänische Reformation unter Christian III. in den 1530er Jahren legte alle Klöster und Konvente still und überließ viele Kirchen dem Verfall. Die Einrichtung, Fenster, Türen und Steinskulpturen wurden nicht über die Welt, aber doch unter den privaten Häusern Visbys verteilt.
In den 1730er Jahren wollte der Landshövding die Kirchenruinen verkaufen, um sich von dem Geld eine neue Residenz bauen zu können. Die Ratsmitglieder der Stadt waren damals so klug, dieser Idee nicht zuzustimmen. Erst 1805 wurden die Ruinen formell unter Denkmalschutz und damit unter staatlichen Schutz gestellt.

"So prächtige Kirchen... dem Verfall preisgegeben"

Fast alle Kirchen Visbys lagen am Rande oder außerhalb des wikingerzeitlichen Stadtkerns von Visbys. Ein möglicher Grund hierfür ist, daß der Verlauf der Straßen und die Einteilung der Grundstücke auf vorchristliche Pläne zurückgeht. Zum Bau von Kirchen brauchte man geraden Untergrund, und die Kirchen durften beim Hantieren der Güter und Waren nicht stören.
Ganz im Süden, unterhalb der Klippen, lagen S:t Per und S:t Hans, die beide aus dem 12. Jahrhundert stammen. S:t Per, dem Apostel Petrus geweiht, war die älteste Kirche und wurde auf den Überresten von Botairs Kirche errichtet. Sie war eine der ersten Gemeindekirchen, aber sie wurde allmählich zu klein, so daß man direkt daneben noch eine Kirche baute, S:t Hans. Sie hatte Johannes den Täufer als Schutzheiligen.
Oberhalb dieser Kirchen, auf den Klippen (Klinten), lag S:t Mikael, die wahrscheinlich irgendwann um die Mitte des 13. Jahrhundert als Gemeindekirche errichtet wurde. Sie wurde bei den Kämpfen um Schloß Visborg im 15. Jahrhundert schwer beschädigt, aber die Ruinen wurden erst im 18. Jahrhundert beseitigt. Heute kann man über der Erde keine Spuren von dieser Kirche entdecken. Die Kirche wurde nach dem Erzengel Michael benannt, dem Drachentöter und Aufseher über die Seelenwaage beim Jüngsten Gericht.
S:ta Katharina oder S:t Karin an Stora Torget war die Konventskirche der Franziskaner und eigentlich die einzige Kirche der Stadt, die im mittelalterlichen Stadtkern lag. Die Franziskaner waren die sogenannten Bettelmönche. Sie gingen oft barfuß und waren in dürftige, graue Kutten gekleidet. Sie sorgten für die Schwachen der Gesellschaft und missionierten unaufhörlich.
Im Gegensatz zu den Zisterziensern zogen die Franziskaner bevorzugt in Städte. In Visby gründeten sie 1233 ihr erstes Konvent in Schweden. Ein Konvent eines Bettelordens entspricht dem Kloster eines Mönchsordens. Die erste Bauphase der Kirche war irgendwann zur Mitte des 13. Jahrhunderts fertig, aber die Franziskaner bauten sie zusehends aus und um. Der hübsche Chor wurde 1391 eingeweiht, aber auf Grund eines Einsturzes mußte er im 15. Jahrhundert umgebaut werden. Die anderen Gebäude lagen südlich der Kirche und dort arbeiteten die Franziskaner noch bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Heute sind diese Gebäude fast vollständig verschwunden. Die Kirche war der Heiligen Katharina von Alexandria gewidmet, die den Märtyrertod erlitt und die danach unter anderem die Schutzheilige für Juristen, Philosophen und Lehrer wurde. Sie war eine beliebte Heilige in Schweden und kommt sogar in einem Lied vor: "Liten Karin".
An der nordöstlichen Ecke von Stora Torget lag Ryska Kyrkan, wo die russischen Kaufleute ihre Gottesdienste feierten. Überreste dieser Kirche kann man im Keller des Gebäudes finden, das zwischen Stora Torget und Ryska gränd liegt. Die Grundmauern zeigen, daß die Kirche sehr klein war, kaum größer als eine Kapelle.
Etwa hundert Meter nördlich des Platzes lagen zwei Kirchen dicht nebeneinander, Drotten und S:t Lars. Sie werden oft als "Schwesterkirchen" bezeichnet. Beide wurden im 13. Jahrhundert direkt außerhalb des mittelalterlichen Stadtkerns wahrscheinlich als Gemeindekirchen erbaut. "Drotten" ist ein anderer Name für Gott oder Christus, S:t Lars wurde nach dem Heiligen Laurentius benannt, der irgendwann im 3. Jahrhundert von Heiden bei lebendigem Leibe geröstet wurde und der immer noch der Schutzpatron der Köche, Bäcker und Bibliothekare ist.
S:t Lars ist eine der interessantesten Kirchen in Visby. Sie wurde in Kreuzform errichtet, die auf byzantinische Einflüsse hinweisen kann. In ihren Wänden gibt es Gänge und Treppen, durch die man sich zwischen den unterschiedlichen Stockwerken bewegen kann. An einigen Stellen öffnen sich die Gänge als kleine Gucklöcher oder Säulengänge zum Hauptschiff.
Auf der gleichen Höhe wie die Schwesterkirchen, aber direkt unter den Klippen, liegt die einzige mittelalterliche Kirche, die bis in unsere Tage erhalten geblieben ist, S:ta Maria, die Domkirche. Mit dem Bau der Kirche, die nach Jesu Mutter benannt ist, wurde im späten 12. Jahrhundert begonnen, aber sie wurde später in verschiedenen Etappen aus- und umgebaut. Die letzte große Erweiterung wurde im 14. Jahrhundert vorgenommen. S:ta Maria war die Gemeindekirche der deutschen Kaufleute und man kann in allen Details den deutschen Einfluß erkennen.
Als Kaufmannskirche wurde S:ta Maria auch zum Lagern von Waren benutzt. Vor allem der geräumige Dachboden über dem Langschiff wurde als Packhaus benutzt. Im Giebel des Chores ist ein Balken zur Befestigung eines Flaschenzugs angebracht.
Helge Ands Kyrka (die Heilig-Geist-Kirche) lag nördlich von S:ta Maria. Die Kirche ist vielleicht von dem Rigaer Bischof Albert erbaut wurden, der während der baltischen Kreuzzüge des frühen 13. Jahrhunderts Visby als Sammelplatz für Pilger und Kreuzfahrer benutzte. Natürlich brauchten sie eine eigene Kirche in Visby bevor sie sich auf die gefahrvolle Fahrt nach Osten machten. Helge Ands Kyrka kann auch mit einer verschwundenen Visbyenser Kirche, S:t Jakob, identisch sein.
Helge Ands Kyrka unterschied sich von den anderen Kirchen in Visby. Das Langschiff war achteckig und hatte zwei Stockwerke sowie einen zentralen Turm. Das obere Stockwerk, das man über zwei Treppen in der Mauer erreichen konnte, öffnet sich im Osten zum Chor und durch ein "Lautloch" zum Langschiff. In der östlichen Wand des Chores gibt es kleine Räume.
In der südöstlichen Ecke des Botanischen Gartens liegen die bewachsenen Ruinen einer der größten mittelalterlichen Kirchen der Stadt, S:t Olof. Sie wurde irgendwann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Gemeindekirche erbaut und ist dem beliebtesten Heiligen des Nordens geweiht, S:t Olof.
S:t Olof wurde vermutlich für die Menschen gebaut, die in diesen Teil Visbys zogen, als die in der Nähe liegende S:t Clemens Kirche zu eng wurde. S:t Clemens war dem gleichnamigen Heiligen geweiht, der den Märtyrertod erlitt, indem er mit einem Anker um den Hals im Meer versenkt wurde, war eine der ältesten Kirchen Visbys und wurde schon im 12. Jahrhundert erbaut.
Über S:t Clemens gibt es eine Geschichte. Vor sehr langer Zeit kam ein Schustergeselle namens Hans Turitz auf seiner Gesellenwalz nach Italien. In einem Wirtshaus hörte er, wie zwei Mönche miteinander sprachen. Der eine erzählte auf deutsch, damit es niemand der anderen Gästen verstand, wie es einigen Klosterbrüdern gelungen sei, während der Wirren der Reformation in Visby einen großen Schatz zu verstecken, der unter anderem aus einer goldenen Gans mit 24 Jungen, auch diese natürlich aus dem edlen Metall, bestand. Diese Kostbarkeiten seien in einer Kirche mit dem Namen S:t Clemens eingemauert worden.
Turitz verstand deutsch und merkte sich alles, was über das Versteck des Schatzes gesagt wurde. Als er später nach Visby kam, ging er eines Nachts zur Kirche. Nachdem er eine Zeitlang die Mauern abgeklopft hatte, fand er den Schatz. Turitz blieb in Visby und wurde mit der Zeit - Dank des Schatzes? - ein wohlhabender Kaufmann, Ratsherr und Bürgermeister. Er starb 1629 und wurde in der Domkirche begraben.
Nach volkstümlicher Überlieferung sollen auch in S:t Per und S:t Lars Schätze versteckt worden sein. Oft enthalten diese Geschichten ein Körnchen Wahrheit und es ist ja durchaus möglich, daß es die Priester und Mönche tatsächlich schafften, einige der Kostbarkeiten vor den Umwälzungen der Reformation in den 1530er Jahren zu verstecken.
Nördlich von S:t Clemens lag ein Kloster, das nach dem Bischof Nikolaus, der im 4. Jahrhundert in Kleinasien lebte, benannt war. S:t Nikolaus war der Schutzheilige aller Kinder und Seefahrer und konnte in allen gefährlichen Situationen angerufen werden. Er brachte auch allen Bedürftigen Geschenke.
Um 1230 übernahmen die Dominikaner, ein Bettelorden, dessen Mitglieder weiße Mäntel und im Winter darüber einen schwarzen Mantel trugen, eine ältere Kirche an diesem Platz und gründeten dort eins der ersten Dominikanerkonvente im Norden. Die Kirche war aber nicht für die Anforderungen eines Konventes geeignet. Deshalb bauten die Ordensbrüder sie im Laufe von 300 Jahren zu der mächtigen dreischiffigen Kirche aus, deren Reste wir noch heute sehen können. An der Westseite versahen sie die Kirche mit einem prächtigen Giebel, der mit Nischen und Rosetten aus Ziegelsteinen geschmückt war. Um 1400 bauten sie einen genauso stattlichen Chor mit hohen, schmalen Fenstern. Die übrigen Gebäude des Klosters lagen nördlich der Kirche.
Im 13. Jahrhundert war zeitweise Petrus de Dacia Vorsteher des Konvents, der sogenannte Prior. Während seines Studiums in Köln hatte er eine fromme Frau namens Christina kennengelernt, die aus der Stadt Stommeln stammte. Sie standen viele Jahre lang in engen Briefkontakt, und Petrus schrieb sogar einige Bücher über diese bemerkenswerte Frau. Petrus de Dacia wird deshalb als der erste Schriftsteller Schwedens bezeichnet. Seine Beziehung zu Christina wird als Theaterstück in den Ruinen aufgeführt.
Zwischen S:t Nicolaus und Helge And lag eine kleine Kapelle, S:ta Gertrud. Gertrud war eine Äbtissin, die im 7. Jahrhundert für ihre Kirchenbauten bekannt wurde. Deshalb ist sie auf den Steinplatten über dem Westportal der kleinen Kapelle mit einer Kirche in der Hand abgebildet. Sie war die Schutzheilige der Gärtner und der Reisenden und konnte zudem die Ratten vertreiben. Auf der gleichen Steinplatte sind neben ihr die Wappen der adligen Familien Tott und Bonde abgebildet. Die Kapelle wurde irgendwann im späten 15. Jahrhundert erbaut.
Im Mittelalter wurden im Norden der Stadt außerhalb der Stadtmauer ein Hospital und eine Kirche für die Aussätzigen gebaut. Die gesamte Anlage wurde irgendwann im 13. Jahrhundert errichtet. Der Schutzheilige der Kirche war S:t Göran oder S:t Georg, der laut Sage im 3. Jahrhundert einen schrecklichen Drachen getötet hatte und dadurch einer Prinzessin das Leben rettete. S:t Göran war nicht nur der Schutzpatron der Aussätzigen, sondern auch der Soldaten und Ritter.
In der Nähe von Söderport (dem Südtor), aber außerhalb der Mauern, erbaute der Zisterzienserorden im 13. Jahrhundert ein Nonnenkloster, Solberga. Das Kloster wurde schon im 14. Jahrhundert verlassen, vielleicht in Folge der Kämpfe zwischen Dänen und Gotländern im Jahre 1361. Heute sind nur noch Reste der Grundmauern des Klosters vorhanden. Die Klosterschwestern setzten ihre Tätigkeit in der Stadt fort, wo sie die S:t Jakobs Kirche benutzen konnten.
Die Kapelle, die es im späten Mittelalter in Visborgs slott gab, ist völlig verschwunden.

Stadtrecht und Stadtverwaltung

Visby war im 13. und 14. Jahrhundert ein Zentrum im gesamten Ostseeraum. Es ist unmöglich zu sagen, wie viele Menschen in der Stadt gelebt haben. Die Schätzungen von Forschern strecken sich von 5000 Menschen bis zu einem Vielfachen davon. Aber es ist sicher, daß die Einwohnerzahl im Sommer stieg, wenn es möglich war, nach Gotland zu segeln. Doch es waren keine Badegäste oder Touristen, die Visby zum Ziel hatten. Alle wollten Geschäfte in der Stadt erledigen: Handel treiben, Waren transportieren oder Seelen retten. Ganz abgesehen von dem großen Zustrom an Arbeitern und Handwerkern, die im 13. Jahrhundert nach Visby gekommen sein müssen, als die Bürger Häuser, Kirchen und die Stadtmauer bauten.
Die häufigsten Sprachen waren Deutsch und Gotländisch. Während eines Großteils des Jahres hielten sich auch viele in der Stadt auf, die Schwedisch, Dänisch, Russisch, Finnisch und verschiedene baltische Sprachen als Muttersprache hatten. Die Geschäftsleute sprachen Plattdeutsch (Mittelniederdeutsch).
Im Laufe einiger Jahrhunderte wurde die Stadt von Packhäusern, Kirchen, Wirtshäusern, Schankwirtschaften, Gildenhäusern, Klöstern, Werkstätten und religiösen Stiftungen gefüllt. Hier unterzeichneten Händler wichtige Kaufverträge und Priester sangen Messen für die Seelen der Toten und predigten Kreuzzüge gegen die Heiden. Im Rat der Stadt diskutierten die Ratsherren wichtige Angelegenheiten und manchmal feierten die Bewohner in geselliger Runde. Sie tranken Bier, einheimisches oder auch importiertes aus Danzig, Dortmund, Einbeck oder Rostock, roten und weißen Wein vom Rhein, Met und sicherlich auch Gotlandsdricka. Hiervon wurden große Mengen verbraucht, was oft zu Radau und Lärm führte.
Weil es keine Polizei nach heutigem Muster gab, war es für die Bürger der Stadt wichtig, sich selbst gegen Verbrechen wie Diebstahl, Betrügereien und Körperverletzung zu schützen. Darüber hinaus kamen Mord, Vergewaltigungen und Untaten wie das Abschneiden von Ohren, Händen, Nasen und dem Kinn seiner Gegner vor. Der einzige Schutz, den es gab, war ein Geflecht von Paragraphen, das Stadtrecht. Zur Abschreckung sah das Stadtrecht sehr strenge und harte Strafen vor. Man handelte nach der Devise Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das Urteil konnte dann sowohl das Abhacken einer Hand als auch das Abschneiden eines Ohres sein.
Diebstahl wurde als ein ernstes Verbrechen angesehen und wurde je nach Schwere des Verbrechens durch Bußgelder, Kennzeichnung - zum Beispiel das Durchlöchern eines Ohres -, Stehen am Pranger oder durch Verbannung bestraft. Wenn ein Mann für ein ernstes Verbrechen mit dem Tode bestraft wurde, wurde er gewöhnlicherweise durch den Strang auf dem Galgenberg hingerichtet. Frauen wurden dagegen meistens auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Das Stadtrecht bestand aber nicht nur aus Strafen für bestimmte Verbrechen, sondern umfaßte auch Regeln, wie die Bürger beim Häuserbau und beim Kauf von Immobilien verfahren sollten, wie Hochzeiten und Taufen gefeiert werden sollten, wie sich die Dienstboten ihrem Herrn gegenüber verhalten sollten und vieles mehr.
In den Gesetzesbestimmungen scheint die soziale Gliederung des mittelalterlichen Visbys durch. Es waren die führenden Männer der Stadt, die Ratsherren, Vögte und Bürgermeister, die alle wichtigen Entscheidungen unter sich ausmachten. Der Rat war die höchste Behörde der Stadt und er besaß einen sehr hohen Status. Er bestand aus 36 Ratsherren, Gotländern und Deutschen. Im Rat wurden neue Gesetze erlassen und er befaßte sich mit allen Fragen hinsichtlich des Handels, der öffentlichen Ordnung und Sicherheit und des Brandschutzes. Nur die reichsten Bürger der Stadt konnten in den Rat gewählt werden.
Neben dem Rat gab es zwei Vögte, einen deutschen und einen gotländischen, die sich in erster Linie mit polizeilichen Angelegenheiten beschäftigten. Sie waren so etwas wie Richter und sie hatten Ratsherren als Assistenten. Im Gegensatz zu anderen Städten, wo die Vögte Beamte des Königs oder des Fürsten waren, waren sie in Visby Beamte der Stadt. Sie versammelten sich unter freiem Himmel auf dem Marktplatz. Aus dem Rat wurden auch die beiden Bürgermeister der Stadt gewählt, auch hier wieder ein Deutscher und ein Gotländer. Sie wurden jeweils für ein Jahr gewählt und waren während dieses Jahres die höchsten Repräsentanten der Stadt. Die Bürgermeister vertraten die Position des Rates und sie saßen wahrscheinlich einer Versammlung von stimmberechtigten Bürgern, einer allgemeinen Ratsversammlung, vor.
Alle hohen Beamten der Stadt Visby kamen aus den oberen Gesellschaftsschichten. Vor allem waren sie Kaufleute, die Grundbesitz innerhalb der Stadtmauern hatten. Danach folgten die Handwerker: Kupferschmiede, Schmiede, Gerber, Bäcker, Schneider, Steinmetze, Küfer und Kannengießer, um nur einige zu nennen. Das geringste Ansehen unter den in Visby ansässigen Bürgern hatten Arbeiter, Dienstboten und zumindest noch in der ersten Hälfte des Mittelalters die Leibeigenen. Die Dienstboten waren einer strengen Zucht unterworfen. Es war erlaubt, Dienstboten zu schlagen, und sie durften nachts das Haus nicht ohne die Erlaubnis des Hausherrn verlassen. Wehe dem Diener, der vergaß, des Nachts die Haustür zu verriegeln!

Feste, Gilden und Zünfte

Auch wenn das tägliche Leben der Bürger natürlich hauptsächlich von der Sicherung des Lebensunterhalts bestimmt war, gab es immer wieder Gelegenheit für Feste und gesellschaftliches Leben. Solche Gelegenheiten waren besonders Taufen, Verlobungen und Hochzeiten. Besonders bei Hochzeiten ergriffen die geladenen Gäste gern die Möglichkeit, gut zu essen, sich festlich zu kleiden und sich zu amüsieren. Aus dem Stadtrecht geht hervor, daß diese Feste allmählich zu aufwendig wurden und daß deshalb besondere Bestimmungen dagegen geschaffen wurden.
So durften zum Beispiel nur 40 Schüsseln serviert werden, jede für zwei Personen. Es durften nicht mehr als zwei Spielleute engagiert werden und es durfte nicht mehr als vier Gänge geben. Man durfte sich nicht übertrieben luxuriös anziehen. Auch die Geschenke durften nicht zu zahlreich oder zu exklusiv sein. Und es war verboten, Kleidung aus Seide zu tragen.
Die meisten Feiern und der Großteil des Gesellschaftslebens fanden ansonsten in den zahlreichen Gilden und Zünften statt. Gilden waren die damaligen Pendants zu unseren heutigen Vereinen, deren wichtigste Aufgabe es war, den Mitgliedern Hilfe und Schutz zu gewähren.
Es waren vor allem die Kaufleute, die sich in Gilden zusammenschlossen, aber es gab auch Gilden für Handwerker und andere, solange sie nur ihren Beitrag entrichten konnten. Die älteste Gilde in Visby war wahrscheinlich die dänische S:t Knuts Gilde aus den 1170er Jahren. Aus dem 14. Jahrhundert sind noch viele weitere bekannt. Die Gilden halfen ihren Mitgliedern in rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen, kümmerten sich um die Armen und halfen den Familien verstorbener Mitglieder. Aber sie waren auch das Zentrum eines intensiven Gesellschaftslebens. Diese Festivitäten scheinen mitunter recht wild gewesen zu sein, ansonsten hätte es bestimmt keinen eigenen Abschnitt über das Erbrechen in der Gildenordnung gegeben.
Das Zunftwesen entwickelte sich unter Handwerkern in Mitteleuropa im 12. Jahrhunderten. Im 13. Jahrhundert hatte es sich auch in Dänemark vollständig durchgesetzt, wir wissen aber nicht, wann in Visby die ersten Zünfte gegründet wurden. Erst für das im 15. Jahrhundert können zwei Zünfte in der Stadt belegt werden, die der Schneider und der Schuhmacher. Vor dem Hintergrund der Entwicklung in Dänemark und der Etablierung des Zunftwesens im Ostseeraum im Zuge der deutschen Expansion, ist es wahrscheinlich, daß es auch in der Großmachtszeit Visbys solche Zünfte gab.
Die Zünfte bauten auf einer weitgehenden und bewußt geförderten Spezialisierung in den jeweiligen Berufen auf. Sie hatten in erster Linie den Charakter einer wirtschaftlichen Vereinigung, aber natürlich gab es auch in den Zünften so etwas wie ein Gesellschaftsleben. Es war das Ziel der Zünfte, das Monopol in ihrer jeweiligen Berufssparte zu erlangen und sich vor auswärtiger Konkurrenz zu schützen. Auf diese Weise konnten sie ihren Mitgliedern einen festen Verdienst garantieren, indem sie verhinderten, daß es zu viele Handwerksbetriebe gab. Die Zünfte hatten Züge heutiger Gewerkschaften, Berufsschulen, vielleicht auch von Arbeitsgeberorganisationen und durch ihr Ausbildungsprogramm vom Lehrling zum Gesellen und schließlich zum Meister, sicherten sie die Qualität der geleisteten Arbeit oder der produzierten Güter.

Nah an der Kirche

Natürlich waren auch die Religion und das kirchliche Leben wichtig für die Bewohner des mittelalterlichen Visbys. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, welchen Einfluß die Kirche damals hatte. Die Existenz der Kirche war nicht nur durch die vielen großartigen Kirchenbauten, sondern auch durch den Klang der Glocken von deren Türmen und die unzähligen religiösen Prozessionen durch die engen Gassen sehr greifbar. Die kirchlichen Feste und Feiertage waren sehr zahlreich und über das ganze Jahr verteilt.
Auch wenn es in der ständig geschäftigen Stadt wohl nicht allzu viel Freizeit gab, nahmen wohl nicht nur Priester, Bettelbrüder und Nonnen, sondern auch viele Bürger Visbys am kirchlichen Leben teil. Gebetsstunden, die zu verschiedenen Gelegenheiten während des Tages stattfanden, und Gottesdienste vergoldeten für die meisten Sonn- und Alltag. Und wie muß die Stadt erst ausgesehen haben, wenn sich große Pilgerscharen oder gar Kreuzritterheere in ihrem Schutz ausruhten? 1199 segnete zum Beispiel der Bischof Albert 500 tapfere Männer vor den Toren Visbys, bevor sie sich zum Kreuzzug in das noch heidnische Lettland aufmachten.
Die Kirche hatte auch das Recht, für gewisse Verbrechen Strafen zu verhängen, unter anderem galt dies für Zauberei, Unzucht und dem Diebstahl von kirchlichem Eigentum. Eine Geschichte, die Strelow in seiner Chronik erzählt, zeigt, wie stark die Stellung der Kirche war. Ein Mann, der etwas aus S:ta Maria gestohlen hatte, wagte sich trotzdem kurz danach wieder in einen Gottesdienst. Der Priester verhängte über den noch - unbekannten - Dieb den Bann und so versuchte sich der Dieb nach dem Verklingen der Glocken und dem Löschen aller Kerzen unbemerkt aus der Kirche zu schleichen. Als er durch die nördliche Kirchentür treten wollte, wo ein Rost als Boden ausgelegt war, schmolz das Eisengitter, so daß er mit den Füßen in der darunterliegenden Grube stand. Kaum hatte sich der Dieb von seiner Überraschung erholt, als sich das Gitter auch schon wieder schloß und ihn festhielt. Erst nachdem er seine Verbrechen gestanden hatte und der Priester ihm die Absolution erteilt hatte, kam er wieder frei.

Mauern um die Stadt

Irgendwann um die Mitte des 13. Jahrhunderts herum dürften sich die führenden Männer der Stadt, vielleicht die Ratsherren, versammelt haben, um einen wichtigen Beschluß zu fassen. Die Stadt war in der letzten Zeit kräftig gewachsen und sie expandierte immer noch. Der Zuzug von nicht zuletzt wohlhabenden Deutschen war umfassend, der Handel lohnte sich wie niemals zuvor und ein Packhaus wuchs neben dem anderen an der Hauptstraße empor. Große Warenlager und ansehnliche Reichtümer wurden angehäuft.
Auf irgendeine Art mußte all dies beschützt werden, die Bürger sollten sich bei ihrer Arbeit sicher fühlen. Es ging nicht nur darum, das eigene Leben, sondern auch den lebenswichtigen Handel zu schützen. Dazu reichte aber der große Turm an der Hafeneinfahrt nicht mehr aus.
Durch die regen Kontakte auf dem Kontinent mit deutschen Händlern, vor allem in Lübeck, hatten die Bürger Visbys außerdem von den Anzeichen einer Neuorientierung in der gesamten nordeuropäischen Handelspolitik gehört. Sie standen der deutschen Expansion nicht ablehnend gegenüber und nun galt es für Visby, an dieser Entwicklung teilzuhaben und sich von der politischen Abhängigkeit vom Rest Gotlands freizumachen. Der Bau einer Stadtmauer mußte dazu der erste Schritt sein!
Die Materialbeschaffung für die Mauer war kein Problem. Alle Baumaterialien waren in der Nähe vorhanden. Überall um die Stadt herum gab es Kalksteinbrüche, wo die Steine leicht zu brechen waren und von wo sie keine besonders langen Strecken mehr transportiert werden mußten. Sie wußten schon seit langem, wie man Kalk brannte und es gab viele, die sich auf das Maurerhandwerk verstanden. Auch Arbeitskraft gab es genug in der Stadt. Tüchtige Arbeiter waren dort gerade mit dem Bau von Packhäusern, Kirchen, Straßen, Brücken und Kais im Hafen beschäftigt. Die wirtschaftlichen Ressourcen waren gut, das Projekt lag ja im Interesse der Kaufleute. Im Falle einer Krise war es zudem kein Problem, in Lübeck oder anderen deutschen Städten Kapital zu leihen.
Das Bauvorhaben begann mit einer Mauer zum Meer hin. Sie wurde etwa 1400 Meter lang, 5 Meter hoch und war von niedrigen Zinnen gekrönt. An der Innenseite bekam sie einen Schützengang aus Holz. Hier und dort, besonders beim Hafen, wurde sie mit rundbogigen Toren versehen, von denen einige Doppelpforten waren.
An der nördlichen Hafeneinfahrt schloß die Seemauer an den bereits beschriebenen Kruttorn (Pulverturm) an. Der Kruttorn wurde etwa 100 Jahre früher erbaut und wurde auf Grund seiner Massivität und verschiedener Verteidigungseinrichtungen als mehr oder weniger uneinnehmbar betrachtet. Der Turm war leicht zu verteidigen, aber er hatte die Schwachstelle aller Türme, daß es kaum möglich war, einen Ausfall gegen einen Belagerer zu unternehmen.
Als die Seemauer allmählich fertig wurde, begannen die Bewohner damit, einen Ring um die Landseite der Stadt zu schließen, einen etwa 2000 Meter langen Mauerbogen, der sich im Norden an das Ende der Seemauer anschloß. Der Verlauf der Landmauer war nicht zufällig, vielmehr richtete sie sich an einigen bereits vorhandenen Steinhäusern aus. In der Nähe von Norderport kann man noch die Reste von einigen dieser Häuser sehen.
Die Landmauer wurde nicht viel höher als die Seemauer und bekam keine Türme. Die Baumeister der Mauer versahen sie auf der Innenseite mit gemauerten Bögen, auf denen ein Schützengang aus Stein plaziert war. Die Mauerkrone bekam Zinnen. Die Bauarbeiter brachen die Steine direkt im Vorfeld der Mauer, so daß die Verteidigungsanlagen noch durch Wallgräben verstärkt wurden. Sie machten es einem Feind noch schwerer, die Stadt anzugreifen.
Als die Mauer schließlich in ihrer ersten Form fertig war - wahrscheinlich in den 1280er Jahren -, war sie nur für frontale Angriffe ausgelegt. Von den Schützengängen konnte nur geradeaus geschossen werden. Die schnelle Entwicklung der Waffen- und Angriffstechnik zwang die Bürger Visbys, die Mauer mit Türmen zu komplettieren. Da man sie so baute, daß sie ein Stück über die Mauer herausragten, wäre es möglich gewesen, die Außenseite der Mauer durch die Schießscharten des Turms mit Pfeilen und Armbrustbolzen zu bestreichen. Aber es kam etwas dazwischen.

Bürgerkrieg

Über das Jahr 1288 berichtet der gotländische Geschichtsschreiber Strelow, dessen Chronik historische und fiktive Anteile enthält, daß "große Uneinigkeit" zwischen den Bürgern Visbys und den anderen Gotländern entstanden war. Die Streitigkeiten wurden schließlich so groß, daß offener Krieg ausbrach. Laut Strelow war der Anlaß, daß die Bürger an ihrer Mauer Zoll und andere Abgaben für die Waren forderten, die die Bauern und die Kaufleute vom Land in die Stadt bringen wollten. Die Mauer wurde in Wirklichkeit eine Zollmauer.
Während des Krieges bekamen die Bauern, immer noch laut Strelow, Hilfe von einigen lettischen und estnischen Kleinfürsten, die Stadt wurde von anderen Städten rund um die Ostsee unterstützt. Die Führer der Bauern waren "vornehme Adlige und Häuptlinge" wie Olof Ragnvalds aus Tofta, Peter Hardings aus Vall, Mickel Takstens aus Lärbro, Olof Gartarve aus Gammelgarn, Thomas Bilder aus Lau und Hegleff Kvinnegårda aus Havdhem. Die Heere sollen in zwei blutigen Schlachten aufeinandergetroffen sein, eine bei Högbro im Kirchspiel Halla und eine bei Roma. In beiden verloren die Bauern und ihre Verbündeten. In den zähen Verhandlungen, die folgten, war es sehr schwer, eine Übereinkunft zu erreichen. So weit Strelow.

Wieso kam es zum Krieg ?

Es ist sehr wahrscheinlich, daß Strelow der Wahrheit sehr nahe kommt, wenn er die von den Bürgern verlangten Zölle und Abgaben als Ursache für den Krieg nennt. Das kann der Tropfen gewesen sein, der das Faß zum Überlaufen brachte. Aber es gab tieferliegende Faktoren.
Auf dem europäischen Kontinent waren die deutschen Kaufleute seit langem damit beschäftigt, sich das Monopol im Handel zu sichern. Die Händler hatten Organisationen gebildet, sogenannte Hansen, die an die Städte und deren Ratsinstitutionen gebunden waren. Konkurrenz von Händlern vom Lande konnten sie nicht dulden, was unter anderem die Landhändler an der friesischen Nordseeküste erfahren mußten. Vermutlich war es so, daß ihre Waren und Transporte billiger waren, nicht zuletzt wohl wegen der dahinterliegenden Organisation. Das ländliche Gotland glich in vielem den friesischen Inseln: eine Bauerngesellschaft mit überwiegend freien Bauern, die sich mit Landwirtschaft und Handel beschäftigten und nicht einem Feudalsystem mit mächtigen Adligen unterworfen waren.
Noch in 1280er Jahren war die politische Gemeinschaft zwischen der Bevölkerung auf dem Land und der Stadt, Gotländer wie Deutsche, ungebrochen. Aber das Bündnis von den Visbydeutschen und Lübeck aus dem Jahr 1280, das ein paar Jahre später auch das zu diesem Zeitpunkt kaum hundert Jahre alte Riga einschloß, machte deutlich, wohin die Entwicklung gehen sollte.
Auch andere Ursachen zwangen die gotländische Bevölkerung Visbys, sich nun einer Seite anzuschließen. Sie konnten an der traditionellen Gemeinschaft mit dem Rest der Insel festhalten oder sie konnten sich auf die Seite der Deutschen schlagen und so an der wirtschaftlichen Expansion weiter teilhaben. Es war wohl nicht besonders schwer, sich für letztere Möglichkeit zu entscheiden, und so stand die Stadt vereint gegen das Land. Diese Einigkeit wurde endgültig durch den Bau der Mauer bestätigt.
Natürlich hatte die Landbevölkerung die ganze Zeit über gesehen, was vor sich ging. Sie sahen die Mauer als Vorbereitung des Bruchs mit der gotländischen Gesellschaft und den handelnden Bauern. Das war eine feindliche Handlung, und die Bauern beschlossen, die Waffen zu ergreifen.

Magnus Ladulås greift ein

Der schwedische König Magnus Ladulås war es, der schließlich diesen unglücklichen Krieg, der in den folgenden Jahrhunderten tiefe Spuren in der gotländischen Volksseele hinterlassen sollte, beendete. Während seiner Regierungszeit - er starb 1290 - stärkte Magnus mit Hilfe der Kirche das schwedische Königtum, reorganisierte das Steuerwesen, führte das Ritterwesen in Schweden ein und unterstützte den deutschen Einfluß im Land. Darüber hinaus war er der König des schwedischen Mittelalters, der am meisten dafür tat, daß Gotland fester an Schweden gebunden wurde.
Bei Magnus Ladulås' Krönung 1276 waren Repräsentanten für Gotland anwesend. Der König stellte im Rahmen der Feierlichkeiten eine Vollmacht, einen Privilegienbrief, aus, der der ganzen Insel weitgehende Handelsrechte im gesamten schwedischen Reich gab. Als Gegenleistung nahmen die Gotländer höhere Steuern, die sich immer mehr denen auf dem Festland anglichen, auf sich. Die Steuererhöhung kann vielleicht sogar dahingehend interpretiert werden, daß die Insel anerkannte, Teil Schwedens zu sein.
Als Magnus Ladulås in den Bürgerkrieg auf Gotland eingriff, tat er dies in seiner Eigenschaft als schwedischer König und Herr über die Insel. Schon früher war die gotländische Bauerngesellschaft durch verschiedene Verträge an Schweden gebunden gewesen, Verträge, die zwischen Schweden und einem politisch einigen Gotland geschlossen wurden. Nun hatte der König offensichtlich die Befürchtung, daß sich Visby aus dieser Gemeinschaft herausbrechen und sich mit den deutschen Städten alliieren könnte. Gleichzeitig lag es vielleicht in seinem Interesse, Visby zu einer "freien" Handelsstadt zu machen - aber dann unter seiner Oberhoheit.
Im Friedensvertrag mußten die Bürger Visbys zugestehen, daß sie sich unter anderem durch den Bau der Mauern gegen ihren König vergangen hatten und daß sie ein Unrecht gegen die Landbevölkerung begangen hatten. Die Stadt verpflichtete sich, die Rechte des Königs auf der Insel zu beachten, der Bauerngesellschaft gegenüber nicht herausfordernd aufzutreten und die Bewohner des Landes nicht daran zu hindern, Verbindung mit ihrem König aufzunehmen. Streitigkeiten mit den Landbewohnern sollten in gegenseitigem Einvernehmen gelöst werden und die Stadtbewohner mußten zusichern, daß sie in Zukunft keinen anderen Herren als den schwedischen König anerkannten.
Visby blieb so eine Handelsstadt, die ihr Recht in der immer größer werdenden internationalen Städtehanse behaupten konnte. Die Gotländer, die in der Stadt wohnten, verloren größtenteils die wirtschaftliche und politische Verbindung zum Rest der Insel. Obwohl die Stadt umfangreiche Bußgelder wegen des Mauerbaus an den König zahlen mußte, hatte sie ihr Ziel erreicht: Freiheit vom ländlichen Gotland.

Die Mauer wird verstärkt

Als die eigentlichen Unruhen vorbei waren, warteten die Bürger Visbys nicht lange damit, die Stadtmauer zu verstärken. Erst versahen sie die nördlichen, östlichen und südlichen Tore mit kräftigen Türmen und raffinierten Innenausbauten und sie versperrten die Toröffnungen mit soliden Holzpforten und Fallgittern. Um die Tore das ganze Jahr über bemannen zu können, wurden Kamine in die Türme eingebaut und das Osttor bekam sogar einen Abtritt.
Danach wurden alle anderen Türme bis auf den Kruttorn und die Türme auf der südlichen Mauer, die gleichzeitig mit der ältesten Mauer gebaut worden waren, errichtet; am Ende waren es 29 Stück. Die neuen Türme bekamen abgewinkelte Ecken, um das Schießen aus den Schießscharten zu erleichtern.
Der nächste Schritt war, die Mauer um einige Meter zu erhöhen. Die Erhöhung wurde auf den alten Schützengang gebaut und wurde so etwas dünner als die ursprüngliche Mauer. Die Mauerkrone bekam nun einen gleichmäßigen Abschluß und an der Innenseite wiederum Schützengänge aus Holz. Zwischen den Türmen plazierten die mutigen Baumeister Satteltürme, die auf der Mauerkrone saßen. Irgendwann zur Mitte des 14. Jahrhunderts dürfte die ganze Mauer in dieser Form fertig gewesen sein.
So sehen wir die Mauer noch heute, recht unbeeindruckt von den vergangenen 600 Jahren. Nur Kleinigkeiten wurden in dieser Zeit an der Mauer verändert. Im 15. Jahrhundert entstanden ein paar Türme an der Südmauer, Sprundflaskan (Spundflasche) und der Jungfrauturm. Im folgenden Jahrhundert wurden einige Kaponieren genannte Verteidigungsanlagen gebaut, die von der Ostmauer ausgingen. Die Schützengänge und die hölzernen Stockwerke in den Türmen verschwanden größtenteils während eines Brandes im 17. Jahrhundert. Während der Kriege im 18. Jahrhundert befahl der Landshövding (Gouverneur) seinen Soldaten, Öffnungen für Kanonen in einige Türme, darunter Norderport und Silverhättan, zu brechen.
Die Stadtmauer Visbys ist ein Bauwerk, dem wenige ebenbürtig sind, und eins der schönsten Baudenkmäler Schwedens. In Schweden hatten nur Stockholm und Kalmar während des Mittelalters Stadtmauern aus Stein, aber diese sind heute fast vollständig verschwunden. Die Stadtmauer Visbys hat kein Gegenstück im Norden, vielleicht in ganz Europa nicht. Natürlich sind an vielen Orten die Stadtmauern bewahrt geblieben, besonders in Deutschland und Frankreich, in Städten wie Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl, Nürnberg, Carcassonne und Avignon. Wenige sind aber so alt, und noch weniger sind so gut erhalten und haben eine so fantastische Lage wie die Stadtmauer von Visby.

Schlechtere Zeiten für Gotland

Die Pest

Da Gotland in keinster Weise ein abgeschirmter oder isolierter Teil des Nordens war, bekam die Insel auch all das zu spüren, was in den umgebenden Ländern passierte. Auch wenn die schwedischen Könige Birger Magnusson und Magnus Eriksson an Gotland und Visby interessiert waren, versuchten sie nicht, der Stadt oder der Insel neue Gesetze aufzuzwingen. Obwohl es ein allgemeines Stadtrecht gab, durften die Gotländer ihr Gemeinschaftsleben weiterhin nach Gutalagen organisieren. Für die Stadt bestätigte Magnus Eriksson die Gültigkeit des Stadtrechts von Visby. Aber die beiden Könige taten, was sie konnten, um die Gotländer dazu zu bringen, mehr Steuern an die schwedische Krone zu zahlen.
1313 scheint Birger Magnusson das Kunststück gelungen zu sein, die Steuern zu erhöhen, allerdings wurde dies schon 1320 wieder zurück genommen. 1342 versuchte König Magnus, von Visby Hilfe für einige Verteidigungsausgaben zu bekommen. Wahrscheinlich schaffte er es, daß die beiden Bürgermeister Herman Swerting und Johannes Moop eine Summe bezahlten. Die Bürger Visbys wollten diese Vereinbarung nämlich nicht gutheißen, als sie schließlich herauskam. Weil die Geldnot des Königs zum größten Teil auf einem Konflikt mit den deutschen Städten beruhte, waren die Bürger der Ansicht, die Bürgermeister hätten Hochverrat begannen. Sie wurden zum Tode verurteilt und auf dem Marktplatz geköpft.
1350 kam die Pest nach Visby und Gotland. Sie traf die Insel sicherlich mit der gleichen Wucht wie den Kontinent. Die volkstümliche Überlieferung berichtet, daß die Seuche in der Stadt 8000 Opfer forderte und ganze Kirchspiele auf dem Land verödete. Diese Angaben sind sicherlich übertrieben. Niemand verstand die Ursache hinter dem furchtbaren "Schwarzen Tod". Natürlich probierten die Menschen verschiedene Gegenmittel. Darunter war eine Pflanze, die Gemeine Pestwurz, die immer noch in den nördlichen Wallgräben wächst. Viele glaubten, daß die Pest eine Strafe Gottes für die Menschen war. Andere schoben die ganze Schuld auf die Juden und umherziehendes Volk, die man anklagte, Brunnen und Wasserläufe vergiftet zu haben. In Visby ergriffen die Behörden einen Mann, der im Verhör gestand, mehrere Brunnen in Städten auf dem Festland vergiftet zu haben. Er sagte auch, daß er ein Gift habe, mit dem die ganze Bevölkerung Gotlands ausgerottet werden könne. Ein anderer Gefangener gestand, daß er während eines Gottesdienstes in S:t Olof ein Leinentuch vergiftet hatte, daß beim Feiern des Gottesdienstes angewendet wurde. Alle, die das Tuch geküßt hatten, starben wie so viele andere, die angesteckt wurden. Beide Täter wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Krise der Landwirtschaft

Gotland wurde auch von der umfassenden Krise der Landwirtschaft und dem Phänomen Wüstungen heimgesucht. Doch wahrscheinlich nicht so hart wie andere Orte. Viele der Voraussetzungen für die Krise fehlten auf der Insel. Hier gab es kein Feudalsystem, weder Könige noch Adlige hatten Grundbesitz, der ganze Boden befand sich in der Hand der Bauern. Auch wirtschaftlicher Ruin war selten, da die Steuern zumindest bis zum frühen 15. Jahrhundert niedrig waren. Es ist schwer zu sagen, wie viele gotländische Höfe im 14. und 15. Jahrhundert verschwanden, schätzungsweise waren es 10-20 Prozent.
Die schlechten Zeiten mit immer geringerer Nachfrage nach Waren, neuen Handelswegen und stärkerer Konkurrenz durch die Deutschen, waren schon im späten 13. Jahrhundert für die gotländischen Fernhändler spürbar gewesen. Nun wurde es um ein Vielfaches schlimmer, zumindest was den internationalen Handel anging. Die Gotländer wurden von immer mehr Märkten ausgeschlossen: aus Flandern, England, Norwegen und zum Schluß auch aus Nowgorod, wo das gotländische Handelskontor Gutagård in deutsche Hände überging.
Der Niedergang des Handels betraf das ländliche Gotland nicht unmittelbar. Noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hatten die gotländischen Bauern die wirtschaftlichen Ressourcen, ihre Kirchen um- und auszubauen, auch wenn die neuen Projekte immer vorsichtiger wurden. Die Ereignisse des Jahres 1361 waren Teil dieser Entwicklung. Der Todesstoß, wenn wir nun von so etwas sprechen können, waren die politischen Verwicklungen und die verwirrende Situationen im Ostseeraum in den 1390er Jahren. Es ist auch nicht unmöglich, daß die Bauern einen Teil des ausbleibenden Fernhandels durch einen größeren Handel mit Visby, sowohl zum Weitertransport als auch zum Verbrauch innerhalb der Stadt, kompensieren konnten. In diesem Fall war das keine schlechte Lösung, da sie keine Investitionen in eigene Fahrzeuge oder Häfen erforderte.

Klagend fällt das Volk durch das Schwert

Das Gemälde

An einem Frühlingstag in den frühen 1890er Jahren besuchte die Autorin Selma Lagerlöf eine Kunstausstellung in Stockholm. Wie viele andere wurde auch sie von einem großen, farbenprächtigen Bild gefesselt, das von Figuren nur so wimmelte. "Für eine halbe Stunde lebte ich im Mittelalter", schrieb sie später. Uns so fuhr sie fort :
"Schnell befand ich mich in der Szene, die sich gerade auf dem Marktplatz in Visby abspielte. Ich sah die Bierfässer, die von der goldenen Pracht gefüllt wurden, wie es König Waldemar gewünscht hatte, und die Gruppen, die umher standen. Ich sah den reichen Händler mit seinem Pagen, der unter der Last der Gold- und Silberschüsseln fast zusammenbrach, den jungen Bürger, der vor dem König seine Faust ballt, den Mönch mit dem scharf geschnittenen Gesicht, der mit forschendem Blick über seine Majestät wacht, den zerlumpten Bettler, der seinen Groschen dazugibt, die Frau, die vor dem Faß auf den Boden gesunken ist, den König auf seinem Thron, die Heere, die aus den schmalen Gassen strömen, die hohen Giebel der Häuser und die verteilten Gruppen von antreibenden Soldaten und widerspenstigen Bürgern. Aber plötzlich merkte ich, daß nicht der König oder einer der Bürger die Hauptperson des Bildes ist, sondern der eine von den eisengewandeten Schildträgern des Königs, der mit dem geschlossenen Visier. Für diese Gestalt hat der Künstler viel Kraft aufgewendet. Man sieht nicht das Geringste vom eigentlichen Mann, der ganze Kerl ist Eisen und Stahl, und doch macht er den Eindruck, der wirkliche Herr der Situation zu sein.
"Ich bin die Gewalt, ich bin die Raubgier", sagt er. "Ich bin es, der Visby brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich erfreue mich an Qualen und dem Bösen. Sollen sie nur weitermachen und einander peinigen! Heute bin ich der Herr in Visby" ..."

Das Gemälde, das die Autorin so faszinierte, war das Historiengemälde "Waldemar Atterdag brandschatzt Visby" von Carl Gustaf Hellqvist. Wie so viele andere schwedische Künstler mit Interesse für Geschichte und Romantik, hatte Hellqvist in den 1870er Jahren Visby besucht. Er wurde von den Ereignissen des Jahres 1361 so gefesselt, daß er mit den Skizzen für ein Gemälde begann, das die vielleicht effektvollste Episode darstellte, die Brandschatzung.
1882 war das Werk fertig, eine imponierende Leinwand, zwei Meter hoch und drei Meter breit. Hellqvist hatte zu diesem Zeitpunkt viele Jahre lang an dem Gemälde gearbeitet, die ganze Zeit über in seinem Münchener Atelier. Mehrmals hatte er seine Inspiration in Visby gesucht, aber auch in vielen mittelalterlichen deutschen Städten. Er hatte Museen besucht und das Werk älterer Künstler studiert. Eigentlich gibt das Gemälde nicht viel des mittelalterlichen Visbys wider. Das Bürgerpaar im Zentrum hat Züge von Hellqvist und seiner Ehefrau, der Dackel, der mit seiner Nase an einem der Fässer schnüffelt, war der Dackel des Künstlers mit dem Namen Medoc. Es gab überhaupt keine Dackel in einer mittelalterlichen Stadt.
"Die Brandschatzung" ist aber nicht nur - wie man mitunter denken kann - eine sechs Quadratmeter große Theaterkulisse, sondern sie hat auch eine tieferliegende Bedeutung. Es ist die Entscheidung zwischen Gut und Böse, symbolisiert durch Waldemar Atterdag und das Kruzifix in der linken Bildhälfte. Im Mittelpunkt der Komposition befindet sich das Bürgerpaar, bei dem die Ehefrau mit dem Kind im Arm auf die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind anspielt. Das Böse siegt, das Böse trifft die Stadt Visby. Als "Die Brandschatzung" fertig war, wurde sie in mehreren Ausstellungen in ganz Europa gezeigt. Überall erweckte sie Aufsehen und Hellqvist bekam mehrere Medaillen und Preise für sein Werk. Heute hängt das Gemälde in der Mittelalterabteilung von Gotlands Fornsal.

Die Sagen

Knapp zehn Jahre nach der Pest wurde Gotland von einer anderen Katastrophe heimgesucht - dem Eroberungszug Waldemar Atterdags. In der volkstümlichen Überlieferung, in Märchen und Sagen lebt die Erinnerung an diese umwälzenden Ereignisse bis heute fort. Im Lauf der Jahre haben sich natürlich die Proportionen verändert, vieles wurde hinzugefügt, ein Teil sind vielleicht historische Fakten, anderes reine Phantasie. Wie es sich damit auch verhält, könnte zumindest die Geschichte so erzählt werden:
In Visby wohnte damals ein reicher Handwerker mit dem Namen Nils Guldsmed. Er war nicht nur reich, sondern auch hochmütig. Seine schöne Tochter hatte die gleichen Charakterzüge, sie kleidete sich prachtvoller als die anderen Frauen in Visby und sie wies alle jungen Männer, die ihr den Hof machten, hochmütig ab.
Das weckte den Unmut der Bürger, die ihr Schimpfnamen gaben und schlimme Lieder über sie und ihren Vater dichteten. Schließlich waren es Nils Guldsmed und seine Tochter leid, ständig Schimpfworte zu hören, und sie beschlossen, Rache zu nehmen. Sie fuhren nach Dänemark, um mit König Waldemar zu sprechen. Schnell handelte das Gespräch von den Reichtümern, die es auf Gotland gab und die so leicht zu erobern seien. In einem alten Lied wird der Besuch beschrieben:

Nils Guldsmed zieht zum König und lügt, der feige Verräter und schleimige Dieb:
Die Gotländer haben so viel Gold,
daß sie es nicht tragen können,
die Schweine essen aus silbernen Trögen,
die Hausfrauen spinnen auf goldenen Rädern...

Natürlich konnte der König diesen Verlockungen nicht widerstehen. Die dänischen Finanzen, und im übrigen auch seine eigenen, konnten sicherlich die Stimulierung durch die gotländischen Reichtümer gut gebrauchen. Um mehr zu erfahren, begab sich König Waldemar unter größter Geheimhaltung selbst auf die Insel. Es galt ja, sich gut vorzubereiten, lag Gotland doch nicht gerade um die Ecke.
Als er auf der Insel umherwanderte, kam er auch zu dem Hof von Unghanse im südlichen Gotland. Dort konnte er über Nacht bleiben und entdeckte die schöne Tochter des Bauern. Wie das Leben nun so spielt, fanden die beiden Gefallen aneinander. Diese Beziehung zwischen den beiden wurde rasch immer intensiver. Einmal wurden die beiden in einer - üblicherweise als recht intim bezeichneten - Situation vom Unghanse-Bauer selbst überrascht, der so ärgerlich wurde, daß er dem vermeintlichen Landstreicher eine Ohrfeige gab. Der König von Dänemark, der Waldemar trotz allem ja immer noch war, hatte es sehr schwer eine solche Demütigung zu ertragen. Er beherrschte sich aber doch und verschwand in die ihm zugewiesene Ecke des Stalls.
Gleichzeitig ging auf Gotland das Gerücht um, daß der dänische König böse Absichten gegenüber der Insel hegte. Die übermütigen Gotländer sammelten sich aber nicht, um den Widerstand zu organisieren, sondern amüsierten sich statt dessen damit, Spottlieder zu dichten und Ringspiele zu veranstalten, die Waldemar verhöhnten. In einem Spiel standen alle in einem Kreis und einer spielte den König, der außerhalb des Kreises stand. Wenn dieser versuchte, in den Kreis einzudringen, wurde er von den anderen herausgedrängt, hatte er Erfolg, wurde derjenige, der ihn durchgelassen hatte, bestraft.
Bald bekamen die Gotländer aber andere Sorgen, als sich die dänische Flotte vor der Westküste zeigte. Die Landung erfolgte bei der Fischersiedlung Kronvalls oder bei Västergarn, wo es einen guten Hafen gab, vielleicht auch an beiden Stellen gleichzeitig. Nach einem kleineren Scharmützel marschierte das dänische Heer ins Landesinnere, um bei der Brücke von Ajmunde den Sudertingsån zu überqueren.
Unter der Brücke saß eine Zauberin, die ein Bündnis mit Waldemar geschlossen hatte, der ihr die Hälfte allen eroberten Goldes versprach. Als die gotländischen Streitkräfte die Brücke überquerten, um den Dänen Widerstand zu leisten, beeinflußte die Hexe sie derart, daß sie allen Mut und Kampfeslust verloren. Die Schlacht, die im folgenden auf dem Moor von Fjäle ausgekämpft wurde, konnte nur auf eine Weise ausgehen: die Dänen errangen einen vernichtenden Sieg. Das Blut färbte das ganze Moor und das Wasser des Flusses dunkelrot und bei dem Hof von Grens wurde ein Reiter so durchtrennt, daß nur noch die Beine und der Unterleib auf dem Pferd saßen.
Die Dänen konnten nun, nachdem sie bei Gunilde im Kirchspiel Sanda ihr Lager aufgeschlagen hatten, bis nach Visby vordringen. Dort hatten die Gotländer aus dem Nordteil der Insel in aller Hast ein Bauernheer versammelt, um die Dänen zu stellen. Der Platz, den sie für die Schlacht gewählt hatten, war ein ziemlich offenes Feld südöstlich der Mauer, etwa da wo heute Gutavallen liegt. Die Schlacht war sehr hart und das erfahrene dänische Heer besiegte die Gotländer vollständig. 1800 Bauern fielen und auch hier floß das Blut in Strömen, so stark, daß es durch die ganze Stadt floß und dort, wo heute an Korsgatan das Kreuz steht, in die Ostsee strömte.
Während der ganzen grausamen Schlacht standen die Bürger Visbys auf der Mauer und sahen zu. Als der Kampf vorbei war, hielten sie es für ratsamer, mit den Dänen zu verhandeln und schließlich ließen sie den Feind ohne Widerstand in die Stadt hinein. Als ein Zeichen für die Unterwerfung der Stadt ließ Waldemar ein Stück der Stadtmauer einreißen, durch das sein Heer in 13 Mann starken Reihen in die Stadt zog.
Der König befahl, daß drei große Bierfässer auf dem Marktplatz aufgestellt werden sollten. In der Stadt verkündeten seine Herolde, daß der König seine Soldaten ziellos plündern und brandschatzen lasse, wenn die Fässer nicht mit Gold und Silber gefüllt würden. In dieser Situation zeigte sich der Reichtum Visbys. Noch vor Sonnenuntergang waren die Fässer bis zum Rand gefüllt. Der König war darüber sehr erstaunt, aber natürlich auch sehr erfreut. Nun begnügte er sich aber nicht damit, sondern nahm auch die Kostbarkeiten aus den Kirchen an sich und ließ sogar die großen roten Edelsteine aus dem Westgiebel von S:t Nicolai brechen. Danach zog er über den Rest Gotlands, um die reichen Bauern zu berauben. Zunächst marschierte er nach Süden.
Schließlich kam er zurück zum Hof von Unghanse, wo er seine Geliebte treffen wollte. Er wurde aber entdeckt und mußte in aller Hast fliehen. Während seiner Flucht, kam er so weit nach Süden, daß er an drei Seiten vom Meer eingeschlossen war und seine Verfolger immer näher kamen. Glücklicherweise sah er da eine junge Frau, die am Wegesrand saß und Vieh hütete. Als der Frauenschwarm, der nun einmal war, fiel es ihm nicht schwer, sie zu überreden, ihn zu verstecken - unter ihren weiten Röcken! So entkam er seinen Verfolgern.
Der Hof, bei dem dies geschah, heißt seitdem Vännes, da der König dort einen Freund (vän) hatte. Oder kommt der Name daher, daß das dänische Heer auf seinem Plünderungszug hier umdrehte? Der Acker, auf dem das Mädchen Waldemar versteckte, wird Dylo, das Versteck, genannt.
Als die Dänen Gotland wieder verlassen hatten, kümmerte sich Waldemar nicht darum, die schöne Tochter des Unghanse-Bauern mitzunehmen. Die Gotländer ahnten nun, daß sie jemand verraten hatte und eine Untersuchung zeigte bald, daß während der Kämpfe ein weißes Tuch über dem Unghanse Hof gehißt war, der vollkommen von Plünderung verschont wurde.
Die Bauerstocher wurde gefangen genommen und nach Visby gebracht. Sie gestand ihr Verbrechen und wurde zur Strafe lebendig in einen der Mauertürme eingemauert, den Jungfrauturm. Dort hat sie immer noch keine Ruhe gefunden, und es kommt vor, daß sie von den Toten aufsteht und verzweifelte Seufzer aufs Meer hinausschickt.
Auch Waldemar wurde vom Unglück heimgesucht. Als er mit der ganzen Beute nach Dänemark zurücksegeln wollte, rächte sich die Hexe, die unter Brücke von Ajmunde gesessen hatte und natürlich nichts von dem Gold bekommen hatte. Ein schwerer Sturm kam auf und das Schiff ging mit allen Schätzen an Bord bei den Karlsinseln unter. Und dort liegt es noch. Bei jeder vollkommenen Flaute - und das passiert sehr selten - soll man die Mastspitzen aus dem Wasser ragen sehen und die Edelsteine leuchten mit einem nahezu magischen Glanz vom Meeresgrund empor.

Die Quellen

So kann die Geschichte von Waldemar Atterdags Kriegszug nach Gotland im Jahre 1361 erzählt werden. Die Schilderung ist eine Zusammenstellung von vielen unterschiedlichen Sagen und Überlieferungen aus verschiedenen Zeitaltern und Quellen, in einigen Fällen können wir sogar von Neudichtung sprechen. Ein Teil ist in Strelows Chronik von 1633 enthalten, andere hat P.A. Säve aufgezeichnet. Aber bei niemandem wird eine Verräterin in einem Turm eingemauert. Diese Episode bekommen wir erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu hören: in Emilie Flygare-Carléns Roman "Der Jungfrauenturm".
Einige Episoden sind bekannte Wandersagen, die es mit anderen Worten an vielen Orten der Welt gibt, andere sind psychologische Reaktionen und Erklärungen für die Niederlage der Gotländer und die Ursachen des Krieges. Die Versuche, Ortsnamen zu erklären, können eventuell andeuten, daß es einen Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 1361 gibt.
Was ist die historische Wahrheit in den Geschichten? Eine Sage hat ja üblicherweise ein Kern Wahrheit. Der Kriegszug an sich gehört natürlich dazu, ebenso die Schlachten zwischen Dänen und Gotländern und die Anzahl der Opfer des gotländischen Heeres am 27. Juni. Zur historischen Wahrheit kann man auch rechnen, daß Visby im Gegensatz zum ländlichen Gotland schamvoll kapitulierte. Vielleicht können wir auch die Episode mit der eingerissenen Mauer und die Tatsache, daß Stadt und Land teuer für die Niederlage bezahlen mußten, dazu rechnen. Aber wie können wir genaues Wissen darüber erlangen?
Aus dem Jahre 1361 und den darauffolgenden Jahrzehnten sind zumindest zwei Dutzend Quellen vorhanden, vor allem Briefe, die auf irgendeine Weise mit den Geschehnissen verbunden sind. Besonders wichtig ist der Privilegienbrief Waldemar Atterdags für Visby von 1361, in dem er der Stadt alle Rechte, die sie für den Handel mit Dänemark innehatte, und das Recht, eigene Münzen zu schlagen, garantierte.
In einem Brief des Rates von Visby an die Hansestädte, datiert 1362, schreiben die Ratsherren, daß sie im vergangenen Jahr hansisches Gut gerettet hätten, indem sie ihre eigenen Güter zur Bezahlung des Lösegeldes verwendet hätten. Eine Chronik aus Seeland in Dänemark, um 1365 geschrieben, berichtet unter anderem von einer Schlacht zwischen Dänen und Gotländern und daß Waldemar in der Stadt große Mengen Gold, Silber, Pelzwerk und viele andere Schätze erobert hatte.
Um 1370 schrieb jemand einen Beschwerdebrief an Magnus Eriksson. Darin teilt der Verfasser die etwas merkwürdige Tatsache mit, daß Magnus und Waldemar sich darauf geeinigt hätten, daß der dänische König Gotland erobern durfte, ohne daß sich der schwedische König einmischte. In der Lübecker Chronik von Detmar von etwa 1380 findet sich die Geschichte vom reichen Gotland wieder, wo die Schweine aus silbernen Trögen essen. Auch hier wird davon berichtet, wie Waldemar einen großen Schatz aus Gold und Silber von den Bürgern erpreßte.
Eine gewisse Distanz zu den Ereignissen haben die Franziskaner erreicht, als sie in ihren Annalen von etwa 1420 notieren, daß 1800 Gotländer vor Visby gefallen sind und daß sich die Stadt daraufhin freiwillig ergab. Auch die Bettelbrüder schreiben, daß die Dänen einen großen Schatz eroberten.
Hierzu kommen zwei andere schriftliche Quellen, die von Forschern als zeitgenössisch angesehen werden. Die eine ist eine lateinische Inschrift in der Kirche von Fide im Süden Gotlands: "Edes succense gens cesa dolens ruit ense". Das kann so übersetzt werden: "Die Häuser sind niedergebrannt, die Menschen fielen klagend durch das Schwert." Einige haben diesen kurzen Satz als ein sogenanntes Chronogramm interpretieren wollen, in dem eine Jahreszahl in römischen Ziffern versteckt ist: DDCCCLVVI=1361.
Der andere Text ist in das Kreuz bei Korsbetningen eingemeißelt, auch dieser auf Latein. Die Übersetzung lautet: "Im Jahre des Herrn 1361 am Dienstag nach S:t Jakobi fielen die hier begrabenen Gotländer vor den Toren Visbys in die Hände der Dänen. Bete für sie."
Diese mehr oder weniger zeitgenössischen Quellen können viele wirklichkeitsgetreue Angaben machen: über die Schlachten, den Kampf vor Visby, die Anzahl der Opfer und über die "Brandschatzung". Weil das Material aus der in Frage kommenden Zeit stammt, also als Primärquellen bezeichnet werden kann, dürfte es recht zuverlässig und damit wertvoll sein. Doch sollten wir trotzdem auf der Hut sein. Der Verfasser oder Urheber kann falsch unterrichtet gewesen sein, oder er hatte eine bestimmte Absicht mit seiner Schrift. Das gilt zum Beispiel für die Klageschrift gegen Magnus Eriksson.
Natürlich gibt auch noch andere schriftliche Angaben, Sekundärquellen. Sie bauen auf Informationen aus zweiter Hand auf, älteren Stoffen, und sind damit äußerst unsicher. In einer schwedischen Reimchronik von etwa 1450 wird zum Beispiel berichtet, daß Waldemars Flotte bei Västergarn (Garna Hafen) anlegte und daß sie auf der Rückfahrt im Schärengarten von Tjust versank. Olaus Petri schreibt in seiner Chronik aus dem frühen 16. Jahrhundert, daß Waldemar Gotland mit dem Einverständnis Magnus' einnahm und gibt auch die Angaben über die 1800 gefallenen gotländischen Bauern, über geraubtes Gold und Silber und über den Schiffsbruch auf der Heimfahrt wieder.
In einer dänischen Chronik vom Beginn des folgenden Jahrhunderts ist wieder die Geschichte enthalten, daß Magnus Eriksson Streit mit den Gotländern hatte und deshalb Waldemar die Insel ohne Widerstand einnehmen ließ. Hierin wird auch berichtet, daß der dänische König einen Teil der Mauer für seinen Einzug in die Stadt einreißen ließ.
1633 gab Strelow seine gotländische Chronik heraus. Das Material hierfür hat er aus unterschiedlichen Dokumenten, Überlieferungen und Sagen geschöpft. Einen Teil hat er vielleicht dazuerfunden. In der Chronik findet sich ein langer Bericht über den Zug Waldemars wieder. Eine Neuheit gegenüber den anderen Chroniken ist, daß Strelow die Landung zur Fischersiedlung Kronvalls im Kirchspiel Eksta verlegt. Nach dem Tode Strelows dauerte es lange - bis zum Roman "Der Jungfrauenturm" von 1848 - bis der Geschichte in Form einer Neudichtung etwas hinzugefügt wurde.

"Die hier begrabenen Gotländer"

Es gibt noch einen anderen Typ von Quellenmaterial, ein Typ, der nicht einer Quellenkritik unterzogen werden muß, sondern dessen Informationen vielmehr interpretiert werden müssen. Die sichersten Informationen über vergangene Zeiten geben nämlich die bewahrten Reste der Menschen und Gegenstände, die einmal Teil der wirklichen Ereignisse waren. Der Historiker bezeichnet dies als Überreste - und davon gibt es in diesem Fall viele.
In der Nähe des Kreuzes bei Korsbetningen haben Archäologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederholt mehrere gewaltige Massengräber untersucht. Sie bestätigten auf eine fast makabre Weise die Inschrift des Kreuzes: "die hier begrabenen Gotländer".
Ein Augenzeuge berichtet von den Ausgrabungen und dem Anblick, der sich ihm in einem der geöffneten Massengräber bot: "Als eine mehr oder weniger zusammenhängende Masse, wie ein gigantisches Korallenriff, drängen sich hier 300 Skelette aneinander, nicht in der friedvollen Stille des Todes Seite an Seite gelegt, sondern in das riesige Grab wie Abfall in die Müllgrube geschmissen. In Stellungen, die bei Lebenden Haß, Zärtlichkeit, Schmerz, Ausgelassenheit, Verzweiflung oder Entrückung ausdrücken würden, aber die hier von der passiven Majestät des Todes geheiligt werden, liegen diese Knochenmänner vor uns. Der eine scheint seine Arme zu einer Umarmung ausgebreitet zu haben, ein anderer scheint einen großen Schritt mit weit ausgestreckten Beinen zu tun, an der einen Seite sitzen zwei gegeneinander gelehnt, als gäben sie einander Halt, in einem Brustkorb hat sich der Kopf eines anderen verkeilt, und viele, sehr viele sind in Fragmente zerfallen und wurden miteinander vermischt... Rüstungen und Rüstungsteile sind noch in großer Zahl vorhanden, und hierin liegt das Verlockende dieses Fundes für die Forschung.
Einige der faszinierendsten Funde in diesem schrecklichen Arsenal des Todes sind die Schädel, die noch in ihre Panzerhauben gekleidet sind; sie liegen dort als ob sie sich nur ausruhten, die Ringe der Panzerung in Form des Kopfes angeordnet, die Haube des Einen ist in die Stirn gezogen, und in der Öffnung der Haube, von dem rostbraunen Ringnetz umgeben, sieht man den vergilbten Schädel mit starken weißen Zähnen und leeren Augenhöhlen...
Aber die Wirkung der feindlichen Waffen kann auch heute noch beobachtet werden, und so wird einem erst richtig vor Augen geführt, wie grausam das Schlachten an diesem Julitag im Jahre des Herrn 1361 gewesen sein muß. Die Pfeilspitze, die pfeifend ihr Ziel traf, bevor der Kampf begonnen hatte, sitzt zwischen den Rippen eingeklemmt. Aus kräftigen Schenkelknochen sind große Stücke herausgehauen worden, in einen Schädel hat der erste Hieb einen breiten Riß hineingehauen, der zweite hat ihn gespalten; so etwas wurde mit Schwertern vollbracht, die schwer wie Eisenstangen waren und oft mit beiden Händen geführt wurden, oder mit Streitäxten, die breite Schneiden und einen meterlangen Schaft hatten... In einem Schädel ist ein großes, vollkommen quadratisches Loch zu sehen, in einem anderen ein etwas kleineres; das sind die Spuren von Keulen oder "Geißeln" mit kräftigen Eisendornen.
Mit dem Anspannen aller Muskeln, mit der Aufopferung aller Kraft ihrer Körper sind diese Menschen aufeinander losgegangen, und das Blut hat gespritzt und Glieder wurden gebrochen und das Fleisch wurde in Stücken von den Knochen gehauen - wenn man diese Gefallenen betrachtet, die zusammen in die großen Gräber geschmissen wurden, möchte man fast an die Erzählung glauben, daß an jenem Tag, dem dritten nach St. Jakob im Jahre 1361 "das Blut durch die Tore Visbys strömte, die Hügel hinterlief und bis ins Meer strömte"..."
Heute sind fünf oder sechs Massengräber bekannt, drei davon wurden untersucht, zwei wurden vor langer Zeit ganz oder teilweise zerstört, wenigstens eins ist immer noch unberührt. Fast überall waren die Leichen planlos in die Gräber geworfen worden, offensichtlich in großer Hast. Als Experten allmählich dazukamen, die Knochen näher zu untersuchen, entdeckten sie schnell, daß viele der Toten Alte oder Jugendliche waren, daß viele zu Lebzeiten an verschiedenen Krankheiten gelitten hatten und daß viele sogar Invaliden gewesen waren. Mit anderen Worten: das Heer war vom militärischen Gesichtspunkt aus nicht besonders zum Kampf geeignet.
Die Verletzungen durch Pfeilschüsse, Axt- und Schwerthiebe, Keulen und Dolchen zeigen, wie gewaltsam der Kampf war. Von den wahrscheinlichen Todesstößen zu urteilen, sind Unzählige Gotländer von hinten niedergehauen worden, wahrscheinlich auf der Flucht.
Die Funde von Rüstungen, Pfeilspitzen, Messern, Kettenhemden, Handschuhen und anderen Gegenständen bei Korsbetningen, die zeigen, wie das Bauernheer ausgerüstet war, illustrieren das historische Ereignis sehr gut. Mit ihrem tragischen Inhalt haben die Gräber dieses Ereignis auf besondere Weise der Nachwelt zugänglich gemacht.

Die Fragen

In keiner der Quellen ist ein Grund angegeben, warum sich Waldemar Atterdag gegen Gotland wandte. Aber die Frage muß natürlich gestellt werden. Geschah es auf Grund des Wohlstandes der Insel, und weil er hoffte, leicht zu Reichtum zu kommen? Oder war es ein Schlag, der gegen Magnus Eriksson und Schweden gerichtet war? Oder gegen die Hanse? Hatte Waldemar eine Absicht mit der Eroberung Gotlands? Und, so müssen wir uns fragen, wie war das mit Visby? Standen die Bürger wirklich auf der Mauer und sahen zu, wie das gotländische Heer vernichtet wurde? Wenn ja, wieso?
Die zwanzig Jahre von der Thronbesteigung Waldemar Atterdags 1340 bis zum Kriegszug 1361 waren eine Periode voller Widersprüche und Inkonsequenz. Auf der Bühne der Geschichte traten die schwedischen und dänischen Könige mal als Verbündete, mal als Feinde auf. Wenn es nicht Magnus Eriksson selbst war, der Waldemar bedrängte, waren es schwedische Hochadlige, die ihm Probleme verursachten. Und die ganze Zeit gab es noch einen dritten Mitspieler, die Hanse.
Die chaotische Zeit in Dänemark zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatte es König Magnus ermöglicht, einige Gebiete westlich des Öresunds zu erwerben, die er später noch um die dänischen Landschaften Blekinge und Skåne vergrößerte. In dieser Situation sah der schwedische König die Möglichkeit, noch größere Eroberungen auf Kosten Dänemarks zu machen. Diese Pläne durchkreuzte Waldemar Atterdag, als er den Thron bestieg.
Nach einem kurzen Krieg wurde 1343 Frieden geschlossen. Magnus mußte alle Gebiete westlich des Öresunds abgeben, durfte aber alles, was östlich davon lag, behalten. Nicht zuletzt Skåne war in diesem Zusammenhang wichtig. Der sogenannte Schonenmarkt war einer der wichtigsten Märkte in Nordeuropa, vor allem auf Grund der ergiebigen Heringsfischerei im Öresund, aber auch dank des Handels mit anderen Waren und großen Zolleinkünften. Dies weckte auch das Interesse der Hanse an diesem Gebiet.
Allerdings wuchsen nun gleichzeitig die Probleme Magnus Erikssons. Zum einen waren sie finanzieller Natur, da er für Skåne bezahlen mußte, das an einen deutschen Fürsten verpfändet worden war, und zum anderen waren es Streitigkeiten mit seinen Söhnen und einigen Ratsherren. Um Hilfe zu bekommen, schloß er 1359 einen Verbund mit Waldemar Atterdag. Inkonsequenterweise schloß er kurz darauf einen ähnlichen Vertrag mit dem deutschen Mecklenburg, das mit Dänemark im Krieg lag. Da wurde es Waldemar Atterdag zu viel, und er eroberte Skåne und Blekinge.
Im Jahr darauf war es Zeit für Gotland und, gleichsam im Vorbeifahren, Öland. Zu diesem Zeitpunkt hatte König Magnus die Bürger Visbys bereits gewarnt, daß ein dänischer Angriff unmittelbar bevorstehen könnte. Waldemar handelte strategisch richtig. Durch die Eroberung der Inseln in der Ostsee sicherte er nicht nur den Gewinn aus dem schonischen Markt, sondern er konnte so auch den Grundstein zu einem künftigen Ostseereich legen. Vielleicht sah er Gotland als einen Ersatz für Estland, das er fünfzehn Jahre vorher aufgeben mußte.
Sicher wußte Waldemar, daß es kein größeres Problem werden dürfte, die Insel zu übernehmen. Die Bevölkerung war zur Verteidigung auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, Hilfe von außen war nicht zu erwarten. Zudem waren die Gotländer nicht besonders kampferprobt, und die Insel war durch den Gegensatz zwischen Stadt und Land zersplittert. Gotland war mit anderen Worten eine leichte Beute.
Durch die Rückgewinnung der schonischen Märkte und die Eroberung Gotlands gelangte der handelspolitisch wichtigste Raum des Nordens auch in Besitz Waldemars. So konnte er Dänemarks Wirtschaft stärken. Aber die dänische Expansionspolitik bedrohte natürlich auch einen Dritten - die Hanse.
Die dänischen Eroberungen müssen die Hanseaten beunruhigt haben. Es ist ungewiß, ob Waldemars Ambitionen von Anfang an gegen sie gerichtet waren, aber ihre Interessen müssen bedroht gewesen sein. Und folgerichtig brachen auch bald Streitigkeiten aus, ein Krieg, der mit dem Frieden von Stralsund 1370 schloß. Hier war Waldemar gezwungen, die Handelsprivilegien der Hanse, unter anderen auf den schonischen Märkten, zu garantieren.

Auf den Mauern Visbys

Und Visby? Wie sollen wir das Verhalten der Stadt erklären? War es die Gewalt hinter dem dänischen Angriff, die die Bewohner der Stadt dazu brachte, sich passiv zu verhalten, als es wirklich darauf ankam? Sicher sahen sie die Überlegenheit der Dänen und verstanden, daß Widerstand zwecklos war. Oder hatten sie sich von Anfang an dazu entschlossen, nicht in die Kämpfe einzugreifen? Vielleicht würde der dänische König Visby wieder zu der führenden Handelsstadt im Ostseeraum machen, die sie früher gewesen war? Schon im Mai hatte der Rat eine Warnung von König Magnus erhalten, in der vor kommenden Gefahren gewarnt wurde. Vielleicht wurde diese Warnung nie an die Bauern weitergeleitet? Die Ratsherren waren vielleicht seit langem auf Verhandlungen mit Waldemar eingestellt? Was machte es für einen Unterschied, wessen Untertanen sie waren, solange sie nur den Handel fortsetzen durften?
Wieso entschieden sich aber die Bauern zum Kampf? Daß sie überhaupt an diese Lösung dachten, hängt vielleicht damit zusammen, daß ihre Freiheit bedroht war. Sie wußten, was sie hatten. Die Steuern waren niedrig und sie regierten sich mehr oder weniger selbst. Aber wieso stellten sie sich unmittelbar vor den Toren der Stadt zur Schlacht? War ihnen Hilfe aus der Stadt versprochen worden? Oder zumindest, daß sie innerhalb der Mauern Schutz suchen konnten, wenn alles schief ging? Aber nun blieben die Tore geschlossen - sie wurden von einer Stadt im Stich gelassen, die von einer schwachen Bauernschaft viel zu gewinnen hatte. Ein endgültiges Vernichten aller konkurrierenden Händler auf dem Land - und vielleicht aller billigeren landwirtschaftlichen Produkte - hatte positive Folgen für Visby.
Zwei Tage nach der Schlacht bei Korsbetningen stellte Waldemar Atterdag eine königliche Vollmacht für Visby aus. Darin bekräftigte er alle Freiheiten und Rechte, die die Stadt vorher gehabt hatte. Im dänischen Reich hatte sie volle Handelsfreiheit. Bis auf das Lösegeld stand Visby als einer der Gewinner von 1361 da.

Kaperer und Seeräuberburgen

Die Vitalienbrüder

Im Jahre 1364 wurde Albrecht von Mecklenburg zum schwedischen König gewählt, nachdem Magnus Eriksson abgesetzt wurde. Albrecht schaffte es nie, sich mit schwedischen Hochadligen zu einigen. Ihnen gefiel es nicht, wie der König versuchte, Schweden mit Hilfe von deutschen Adligen, Vögten und Söldnern zu regieren.
1388 wandten sich die Hochadligen offen gegen Albrecht und wählten an seiner Stelle die dänische Königin Margarethe auch zur schwedischen Königin. Bei der Schlacht von Falköping im folgenden Jahr besiegte sie Albrecht und nahm ihn gefangen.
Die Mecklenburger gaben aber die Kämpfe um Schweden nicht ohne weiteres auf. Sie versuchten mit ihrer großen Flotte den gesamten nordischen Handel zu unterbinden. Am Schluß war ihr Kampf nur noch reine Seeräuberei. Die Besatzungen der deutschen Schiffe wurden Vitalienbrüder genannt, was eigentlich Proviantbeschaffer bedeutet. Es war nämlich zunächst die wichtigste Aufgabe der Vitalienbrüder, die deutschen Verteidiger von Stockholm und Kalmar zu entsetzen. Beide Städte befanden sich noch in der Hand der Mecklenburger und wurden von Königin Margarethes Truppen belagert.
In der Mitte der 1390er Jahre ließen sich die Vitalienbrüder auf Gotland nieder. Damit wurde eine über einhundert Jahre lange, sehr verwickelte Periode in der gotländischen Geschichte eingeleitet.
1396 stieg Erich von Mecklenburg, der Sohn Albrechts, auf Gotland an Land und vertrieb die schwedischen und dänischen Truppen, die Gotland verteidigen sollten. Deren Anführer Sven Sture entschloß sich, sein Mäntelchen nach dem Wind zu hängen und schloß sich den Mecklenburgern an. Nach dem Tode Erichs auf der Festung "Landeskrone" bei Klintehamn übernahm Sven Sture die Macht auf Gotland. Er wurde der "Räuberhauptmann" der Vitalienbrüder. Mit der Insel als Basis nahmen die Vitalienbrüder nun die Kapertätigkeit wieder auf, die den ganzen Ostseeraum umfaßte. Am härtesten betroffen waren die Hansestädte.
Die Vitalienbrüder hatten zeitweise mehr als 1500 Bewaffnete auf Gotland und über 40 größere und kleinere Fahrzeuge. Sie hatten Festungen bei Klintehamn und in Slite. Wahrscheinlich gab es auf einer Anhöhe im Moor bei Lojsta noch eine dritte Festung, Lojsta slott. Aus irgendeinem Grund wurde sie auch "Guldborg" genannt.

Der Deutsche Orden erobert Gotland

Durch ihre zügellose Seeräuberei waren die Vitalienbrüder bald mit allen, die Interessen am Handel im Ostseeraum hatten, verfeindet. Darunter befand sich neben den Hansestädten und Königin Margarete auch der Deutsche Orden, eine Adelsrepublik mit großen Besitzungen im Baltikum. Der Orden hatte keine eigene Flotte und war in hohem Maße davon abhängig, daß der Handel in seinem Gebiet ohne Behinderungen lief. Wahrscheinlich sahen sie die mecklenburgische Eroberung von Gotland auch als politische Bedrohung.
Der Orden entschied sich nun dafür, mit militärischen Mitteln in den Lauf der Ereignisse einzugreifen. Im März 1398 verließ eine Flotte aus 84 Fahrzeugen die polnischen Flußmündungen. An Bord war ein Heer von 4000 Mann, die Matrosen eingeschlossen. Da Visby stark befestigt und in der Hand der Feinde war, stieg die Ordensarmee bei Västergarn an Land, das von den Vitalienbrüdern nicht befestigt worden war. Für diese war es schwer, wirksam gegen den Orden einzugreifen, weil ihre Truppen auf der ganzen Insel verteilt waren, deshalb erfolgte die Landung auch ohne Probleme. Als die Ordensarmee aber nach Visby marschieren wollte, bedeckte eine dichte Schneedecke den Boden, so daß es nicht möglich war, die Artillerie zu transportieren - dies war wahrscheinlich das erste Mal, daß Kanonen nach Gotland kamen. Das Heer schlug stattdessen bei Västergarn das Lager auf.
Allmählich begannen die Führer der kämpfenden Parteien zu verhandeln. Sven Sture sah ein, daß seine Lage aussichtslos war, und verließ nach der Schleifung der drei befestigten "Schlösser" mit seinen Anhängern Gotland.
Nach einem fünfzehn Tage langen, unblutigen Feldzug konnte auch der Deutsche Orden Gotland wieder verlassen. Sie ließen aber drei Ordensbrüder, 200 Soldaten und einige Schiffe als Bewachung zurück. Die Unterhaltskosten für das Heer waren der Grund dafür, daß der Orden Gotland so schnell wieder verließ.
Während der Herrschaft des Deutschen Ordens auf Gotland wuchs der Wohlstand der Insel. Die neuen Machthaber legten den Gotländern keine hohen Steuern auf und unterdrückten sie auch sonst in keiner Weise. Das ist wohl auch die Erklärung dafür, daß sich die Bürger und die Bauern in den kommenden Kämpfen auf die Seite des Ordens schlugen.

Königin Margarete greift ein

1403 fand Königin Margarete die Zeit reif für eine Rückeroberung Gotlands. Die Führung des 2000 Mann starken Heeres, das sie auf die Insel entsandte, hatte Sven Sture inne. Er stand nun wieder in Margaretes Diensten.
Die Truppen der Königin sicherten zunächst einige Häfen, vor allem Slite, die sie als Versorgungsbasen für den Marsch nach Visby nutzen wollten. In der Nähe der Häfen bauten sie Befestigungen, die sie mit umfangreichen Vorräten, Proviant, lebendem Vieh, Munition, Kanonen, Wurfmaschinen und Handwaffen füllten. Erst als alle diese Maßnahmen durchgeführt waren, begannen sie den Marsch nach Visby, das immer noch vom Deutschen Orden gehalten wurde. Margaretes Truppen hatten keine Eile, da sie darauf bauten, daß der Orden vor dem Frühling nicht mehr mit Verstärkungen eingreifen konnte. Sie rechneten also mit mindestens vier Monaten freier Bahn.
Ende Januar 1404 begann die Belagerung Visbys. Obwohl sie einen ganzen Monat dauerte, führte sie zu keinem Ergebnis, da es dem Orden gelungen war, über das Meer Verstärkungen heranzuführen. Die Stadtbewohner stellten sich hinter den Orden und halfen bei der Verteidigung der Stadt.
Der Deutsche Orden intervenierte nun erneut militärisch auf Gotland. Dieses Mal bestand das Heer aus 2200 Soldaten, 1500 Seeleuten und einigen "Marineinfanteristen". Der Armee gehörten auch ein paar Ärzte und mehrere Musiker an, die verschiedene Instrumente spielten. Auf den 60 Schiffen, die das Heer in Visby an Land setzten, befanden sich auch 500 Pferde.
Nur ein paar Tage nach der Landung in Visby marschierte die Landarmee nach Slite und begann die dortige Festung zu belagern. Der gute Hafen war sicher der Grund, daß Slite das primäre Ziel war.
Die Besatzung der Festung von Slite verteidigte sich tapfer und trotz langer Belagerung gelang es dem Orden nicht, die Festung einzunehmen. Sie erlitten große Verluste, während die Verteidiger recht ungeschoren davonkamen.
Als das Ordensheer Slite belagerte, sammelte Königin Margarete ein großes Ersatzheer und eine Flotte in Kalmar. Sobald die Führer des Deutschen Ordens davon und den Mißerfolgen vor Slite erfuhren, beschlossen sie, noch mehr Truppen nach Gotland zu senden. Die neue Armee bestand aus fast 1000 Mann, Belagerungsartillerie und einem großen Troß mit Vorräten.
Die vielen Wagen waren notwendig für den Transport von Waffen, Munition, Schießpulver, Proviant und Zelten. Das Troßpersonal bestand aus Köchen, Zimmerleuten und vielen Leuten, die für den Unterhalt des Heeres zuständig waren. Unter der Ladung des Trosses gab es auch Mehl, Brot, Rind- und Schweinefleisch, Fisch, Erbsen, Kräuter, Bier, Met, Gemüse, Käse, Kohle, Brennholz, Reparaturmaterial und Heu und Hafer für die Pferde.

Harte Kämpfe

Die verstärkte Ordensarmee schloß die Burg von Slite ein. Die Belagerungsartillerie nahm die Festung unter schweres Feuer, aber die 150 Verteidiger weigerten sich immer noch aufzugeben.
Erst nach acht Tage langem Beschuß und vielen Gefallenen auf beiden Seiten konnten die Angreifer die Besatzung der Festung zur Kapitulation zwingen. Die beiden Seiten unterzeichneten die Kapitulationsurkunde und die Garnison durfte nach Abgabe ihrer Waffen frei abziehen.
Die Kapitulation kam besonders dem Ordensheer sehr gelegen. Auf Grund von Pulvermangel hätten sie die Belagerung nur noch ein paar Tage fortsetzen können. Der Orden wußte nun auch, daß Margarete dabei war, ein großes Heer in Kalmar zu sammeln. Dadurch wurde die Situation noch bedrohlicher. Die Gefahr durch das Entsatzheer wurde jedoch geringer, als eine norddeutsche Flotte in einem Überraschungsangriff viele der schwedischen und dänischen Schiffe erobern oder versenken konnte.
Sobald die Ordensarmee die Festung von Slite bezwungen hatte, nahm sie ihre Operationen im ländlichen Gotland wieder auf. Die Garnisonen von Landeskrone und Guldborg ergaben sich und beide Burgen wurden zerstört.
Der Orden behielt Gotland noch ein bißchen, aber 1408 überließ er die Insel der Unionskönigin und Erich von Pommern. Der Thronerbe mußte eine beachtliche Summe für diese Transaktion bezahlen. Der Grund für den Rückzug des Ordens von Gotland, den die Gotländer bedauert haben sollen, war zum Teil, daß ein Krieg an der Ostgrenze des Ordensstaates drohte und zum Teil die Tatsache, daß Gotland ein sehr schlechtes Geschäft war. Die Einkünfte von der Insel konnten die Ausgaben, die der Orden für den Krieg und die fortgesetzte Verteidigung der Insel aufzuwenden hatte, bei weitem nicht aufwiegen.

Gotland im Zentrum der nordischen Politik

Durch ein bei vielen Historikern umstrittenes Dokument, aufgesetzt in Kalmar 1397, bildeten die drei nordischen Länder eine Union. Die Kalmarer Union dauerte mit Unterbrechungen bis zum Ende des Mittelalters. Sie war aber kein vereinigter Staat. Zwar schaffte es manchmal ein besonders geschickter König, das ganze riesige Reich zu regieren, aber mindestens genauso oft übernahmen regionale Potentaten die Macht. Diese hatten wiederum oft andere Hochadlige gegen sich, die andere politische Vorstellungen hatten.
Die umfassenden Forderungen der Unionskönige nach totaler wirtschaftlicher und politischer Führerschaft führten zu höheren Steuern und zu einem strikten System von Statthaltern, den Vögten. In Schweden entbrannte unter dem militärisch begabten Führer Engelbrecht ein bewaffneter Aufruhr gegen Erich von Pommern, der kurz darauf nach Gotland flüchten mußte. Es dauerte aber nicht lange, bis Engelbrecht ermordet wurde, und danach regierte ein Adliger, Karl Knutsson Bonde, während mehrerer Perioden das Land. Die Schlacht am Brunkeberg im Jahre 1471, in der Sten Sture Christian I. besiegte, brachte das Geschlecht der Sture bis 1520 an die Macht in Schweden. In jenem Jahr war der neue dänische König, Christian II., bereit, sich ernsthaft mit den Schweden auseinanderzusetzen. Im Blutbad von Stockholm vernichtete er viele seiner Gegner. Außer dem jungen Adligen Gustav Eriksson Vasa. Drei Jahre später beendete Gustav die Epoche der Kalmarer Union und führte Schweden in ein neues Zeitalter.

König Erich von Gotland

Die "Gotlandfrage" war während dieser Epoche die ganze Zeit über aktuell. Die Insel stand ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit der Könige und Hochadligen, sowohl der dänischen als auch der schwedischen. Das Problem war, zu welchem Land Gotland gehören solle, Schweden oder Dänemark. Diese knifflige Frage spitzte sich noch zu durch die störenden Aktivitäten des landesflüchtigen Erich von Pommern und anderer, die wiederum Gotland als Basis für Seeräuberei nach dem Muster der Vitalienbrüder benutzten. Die Kapertätigkeit traf Visby und Gotland sehr hart.
Da Erich von Pommern viel Geld hatte bezahlen müssen, um Gotland vom Deutschen Orden auszulösen, betrachtete er die Insel als sein persönliches Eigentum. Gotland erhielt eine staatsrechtliche Sonderstellung, indem es direkt dem Unionskönig und nicht einem der drei Reiche unterstellt wurde.
1411 kam der König nach Visby, um die Insel in Besitz zu nehmen. Er erkannte schnell, daß er die Verteidigungsanlagen der Stadt verstärken mußte und ließ deshalb Visborgs slott (Schloß Visborg) oberhalb des Hafens bauen. Durch die Anbauten einiger hundert Jahre wurde das Schloß eine der stärksten Festungen des Nordens und es sollte eine wichtige Rolle in den kommenden Kämpfen um die Oberhoheit im Ostseeraum spielen. Der Bau des Schlosses führte zu neuen Belastungen für die Gotländer. Bei einem Treffen in Kalmar 1412 mußten sich die Vertreter des ländlichen Gotlands, die Probste, Landesrichter und Richter, wohl oder übel mit einer umfassenden Steuererhöhung abfinden. Die gotländischen Steuern waren nun im Großen und Ganzen mit denen auf dem schwedischen Festland vergleichbar. Zum ersten Mal mußten die Gotländer die Steuern auch in Naturalien bezahlen: Rinder, Schafe, Schweine, Getreide, Holz, Fisch und andere landwirtschaftliche Produkte. Nach der Fertigstellung des Schlosses konnte der König auch viel besser als vorher, Macht und Kontrolle über Visby ausüben. Die selbständige Stellung der Stadt war bedroht, aber sie war immer noch Mitglied in der Hanse, auch wenn deren Bedeutung immer geringer wurde.
Als Engelbrecht seinen Freiheitskampf gegen König Erich begann, zog sich dieser nach Visborgs slott zurück. Dort schirmte er sich von den Ereignissen in Schweden und Dänemark, wo sich unter den Hochadligen Unmut über seine Herrschaft regte, ab. Er wurde in beiden Ländern als König abgesetzt. In Schweden wählten die Hochadligen den reichen und machtgierigen Adligen Karl Knutsson Bonde zum Reichsverweser.
Noch bis 1449 blieb der landesflüchtige ehemalige König auf Visborgs slott. Obwohl er alles tat, um Gotland auszusaugen, schaffte er es nicht, das notwendige Kapital für seine politischen Ambitionen zusammenzubekommen. Um seine wirtschaftliche Misere zu lindern, begann er, Seeräuber und Abenteurer zu beschäftigen, die er auf die Ostsee schickte, um Handelsschiffe zu plündern. Seine Piraten verwüsteten auch die schwedische Küste mehrmals und brachten Getreide und Vieh mit nach Visby.
Die Schweden hofften, Gotland wieder zu ihrem Reich hinzufügen zu können, und 1446 rüstete der neu gewählte König Kristoffer ein Heer aus, das versuchen sollte, die Insel zurückzuerobern. Er traf Erich von Pommern bei Västergarn und in den folgenden Verhandlungen zeigte der abgesetzte König seine Geschicklichkeit und Hinterlist als Unterhändler. Das Ergebnis war ein Waffenstillstand - nach dem das vollkommen überlegene schwedische Heer wieder nach Hause segelte.
Nach dem Tode Kristoffers 1448 erlangte Karl Knutsson erneut die Macht, diesmal als schwedischer König. Seine erste Aufgabe war es, Gotland wiederzuerlangen. Unter dem Befehl von Magnus Gren und Birger Trolle landete eine schwedische Streitmacht von 2000 Mann in Kappelshamn. Sie eroberten rasch die ländlichen Gebiete und fingen an, Visby zu belagern. In einer Dezembernacht stürmten die Schweden über die Stadtmauer und besetzten die Stadt. Aber die hohen Mauern des Schlosses ließen ihre wiederholten Angriffe immer wieder abprallen.
Erich verführte die leichtgläubigen Schweden wieder zu Verhandlungen. Gleichzeitig nahm er Kontakt zu König Christian von Dänemark auf, der Gotland auch gerne haben wollte. Die Dänen kamen Erich mit einer Flotte zu Hilfe, die vor Visby vor Anker ging. Durch einen geheimen Gang gelang es König Erich von Gotland, wie ihn Strelow nennt, zu den dänischen Schiffen zu fliehen. Durch den gleichen Gang gelangten dänische Soldaten und Vorräte in das Schloß. Erneute Verhandlungen wurden zwischen der dänischen Schloßbesatzung und den schwedischen Belagerern geführt. Sie schlossen für die Schweden mit ziemlich unglücklichen Ergebnissen, zum Teil dank des mangelnden Patriotismus' ihres Befehlshabers Magnus Gren und zum Teil durch die Verstärkungen, die König Christian nach Gotland bringen konnte. Trotz harter Kämpfe in den engen Gassen Visbys, von Haus zu Haus, in denen die schwedischen Truppen einige Erfolge erzielen konnten, wurde zuletzt ein Waffenstillstand geschlossen. Kurz darauf verließen die Schweden Gotland - wieder einmal.

Ein dänisches Adelsgeschlecht regiert Gotland

Der dänische König plazierte einen seiner Adligen, Olof Axelsson Tott, als Lehnsmann auf Gotland. Dieser hatte aufgepaßt und verbesserte seine wirtschaftliche Situation genau wie sein Vorgänger durch Kaperfahrten. Er enterte friedliche Handelsschiffe und überfiel regelmäßig die schwedische Küste. Mit Gotland als Basis mischte er sich auch in die Außenpolitik im Ostseeraum ein, besonders im Baltikum.
Sein Bruder Ivar Axelsson machte genauso weiter, als er 1465 Herr über Gotland wurde. Er besaß viel Land im ganzen Ostseeraum und wollte wahrscheinlich ein großes Ostseereich mit Gotland im Zentrum aufbauen. Er nutzte die Verwirrung auf dem "Königsmarkt" in Schweden geschickt, heiratete Karl Knutssons Tochter und sorgte dafür, daß seine eigene Tochter in das reiche und mächtige Geschlecht Trolle einheiratete. Er mischte sich in die politischen Konflikte im Osten ein, setzte die Kapertätigkeit fort und kümmerte sich nicht darum, was der dänische König wünschte. Unter der Herrschaft von Ivar war Gotland wieder zu einem Staat im Staate geworden, diesmal unter einem mächtigen Lehnsherren.
Es dauerte aber nicht lange, bis der schwedische Reichsverweser des geschäftigen Ivar Axelssons müde wurde - dieser wandte sich darauf wieder an den dänischen König um Hilfe. Er schwor, in Zukunft Dänemark die Treue zu halten. Und so geschah es dann auch.
Aus der Zeit Ivar Axelssons ist ein Rechnungsbuch von Visborgs slott erhalten. In dieser interessanten historischen Quelle sind sowohl Steuern als auch Löhne für Soldaten, Seeleute, Handwerker und Arbeiter auf dem Schloß aufgeführt. Auf der Gehaltsliste Herrn Ivars für das Jahr 1485 standen unter anderem ein Küchenchef, fünf Köche, ein Bäcker, ein Kellermeister, ein Vogelfänger und ein Jäger, die alle dafür zu sorgen hatten, daß er etwas auf den Tisch bekam. Acht Schneider und zwei Schuhmacher waren dafür verantwortlich, daß er etwas anzuziehen hatte. Manchmal lauschte er der Musik von Posaunisten und Flötenspielern; Diener, Stallknechte und Laufboten umsorgten ihn. 200 Soldaten, vor allem dänische, schwedische, deutsche und holländische Söldner, hatten die Aufgabe, das Schloß gegen etwaige Feinde zu verteidigen. Der Nachfolger von Ivar Axelsson wurde ein schonischer Adliger, Jens Holgersson Ulfstand. Er ist in die Geschichte als einer der Aussauger Gotlands eingegangen und dafür, daß er seinen Stammsitz Glimmingehus in Skåne mit Säulen, Portalen und anderen Verzierungen schmückte, die er aus den Steinhäusern Visbys brach.

Sören Norby - Held zur See, Seeräuber, Politiker

Ein vielseitiger Mann

Im Jahre 1517 wurde der Admiral Christians II., Sören Norby, Hauptmann auf Visborgs slott. Damit trat ein merkwürdiger Mann in die Geschichte Gotlands. Er ist als kluger Politiker, Seeheld, großartige Persönlichkeit, Ritter ohne Furcht und Tadel, Kriegsgenie, Beschützer der Schwachen und Hilflosen bezeichnet worden, aber er hat sich auch einen Namen als einfältiger Krieger, Seeräuber und der Schrecken aller Gegner gemacht. Diese Urteile deuten doch auf eine gewisse Vielfalt hin.
Als Dänemark zu Beginn des 16. Jahrhunderts Krieg gegen Lübeck und Schweden führte, nahm Sören Norby mit großem Erfolg daran teil. Er eroberte Festungen und ganze Landstriche, und vor seinen Kaperschiffen war kein Handelsschiff sicher. Er wurde reich und als der dänische König mehr Geld für seinen Krieg brauchte, mußte er es sich von Sören Norby leihen. Als Christian II. gekrönt wurde, wurde Norby die große Ehre zuteil, die Reichskleinode tragen zu dürfen. Später schlug ihn der König zum Ritter.
Nach mehreren ehrenvollen militärischen Einsätzen gegen Holland und auf Island wurde Sören Norby von Christian II. zurückgerufen. Er sollte eins der wichtigsten Gebiete Dänemarks übernehmen, Gotland. Mit einem geschickten Krieger als Herr von Visborgs slott sollten die Dänen eine gefährliche Waffe bekommen, die direkt gegen Schweden gerichtet war. Sobald sich der neue Schloßherr dort eingerichtet hatte, erkannte er, welche Möglichkeiten sich ihm boten. Seine Ideen waren nicht neu, sie waren im Gegenteil schon vielfach erprobt. Norby begann, Handelsschiffe zu kapern, erst nur in der Nähe Gotlands und später in einem immer größeren Gebiet. Von ihm wurde gesagt, daß er "wie ein Seeadler auf seiner Klippe saß und nach Beute spähte". Er selbst sagte von sich, daß "es der Gesundheit förderlich ist, in die Schatzkisten der Kaufleute zu riechen". Seine Kaperschiffe brachten Handelschiffe auf und leerten deren Laderäume gründlich. Auf diese Weise machte er reiche Beute. Wenn die Laderäume leer waren, durfte die Besatzung weitersegeln, mit der freundlichen Aufforderung, doch bald mit neuen Waren zurückzukommen.
Mit Visby als Basis unternahm Norby auch Überfälle auf das schwedische Festland. Manchmal zogen seine Krieger auf ihren Plünderungen bis weit ins Landesinnere. Sören Norby sah sich selbst nicht als Seeräuber - er hatte die Vollmacht von König Christian II., Krieg gegen die Feinde Dänemarks zu führen. Und das tat er auch - auf seine eigene Weise.
Als Christian II. im Jahre 1518 einen mißglückten Versuch machte, Schweden zu erobern, nahm Sören Norby daran als Befehlshaber über die dänische Flotte teil. Nach der Schlacht bei Brännkyrka bekam Norby den Befehl, der schwedischen Kriegs- und Handelsflotte größtmöglichen Schaden zuzufügen. Diesem Befehl gehorchte er gerne.
Zwei Jahre später kam Christian II. zurück nach Schweden - diesmal als Sieger. Zum Zeitpunkt des Stockholmer Blutbades war Norby der Befehlshaber der dänischen Truppen in der Stadt. Das grausame Schauspiel scheint sogar für den recht abgehärteten Sören Norby zu viel gewesen zu sein, der sich offen gegen seinen König stellte, indem er mehrere schwedische Männer und Frauen vor dem Henker rettete - auch eine Möglichkeit "ritterliches Denken" zu zeigen.

Wagemutige Kriegszüge

Während der Befreiungskriege unter Gustav Vasa bewies Sören Norby mehrmals seine Unternehmungslust und seine Fähigkeit, sich aus den gefährlichsten Situationen herauswinden zu können.
Bei einem der Überfälle auf das schwedische Festland, war der Feind den dänischen Streitkräften, die um ihr Leben rennend zum Strand flüchteten, weit überlegen. Auch Norby flüchtete, aber die schwere Rüstung erschwerte seine Flucht, so daß er bald von einem großen und starken schwedischen Knecht eingeholt wurde, der ihn mit einer Armbrust niederschlug. Irgendwie schaffte er es der Herr von Visborgs slott dennoch, sich aus dieser peinlichen Situation zu befreien und sich ins Wasser zu schmeißen. Ein Besatzungsmitglied auf einem dänischen Schiff entdeckte den wild strampelnden Seehelden, ergriff dessen Haar und zog ihn an Bord.
Aber Norby ließ sich nicht abschrecken. Im Herbst 1522 bekam er den Befehl von König Christian, Stockholm zu entsetzen, das von den Truppen Gustav Vasas belagert wurde. Mit neun kleinen Kriegsschiffen eskortierte er 30 andere Schiffe voller Ausrüstung direkt an der schwedisch-lübeckischen Flotte vorbei. Als das dänische Geschwader die Hauptstadt erreichte, wurde es von einer Holzsperre aufgehalten und kam unter den Beschuß von schwedischen Kanonen. Das wagemutige Unternehmen endete in einer Katastrophe. Fast alle dänischen Fahrzeuge sanken oder wurden von den Lübeckern erobert - aber Norby schaffte es gerade noch einmal und kehrte zu seinem Schloß zurück.
Norby berichtete später, daß er bei der waghalsigen Stockholmexpedition etwa 600 Mann verloren hatte. Die Lübecker nahmen eine Vielzahl gefangen und laut Norby sind die Gefangenen außergewöhnlich schlecht behandelt worden. Nachdem sie eine Zeitlang in den Lasträumen der deutschen Schiffe gepeinigt worden waren, holte man sie an Händen und Füßen gefesselt an Deck. "Unter dem Getöse von Pfeifen, Trommeln und Trompeten sowie Kanonenschüssen, auf daß man die Schreie der Ertrinkenden nicht hörte", wurden alle über Bord geworfen.

Der Gegner aller

Im Winter 1522-23 wurden die dänischen Adligen immer unzufriedener mit der Regierung Christian II. Sie setzten ihn ab und wählten an seiner Stelle seinen Onkel Fredrik zum König. Sören Norby war der einzige bedeutende Adlige, der dem gestürzten König treu blieb. Und Norby blieb auf Gotland.
Von dort aus unternahm er nun jede Anstrengung, um Christian wieder auf den Thron zu verhelfen. Aber dafür benötigte Norby politische Kontakte und Geld. Geld bekam er durch immer intensivere Seeräuberei. Dadurch erlangte er auch gute Schiffe und wertvolle Waren, die er selbst benutzen oder mit gutem Gewinn verkaufen konnte. Als der geschickte Taktierer und Unterhändler, der Norby nun mal war, stand er auch in Kontakt mit alten Verbündeten Christians: Rußland, dem Deutschen Orden und Holland.
In Schweden wurde Gustav Vasa 1523 zum König gewählt. Er war nicht besonders erbaut von den Aktivitäten Norbys auf Gotland und in den Gewässern der Umgebung, zudem war er der Ansicht, daß Norby von einem Gebiet aus operierte, das von alters her schwedisch war. Auch die Kaufleute der Hanse mit Lübeck an der Spitze wurden immer ärgerlicher. Zuletzt kamen beide überein, ein gemeinsames Unternehmen gegen Norby zu starten. Gustav Vasa sollte mit wirtschaftlicher und materieller Unterstützung der Lübecker militärisch eingreifen.
Sören Norby war sich bewußt, was gerade passierte. Bei einer großen Versammlung in Visby brachte er Bürgermeister, Rat und die Landesrichter dazu, ihm und Christian II. die Treue zu schwören. Auch seine Söldner mußten den gleichen Eid schwören.
Im Mai landete eine schwedische Streitmacht bei Västergarn und "die Bauern gingen schnell zu ihnen über", laut Strelow. Norby hatte überall kleine Festungen, unter anderem bei Klintehamn, Burgsvik, Hoburgen und Sandviken. Die Schweden eroberten aber trotz dessen Gotland sehr schnell und leiteten die Belagerung Visbys ein.
Norby hatte in dieser Situation knapp 600 Soldaten, etwa hundert Ritter und 50 Elitesoldaten, sogenannte Drabanten, zu seiner Verfügung. Alle verursachten hohe Kosten in Form von Lohn, Proviant und anderer Ausrüstung. Die gotländischen Bauern schafften es nicht, die Garnison mit ausreichenden Nahrungsmitteln zu versorgen, das meiste mußte Norby importieren. Zum Teil konnte Norby seine Probleme durch Kaperfahrten lösen, aber er konnte sich auch von ehemaligen Verbündeten Geld leihen, denen er übermütige Versprechen machte. Wenn es finanziell trotzdem knapp wurde, schlug er einfach eigene Münzen.
Die Belagerung von Visby dauerte lange und im schwedischen Heer wurden Schießpulver und Kugeln knapp. Als neue Ladungen davon auf dem Weg waren, fingen Norbys Kaperer sie kurz vor der gotländischen Küste ab. Durch diesen Handstreich standen die Belagerer ohne Munition da. Die Lage war äußerst beschwerlich, aber im "ritterlichen" Geist, der damals trotz allem herrschte, galt es, genauso schamlos wie der Feind zu sein. Norby bekam die Nachricht übersandt, daß das schwedische Heer dringend das zurückverlangte, was er so dreist von ihnen genommen hatte. Und wenn Norby nichts dagegen hatte, konnte man die Kugeln auf passende Weise zurück ins Schloß schicken. Aus der Sicherheit der festen Mauern seines Schlosses heraus, antwortete Norby kurz und konzise: die Schweden könnten gerne ihre Kugeln und ihr Pulver zurückerhalten, aber kaum auf die Weise, die sie sich erhofften.
Die schwedische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Sie war gewaltsam und wild und gipfelte in einem wütenden Angriff, der auf beiden Seiten viele Opfer verursachte. Die unbeherrschte Attacke änderte jedoch nichts an der herrschenden Lage.
Nach dem Kampf bekamen die Angreifer ein neues Beispiel für Norbys drastischen "Humor". Er ließ seine Knechte alle toten Angreifer auf Wagen laden und sie in das schwedische Lager fahren. Eine mitgegebene Botschaft riet seinen Gegnern, daß sie sich künftig vor einem Angriff Gedanken darüber machen sollten, wie sie wieder in ihr Lager zurückkämen. Norby könnte ja nicht immer für den Rücktransport sorgen.
Die Belagerung nahm manchmal auch einige andere merkwürdige Formen an. Einmal wurde Befehlshaber der Schweden, Berend von Melen, zu einem Fest auf dem Schloß eingeladen. Von Melen und Norby kannten sich schon lange, und einem alten Kriegskameraden konnte man ja nicht absagen. Als solcher bekam von Melen sogar die große Ehre, Pate für eins der vielen unehelichen Kinder Norbys zu werden!
Gleichzeitig bearbeitete Norby die gotländischen Bauern. Einmal versuchte er, eine Frau mit einer Nachricht an Settings-Richter Per Kyrkebinge in Gothem zu schicken. In diesem Brief berichtete Norby, daß große Verstärkungen von Dänemark aus auf dem Weg seien und daß die Schweden bald von der Insel vertrieben sein würden. Alle Gotländer, mit denen Per in Kontakt kam, sollten diese Neuigkeit erfahren und sie weitertragen. Die Frau schaffte es nie, den Brief zu übergeben, sie wurde von den Belagerern gefangengenommen und man schnitt ihr die Ohren ab.

Schlecht dran

Zuletzt begann auch Norby einzusehen, daß die Situation hoffnungslos wurde. Er nahm Kontakt mit Fredrik I. in Dänemark auf und stellte diesem in Aussicht, ihm Visborgs slott zu übergeben. So führte die Gotlandfrage fast zum Krieg zwischen Dänemark und Schweden.
Jetzt trat Lübeck als Vermittler auf, und bei einem Treffen in Malmö konnte schließlich eine Übereinkunft getroffen werden. Wenn die schwedischen Truppen bis zum 1. September Visborgs slott eingenommen hätten, sollte Gustav Vasa Gotland bis auf weiteres behalten dürfen. Wenn nicht, sollten die Dänen die Insel behalten, bis im nächsten Jahr in Lübeck eine Entscheidung getroffen werden konnte.
Ende September hatten es die Schweden immer noch nicht geschafft. Wieder einmal mußten sie mit eingezogenem Schwanz Gotland verlassen. Im Frühjahr 1525 segelte Sören Norby - wie immer ein Mann voller Überraschungen - nach Skåne und nahm dort an einem Aufstand gegen Fredrik teil. Der Aufstand schlug jedoch fehl und Norby mußte nun definitiv jede Unterstützung von Christian II. aufgeben.
Jetzt hatten aber die Lübecker genug. Sie rüsteten eine große Flotte mit vielen Soldaten und umfangreichem Material aus, landeten nördlich von Visby und stürmten über die Stadtmauer in die Stadt. Sie steckten die nördlichen Stadtteile mit dem Dominikanerkonvent und mehreren Kirchen in Brand und plünderten auf dem Weg viele Häuser. Vermutlich gingen Deutschen auch hart gegen das Rathaus und das kommunale Archiv vor - es sind kaum Dokumente aus dem mittelalterlichen Visby vorhanden.
Gegen die Mauern von Visborgs slott konnten die kriegserfahrenen lübeckischen Soldaten aber nichts ausrichten. Die Verteidiger des Schlosses unter der Führung von Norbys zweitem Mann, Otte Andersen, gaben nicht auf. Aber das tat Sören Norby. Er sah ein, daß nun jeder weitere Widerstand zwecklos war. Nach Verhandlungen übergab er das Schloß und dessen Besatzung an den dänischen König, und zwischen Dänemark und Lübeck wurde Frieden geschlossen. Gotland verblieb bei der dänischen Krone.